Ullapool Patrouille


Josella Simone Playton


8. Januar 1999. Freitag. Ein arktischer Hochdruckkeil hatte kalte Luftmassen nach Nordschottland geschmissen. Die kahlen Berge hatten sich, unüblich für diese Gegend, in eine weiße Wüste verwandelt. Für die harte Kälte entschädigte dafür Sonne, ein makellos blauer Himmel und eine geschlossene Pulverschneedecke.

Touristen gab es hier nicht so besonders viele, schon gar nicht im Winter. In den Alpen, dachte Cowling, würde man kaum große, zusammenhängende Schneeflächen finden, über die sich nicht die Spuren zahlloser Ski-Fahrer ziehen. Nunja, ein Wochenende drohte, und da diese Wetterlage noch ein paar Tage anhalten würde, war an diesem Wochenende mit zahlosen Kurzurlaubern aus Edinburgh und Glasgow zu rechnen.

Er sah aus dem Fenster des Duocopters, weil er wenig zu tun hat. 'Wenig' ist die höfliche Umschreibung für 'nichts'. Es waren eben friedliche Zeiten. Kriege gab es in der Dritten Welt, ja, und auf dem Balkan und in den ehemaligen GUS-Staaten. Aber niemand würde die hochgerüstete EG angreifen. Alte Weisheit, er kannte sie aus seiner Schulzeit: 'Si vis pacem, para bellum'. Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor. Das war eben die Politik der drei Großmächte. Schien sich auszuzahlen.

"Wo ist es denn nun?" fragte er.

"Im Hafen, in Ullapool." Brandt ließ schon immer etwas den Kommandanten heraushängen. Auch jetzt. Es ist ihm zur zweiten Natur geworden. Manche Menschen brauchen das eben.

"Sie sollten das wissen, Bombenmeister!"

"Ich weiß es," verteidigte sich Cowling, bemüht, seinen Tonfall die Farbe 'neutralgrau' zu geben, "aber ich weiß nicht, wo Ullapool ist. Ich war noch nie da."

Der Kommandant schien mitteilsam. "Haben Sie die Karte noch nie angesehen? Wir fliegen soeben auf das Loch Broom zu."

"Diese Lochs sehe von oben alle gleich aus."

"Loch Broom ist ein Meeresarm, kein See. Sie können am Ufer die Wirkung von Ebbe und Flut sehen."

Für wie dumm hält er mich, dachte Cowling, sagte aber nichts.

Das Loch Broom war bereits in Sicht. Der Duocopter ging in den Sinkflug.

"Und es ist in Hafen?" fragte Cowling, "Direkt am Kai?"

"Ja."

"Bin neugierig. - Ich wußte früher gar nicht, daß Großbritannien hier einen Kriegshafen unterhält."

"Schottland. Nicht Groß-Britannien." korrigierte Brandt.

"Ist das ein Unterschied?"

"Gehen Sie mal in ein schottisches Pub und fragen Sie. Dann erklärt man es Ihnen!"

Marquardt, der dritte Mann im Cockpit, der genausowenig zu tun hatte, mischte sich ein: "Haben Sie denn nie die Photos von dem Ding gesehen? - Von der CHARMION, meine ich?"

"Ich habe Werftaufnahmen gesehen. Da war sie noch nicht fertiggestellt. Aber sie sah trotzdem unheimlich aus."

"Wieso?" fragte Brandt. Er hielt den Steuerknüppel mit festem Griff. So fest, daß seine Knöchel weiß wurden. Unnötig fest, fand Cowling.

"Ich weiß nicht. Unheimlich eben."

"Es ist nicht einmal das größte U-Boot, das je gebaut wurde."

"Aber das teuerste!" warf Marquardt ein, "Und das, welches die größte Tauchtiefe erreichen kann."

"Daran liegt es nicht," versuchte Cowling zu erklären, "für mich sind alle U-Boote irgendwie unheimlich. - Früher hat es auf strategischen U-Booten genug Interkontinentalraketen gegeben, um die ganze Welt einzuäschern!"

"Auf der CHARMION gibt es keine Interkontinentalraketen!" sagte der Kommandant überflüssigerweise.

"Das weiß ich. Aber trotzdem - diese ganze Geheimhaltung!"

"Kritisieren sie die Politik der EG-Administration?" fragte der Kommandant. Tonfall dienstlich.

"Nein. Natürlich nicht."

Für eine Weile wurde im Cockpit wieder geschwiegen. Das war auch weniger anstrengend, weil man in einem Duocopter immer dem Geräusch der beiden Rotoren rechts und links ausgesetzt ist, gegen die man mit einiger Stimmstärke ankämpfen muß.

Cowling sah Ullapool schon, bevor sie das südöstliche Ende des Loch Brooms erreichten. Eine kleine Halbinsel, die sich vom Nordostufer des Meeresarms in denselben hinein erstreckte. Und darauf lag der Ort Ullapool. Ein paar tausend Einwohner. Hauptindustrie Fischerei, Tourismus, Einsatzzentrum der schottischen Regionalstreitkräfte, Kriegshafen der EG 'zur besonderen Verwendung'.

"Ich seh nichts." sagte Cowling.

"Warten Sie's ab!" knurrte der Kommandant. Marquart hielt sich raus. Kommunikations- und Rechneroffiziere können sowieso immer viel besser vortäuschen, etwas zu tun zu haben.

Rasch kam Ullapool näher. Ihre Flughöhe war nun unter 100 Meter. Zu ihrer Linken zauberte die Sonne einen grellen Fleck in das Wasser, das vermutlich eiskalt war. Marquardt, der im Cockpit links hinten saß, wurde durch diesen schillernden Fleck geblendet, aber Cowling hatte von rechts bessere Sichtbedingungen.

"Ich seh immer noch nichts!"

"Denken Sie daran, daß das Boot keinen Turm hat. Es sieht nicht so aus wie ein gewöhnliches U-Boot!"

In diesem Augenblick flogen sie über den Ort hinweg. Cowling biß sich auf die Lippen. Tatsächlich war er durch alte Vorstellungen von dem Aussehen eines U-Bootes beeinflußt worden und hatte nach dem typischen Turm eines U-Bootes Ausschau gehalten.

"Haben Sie es denn gesehen?" fragte der Kommandant Marquardt.

"Nein, Sir. Ich hatte gerade zu tun!" antwortete dieser. Cowling dachte sich seinen Teil.

Nun, als sie die Bucht nach Nordwesten verließen, lagen die äußeren Hebriden vor ihnen. Dort wollten und sollten sie aber nicht hin.

"Marquardt, sehen Sie mal nach, was unser Marschplan jetzt vorsieht!" sagte Brandt.

"Sofort, Sir!" Marquardt haute in die Tasten des Navigationscomputers. Was völlig unnötig war: Er kannte ihren Marschplan auswendig. Die paar Schleifen, die sie bis zum Dienstschluß über Nordwestschottland zu drehen hatten, konnte sich ja jedes Kind merken. Wie auch ihr Auftrag einfach zu begreifen war: Die Luftwaffe der EG hatte sicherzustellen, daß diesem Boot da unten im Hafen von Ullapool nicht das geringste zustößt. Wenn notwendig, unter Einsatz aller Mittel.

Aus diesem Grunde war das, was beidseitig des Duocopters unter den Rotorträgern hing, auch keine Darstellungsmunition. Diese Maschine beförderte genügend Kampfmittel, um eine kleinere Stadt anzugreifen und unterzupflügen. Und aus diesem Grunde patrouillierten ständig einige schwere Kampfduocopter, die wie wendige, große, bösartige Insekten aussahen, über verschiedenen Teilen von Nordschottland.

"Wir sollten nach links abbiegen und die Küste entlang nach Süden fliegen. Östlich von Skye, spätestens über Mallaig nach Osten. Wenn wir bei Fort William angekommen sind, folgen wir dem Kaledonischen Kanal bis Inverness ...

"Also ganz durch." sagte Brandt.

"Ja, Sir. Und dann geht's rüber, Richtung Dingwall oder Strathpeffer, Loch Garve und Loch Glascarnoch, und dann wieder hierher, immer dem Tal folgend."

"Wie langweilig. Da waren wir doch schon."

"Ja, Sir. Ungefähr. Mit kleinen Variationen. Aber so steht es im Marschplan drin, Sir."

"Und die dritte Runde?"

"Dasselbe." sagte Marquardt.

"Wer ist denn heute auf der Nordrunde?"

"Ploch ist ausgefallen, und McLeod ist auf einem Lehrgang in Brüssel. Die fliegen heute nur mit halber Stärke."

"Ach ja?" Brandt schien nachzudenken. Sein nächster Satz bestätigte diesen dringenden Verdacht: "Dann ändern wir unser Vorgehen. Wir gehen die Küste rauf, nach Cape Wrath."

"Es steht nicht in unserem Marschplan drin!" wagte Marquardt einzuwerfen.

"Ach was, Marschplan. Ich ändere unseren Marschplan jetzt. Flexibilität! Ein potentiellen Angreifer könnte unseren Marschplan in Erfahrung gebracht haben und ..."

"Das ist nicht möglich, Sir! Der wird von einem Computer in der Einsatzzentrale mit einem Zufallszahlengenerator - äh - generiert."

"Auch den kann man erraten. Außerdem kann man die Datenbank in der Einsatzzentrale anzapfen - da steht er auch drin, sowie er generiert worden ist. Wir fliegen die Nordrunde!"

Marquardt und Cowling sahen sich an, als Brandt den schweren Duocopter nach oben zog und Stornoway, das eben noch vor ihnen gelegen hatte, in einem verrückten Winkel unter ihnen nach links wegzog. Natürlich kannten sie den wahren Grund dieser Kursänderung: Der Kommandant liebte Übungsschüsse mit scharfer Munition. Im äußersten Nordwesten, um Cape Wrath, war Gelegenheit dazu. Früher hatte die britische Marine jenes Gebiet als 'shooting range' für ihre Seeartillerie benutzt. Nach Ende des Kalten Krieges vor fast 10 Jahren und nach der politischen Konsolidierung der Europäischen Gemeinschaft machte die EG dort dasselbe.

Nunja - Brandt würde das als Kommandant gegebenenfalls zu verantworten haben. Ihnen konnte es also egal sein.

"Wo kommen wir wieder aufs Land, bei diesem Kurs?" fragte der Kommandant.

"Wenn wir weiter genauen Ostkurs halten, zwischen Inverpolly und Lochinver." antwortete Marquardt. Sieht man doch, bei dem klaren Wetter, dachte er.

"Gut." sagte Brandt. Sie schwiegen wieder, während die weißen Hügel näher kamen. Ihre Flughöhe war jetzt über zweitausend Meter. Kein Berg in Schottland ist so hoch, und deshalb sahen die Berge vor ihnen dünenhaft harmlos aus, selbst der Suilven, der genau vor ihnen im Osten lag. 'Scottish Mountains can be killers!' versucht die schottische Touristenbehörde seit Jahrzehnten, den Touristen klarzumachen. Trotzdem verlaufen sich immer wieder welche und werden manchmal zu spät gefunden: Erschöpft, verletzt, oder gar verhungert. Nicht verdurstet - das geht in Schottland nicht. Sich in den schottischen Bergen zu verirren war von hier aus kaum vorstellbar - mit nur wenigen zusätzlichen tausend Höhenmetern würden sie das gesamte Hochland mit einem Blick übersehen können. Jedenfalls bei diesem Wetter.

"Bombenmeister!" sagte Brandt mit dem gespannten Tonfall, der in seiner Abwesenheit 'schießgeil' genannt wurde.

"Ja, Sir?" fragte Cowling. Er wußte, was jetzt kommt.

"Machen Sie die zwei AGRs scharf!"

"Ja, Sir!" Er nahm routiniert die notwendigen Schaltungen vor.

"Erste Sicherung gelöst, Sir." sagte er.

Nun mußte auch Marquardt aktiv werden: "Der NC schlägt die Kontaktaufnahme zum Einsatzzentrum vor!"

"Nein!"

"Ich mußte das fragen, Sir!"

"Das weiß ich. Und ich habe 'Nein' gesagt."

"Zu Befehl, Sir." Marquardt beschäftigte sich wieder mit dem Navigationscomputer. Natürlich würde dieser den Abschuß von Luft-Boden-Raketen auf jeden Fall an die Einsatzzentrale melden, wenn dieser erst einmal erfolgt war - eine Sicherheitsmaßnahme - aber bis es soweit war, konnte man diese automatisch abgestrahlte Meldung unterdrücken. Nur bei den nuklearen Gefechtsköpfen waren die Sicherheitsbestimmungen noch strenger - aber mit denen rumzuspielen, auf diese Idee kam nicht einmal Brandt.

"Zweite Sicherung gelöst." sagte Cowling, "Übernehmen Sie das Feuerleitradar?"

"Ja. Wenn es soweit ist."

"Startschlüssel?"

"Noch nicht."

Cowling bemühte sich, wieder ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen. Er hatte von einem Fall eines Duocopterkommandanten gehört, der auch die Absicht hatte, Schießübungen 'außer der Reihe' zu veranstalten. Auch dieser hatte sehr zeitig alle Sicherungen gelöst, war dann aber zur Basis zurückgerufen worden. Und hatte den Startschlüssel stecken lassen! Es gibt nicht viele Methoden, eine militärische Karriere vorzeitig zu beenden, aber die Methode, mit ungesicherten Waffen auf einer Militärbasis zu landen, gehörte dazu.

"Sir!" rief Marquardt überrascht.

"Ja?"

"Da ist ein Flugobjekt. Richtung 135 - das ist Südost!"

"Was ist es?"

"Moment - ich weiß noch nicht. Entfernung etwa 40 Kilometer. Es ist gerade aufgestiegen, und zwar ..." er versuchte, seine aufbereitete Radaranzeige ohne Fehler zu interpretieren, weil so etwas bei einem Kommandanten wie Brandt sich ungünstig auf die Beurteilung auswirkte, wenn er sich doch irren sollte, "und zwar aus dem Glen Achall."

"Glen Achall?"

"Sir, das ist ein Tal, das von Ullapool nach Osten weggeht!" warf Cowling ein.

"Von Ullapool?"

"Ja, Sir. Da ist ein Steinbruch, in der Nähe von Ullapool, und weiter im Tal drin gibt es einen See, das Loch Achall. Außerdem gibt es dort das Rhidorroch House. Sonst gibt es da nichts."

"Gibt es da ein Startfeld?"

"Die Karte würde es zeigen, Sir. Da gibt es nichts dergleichen."

"Mmh." Viele Sekunden, in denen er die durch den Bordrechner aufbereiteten Anzeigen auf seinem Radarschirm studierte, sagte Brandt nichts. Dann: "Marquardt, können Sie wirklich nicht rauskriegen, was es ist?"

"Der Größe nach," sagte dieser, "könnte es ein anderer Duocopter sein. Den Dopplerabweichungen nach auch. Die Rotoren - sie verstehen!"

"Wer ist denn das? Ist das jemand von uns?"

"Ich weiß nicht, Sir. Wir werden es sehen, wenn wir näher dran sind. Es scheint nach Norden zu fliegen."

"Wie schnell?"

"Wie wir. Wir sind auf Interceptionskurs."

"Mmh. Rufen Sie die Einsatzzentrale und fragen Sie nach, ob noch weitere von unseren Sicherungsfahrzeugen hier in der Nähe sind!"

"Ja, Sir." Marquardt beschäftigte sich mit dem Funkgerät.

"Sir, kann das nicht ein ziviles Flugzeug sein?" fragte Cowling, "Es wäre doch immerhin möglich, daß sich jemand eine Ausnahmegenehmigung besorgt hat!"

"Solange die CHARMION im Hafen von Ullapool liegt, ist das sehr unwahrscheinlich. Außerdem sollten wir das wissen."

"Und ein Lockvogel? Um unsere Einsatzbereitschaft und Aufmerksamkeit zu testen?"

Brandt wiegte den Kopf, sagte aber nichts darauf. Das bedeutete ungefähr: 'Kann sein oder kann auch nicht sein'.

Marquardt meldete sich wieder zu Wort: "Sir, ich habe die Datenbank der Einsatzzentrale dran!"

"Und?"

"Es ist niemand von uns hier. Vollmer ist auf der anderen Seite, bei Helmsdale, auf Südwestkurs, und die anderen Kollegen von der Südrunde sind gerade bei Inverness!"

"Ist das sicher?"

"Das ist sicher. Die Datenbank der Einsatzzentrale wird alle paar Sekunden auf den neuesten Stand gebracht. Es ist niemand von uns, das ist sicher!"

Brandt dachte nur kurz nach. Die Theorie mit dem Lockvogel war jetzt gestorben - das hätte man ihnen spätestens jetzt mitgeteilt, um gefährliche Zwischenfälle zu vermeiden, und aus der Datenbank hätten sie es auch erfahren. "Bombenmeister, sichern Sie die AGRs und machen Sie stattdessen zwei AARs scharf."

"Ja, Sir." Nachdem er die notwendigen Schaltungen vogenommen hatte, fragte er: "Startschlüssel?"

"Ja. - Keine Meldung an die Einsatzzentrale, Marquardt!"

"Sollten wir nicht gerade jetzt ..."

"Nein. Es kann ja immer noch eine natürliche Erklärung haben, und wie stehen wir dann da? - Wir gehen nur näher ran und sehen es uns an."

"Startschlüssel steckt, Sir," sagte Cowling, "Ich habe Ihren Auslöser freigegeben!"

"Danke." Brandt's Daumen spielten über dem Feuerknopf, der in der Steuersäule integriert war. Ihm war deutlich anzusehen, daß er sich wünschte, einen echten Gegner vor das Rohr zu bekommen.

"Schalten Sie das Feuerleitradar in Bereitschaft!" sagte Brandt zu Marquardt. Dieser wußte genau, daß das die Vorstufe zu einer Angriffserklärung war: Würden die Luft-Luft-Raketen jetzt loszischen, dann würden sie führungslos irgendwohin fliegen. Nur mit dem Feuerleitradar war es möglich, eine klare Assoziation mit einem Ziel herzustellen. Das Problem war, daß, wenn es sich bei dem Ziel um ein militärisches Fluggerät handelte, dieses sehr wohl in der Lage war, zu erkennen, wann und von wem es mit einem Feuerleitradar angepeilt wurde. Jeder Pilot wußte: Ein Erfaßtwerden von einem Feuerleitradar kann bedeuten, daß man nur noch wenige Sekunden bis zum Eintreffen eines anderen Geschosses Zeit hat. In solchem Fall war es nach allgemeinem Dafürhalten eine angemessene Reaktion, sofort zurückzuschießen, wenn man sein Heil nicht in halsbrecherischen Fluchtmanövern suchen wollte.

Deshalb blieb das Feuerleitradar vorläufig noch ausgeschaltet. Dafür wurden die Reflexe des gewöhnlichen Ortungsradares immer klarer interpretierbarer.

"Ich glaube, es IST ein Duocopter!" stellte Marquardt fest.

"Versuchen Sie, mit ihm Verbindung aufzunehmen!"

"Ja, Sir."

Noch zwanzig Kilometer. Cowling und Brandt spähten angestrengt nach Südosten. Einen Duocopter mußte man auf diese Entfernung schon erkennen können.

Marquardt hatte schnell Erfolg. "Sir, ich habe ihn dran!"

"Ja?"

"Es ist ein gewisser Ottmar Malström."

"Dienstgrad?"

"Kaleun. RAF."

"Was macht der denn hier?"

"Ich frage ihn."

Cowling glaubte, das andere Gerät schon erkennen zu können. Sie würden sich ungefähr über den östlichen verschneiten Flanken des Suilven treffen. Der andere flog niedrig, wodurch die Erkennbarkeit gegen den Hintergrund von Felsen und Schneeflächen immer wieder erschwert wurde.

"Sir," sagte Marquardt, "er sagt, er sei von einem Geologencamp im Glen Achall aufgestiegen. Er macht einen Rundflug."

"Einen was?"

"Einen Rundflug, Sir. Er hat eine Passagierin."

"Das ist das blödeste, was ich je gehört habe!"

"Er sagt es. Ich kann es nur wiederholen."

Nach einigen Sekunden entschied Brandt: "Wir bleiben dran."

"Ja, Sir. Soll ich den Startschlüssel rausnehmen?" fragte Cowling.

"Ich hätte es gesagt!"

"Ja, Sir."

Wieder breitete sich Schweigen aus - oder wie man auch immer den Zustand mit der beidseitigen Beschallung durch die Rotoren des Duocopters nennen möchte.

"Wieso machen die bei der britischen Luftwaffe jetzt 'Rundflüge'?" fragte der Kommandant. Es schien eine rhetorische Frage zu sein, und so antwortete niemand.

Dumpf erinnerte sich Cowling an etwas, was er einmal über den Kommandanten gehört hatte: Brandt war mal bei der britischen Luftwaffe gewesen. Aber sein Fortkommen hatte dort nicht seinen Erwartungen entsprochen. Da war auch irgendetwas von einer Entlassung 'in bestem Einvernehmen' gewesen - ein Zeichen, daß da irgend etwas nicht in Ordnung war. Aber Cowling wußte nichts genaues.

"Sehr merkwürdig, das Ganze." sagte Brandt jetzt.

Nun war der andere Duocopter in ein paar Kilometern Entfernung schon deutlich zu sehen. Brandt begann, die Maschine nach links hinüberzuziehen, um seinen Kurs dem Nordkurs der anderen Maschine anzugleichen. Dann pfiff er plötzlich durch die Zähne:

"Sehe ich das richtig, oder ist der tatsächlich voll bewaffnet?"

Cowling war versucht, zu antworten 'Sind wir doch auch', aber er hatte das Gefühl, daß das nicht das war, was der Kommandant hören wollte. "Sie sind bewaffnet, Sir. Volle Armatur."

"Volle Armatur." wiederholte der Komandant, "Und Rundflüge. Merkwürdig. - Wir bleiben dran!"

"Ja, Sir." sagte Cowling. Er dachte daran, daß das eine überflüssige Kommunikation war, weil Brandt ja ohnehin die Maschine selbst steuerte.

Sie blieben hinter dem anderen und hielten einem Abstand von etwa einem Kilometer, außerdem hielten sie sich etwa 500 Meter höher. So hatten sie bei guter Sicht die Sonne links im Rücken.

"Fragen Sie noch einmal, wer diese Passagierin ist!" sagte Brandt.

"Das wird ihnen komisch vorkommen!" wandte Marquardt ein.

"Komisch vorkommen? MIR kommt das Ganze komisch vor! Fragen Sie!"

"Ja, Sir!" Es war nicht zu erkennen, ob Marquardt eingeschnappt war. So etwas zeigte man besser nicht.

Unter ihnen war das Loch Assynt vorbeigezogen. Der andere behielt seinen Nordkurs bei. Das würde Brandt's Laune nicht bessern, dachte Cowling, weil er am Cape Wrath keine Schießübungen veranstalten konnte, wenn der andere noch in Sicht war. Und eine Warteschleife konnten sie nun wirklich nicht mit ihrem Marschplan vereinbaren.

"Also es ist so," sagte Marquardt, "die Frau, die er da an Bord hat, das ist eine Irene Homberg. Das ist die Frau des Autors von - ich weiß nicht, wie dieser Roman heißt. Soll ziemlich bekannt sein. - Ah - jetzt fällt es mir ein: 'Die Granitbeißerinnen'."

"Das weiß ich besser," sagte Cowling. 'Die Granitbeißerinnen' wurden auch von einer Frau geschrieben!"

"Sind Sie sicher?" fragte Brandt.

"Totsicher. Ich habe ihn gelesen. Es handelt von ..."

"Keine Literaturkritik. Ganz klare Frage: Ist es ganz genau dieser Roman, von dem die Rede ist? Autorin, also weibliche Autorin, und die Maschine da vor uns hat eine Frau an Bord, die behauptet, die Ehefrau eines dann wohl männlichen Autors desselben Romanes zu sein? - Na los! Fragen sie noch einmal nach, Marquardt!"

Marquardt begann, wieder mit dem anderen Piloten zu sprechen. Cowling musterte derweil Brandt von der Seite. Der Kommandant gefiel ihm nicht. Verbissen starrte er nach vorne. Und immer wieder streichelte er mit dem Daumen den Feuerknopf.

Sie flogen auf Laxford zu. Von dort aus bog eine Straße nach Südwesten ab, zum Loch Shin. Cowling konnte sie kaum erkennen, weil sie auch weiß war. Zuwenig Verkehr, um den Schnee zu Matsch zu zerfahren. Schließlich waren sie hier am nordwestlichen Ende von Europa. Vor zwanzig Jahren hatte man viele dieser nördlichen Hochlandstraßen im Winter ganz gesperrt, und sogar jetzt kam das noch gelegentlich vor.

"Es ist so, wie ich sagte." meldete Marquart sich wieder, "Und sie hat etwas mit der Mission der CHARMION zu tun."

"Ach ja? Und was, bitte?"

"Das darf er nicht sagen. Sagt er."

"Fragen Sie ihn, nach welchem Marschplan er fliegt!" befahl Brandt.

"Das habe ich schon getan. Er fliegt nach überhaupt keinem Marschplan!"

"Das ist unmöglich. Es ist eine Militärmaschine. Sie MUSS nach einem Marschplan fliegen!"

"Tut sie aber nicht!"

"Was ist eigentlich die Mission der CHARMION genau?" fragte Cowling dazwischen.

"Das ist jetzt völlig uninteressant. Da vorne fliegt eine Maschine der britischen Luftwaffe, nicht wahr? Sie haben jemanden an Bord, den es nicht gibt. Sie fliegen nicht nach einem Marschplan. Sie sind in der Nähe von Ullapool aufgestiegen. Habe ich recht?"

"Ja." sagte Cowling.

"Gut." Brandt schnaufte hörbar, "Marquardt, fragen Sie in der Einsatzzentrale nach, ob eine Irene Homberg - so war doch der Name, nicht? - Mitglied der Besatzung der CHARMION ist, ja? Und fragen Sie außerdem bei der Einsatzzentrale nach, ob sie in der Lage sind, sich mit der zuständigen Einsatzzentrale der britischen Luftwaffe in Verbindung zu setzen und herauszukriegen, ob die vielleicht eine Maschine vermissen! Außerdem möchte ich wissen, wieviele Sicherungsmaschinen im Moment von den beiden Einsatzzentralen zusammen geführt werden!"

Ob er das Wort 'Einsatzzentrale' liebt, dachte Cowling. Viermal in derselben Anweisungsgruppe. Marquardt nahm aber keinen Anstoß an stilistischen Dingen:

"Ich kann mich auch direkt an die schottische ..."

"Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe!"

"Ja, Sir."

Während Marquardt damit beschäftigt war, die benötigten Informationen einzuholen, sprach Brandt wieder mit sich selbst: "Wenn sie da irgendwelche Unterlagen entwendet haben und gerade dabei sind, diese wegzuschaffen, und wir hindern sie nicht daran ... nicht auszudenken!"

Cowling versuchte, herauszufinden, ob Brandt jetzt mehr durch Furcht vor den Konsequenzen eines möglichen, eigenen Fehlverhaltens getrieben wurde, oder mehr von dem Wunsch, einmal einen echten Kampfeinsatz führen zu können. Interessanterweise würden beide Befürchtungen dieselben Handlungen implizieren. Dann blickte er scharf nach vorne:

"Sir, sie folgen jetzt dem Tal zum Kyle of Durness. Dahinter kommen Sie aufs offene Meer hinaus. - Sie wissen schon, Sir: Die Zwölf-Meilen-Zone!"

"Natürlich weiß ich das!" knurrte Brandt.

"Sir!" rief Marquardt, "Die RAF vermisst keine Maschine!"

"Was?" fragte Brandt, fast enttäuscht, "Sind sie sicher?"

"Sie sind sicher. Sie vermissen keine Maschine. Allerdings ist hier auch keine unterwegs! Nicht in dieser Gegend! - Und was die Besatzung der CHARMION betrifft: Eine Irene Homberg gehört nicht dazu!"

"Gehört nicht dazu?"

"Nein!"

"Hah!" rief Brandt, "Diese Frau gibt es nicht, niemand vermißt eine Maschine, und es ist hier keine Maschine unterwegs! Und was ist das da, da vor uns?"

Marquardt sagte nichts.

"Bombenmeister! Den Sicherheitsschlüssel!" befahl Brandt fast triumphierend.

"Der ist doch schon drin, Sir!"

"Kommunikationsoffizier! Machen Sie ihm klar, daß er sofort landen soll. Wir müssen ihn durchsuchen!"

"Ja, Sir." sagte Marquardt,

"Sir, sollten wir nicht die Einsatzzentrale ..." fragte Cowling dazwischen.

"Sind Sie sich darüber klar, was das bedeuten würde? Jeder würde sich bei jedem dreifach rückversichern! - Nein, nein, in Fällen akuter Gefahr handeln Einsatzkommandanten selbstständig."

Cowling war nicht in der Lage, zu sehen, wo die 'akute Gefahr' lag, aber er schwieg.

"Wir sollen uns verpissen!" sagte Marquardt.

"Was?"

"Sagt dieser Malström: Wir sollen uns verpissen!"

"Schalten Sie das Feuerleitradar ein und geben Sie ihm den Landebefehl noch einmal!"

Schon Sekunden, nachdem Marquardt das getan hatte, zeigte eine Anzeige vor dem Kommandanten, daß das Ziel erfaßt worden war. Jetzt brauchte er nur noch den Daumen krumm zu machen.

"Er sagt immer noch, wir sollen uns verpissen!" sagte Marquardt, "Außerdem sollen wir mit dem Quatsch aufhören und nicht mit dem Feuerleitradar spielen!"

"Ach! Hat er es gemerkt! Fordern Sie ihn ein letztes Mal zur Landung auf! Sagen Sie ihm, was wir ihm schicken, wenn er es nicht tut!"

Marquardt sprach eine Weile leise in das Mikro. Dann sagte er: "Der Malström sagt, wer schießgeil ist, onaniert einfach nicht genug!"

"Was?" Brandt war perplex. Cowling erwartete eigentlich, daß Brandt sofort abdrücken würde, aber dieser beherrschte sich.

"Das waren seine Worte, Sir - Oh Gott - Der hat auch sein Feuerleitradar eingeschaltet!"

"Wird der denn übers Heck schießen wollen?" wunderte Cowling sich, "Er hat immer noch Kurs drei - acht bis vier - null. Ich glaube, der will uns nur ärgern, Sir!"

Brandt atmete heftig. Wut? Angst? Keine Meldung von Marquardt, daß eine AAR unterwegs war. Gewiß, ein Duocopter kann seine AARs auch nach hinten lancieren, aber im allgemeinen macht man das nicht gerne.

"Schalten Sie mein Mikro ein und geben Sie das auf den Lautsprecher!"

Sie hatten das Ende des Kyle of Durness erreicht. 2000 Meter unter ihnen war nun das flache Wasser der Bucht.

Das Motorengedröhn der anderen Maschine war plötzlich aus den Lautsprechern zu hören.

"Malström! Dieses ist eine Routinekontrolle der EG! Sie haben sofort zu landen, andernfalls haben Sie mit Konsequenzen zu rechnen!" Brandt's Stimme war fest und strahlte agressives Selbstvertrauen aus.

"Sie müssen die Taste am Mikro drücken, sonst kann er Sie nicht hören, Sir!" sagte Marquardt. Brandt versuchte es noch einmal:

"Malström! Dieses ist eine Routinekontrolle der EG! Sie haben sofort zu landen, andernfalls haben Sie mit Konsequenzen zu rechnen! - Und schalten Sie unverzüglich Ihr Feuerleitradar aus!"

"Was bekomme ich, wenn ich das tue?" fragte eine nicht unsympathische Stimme aus dem Lautsprecher. Im Hintergrund war ein weibliches Lachen zu hören.

"Wir behandeln Sie fair!" versprach Brandt.

"Fein. Ich Sie nicht. Ich lande nicht. Ich handle im Auftrag der Einsatzzentrale!"

"Das haben wir nachgeprüft. Die Einsatzzentrale weiß von Ihnen nichts!"

"Ja nun. EG-Offiziere und moderne Technik. - Ja nun!"

"Malström! Ich hole Sie runter!"

"Sie trauen sich ja doch nicht!" sagte die Stimme, und im Hintergrund war wieder das Lachen zu hören, "Gehen Sie nach Hause und laden Sie ein Ballerspiel in Ihren PC. Schwierigkeitsgrad Infantilitätslevel oder EG-Offizier einfach! Sie ..."

Plötzlich sah Cowling die zwei Rauchspuren, die sich von ihrem Duocopter nach vorne erstreckten. Von einem Moment zum anderen waren sie plötzlich da, wo sie eben noch nicht da gewesen waren. Der schwere Duocopter reagierte kaum merkbar auf den plötzlichern Gewichtsverlust.

Malström's Stimme hatte gestockt.

"Was ist das?" fragte jetzt die weibliche Stimme im Lautsprecher. Es vergingen einige Sekunden, in denen die Rauchspuren in ihrer Nähe durch die Rotoren restlos verwirbelt wurden. Auf verschiedenen Bildschirmen zeichnete sich wie von selbst eine gerade Linie.

Dann gab es vor ihnen einen kurzen Mehrfachblitz, der sogar im Sonnenlicht sichtbar war. Der Lautsprecher schwieg.

"Getroffen, Sir," sagte Cowling, "beide AARs haben getroffen. Ziel ist zerstört!"

Brandt setzte die Geschwindigkeit des Duocopters herab. Vor Ihnen entwickelte sich ein Rauchstern mit nach unten gebogenen Zacken. Rauchende Trümmer torkelten in die Richtung der Wasserfläche des Kyle of Durness. Gedämpft drang von draußen das Geräusch einer großen Explosion herein. Brandt zog die Maschine noch höher.

"Sir, die Einsatzzentrale meldet sich!" sagte Marquardt.

"Moment. Wir müssen erst sehen, daß wir nicht selbst von Trümmern getroffen werden!" sagte Brandt.

"Jedenfalls ist er nicht mehr dazu gekommen, seine Raketen loszuschicken!" sagte Cowling, "Ich möchte wissen, wer es war!"

"Die Einsatzzentrale sagt es uns gerade." fuhr Marquardt fort.

"Ach? Und wer war es?" fragte der Kommandant.

"Ein Kapitänleutnant Ottmar Malström. Führte einen adhoc-angesetzten Rundflug durch. Mit einer Passagierin. - Es hatte alles seine Richtigkeit!"

Peinliches Schweigen für viele Sekunden. In Brandt arbeitete es. "Er hat sich unserem Landungsbefehl widersetzt!" presste er schließlich heraus.

"Tja, das - das können Sie ihnen vielleicht selbst sagen. Sie sagen, sie haben gerade die Verbindung mit Malström's Maschine verloren und wollen wissen, ob wir ihn vielleicht gesehen haben!"

"Verdammt noch einmal! Hätten sie uns das nicht früher verraten können?"

"Sie haben sich geirrt, Sir! Sagen sie. - Was soll ich ihnen jetzt sagen?"

Jetzt war der Schweiß auf der Stirn des Kommandanten deutlich zu sehen. Er hielt den Kurs weiter nach Norden. Der Duocopter erreichte das offene Meer.

"Sir?" fragte Marquardt.

"Sagen Sie, daß wir nichts gesehen haben!"

"Sie wissen inzwischen, daß wir Luft-Luft-Raketen eingesetzt haben." warf Cowling ein.

"Wir haben Übungsschießen gemacht!"

"Über bewohntem Gebiet!"

"Himmel, ja!" fluchte Brandt.

"Sir?" fragte Marquardt noch einmal.

"Sagen Sie," Brandt dachte wieder angestrengt nach, "daß wir nichts gesehen haben!"

"Aber ..."

"Sagen Sie das!"

Der Kommandant drehte sich nach Cowling um: "Es dauert eine Zeitlang, bis jemand die Information abgelesen hat, daß wir Raketen verloren haben. - Also, was sagen wir? Haben Sie einen Vorschlag?"

Man kann einem Vorgesetzten kaum sagen: 'Sie haben uns da reingeritten, also holen Sie uns auch wieder da raus!' Deshalb sagte Cowling nichts. Er kommentierte auch nicht die Wortwahl: 'Raketen verlieren'.

"Sir, sie ..." Marquardt's Stimme hörte sich so an, als ob er es selbst nicht ganz glaubte, "sie haben keine weiteren Fragen!"

"Tatsächlich nicht?"

"Nein!"

"Mmh."

Brandt führte den Duocopter in eine lange Rechtskurve. "Dann sollten wir vielleicht die Nordrunde wie geplant weiter verfolgen."

Mehr sagte er nicht. Aber in Cowling überschlugen sich die Gedanken. Er stellte sich vor, wie jetzt in der Einsatzzentrale ein heilloses Durcheinander ausbrach. Eine vermisste Maschine, eine andere in derselben Gegend, deren Besatzung behauptet, nichts gesehen zu haben, und dann fällt irgendjemandem auf, daß diese andere Maschine zwei Luft-Luft-Raketen abgeschossen hat. Ohne Autorisation!

Sie müssen Rückfragen haben, dachte er. Selbst, wenn sie uns glauben! Gerade dann.

Im Süden zog die schottische Nordküste vorbei. Immer noch dieser klare, blaue Himmel. Bis zum Horizont. Das von gleichmäßigen Wellenfeldern geriffelte Wasser unter ihnen - Brandt hielt die Maschine in einer Höhe von 400 Metern. Jetzt wurde Cowling von einem breiten, flirrenden Fleck im Wasser geblendet, wenn er aus seinem Seitenfenster hinaussah. Es war einer der seltenen Patrouillienflüge bei gutem Wetter, und Cowling genoß die Aussicht minutenlang, insbesondere auch deshalb, weil keiner in der Maschine ein Wort sagte. Sogar die Berge von Sutherland sahen heute freundlich aus - normalerweise liegen diese wie vorzeitliche, lauernde Riesenungeheuer zwischen Wolken und Mooren, wenn man sie überhaupt sieht.

"Sir?" sagte Marquardt.

"Ja?"

"Ich erfahre gerade, daß sich die MAASTRICHT im Scapa Flow aufhält."

"Ja und?"

"Sie ist offenbar in Alarmbereitschaft versetzt worden."

"Tatsächlich? - Übungsalarm?"

"Das kann ich nicht herausfinden. Ein Teil der Kommunikation ist verschlüsselt."

"Naja, das geschieht auch bei Übungsalarmen. Das hat nichts zu sagen. - Warum teilt man es uns überhaupt mit?"

"Man teilt es uns nicht mit, Sir. Ich habe es lediglich festgestellt."

"Aha."

Brandt schwieg wieder. Cowling fühle sich unbehaglich. Wenn sie die Nordrunde durchführten, dann hatten sie durchaus gewisse Freiheiten, was die Kurswahl betraf. Sie mußten nicht das Scapa Flow überfliegen - sie konnten schon vorher nach Süden abdrehen, um entlang der Ostküste wieder nach Süden zu fliegen. Aber zunächst würden sie sich auf jeden Fall noch weiter den Orkney-Inseln und damit der MAASTRICHT nähern. Ach bei einem Übungsalarm würden sie dann irgendwie involviert werden - und wenn sie nur umgeleitet würden, um irgendwelche Manöver nicht zu stören. Wenn man also nicht in allernächster Zeit mit ihnen Verbindung aufnahm, dann war das zumindestens sehr merkwürdig.

Wenn es aber andererseits ein echter Alarm war - aber das war ja unmöglich. Für so etwas war einfach kein Grund vorstellbar. Oder sollte ein Drittweltland? - Unmöglich. Die Asiatische Förderation, die EG, und die USAC hatten die Welt in Interessengebiete aufgeteilt. 'Patronatregionen zur wirtschaftlichen Entwicklung', wie der offizielle Sprachgebrauch war. In Wirklichkeit handelte es sich um die Festigung militärischer und wirtschaftlicher Vormachtstellung der Industrienationen in der Welt. Sogar die Mission der CHARMION sollte irgend etwas damit zu tun haben, obwohl Cowling sich nicht vorstellen konnte, welche so immens wichtige Bedeutung ein Hochleistungs-U-Boot, das in einem schottischen Hafen liegt, haben könnte.

Eines aber wußte Cowling genauso gut wie die anderen: Die EG ließ nicht mit sich spaßen, wenn es um wesentliche wirtschafliche Interessen ging.

"Vielleicht sind die Dänen wieder aus der EG ausgetreten, und die MAASTRICHT soll hin und sie überreden, wieder einzutreten?" fragte er, "Das hätte einen bemerkenswerten Symbolgehalt: Die MAASTRICHT war der erste Duocopterträger, den die EG in Dienst gestellt hat!"

"Machen Sie keine Witze." sagte Brandt. Er sagte nicht: 'Wir werden den wahren Grund schon erfahren'.

Als ob er Angst vor dem wahren Grund hatte.

"Sir," sagte Marquardt, "wir kriegen gerade eine Meldung über den C4-Kanal!"

"Verschlüsselt?"

"Ja, Sir. Ich bin schon dabei."

Dumme Frage, dachte Cowling: Der Command-Control-enCrypted-Communication - Kanal hieß so, weil die digitalisierten Nachrichten über ihn nur in verschlüsselter Form weitergegeben wurden. "Jetzt kommen wir doch noch in einen Übungsalarm hinein!" sagte er. Damit war die Aussicht auf einen pünktlichen Dienstschluß für heute gering.

"Vielleicht." knurrte Brandt, "Was ist, Kommunikationsoffizier?"

"Gleich. Es ist ein Schlüssel der dritten Sicherheitsstufe. Den muß ich manuell eingeben, weil der nicht im Rechner gespeichert ist."

"Soviel zu Ihrer These mit dem Übungsalarm!" sagte Brandt zu Cowling.

"Ich habe es." sagte Marquardt nach einer halben Minute, "Wir haben den Befehl, Lyness anzufliegen und dort zu landen."

"Lyness im Scapa Flow?"

"Genau dahin."

"Dann tun wir das eben." sagte Brandt und schwieg dann.

"Sir, der Schluß, daß es sich nicht um einen Übungsalarm handelt, ist vielleicht nicht zwingend." nahm Marquardt das Gespräch wieder auf, "Auch die Funktionalität des C4-Kanals muß ja ab und zu verifiziert werden!"

"Auch mit Schlüsseln der dritten Sicherheitsstufe?" fragte Brandt zweifelnd.

"Es wäre immerhin möglich. - Ich kann mich nicht daran erinnern, daß es schon vorgekommen ist, aber es wäre möglich."

Schon nach wenigen Minuten wurde ihr Seelenfrieden weiter getrübt. Etliche Dutzend Kilometer voraus lösten sich aus der Westküste der Insel Hoy vier Radarreflexe, die auf sie zukamen. Es dauerte nicht lange, bis man die Rotoren der vier Duocopter im Osten mit bloßem Auge in der Sonne blitzen sehen konnte. Dann empfing Marquardt eine neue, Anweisung. Als er sie entschlüsselt hatte, zitterte seine Stimme:

"Sir, wir haben das Verbot, von uns aus zu irgendjemandem Kontakt aufzunehmen!"

Brandt sagte nicht, hielt nur seine Steuersäule fest und starrte nach vorne, auf die näherkommenden Duocopter. Cowling sah Marquardt an. Beide waren blaß geworden.

"Da haben wir wohl etwas falsch gemacht." sagte Cowling mit belegter Stimme. Brandt mußte es verstanden haben und hätte ihn normalerweise gerügt. Nun aber bestätigte er durch sein Schweigen diese Vermutung.

"Können wir noch weg?" dachte Marquardt laut nach, und "Nein!" herrschte Brandt ihn an. Zu spät. Die anderen Duocopter waren längst in Schußreichweite. Sie hätten keine Chance, weder in der Flucht noch in einer überstürzend anderen Aktion - wie immer die auch aussehen konnte.

"Ich glaube," sagte Cowling, "die wollen verhindern, daß dieser Zwischenfall irgendwie bekannt wird!"

"Wieso?" sagte Marquardt, "Das ist kaum zu schaffen. Was immer wir uns zuschulden kommen ließen, es wird eine Gerichtsverhandlung geben! Geheimhaltung geht nicht mehr - die EG ist eine Union von Rechtsstaaten! - Oh, da kommt wieder etwas." Er wandte sich seiner Funkausrüstung zu, während Cowling sich überlegte, ob und wie stichhaltig das letzte Argument war.

"Komisch." sagte Marquardt, "Das hört sich an, als ob sie nur unsere technische Einsatzbereitschaft überprüfen wollen. Eine Art Appell?"

"Nun sagen Sie schon, wer es ist und was die wollen!" Der Kommandant hatte die näherkommenden Duocopter wie hypnotisiert im Auge. Sie waren nur noch wenige tausend Meter entfernt. "Kommt das von den Maschinen da vorne? Oder von der MAASTRICHT?"

"Nein. Es kommt direkt von der Einsatzzentrale. Und hier steht, wir sollen unsere Waffensysteme einschalten. Einschließlich Feuerleitradar. Jetzt. Sofort. Volle Kampfbereitschaft."

"Warum?" fragte Cowling, und Brandt rügte ihn schon wieder nicht dafür, daß er einen Befehl in Frage stellte.

Marquardt zögerte. Zögerte immer noch. Das war ein Befehl gewesen. Was passierte, wenn man ihn nicht unverzüglich befolgte? Disziplinarmaßnahme? Schlimmer konnte es nicht werden, aber so etwas ähnliches stand ihnen wohl ins Haus. Oder?

Vielleicht war hier in der Nähe eine begrenzte, militärische Aktion vornöten, der sie sich sofort anschließen sollten. Wäre das ein plausibler Grund für diesen Befehl?

"Tun Sie's." sagte Brandt.

Marquardt legte den Hebel um. In demselben Moment verstand Cowling. "NEIN!" schrie er, "SIE SUCHEN DOCH BLOSS EINEN VORWAND!"

Verständnislos sahen die anderen ihn an. Er schrie noch einmal. Als sich die Spuren der Luft-Luft-Raketen auf den Bildschirmen abzeichneten, schrie er nicht mehr und sah nur noch zu.

Acht Stück. Alle gleichzeitig abgeschossen. Und alle in ihre Richtung.

'Die EG ist eine Union von Rechtsstaaten,' war das letzte, was Cowling dachte, 'es kann nicht sein, was jetzt geschieht.'


Anmerkung:

Sowohl die Erzählung 'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen', die den ersten Kontakt mit der Biosphäre 'Welthöhle' beschreibt, als auch der Reisebericht 'Welthöhle - Projekt CHARMION' wurden Deklassifizierungs-Bearbeitungen unterworfen. Diese Arbeiten sind nun abgeschlossen und dienen dazu, durch gezielte Manipulationen bestimmter konkreter Informationen die Welthöhle unauffindbar zu halten, um diese Biosphäre für immer vor weiterem menschlichem Kontakt zu schützen.

Es ist völlig zwecklos, um Informationen nachzusuchen, welche Angaben den Tatsachen entsprechen und welche nicht. Leser, die von sich aus Recherchen anstellen, müssen mit gezielten Maßnahmen rechnen.

Beide Berichte werden einem breiteren Publikum auf dieser WebSite zur Verfügung gestellt. Die bis jetzt vorliegende Textmenge beider Berichte zusammen beträgt etwa 5.5 Megabyte, die vollständige Darstellung wird wahrscheinlich doppelt so lang sein.

Es wird gebeten, davon abzusehen, bezüglich der endgültigen FertigStellung beim WebMaster nachzufragen.


© 1992 .. 2008 Josella Simone Playton 1998-07-03 22:50:00 +0200
© 1992 .. 2008 Josella Simone Playton 2008-12-14 07:00:00 +0100


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