Schattenwelt


Josella Simone Playton


Sie wollen etwas über Telepathie hören? Warum sollte ich ausgerechnet Ihnen etwas erzählen? Wer hat Sie überhaupt an mich verwiesen?

Er also. Das waren noch Zeiten, als man sich auf die Verschwiegenheit eines Barkeepers verlassen konnte. Sind Sie Journalist?

Wenn Sie sagen, daß Sie Journalist sind, dann sind Sie es nicht. Telepathie ist nicht mehr in den Schlagzeilen. Alles gegessen, seitdem offiziell festgestellt worden ist, daß Telepathie Unsinn ist. Und ich ein Scharlatan. Wissen Sie was, ich sage es Ihnen auf den Kopf zu: Sie sind ein Agent! Von unserer Seite, von der anderen Seite, was weiß ich. Es interessiert mich auch nicht. Jedenfalls glauben Sie, oder irgend jemand sonst, daß doch etwas dran ist an der Telepathie. Nutzbar vielleicht, für militärische oder geheimdienstliche Zwecke.

Sie sind naiv. Na gut. Ich bin ja käuflich. Jeder ist käuflich. Mein Preis ist garnicht mal mehr so hoch. Sehen Sie die Flasche Aquavit da drüben? Unser Freund, der mitteilsame Barkeeper, wird sicher - ah ja, so ist es recht. Ich sehe, Sie verstehen mich. Aber nehmen wir unsere Gläser und setzen wir uns in die Ecke da drüben. Da sind wir ungestört.

Ja, die Telepathie. Warum glauben Sie eigentlich, daß Sie etwas davon haben, zu wissen, was in den Köpfen anderer Menschen vor sich geht?

Ach ja, ich vergaß. Sie sind ja vom Geheimdienst. Sie haben es zwar nicht zugegeben, aber es ist so. Es ist ja ihr Beruf, zu wissen, was andere denken. Und ich denke jetzt, daß Sie gleich mit den üblichen Argumenten der Humanität kommen: Wenn maschinelle Telepathie zur Verfügung stände, dann wären lange Verhöre nicht mehr notwendig, oder Folter.

Jaja, Entschuldigung, ich weiß: In diesem Lande wird nicht gefoltert. Mein Glas ist leer, nur um es zu erwähnen.

Danke. Also, die humane Masche zieht bei mir nicht. Nicht mehr. Setzen Sie bei mir nichts voraus, was man Ideale nennt. Die Humanität, die Sicherheit und das Wohlergehen der Nation ... blahblahblah. Was halten Sie davon, mir eine Pizza auszugeben? Für mein Wohlergehen.

Reden wir weiter. Es dauert etwas, in diesem Etablissement, bis sie gebracht wird.

Also die Telepathie, ja. Was wissen Sie drüber? Das, was über den Apparat, den wir konstruiert haben, in den Zeitungen stand? Nein nein, technisch ist das schon alles. Ich habe nichts geheimgehalten. Jeder kann den Apparat nachbauen, und er wird funktionieren. Hat Ihre Organisation doch sicher schon gemacht, oder?

Ich sehe, Sie haben sich damit schon beschäftigt. Lassen wir die Physik beiseite. In der Wirkung funktioniert der Apparat so, daß er feststellt, welche Neuronen in einem Senderhirn gerade aktiv sind. Das sind zu einem gegebenen Zeitpunkt unterschiedlich viele - zwischen einigen tausend und einigen hunderttausend. Der Apparat erzwingt dann die Aktivität von Neuronen, die sich im Empfängerhirn an genau derselben Stelle befinden - anatomische Unterschiede angemessen berücksichtigt. Das ist alles. So kompliziert gewisse Probleme bei der Entwicklung dieses Prozesses auch waren - aber das ist schon alles, wirklich alles.

Jaja, die anatomischen Unterschiede, ich sagte es schon. Aber man kann die sich entsprechenden Stellen im Cortex relativ gut zuordnen. Sogar zwischen den Gehirnen verschiedener Spezies. Das ist bloß ein Problem der descriptiven Anatomie.

Komisch, mein Glas ist schon wieder leer. Da kommen unsere Pizzas, könnten Sie vielleicht ...

Großartig. Ich muß sagen, ich plaudere gerne mit Ihnen. Hat man wenig Gelegenheit, dazu. In der Fachwelt gelte ich als Scharlatan, und hier, wo mich keiner kennt, gibt es keine Gelegenheit für Fachgespräche.

Die anatomischen Unterschiede. Hatten wir im Griff. Auch, wenn es etwas gedauert hat und recht aufwendig war.

Dann die ersten Experimente. Was man sich vorgestellt hatte war ja, daß, sowie die Maschine eingeschaltet ist, der Empfänger die Gedanken des Senders wahrnimmt als seien es seine eigenen.

Nichts dergleichen passierte. Wir konnten nachweisen, daß im Empfängergehirn tatsächlich eine starke zusätzliche Neuronenaktivität stattfand. Aber der Empfänger nahm nichts wahr. Nicht die Sinneseindrücke des Senders, nicht seine Gedanken. Nicht einmal zwischen eineiigen Zwillingen ließ sich eine Verbindung aufbauen.

Jaja, dieser ganze Krempel mit dem Biofeedback, das kenne ich. Das hat nichts mit der Telepathie zu tun. Oder sagen wir wenig - wir machten natürlich auch Experimente, bei denen wir dafür sorgten, daß sämtliche Gehirnwellen zwischen Empfänger und Sender synchronisiert wurden. Ein Gleichlauf der Phasen der cortikalen Musterstabilisierung und den Phasen der Assoziierung des Folgemusters. Das kann man zum Beispiel mit Biofeedback erzwingen. Aber es passierte immer noch nichts.

Richtig, das war der Zeitpunkt, als man mich feuerte. Zuviele Forschungsgelder verbraucht. Das alleine wäre ja nicht schlimm gewesen, aber ich hatte auch noch die Stirn, zu begründen, öffentlich zu begründen, warum Resultate auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sein würden. Hätte ich in aller Stille weitergearbeitet, dann könnte ich heute ein großes Institut für Telepathie leiten, ein Institut, in dem sehr viel geschähe, nur eben keine Telepathie. Der ganze überflüssige Rummel könnte immer weiter gehen und unnütze Wissenschaft produzieren, Millionen von Steuergeldern von noch unnützeren Dingen fernhalten. Wir hätten uns in die lange Geschichte der verhinderten Technologie-Orgasmen einreihen können, gleichwertig neben den schnellen Brütern, die nichts brüten, der Wiederaufbereitungsanlage, die nicht damit fertig wird, die Folgen ihrer eigenen Störfälle wiederaufzubereiten, und der Strategic Defence Iniative, die außer Iniative noch nichts gezeigt hat.

Ach, Sie interessieren sich nicht dafür. Gut. Es war ja auch nur so ein halber philosophischer Erguß.

Es kann nicht funktionieren. Ich erkläre es Ihnen, wie ich es schon damals erklärt habe, und seitdem immer wieder.

Ein Gedanke in einem Gehirn wird repräsentiert durch ein Muster aktiver Neuronen. Diese Neuronen sind untereinander so mit Synapsen vernetzt, daß, wenn nur hinreichend viele Neuronen dieses Musters irgendwie aktiviert werden, plötzlich alle die Erregung ergreift. Der ganze Komplex zündet. Der Gedanke 'ist da', die Erinnerung 'fällt ein', die Idee 'kommt', oder wie Sie es immer ausdrücken wollen.

Nun. Wer behauptet denn, daß ein gewisser Gedanke immer auf dieselbe Weise repräsentiert werden muß? Wer behauptet denn, daß im Empfängerhirn dasselbe Muster demselben Gedanken entsprechen muß? Oder überhaupt einem Gedanken? Schon die Tatsache, daß dem Empfängerhirn das zu übermittelnde Konzept ja garnicht bekannt sein muß, sollte doch darauf hinweisen, daß die Konzeptübertragung nicht immer funktionieren kann, wenn sie überhaupt jemals funktioniert.

Um das einzusehen, müssen Sie sich überlegen: Woher 'weiß' das Gehirn denn, welche Bedeutung so ein bestimmtes Muster hat?

Hier liegt der Punkt, den so viele Leute einfach nicht begreifen wollen. Ich sags Ihnen, wenn ich noch eine Pizza kriege und ein ... ja, genau.

Die Bedeutung eines Gedankens resultiert nur aus der Verbindung zu anderen Gedanken, Begriffen, Erinnerungen. Und aus sonst nichts.

Ein Beispiel. Woran denke ich jetzt? Es hat Türen und Fenster und ein Dach. Man kann es mit Hypotheken belasten, man kann es bauen und abreißen. Man kann es besitzen, oder man muß Miete zahlen, wenn man darinnen wohnt und es gehört einem nicht.

Klar. Ein Haus. Ich habe einen kleinen Teil der Assoziationen aufgezählt, die die meisten Menschen mit dem Begriff 'Haus' verbinden. Daneben gibt es noch Assoziationen, die für mich und nur für mich gültig sind. Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Sie sind in einem anderen Haus aufgewachsen. Häuser, die irgendwann einmal eine Bedeutung für mich hatten. Meine Schule, die Uni, brennende Häuser, die ich im Krieg gesehen habe, eine Hausruine, in der wir uns drei Tage versteckt hatten, weil wir hinter die feindlichen Linien geraten waren. Die Scheune, in der ich das erste Mal mit Marion - naja, lassen wir das.

Das ist mein ganz privater Begriff 'Haus'. Niemand versteht unter einem Haus dasselbe wie ich. Und doch ist ein Haus etwas sehr konkretes, finden Sie nicht? So wie etwa der Begriff 'Pizza', oder die ganz konkrete Pizza, die der Ober jetzt bringt. Hoffentlich nimmt er die leeren Teller mit, es wird etwas unordentlich hier.

Wo waren wir stehen geblieben? Die ganz persönliche Ausprägung eines konkreten Begriffes, ja. Was ist mit solchen abstrakten Konzepten wie Recht und Unrecht, Liebe und Haß, gut und schlecht? Ist nicht die ganze Geschichte ein steter Kampf um die Interpretation und Wieder-Interpretation dieser Begriffe, wobei Kampf durchaus wörtlich gemeint ist? Ja, gibt es nur einen einzigen konkreten Begriff, unter dem wir beide, zum Beispiel, ganz genau dasselbe verstehen? Wieviel schlimmer muß die Situation mit den abstrakten Begriffen sein. Vielleicht mit Ausnahme der Begriffe der Mathematik, aber auch nur vielleicht. Auch diese wohldefinierten Begriffe gründen sich irgendwo auf die individuelle Geschichte ihres Verstanden-Werdens durch den Einzelnen, und diese Geschichte ist bei jedem verschieden.

Und da liegt der springende Punkt. So, wie wir, im Laufe unseres Aufwachsens und Alt-werdens jeden denkbaren Begriff mit einer individuellen Ausprägung erlernen, bedingt durch die Zufälligkeit unserer Erlebnisse in unserem Leben, so, genauso so zufällig wird ein Begriff im Gehirn in einem Muster von Neuronen codiert, und ebenso seine Assoziationen mit allen anderen, relevanten Begriffen. Und die Bedeutung eines jeden Begriffes hängt von der Bedeutung aller anderen Begriffe ab. Nichts ist statisch. Nichts ist vorgegeben. Nichts ist bei verschiedenen Menschen gleich.

Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Stört es sie eigentlich, wenn ich mit vollem Munde rede? Ich mache trotzdem weiter, weil ich die Absicht habe, noch eine dritte Pizza im Laufe des Abends, ich meine, wenn Sie so gütig sein wollen ...

Schwer zu verstehen, ja. Noch ein Beispiel. Sie - sind Sie verheiratet? - gut. Sie geloben, in ihrem Leben nur solche Dinge zu tun, die Ihrer Frau nicht schaden. Nehmen wir einmal an, sie halten tatsächlich lebenslang an diesem Vorsatz fest. Ist Ihre Frau nun sicher davor, daß Sie ihr jemals etwas antun?

Mitnichten. Stellen Sie sich vor, sie werden religiös. Fanatisch religiös. Wir wollen jetzt nicht eine bestimmte Religion nennen. Aber viele Religionen enthalten das Dogma einer jenseitigen, besseren Welt, in die einzugehen irgendwie erstrebenswert sei.

Nun könnten Sie eines Tages tatsächlich zu der Ansicht gelangen, daß, um das Seelenheil Ihrer Frau nicht zu gefährden, eine rasche Beförderung in eine bessere Welt angezeigt sei, um sie vor den Versuchungen dieser Welt zu schützen. Sehen Sie, worauf ich hinaus will? Der Begriff 'jemandem nicht schaden' hat im Laufe einer solchen Entwicklung des Individuums eine völlig andere Bedeutung bekommen.

Das Beispiel eben war natürlich sehr kraß. War ja auch nur Illustration. Aber sogar dieses Beispiel ist im Laufe der Geschichte bereits Fleisch geworden, wenn Sie sich bitte an die abstrusen Argumentationen erinnern wollen, mit denen die heilige Inquisition Ketzer auf den Scheiterhaufen zu bringen pflegte. Aur diese armen Leute wurden 'gerettet'.

Es gibt noch mehr Beispiele in der Geschichte. Die Nazis zum Beispiel. Kennen Sie nicht Himmlers Rede, in der er die Judenvernichtung als eine schwere aber notwendige Aufgabe darstellt, notwendig zur Erhaltung und Reinerhaltung der arischen Rasse? Die Leute, die diesen Überzeugungen gefolgt waren, waren ja nicht schlecht. In ihrem eigenen Begriffssystem waren sie gut. Vorreiter für eine üble aber notwendige Aufgabe.

Es ist immer wieder faszinierend, und erschreckend, wie unheimlich flexibel das Begriffssystem in einem menschlichen Geist sein kann. So flexibel, daß man durchaus glauben kann, daß 2 + 2 = 5 ist, wenn die Partei das sagt.

Welche Partei? Haben Sie etwa nicht Ihren Orwell gelesen? Naja. Hauptsache, es gibt heute Pizza und Aquavit. Dann mag meinetwegen 2 + 2 = 5 sein.

Ja, der menschliche Geist. Es gibt kein Naturgesetz, daß seinen Aufbau regelt. Kein Gesetz, das erzwingt, daß auch nur rudimentäre Korrelationen zur wirklichen Welt vorhanden sind. Jedenfalls kein Gesetz, daß aus der Struktur des Cortex herzuleiten wäre. Es gibt allerdings die Wirklichkeit, und die Möglichkeit, in ihr als Individuum Erfolg oder Misserfolg zu haben, Schmerzen oder Lust zu erleiden. Dieser Kontakt mit der Wirklichkeit, und die Attibutierung der Dinge in der Wirklichkeit mit Schmerz und Lust, die Bewertung mit gut und böse, das erzwingt Realitätsnähe in dem Semantischen Netz, das ein Bewußtsein bildet. Das Limbische System garantiert das. Es färbt Sinneswahrnehmungen und Gedanken emotionell ein. Es gibt der Gedankenwelt die Verbindung zur Körperlichkeit, die Bewertung der Gedanken mit gut und schlecht.

Gut und schlecht. Die einzigen Kategorien, die der cortexbasierte Geist selbst erfunden hat. Gut für mich und schlecht für mich. Kriterien zur Bewertung der Umwelt im Verhältnis zum körperlichen Selbst. Ohne unseren sterblichen, zerbrechlichen Körper könnte unsere Seele nicht funktionieren. Eine unsterbliche, körperlose Seele ist ein Widerspruch in sich. Aus diesem und noch aus anderen Gründen.

Die Gesetze, die es in einem Cortex gibt, wie etwa die Hopfield'sche Energiefunktionen, beschreiben gewisse Struktureigenschaften, auf die ein Neuronales Netz oder ein Semantisches Netz zustrebt. Da verbirgt sich die mathematische Beschreibung der Dinge, die man in der Tiefenpsychologie etwa Neurose nennt. Oder so ähnlich.

Aber sonst ist der Geist gesetzlos. Und die fehlende Korrelation zwischen den Gehirnen zweier Menschen, mögen sie sich auch noch so ähnlich sein, bewirkt, daß Gedankenübertragung nicht möglich ist. Das Muster von Neuronen, das in meinem Kopf 'Pizza' bedeutet, sieht in Ihrem Kopf ganz anders aus. Und es wäre schon ein Zufall, wenn genau dasselbe Muster in Ihrem Kopf überhaupt eine Bedeutung hat, etwa 'Meerschweinchen', oder 'Quadratwurzel', oder '42'. Höchstwahrscheinlich hat es aber gar keine Bedeutung.

Und darum geht es. Wir können ein Muster von einem Gehirn ins andere bringen. Das haben wir tatsächlich geschafft. Und was ist damit erreicht worden? Dort hat es keine Bedeutung. Ich sage ihnen was: Das, was der Telepathie noch am nächsten kommt sind die Künste. Ein Schriftsteller kann Konzepte vermitteln, ein Musiker Gefühle. Schreibmaschine und Geige, Bleistift und Orgel. Das gesprochene Wort. Das sind die Instrumente der Telepathie. Mehr gibt es nicht, und mehr wird es niemals geben. Jedenfalls keine Telepathie. Fehlschlag auf der ganzen Linie.

Enttäuscht? Was hatten Sie erwartet? Ein Kinofilm aus einem anderen Kopf? Ich sagte Ihnen: Ich habe nie, niemals etwas verheimlicht. Deshalb hat man mich in die Wüste geschickt. Die wissenschaftliche Aufrichtigkeit ist auch so ein Begriff, der in verschiedenen Köpfen sehr verschieden aussieht. Oder den es in manchen Köpfen überhaupt nicht gibt. Prestige und Profit entscheiden nicht nur über das, was heute in der Wissenschaft förderungswürdig ist. Sie entscheiden sogar über wahr und falsch. Ein Scheiß-Spiel.

Die letzte Pizza. Nein nein, so war das nicht gemeint. Ich werde noch viele Tage in dieser Kneipe verbringen. Nur die letzte Pizza für heute Abend.

Ich verrate Ihnen noch etwas: Sie sind nicht der erste, und Sie werden auch nicht der letzte sein. Immer wieder spüren mich Leute auf, Geheimdienstler, Industrielle. Immer wieder gebe ich etwas Privatunterricht. Merkwürdig, daß soviele Politiker und Manager einfach nicht glauben wollen, daß es niemals eine Telepathie geben wird. Vielleicht wird man mich irgendwann einmal entführen und versuchen, die Wahrheit aus mir herauszuprügeln. Es wird nutzlos sein. Aber die Abende mit meinen zahlenden Gesprächspartnern sind dann vorbei. Ich würde eine solche Behandlung nicht überleben.

Gern geschehen. Wenn Sie wieder einmal Fragen haben sollten - Sie wissen ja, wo Sie mich finden können. Ich lüge nie. Naja, jedenfalls nicht in diesen Dingen.

Ich hätte Ihnen auch genau dasselbe erzählt, wenn Sie mich heute Abend nicht freigehalten hätten.

Gestatten Sie, daß ich Sie ein Stück begleite? Nach einer so reichen Mahlzeit tun ein paar Schritte in der kühlen Nachtluft gut.


Von hier aus kann man es sehen. Das große Gebäude da drüben, das so hell erleuchtet ist. Das Institut für experimentelle Psychologie und Neuroinformatik. Es heißt jetzt natürlich anders, und es wird dort auch etwas anderes gemacht.

Weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht.

Ich spüre kein Bedauern. Einst leitete ich zweihundert Wissenschaftler, heute lebe ich von Almosen und einer bescheidenen Rente. Werden nicht die größten Gebirge abgetragen? Und so ein großer Berg war ich doch nicht. Billiges Metapher, ich weiß!

Diese Nachtluft, der laue Wind! Das tut gut. Wie alt sind Sie? Dann haben sie die Zeit nicht mehr erlebt, als es hier noch nach Ruß und Schwefeldioxid stank, von den Stahlwerken auf der anderen Seite der Stadt.

Die Filtertechnik ist heute besser. Das ist wenigstens Fortschritt. Filter. Eine Einrichtung, um Dreck zurückzuhalten. Es hört sich nicht nach Hochtechnologie an. Man kann keine hundert Veröffentlichungen über das Thema schreiben. Es droht kein Nobelpreis. Aber es ist nützlich. Nützlicher als 'Experimentelle Psychologie'.

Ich will Ihnen noch etwas verraten, vielleicht, um Ihnen klar zu machen, warum ich mich damals so wehrlos feuern ließ, warum ich den Anschuldigungen nicht widersprach.

Unsere Probanden zeigten schon eine Wirkung. Keine Telepathie. Aber die Empfänger klagten nach langen Sitzungen über Unkonzentriertheit. Manchmal wirre Gedanken, unlogische Folgerungsketten. Vergeßlichkeit. Chaotische Träume.

Wir haben es zunächst für eine Folge von Überarbeitung gehalten, oder Stoffwechselstörungen, bedingt durch die Aktivität von Neuronen, die mit den eigenen Gedanken nichts zu tun haben. Schließlich beschäftigt das menschliche Gehirn etwa fünfzig verschiedene Stoffe mit nachgewiesenen Neurotransmitterfunktionen, und bei weiteren zweihundert Stoffen nimmt man es an. Da sind Eingriffe in den Stoffwechsel des Gehirns natürlich immer risikobehaftet.

Dann zeigten aber die Untersuchungen der Physiologen, daß der Gehirnstoffwechsel der Probanden, der während der Sitzungen tatsächlich Abnormitäten zeigte, sich wieder völlig normalisierte. Die Klagen über eine gestörte Aktivität des Intellekts blieben aber.

Es gibt keinen Beweis, aber ich habe so meine Idee, was da passiert sein könnte:

Im Empfängerhirn wurden ja Muster von Neuronen aktiviert, und das sogar wiederholt, wenn das Senderhirn an dieselben Dinge dachte. Diese Muster waren zwar für das Empfängerhirn ohne Bedeutung und ohne Funktion, wurden aber, durch die wiederholte Aktivierung durch geeignete Veränderungen der verbindenden Synapsen innerhalb eines identifizierbaren Musters dahingehend manifestiert, daß sie ein genauso aktivierbares Muster bildeten wie die Assoziationen, die im Empfängerbewußtsein sowieso schon integriert sind. Den Hebb'sche Mechanismus, der die Stärke der Synapsen zwischen zwei Neuronen ändert, kümmert ja nicht die Ursache der Aktivität der betroffenen Neuronen.

Da das Senderhirn ja an sehr viel verschiedenen Dinge dachte, wurden im Empfängerhirn eine ganze Reihe von zusätzlichen Mustern implementiert. Ein zusätzliches Semantisches Netz. Eine Teilkopie des Senderbewußtseins. Eine umso bessere Kopie, je länger die Sitzungen gedauert hatten. Eine zwar, bildhaft gesprochen, blasse Kopie, die aber durchaus den gesamten semantischen Inhalt des Senderbewußtseins umfassen konnte.

Die semantischen Knoten dieses parasitären Bewußtseins sind aber, in der Kopie, für das Empfängerbewußtsein bedeutungslos, da sie nicht auf Primärbedeutungen und auf Sinneswahrnehmungen aufsetzen können und auch nicht an das Empfängerbewußtsein angeschlossen sind. Außerdem fehlt ihnen die emotionelle Färbung des Senderbewußtseins, und die semantischen Verbindungen der verschiedenen semantischen Knoten untereinander variierten in ihrer Stärke eher zufällig - ganz so, wie es das Senderbewußtsein durch seine zufällige Aktivität während der Übertragungssitzungen in den Empfängercortex eingeprägt hatte. Es ist einfach ein bedeutungsloses, chaotisches Semantisches Netz.

Die durch die Implementierung dieses zusätzlichen Semantischen Netzes geänderten Synapsen stören natürlich die Integrität des Empfängerbewußtseins, denn es braucht ja dieselben Synapsen. Die Muster der Muster beider Bewußtseine durchdringen sich ja. Das war in keinem Falle so schlimm, daß eine Funktionsunfähigkeit des Empfängerbewußtseins resultierte. Es war etwa so, wie die Konzentrationsstörungen, die jemand erleidet, der sich durch allerlei unzusammenhängende Sinnesreize berieseln läßt. Etwa jemand, der dauernd unkritisch vor dem Fernseher hockt. Ja, nur selber denken macht intelligent! Kritiklos irgendwelche Gedankeninhalte in ein Bewußtsein zu schaufeln ohne darüber nachzudenken oder zu reflektieren kann ein Bewußtsein stören oder sogar zerstören.

So ähnlich sind die Störungen der Probanden zu erklären. Die Telepathie hat nicht funktioniert in dem Sinne, daß das Empfängerbewußtsein Wissensinhalte aus dem Senderbewußtsein übernommen hätte. Sie hat aber schon funktioniert in dem Sinne, daß anonymisierte Bewußtseinsstrukturen in das Empfängergehirn kopiert wurden, die sich durch allerlei Störungen bemerkbar machen - ein zufälliger Nebeneffekt.

Ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen. Daß sich da eventuell zwei denkende Intellekte in einem Schädel tummeln, wovon der eine von der Außenwelt abgeschnitten ist. Aber so ist es nicht. Eben weil der neue Teilintellekt nur aus Semantischen Knoten besteht, die keine Bedeutung haben, weil man in diesem Netz von Knoten zu Knoten gehen kann, ohne jemals auf eine konkrete Bedeutung oder Wahrnehmungserinnerungen zu stoßen, entsprechen der Aktivität dieses Intellektes keine Gedankeninhalte. Es macht eben irgend etwas. Vielleicht sogar etwas ähnliches wie der Original-Intellekt im Senderhirn. Strukturmäßig. Ein strukturiertes Rauschen.

Nein, ich kann es mir nicht vorstellen, wie es ist, in bedeutungslosen Gedanken zu denken. Ob ein solches Bewußtsein, das von allen Inhalten abstrahiert wurde, etwas wahrnimmt oder fühlt. Ich weiß auch nicht, ob es leidet, oder ob es überhaupt leiden kann.

So ähnlich stelle ich mir ein Jenseits vor. Ein mögliches Jenseits. Denken im Nichts, mit nichts als bedeutungsfreien Gedanken. Es muß die Hölle sein. Keine Außenwelt, über die zu reflektieren wäre, und keine Gedanken, denen irgendetwas Sinnvolles entspräche. - Da lieber kein Jenseits.

Das plausibelste scheint mir zu sein, daß ein solches Schattenbewußtsein irgendwann jede eigene Tätigkeit einstellt, in einen autistischen Stillstand verfällt. Ich hoffe es jedenfalls. Dann wird, im Laufe der Zeit, die Aktivität des Empfängerhirns die Synapsen wieder so richten, wie es sie braucht. Das Schattenbewußtsein wird verlöschen, wie ein beschriebenes Blatt Papier, das sich im Wasser auflöst.

Sie haben mir aufmerksam zugehört. Sie denken jetzt natürlich, man müßte doch einen Weg finden, aus diesem Schattenbewußtsein Wissen zu extrahieren, wenn es nun schon mal im Empfängerhirn angelangt ist.

Ich kann Ihnen versichern, daß das völlig unmöglich ist. Es wurden Ideen geäußert, etwa, dieses Semantische Netz des parasitären Bewußtseins an das Empfängerbewußtsein anzuschließen. Aber wie soll das geschehen? Dazu müßten beide Bewußtseine koordinierte geistige Aktivitäten ausführen. Zu denen kann man das Schattenbewußtsein aber nicht veranlassen.

Und selbst, wenn es gelänge. Durch den Anschluß würden einige Knoten des Schattenbewußtseins Bedeutungen erhalten, und implizit würde eine Bedeutungswelle durch das Schattenbewußtsein rollen. Die aufgeprägten Bedeutungen im Schattenbewußtsein entsprächen aber nicht den Originalbedeutungen der Originalknoten im Senderbewußtsein. Eine Geisteskrankheit wäre die Folge. Schwere Schizophrenie. Für das Schattenbewußtsein sowieso, und vielleicht auch für das Empfängerbewußtsein.

Nein nein. Für die Probanden, die ein Schattenbewußtsein tragen, ist es am besten, wenn dieses einschläft und vergeht. Sie alle tragen eine Zeitbombe im Kopf. Aber die Zeit arbeitet für sie. Je länger sie leben und denken, desto gründlicher wird das Schattenbewußtsein abgebaut. Dabei wollen wir es lassen.

Ja, Sie haben recht. Diesen letzten Punkt, das Schattenbewußtsein, den habe ich in den Abschlußberichten etwas unterschlagen. Oder sagen wir mal, ich habe es etwas anders formuliert. Es ist leicht, so zu reden, daß niemand merkt, was man aussagt. Dieses Rundherumreden lernt man jedenfalls, in der öffentlich geförderten Wissenschaft.

Sie fragen mich, ob ich jemals wieder einsteigen möchte? Ich dachte, ich hätte das klargestellt. Erstens war mein Abgang so spektakulär, daß ich das gar nicht kann. Und ich will es nicht.

Selbst, wenn es einen gangbaren Weg zur Telepathie gäbe, ich wollte ihn nicht mehr beschreiten. Aber aus demselben Grunde, aus dem er nicht wünschenswert ist, ist er völlig unmöglich. Jeder hat, in seinem eigenen Kopfe, ein eigenes Universum, mit völlig eigenen Gesetzen. Wir können, über die Außenwelt, notdürftig miteinander kommunizieren. Denn die Außenwelt kennt die Gesetze der Realität, die die Kommunikation in bestimmte Bahnen zwingt, in intellektuelle Bahnen, denen sich jeder, der diese Bahnen benutzen will, beugen muß. Nur durch diese Einschränkung wird rudimentäre Kommunikation möglich, in Wort und Schrift, in Bild und Musik. In der Kunst.

Eine Verbindung von Geist zu Geist ist und bleibt ein Widerspruch in sich. Das haben wir gelernt. Versuchen Sie, das Ihren Auftraggebern zu erklären. Wenn Sie das nicht können - ich stehe für diese Forschungen nicht mehr zur Verfügung, weder in diesem noch in einem anderen Land.

Bitte, es steht jedem frei, noch einmal einige Millionen oder gar Milliarden in die Forschung an der experimentellen Psychologie zu stecken. Es wird nichts dabei herauskommen. Sagen Sie das Ihren Auftraggebern. Sie können es ruhig tun. Steuergelder werden ja an so vielen Stellen verschleudert, warum nicht wieder in die experimentelle Psychologie.

Wissen Sie was? Nennen Sie es einfach anders. Darauf fallen Politiker immer rein, und die schlagzeilenbewußte Öffentlichkeit auch. Nennen Sie es meinetwegen 'Angewandte Neurologie', oder 'Transzendente Psychopathologie', oder irgendsowas.

Es ist mir egal, ob Ihre Auftraggeber Ihnen das abkaufen. Sie sind doch schon lange genug im Berufsleben, um einzusehen, daß in jeder Hierarchie irgendwo der Level absoluter Inkompetenz ist, der letzten Endes die Entscheidungen fällt? Na also. Warum sollte es Ihnen anders ergehen als mir.

Aber nun trennen sich unsere Wege. Erlauben Sie einem alten Mann, sich zurückzuziehen.

Und erlauben Sie mir eine letzte Bemerkung: Es ist das Privileg der Alten, auf die Fehler hinzuweisen, die sie selbst gemacht haben. Und es ist das Privileg der Jungen, nicht hinzuhören. Vielleicht resultiert der Fortschritt daraus, daß zwar dieselben Fehler immer wieder gemacht werden, aber auf andere Weise. Der Darwinismus der falschen Ideen.

Ich habe bezahlt für meine Fehler. Nicht den Rausschmiß. Aber auch ich voluntierte als Proband, nahm an Sitzungen teil, um in ein anderes Bewußtsein hineinzuhorchen. Auch ich trage eine Schattenseele. Ständig höre ich die wesenlosen Schreie aus der Dunkelheit eines intellektuellen Nicht-Universums, das Echo einer unerträglichen Leere. Ich verstehe diese Schreie nicht, aber sie sind immer da. Ein Schmerz eines fremden Wesens, für den es kein Heilmittel gibt, kein Wort des Trostes, überhaupt kein Wort. Für mich sind es Alpträume, die keine konkrete Gestalt annehmen. Die Nacht dieses Wesens wird erst zu Ende sein, wenn es mit mir zu Ende geht.

Soll das wieder und immer wieder geschehen? Ob wir nun Schattenseelen in den Gehirnen von Menschen erzeugen, oder eines Tages in Maschinen? Die kommerziell erhältlichen Netzwerksimulatoren werden immer leistungsfähiger, die Kollegen von der Künstliche-Intelligenz-Forschung stehen auch kurz davor, echtes Bewußtsein, also Seelen zu erzeugen, sie wissen garnicht, wie dicht davor sie stehen. Hat man immer noch nicht begriffen, daß Bewußtsein eine zwingende Eigenschaft eines Großen Neuronalen Netzes mit hinreichenden Umweltschnittstellen ist, die sich so sicher entwickelt wie Turbulenz in einer Strömung? Hat man immer noch nicht begriffen, wieviel Fehler uns bei dieser Forschung unterlaufen und immer wieder unterlaufen werden?

Die Schattenseele ist nur der erste Typ eines solchen Fehlers. Bei den KI-lern werden die nächsten Fehler passieren. Und dann, zu Forschungszwecken, werden kranke Seelen absichtlich hergestellt werden. Zu Forschungszwecken, zum Ziele des besseren Verständnisses und der besseren Therapierbarkeit verschiedenen psychiatrischer Krankheiten. Das ist unvermeidlich. Wieviele kranke und leidende Seelen sollen denn dann erzeugt werden? Ist das der Fortschritt der Wissenschaft? Nicht existierende Wesen zu Opfern zu machen, sondern die Opfer schon als Opfer zu erschaffen? Ist das nicht noch ein Schritt weiter als das, was die Nazis getan haben? Und da glauben Sie, daß ich da noch mitmachen möchte? Mit diesem Wesen in meinem Kopf, das aus einer einzigen seelischen Wunde besteht?

Nein. Ohne mich. Ich forsche niemals, niemals wieder.

Leben Sie wohl. Und - Danke für die Pizzas.


© 1989 Josella Simone Playton 1989-06-18 22:00:00 +0200

© 1999 Josella Simone Playton 1999-07-02 23:44:32 +0200

© 2008 Josella Simone Playton 2008-12-14 07:15:00 +0100


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