Welthöhle - Projekt CHARMION



        Josella Simone Playton Maccoil



        Buch 1: Projekt CHARMION

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        0.      PROLOG


Unglückliche Umstände sind es, die mich zwingen, einen Bericht über die Ereignisse der zweiten Welthöhlenexpedition anzufertigen. Eigentlich wollte ich nie wieder über diese Dinge reden. Aber nichts ist so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Es soll weder eine Rechtfertigung werden, noch ein Versuch, die Schuld an den Umständen, die jetzt latent die Existenz der Menschheit bedrohen, auf andere zu schieben - auch wenn ich, aus meiner Sicht, Grund genug hätte, das zu tun. Ich will einfach nur die Dinge objektiv darstellen - so objektiv, wie es mir als Mitbetroffenen möglich ist.

Zur Vorgeschichte. Am Anfang des Jahres 1996 veröffentlichte ich einen Fantasy-Roman, der am Markt zunächst ein mäßiges Interesse fand, gerade so viel, daß es dem Verlag nicht übermäßig leid tat, diesen Roman herausgegeben zu haben. 'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen' beschrieb eine Expedition in ein durch mich und meine Frau am 19. August 1995 durch Zufall entdecktes riesiges Höhlensystem, das große Teile von Mitteleuropa untertunnelt und das eine funktionierende und reichhaltige Biosphäre enthält. Diese Höhle, die der geologischen Forschung bis dahin vollständig entgangen war, bot auch verschiedenen menschlichen Volksgruppen Lebensraum.

Ich beschrieb unsere Erlebnisse unter diesen Menschen und die Dinge, die wir beobachteten. Da es uns gelang, die zivilisierte Welt unter erheblichen Schwierigkeiten wieder zu erreichen, konnte eine protokollarische Beschreibung unserer Erlebnisse gerade als fiktive Reisebeschreibung oder als Abenteuerroman aufgefaßt werden, wenn man deren realen Hintergrund nicht kannte.

Diese fiktive Beschreibung war aber keine Fiktion. Ich muß zugeben, daß ich aus purem wirtschaftlichen Interesse diesen Roman geschrieben habe - wenn es mir wirklich Ernst gewesen wäre, diese völlig abgeschlossene Welt in der Welthöhle vor der Entdeckung durch die zivilisierte Menschheit zu bewahren, dann hätte ich ja den Mund halten können. Daß meine Frau und ich dieses Abenteuer überlebt haben, hätte uns genug sein müssen. Aber nein, ich mußte ja unbedingt unsere Erlebnisse zu Buche geben. Was für ein scheußlicher Bastard diese literarischen Ambitionen sind, dieser Wunsch, der Nachwelt unbedingt etwas zu hinterlassen, wenn es schon nicht selbstgemachte Nachkommen sind!

Ich hätte wissen müssen, daß ich damit nicht davonkommen konnte. Ich hätte wissen müssen, daß es Leser geben würde, die diesen Roman ZU aufmerksam lesen würden.

Es war im Januar 1998, als ich das erste Mal einen dieser zu aufmerksamen Leser zu Gesicht bekam. Aber ich wußte noch nicht, mit wem ich es zu tun hatte.

Hätte ich es gewußt, hätte ich noch am selben Tag mein Land und meinen Kontinent verlassen. Große Verluste wären mir und anderen erspart geblieben.

Zum Stil: Wenn man etwas zum zweiten Mal macht, dann ist der Eindruck nicht mehr ganz so unmittelbar wie bei der Ersterfahrung. Das findet auch in dieser Niederschrift seinen Niederschlag. Während ich in 'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen' einen protokollarischen und chronologischen Stil verwendet habe, um ja nichts verfälscht wiederzugeben, sind meine Erinnerungen an den zweiten Aufenthalt in der Welthöhle teilweise weniger dicht. Für solche Dinge verwende ich einen mehr erzählenden und zusammenfassenden Stil, meistens im grammatischen Tempus der Vergangenheit. Die Erlebnisse, die ich genauer erzählen muß, werden in der Gegenwart erzählt - wie in den 'Granitbeißerinnen'. Vorwärts- und Rückwärtsverweise kommen dieses Mal vor, einfach aus dem Grunde, daß ich diesmal den Roman unter mehr Zeitdruck schrieb - es geht aus ihm deutlich genug hervor, warum das so ist.

Diesmal, auf der zweiten Welthöhlenexpedition, wurde auch viel in Englisch gesprochen, besonders an Bord. Das erwähne ich nur dort, wo es notwendig ist, die Dialoge gebe ich aber durchweg in Deutsch wieder. Meistens weiß ich auch gar nicht mehr, welche Sprache oder welchen Sprachmix wir nun wann verwendet haben, und ich habe nicht mehr die Zeit, es herauszufinden.

Ungenauigkeiten und Widersprüche, wo sie auftreten sollten, sind meiner mangelnden Erinnerungsfähigkeit zuzuschreiben. Daß ich in den Besprechungen mehr als viele andere geredet habe, entspricht wahrscheinlich den Tatsachen.

Genaugenommen schreibe ich um mein Leben. Bei den 'Granitbeißerinnen' war es noch egal - aber dieser Roman MUSS auf den Markt. Sonst wird man mich und einige andere überlebende Teilnehmer der zweiten Welthöhlenexpedition in den nächsten Jahren ganz unauffällig liquidieren.

Und dieser Roman muß auf den Markt, damit die Welthöhle eine Legende und nichts anderes als eine Legende bleibt. Für immer.


        In Erinnerung an Irene

        und an die 16943 Tage,

        die ihr zu leben vergönnt waren.

        Ich werde sie nicht vergessen.


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        1.      Der Pfeiffer und die Läuferin


In der frostigen Kälte einer Winternacht sich selbst zu einem Waldlauf zu überreden ist immer wieder eine Überwindung. Aber wenn, wie es in jener Nacht im Januar 1998 der Fall war, der Vollmond aus einem klaren und kalten Himmel den frisch gefallenen Pulverschnee in eine glitzernde, fremdartige Welt verwandelte, dann hat es sich gelohnt, sobald man den 'steady state' des Laufens erreicht hat. Der Organismus eines trainierten Läufers sorgt dann dafür, daß das Laufen fast von selbst geht, und daß Augen und Ohren und Gedanken für die Nacht offen sind. Eine mondhelle Winternacht zu beschreiben hieße aber, mit Klischees um sich zu werfen. Das will ich jetzt dem Leser nicht antun.

Das genaue Datum weiß ich nicht mehr. Es ließe sich aus dem Kalender entnehmen - auch im Januar 1998 gab es wohl nur eine einzige Vollmondnacht. Es kann übrigens auch die Nacht davor oder danach gewesen sein, auf jeden Fall war es noch Januar, und ich glaube, es war so um den zwölften herum - aber ich kann mich auch irren. Ich kann auch diesen Lauf an andere Ereignisse nicht assoziieren, denn es gab keine. Seit unserer Expedition durch die Welthöhle vor mehr als zwei Jahren lebten wir sehr still und zurückgezogen. Die Welt scheint so transparent, wenn man weiß, daß die Welt, die man um sich herum wahrnimmt, nur einen Teil der Welt ist, in dem sich die Schicksale von Menschen abspielen. Wenn man einmal in der Welthöhle war, dann bleibt sie immer gegenwärtig. Vielleicht haben die Menschen des Mittelalters so ähnlich empfunden, weil ihnen die religiösen Jenseitsvorstellungen subjektiv soviel realer und näher waren als uns.

Ich weiß auch nicht, was die Irene an jenem Abend gemacht hat. Vielleicht sah sie fern, vielleicht schlief sie schon. Es war eben ein Abend wie viele.

Ich lief an der S-Bahn entlang auf Kreuzstraße zu. Schnelligkeit ist im Tiefschnee natürlich nicht möglich, aber die Anstrengung ist größer, und wie sehr man sich auch anstrengt, der Tiefschneelauf ist immer sehr schonend für die Gelenke. Manchmal, wenn man einen sehr schönen, interessanten Blick erhascht, dann bleibt man auch stehen, um einfach nur zu schauen. Die Kälte wird schon dafür sorgen, daß man irgendwann weiterläuft.

Das ist der trainingsmäßige Vorteil von Winterläufen gegenüber Sommerläufen: Die Kälte wirkt der eigenen Trägheit schon entgegen. Der Nachteil ist die Beleuchtung - im Winter muß man oft im Dunkeln laufen. Normalerweise führe ich dann eine schöne Halogen-Taschenlampe mit mir, die sogar entgegenkommenden PKW-Fahrern, die partout nicht abblenden wollen, Respekt einflößt. Normalerweise - in einer klaren Vollmondnacht braucht man das Ding aber nicht. Ich hatte auch diesmal keine bei mir, das weiß ich jetzt noch mit Bestimmtheit.

So eine kurze Pause legte ich an jenem Abend auch ein, als ich die Stelle erreichte, wo die S-Bahnlinie den Wald verläßt, um durch die Felder und westlich an dem Ort Grub vorbei schon bald den kleinen Ort Kreuzstraße zu erreichen. Die Schneedecke auf den Feldern war, wegen des frisch gefallen Schnees, noch makellos, Millionen kleinster Eiskristalle glitzerten im Mondlicht und - aber ich wollte ja Klischees vermeiden.

Jedenfalls stand ich eine Weile neben den Bahngleisen und ließ meine Gedanken treiben, insbesondere auch deshalb, weil eine schneebedeckte Fläche an nichts aus der Welthöhle erinnert - in der ewigen schwülen Hitze dort unten gibt es keinen Schnee, und es gibt dort auch nichts, was dem Mondlicht ähnlich ist. Ich dachte an - ich weiß nicht mehr. Abenteuer Jack Londons in Alaska. Expeditionen des Zaren in das unbekannte Sibirien. Was einem eben so einfällt. Klischees eben.

Und ich dachte nicht mehr daran, daß ich die Wunder einer Winternacht niemals Charmion würde zeigen können - meiner schönen Menschenfresserin, die sie da unten ans Kreuz geschlagen hatten und die so elendiglich verreckte. Diese Gedanken sind mir im Laufe der Zeit abhanden gekommen - vielleicht ein Selbstschutzmechanismus des Bewußtseins. Längst ist der Schmerz durch eine verhaltene Trauer ersetzt worden. Bedauern um ein nicht zu Ende gelebtes Leben. Um einen nahen Menschen eben, der nie mehr nahe sein wird.

Während ich so stand, hörte ich Musik. Ein fernes Flötensolo. Vielleicht auch Orchesterbegleitung. Ich weiß nicht, was sie spielten, aber Musik, die in einer Mondnacht von ferne an mein Ohr dringt, erinnert mich fast automatisch an einige Textstellen aus Eichendorfs 'Taugenichts'. Ob Charmion das interessiert hätte, wenn sie lesen gelernt hätte - lassen wir das. Es tut doch noch weh. Manchmal.

Ich laufe weiter. Die kurze Erinnerung, die manchmal wie ein Hammer auf mich niederfährt, nämlich, daß ich sie nicht vor dem Vollstreckungskreuz gerettet habe, weil ich selber weiterleben wollte, zwingt mich immer zum Weiterlaufen. Um die Erinnerung abzuschütteln.

Die Musik wird lauter, ändert ihre Einfallsrichtung. Ich bleibe wieder stehen: Da stimmt was nicht. Eben noch dachte ich, da hat, irgendwo in Grub oder in Kreuzstraße, jemand ein Fenster offengelassen und seine Stereoanlage auf etwas mehr als Zimmerlautstärke eingestellt - ein netter Mensch, der Klassik liebt. Aber es ist irgendwo in der Nähe. Ein Flötenkonzert im Winterwald. Ein Radio, oder ein kleiner CD-Spieler. Vielleicht sehr leise gestellt, und ganz in der Nähe.

Vorsichtig sehe ich mich um. Nichts und niemand ist hier. Sagt der Augenschein. Aber der sagt auch, daß rechts von mir noch Wald ist. Und genau daher kommt die Musik.

Ein paar Dutzend Meter weiter biegt ein Waldweg nach rechts hinten ab - will sagen, daß dieser eine RichtungsÄnderung von etwa 130 Grad erzwingen würde, wenn ich dort jetzt laufen wollte. Hatte ich eigentlich nicht vor. Aber auf diesem Waldwege wird vermutlich die Quelle der leisen Musik sein.

Die Neugier und die Unruhe erwacht in mir: Wer hat, am späten Abend und bei etwa zehn Grad unter Null, etwas in diesem Wald zu suchen? Für ein Schäferstündchen ist es zu kalt. Für Jagdzwecke ist es zu dunkel. Waldarbeiten sind um diese Uhrzeit nicht üblich, auch in den Wäldern nicht, die in Privatbesitz sind. Eigentlich sollten nur spinnerte Leute wie ich hier sein. Läufer. Und vielleicht Romantiker mit einem Faible für Klischees.

Ich denke an eine Dame aus Grub, die ich nicht persönlich kenne, eine gewisse Ingeborg Müller. Sie ist mir schon vor sieben Jahren aufgefallen, weil sie ebenfalls läuft, zwar langsamer als ich, aber mindestens ebensolche Strecken. Sie ist etwas älter als ich, nehme ich an. Oft läuft sie mit einem Walkman, manchmal auch mit einem Hund. In den letzten Jahren sind wir uns wieder seltener über den Weg gelaufen. Aber diesen Waldweg da vorne, den läuft oder lief sie häufig. An sie, oder sagen wir, an ihren Walkman, denke ich jetzt. Sind Kopfhörer so laut, daß man sie über einige Dutzend Meter hören kann? Bislang ist mir das noch gar nicht aufgefallen, und ich habe sie weiß Gott oft genug überholt.

Aber die Quelle der Musik bewegt sich nicht. Ist sie gestürzt? Hilflos, dabei, zu erfrieren? Kopfhörer runtergerutscht, so daß man ihn so laut hört? Himmel, dann bin ich zur Hilfeleistung verpflichtet!

Wenigstens jetzt und hier. In der Welthöhle wäre ich auch häufiger zur Hilfeleistung verpflichtet gewesen. Ich darf nicht schon wieder versagen. Auch wenn ich das alte Mädchen nicht persönlich kenne. Sie muß schon über 50 sein, vermute ich. Es kann schon sein, daß der Organismus auch eines trainierten Menschen bei dieser ungewohnten Kältebelastung einmal verrückt spielt. Solche Schwächeanfälle oder Flauheitsperioden habe ich auch schon erlebt. Nichts Ernstes, es sei denn, man ist hier draußen, bei dieser Saukälte und ohne Hilfe. Dann kann so etwas gefährlich werden. Wer nicht öfter zu solchen menschenleeren Zeiten draußen ist und sich darüber Gedanken macht, kann sich gar keine Vorstellung davon machen, wie gefährlich eine saukalte Winternacht sein kann, wenn man nur auf sich gestellt ist und die nächste Hilfe erst jenseits der eigenen Rufreichweite erreichbar ist.

Aber vielleicht ist es ja auch nicht die Läuferin aus Grub. Oder nicht diese Läuferin - da gibt es noch eine Rosalia Demmler und eine Gesine Taglinger, und noch einige, deren Namen ich nicht kenne. Die laufen alle, wenn auch nicht so häufig wie die Müllerin, obwohl die meisten jünger sind, sogar noch jünger als ich selbst. Die beiden, deren Namen ich kenne, habe ich schon jahrelang nicht mehr gesehen. Daß die jetzt hier draußen sein sollten, kann ich mir schon gleich gar nicht vorstellen. Wer läuft sonst noch so motiviert, in dieser Gegend, um sich gerade diese Uhrzeit zum Laufen auszusuchen? Mir fällt keiner und keine mehr ein.

Die Musik klingt außerdem nicht so, als ob sie aus einem übersteuerten Kopfhörer kommt. Das sagt natürlich nichts. Sie kann sich einen hochwertigen, übersteuerungsfesten Kopfhörer zugelegt haben.

Ich pirsche mich an die Abbiegung des Waldweges heran. Eine Läuferin in 'Laufnot' ist eine Möglichkeit. Ich muß auch andere in Betracht ziehen. Und die Stelle da vorne ist sehr ungünstig: Direkt an der Abbiegung des Waldweges stehe ich in vollem Mondlicht. Die geschätzte Quelle der Musik könnte aber im Schatten der dichtstehenden Bäume stehen. So geht das nicht: Da kann man mich gut sehen, an einer Stelle des Weges, wo ich selbst noch nicht sehen kann, was da los ist.

Ich trete schon vor der Abbiegung in den Wald ein. Der Schnee knirscht leise unter meinen Füßen, aber viel leiser, als es im Laub rascheln würde, wenn es keinen Schnee gäbe. Morgen früh wird man meinen Spuren gut folgen können, aber das ist mir jetzt egal. Im Moment bewege ich mich leiser als die Quelle der Musik. Und ich bin im Schatten. Wie gut, daß ich dieses spezielle Waldstückchen seit nun bald 13 Jahren kenne! Gelegentlich wird ein Lauf durch dringende Entleerungswünsche des Enddarmes zwangsweise unterbrochen, und dieses Stückchen Wald ist mir da schon öfter sehr gelegen gekommen.

Was ich wohl zu sehen bekommen werde? Gleich werde ich es wissen. Die Flötentöne erinnern mich auch an ein anderes Ereignis, das nun schon etwa 20 bis 25 Jahre zurückliegt. Es war in Clausthal, auf einer nächtlichen Wanderung in die Umgebung. Wie heute war es Vollmond, aber es war Sommer. Und ich hörte ein Flötenspiel. Keine Kassettenwiedergabe, keine Begleitung. Das war live. Irgendwo lief jemand durch den Wald und spielte Flöte.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob gut oder schlecht gespielt wurde. Aber es muß wohl so faszinierend gewesen sein, daß ich unbedingt die Quelle dieses Flötenspieles feststellen wollte. Das erforderte schnelle, nächtliche Bewegungen durch Schonungen und häufiges Horchen, um die Quelle erneut zu orten. Immer, wenn sich die Einfallsrichtung änderte, dann konnte man so eine Art rohe Triangulation machen. So fand ich schließlich die Quelle des Flötenspiels.

Es war an einer offenbar aufgegebenen Bergwerksanlage zwischen Einersberg, Winterhalbe und Waldweben. Da gab es einen großen Platz. Dort hatte ich ihn. Aus sicherer Deckung heraus beobachtete ich einen Mann, der dort auf und abmarschierte und die Flöte blies.

Naja, warum nicht? Es gibt kein Gesetz, das das Flöten auf stillgelegten Bergwerksanlagen verbietet. Vielleicht ist das auch ein sehr inspirierender Ort zum Üben. So inspirierend für den Spieler wie faszinierend für den zufälligen Zuhörer. Ich kann das verstehen. Ich zog mich damals ungesehen und unbemerkt zurück. Das Geheimnis war nun teilweise gelöst. Vielleicht wollte ich nicht, daß es ganz gelöst wurde: So konnte es, im Prinzip, immer noch ein verzauberter Waldgeist statt eines flöteübenden Studenten sein.

Wenn man davon absieht, daß es keine Waldgeister gibt. Auch hier nicht. Keine Waldgeister und keine anderen Überraschungen. Ich erinnere mich an die langen Tagträume, die ich auf meinen Wanderungen in der Studentenzeit und davor gehabt hatte. Als die Zukunft noch als ein großes, verheißungsvolles Land existierte, voller ungeahnter, aber sicherlich gewaltiger Möglichkeiten. Das Abenteuer konnte einen zu jeder Zeit aus jeder Ecke heraus anspringen - je nach Stimmung in mehr oder weniger phantastischer Ausprägung: Das außerirdische Raumschiff, auf das man im Wald per Zufall stieß, oder zu anderen Zeiten die großartige wissenschaftliche Theorie, die man beim Wandern so entwickelte. Die Verschwörung, die man aufdeckte, oder das ungewöhnliche Naturereignis, dessen einziger Zeuge man war. Vielleicht auch die Goldmine, über die man stolperte, wenn einem der Sinn danach stand, oder, ganz naiv, ein Schatzfund, oder die Frau, die man schon immer gesucht hatte.

Nun ja - vor zwei Jahren war die Zeit dieser Tagträume längst vorüber gewesen. Seit Jahrzehnten schon. Und dann SIND wir in das unglaubliche Abenteuer hineingestolpert. Verbirgt sich hinter dieser Kontrapunktik der eigenen Biographie eine Gesetzmäßigkeit, die zu erkennen ich bloß zu dumm bin?

Ich bewege mich auf die Musikquelle zu. Rasch bin ich soweit, daß der Waldweg in Sicht kommt. Ich stecke meinen Kopf aus dem Gebüsch heraus, lautlos wie ein Schatten. 'Der alte Wolf weiß noch, wie man sich anschleicht', denke ich und weiß dann nicht, ob dieser Vergleich lächerlich oder nur traurig ist. So eine ähnliche Floskel ist mir vor einem Vierteljahrhundert sicher auch durch den Kopf gegangen.

Es ist nicht der Pfeiffer, und es ist nicht die Läuferin. Ein paar Dutzend Meter waldeinwärts steht ein dunkler PKW. Ich bin augenblicklich erleichtert, weil es nicht die in Schwierigkeiten geratene Läuferin aus Grub ist: Keine Nothilfe erforderlich. Kein Eingreifen meinerseits. Gleichzeitig aber bin ich auch beunruhigt: Was hat dieser Wagen hier zu suchen?

Die Innenbeleuchtung dieses PKWs ist angeschaltet, und ich habe den Eindruck, daß der Wagen leer ist. Auch in der Nähe hält sich niemand auf - allerdings kann ich nicht jede Stelle im Unterholz einsehen. Und der Weg direkt vor mir weist keine Fahrspuren auf - also steht der Wagen entweder schon sehr lange da, oder er ist von der anderen Seite gekommen, von der Peißer Forststraße aus.

Neugier und Vorsicht halten sich die Waage: Soll ich hin und einen Blick hineinwerfen? Da, wo der Wagen steht, ist eine Lichtung, hinter der die Reste des eigentlichen Hochwaldes beginnen, die die Winterstürme der letzten Jahre übrig gelassen haben. Der Wagen steht also voll im Mondlicht. Wenn er gerade von anderer Stelle beobachtet wird, so wie ich es gerade tue, dann werde ich voll gesehen, wenn ich mich diesem Wagen nähere. Das könnte gewisse Schwierigkeiten geben, wenn da zum Beispiel gerade etwas Illegales geschieht. Wird da eine Leiche im Walde vergraben? Bereiten Terroristen die Sprengung der S-Bahn-Linie vor? Oder ist es ein konspiratives Treffen?

Der Wagen steht so schräg auf dem Waldweg, daß das Nummernschild vom Mondlicht nur gestreift und nicht beleuchtet wird. Ich kann es deshalb nicht erkennen. Normalerweise lerne ich die Autonummern von Fahrzeugen, die ich unter solchen Umständen sehe, kurz auswendig, um sie zu Hause in mein Lauflogbuch einzutragen. Es könnte ja mal wichtig werden. Aber hier erkenne ich nicht einmal den Wagentyp - was sowieso nicht meine Stärke ist. Es könnte ein Oberklassewagen sein. BMW oder Mercedes. Also wer ist es? Terroristen? Mafia? BND? BKA? Ex-Stasi? Oder doch Schäferstündchen?

Ich fürchte, ich werde es nicht herausfinden. Ich trau mich nicht näher ran. Aber ich muß es ja auch nicht. Jedenfalls ist eine Hilfeleistung definitiv nicht notwendig. Es sei denn, es geht dort ein Verbrechen vor sich. Dann aber wäre es auch gefährlich. Ja, wenn ich mein Schwert hier hätte, oder wenn Charmion hier wäre ...

Dummer Herwig. Keine Phantasien. Ein Schwert hast du in der Welt der Granitbeißer gehabt, und nur dort. Und Charmion ist doch tot ... es wäre ihr hier sowieso zu kalt.

Ich friere auch. Ich kann hier nichts tun. Also ziehe ich mich zurück. Es macht ein bißchen eifersüchtig: Da steht jemand mit seinem protzigen Auto auf MEINEM Waldweg! Naja, morgen wird er weg sein, was immer er da will.

Aber ich will mich nicht zeigen. Wieder an den Bahngleisen angekommen, kehre ich um, um nicht vor der Einbiegung des Waldweges vorbeilaufen zu müssen. Dann wäre ich für eine Sekunde von jenem PKW aus sichtbar.

Aber ein paar Kilometer muß ich schon noch zusammenbringen. Ich entscheide mich, dem Waldrand nach Osten zu folgen und erst später nach Süden abzudrehen. Dann kann ich über Grub nach Kreuzstraße laufen und von dort aus eventuell die Peißer Forststraße nehmen. Dann umlaufe ich den Wald, in dem jetzt das Auto steht.


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        2.      Der tote Indianer


Die Aufregung auf diesem Lauf war noch nicht vorbei. Als ich von Kreuzstraße aus nach Norden lief, auf Faistenhaar zu, und als ich die Einmündung der Peißer Waldstraße, an der das Forsthaus steht, erreichte, kam mir diese Forststraße etwas zu dunkel vor - der Mond stand noch nicht weit genug, um den Weg zwischen den Bäumen durchgehend zu beleuchten. Ich fühlte mich unbehaglich. Und so änderte ich aus einem Impuls heraus wieder meine Pläne und entschloß mich, ganz genau denselben Weg zurückzulaufen. Das hat dann ja auch den Vorteil, daß man nachher auf der Karte schneller nachmessen kann, welche Strecke man nun gelaufen ist: Auf einer topographischen Karte mit 1 : 50000 ist 1 Zentimeter gerade 500 Meter, hin und zurück also genau 1 Kilometer. Ganz einfach.

Als ich, von Kreuzstraße kommend, einige hundert Meter vor Grub die Hauptstraße wieder verließ, um über die Felder nach Norden auf den Waldrand zu zu laufen, meiner alten und gut erkennbaren Spur folgend, hatte ich ein ungutes Gefühl: Für einige Sekunden würde ich mich auch auf dem Feld gerade in der geometrischen Verlängerung des Waldweges befinden. Jemand mit einem Nachtglas könnte mich sehen und mutmaßen, daß ich wieder in die Nähe dieses Waldweges kommen würde.

Zwar hatte ich diesen Gedanken auch schon, als ich noch vor ein paar Dutzend Minuten genau hier nach Süden lief, aber da war ich ja dabei, in Kürze die Straße zwischen Grub und Kreuzstraße zu erreichen, und man würde mich von weitem wohl kaum verfolgen können. Selbst, wenn ich die Aufmerksamkeit von jemandem erregt hätte.

Jetzt war es andersrum. Ich beobachtete meine Umgebung auch sehr genau, um irgend etwas Ungewöhnliches zu sehen. Aber nichts passierte, und so blieb nur das Prickeln in der Magengrube.

Aus noch großer Entfernung beobachtete ich den beleuchteten S-Bahn-Zug, der aus Kreuzstraße kam und an der Einmündung des Waldweges vorbeifuhr. Es muß der letzte oder der vorletzte dieses Tages gewesen sein - ich weiß nicht mehr. Jedenfalls blieb ich stehen, um zu sehen, ob der kurze Schein aus den hellen Fenstern dort irgendetwas sichtbar machte, bevor oder nachdem der S-Bahn-Zug den Blick auf die Einmündung unterbrach. Nichts. Natürlich, auf diese Entfernung. Außerdem, in den wenigen Sekunden, wo das Licht aus den Fenstern des S-Bahn-Zuges den Waldweg optimal ausleuchteten, versperrte genau dieser S-Bahn-Zug den direkten Blick auf diesen Waldweg. Ich lief weiter.

Mit keinem Blick würdige ich den alleinstehenden Baum zwischen mir und den S-Bahn-Gleisen. Es ist im Mondlicht nicht gleich zu erkennen, aber unter demselben steht eine Darstellung des Gekreuzigten. Das kann ich nicht ansehen. Wegen Charmion.

Am Waldrand entlang erreichte ich wieder die Gleise der S-Bahn. Da war schon eine gewisse Versuchung, mich noch einmal durch den Wald anzuschleichen, um nachzusehen, ob der PKW noch da war. Ich tat es aber nicht. Nur einen Moment blieb ich stehen, um zu lauschen.

Die Musik war weg.

Lautlos, oder so gut wie, lief ich zwischen den Schienen nach Norden. Je weiter ich mich von dem Waldweg entfernte, desto ruhiger wurde ich. Auch gab es ja eigentlich noch einen anderen Grund, sich sicher zu fühlen: Wenn sich hier irgend jemand außer mir rumtriebe, dann müßte derjenige ja auch Spuren hinterlassen, genau wie ich. Aber weder auf meinem Lauf über die Felder bei Grub noch jetzt, an den Flanken des Bahndammes, sah ich andere Spuren außer den meinen.

Eigentlich schade. Ich hätte nichts gegen eine Läuferin. Man läuft schneller, wenn man hinter einer Frau herläuft. Meinen bis jetzt schnellsten Marathon habe ich nur geschafft, weil ich mich bei Kilometer 16 an eine Läuferin gehängt und sie als Schrittmacherin verwendet habe. Bei Kilometer 33 ist sie mir dann davongelaufen, aber zu meinem persönlichen Rekord hat es immerhin gereicht. Sie hieß, glaube ich, Barbara Herbst, und ich habe später erfahren, daß sie mindestens doppelt so viele Trainingskilometer zurückzulegen pflegte wie ich selbst, was mich mit meiner Niederlage wieder etwas versöhnt hat. - Das ist jetzt auch schon 11 oder 12 Jahre her. Wie die Zeit vergeht. Damals lebte Charmion noch, und ich wußte noch nichts von ihr ...

Kurz vor dem BahnÜbergang von GroßHelfendorf, noch im Wald, bog ich nach Osten ab, um über einige Felder und am eingezäunten Wasserhäuschen mit dem Trafomast vorbei unsere Wohnung am südlichen Rand von GroßHelfendorf zu erreichen. Nach knapp 800 Metern geht es dann in einem kurzen Hohlweg einen kleinen Hang hinauf, bei dem ich nach längeren, anstrengenden Läufen immer versucht bin, aus dem Laufschritt herauszufallen. Dieser Lauf war aber etwas kürzer als ich es eigentlich vorgehabt hatte, und so gibt es keine Ausrede: Die paar Meter bergauf werden gelaufen.

Ich hätte es auch wohl getan, wenn nicht, kurz bevor ich oben ankam, ein trockenes Husten an mein Ohr gedrungen wäre.

Es kam aus großer Nähe, keine zweihundert Meter entfernt! Wer treibt sich hier rum, zu dieser Zeit?

Der Hohlweg, den ich hinauflaufe, wird innerhalb weniger Meter das Niveau der Felder rundherum erreichen. Von da an habe ich nur noch 300 Meter bis nach Hause. Und es ist ein günstiger Punkt, um zu beobachten - ich falle augenblicklich aus dem Laufschritt heraus und bewege mich lautlos weiter. So schiebt sich mein Kopf langsam über das Niveau des Wegerandes hinaus. Ich kann rundherum beobachten, ohne gesehen zu werden. Wenn ich mich halbwegs geschickt anstelle.

Jetzt ist es still, aber die wahrscheinliche Quelle dieses Geräusches ist leicht auszumachen: Zur Rechten sitzt eine Gestalt auf dem Feld, knapp 200 Meter entfernt.

Eine merkwürdige Gestalt. Bei der Entfernung und im Mondlicht erkennt man nicht viel. Es scheint, als ob die Gestalt auf den Knien hockt, leicht nach Osten vorneüber geneigt, und völlig reglos. - Wenn ich eben nichts gehört hätte, und wenn ich diese Gegend zum ersten Mal sähe, dann würde ich diese Gestalt für einen Gegenstand halten, für irgendein landwirtschaftliches Gerät, das ich zwar nicht kenne, aber was sollte auf einem Feld in einer kalten Mondnacht auch anderes stehen?

Naja, es ist natürlich möglich, daß jemand einen ungewöhnlichen Einfall hat. Mir fällt ein, daß wir kurz vor Ausbruch des ersten Golfkrieges vor sieben Jahren vielleicht 40 Meter von der Stelle, an der diese Gestalt sitzt, ein Iglu gebaut haben, das den ganzen Golfkrieg lang Bestand hatte. Erst nach der irakischen Kapitulation ist es zusammengeschmolzen. Aber das, was dort sitzt, hat eine entfernt menschenähnliche Gestalt. Sie hat ja eben gehustet.

Sie erinnert mich an einen alten Indianer, der sich zum Sterben mit Blick nach Osten nierdergelassen hat. Alberne Assoziation, natürlich, aber so etwas bleibt hängen, wenn es das erste ist, was einem einfällt. Natürlich ist es kein Indianer. Und kein Iglu. Und auch niemand, der gerade ein Iglu baut. Vielleicht Irene? Nein. Sie kommt selten auf die Idee, alleine spazieren zu gehen. Und dann sitzt sie nicht auf einem Schneefeld herum und starrt nach Osten.

Ich denke an andere Möglichkeiten. Jugendliche aus GroßHelfendorf? Da ist mir nie jemand aufgefallen, der die Unannehmlichkeiten eines reglosen Aufenthaltes in kalter Winternacht für eine Art Geländespiel in Kauf genommen hätte. Die jüngsten Töchter unseres Vermieters und unseres Nachbarn sind mit 18 eigentlich auch schon zu alt dazu, und die Gabi und die Lydia waren in den jüngeren Jahren auch nicht gerade kältefest oder sportbegeistert oder hatten gar Ambitionen als Naturbeobachter.

Minutenlang beobachte ich. Ich möchte, daß die Gestalt sich noch einmal bewegt, damit ich weiß, daß ich tatsächlich keine akustische Halluzination hatte. Und sie tut mir den Gefallen: Sie bewegt sich.

Die Bewegung ist aber deutlich genug interpretierbar: Sie hat einen Feldstecher an die Augen gehoben und sieht nach Osten.

Was kann man von dort sehen, wenn man einen Feldstecher benutzt? Es ist natürlich albern, aber ich habe den Eindruck, daß der- oder diejenige uns zu den Fenstern hineinschaut. Das ist weit hergeholt, schon weil wir alle Vorhänge zugezogen haben. Aber außer unseren Südfenstern gibt es kein einziges Fenster in GroßHelfendorf, das man von dort aus, wo diese Gestalt hockt, sehen kann.

Andererseits weiß ich auch, was für ein mächtiges Instrument ein gutes Nachtglas ist. Wenn die Austrittspupille groß genug ist, und die Transmission fast 100 Prozent, dann kann man in dieser mondhellen Nacht mit einiger Übung unglaublich viel sehen. Die Übung braucht man aber, weil man das Glas ruhig halten muß und weil man verhindern muß, daß die vom Auge verdunstende Feuchtigkeit sich auf den Okularen niederschlägt, wo sie viel zu langsam wieder wegsublimiert. Das ist bei dieser Kälte nicht einfach.

Wenn ich jetzt weiterlaufe, dann kann man mich von dort mit einem Nachtglas also bestens sehen, die ganze Zeit, bis ich um unser Haus herumlaufe. Wer mich kennt, würde mich erkennen. Das ist mir unangenehm. Natürlich kann jeder sich die Landschaft zu dieser Zeit so lange ansehen wie er mag, und wenn es dabei so aussieht, als ob ich beobachtet werde, dann ist das eben Zufall. Es gibt nämlich keinen Grund, sich für mich zu interessieren. Wir sind nicht reich, wir sind nicht in bedeutender Stellung, weder Irene noch ich. Kein Grund zur Sorge. Niemand kann etwas von uns wollen.

Einen Moment lang denke ich an den Wagen auf dem Waldweg. Ist da ein Zusammenhang? Dieses ist schließlich die zweite ungewöhnliche Beobachtung auf diesem nächtlichen Waldlauf. Eine gewisse Häufung. Die meisten Waldläufe sind ereignisloser.

Was ist denn schon Aufregendes passiert, auf den etwas mehr als 26000 Kilometern, die ich bisher in meinem Leben erlaufen habe? Ein paarmal sind mir Füchse in unmittelbarer Nähe über den Weg gelaufen, deren unnatürlich gleichgültiges Verhalten eine Tollwutinfektion vermuten ließ. Es ist aber in keinem Fall ein Angriff erfolgt. Zwei- oder dreimal hatte ich mich mit der Temperatur so verschätzt, daß ich fast nicht mehr lebendig nach Hause gekommen wäre. Einigemale sind mir auf Nebenstraßen PKWs begegnet, deren Fahrer offenbar nicht mehr fahrtüchtig waren - das waren vielleicht noch die gefährlichsten Vorfälle. Gelegentlich begegnet man dem "RZ4"-Traktor - so genannt nach einem Bestandteil seines Nummernschildes - auf nächtlichen Feldwegen in der Umgebung des Dorfes, die deshalb dorfüblich aus naheliegendem Grunde als "Promilleautobahnen" bezeichnet werden.

Ein paarmal traf ich im Wald auch unerwartet Menschen, was bei dieser Laufstrecke zu erwarten ist. Dann wurde ich, etwa vor zehn Jahren, kurz vor Weihnachten von einem langsamfahrenden PKW beschattet - ich nehme an, einer der lokalen privaten Waldbesitzer hat einen Weihnachtsbaumdiebstahl vermutet.

Alles Situationen, die mit mehr oder weniger geringer Wahrscheinlichkeit eintreten, die aber eintreten müssen, wenn man ihnen lange genug Gelegenheit dazu gibt. Und jetzt ist eben eine Gestalt auf einem nächtlichen, mondbeschienenen und schneebedeckten Feld dran, eine Gestalt, die aussieht wie ein toter Indianer, dessen nichtsehende Augen auf den nächsten Sonnenaufgang warten, der aber ab und zu einen Feldstecher benutzt. - Es kann nichts zu bedeutet haben.

Ich laufe weiter. Innerhalb von Sekunden bin ich wieder im vollen Mondlicht und auf dem Niveau des Feldes rundherum. Aus den Augenwinkeln und eine deutliche Kopfwendung vermeidend beobachte ich die Gestalt weiter. Sie bleibt reglos. Minuten später bin ich zu Hause.

Als ich Irene erzähle, was ich gesehen habe, zuckt sie die Achseln: Ein Nachtspaziergänger - na und? Was ist daran besonderes?

Vor mehr als zwei Jahren wäre Irene vielleicht beunruhigter gewesen. Aber sie war mit mir in der Welthöhle. Nach dieser Erfahrung kann sie ein einsamer Spaziergänger, der sich vielleicht etwas seltsam verhält, kaum noch aufregen. Wir sind schließlich beide durch ganz andere Abenteuer 'gestählt' worden.

Und sie hat ja recht. Ein seltsamer, nächtlicher Spaziergänger bedeutet keine Bedrohung. Und wenn es eine Bedrohung gäbe, dann wüßten wir auch, wie wir damit fertig werden: Jeder von uns weiß, wo die extra geschliffene Axt liegt, und die Sprühflasche mit der Natronlauge, die eine noch fürchterlichere Waffe darstellt, wenn man weiß, wohin man einem Angreifer das Zeug am zweckmäßigsten spritzt. Und seit unseren Erlebnissen in der Welthöhle weiß ich auch, daß ich diese anwenden würde, um Schaden von Irene oder mir abzuwenden. - Niemand will uns etwas tun, und niemand wird uns etwas tun.

Es dauert nicht lange, bis ich den Vorfall auch vergessen habe.


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        3.      Hacker und Lauschangriffe


Bis ins Frühjahr 1998 passierte nichts weiter, was uns irgendwie Grund zur Beunruhigung gegeben hätte. Der Verlag, der 'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen' herausgebracht hatte, fragte wiederholt nach, ob ich tatsächlich einen Nachfolgeroman schreiben würde - ich hatte das seinerzeit in Aussicht gestellt. Aber ich wollte nicht. Es schien mir wenig sinnvoll, dieser tatsächlichen Reisebeschreibung eine reine Fiktion hinterherzuschicken. Ich lehnte mit dem Hinweis auf gesundheitliche Schwierigkeiten ab und verwies auf einen späteren Zeitpunkt.

'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen' verkaufte sich zwar ganz ordentlich, aber als Buchautor kann man Buchhonorare vergessen. Leben kann man jedenfalls nicht davon, und sowohl ich als auch Irene behielten unsere beruflichen Tätigkeiten bei, auch wenn ich meine Arbeitszeit gleich nach unserem Abenteuer in der Welthöhle auf 30 Stunden pro Woche reduziert hatte. Meine Vorgesetzten waren damals zwar dagegen, aber ich sagte klipp und klar: 'Entweder man kommt gehaltlich weiter, oder man erhält Gelegenheit, sich neue fachliche Horizonte zu erschließen. Wenn beides nicht der Fall ist, dann darf sich niemand darüber wundern, daß man den Beruf nur noch als Brötchenerwerb ansieht und jede darüber hinausgehende Motivation vermissen läßt.'

Das wurde akzeptiert. Es ist ein offenes Geheimnis, daß bei meinem Arbeitgeber die sogenannte 'Innere Kündigung' der Normalzustand ist, ganz besonders sogar im mittleren und im oberen Führungskreis. Aber auch die Sachbearbeiterebene ist davon stark betroffen: Wo Leistung sich nicht auszahlt, ist das eine mit Sicherheit eintretende Folge. Fast alle bis auf die Naivsten wissen das. In diesen Dingen sind GroßFirmen den alten sozialistischen Planwirtschaften sehr ähnlich.

Das war ein Grund. Der andere war der, daß sich übertriebenes Engagement, das sich tatsächlich finanziell auszahlte, einfach nicht mehr lohnte. Das Finanzamt sorgte schon dafür. Die politischen Wechselwinde der Neunziger Jahre kosteten überall Geld, und das nahm der Staat natürlich von uns. Unter diesen Bedingungen ist es einfach nicht mehr sinnvoll, mehr zu arbeiten als unbedingt notwendig. - Und dann muß man sich natürlich fragen, ob man es bei den vielen Arbeitslosen wirklich verantworten kann, einen ganzen Arbeitsplatz zu belegen.

Diese 30 Arbeitsstunden pro Woche hatte ich schon immer so aufgeteilt, daß mir der Mittwoch frei blieb. Das hat zur Folge, daß ich manchmal am Donnerstag irgendwelche brandneuen Entwicklungen - Kundenanfragen und so weiter - noch nicht kannte. Natürlich kommt es dann auch schon mal vor, daß ein Kollege einen Blick auf meinen Schreibtisch werfen muß, um sich über den Stand meiner Arbeiten zu informieren, oder daß er die mir zugeordneten Dateien auf unseren Rechnern ansieht. Das ist okay - wir haben in diesem Punkt ja keine Geheimnisse voreinander, und die, die wir hätten, würde keiner auf den Rechnern unseres Arbeitgebers aufbewahren.

Deshalb wunderte ich mich auch nicht, als ich eines Donnerstages feststellte, daß am Mittwoch vorher mein gesamter Dateienbestand gelesen worden war. Wie jeder Kenner von UNIX weiß, trägt jede Datei das Datum und den Zeitpunkt des letzten lesenden Zugriffes. Entweder, irgendjemand hatte dort etwas gesucht, oder eine Sicherung war gelaufen. Letzteres war nicht der Fall, wie ich bald erfuhr. Aber ich fragte nicht nach, wer denn nun was in meinen Dateien gesucht hatte. Deshalb dauerte es einige Tage, bis ich per Zufall erfuhr, daß niemand sich erinnern konnte, in jüngster Zeit meine Dateien inspiziert zu haben. Niemand hatte einen dienstlichen Grund dazu gehabt.

Natürlich dachte ich an das Naheliegende: jemand hat sich aus Langeweile auf allen Benutzerkennungen umgesehen. Ich tat das, was man immer tut, wenn man rauskriegen will, ob jemand hackt und mit welchen Berechtigungen: Ich kreierte einige Dateien mit variablen Schutzattributen und beleidigendem Inhalt. Mal sehen, ob sich jemand verrät.

Flüchtig dachte ich daran, daß ich eigentlich die vom Betriebssystem verwalteten Dateien, in denen viele Aktivitäten protokolliert werden, durchsuchen sollte. Aber da steht zuviel drin. Zu unübersichtlich. Das würde in Arbeit ausarten, und dazu hatte ich keine Lust.

In den nächsten Tagen ließ keiner meiner Kollegen erkennen, diese Dateien gelesen zu haben. Es fand auch tatsächlich kein Lesezugriff statt. Damit waren meine Möglichkeiten beschränkt, denn es war ja im Prinzip möglich, daß ein Zugriff von überall her erfolgen konnte. Sämtliche Rechner am Standort sind vernetzt. Wenn man dann noch das PaßWort des Systemverwalters kennt, dann kann man mit den Rechnern machen, was man will. Ich habe aber schon immer vermutet, daß der beste Schutz für unsere dienstlichen Rechner einfach daher kommt, daß das meiste, was man dort finden kann, sterbenslangweilig ist.

Ich war schon wieder dabei, die ganze Angelegenheit zu vergessen, bis ich eines Tages, einige Minuten nach dem Einloggen, feststellte, daß bestimmte Dateien in meinem 'HOME'-directory, die bei jeder Anmeldung an das System gelesen werden müssen, erst vor Sekunden gelesen worden waren. Da war gerade eben jemand am Werke!

Ich forschte sofort nach. Von meinen Kollegen, die in Rufweite saßen, war es keiner. Das war auch glaubwürdig, denn alle hatten mehr oder weniger dringende Arbeiten zu tun. Also mußte es jemand von außen sein.

Ich meldete mich bei dem Rechner unter der Kennung des Systemverwalters an, um die 'remote-login's der letzten Zeit überprüfen zu können.

Diesen ganzen Tag lang hatte sich niemand von außen an diesem Rechner angemeldet!

Also entweder log einer meiner Kollegen, oder ich hatte irgendwo einen Prozeß laufen, der auf meine Dateien zugriff - ich war sicher, daß das nicht der Fall war, denn davon sollte ich ja wissen - oder jemand mit ganz erstaunlichen Fähigkeiten, das System zu manipulieren, war von irgendwoher eingedrungen.

Ich forschte weiter. Der Fremde war immer noch da. Die dadurch hervorgerufene Systembelastung war nicht sehr groß, denn offenbar verwendete der Fremde bloß den Systemeditor, um irgendwelche Dateien zu lesen - meine Dateien! Ich konnte verfolgen, wie der Zugriffszeitpunkt einiger Dateien immer wieder auf den aktuellen Zeitpunkt sprang!

"Jungs, wer ist es? Vielleicht kann ich euch helfen, bei dem, was ihr sucht!" sagte ich so laut, daß jeder im Büro es hören mußte. Erstauntes Kopfschütteln.

Ich kenne meine Kollegen. Von denen ist es keiner. Aber wer dann?

"Wir haben einen Eindringling auf HAL! Hat jemand was dagegen, wenn ich ihn herunterfahre?"

'HAL' ist einer unserer UNIX-Rechner. Alle unsere Rechner haben irgendwelche Namen bekommen, die man sich merken kann, und die Namen von Computern aus bekannten SF-Werken liegen da natürlich nahe.

Lauter Protest. Auf HAL wird gearbeitet, warum sollte man ihn also runterfahren? Insbesondere, weil, selbst wenn ich recht habe, dieser Eindringling im Moment niemanden stört.

Außerdem könnte es ja auch sein, daß ich mich irre.

Also beobachte ich weiter. Ich versuche, die Sprünge in den Zugriffszeiten auf die Dateien mit dem Geklapper der Tastaturen meiner Kollegen zu korrelieren. Fehlanzeige - es ist tatsächlich niemand in diesem Raum.

Der Spuk dauert noch eine halbe Stunde. In dieser Zeit stelle ich fest, daß wieder alle meine Dateien inspiziert werden, aber nicht die Dateien meiner Kollegen. Nach dieser halben Stunde ist der Fremde weg.

Und im ganzen System gibt es keine Spur, daß jemand da war! Wenn ich den Mund gehalten hätte, hätten meine Kollegen gar nichts bemerkt.

Als ich das zu Hause Irene erzählte, erntete ich nur mildes Interesse. Sie hatte selbst ungewöhnliche Dinge zu berichten: Anonyme Anrufe an ihrem Arbeitsplatz, bei denen der Anrufende sich nicht meldete, und außerdem hatte sie durch Zufall erfahren, daß jemand Einblick in ihre Personalakte genommen hatte. Es war ihr aber nicht möglich gewesen, herauszufinden, wer das war.

Natürlich witterte ich einen Bruch des Datenschutzgesetzes - in unseren Personalakten hat niemand herumzuschnüffeln, und wenn unsere Arbeitgeber das zulassen, dann ist das ein Grund, mit ihnen Schlitten zu fahren - das ist keine arbeitsrechtliche Sache mehr, so etwas gehört vor eine Strafkammer!

Aber wie es so ist - man ist träge. Wir waren es auch und verfolgten die Sache nicht weiter. Ich versuchte auch nicht, herauszufinden, ob jemand sich für meine Personalakte interessiert hatte.

Die wirklich interessanten Dinge stehen da nicht drin - dafür hatte ich schon seit Jahren gesorgt.

Auch zu Hause gab es anonyme Anrufe, bei denen sich niemand meldete. Das passiert immer mal wieder, und wir ärgerten uns nicht einmal ansatzweise. Es ist natürlich immer die Gefahr vorhanden, daß sich jemand ein Bild darüber machen will, wann wir da sind und wann nicht. Aber wozu dieser Aufwand, in einem Haushalt, wo eigentlich nichts zu holen ist? Außer Vandalismus haben wir nichts zu befürchten - Wertgegenstände gibt es bei uns nicht.

Erwähnenswert ist ein Anruf, den Irene bei ihrer Schwester Sylvia machte, die in der Nähe des Tegernsees in Waakirchen lebt. Während die beiden miteinander redeten, mischte sich plötzlich jemand ein. Es war nur eine Bemerkung, die sich aber auf den Inhalt des Gespräches zwischen Irene und der Sylvia zu beziehen schien. Der Fremde hielt sofort wieder den Mund. Irene legte auf und wählte noch einmal.

Später erklärte ich ihr das induktive Übersprechen zwischen parallelen Telefonleitungen. Sie meinte, daß die Stimme noch deutlicher gewesen wäre als die ihrer Schwester, es könne also kein Übersprechen gewesen sein. Es ist mir unklar, seit wann Irene soviel über die elektromagnetische Induktion zu wissen glaubt, aber ich hielt den Mund. Es gab ja noch andere Erklärungen. Bei der teilweise immer noch veralteten Dampfelektronik - oder Elektrik? - der TELEKOM konnte eine versehentliche Konferenzschaltung immer mal wieder vorkommen. Wozu sich aufregen? Freuen wir uns lieber darüber, daß mit unseren Steuern modernste elektronische Vermittlungssysteme für den ganzen ehemaligen Ostblock finanziert werden! Wenn der letzte Russe in Kamtschatka oder Kasachstan mit einem modernen Telefonapparat versorgt ist, dann können wir die nächste Generation von Telefonapparaten und Vermittlungstechnik wieder selbst kaufen!

Diese ganzen Vorgänge schienen jedenfalls so vereinzelt, daß sie nichts miteinander zu tun haben konnten. Wir waren deshalb auch nicht besonders beunruhigt.


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        4.      Heimsuchung und Literaturdiskussionen


Im Frühjahr 1998 gab es weitere vereinzelte Lauschangriffe auf meine dienstlichen Dateien, aber es gelang mir nie, etwas über den Verursacher zu erfahren. Ich fand nicht heraus, von woher er kam und wer er war. Aber er war gut. Er kannte sich im System aus. Er wußte, wie man seine Spuren verwischt. Wahrscheinlich wäre mir die Sache überhaupt nie aufgefallen, denn wer behält die Dateiattribute der eigenen Dateien schon so genau im Auge? Ich nahm auch an, daß der Eindringling nicht bemerkt hatte, daß ich etwas gemerkt hatte.

Ich hatte allerdings den Eindruck, daß er zwar exklusiv an mir interessiert war, aber daß er bereits wußte, daß auf den dienstlichen Rechnern nicht das zu holen war, was er haben wollte.

Aber was wollte er denn haben?

Dann kam der 17. April. Ein Freitag. Letzteres war für mich eine wichtigere Tatsache als der traurige Tatbestand, daß es sich um meinen 47. Geburtstag handelte. Irgendwann hört man auf, zu feiern, daß die einem verbleibende Zeit immer mehr zusammenschmilzt. Aber ein Wochenende ist immer ein positives Ereignis an sich.

Die Irene war vor mir nach Hause gekommen. Sie erwartete mich oben auf der Treppe, nachdem ich die Haustür abgeschlossen hatte. Ihr Gesichtsausdruck war nicht der Da-kommt-ja-das-Geburtstagskind-Gesichtsausdruck. Stand Ärger ins Haus? Ich war mir keiner Schuld bewußt.

"Da ist jemand, der dich besuchen will!" sagte sie.

"Wo?"

"In der Küche!"

"Du hast ihn reingelassen? Wir hatten doch vereinbart, daß Fremde ..."

"Das ist ein Kommissar oder so etwas." Unsere Stimmen sind gedämpft. "Der kann sich ausweisen!"

"Das kann ich auch." Trotzdem bin ich neugierig.

Als ich die Küche betrete, erhebt sich ein Mann in mittlerem - also meinem - Alter und streckt mir die Hand entgegen. Widerwillig schüttele ich sie - ich mag dieses Austauschen von Hautpilzen nicht.

"Grohmann. Doktor Grohmann. Ich komme vom Innenministerium."

Dieser Grohmann trägt einen Nadelstreifenanzug, was ihn in unserer Küche deplaziert aussehen läßt. Außerdem assoziiert Nadelstreifen Manager, und das weckt sofort meine Abneigung. Ich versuche, es mir nicht anmerken zu lassen.

"Bonn oder Berlin?" frage ich. Es ist im Moment etwas unübersichtlich, wo in unserem Lande welche Behörde und welches Ministerium zu finden ist.

"Brüssel. Herr Playton, wenn ich mich nicht irre?"

"Aha. Was kann ich für Sie tun? Äh - wie haben Sie mich eben genannt?"

Wir setzen uns alle. Auch Irene sieht noch eine Spur beunruhigter drein.

"Playton. Das ist doch ihr Pseudonym, nicht wahr? Josella Playton!"

"Woher wissen Sie das? Ich kann mich nicht erinnern, daß der Verlag befugt ist, dieses nach außen mitzuteilen. Wir haben einen Vertrag ..."

"Den der Verlag nicht gebrochen hat. Wir haben es anders in Erfahrung gebracht. Es gibt viele Leute, die um Ihr Pseudonym wissen."

"So viele sind es nicht," sage ich, "aber es spielt ja auch keine Rolle. Was kann ich für Sie tun, Herr Grohmann?"

Den 'Doktor' lasse ich weg. Ich verwende nie Titel in der Anrede. Wenn ein Gegenüber das übelnimmt, dann handelt es sich nicht um jemanden, mit dem ich länger zu tun haben möchte.

"Das müssen wir jetzt noch herausfinden."

"Ich verstehe nicht."

"Können Sie es sich nicht denken?"

"Nein, ich kann mir nicht denken, was das europäische Innenministerium von mir will."

"Herr Playton. Ich darf Sie doch weiter so nennen, ja? Wir verwenden diesen Namen intern, auch nachdem wir Ihre wahre Identität in Erfahrung gebracht haben. - Wir haben uns so daran gewöhnt."

"Bitte. Mit Vornamen reden wir uns ja nicht an."

"Ja. Also, Herr Playton. Sie haben ein Buch geschrieben. Vor zwei Jahren."

"Dessen Ertrag ordnungsgemäß versteuert wurde. Außerdem - soviel war es nicht!"

"Gewiß, gewiß. Deshalb bin ich nicht hier - ich bin nicht vom Finanzamt. Sie haben dieses Buch geschrieben: 'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen'"

"Ja. Nach ihrer Vorarbeit könnte ich es kaum noch leugnen. Aber was interessiert es Sie?"

"Wir haben es sorgfältig gelesen."

"Oh. Schön! Ein Leser! Kommt jetzt Literaturkritik?"

"Wenn Sie so wollen."

"Aha. Und wie sieht die aus?"

"Es ist zu realistisch."

"Naja. Das ist doch Absicht. Abenteuergeschichten sind sehr schwer zu verkaufen. Wer liest denn noch, heutzutage? Ich mußte etwas schreiben, das im Prinzip wahr sein könnte."

"Das wahr war." Lange Pause. Grohmann sieht mich lauernd an. "Nicht?"

Schweigen. Irene sieht von einem zum anderen. Hat sie schon etwas gesagt?

"Das wahr sein könnte." wiederhole ich, "Lesen Sie ein Geologiebuch."

"Haben wir."

"Ein Buch über Paläobiologie."

"Paläontologie. Haben wir auch."

"Na also."

"Wir haben viel nachgedacht."

"Ich auch. Ich mußte das Buch so hinkriegen, daß bescheidenere Geister tatsächlich glauben könnten, daß es sich um die Beschreibung wahrer Begebenheiten handeln könnte."

Zu spät fällt mir ein, daß diese Formulierung als Beleidigung aufgefaßt werden könnte. Aber Grohmann läßt sich nichts anmerken.

"Und wo waren Sie Ende 1995? Drei Monate lang?"

"Das haben wir unseren Arbeitgebern lang und breit erklären müssen. Und der Polizei. Und allen unseren Bekannten. Ich hatte eine Krise. Hatte die Schnauze voll. Wollte aussteigen - wie man das so nennt. Wollte irgendwo in Schottland zurückgezogen leben, den Rest meiner Tage vielleicht. In irgendeinem Cottage. Die Irene - meine Frau - ist hinterhergereist und hat auf mich eingeredet. Wochenlang. Bis ich wieder soweit war, meine zivile Existenz weiterzuführen. - Ich reduzierte dann meine Arbeitszeit und schrieb etwas. Unter anderem dieses Buch."

"Sehr schöne Cover-Up Story."

"Wieso? Was ist daran so unglaubwürdig?"

"Noch nichts. Aber das Buch ist zu gut."

"Das ist jetzt nicht der Zeitpunkt für falsche Komplimente. Was wollen Sie wirklich?"

"Das Buch läßt erkennen, daß es keine Fiktion ist."

"Wieso denn?"

"Wir haben es lange analysiert. Konsistenzchecks, zum Beispiel. Jede Beschreibung fiktionaler Ereignisse enthält Fehler, die den meisten Lesern nicht auffallen. Ihr Buch enthält auch Fehler, aber die sind von einer anderen Art. Das sind eher die Fehler, die man aus Gründen einer ungenauen Erinnerung macht."

"Das wollen Sie festgestellt haben?"

"Ja. - Es gibt Expertensysteme, die für so etwas spezialisiert sind. Sie analysieren und extrahieren etwas, was man sich am ehesten als Spektrum von Fehlern, Inkonsistenzen und Ungenauigkeiten vorstellen kann. Damit kriegt man raus, welcher Text tatsächliche Dinge beschreibt und welcher nicht."

"Spricht doch für mich als Autor, wenn ich das so realistisch hingekriegt habe, ja?"

"Vielleicht. Nur - diese Systeme kann man nicht täuschen. Schon gar nicht bei einem Text dieser Länge. Ein Autor, der das als fiktiven Text geschrieben hat, ist ein Genie. Es sei denn, diese Dinge sind wirklich passiert. Dann ist er Durchschnitt. - Oder die Autorin. Ähem."

Ich hole tief Luft.

"Na gut. Dann gehen Sie doch auf die Zugspitze, durch's Höllental. Suchen Sie das Höllentalplatt ab, mit hundert Mann! Wenn die Geschichte wahr wäre, dann müßten Sie den Eingang finden! Suchen Sie doch!"

"Haben wir schon."

"Und?" Einen Moment atemlose Spannung. Ich halte die Luft an. Haben sie es etwa tatsächlich gefunden?

"Nichts."

Erleichterung. "Na, sehen Sie. Kein Eingang zur Welthöhle. Keine Welthöhle. Kein Tatsachenbericht. Es ist ein Roman."

"Sie deuteten in ihrem Roman an, daß Sie verschiedene Dinge gezielt verfälschen würden, um den Kontakt zwischen dieser Zivilisation und den Granitbeißern zu verhindern. Der Eingang kann also auch ganz woanders sein."

"Na klar," sage ich, "Die Alpen haben eine Ost-West-Ausdehnung von ..."

Grohmann holt eine Photographie aus seiner Brieftasche heraus.

"Das wurde am 19. August 1995 aufgenommen!" sagt er.

Ich betrachte mir die Photografie und gebe sie dann Irene. Es ist ein Schnappschuß. Jemand hat seine Freundin aufgenommen - ich kenne die Dame nicht. Aber der Hintergrund läßt erkennen, wo diese Aufnahme aufgenommen wurde: Vor der Hütte am Eingang zur Höllentalklamm. Und im Hintergrund klar zu erkennen sitzen Irene und ich auf einer Holzbank vor der Hütte. Das Ganze findet auf der schmalen, schwindelerregenden Terrasse der Höllentalklammhütte statt. Dort haben wir seinerzeit tatsächlich Pause gemacht, wie ich mich erinnere.

"Es ist ein großer Zufall," sagt Grohmann, "ein sehr großer Zufall, den man als Autor in einem Roman nicht konstruieren würde. Ein Schwager von mir hat in Garmisch 1995 Urlaub gemacht. Am 19. August ist er auch durch's Höllental rauf."

"Hat er's geschafft? Diese Dame sieht nicht sehr durchtrainiert aus."

"Natürlich nicht. Es gab einen Wettersturz, erinnern Sie sich nicht? Gleich hinterm Brett sind sie umgekehrt. Im Gegensatz zu Ihnen. - Mein Schwager ist übrigens Photoamateur. Und SF-Romane liest er auch. - Zufälle gibt's, gell?"

"Hmh." sage ich, "Na und? An diesem 19. August haben wir einen Ausflug auf die Zugspitze gemacht. Da ist mir ja die Idee mit dem Roman gekommen - oder sagen wir mal, ein früher Anstoß dazu."

"Wo Sie doch dann gleich nach Schottland reisten, um 'auszusteigen'? - Sie sind am 19. August nicht wieder zurückgekommen, das steht fest! Und da wollen Sie solche Pläne gemacht haben?"

Ich hole Luft. Die Existenz eines Beweises, daß wir uns am 19. August 1995 tatsächlich ins Höllental aufgemacht haben, war mir unbekannt. Jetzt wird die Cover-Up-Story komplizierter. Und es sieht nicht so aus, als ob Grohmann sich durch eine neue Cover-Up-Story - oder die alte mit mehr Details - abspeisen lassen würde.

"Also nur mal angenommen," sage ich, "nur mal angenommen, daß wir an jenem Tage tatsächlich in diese Ereignisse hineingestolpert sind. Was dann? Was interessiert Sie das? Was interessiert sich das europäische Innenministerium dafür?"

"Wasser." sagt Grohmann, "Luft. Bodenschätze. Energie. Platz. Forschung. Lebensraum für Millionen. Handel. Wirtschaftliche Entwicklung."

Das alte, leidige Thema. Ist er naiv, oder tut er nur so? Oder ist die offizielle Haltung seiner Behörde so naiv? Wie oft habe ich gegen diesen Blödsinn schon argumentiert!

"Müll." sage ich, "Deponieraum. Kolonisierung. Ausbeutung. Zerstörung. Verschmutzung. Ausrottung. - Alles Scheiße!"

"Herwig!" dämpft Irene.

"Wir wissen, daß Sie so denken." fährt Grohmann fort, "Sie haben es deutlich genug geschrieben. Aber wir haben keine Wahl. Bei der gegenwärtigen ökonomischen Situation der Europäischen Gemeinschaft müssen wir einfach alle Ressourcen, deren wir habhaft werden können, nutzen."

"Müssen wir das? Europa ist die reichste Region der Erde - immer noch!"

"Bedenken Sie unsere Zuströme! Die Millionen aus dem Osten und der dritten Welt! Die Verantwortung, die wir als wirtschaftsstärkste Region dem Rest der Erde gegenüber haben!"

"Das ist doch alles nur wieder die alte Wachstumsideologie!"

"Wachstum ist zur wirtschaftlichen Entwicklung notwendig! Stillstand ist Rückschritt!"

"Quatsch! Das sind doch Phrasen, und Sie wissen es! Ich habe es schon hundertmal gesagt: Es gibt sowas wie qualitatives Wachstum, und es gibt das relative Wirtschaftswachstum: Gleichbleibende wirtschaftliche Aktivität bei immer weniger Menschen. Eindämmung der Bevölkerungsexplosion! Das gibt Wohlstand für alle! Für die ganze Welt. Aber was sie wollen ist doch nur, sich noch ein kleines, neues Stück Ressourcen zu greifen. Begreifen Sie das denn nicht? Die Welthöhle - ich meine, wenn es sie gäbe - ist zwar immens groß, aber sie ist ein viel kleineres Ökosystem als die Erdoberfläche! Bei dem derzeitigen weltweiten Bevölkerungswachstum würde sie nur für ein paar Jahre verhindern, daß Ressourcen und Platz abnehmen. Dann sind wir aber genau da, wo wir jetzt sind. Und die Welthöhle wäre in ihrer Einmaligkeit für immer dahin!"

"Und Sie maßen sich an, diese Meinung stellvertretend für alle festzuschreiben und selbstherrlich zu entscheiden, ob die Menschheit Zugriff auf diese Ressourcen bekommt oder nicht?"

Grohmanns Ton ist auch schärfer geworden.

"Das maße ich mir allerdings an. Ich maße mir an, zwei und zwei zusammenzuzählen und dabei vier herauszubekommen!"

"Wissen Sie, wieviele Menschen weltweit jedes Jahr an Hunger sterben?"

"Wissen Sie, wieviel noch sterben werden, wenn das weltweite Bevölkerungswachstum nicht zum Stillstand gebracht wird? Die Welthöhle nützt da nichts! Außerdem - nur die reichen Länder haben die Mittel, sie auszubeuten. Die dritte Welt hat nichts davon. Die fahren fort, zu verhungern!"

"Profitieren dann nicht ihrer Meinung die richtigen davon? In unseren Ländern haben wir kein Bevölkerungswachstum!"

"Ausgenommen durch Zuwanderung. Was kein wesentlicher Unterschied ist. Und dann: Was glauben sie, was ein kleines Kind, das in der Sahelzone gleich von der Mutterbrust weg verhungert, an Ressourcen verbraucht, wenn wir es mal mit einem Kind in Europa vergleichen?"

Grohmann will etwas sagen, aber ich erzwinge mir das Wort durch Lautstärke. In unserer Wohnung teile ich das Wort zu.

"Wollen wir mal einen Vergleich machen? Wissen Sie, daß ein Bürger dieses Landes von der Wiege bis zur Bahre drei Millionen Kilowattstunden an Primärenergie verbraucht? Drei Millionen Kilowattstunden, das ist ein Sechstel der Energie, die eine Bombe vom Hiroshima-Typ freisetzt!"

"Es gibt kaum noch Nuklearwaffen!" wendet Grohmann ein.

"Darum geht es nicht! Was ich sagen will ist, daß die friedliche Nutzung der Ressourcen immens mehr verschlingt als ein Krieg mit starkem Bevölkerungsverlust! Soweit haben wir es gebracht! Zählen Sie doch zusammen, was ein einzelner Bürger im Laufe seines Lebens verbraucht und an Dreck erzeugt ..."

"Es gibt Recyclingkonzepte ..."

"Jajajaja! Die gibt es. Aber die lösen das fundamentale Problem nicht! Vielleicht kann man erreichen, daß ein Bürger dieses Landes im Laufe seines Lebens nur noch eine Million Kilowattstunden verbraucht, oder dreihunderttausend. Aber irgendwann werden intelligente Nutzungsmethoden der Ressourcen zu teuer. Können Sie ein Haus mit hundert Watt heizen? Wollen sie dem Bürger auferlegen, seinen Müll in dreißig verschiedene Kategorien zu unterteilen? Und wenn, wo wollen Sie den Platz dafür hernehmen, wo die durchschnittliche Wohnungsgröße seit Jahren wieder rückläufig ist? - Oder nehmen Sie die Beleuchtungstechnik! Die Energiesparlampen, die man seit zehn Jahren verwendet! Fünfmal soviel Licht für denselben Strom wie eine Glühlampe. Nochmal der Faktor fünf geht nicht. Es verstößt gegen die physikalischen Gesetze. - Oder, nehmen Sie zum Beispiel ..."

"Sie sind zu pessimistisch ..."

"Bin ich nicht. Überhaupt nicht. Das Problem wird sich irgendwann von selbst lösen. So oder so. Der große Atomkrieg ist unwahrscheinlich geworden, aber da sind ja noch diese vielversprechenden Seuchen. Die klassische Cholera hat den ganzen südamerikanischen Kontinent im Griff, AIDS ist gerade dabei, Afrika und den Mittleren Osten auszurotten, und in den USA und in Europa zeigt es auch schon Wirkung. Vielleicht hilft uns das. Vielleicht. Sonst ist der ganze Planet in einigen Jahrzehnten eine weltweite Müllhalde, auf der 20 Milliarden Menschen nach etwas Eßbarem suchen, wenn sie gerade nicht mit irgend einem schmutzigen Bürgerkrieg beschäftigt sind. - Und der alte Mann in Rom redet immer noch von der Würde des Menschen und seiner göttlichen Bestimmung."

"Das ist doch alles übertrieben. Uns geht es doch gut, das müssen Sie zugeben. Oder wollen Sie das ändern?"

"Nein, das will ich nicht! Hören Sie, ich habe eine Vision. Wohlstand für alle, weltweit! Das geht! Saubere Umwelt für alle, weltweit, das geht! Aber nicht mit so vielen Milliarden Menschen. - Ich weiß nicht mit wievielen - vielleicht 130 Millionen, vielleicht eine halbe Milliarde."

"In Europa?"

"Auf der ganzen Welt! - Ehrlich, ich weiß es nicht."

Ich hole Luft, um weiter fortzufahren. Wie oft habe ich diese Argumente schon vorgebracht?

"Ich weiß es nicht. Es ist eine Zahlenmystik. Wieviele Menschen sollten es sein, die auf der ganzen Erde leben dürfen? Oder in jedem Land? Eine Zahl von höchster politischer Brisanz! Wer soll es festlegen? Wer erzwingt es? Das muß doch einmal geklärt werden! - Aber niemand interessiert sich dafür. Nicht einmal Greenpeace, oder die Grünen, als es sie noch gegeben hat. Um dieses Problem zu lösen, gibt es noch nicht einmal vernünftige ethische Axiomsysteme! - Ein Bier?"

Während ich im Eisschrank herumsuche, rede ich weiter. Grohmann macht die ganze Zeit den Eindruck, als ob er mich nur aus Höflichkeit reden läßt und nicht wirklich zuhört.

"Ich habe mal einen Roman geschrieben, in dem ich ein Konzept vorgestellt hatte, das funktionieren könnte: Jedes Land nimmt die Hälfte seines Territoriums aus jeglicher Nutzung heraus. Keine Industrie, keine Verkehrswege, keine Landwirtschaft, keine Forstwirtschaft, keine Deponien. Kein gar nichts. Sich selbst überlassener Urwald. Wenn es für dieses Land dann zu teuer wird, diese Ökoreserven nicht zu nutzen, dann ist das ein untrügliches Kriterium dafür, daß sie eine zu hohe Bevölkerungsdichte erreicht haben. Dann müssen sie politisch gegensteuern: Absenken der Kindergelder und so weiter. Da gibt es Möglichkeiten. - Und sehen Sie: Das ist die Welthöhle: Eine Ökoreserve! Sie sind hier, um mir klarzumachen, daß diese Ökoreserve genutzt werden soll. Weil es angeblich zu teuer ist, sie nicht zu nutzen. Das ist das Kriterium! Das beweist die Notwendigkeit, die Bevölkerungsdichte zu senken! Das ist der wirkliche Nutzen der Welthöhle!"

Grohmann nickt: "Wo es sie doch gar nicht gibt!"

Ich bin nur einen Moment sprachlos. "Wenn man sie nicht nutzen darf, dann ist es genaugenommen egal, ob es sie gibt oder nicht!"

Und ich werde eindringlicher, wie immer bei diesem Thema: "Zu hohe Bevölkerungsdichte wird selten direkt wahrgenommen. Das weitestgehende, was viele Menschen, denen die Knappheit bestimmter Ressourcen auffällt, sich erlauben, ist eine Fremdenfeindlichkeit. Als ob es nur die anderen wären, von denen es zu viele gibt. Nein nein, alle demographischen Gruppen müssen abspecken. Müßten. Aber sie werden es nicht. Und jetzt soll von der Welthöhle die ökologische Entspannung kommen. So ein Unfug!"

Plötzlich schwenkt Grohmann auf meine eigene Argumentation ein: "Ich habe alles gelesen, was Sie geschrieben haben. Ich kenne dieses Konzept schon. Sie haben eines vergessen: Die stabilisierende Wirkung der Ökoreserven auf das GesamtÖkosystem. Oder irre ich mich? Und das ist doch bei der Welthöhle gar nicht der Fall, weil jene Biosphäre von der unseren getrennt ist!"

"Natürlich" sage ich, "ist die Welthöhle von der Erdoberfläche abgeschottet. Diese spezielle Wirkung einer Ökoreserve gibt es nicht. Jedenfalls nicht unmittelbar. Aber wenn Sie alles gelesen haben, was ich geschrieben habe, dann wissen Sie auch, daß die Möglichkeit besteht, daß die Welthöhle ab und zu genetisches Material mit der Erdoberfläche austauscht."

"Wenn es sie gäbe!" wirft Grohmann ein.

"Wenn es sie gäbe. Ganz richtig. Also. Wechselwirkung der Genpools. Vielleicht. Wir wissen es nicht. Es kann sein, es muß nicht sein. Erinnern Sie sich, daß ich die Möglichkeit erwähnte, daß nach gewissen, weltumspannenden Katastrophen von der Welthöhle aus das Leben die Erdoberfläche eventuell zurückeroberte? Daß es eventuell so sein könnte, daß es gar nicht möglich ist, daß sich das Leben auf einem Planeten über Jahrmilliarden ungestört entwickeln kann? Daß für das Erreichen eines gewissen Entwicklungsstandes des Lebens auf einem Planeten eventuell so etwas wie eine Welthöhle unbedingt erforderlich ist? Auf jedem Planeten im Universum? Weil diese weltumspannenden Katastrophen häufiger eintreten als wir das bisher glauben? - Stellen Sie sich vor, der Shoemaker-Levy-9 wäre vor dreieinhalb Jahren nicht auf den Jupiter, sondern auf die Erde geknallt! Dann wäre genau jetzt die Welthöhle ein Refugium des Lebens. Das würde meinen Standpunkt deutlich demonstrieren."

"Wenn wir bei dem Beispiel bleiben - solche Katastrophen sollten doch auch recht häufig die Integrität der Welthöhle schädigen - sie vielleicht lokal einstürzen lassen, oder?"

"Kann sein. Weiß ich nicht. Ich weiß nicht, wie und wie häufig sich Welthöhlen bilden, wie viele es überhaupt gibt, und wie stabil sie sind. - Vielleicht bilden sie sich ganz routinemäßig, in Subduktionszonen, durch Plattentektonik, durch eine besondere Art von Vulkanismus, was weiß ich."

"Hatten Sie das schon in den 'Granitbeißerinnen' geschrieben? Ich erinnere mich nicht ..."

"Vielleicht nicht genau so. Ich habe ja nicht aufgehört, nachzudenken, seitdem ich dieses Buch verfaßte. Aber wie auch die Welthöhle entstanden ist - daß sie für das Leben wichtig ist, ist eine prinzipielle Möglichkeit, das müssen Sie zugeben! Herr Grohmann! Die Welthöhle ist zu wertvoll, um sie für kurzfristige Zwecke zu nutzen!"

Grohmann nickt: "Wollen Sie jetzt immer noch behaupten, daß es sie nicht gibt?"

"Vielleicht habe ich über dieses rein literarische Konzept sehr genau nachgedacht!"

"Wollen wir vielleicht etwas essen?" unterbricht Irene und beginnt schon, den Inhalt des Eisschrankes zu durchwühlen, "Ich jedenfalls habe Hunger. Und wenn ihr noch weiter reden wollt ..."

"Vielleicht geht Herr Grohmann bald ..." sage ich ganz undiplomatisch.

"Sie könnten tatsächlich darauf bestehen. Aber ich käme wieder. Mit einer amtlichen Vorladung."

"Was?"

"Oder so etwas Ähnliches. - Herr Homberg. Oder Herr Playton. Wie Sie wollen. - Was Sie sagen ist ja vielleicht ganz schön und richtig. Aber es ist auch sehr hypothetisch. Ökoreserve, Genpool. Naja, vielleicht. Aber unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben wir heute schon, und die sind alles andere als hypothetisch. Sie wissen so gut wie ich, bei welcher immensen Aufbauarbeit die EG zwischen hier und Kamtschatka assistieren muß. Sie wissen so gut wie ich, daß selbst so etwas wie klares Trinkwasser im globalen Durchschnitt eine Mangelware ist. Und Sie wissen auch, welch ökologisch gut verträgliche Anwendungen die Welthöhle ermöglichen würde. Denken Sie nur an das Wasser da unten. Fast Körpertemperatur. Ideal für das umweltfreundliche Heizen! Umweltfreundlichkeit liegt ihnen doch am Herzen, wenn ich Sie richtig verstehe, oder?"

"Wollen Sie Heizwasser für hundert Millionen Menschen aus der Welthöhle abpumpen? - Immer mal angenommen, es gibt sie wirklich, haben Sie dann an die technischen Probleme gedacht, dieses Wasser über mehr als zehn Kilometer heben zu müssen?"

"Mit der potentiellen Energie des abgekühlten Heizwassers, das wieder nach unten gebracht werden kann. Sollten Sie als Physiker eigentlich drauf gekommen sein!"

"Aha. Die Welthöhle kühlen. Mit Hunderten und Tausenden von Megawatt. Bis sich das Wettermuster da unten ändert. Vielleicht hört die Leuchtende Wolkenschicht auf, zu existieren. Wissen Sie, was es für die Welthöhle bedeuten würde, wenn diese Lichtquelle erlischt? Die Welthöhle lebt von einem Wärmestrom von nur etwa einem Watt pro Quadratmeter! Mehr nicht! Sie machen die Ökosphäre kaputt, wenn Sie da solche Energiemengen entnehmen wollen!"

"Vielleicht, vielleicht. Das wissen wir doch nicht! Wenn etwas passiert, würde man gegensteuern."

"Gegensteuern. Als ob man alles in der Hand hätte. - Herr Grohmann, wenn Sie meinen, jedes komplexe System so gut in den Griff zu kriegen, warum ist dann die EG überhaupt in den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die angeblich die Nutzung der Welthöhle erforderlich machen?"

"Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen!"

"Ich kann es! Beides sind komplexe Systeme ..."

"Die Nutzung der Welthöhle würde Milliarden erwirtschaften ..."

"Sie haben meine Frage nicht beantwortet!"

"Die Nutzung der Welthöhle würde Milliarden erwirtschaften, und darauf können wir nicht verzichten. Millionen Arbeitsplätze. Umweltschutz ..."

"Nein, eben nicht!"

"Umweltschutz. Kampf gegen den Hunger in der Welt ..."

"Der sowieso verloren werden wird!"

"Wir haben einfach die moralische Verpflichtung."

"Wer ist 'wir'?"

"Wir alle. Ich. Sie."

"Nein. Ich nicht. Ich habe keine moralische Verpflichtung, das falsche zu tun. Keine Verpflichtung, das Saatgut aufzuessen und damit die Ernte zu riskieren. Was gucken Sie? Ist dieses Bild nicht deutlich genug? Die Welthöhle kann eine immense Bedeutung für uns haben, wenn man sie in Ruhe läßt, und nur dann. Punkt."

Schweigen. Atempause. Irene wartet immer noch auf eine Entscheidung wegen des Essens.

"Herr Grohmann," sage ich, "Ich weiß immer noch nicht genau, mit welchem Recht Sie hier auftreten. Aber das ist auch egal. Ich behaupte weiter, daß es die Welthöhle nicht gibt. Das müssen Sie mir bis zum Beweis des Gegenteils schon abkaufen. Und wenn Sie mir mit irgendwelchen behördlichen Maßnahmen drohen - noch sind wir ein Rechtsstaat!"

"Im Gegensatz zu Ihren Granitbeißerinnen ..."

"Noch sind wir ein Rechtsstaat! Sie können mich zu überhaupt nichts zwingen! Ich zeige Ihnen jedenfalls nicht, wo die Welthöhle ist, weil sie nämlich entweder gar nicht existiert - das ist auch weiterhin meine Behauptung - oder weil ich aus genau dem gleichen Grunde, der es Ihnen bisher verwehrt hat, den Eingang zu finden, diesen auch nicht finden würde."

"Klingt logisch."

"Es ist logisch. Ich muß Sie nun bitten, zu gehen. Ich möchte nicht mehr über die Welthöhle diskutieren. Es gibt sie nicht. Haben Sie das verstanden? Es gibt sie nicht."

Grohmann steht auf. Also bleibt er nicht zum Essen. Wie schön.

"Ich finde den Weg hinaus." sagt er, als er zur Tür geht.

"Sicher," sage ich, "Aber ich muß mitkommen, weil ich unten abgeschlossen habe."

Ohne ein Wort gehen wir die Stiege hinunter. Irene bleibt oben.

Als Grohmann auf den Hof tritt, wendet er sich noch einmal an mich:

"Sie hören noch von uns. Übrigens - erinnern Sie sich an den Similaun-Mann?"

"Diese Tiroler Gletscherleiche, die sie vor einigen Jahren gefunden haben?"

"1991. Ja. Es ist noch eine gefunden worden. Eine Frau. Aber keine 6000 Jahre alt. Nur etwa zwei."

"Das passiert doch öfter, denke ich. Eine Touristin?"

"Vielleicht." Grohmann fummelt etwas aus seiner Tasche. "Das hat sie getragen. Keine Angst, wir haben es gründlich gesäubert. Ich denke, es gehört Ihnen. - Guten Abend!"

Er entfernt sich schnell. Ich warte nicht ab, ob er zu einem bereitstehenden PKW geht oder ob er in Richtung S-Bahnhof marschiert. Ich schließe ab und gehe nach oben.

"Was hast du denn da?" fragt Irene und sieht auf das Stück Tuch in meiner Hand.

Ich entfalte es. "Hat der mir gegeben. Sie haben es bei einer weiblichen Gletscherleiche gefunden. Sagt er."

Bei dem Wort 'Gletscherleiche' überfliegt ein Ausdruck des Ekels Irenes Gesicht, so wie über meines wahrscheinlich auch, erst wenige Sekunden früher. Aber das Textil in meiner Hand ist tatsächlich makellos sauber.

Es ist ein weißes T-Shirt. Auf der Vorderseite ist ein Bild. Die Münchner Olympiahalle. Der Fernsehturm. 'München' steht oben, und unten vier Zeilen:


        3. Internationaler Olympia City Marathon
                28. April 1985
        4. Internationaler Olympia City Marathon
                 4. Mai 1986

Einen Moment sagen wir gar nichts. Beide denken das gleiche.

Chreich.

"Die sind damals zu Tausenden verkauft worden!" sage ich, "Hat damals eins gefehlt, als - sie - weggegangen ist?"

"Ich weiß nicht," sagt Irene, "Du hattest doch so viele davon. Wir hatten doch einen ganzen Schwung gekauft, als Trainings-T-Shirts!"

"Ja. Hatten wir."

Eine wenig beruhigende Aussage. Grohmann kann sich das ja nicht ausgedacht haben. Niemand weiß, daß wir von diesen T-Shirts eine ganze Reihe haben.

Und wenn ein solches T-Shirt bei einer Gletscherleiche gefunden wurde, dann sagt das ja eigentlich noch gar nichts. Wenn sie es aber mit uns in Verbindung bringen, dann kann das nur eins bedeuten:

"Sie haben eine Autopsie gemacht." sage ich.

"Unterscheiden sich denn die Granitbeißerinnen so von uns?" fragt Irene, "Du hattest doch ..."

"Ja doch. Hatte ich." Ich werde nicht gerne an meine Erfahrungen als Kannibale erinnert. "Ich konnte nichts auffälliges feststellen. Aber ich bin kein Mediziner. - Denk an die höhere Körpertemperatur der Granitbeißerinnen. Nein, nein, wenn sie sie gefunden und untersucht haben, dann wissen sie, daß der Roman auf Tatsachen beruht. Und dann lassen sie nicht mehr locker."

"Aber - eine Gletscherleiche - Im Höllental sind doch kaum nennenswerte Gletscher!"

"Ein bißchen schon. Und ein paar Gletscherspalten auch. Zum Reinfallen, Genickbrechen oder Erfrieren reicht es. Und um nach zwei Jahren wieder zum Vorschein zu kommen, auch. - Vielleicht haben sie sie auch zuerst gefunden und sind erst deshalb auf die Idee gekommen, daß der Roman auf Tatsachen beruht."

"Aber der Höllentalferner ist doch viel höher am Berg!"

"Sie kann sich restlos verirrt haben."

"Hat er gesagt, wo sie gefunden worden ist?"

"Nein. Nicht einmal, ob es überhaupt im Höllental war. Sie kann sogar einen falschen Berg bestiegen haben. Im Prinzip wenigstens. Glaube ich aber nicht, weil es soviel gletschertragende Berge in den Bayerischen Alpen nicht gibt. - Ist ja auch egal."

Den Rest des Abends sitzen wir ziemlich schweigend beim Abendbrot. "Arme Chreich," sagt Irene einmal.

Und ich erinnere mich, wieviele Menschen da unten mittelbar durch unsere Anwesenheit in der Welthöhle zu Tode gekommen sind. Arme Chreich. - Arme Charmion.

Ich habe das dumpfe Gefühl, daß wir von Grohmann tatsächlich noch hören werden.

Daß ich an jenem Abend eigentlich Geburtstag hatte, fiel uns erst drei Tage später am Montag wieder ein.


        ********        ********

        5.      Cordula


An diesem Montag, dem 20. April, untersuchte ich als erstes, kaum in der Firma um eine für mich ungewöhnlich frühe Uhrzeit angekommen, wieder meine Dateien auf nicht durch mich authorisierte Zugriffe. Jetzt hatte ich ja einen Anhaltspunkt, wer das gewesen sein könnte, der da bei uns herumgehackt hat.

Es war aber nichts Auffälliges zu finden - der Eindringling schien endlich eingesehen zu haben, daß da nichts zu finden war, was ihn interessieren könnte.

Kurz dachte ich daran, daß er eventuell ja auch das gefunden haben konnte, was er suchte, und daß er deshalb seine Aktivitäten eingestellt hatte - aber ich hatte keine Idee, was das sein könnte. Also ließ ich diesen Gedanken wieder fallen.

Bevor die Mehrzahl meiner Kollegen erschienen, verließ ich das Labor wieder. Ich wollte Cordula an ihrem Arbeitsplatz aufsuchen.

Cordula hatte in den alten Zeiten des längst vergangenen Ada-Compiler-Projektes ebenso wie ich an diesem Projekt mitgearbeitet. Mit der unrühmlichen Beendigung dieses Projektes wurden sämtliche Mitarbeiter dieses Projektes auf andere Projekte verteilt, soweit sie es nicht bereits vorgezogen hatten, sich einen ganz anderen Arbeitgeber zu suchen und auf diese Weise mal richtig Geld zu verdienen.

Cordula war etwa acht Jahre jünger als ich, mindestens ebenso intelligent und objektiv wahrscheinlich gutaussehend, was man aber praktisch nicht bemerkte - wenn man mit ihr zu tun hatte, hatte man es sofort immer mit der fachkompetenten Kollegin und nicht mit der Frau zu tun. Keine Ahnung, wie sie das machte, und ob da eine unbewußte Absicht war.

Ihre Einstellung zur Informatik war ganz anders als die meine. Während ich mich immer noch nicht der Faszination dieser Maschinen entziehen konnte und an die vielen ästhetischen Dinge dachte, die man mit Computern machen kann, war Cordula Programmen und Maschinen gegenüber respektlos, immer bereit, deren Nichtfunktionieren nachzuweisen und so die Inkompetenz der Hersteller zu belegen. Sie hatte mir einmal erzählt, daß sie als Kind technisches Spielzeug, vorwiegend das Spielzeug anderer Kinder, auseinandernahm, um rauszukriegen, wie es funktionierte. Genaugenommen war es genau das, was sie jetzt immer noch tat, um damit ihre Brötchen zu verdienen.

Ihr Disrespekt erstreckte sich nicht nur auf die Technologie, sondern auch auf die Verwalter derselben. Ihre Bemerkungen über die Fähigkeiten unserer Manager waren von erfrischender Deutlichkeit, und sie hielt sich auch nicht besonders zurück - sie war gerade noch vorsichtig und diplomatisch genug, einen Vorgesetzten so mit seiner eigenen fachlichen Inkompetenz zu konfrontieren, daß er es nicht gleich merkte. Anders ausgedrückt - Ihre Bemerkungen waren schon etwas davon abhängig, wer sich in Hörweite befand und wer nicht.

Cordula war immer noch unverheiratet. Das wunderte keinen von uns. Die Präsenz eines derartigen Intellektes, der vor wenigen Dingen halt machte, hält privat niemand lange aus. Ich denke auch, daß sie sich selbst mit der Durchschnittlichkeit eines normalen Mannes nicht lange zufrieden geben würde. Für sie gab es einen Charakterfehler, den ein Mann sich nicht leisten durfte, und das war Dummheit. Ich fürchte, daß, nach diesem Kriterium, die meisten Männer für sie völlig uninteressant waren.

Nichtsdestoweniger hatte sie auch ihre Beschränkungen. Von Physik und Technik verstand sie wenig, medizinisch hatte sie kaum mehr als eine rudimentäre Allgemeinbildung. Immerhin wußte sie um diese Begrenzungen.

Sie ist immer kollegial gewesen, auch wenn man sie dreimal hintereinander dasselbe fragte und die Antwort immer noch nicht verstand. Man kann mit ihr alles besprechen - private wie dienstliche Dinge. Ich habe nie nachweisen können, daß sie mich - oder einen anderen Mitarbeiter - jemals angelogen hat oder vorgegeben hat, anders zu denken als sie es tatsächlich tat. Dem widerspricht nicht, daß sie wohl eine Privatsphäre hat, über die wir nichts erfahren, und private Gedanken, die sie niemals zum Ausdruck bringt. Man muß sie erst mehrere Jahre kennen, bevor man indirekte Hinweise darauf bemerkt.

Auch muß man sie genauer kennen, um zu wissen, womit man sie beleidigen kann und womit nicht. Vor Jahren habe ich mir einmal in ihrer Gegenwart erlaubt, darauf hinzuweisen, daß ihr Vorname bei den alten Römern vermutlich nicht nur ein Name, sondern auch eine Berufsbezeichnung war. Erst nach einer Woche war ich sicher, daß sie mir das nicht übelgenommen hat. Oder sie hat es nicht verstanden - ich weiß nicht, ob sie rudimentäre Lateinkenntnisse hat.

So produktiv, wie die Arbeit mit ihr zusammen war, wenn man am selben Problem arbeitete, so schwer erträglich war sie aber auch, wenn sie im selben Raum an etwas anderem arbeitete als man selbst. Sie redete ein bißchen viel. Oder, sagen wir mal, sie dachte gelegentlich laut. Und das ist der Konzentration nicht förderlich, wenn man etwas anderes zu tun hat. Aus diesem Grunde habe ich auch oft genug ihre Anwesenheit verflucht, als wir noch in demselben Raum saßen.

Das ist nun nicht mehr der Fall. Sie sitzt ein paar Räume weiter, und so spielt dieser ernsthafteste Grund des Dissens zwischen uns keine Rolle mehr. Abgesehen davon ist laut zu denken kein Charakterfehler - die Ausstattung des Arbeitsplatzes hat auf solche Dinge Rücksicht zu nehmen. Darin tat sich unser Konzern aber schwer.

Sonstige Gründe für Abneigung zwischen mir und ihr gibt es nicht, und vielleicht ist sie aus diesem Grunde die Mitarbeiterin, mit der ich noch am allerbesten klarkomme. Und daß ist der Grund, warum ich sie als einzige vor zwei Jahren über die wahre Natur meiner mehr als dreimonatigen Abwesendheit ins Vertrauen gezogen habe.

Ob sie mir wirklich je geglaubt hat, weiß ich nicht. Sie müßte wissen, daß auch ich sie noch nie angelogen habe - vielleicht noch weniger als Irene. Warum hätte ich ihr also diese Räuberpistole erzählen sollen? Um mich interessant zu machen? Um sie ins Bett zu kriegen? Nachdem ich das jahrelang nicht einmal ansatzweise versucht habe? Nein, im Prinzip hat sie Verstand genug, zu erkennen, daß ich keinen Grund habe, ihr irgendein Märchen zu erzählen außer dem, einfach mit jemandem zu sprechen, der zuhören und mitdenken kann. Wahrscheinlich hat sie mir geglaubt - und wenn es in der Form war, daß sie mir geglaubt hat, daß ich glaube, bestimmte Dinge erlebt zu haben. Und bis jetzt hat sie - wahrscheinlich - Dritten gegenüber den Mund gehalten.

Und was sie da zu hören bekam, ist phantastisch genug. Ein Kollege, der behauptet, auf einer Bergwanderung mit seiner Frau im Zugspitzgebiet zufällig den Zugang zu einem gewaltigen, der geologischen Fachwelt bis dahin unbekannten Höhlensystem gefunden zu haben, in das er dann abstieg. Ein Höhlensystem, das große Teile von Mitteleuropa untertunnelt, in dem geothermische Vorgänge Wettererscheinungen erzeugen, in der biologische Vorgänge in den Wolken Licht erzeugen, und in dem dieses Licht eine gewaltige, ausgedehnte Biosphäre am Leben erhält, eine Biosphäre, die Pflanzen und Tieren aus allen Erdzeitaltern Lebensraum bietet. Ein Kollege, der behauptet, da unten sogar prähistorische Saurier gesehen zu haben, der behauptet, daß diese Tiere offenbar seit den Erdzeitaltern Trias, Jura und Kreide noch weiter auf der Stufenleiter der Evolution vorangeschritten sind. Ein Kollege, der behauptet, daß da sogar Menschen leben, und der über viele Abenteuer unter diesen zu berichten weiß.

Natürlich kennt Cordula die Identität hinter meinem Pseudonym. Natürlich besitzt sie auch das Buch - ich habe es ihr geschenkt. Sie hat es offenbar auch durchgelesen, weil sie Rückfragen gestellt hat. An diesen Rückfragen habe ich gemerkt, daß sie es immer noch für nicht ganz ausgeschlossen hält, daß dieses Buch nur ein Ausfluß meiner schriftstellerischen Ambitionen sind. Einige Zweifel sind ihr geblieben. Die Realität dieser Geschichte ist für sie ein nichtentscheidbares Problem. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

Auf jeden Fall versteht sie sofort meine Lage, als ich ihr - auch sie ist früh zum Dienst gekommen - von Grohmanns Besuch vorgestern erzähle.

Da niemand weiß, daß ich sie ins Vertrauen gezogen habe, sollte sie nicht in Gefahr sein, daß man auch sie heimsucht, um in Erfahrung zu bringen, was sie über mich weiß. Sinnvoll wäre das ohnehin nicht. Sie hat auch keine Erlebnisse, wie ich sie hatte und wie ich sie jetzt mit Grohmanns Besuch in Zusammenhang bringe, gehabt - keine nächtlichen Beobachter bei nächtlichen Waldläufen, keine Zugriffe auf ihre Dateien, kein Besuch von irgendwelchen EG-Beamten.

"Vielleicht ist es unfair von mir," sage ich, "dir darüber etwas zu erzählen. Aber ich habe es ja schon längst getan."

"Warum soll das unfair sein?" fragt sie.

"Du könntest in etwas hereingezogen werden - trotz allem."

"Es weiß doch niemand, was du mir erzählst!"

"So?" Ich zeige nach oben: "Was siehst du da?"

"Nichts. Die Decke!"

"Und dahinter?"

"Irgendwelche Installationen. - Aber die sehe ich nicht mehr!"

"Unter anderem die Lautsprecher der Rundrufanlage. In jedem Raum gibt es die."

"Na und?"

"Jeder Lautsprecher funktioniert auch als Mikrophon, wenn man ihn an den Eingang eines Verstärkers schaltet statt an den Ausgang. Im Prinzip kann man in dieser Firma jeden Raum abhorchen. - Und ob die Mikrophone in den Telefonapparaten korrekt beschaltet sind, wissen wir auch nicht."

"Du solltest Kriminalromane schreiben. - Nein, besser - Agentenstories."

"Geht nicht mehr. Der böse Gorbatschow hat seinerzeit den Markt für Agentenstories ziemlich versaut. Außerdem interessiert mich das weniger."

"Sondern die Welthöhle." Keine Frage. Eine Feststellung.

"Ja."

"Was glaubst du, was jetzt als nächstes passiert?"

"Ich weiß es nicht. Es gibt keinen Zugang zur Welthöhle mehr. Den übers Höllentalplatt nicht - das ist ja schon versucht worden - und den durch's Loch Ness auch nicht. Das ist ja auch technisch noch viel schwieriger."

"Wenn man das Loch Ness nicht auspumpt."

"Warst du schon einmal da? Weißt du, wie groß dieses Loch ist? Weißt du, wieviel Leute da vom Touristik-Business leben? - Das pumpen die nicht aus. Sie würden ein neues ausgraben, wenn ein Erdrutsch das alte verschütten würde. Da kannst du Gift drauf nehmen."

"Was können sie denn sonst noch wollen? Das einzige ist doch, daß sie dich dazu bringen, daß du zugibst, daß die Welthöhle wirklich existiert. Und was haben sie davon, wenn du sie auch nicht hinführen kannst? - Nichts."

Perfekte Analyse. Cordula hat es auf den Punkt gebracht. Ich kann die Welthöhle gar nicht mehr verraten, als ich es jetzt schon getan habe.

"Es sei denn," fährt Cordula fort, "sie sind aus einem anderen Grunde sicher, einen Eingang bald zu finden. Oder sie haben es schon getan. Und dann bist du nützlich. Du bist nämlich ortskundig."

"Ja, ich weiß. In meinem Kopf sind noch viele Dinge, die ich in dem Roman gar nicht geschrieben und beschrieben habe. Wenn man neunzig Tage lang ein solches Abenteuer erlebt, dann kann man das auch in dreieinhalb Megabytes nicht vollständig aufschreiben. Wenn eine Expedition runtergeht - und das wäre das, worauf alles hinauslaufen könnte - würden sie uns zwingen wollen, mitzugehen."

Andere Mitarbeiter betreten den Raum. Wir können nicht mehr so offen weitersprechen.

"Ich halte dich auf dem Laufenden!" sage ich. Wie üblich verabreden wir uns zum Mittagessen. Dann fällt mir noch etwas ein:

"Hattest du gestern nicht ..."

"Ja, hatte ich." knurrt sie.

"Und war das nicht der ..."

"Nein, der war es nicht! - Erst im nächsten Jahr."

"Achso. Mmh. Trotzdem: Glückwunsch! Wann gibt's denn den Kuchen mit der '39' drauf? Oder mit den 39 Kerzen? - Den darfst du auch selber backen, mein Magen ist ja einiges gewöhnt!"

Ich verlasse den Raum, weil Cordula Rhetorik an meiner Person ausprobiert, die sie von mir selbst gelernt hat, und die die Qualität dieses Berichtes nicht verbessern würde.


        ********        ********

        6.      Erpressung und Köderung


Die Entwicklung ist schneller, als wir dachten. Am Mittwoch taucht Grohmann schon wieder auf, und das erst um 21 Uhr abends. Eine Unverschämtheit.

Er ist von einem zweiten Herren begleitet, den er als De Haan vorstellt. Auch Europäisches Innenministerium. De Haan ist jünger - in den Dreißigern vielleicht - und farblos. Darüber hilft ihm auch sein Boß-MaßAnzug nicht hinweg. Er beschränkt sich zunächst aufs Zuhören.

Wir bieten ihnen diesmal kein Bier an. Wir schütteln auch keine Hände. Irene entschuldigt sich nicht für die nicht abgeräumten Reste des Abendessens - das ist unsere Wohnung: Wir können soviel Essensreste auf dem Küchentisch stehen lassen, wie wir wollen, und so lange, wie wir es für richtig halten.

Platz bieten wir ihnen auch nicht an, aber sie setzen sich auf die beiden Küchenstühle, die zufällig bereit stehen.

"Haben Sie nachgedacht, Herr - Homberg?" eröffnet Grohmann nach den Eingangsformalitäten das Gespräch.

"Sicher. Aber Sie sind immer noch nicht damit herausgerückt, was Sie eigentlich wollen. Selbst, wenn ich zugäbe, daß es die Welthöhle gibt - was haben Sie davon?"

"Wir wollen nur Ihre Kooperation."

"Wobei?"

"Bei einer Forschungsexpedition."

"In die Welthöhle?"

"Natürlich."

"Sie haben sie doch nicht. - Oder doch?"

"Nein. Wir haben sie nicht. Aber wir werden sie finden. Wir sind zuversichtlich."

"Naja. Dann lasse ich ihnen ihren Glauben. Aber ich werde nicht mitsuchen, wenn es das ist, was Sie sich vorgestellt haben."

"Brauchen Sie auch nicht. Was wir wollen ist, uns mit Ihnen unterhalten. Wie man so eine Expedition ausrüsten sollte, zum Beispiel."

"Sie haben doch das Buch gelesen, oder? War doch ausführlich genug? - Wie oft hat mir der Verleger erzählt, daß es zu ausführlich ist! Was kann ich Ihnen noch erzählen, was nicht da drinnen stand?"

"Das wird sich zeigen."

Grohmann sieht De Hahn von der Seite an, und dieser packt darauf ein Blatt Papier aus seinem Diplomatenkoffer aus und gibt es ihm.

"Sind Sie einverstanden, wenn wir unser Gespräch mitschneiden? Wir müssen Sie fragen, denn sonst machen wir uns strafbar." fragt Grohmann.

"Ich kenne das Strafgesetzbuch. Paragraph 201, Absatz 1, nicht?"

"Oh, wie das? Haben Sie eine juristische Vorbildung?"

"Nein nein. Manchmal muß man nur für den Hausgebrauch einen Blick in die Gesetzbücher werfen. - Übrigens, Hausfriedensbruch wird nach 123 oder 124 bestraft. Und mit der Ausspähung von Daten befaßt sich 202. Ich denke, da sind noch einige Dinge im Stgb, die sicher sehr interessant für Sie sind."

"Zum Beispiel Paragraph 109 e, Absatz 2." stellt Grohmann fest.

"Den kenn ich nicht. Worum geht es da?"

"Sabotagehandlungen an Verteidigungsmitteln. Speziell die fehlerhafte Herstellung solcher."

"Da bin ich mir keiner Schuld bewußt. - Sie vielleicht?"

"Betrügerische Validation eines Ada-Compilers. Reicht das?"

"Was wollen Sie damit sagen? Ich habe mal in einem Ada-Compiler-Projekt mitgearbeitet. Und dieser Compiler ist ordnungsgemäß validiert worden. Da ist nichts ..."

"Da ist eine ganze Bibliothek mit internen Testprogrammen, die von Ihrem Compiler nicht korrekt behandelt werden! Bis heute nicht! Reicht das?"

Grohmann ist unheimlich gut informiert. Jetzt weiß ich endlich, was auf unseren Firmenrechnern gesucht wurde. Aber so einfach kommt er mir nicht weg:

"Die eigentlichen Testprogramme sind ordnungsgemäß vom Compiler bearbeitet worden. Die Validation ist ordnungsgemäß abgelaufen!"

"Das ist sie nicht!" erwidert Grohmann.

"Das ist sie wohl. Jeder Compilerhersteller hat so seine Problemfälle. Sie werden keinen Compiler finden, von keinem Hersteller, für keine Programmiersprache, der vollständig korrekt ist."

"Vielleicht. Aber bei Ada ist das anders. Ada ist erstens für den Verteidigungsbereich wesentlich, und zweitens ist die erfolgte Validierung ein Qualitätsmerkmal, das nicht mit der Existenz bekannter Compilerfehler vereinbar ist. Bei einem Ada-Compiler muß man sich schon etwas mehr Mühe geben!"

Ich hole tief Luft: "Selbst, wenn es so wäre. Wenn das eine haltbare Rechtsauffassung wäre. Dann wäre das immer noch das Problem unserer Manager, die ..."

"Das auch," unterbricht Grohmann, "Aber Sie wußten doch von Ihren Problemfällen?"

"Ja, natürlich. Jeder Mitarbeiter im Team wußte davon."

"Und wenn Sie im Strafgesetzbuch so gut Bescheid wissen, dann wissen Sie auch, daß da etwas über die Nichtanzeige geplanter oder ausgeführter Straftaten steht, nicht wahr?"

Mir fällt im Moment nichts mehr ein. Grohmann fährt fort:

"Weiterhin haben wir Hinweise - verstehen Sie, nur Hinweise - daß das ganze Ada-Projekt seitens ihrer Firma nur in die Wege geleitet wurde, um von Brüssel Subventionen zu kassieren. Zu keinem Zeitpunkt ist beabsichtigt worden, den fertigen Compiler auch zu vermarkten. Gibt es nicht Indizien genug? Kurz nach Auslaufen der Förderung Umorganisationen, dann alsbald völlige Einstellung des Projekts. Und all das Geld war für nichts - ein zweistelliger Millionenbetrag. Finito. Schwarzes Loch. Als wäre es nie dagewesen. Nennt man das nicht Subventionsbetrug?"

"Fragen Sie unsere Manager!"

"Natürlich, natürlich. Für diesen Punkt können Sie nichts. Aber auch diese Argumentationsschiene kann doch sehr nützlich sein, nicht?"

Nützlich für wen, denke ich. Ich sage dazu lieber nichts. Wenn man nicht weiß, welche Position man beziehen sollte, dann sollte man vielleicht überhaupt keine Position beziehen.

Grohmanns Ton wird eine Spur versöhnlicher:

"Also, Herr Homberg, wir wollen jetzt keine Erbsen zählen. Sie haben jetzt das Thema auf strafrechtliche Aspekte gebracht - ich wollte das eigentlich gar nicht. Natürlich, Sie könnten uns jetzt untersagen, daß wir unser Gespräch auf Band aufnehmen, und wenn wir es doch tun, dann machen wir uns strafbar. Aber ihre Position ist auch nicht so blendend, nicht wahr? - Ich meine, vielleicht wird es ein bißchen schwierig, Ihr ganzes Team wegen, ja gewissermaßen wegen Sabotage strafrechtlich hineinzureiten. Aber schon die bloße Tatsache, daß jemand dieses Verfahren anstößt, bringt eine Menge Unannehmlichkeiten, nicht wahr? Für Sie, für Ihren ehemaligen Chef, für Ihre ehemaligen Kollegen. Gar nicht gut für Ihre weitere berufliche Zukunft. Wollen Sie das?"

Mir fällt immer noch nichts ein. Ich könnte sagen, daß es bei meinem derzeitigen Fortkommen ziemlich egal ist, was gut für meine berufliche Zukunft ist und was nicht. Ich habe keine Aufstiegschancen mehr - das Fortkommen in unserem Hause ist Seilschaften-gesteuert. Und ich bin in keiner Seilschaft drin.

Andererseits werden gute Fachleute immer gebraucht. Ich komme zwar nicht mehr weiter, aber einen Arbeitsplatz finde ich immer, egal, was passiert. Jedesmal, wenn ich probeweise eine Stellenanzeige losgelassen habe, ist ein reicher Strom von Angeboten hereingekommen, sogar noch in den letzten Jahren.

Aber ich denke auch an meine Kollegen, die andere Ambitionen haben. Ich kann denen nicht die berufliche Zukunft leichtfertig vermasseln. Also halte ich den Mund.

"Wir wollen das auch nicht." fährt Grohmann fort, "Es ist sinnlos, da etwas zu tun. Niemandem ist damit gedient. Ich meine nur, daß es eigentlich nicht so ganz weit hergeholt ist, wenn Sie uns ein bißchen assistieren. Sie wissen, warum wir hier sind - bei meinem letzten Besuch haben wir drüber gesprochen. Ausführlich. - Ich weiß, wir wissen, daß Sie einige Dinge anders sehen. Aber wir leben in einer Demokratie, oder? Die europäischen Verwaltungsbehörden sind letzten Endes durch Wahlen demokratisch legitimiert. Und als deren Vertreter betreiben wir die Nutzung von Ressourcen im Interesse aller Bewohner Europas. 400 Millionen Menschen, Herr Homberg! Die meisten wären der Meinung, die Welthöhle nutzen zu müssen, wenn das überhaupt möglich ist. Und wir müssen das dann tun. So ist es doch, oder?"

"Die meisten Europäer fahren auch mehr PKW als unbedingt nötig. Es ist nicht richtig, bloß, weil es alle machen! - Außerdem - die Existenz der Welthöhle ist nicht allgemein bekannt! Woher wollen Sie wissen, wie die Mehrheit der Europäer denken würde?"

"Jaja, Sie haben recht! In beiden Punkten. Zum ersten Punkt: Das ist Demokratie. Der erste Souverän des Staates ist die - vielleicht in einigen Dingen völlig inkompetente - Masse. - Wenn wir den Wählerauftrag hätten, den Bevölkerungsdruck dadurch zu kompensieren, daß jede Familie ihr drittes Kind durch den Fleischwolf drehen müßte, - mein Gott, wir müßten es tun!"

"Sie haben geschmacklose Vergleiche."

"Nicht geschmackloser als ihr Buch. Sie geben da relativ sachlich zu, daß Sie auch Menschenfleisch gegessen haben - mehrfach! Übrigens auch ein Straftatbestand, nur, um es zu erwähnen."

Ich setze mich auf die Küchenbank. Irene hat sich längst gesetzt - sie will sich aber offenbar nicht mehr als notwendig in die Unterhaltung einschalten - also am liebsten überhaupt nicht. Wahrscheinlich hat sie wieder einen schweren Tag gehabt. Sie hat da eine etwas paranoide Vorgesetzte, die schwer zu ertragen ist. Verständlich, daß ihr jetzt diese Diskussion zuviel wird.

"Also gut," sage ich, "schalten Sie Ihr Bandgerät ein. - Was wollen Sie wissen?"

Grohmann sieht auf das Blatt, das De Haan ihm gegeben hat:

"Die meisten Dinge gehen ja relativ klar aus ihrem Buch hervor. Oder haben Sie systematisch Dinge verfälscht oder weggelassen?"

"Nein. Ich habe alles so geschrieben, wie ich es erlebt habe."

"Wirklich alles? Zum Beispiel diese sexuellen Übergriffe unter den Granitbeißerinnen auf dem Saurierfänger - Sie beschreiben ein paar Fälle, und irgendwo sagen Sie, daß diese Dinge eigentlich dauernd vorkommen. Warum haben Sie nicht mehr dieser Vorkommnisse beschrieben?"

"Warum sollte ich? Man nimmt es mit der Zeit gar nicht mehr wahr, was an diesen Dingen um einen herum vorgeht. Es wird völlig uninteressant. Es passiert eben. Es sei denn, man ist selbst beteiligt. Aber dann habe ich es ja auch beschrieben. - Es ist ganz genau dasselbe mit dem Essen von Menschenfleisch. Das habe ich so oft gemacht, daß ich das doch nicht jedesmal erwähnen konnte. Die meisten Fälle habe ich auch vergessen."

"Sehr viel," sagt Grohmann, "haben Sie aber nicht vergessen. Neunzig Tage. Und für jeden Tag wissen Sie, was passiert ist. Sie haben es hingeschrieben - nachdem Sie aus der Welthöhle zurückgekehrt sind. Wie haben Sie das alles behalten können?"

"Ist das nicht klar?" sage ich, "Ich hatte Angst um mein Leben. Und um das Leben meiner Frau. Fast immer. Naja, manchmal nur latent. Aber es war ein ganz besonderes Erlebnis, da unten zu sein, und ich wußte, es kann in jeder Sekunde zu Ende gehen. - Wenn man in einer so ganz anderen Welt ist, dann nimmt man alles viel intensiver wahr. Nach Jahren hätte man sich, hätte ich mich auch daran gewöhnt. Aber in den neunzig Tagen ist soviel passiert - ich habe gar nicht mal alles hingeschrieben. Später ist mir noch viel eingefallen, und einige Dinge kann ich chronologisch gar nicht richtig einordnen."

"Was haben Sie dann gemacht, wenn Sie das nicht tun konnten? Ich meine, beim Schreiben des Buches?"

"Die wichtigen Dinge habe ich alle zeitlich einordnen können. Die Besteigung von Casabones, Charmions Tod, der erste Gleitschirmflug, die Flucht von Casabones, die Wasserstraße, das Erreichen der Gabelsäuleninsel und so weiter. Das ist alles exakt. Ich glaube, daß so kleine Beobachtungen am Rande eventuell nicht genau dann passiert sind, wo ich sie im Buch zeitlich hingeschrieben habe. Das ist aber nie absichtlich passiert - aber ich muß die prinzipielle Möglichkeit einräumen."

"Hatten Sie immer Angst?"

"Ja. Immer."

"Das schreiben Sie aber nicht."

"Doch. Es ist schon aus dem Text zu entnehmen. Ich kann natürlich nicht schreiben 'Ich habe Angst,' und im nächsten Absatz 'Ich habe immer noch Angst'. Das kann man dem Leser nicht anbieten."

"Nein, das kann man wohl nicht," sagt Grohmann, "Sie haben diese ganze Reisebeschreibung aber sehr auf eine Leserschaft hingeschrieben, die normalerweise zu Abenteuerbüchern greift, oder?"

"Ja, natürlich! Oder - wie meinen Sie das?"

"Hätte es nicht ausgereicht, einen wissenschaftlichen Bericht zu schreiben? Für Science? Oder Scientific American? Nature? Bild der Wissenschaft?"

"Machen Sie Witze? Erstens hätte das niemand geglaubt. Die hätten das nicht gedruckt. Und zweitens wollte ich mehr Leser erreichen."

"Warum denn? Gerade noch sagten Sie, daß es Ihnen alles andere als recht ist, wenn die EG eine Expedition in die Welthöhle ausrüstet!"

"Ja. Es ist mir nicht recht. - Aber, verdammt noch mal, ich habe nicht damit gerechnet, daß jemand den Roman für bare Münze nimmt!"

"Sie konnten aber doch auch nicht damit rechnen, daß ALLE Leser in dem Roman eine Fiktion sehen würden, oder?"

"Doch, konnte ich! Es ist zu unwahrscheinlich, all das, was ich da geschrieben habe. Das glaubt doch niemand. Ein Re-Make von Jules Vernes 'Reise zum Mittelpunkt der Erde', das wird der durchschnittliche Leser glauben. Die allermeisten haben es ja auch wohl getan. Oder gibt es jetzt überdurchschnittlich viele Bergwanderer, die auf dem Höllentalplatt den Eingang zur Welthöhle suchen?"

"Nein," sagt Grohmann, "die gibt es nicht. - Es war also Ihre Überzeugung, daß niemand den Roman für einen Tatsachenbericht halten würde, ist das richtig? Sie wollten der Welthöhle - oder den Granitbeißerinnen oder diesem ganzen Erlebnis eben ein literarisches Denkmal setzen, ohne das Geheimnis preiszugeben? Ist das richtig?"

"Ja."

"Was, wenn der Verlag den Roman nicht genommen hätte?"

"Anderer Verlag."

"Was, wenn kein ..."

"Auf Diskette. Freikopierbar. Ist für Romane ein unüblicher Vertriebsweg, aber man kann es ja mal versuchen. Wie Public Domain Software oder Shareware."

"Da hätten Sie nicht sehr viel verdient."

"Habe ich so auch nicht. Sie sehen ja - ich arbeite noch."

"Jaja. Gut." Grohmann geht seine Liste weiter durch. Ich schiele auf die Uhr.

"Würden Sie gerne mehr verdienen? An dem Buch, meine ich?"

"Sicher. Aber ich wüßte nicht, wie das gehen sollte. Lesen ist nicht mehr 'in'. Selbst Autoren von solchen Spitzenromanen wie zum Beispiel 'Jurassic Park' müssen immer noch berufstätig bleiben. Ich weiß wirklich nicht, wie man mit der Schreiberei reich werden sollte."

"Ist das nicht klar? Wenn die Existenz der Welthöhle allgemein bekannt wird, dann ist Ihr Buch der authentische Bericht des ersten Menschen, der diese besucht hat! Der Bericht des Entdeckers! Wissen Sie, was das heißt?"

"Was?"

"Millionen verkaufter Exemplare!"

"Ja?"

"Klar! Ach, was sage ich: Dutzende von Millionen! - Wie Tolkien, oder Simmel, oder Konsalik, oder alle zusammen! - Und wie Crichton, selbstverständlich."

"Das habe ich mir noch gar nicht überlegt." Der Vergleich mit Crichton und Tolkien geht mir warm runter. Der mit Konsalik und Simmel nicht. Das neutralisiert sich gegenseitig.

"Das sollten Sie aber. Sie können reich werden. Richtig reich - auch nach Steuern!"

"Wenn die Welthöhle bekannt wird. Wenn sie erschlossen wird. Wenn sie allgemein und jedermann bekannt wird."

"Ja."

Pause. Dann sage ich:

"Und Touristen stolpern über den Grabhügel von Charmion!"

"Da machen wir einen Zaun drum! - Na, im Ernst. Die Welthöhle ist doch so groß - da treten sich Touristen nicht auf die Füße. Die kommen gar nicht überall hin."

"Ich weiß nicht. - Zu dem Grabhügel käme man hin. Im Prinzip. Jeder kann nachlesen, wo der zu finden ist. - Also, ich weiß nicht."

"Was wissen Sie nicht?"

"Es wäre wie Verrat."

"Ist es das? Hat Kolumbus die neue Welt verraten, als er sie entdeckte?"

"Ja, hat er. Wissen Sie, wie vielen Indianern zwischen Feuerland und Alaska dieser Tatbestand in den letzten 507 Jahren das Leben gekostet hat?"

Diese Argumentation wollte Grohmann nicht haben. Also versucht er es anders herum, bevor ich ihm die bekannten acht- bis fast neunstelligen Zahlen über dieses Thema auftischen kann:

"Irgendjemand ist immer der erste. Und wenn Sie sich nicht dazu bekennen, dann macht es jemand anders. So einfach ist es."

"So einfach ..."

"Ja, so einfach. Herr Homberg, ich will Sie motivieren. Mit diesem Hinweis auf die möglichen Verkaufszahlen Ihres Romans. Sie schreiben doch, daß positive Motivation mehr bringt."

"Ja."

"Und was verlangen wir dafür schon? Nur ein paar zusätzliche Informationen, Antworten auf spezielle Fragen, die uns die Expedition leichter machen. Sie ungefährlicher machen. Für die Teilnehmer und, natürlich, für die Welthöhle und ihre Bewohner. Beratung bei der Ausrüstung."

"Ja."

"Deshalb fragen wir einfach noch einmal einiges nach. Wenn Sie wollen, können wir morgen wiederkommen. Oder übermorgen? Ihre Frau ist müde, ich sehe es ihr an. Sie hat noch kein Wort gesagt, den ganzen Abend lang!"

Sie sagt auch jetzt nichts, weil ich ihr zuvorkomme:

"Ich soll also nur noch weitere Fragen beantworten? So wie vorhin?"

"Ja. Alles, was uns ein bißchen unklar ist. - Naja, und es ist da ja eigentlich noch die Erwartung, daß sie etwas mehr tun könnten! - Sie beide, übrigens."

"Nämlich?"

"Sie können diese Sprache. Dieses Xonchen. Nicht wahr?"

"Da kannst du Gift drauf nehmen, du Arschloch!" sage ich in Xonchen. Irene lacht kurz. Sie hat es verstanden.

"So hört sich das also an? Beeindruckend. Und Sie können das, ohne sich die Zunge abzubeißen? - Was haben Sie denn eben gesagt?"

Ich übersetze ihm das letzte lieber nicht. "Das kann man lernen. Wie jede Sprache."

"Das ist der Punkt. Wollen Sie Xonchen-Unterricht halten? Sie beide?"

"Ich habe einen Beruf! Meine Frau auch!"

"Doppeltes Gehalt. - Nach Steuern doppeltes Gehalt."

"Emppfh." sage ich. Manche Argumente Grohmanns ziehen wirklich.

"Es gibt Kündigungsfristen ..." wende ich ein.

"Nein. Nicht für Sie. Das erledigen wir. Wenn Sie wollen. - Wenn Sie wollen, Herr und Frau Homberg, hören Sie, wenn Sie wollen, dann waren Sie heute den letzten Tag bei Ihren alten Arbeitgebern im Dienst! Der neue Vertrag gilt rückwirkend, vom Anfang dieses Quartals an! Sie brauchen nicht einmal mehr ihren Schreibtisch aufzuräumen."

'Vom Anfang des Monats an' wäre, jetzt im April, dasselbe gewesen, aber 'vom Anfang des Quartals an' klingt natürlich besser. Irene sieht mich an. Ich sehe sie an. Bei diesem Stellenangebot ist sie hellwach geworden.

"Nur Sprachunterricht?" frage ich.

"Und generelle Unterstützung, was die Vorbereitung der Expedition betrifft."

"Aber keine Teilnahme?"

"Nein, nein. Keine Teilnahme. Nicht, wenn Sie nicht wollen. Wenn Sie natürlich doch wollen, erhöhen sich die Bezüge um - ich weiß nicht. Wir können es ja nachlesen. Wie es der Zufall will haben wir die Verträge ja schon dabei!"

"Müssen wir umziehen?" fragt Irene. Hat sie innerlich schon zugestimmt? Das ging ja schnell.

"Nein. Sie können hier wohnen bleiben. Das Beratungszentrum entsteht hier in München."

"Beratungszentrum?"

"Ausbildung. Koordinierung. Und so weiter. Leute rekrutieren. Wir brauchen gute Leute."

"Ja sicher."

"Denen Sie unter anderen Dingen dieses Xonchen beibringen!"

Ich überfliege die Verträge. Zuviel gedrucktes. Ich kann nicht alles auf einmal erfassen. Es ist jedenfalls deutlich anders als unsere Tarifverträge.

"Eine Frage." sage ich.

"Ja?"

"Was, wenn sich herausstellt, daß es die Welthöhle doch nicht gibt? Daß es wirklich nur ein guter Roman war? Das könnte ja noch sein - Sie haben keinen wirklichen Beweis!"

"Unser Risiko," sagt Grohmann, "dann müssen wir uns eben eine andere Erklärung für das Mädchen im Gletscher ausdenken."

"Ach, Chreich. Die habe ich vergessen."

"Wie sprechen Sie das aus?"

"Chreich!"

"Im Buch schreiben Sie aber ..."

"Chreich. Genau das schreibe ich. Wie soll man es sonst schreiben?"

Grohmann nickt. "Ich muß es ja nicht lernen. Wollen Sie sich die Verträge ansehen? - Ich lasse sie Ihnen da. Morgen kommen wir wieder. Tagsüber. Ich nehme an, Sie gehen nicht zum Dienst. Melden Sie sich krank. Arztbescheinigung brauchen Sie nicht mehr - bis die erforderlich wird, haben wir alles geregelt - wenn Sie morgen diese Verträge unterschreiben. Also gehen wir?"

Er steht auf. De Haan auch.

"Wir sehen uns morgen. Nicht? 'Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an!' so sagt man doch. Aber wir kommen wirklich. Ist Ihnen 14 Uhr recht?"

"Ist es uns recht?" frage ich Irene. Sie nickt.

Als die beiden gegangen sind, stehen wir eine Weile schweigend in der Küche.

"War das nun eine Erpressung, oder sind wir geködert worden?" frage ich.

Irene liest den Vertrag. "Guck dir das an. Da komme ich in der Bank ein Lebtag nicht hin. Warum zahlen die soviel?"

"Sie zahlen es nicht," sage ich. "die Granitbeißerinnen werden es bezahlen."

Ich nehme ein Buch von einem Stapel auf dem Küchenschrank. Ein Stapel gleichartiger Bücher. Belegexemplare. Ich blättere durch die Seiten. Josella Playton: 'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen'. - Ich war so stolz darauf.

"Die Granitbeißerinnen werden es bezahlen," wiederhole ich, "sie werden es teuer bezahlen. Wie bei jeder Kolonisation."

Und nach einer Weile:

"Was habe ich getan? Mein Gott, was habe ich getan?"


        ********        ********

        7.      Unerwartete Kollegen


"Es muß nicht so kommen, wie du denkst." hat die Irene gesagt. Und noch viele Argumente. Ich habe schnell gemerkt, daß sie unterschreiben wollte, nachdem auch aus dem Vertrag hervorging, daß wir nicht höchstselbst an der Expedition in die Welthöhle teilnehmen müssen, wenn wir dies nicht selber wollen.

Natürlich haben wir unterschrieben. Jeder hat seinen Preis. Ich habe meinen Preis vorher nicht gekannt, aber in dem Vertrag stand er drin. Bei Irene war es genauso. Was soll man tun? Nie mehr die Gefahr der Arbeitslosigkeit. Auch nicht bei Krankheit. Rente gesichert. Wohlstand für den Rest unseres Lebens. Mit Arbeit allein kann man so etwas nicht schaffen. Und so haben wir unterschrieben. Grohmann kam zwar am nächsten Tag, aber er war in Eile, weil ihm irgendwelche anderen Verpflichtungen dazwischen gekommen waren. So holte er nur die Verträge ab.

Noch einen Tag später habe ich meine Sachen in der Firma abgeholt. Schnell, in der Mittagspause. Mit niemandem reden, schon gar nicht über das, was vor uns lag. Da war so eine Floskel im Vertrag. Wir hatten Stillschweigen zu wahren. Noch.

Ich ging zu Cordula in das andere Labor hinüber. Vielleicht war sie da. Ich wollte mich verabschieden. Außerdem wollte ich wissen, welche Cover-Up Story man über uns in Umlauf gebracht hatte, und ob sich die Kunde unter den Mitarbeitern schon verbreitet hatte. - Wenn man eine Firma verläßt, in der man so lange tätig war, dann möchte man natürlich schon ganz gerne wissen, warum.

Cordula war dabei, ihre persönlichen Dinge aus ihrem Schreibtisch herauszuräumen!

"Was machst du denn da?" fragte ich ganz überrascht.

"Ich habe gekündigt!"

"So plötzlich? Und dann ziehst du gleich ab? Da sind doch Fristen zu wahren, wenn ich mich nicht irre ..."

"Tust du doch auch nicht!"

"Bei mir ist das etwas anderes."

"Wieso?"

"Ich habe da einen speziellen neuen Arbeitgeber ... Woher weißt du überhaupt, daß ich ..."

"Den speziellen neuen Arbeitgeber habe ich auch."

"?"

"Da staunst du, was? Wir bleiben Kollegen!"

"Aber warum denn du?"

"Sie haben mir ein gutes Angebot gemacht. Da konnte ich nicht 'nein' sagen. - Außerdem - du hast mir ja diesen Job beschafft!"

"Ich?"

Sie zeigt nach oben auf die Decke: "Erinnerst du dich?"

"Nein. Woran?"

"Die Lautsprecher. Als Mikrophone!"

"Das habe ich nicht gewußt. Mir haben sie auch gar nichts darüber gesagt."

"Haben sie wohl vergessen. Seit ein paar Monaten horchen sie."

"Aha." Mehr weiß ich nicht zu sagen. Ist sie sauer auf mich, weil ich sie da mittelbar hineingezogen habe? Sie hätte doch eigentlich Grund dazu, aber sie macht einen heiteren Eindruck. Aufbruchstimmung. Unverkennbar.

"So haben sie gewußt, daß du mich ins Vertrauen gezogen hast."

"Oh. - Ja, und was machst du bei dem Projekt? Wir sollen die ..." ich sehe mich kurz um, aber wir sind im Moment allein in diesem Raum "... wir sollen die Expedition vorbereiten. Sprachunterricht und so."

"Ich soll es lernen."

"Xonchen?"

"Ja!"

"Warum du denn?"

"Ich gehe mit!"

"In die Welthöhle?"

"Ja, wohin denn sonst?"

"Ja, aber gerade du - bloß weil du zufällig etwas weißt. Haben sie dich auch zum Stillschweigen vergattert?"

"Natürlich."

"Tut mir leid."

Cordula hält ein:

"Wieso denn?"

"Es kann gefährlich werden. Du kannst ums Leben kommen."

"Du hast es auch überlebt."

"Ja, gerade eben. - Es war knapp. Manchmal."

"Und sie brauchen jemand für die Rechner an Bord, und da kommt ihnen eine Informatikerin gerade recht."

"Was soll das heißen: 'An Bord'?"

"Weißt du das nicht?"

"Nein, ich weiß nichts!?"

"Es ist ein Spezial-U-Boot. Damit wird es gemacht!"

"Ich weiß nichts davon. Ist das schon entschieden? Der Grohmann hat gesagt, es muß erst noch entschieden werden, wie wir am besten vorgehen. Von einem U-Boot war nicht die Rede. - Wie soll das überhaupt gehen? Es gibt keinen geeigneten Zugang zur Welthöhle! Nicht für ein U-Boot!"

"Doktor Grohmann - soviel Zeit muß sein! - Aber im Ernst. Dann hat er dir nicht alles gesagt. - Also, ich weiß nicht viel darüber. Das Boot ist für andere Zwecke gebaut worden, und jetzt sollen Untersuchungen im Loch Ness gemacht werden. Was für Untersuchungen das sind, weiß ich nicht. Aber ich muß mich eben mit den Rechnern vertraut machen."

"Bist du tropentauglich?"

"Wir werden es erfahren."

"Cordula, ich kenne dich doch! Das ist nicht dein Job! Für so etwas bist du nicht gebaut! Da unten ist es heiß und schwül! Dauernd muß man klettern. Du hast dich doch sogar bis jetzt geweigert, an einem Ausflug teilzunehmen, wo man einen Klettersteig verwenden muß. Keine Alpspitze, kein Mittenwalder Eisenweg, kein Höllental, kein Plankenstein. Nicht mit der Cordula. Und jetzt willst du in die Welthöhle! - Das ist doch Wahnsinn!"

Sie schüttelt den Kopf. "Sie denken an etwas anderes. Der Grohmann hat gesagt, er rechnet auch damit, daß wir beide gut zusammenarbeiten können - wegen der alten Compiler-Zeiten."

"Wieso 'wir'? - ich komme doch gar nicht mit! Wenn ich es selbst nicht will."

"Komisch. Ich hatte den Eindruck, daß Grohmann fest damit rechnet, daß du mitkommst."

"Da weiß er mehr als ich. Ich habe nur einen Beratervertrag unterschrieben."

"Mit einer Option? Falls du doch mitkommst?"

"Ja."

"Aha. Und was wirst du tun?"

"Ich weiß noch nicht. Ich ..."

Wir müssen das Gespräch unterbrechen, weil Cordulas Kollegen vom Mittagessen zurückkommen.

Trotzdem - ich werde noch mit ihr sprechen müssen. Seit wann hat die Cordula Anflüge von Abenteuerlust? Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie nur durch das Gehalt geködert worden ist. Sie ist einfach nicht der Typ dazu. Ich habe immer gedacht, daß sie sich genau die Art von Existenz aufgebaut hat, die sie haben will: Sicherer, leidlich interessanter Job, und sonst das Leben genießen. Urlaub. Reisen. - Aber doch nicht in die Welthöhle!

Ob man sie auch auf die etwas unsauberen Aspekte bei unseren letzten Validierungen des Ada-Compilers hingewiesen hat? Oder warum will sie sonst mit? - Ich muß es noch herausfinden.


        ********        ********

        8.      Ein Evolutionär


Nun kam erst einmal ein Wochenende - das letzte Wochenende, an dem wir nichts von der ganzen Angelegenheit hörten. Ich versuchte, Cordula anzurufen, um noch einige Dinge mit ihr zu diskutieren, und herauszukriegen, was sie wußte und wir nicht. Aber offenbar war sie weggefahren, vielleicht heim zu ihrer Mutter. Außerdem konnte ich nicht zu oft anrufen, weil Irene schon wieder eine Spur mißtrauischer guckte.

"Sie ist unsere Kollegin - von jetzt an auch deine!" sagte ich. Irene zeigte keinen Begeisterungsausbruch.

In der Anfangszeit unserer Ehe hatte sie manchmal gemutmaßt, daß ich mit der Cordula etwas hätte, oder daß ich dabei wäre, es doch ab und zu wenigstens zu versuchen. Das lag aber eigentlich nur daran, daß Cordula die einzige Kollegin weiblichen Geschlechts war, mit der ich im alten Ada-Projekt Umgang hatte. Ihr Name war also der einzige weibliche Name, der ab und zu fiel. Und er fiel nicht selten, wie die Namen meiner anderen Kollegen auch. Auf dieser statistischen Verteilung baute Irene ihren Verdacht auf.

Inzwischen aber sollte sie gemerkt haben, daß das damals nicht der Fall gewesen war und jetzt auch nicht: Erstens fängt man mit einer Kollegin nichts an. Das könnte sehr komplizierte Verhältnisse im Dienst schaffen. Zweitens habe ich während unseres Aufenthaltes in der Welthöhle - und nur dort - einige Seitensprünge gemacht. Mit Charmion sind diese sogar ziemlich leidenschaftlich gewesen. Und Irene weiß, daß ich ihr, als es denn nun passiert war, nichts verschwiegen habe. Warum sollte ich das denn jetzt tun?

Ich dachte also, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen würde, daß sie in Zukunft von Cordula nicht nur gelegentlich etwas hören, sondern mit ihr sogar öfter zu tun haben werde. Außerdem - wir würden noch mehr Kollegen haben. Da konnten noch ein paar Frauen mehr drunter sein. Vielleicht sogar außergewöhnlich attraktive. Was würde sie dann machen? Wir werden sehen, dachte ich.

Wir hatten eine Adresse - die vom europäischen Innenministerium angemieteten Räume in München. Dort hatten wir uns am Montag einzufinden. Es war der 25. April. Und was uns dort genau erwarten würde war noch restlos unklar.

Die Räume entpuppten sich als ein Flachbau am Rande des Ostparks. Wir erfuhren später, daß dieser Flachbau vor vier Jahren für etwas anderes, was dort abgerissen worden war, gebaut wurde. Es sollte eigentlich ein Kindergarten werden. Aber der Architekt hatte einen Fehler gemacht, und der Bau war einsturzgefährdet. Es muß wohl ein sehr großer Fehler gewesen sein, denn um einen einstöckigen Bau so zu konstruieren, daß er vom Einsturz bedroht ist, braucht man schon Genie.

Jedenfalls sind weitere Trägerkonstruktionen eingezogen worden, um den Bau sicherer zu machen. Jetzt kann angeblich ein Hubschrauber auf dem Dach landen, aber als Kindergarten war er nicht mehr geeignet, weil in manchen Räumen Metallgitterkonstruktionen so im Wege standen, daß man sich dran stoßen konnte. Deshalb wechselte er ein paarmal den Besitzer. Im Moment war das europäische Innenministerium der Hauptmieter. Und das hatte schon einiges an Einrichtung investiert.

Insbesondere gab es, wie wir bald sehen sollten, einen Vortragssaal, der vierzig oder fünfzig Personen fassen konnte. Als Irene und ich in der Frühe ankamen, war aber nur ein junger Mann anwesend, der gerade dabei war, auf einer Leiter stehend ein Schild über dem Haupteingang anzuschrauben:


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        |                                                          |
        |       Deutscher Alpen Verein - Sektion Rammersdorf       |
        |                                                          |
        +----------------------------------------------------------+

"Hier sind wir nicht richtig," stelle ich fest, "wo steht denn hier die Hausnummer?"

Der junge Mann dreht sich um, sieht uns und beginnt, von seiner Leiter herunterzusteigen:

"Hier sind Sie richtig. Darf ich Ihre Ausweise sehen?"

Der bayerische Einschlag ist unverkennbar. Wir holen unsere Ausweise heraus und zeigen sie ihm. Er ist zufrieden.

"Mein Name ist Gastinger. Servatius Gastinger. Ich kümmere mich hier um alles. Haus und so. Ich lasse sie rein."

Ich zeige auf das Schild, das erst an zwei Schrauben hängt:

"Was hat denn der Alpenverein mit der ganzen Sache zu tun?"

"Nichts. Oder fast nichts. Er soll das Gebäude nach Projektende eventuell übernehmen. Die Verhandlungen sind im Gang."

"Und jetzt schon das Schild?"

"Gute Tarnung, nicht? Keine Angst, niemand wird hierherkommen und vom Alpenverein etwas wollen. Es gibt gar keine Sektion Rammersdorf!"

"Raffiniert!" sage ich, "Das wäre auch etwas viel Aufmerksamkeit für die paar Hügel im Ostpark gewesen!"

Drinnen, in dem Vortragssaal, fangen wir erst einmal an, zu warten, während der junge Mann sich draußen weiter um sein Schild kümmert.

Eine Viertelstunde lang geschieht nichts. Wir reden fast nichts. Ich warte nur darauf, daß Irene erwähnt, daß wir auch eine spätere S-Bahn hätten nehmen können. Bevor sie das tut, führt Gastinger den nächsten Mitarbeiter herein.

"Doktor Thomas Reinhardt - Die Familie Homberg. Alias Playton." sagt Gastinger und verzieht sich wieder.

Der Herr Reinhardt ist etwas jünger als wir, wenn man genau hinsieht. Wenn man nicht so genau hinsieht, dann könnte man ihn wegen seines grauen Bartes, der sein Gesicht umrahmt und irgendwie an Darstellungen des Gottes Zeus erinnert, für älter halten. Er ist kleiner als ich und athletisch gebaut. Seine Gesichtshaut verrät den häufigen Aufenthalt im Freien. Ich vermute, er ist Geologe.

"Freut mich, Sie kennenzulernen!" sagt er, und mich freut es, daß er keine Anstalten macht, unsere Hände zu schütteln, "Wir sind etwas früh, nicht? - Schade. Ich habe meine Zeit nicht geschenkt bekommen. Ich hätte soviel zu tun."

"Grüß Gott. - Wir haben unsere Zeit auch nicht zum Verplempern übrig. Wissen Sie, was heute hier geschieht?"

"Allgemeine Einführung, vermute ich. Vielleicht Vorstellung der Expeditionsteilnehmer - jedenfalls die, die schon bestimmt sind. - Vielleicht kommt es auch gar nicht dazu. Zu der Expedition, meine ich."

"Warum nicht?"

"Weil keine Expedition stattfinden wird."

"Und warum das nicht?"

"Weil man keine Expedition in eine Höhle schicken kann, die es nicht gibt."

"Dann sind Sie Geologe!" stelle ich fest.

"Nein. Ich bin Paläontologe. - Aber wahrscheinlich wäre ich auch, wenn ich Geologe wäre, der Meinung, daß es die Welthöhle nicht gibt."

"Ja. Ich bin weder Geologe noch Paläontologe, aber ..." setze ich an, aber Reinhardt unterbricht: "Das merkt man."

"Ja - Woran?"

Er wird direkter: "Ich habe Ihr Buch gelesen. Lesen müssen. Teilweise wenigstens. Ich sagte schon, ich habe wenig Zeit. Eigentlich bin ich mit Ausgrabungen in Montana beschäftigt. - Ich habe noch nie so einen Unsinn gelesen."

Ich entscheide mich, nicht den Beleidigten zu spielen: "Wieso Unsinn?"

"Welches sind die Unterklassen der Sauropoden?"

"Das weiß ich nicht."

"Was ist das gemeinsame Merkmal der Saurischier?"

"Keine Ahnung."

"Wann ist der Carnotaurus ausgestorben?"

"Das weiß ich auch nicht. Wird das eine Prüfung?"

"In Ihrem Buch wimmelt es - Entschuldigung, es ist aber so - von sachlichen Fehlern und von Ungenauigkeiten in der Wahl der Bezeichnungen der Spezies, die Sie beobachtet haben wollen. Und verschiedene Dinge, die Sie beobachtet haben wollen, sind völlig unmöglich."

"Kann sein. Ich habe nur beobachtet. Von Paläontologie verstehe ich nichts. Ich kann vielleicht gerade eben einen Apatosaurier von einem Trilobiten unterscheiden. Mehr nicht. Ich habe das nicht studiert. - Aber gesehen ist gesehen. Ich habe nichts erfunden, wenn Sie das meinen!"

"Es hätte nicht viel gefehlt, und Sie hätten auch Trilobiten in Ihrer Geschichte untergebracht, nicht wahr?"

"Wir haben keine gesehen, also habe ich es nicht getan. Ich sagte eben ..."

"Trilobiten sind von den Apatosauriern durch einige hundert Millionen Jahre getrennt."

"Das weiß ich."

"Aber Sie haben andere Spezies in Ihrer Geschichte erwähnt, die durch ähnlich lange Zeiträume voneinander getrennt sind. Vom Perm bis zur Kreidezeit haben Sie alles bunt durcheinandergemischt."

"Ich habe beobachtet! Festgestellt! Konstatiert! In der Welthöhle sind offenbar Spezies Zeitgenossen, die es auf der Erdoberfläche nie waren! Dafür kann ich nichts!"

"Das ist alles unglaubwürdig. Wissen Sie, was ich glaube? Sie haben sich das alles ausgedacht."

"Das ist es, was ich zunächst auch behauptet habe. - Aber wenn Sie das glauben, warum sind Sie dann hier?"

"Sanfter Zwang. Der Etat meines Institutes wird zum Teil durch EG-Projekte dargestellt."

"So ein Pech aber auch."

"Spotten Sie nur."

"Ich meine das ernst. Wir sind auch nicht ganz freiwillig hier."

Reinhardt sieht uns eine Spur genauer an: "Nein?"

"Nein. Sie sind nicht ganz vollständig informiert. Ich wollte das Buch weiterhin als pure Fiktion verstanden wissen. Irgendein hohes Tier in den EG-Behörden hat mir das nicht abgekauft. - Jetzt wissen Sie, wie es ist. - Wenn Sie von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten werden, dann tut mir das leid. Aber ich habe keinen Einfluß mehr darauf. Hatte ich nie gehabt."

"Hmh. Sie wollten also das alles hier gar nicht?"

"So ist es."

"Und Sie sagen definitiv, das Buch ist Fiktion?"

"Das habe ich immer versucht, zu sagen. Im Moment wird das in Zweifel gezogen."

Und nach einer Pause, in der Reinhardt von mir zu Irene und zurück sieht, setze ich noch hinzu:

"Also an der Tatsache Ihres Hierseins bin ich unschuldig. Ob mein Buch auf Tatsachen beruht oder nicht, hat da überhaupt keine Rolle gespielt."

"Also ist ihr Buch Fiktion?"

"Nein. Das ist es nicht. Es tut mir leid. - Aber es ist mir auch recht, wenn Sie weiterhin glauben, es wäre Fiktion."

Ich weiß nicht, was Reinhardt noch weiterhin gesagt hätte, aber Gastinger führt schon wieder jemanden herein.

Nun kommen die Neuankömmlinge dicht hintereinander, und wir haben nicht mehr die Möglichkeit, Einzelgespräche zu führen. Auch die Vorstellungen und Selbstvorstellungen sind sporadisch, mit einer Ausnahme: Über kurz oder lang wirft jeder, auch diejenigen, mit denen wir kein Wort gewechselt haben, Blicke in unsere Richtung. 'Das ist der, der das Buch geschrieben hat.' scheinen diese Blicke zu sagen. Die Wertungen reichen von Ablehnung - wie bei Reinhardt - bis zu offener Neugier und Interesse.

Manche Blicke konzentrieren sich auch mehr auf die Irene. Bei diesen ist die Spannweite zwischen Ablehnung, Neugier und Bewunderung größer - wenn ich richtig beobachte. Ich nehme an, das sind die, die auf Grund des weiblichen Pseudonyms Irene für die Autorin halten. Und wie ich schon früher festgestellt habe, geht die vermutete Geschlechtszugehörigkeit eines Autors immer in die Bewertung eines Werkes mit ein. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Pseudonym gewählt habe.

Cordula kommt erst, als bereits zwanzig Leute anwesend sind. So können wir kaum mehr als ein paar Worte miteinander reden. Insbesondere kann ich bei ihr keine tiefgehende Motivationsanalyse machen, so wie ich es vorhatte.

Als Grohmann endlich auftaucht und gerade auf das Rednerpult zusteuert, beginnen alle, sich auf die Stuhlreihen zu verteilen. Ich sitze zwischen Cordula und Irene. Aber Grohmann moderiert diese Veranstaltung gar nicht. Noch nicht. Er legt nur irgendwelche Papiere auf das Pult.

Dann aber betritt jemand den Raum, den ich sofort als Versammlungsleiter einordne. Selbstsicher. Arrogant. Von sich eingenommen. Irgendwie eine Ausgabe von Grohmann - nur schlimmer. Ich überlege, ob es von 'Nadelstreifen' einen Komparativ gibt. Da war doch vor vier Jahren dieses Buch mit dem Titel 'Nieten in Nadelstreifen' im Spiegel auf der Bestschenkerliste. Keine neuen Erkenntnisse, dachte ich damals, als ich es gelesen hatte, aber der Titel ist irgendwie hängengeblieben. Allerdings könnte es Nadelstreifenträger geben, denen man so Unrecht tut. Könnte.

Der Mann stellt sich als Dr. Gropius vor. Natürlich Doktor. Doktor von was, das erfahren wir nicht. Natürlich ist er auch vom europäischen Innenministerium.

Ich erwartete eigentlich, daß er jetzt das Projekt vorstellt, um alle Anwesenden auf denselben Kenntnisstand zu bringen. Weit gefehlt. Es erfolgt eine Einführungsvorlesung über europäische Wirtschaftsstrukturen.

Nach acht Minuten sage ich leise: "Wir sind hier doch nicht richtig!" Das war nicht leise genug. Gropius wirft einen bösen Blick in meine Richtung. Wir machen sofort alle brave Gesichter.

Nach weiteren fünf Minuten wissen wir, worauf es hinausläuft: Die alte Volk-ohne-Raum Ideologie. Nur eben in europäischen Dimensionen. Volk-ohne-Raum propagiere ich zwar gelegentlich auch. Nur die sich daraus ergebenden Resultate sind bei mir andere. Ich weiß jetzt, was Gropius will: Er baut ein Bild der wirtschaftlichen Ausbeutung neu entdeckter Gebiete auf. Dieses ist ein Vortragsthema, dem auf diesem Planeten seit hundert Jahren keine Realität gegenübersteht, weil es eben keine neuen Regionen zu entdecken und auszubeuten gibt. Jetzt, mit der Welthöhle, ist das anders.

Gropius - und wer weiß wie viele noch - scheint zu glauben, daß ausschließlich Rohstoffe den Reichtum eines Volkes ausmachen. Arbeitskraft und Qualifikation ist sekundär. Die naive Vorstellung eines Betriebswirtschaftlers, der Volkswirtschaft offenbar als Nullsummenspiel verstanden hat und alles, aber auch wirklich alles durch diese Brille sieht. - Das sind die Leute, denke ich mir, denen in den Anfangsvorlesungen in der Mathematik, die die Betriebswirtschaftler und Volkswirtschaftler auch besuchen müssen, von den Mathematikern gesagt wird, daß Skalare, Vektoren und Tensoren doch die einfachsten Dinge der Welt sind, und bei denen nur ein ungefähres Verständnis für Skalare hängenbleibt - weil nämlich Geld ein Skalar ist.

Die wissenschaftlichen Sensationen der Welthöhle, das Wunder ihrer bloßen Existenz, so vermute ich, interessieren Gropius überhaupt nicht, und er wird sie nicht erwähnen, sowie er in seinem Vortrag dort angelangt ist.

Er langt nicht dort an, sondern schließt sein Vortrag vorher ab. Nicht nur das - er verläßt sogar den Raum. Wir wissen nicht, ob ihn die eigentliche Welthöhle nicht interessierte, ob er nichts darüber erzählen durfte, oder ob er es nicht wollte. Fazit seines Vortrages: Wir brauchen Platz und Geld und eins kommt vom anderen oder das andere von dem einen. Oder so ähnlich. Und dazu ist die Welthöhle gut, aber das versteht sich von selbst und brauchte nicht extra erwähnt zu werden. Für die eigentlichen Projekte sind andere zuständig.

Etwas fiel mir erst lange Zeit später auf: Obwohl Gropius alles durch die Volk-ohne-Raum - Brille sah, vermied er es, Schuldige zu benennen. Es fehlte der Hinweis auf die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt und die dadurch ständig unterhaltenen Flüchtlingsströme, es fehlte der Hinweis auf die bevölkerungsdrucktreibende Politik des Vatikans, und, seltsam genug, es fehlte der Hinweis auf die starken Bevölkerungszuwächse in den islamischen Staaten. Damals dachte ich noch, daß Gropius zu denen gehörte, in deren Horizont ein möglicher Eingriff in das Bevölkerungswachstum, welcher Volksgruppe auch immer, nicht vorkam, weil dieses eben eine gottgegebene Größe war.

Dieses würde sich noch als ein gigantischer Irrtum erweisen.

Jemand neben Grohmann steht auf. Grohmann wollte auch aufstehen, aber der andere schüttelt den Kopf. Ich interpretiere das so: Grohmann wollte den nächsten Vortragenden vorstellen, aber dieser wollte das nicht. Er geht zum Rednerpult.

Vielleicht 35, Stirnglatze, Jeans, und ein Rollkragenpullover in pink - aber nicht genuines pink, sondern wie der Haushaltsfachmann sofort sieht, hat dieser Herr offenbar einmal unüberlegt verschiedenfarbige Kleidungsstücke zusammen in die Waschmaschine geworfen und vielleicht noch eine unzweckmäßige Waschtemperatur gewählt. Habe ich auch schon gemacht. Aber die Irene hätte mich daran gehindert, zu dieser Veranstaltung so etwas anzuziehen. Fazit: Der Mann ist Junggeselle.

"Meine Damen und Herren," fängt der pink-pulloverte an, "ich - ähm - bin heute aus zwei Gründen hier, um zu Ihnen zu sprechen. Der eine ist der, daß wir vielleicht mit einer der größten wissenschaftlichen Sensationen zu tun haben - werden - die je entdeckt worden ist. Und weil dieses so ein aufregendes Ereignis ist, ist das auch ganz genau der zweite Grund, warum ich hier bin."

Nachdem sich das pflichtschuldige Lachen gelegt hat, fährt er fort:

"Mein Name ist Seltsam." Er sieht sich um, als warte er auf etwas. "An dieser Stelle werde ich immer aufgefordert, ihn trotzdem zu sagen. Aber das ist der Name schon. Ich heiße so: Seltsam. Alfred Seltsam. Ich bin Evolutionär."

Diese Berufsbezeichnung habe ich noch nie gehört. Aber niemand läßt Erstaunen erkennen - also bin ich entweder der einzige Ahnungslose, oder es ist der Vorlesungseffekt: Bloß nicht auffallen, indem man erkennen läßt, etwas nicht verstanden zu haben.

Letztere Verhaltensweise war mir auch mal zu eigen. Ganz früh, am Anfang des Studiums. Noch früher, in der Schule, sowieso. Aber später habe ich erkannt, daß man kaum einen Vortragenden mehr aus dem Konzept bringen kann als mit dem lauten Zwischenruf: 'Das habe ich aber nicht verstanden'. Die Aura der Unwissenheit fällt merkwürdigerweise dann nicht auf einen selbst, der so dumm fragt, zurück, sondern eher auf den Vortragenden, wenn dieser es nicht ganz schnell zustande bringt, daß man es doch noch versteht.

Jetzt will ich das aber nicht machen, weil ich annehme, daß dieser Seltsam gleich erklären wird, was ein Evolutionär ist.

Tut er auch. Was ich nachher von seinen Erläuterungen behalte ist dies:

In erster Linie geht es ihm nicht um die biologische Evolution, sondern um die Evolution von Industrieprodukten. Der Beruf des Evolutionärs wurde definiert - oder er entwickelte sich evolutionär unter den Anforderungen bestimmter Firmen - um systematisch herauszufinden, woran es liegt, daß manche Produkte sich am Markt durchsetzen und andere nicht. Genaugenommen ist der Industrie-Evolutionär also jemand aus der Abteilung Marketing. - Jemand aus der Abteilung Marketing, der richtig denken kann, meint Seltsam - aber er sagt es natürlich nicht so.

Jedenfalls ist ein Evolutionär etwas anderes als zum Beispiel ein Evolutionsbiologe, erklärt Seltsam. Auch wenn es natürlich Querverbindungen gibt.

Eigentlich, sagt er, braucht man einen Evolutionär ja gar nicht. Genaugenommen ist die bloße Bezeichnung sogar schon ein Widerspruch in sich. Der Markt entscheidet sowieso, welches Produkt Erfolg hat und welches nicht, und welche Firma scheitern wird. Aber da natürlich keine Firma scheitern möchte, wäre es schon sinnvoll, etwas über Evolutionsvorgänge am Markt zu wissen, bevor sie eintreten, damit man sich nicht auf der Verliererseite wiederfindet. Am besten wäre es, wenn dieses Verfahren eine Aussage liefern würde, wie man Produkte weiterentwickeln muß, damit sich ihr Erfolg am Markt verbessert, beziehungsweise welche neuen Produkte erforderlich sind. Der Evolutionär pfuscht also den Evolutionsvorgängen des Marktes zugunsten seiner eigenen Firma ins Handwerk - also tut er letztlich das, was Marketing-Abteilungen sowieso tun.

Ganz so einfach, sagt Seltsam, geht das natürlich nicht. Insbesondere ist ein Evolutionär auch nicht in der Lage, ein grundsätzlich neues Produkt zu erfinden. Etwas besser kann er schon auf die Frage antworten, wie ein Produkt, was andere neu entwickelt haben, am Markt ankommen wird. Am besten kann er aber mit Modifikationen von schon am Markt eingeführten Produkten umgehen. Allerdings sind nicht alle Erwartungen an den Beruf des Evolutionärs erfüllt worden, sagt Seltsam - das liegt aber weniger an diesem neuen Beruf, sondern daran, daß die Erwartungen zunächst einmal zu hoch gesteckt worden sind - das zum einen - und daß natürlich ein Evolutionär in einem Angestelltenverhältnis keine Entscheidungen trifft. Das machen die Manager. Und die sind ja durchaus nicht an die Vorschläge ihrer Evolutionäre, wenn sie überhaupt solche beschäftigen, gebunden. Dazu kommt, daß Evolutionäre im Angestelltenverhältnis natürlich auch oft dazu neigen, die Einschätzungen von sich zu geben, die ihre Vorgesetzten hören wollen - wie es bei jedem anderen Arbeitnehmer auch vorkommt. Das neutralisiert natürlich den Nutzen eines Evolutionärs für seine Firma.

Es gibt da ein paar neue, mathematische Methoden, die Seltsam aber nicht erläutert, oder nur ansatzweise. Da ist von Merkmalsräumen die Rede, und von Erfolgsgradienten, und von Variabilitätsbreite. Das ganze funktioniert auch nur mit massiver Rechnerunterstützung, weil nur dort das 'Appetenzverhalten' eines heterogenen Marktes simuliert werden kann.

Seltsam erzählt, daß er früher in der Industrie gearbeitet hat, sagt aber nicht, in welcher Firma. Dann ist er zum europäischen Wirtschaftsministerium gegangen. Das ging irgendwie um Unternehmensberatung im ehemaligen Ostblock. Er hat aber zu der Zeit, als sich der Begriff des 'Evolutionärs' manifestierte und als selbständiges Berufsbild etablierte, begonnen, sich auch für die biologische Evolution zu interessieren - das liegt bei diesem Thema fast nahe, vermute ich. Da wurde aus einem Hobby sehr rasch eine Besessenheit. Und das merkt man auch, wenn er anfängt, auf das Thema einzugehen.

Seine eigentlich für Marketing-Zwecke entwickelten mathematischen Methoden konnten auch verwendet werden, um zum Beispiel zwischen Fossilien zu interpolieren, noch nicht gefundene Fossilien vorauszusagen, ökologische Nischen zu finden, die dann wahrscheinlich auch von einer Spezies besetzt gewesen sind, von der man bloß noch keine Fossilien gefunden hat, und ganz generell die Entwicklung der Arten zu beschreiben und Fehler aus dem paläontologischen Faktenbestand zu entfernen.

Er, sagt Seltsam, war es, der auf mein Buch aufmerksam wurde. Da er bei diesen Sätzen nicht in meine Richtung sieht, nehme ich an, daß er uns noch nicht identifiziert hat, so wie viele andere hier.

Seltsam hat also die 'Granitbeißerinnen' zunächst mit der Absicht gelesen, sich ein bißchen über die Schreiberin zu amüsieren. Er hat auch sehr schnell festgestellt, daß die Autorin in der Tat nicht sehr viel Ahnung über Paläontologie hat - damit stimmt er mit einem Kollegen überein. Ob er damit Reinhardt meint? Er sagt es nicht. - Aber, so fährt Seltsam fort, dann hat er sich selber überlegt, wie die biologische Evolution in der Welthöhle laufen würde, wenn es eine solche gäbe, und wie Wechselwirkungen mit Evolutionsvorgängen auf der Erdoberfläche aussehen müßten. Und dabei passten plötzlich Puzzle-Stücke zusammen, bei denen er bisher Schwierigkeiten hatte.

Seltsam meint, daß er mit seinen Untersuchungen noch am Anfang steht. Aber schon jetzt sei er überzeugt, daß es diese Welthöhle tatsächlich geben müsse - vor allem, nachdem ihm soviele Kollegen aus der Paläontologie und der Geologie versichert haben, daß das völlig unmöglich sei. Ein weiterer Grund seiner Zuversicht ist, daß er von der paläontologischen Inkompetenz der Autorin dieses Buches überzeugt ist - die kann sich das alles nicht ausgedacht haben.

Mit diesem festen Glauben an die Existenz der Welthöhle steht er, Seltsam, ziemlich allein. Die Fachleute aus Geophysik, Geologie und Paläontologie sind dagegen. Das Außenseiter-Syndrom, sagt er, zeigt sich da ganz deutlich. Denn was habe er als Marketing-Mann überhaupt in Wissenschaftlerkreisen zu suchen?

Bei diesen Randbemerkungen gibt es ein gewisses Gemurmel im Saal. Ich nehme an, das geht von den anwesenden Geophysikern, Geologen und Paläontologen aus.

Jedenfalls, sagt Seltsam, habe ihn das Thema nicht wieder losgelassen. Und da er ein paar wichtige Leute kannte, konnte er die Idee, doch einmal zu untersuchen, ob dieser Roman einen realen Hintergrund haben könne, erfolgreich verbreiten. Und als ehemaliger Marketing-Mann wußte er auch, wie man Interesse an GroßProjekten weckt: Indem man auf das Geld hinweist, das man damit verdienen kann. Die wirtschaftliche Bedeutung einer Nutzung der Welthöhle.

Damit ist er am Ende seines Vortrages. Er setzt sich wieder, unter zögerndem Applaus. Ich erinnere mich, daß Gropius gar keinen Applaus bekommen hat - eine kleine Genugtuung im Nachhinein.

Plötzlich kommt mir ein unangenehmer Gedanke: Als indirekter Veranlasser dieser ganzen Angelegenheit hier könnte jemand auch auf die Idee kommen, daß ich ein paar Worte an die Versammlung richten sollte. Ich habe nichts vorbereitet. Ich habe auch wenig Lust, etwas zu sagen. Und welche Strategie sollte ich einschlagen? Ich könnte natürlich immer noch behaupten, daß alles Fiktion ist - allerdings redet meine eigene Unterschrift unter dem neuen Arbeitsvertrag eine andere Sprache.

Zunächst scheint meine Befürchtung gegenstandslos. Grohmann erhebt sich schon wieder, um sich gleich darauf wieder zu setzen. Und nun marschiert jemand ans Rednerpult, den ich zu kennen glaube. Ich weiß auch, woher: Der ist mir in den letzten Wochen einmal irgendwo in der Firma begegnet. Ich erinnere mich daran, weil dieser untersetzte, kleine Mann in vorgerücktem Alter einen Moment lang den Eindruck machte, als erkenne er mich. Ich kannte ihn aber nicht. Der Ausdruck des Erkennens verschwand auch so schnell aus seinem Gesicht, wie er dorthin gekommen war. Ich dachte dann eben, daß er mich mit jemandem verwechselt habe. Soll ja vorkommen.

Er heißt Erftling. Hat irgend etwas mit Logistik zu tun. Seine Rhetorik-Fähigkeiten sind schauderhaft. Erst nach mehr als zehn Sätzen wird klar, daß er mehr die Kosten eines Projektes beschreibt, das selbst noch gar nicht detailliert wurde. Wenn man aufpaßt, kriegt man aber schon raus, worum es geht. Es ist eben nur schade, daß der falsche Redner das richtige Thema aufgreift.

Es ist geplant, ein ehemals für militärische Zwecke entwickeltes U-Boot zu modifizieren - diese Modifikationen sind bereits in die Wege geleitet worden, wenn ich richtig verstehe - um mit diesem Boot Unterwassermessungen im Loch Ness vorzunehmen. Es handelt sich dabei im wesentlichen um seismische Messungen mit nachfolgender Computer-Auswertung.

Der Grund, daß man sich für das Loch Ness entschieden hat, ist weniger mein Buch - der dortige Zugang zur Welthöhle könnte sich den Suchbemühungen ja ebenso erfolgreich und hartnäckig entziehen wie der Zugang über das Höllentalplatt - sondern die Tatsache, daß dort, im und um den Kaledonische Kanal vor kurzem auf seismischem Wege Höhlungen nachgewiesen worden sind, die dort geologisch nicht hinpassen. Es handelt sich zwar nach wie vor nicht um Höhlen mit den Abmessungen der Welthöhle - für die gibt es nirgends irgendwelche Hinweise - aber eben um Höhlen, die man sich nicht erklären kann.

Das ist also alles, was dieses Boot machen soll: Seismische Sprengungen, Messungen der Schallereignisse mit verteilten Sonden - Auswertung mit Rechnern und graphische Darstellung, um gleich die nächste Versuchsserie planen zu können.

Es sei auch möglich, Druckkammern am Seegrund vorzubereiten, wenn man dort etwa Grabungen vornehmen möchte. Aber darüber wird erst viel später entschieden - nämlich in Abhängigkeit davon, was man dort findet.

Das Verfahren, denke ich mir, würde wohl auch im Zugspitzgebiet funktionieren - aber man braucht das Boot für den Transport der Rechner, der Hydro- und der Geophone und der Sprengladungen. Das ist vielleicht der Grund, warum man sich für das Loch Ness als ersten Ansatzpunkt entschieden hat.

Erftling ist schnell wieder zu Ende. Jetzt ist endlich Grohmann dran. Es gibt organisatorische Einzelheiten. Das war auch Zeit.

Es werden noch Monate vergehen, bis das Boot einsatzbereit ist. In dieser Zeit werden alle vorgesehenen Expeditionsteilnehmer Kurse machen: Geologie, Paläontologie und Xonchen für jeden, dazu U-Boot-Betriebstechnik, soweit dies erforderlich ist. Da es sich bei dem betreffenden U-Boot nicht um ein großes, strategische Waffen tragendes, handelt, können nicht allzuviele Personen an Bord sein. Deshalb sind mehrfache Aufgabenzuweisungen notwendig. Andererseits, sagt Grohmann, sei dieses U-Boot eines der modernsten, das je entwickelt worden ist. Die Ähnlichkeit zu dem, was man aus alten Filmen aus dem zweiten Weltkrieg kennt, sei gering. Es regnet rein, wenn man die Luke aufläßt und dann taucht, sagt Grohmann. Das sei alles, was ein Autor wie Buchheim wiedererkennen würde.

Nach diesen Ausbildungsmonaten, wo also jeder zeitweise Schüler und zeitweise Lehrer sein wird, heißt es für die Projektdauer, einen Zweitwohnsitz in Inverness zu beziehen. Das müßte etwa Ende Herbst der Fall sein. Dort würden wir uns aber nicht ewig lang aufhalten. Das Boot würde zu diesem Zeitpunkt bereits in das Loch Ness transportiert und einsatzbereit gemacht worden sein. Dann heißt es also, alsbald an Bord gehen.

Eine kleine Komplikation gäbe es dann noch: Die Öffentlichkeit würde informiert werden müssen, weil man die Operationen eines solchen U-Bootes im Loch Ness ja nicht geheimhalten kann. Das wäre aber kein Problem, denn wie jeder weiß, ist das Loch Ness für sein sagenhaftes Monster 'Nessie' bekannt. Genau das wäre die Cover-Up-Story: Ein von finanzstarken Mäzenen gesponsertes Suchunternehmen. Grohmann meint, das wäre ja auch eigentlich gar nicht gelogen. Jedenfalls wäre dies die Version, die wir weiterverbreiten dürften, etwa im Gespräch mit Verwandten.

Der eigentliche Zweck des Unternehmens sei natürlich streng geheim zu halten.

Dann das übliche: "Wer hat noch Fragen?" Es hat auch jemand noch Fragen: Dr. Thomas Reinhardt.

Er richtet sie nicht an mich, sondern an Seltsam. Der Fachmann an den Laien. Oder das Streitgespräch zweier Fachleute, deren unterschiedliche Fachgebiete sich in einem Punkte überdecken. Der Paläontologe und der Evolutionär. Beide nicht mit allzuviel Verständnis für den fachlichen Ausblick der jeweiligen Gegenseite.

Reinhardt versucht, die Beobachtungen, die ich in meinem Buche notiert habe, im Lichte seiner Paläontologiekenntnisse ins Lächerliche und Absurde zu ziehen. Offenbar kennt er jedes wesentliche Fossil, das Paläontologen je entdeckt haben, persönlich, und zieht daraus den Schluß, daß er weiß, welche Lebewesen es jemals auf der Erde gegeben haben könnte und welche nicht.

Da ist Seltsam natürlich in einer schlechteren Position. Er kennt sich in der Paläontologie zwar besser aus als ich, aber bei weitem nicht so gut wie Reinhardt. Dafür ist es Seltsam natürlich überhaupt nicht möglich, in einem Wortgefecht auch nur die Spur eines Verständnisses für seine mehr mathematischen Evolutionsanalysen zu vermitteln. Sie reden also über völlig verschiedene Dinge: Reinhardt kennt die Bausteine und Seltsam kennt die Spielregeln.

Grohmann muß nach einer Weile dieses fruchtlose Wortgefecht abbrechen. Das ist auch gut für mich, weil Reinhardt mehrfach hat durchblicken lassen, daß jemand, der sich nicht in der Paläontologie auskennt, auch nicht die Frechheit haben sollte, sich über Evolutionsprinzipien zu äußern. Ich weiß nicht, ob er damit mehr Seltsam oder mehr mich meint. Aber ich bin sauer. Aber noch nicht sauer genug, um mich selbst in die Diskussion einzuschalten. Diese Zurückhaltung bekommt aber meinem Magen nicht.

Es dürfen noch mehr Fragen gestellt werden. Die nächste Frage bezieht sich auf die Identität der Autorin.

Ich rechne damit, daß Dutzende von Gesichtern sich in meine Richtung drehen. Das ist aber nicht der Fall. Ich weiß also nicht, wer informiert ist und wer nur vermutet, wer die Autorin sein könnte. Mein Eindruck von vorhin, daß sehr viele der Anwesenden Bescheid wissen, war also nicht ganz richtig. Oder viele der Anwesenden sind einfach zu höflich, einfach in meine Richtung zu starren.

Trotzdem - es gibt ja keinen Grund, den Projektmitgliedern die wahre Identität der Autorin noch länger zu verheimlichen. Im Gegenteil. Soll ich jetzt selber aufstehen und mich zu erkennen geben, oder soll ich, mehr in Passivität, die Vorstellung Grohmanns abwarten? Irgendwie ist mir das unangenehm - es sind zu viele Personen anwesend, die ich nicht persönlich kenne.

Die Entscheidung wird aufgeschoben. De Haan betritt den Raum und geht schnell auf Grohmann zu. Zu schnell. Da ist etwas Unerwartetes passiert. Ich warte ab. Ein gedämpftes Murmeln liegt im Saal.

Grohmann studiert die Papiere, die De Haan ihm gereicht hat. Da es sich dabei vom Rednerpult hinwegbegibt und wieder seinen Platz in der ersten Reihe einnimmt, kann ich seine Gesichtszüge nicht erkennen.

Fast zwei Minuten dauert es, bis er wieder aufsteht und ans Pult geht.

"Meine Damen und Herren, wir haben da einige Neuigkeiten, die das Projekt nicht unwesentlich beeinflussen."

Wie schön. Die Identifikation der Autorin ist erst einmal aufgeschoben.

"Mir wird gerade mitgeteilt, daß die CHARMION nicht in das Loch Ness überführt werden kann und nicht überführt werden darf."

Der Schreck läßt mich einiges von dem Folgenden überhören. Wer, zum Teufel, hat die Projektleitung ermächtigt, das Boot nach Charmion zu benennen? Und wenn schon, wieso fragt mich niemand, wie man das ausspricht? Es ist mir, als sei ein Stück meiner ureigensten Privatsphäre verletzt worden. Irene muß es mir anmerken. "Reg dich nicht auf!" flüstert sie mir zu. Ich rege mich aber auf.

Ich will nicht, daß das Boot so heißt. Nicht CHARMION.

Das Problem ist, so wie ich es gerade eben mitkriege, daß es technisch zu aufwendig ist, das Boot in das Loch Ness zu bringen. Dazu ist es zu groß. Es wären sehr teure Arbeiten notwendig, entweder, um den Kanal, der die drei Seen im Kaledonischen Kanal, nämlich das Loch Ness, das Loch Oich und das Loch Lochy miteinander verbindet, auszubauen, oder um die Straßen zu den Enden des Sees, nämlich entweder von Inverness nach Dores oder von Fort William nach Fort Augustus, so auszubauen, daß der Schwertransport über Land möglich ist. Beides wäre bei der Größe des U-Bootes technisches Neuland. Hat sich das denn niemand vorher überlegt?

Als prinzipielle Möglichkeit wäre da noch das Auseinanderbauen des U-Bootes und das Wiederzusammensetzen am Loch Ness, was dann aber in einer noch zu errichtenden Werft geschehen müßte. Auch dagegen sprechen Zeit- und Geldargumente.

Dazu kommt, daß sich das schottische Parlament jetzt gegen das Unternehmen sperrt. Warum, das weiß man nicht, denn eigentlich bringt so ein Projekt ja auch Geld in die Region. Aber das schottische Parlament gibt es ja erst seit ein paar Jahren, und die müssen immer wieder beweisen, daß sie im eigenen Land etwas zu sagen haben. Vermutlich hat man einfach vergessen, sie vorher zu fragen, oder noch schlimmer, man hat über das Projekt in London gesprochen statt in Edinburgh. Dann ist es natürlich klar, daß Schottland erst einmal voll in die Bremseisen steigt.

Komisch - seit die Regionalregierungen mit der politischen Einigung Europas wieder viel mehr Zuständigkeiten haben, zieren die sich manchmal wie in fernsten, weit zurückliegenden nationalstaatlichen Zeiten. Die Umstellung von Linksverkehr auf Rechtsverkehr zum Beispiel, die auf den britischen Inseln schon mehrfach angedacht wurde, scheiterte an nichts anderem als daran, daß die Regierungen von England, von Schottland, von Wales und von den beiden Irlands sich nicht auf einen gemeinsamen Zeitpunkt dafür einigen konnten. - So einfach sich dem Vorschlag einer anderen Regionalregierung anzuschließen geht natürlich nicht. Und mit dem Boot ist es jetzt das Gleiche.

Wie Kleinkinder, diese Politiker, wie Kleinkinder!

Also Fazit jedenfalls: Das Boot ist im Moment nicht in das Loch Ness zu bringen, sowohl aus technischen als auch aus administrativen Gründen. Und 'Im Moment' heißt: wenigstens für einige Jahre. Egal, wieviel Geld die EG hinzuschießt.

Die administrativen Gründe könnten nicht einmal durch Schmiergeldzahlungen beseitigt werden, weil dazu Europa wieder zu sehr integriert ist: Es gibt keine Methode, zuverlässig herauszufinden, wen man denn nun alles schmieren müßte und wen nicht. Wenn der Europäische Rechnungshof herausfindet, daß jemand Falsches geschmiert wurde, dann gibt es unheimlichen Ärger.

"Das alles" sagt Grohmann, "wäre fast der Todesstoß des Projektes. So wie ich es sehe. Oder wir müßten etwas ganz anderes tun - ohne U-Boot."

Warum eigentlich nicht, denke ich. Wir waren ja auch ohne U-Boot unten. Es fehlt bloß die Formalität des Auffindens eines Zuganges zur Welthöhle. Ohne einen solchen geht es eben nicht. - Es ist mir sowieso immer noch völlig unklar, wozu man, außer zum Transport von meßtechnischen Einrichtungen und Computern, ein U-Boot braucht. Reicht nicht ein Überwasserschiff?

"Wir haben jedoch soeben auch Kenntnis von etwas anderem erhalten. Ein Zufallsbefund, gewissermaßen. Und dieser läßt alles wieder in einem anderen Licht aussehen."

Grohmann macht eine Pause. "Der macht's aber spannend!" sagt Cordula an meiner anderen Seite.

"Es sind größere Unterwassergrotten an der Westküste Schottlands entdeckt worden. So große Höhlen, daß Geologen dafür zunächst im Erklärungsnotstand sind. Es handelt sich um einige Buchten nördlich vom Kaledonischen Kanal. Um das Loch Broom, um genau zu sein. - Das ist kein See, sondern eine Meeresbucht - das Wort 'Loch' wird, wie Sie wissen, im Schottischen für beides verwendet, Meeresarm und Hochlandsee."

"Ullapool!" sage ich leise zu Irene. Sie nickt. Wir waren während desselben Urlaubs dort, in dem wir vorher auch in Foyers waren. 1988 war das - vor fast zehn Jahren. Irene kennt es also.

"Die CHARMION wird also zu gegebener Zeit von Greenock bei Glasgow nach Ullapool verlegt werden." bestätigt Grohmann, "Das sollte dann ja keine Schwierigkeiten machen. Unser schottischer Stützpunkt wird also nicht Inverness sein, sondern Ullapool. - Jedenfalls sieht es jetzt so aus. Sie alle werden natürlich noch über entgültige Entscheidungen informiert. - Ja, Herr Homberg?"

Alle sehen mich an, weil ich aufgestanden bin. Ich werde jetzt mal etwas 'Selbstbewußtsein trainieren', wie Irene das nennt. Deshalb gehe ich nach vorne. Grohmann gibt das Rednerpult frei. Da mein wirklicher Name schon gefallen ist, verschwende ich da keine weiteren Formalitäten.

"'Charmion'" sage ich, "spricht man nicht 'Charmion' aus. Sondern 'Charmion'. Das kann man im Schriftdeutsch nicht unterscheiden. Mit den Feinheiten der Xonchensprache werde ich vermutlich noch einigen von Ihnen auf den Nerv fallen. Also. 'Charmion'. Nicht 'Charmion'."

Einige der Anwesenden lachen. Ich nicht.

"Das zum ersten. Zum zweiten: Es ist mir nicht recht, daß das Boot so genannt wurde. Ich wurde nicht gefragt, und ich habe vermutlich auch jetzt keinen Einfluß mehr darauf. Aber ich halte diese Namenswahl für geschmacklos."

Das war alles. Niemand stellt Rückfragen, als ich zu meinem Platz zurückgehe. Grohmann macht ein Pokergesicht.

Ich auch.


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        9.      Paläontologie und Xonchen


Die nächsten Wochen und Monate wurden rasch zu einer Routine, wie immer, bei jedem noch so spektakulären Projekt. Mir war das nichts Neues. Ich hatte schon öfter bei besonderen Projekten mitgearbeitet.

1982 zum Beispiel habe ich mich dem Ada-Compiler-Projekt angeschlossen. Damals war es durchaus nicht sicher, daß man für diese Programmiersprache einen Compiler würde bauen können. Wir - und viele andere Teams in der ganzen Welt - zeigten, daß es doch möglich war. Gescheitert ist das Projekt später an ganz anderen Dingen, aber zu Anfang war es doch ein bißchen wie die Mitarbeit am Mondprogramm der Amerikaner in den Sechziger Jahren. Es war etwas Besonderes - die Kathedrale unter den Programmiersprachen, wie manche ihrer Verfechter sich ausdrückten. Dagegen war FORTRAN ein Werkstattschuppen, BASIC ein Kinderzimmer, COBOL ein Lohnbüro, und C und PASCAL ein Zweckbau einer Universität. Erst mit C++ ist dann wieder eine wirklich konzeptionell ernstzunehmende Programmiersprache erschienen, an deren Implementierung ich leider nie selbst mitgearbeitet habe.

In der täglichen Arbeit verschwindet das Besondere, und es bleibt die Arbeit. Manchmal auch die Langeweile. Die Erfahrung machten wir auch jetzt wieder.

Wir waren Lehrer und Schüler. Lehrer für Xonchen. Schüler für fast alles andere. Paläontologie zum Beispiel. Tutor für die meiste, Gott sei Dank nicht für die ganze Zeit: Dr. Thomas Reinhardt. Es war nicht direkt angenehm. Besonders zu Anfang ließ er gerade mich immer wieder spüren, wie entsetzlich wenig ich doch über das Thema wußte. Und uns wurde klar, wie entsetzlich langsam man in unserem Alter noch neue Stoffe aufnimmt, wenn das Interesse so stark nicht ist. Weil Reinhardt eben nicht der Mann war, der die Spielregeln als das Wesentlichste auffaßte, sondern die Bauklötze, bestand sein Unterricht aus der Vermittlung einer Menge von Fakten. Ich denke, ein Studium einer so systematischen Wissenschaft wie die Physik oder die Mathematik hätte Reinhardt nicht geschafft. Nicht mit diesen Denkgewohnheiten. Aber natürlich muß es in einer arbeitsteiligen Industriegesellschaft jede Art von Denkgewohnheiten geben.

Schade nur, daß so viele Mitmenschen dazu neigen, ihre eigenen Denkgewohnheiten für allgemeinverbindlich zu halten.

Dann: Die Baupläne der CHARMION. Vorwärts, rückwärts, in allen Ebenen. Als ob wir in die Lage versetzt werden sollten, das Boot auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Und das betraf nicht nur die sichtbare Einrichtung, sondern sogar die Software, die allerdings so umfangreich war, daß wir nur über einen kleinen Teil etwas erfuhren. Der Name CHARMION blieb übrigens. Ich konnte nichts dagegen tun. Vielleicht, dachte ich, ist es auch immer noch besser, als wenn sie das Boot OSONT genannt hätten.

Das Vertrautmachen mit der CHARMION wurde dadurch kompliziert, daß sich, zum Einen, die Baupläne immer noch änderten, denn sie wurde ja zu dieser Zeit für zivile Operationen umgerüstet. Nicht nur das. Die militärische CHARMION war auf den Weltmeeren zu Hause, und nur dort. Die zivile CHARMION mußte auch in SüßWasser manövrieren können, und, wenn nötig, in Wasser mit wesentlich höherem Salzgehalt als der Ozean. Auch das erforderte Modifikationen - Ein Gegenstand von 1700 Tonnen Wasserverdrängung hat schließlich in Meerwasser einen um etwa 34 Tonnen größeren Auftrieb als in SüßWasser.

Und zum Anderen waren die Baupläne nicht vollständig. Da waren Dinge, die wir nicht zu sehen bekamen. Zunächst dachte ich an die Dinge, die rein militärisch genutzt werden, und die jetzt ausgebaut wurden, um zivilen Einrichtungen Platz zu machen. Aber das war es nicht - die Hauptmaschinen zum Beispiel, über die bekamen wir überhaupt keine Pläne. Und die wurden definitiv nicht ausgetauscht. Indirekt konnte ich erschließen, daß es sich um einen Reaktor handeln mußte. Ungewöhnlich für ein Schiff mit nur 1700 Tonnen Wasserverdrängung, aber das ist doch kein Grund, so etwas geheim zu halten, oder? Vor allen Dingen, wenn die übrige Einrichtung des Schiffes darauf schließen läßt, daß an Energie kein Mangel sein wird, und das offenbar für unbegrenzte Zeit. Außerdem fand ich bei den Elektrolyseeinrichtungen Geräte, die Schwerwasser aus dem elektrolysierten Wasserstoff gewinnen sollten, und wozu braucht man wohl Deuterium, wenn nicht als Moderator für einen Reaktor?

Damals dachte ich übrigens noch, daß es nur Gründe der technischen Umrüstungen waren, daß wir weder die gesamte Software noch die gesamten Baupläne vollständig kennenlernten. Vielleicht noch Organisationsfehler, und natürlich Zeitmangel - niemand lebt lange genug, um jede Schraube und jede Maschineninstruktion in einem solchen technischen Gerät wie einem U-Boot kennenzulernen. Inzwischen weiß ich, daß uns absichtlich eine Reihe von Dingen vorenthalten wurde. Und keiner von uns hat es gemerkt. Wenigstens nicht, solange wir noch in München waren.

Wir bekamen jetzt schon unser Bordpäckchen - oder wie man die Bordkleidung nennt. Eine Art praktischer Overall in Grün - eine Spur grüner als das Olivgrün, das ich vor einem Vierteljahrhundert bei der Bundeswehr so schätzen gelernt habe - jeder Overall mit Brustschildern und Schulterzeichen bestickt, die den Namen des Schiffes und den Namen des Trägers zeigten. Funktionsbezeichnungen würden später angebracht werden, so erfuhren wir, und weiterhin wurde es uns auch freigestellt, diese Spezialkleidung jetzt schon zu tragen oder auch nicht, solange wir noch in München arbeiteten. Das war auch gut so. Ich trug es nicht, Irene tat es nicht, und Cordula auch nicht. Die meisten taten es noch nicht, trotz der vielen praktische Taschen in diesem Overall. Irgendwie wäre man sich in der S-Bahn seltsam vorgekommen, wenn jeder auf meiner Brust lesen kann:


        C H A R M I O N

        Herwig  Homberg

Weiße Schrift, auf samtschwarzem Grund, das Ganze auf dem grünen Stoff aufgestickt. Unauffällig auffällig. Was hätte man denn sagen sollen, wenn man gefragt wird? Schließlich hatten wir doch den Mund zu halten. Eigentlich.

Außerdem erfuhren wir, wie wir an Bord unterkommen würden. Es würde natürlich nicht mehr so schlimm sein wie seinerzeit auf den U-Booten im Zweiten Weltkrieg. Also, es würde niemand gezwungen sein, auf Torpedorohren oder unter den E-Maschinen zu schlafen. Es gab Kabinen - ein bißchen geschickter ist der Raum auf der CHARMION schon ausgenutzt worden.

Aber es gab wahrscheinlich keine Einzelkabinen. Zumindest Platz zum Schlafen sollte an Bord doppelstöckig genutzt werden. Also Doppelkabinen für jeden. Es gab zwar noch ein Denkmodell, das etwa darauf hinauslief, daß Einzelkabinen eingebaut würden, die einen winkelförmigen Querschnitt hatten, so daß die Betten von benachbarten Einzelkabinen sich tatsächlich übereinander befanden, aber nicht zu derselben Kabine gehörten. Das wäre fast so platzsparend wie Doppelkabinen gewesen. Wie ich erfuhr, war auch noch nicht restlos entschieden, in welcher Weise die Umbauten nun erfolgen würden. Vielleicht würde es sogar eine Hybridlösung geben, die aber dann den Nachteil hätte, daß es an Bord, was die Kabinenunterbringung betrifft, eine Zweiklassengesellschaft geben würde. Wir konnten fast nichts anderes tun als abwarten und auf das wegen der Größe der CHARMION technisch Machbare zu hoffen. Ich schrieb ein Memorandum an die Projektleitung in Brüssel, um meine Vorliebe für Einzelkabinen und deren Vorteile anzumelden, aber ich erhielt darauf nicht einmal eine Antwort.

Wenigstens kriegte ich schon am Tage der Einführungsveranstaltung heraus, wie sie Cordula geködert hatten. Wir redeten während einer Kaffeepause zwischen den Vorträgen länger miteinander.

Ich hätte es mir denken können. Sie fühlte sich in ihrem Beruf festgefahren, genau wie ich. Wer nach zehn Jahren Zugehörigkeit zur Firma nichts geworden ist, so heißt es, der oder die wird auch nichts mehr. Das traf auf sie genauso zu wie auch auf mich. Und wenn man karrieremäßig so festsitzt, dann nützt einem fachliche Kompetenz gar nichts. Wie sowieso Fachkompetenz in unserem Hause nicht gerade das Merkmal ist, das einem das Fortkommen erleichtert. Ich sage immer, man muß in der richtigen Seilschaft drin sein. Gewisse soziale Kontakte pflegen. Die richtigen Leute kennen. Aber doch nicht unbedingt etwas von Informatik verstehen. Wer lange genug im Hause ist, der pflegt mir zuzustimmen - wenn es sich um einen Sachbearbeiter handelt.

Die Cordula hätte auf das Fortkommen noch etwas mehr Wert gelegt als ich. Und genau das hat man ihr in Aussicht gestellt. Ein gut bezahlter Job im europäischen Innenministerium. Welchen genau, das weiß sie nicht. Aber wenn dieses Projekt ein Erfolg wird, das weiß sie, dann ist man nicht mehr auf Versprechungen angewiesen. Dann bekommt man überall etwas. - Versprechungen von Vorgesetzten, das weiß sie so gut wie ich, sind der Komparativ des Begriffes 'Lüge'.

Eine indirekte Drohung hat man bei ihr nicht versucht. War wahrscheinlich nicht nötig.

Nicht an diesem Tag, aber doch bald darauf brachte ich dann das Thema auf den Punkt, der mir besonders am Herzen lag: Sollte man denn überhaupt mitmachen?

"Ja wieso denn nicht?" fragte Cordula zurück, "Und wieso fragst gerade du das? Du hast doch das Ganze in die Wege geleitet!"

Sie kennt meine Einstellung zum ungehemmten Pronatalismus. Sie versteht ihn vielleicht sogar noch eher als die Irene, sieht aber selbst kein Problem darin. Wahrscheinlich glaubt sie, daß gesellschaftliche Lernprozesse das Ruder weltweit noch rechtzeitig herumreißen werden, bevor es soweit kommt, daß der ganze Planet eine einzige Müllkippe ist, auf der 20 Milliarden Menschen zu leben versuchen.

"Natürlich habe ich das," sage ich, "aber du weißt genau, daß ich das nicht ganz freiwillig getan habe. So aufmerksame Leser habe ich mir nicht gewünscht!"

"Wenn das hier vorbei ist, was meinst du, wieviele Bücher du dann verkaufen wirst!"

"Dieses Argument habe ich schon gehört! Aber wie wird es dann den Granitbeißerinnen gehen?"

"Wenn wir in einer übervölkerten und verschmutzten Umwelt leben, warum sollten sie ein Recht auf etwas Besseres haben?"

Ich bin einen Moment sprachlos. "Glaubst du das wirklich?"

"Sonst müßte man, zum Beispiel, die beiden Amerika wieder den Indianern zurückgeben. Genaugenommen."

"Genaugenommen müßte man das tun, ja. Habe ich nie bestritten. Nur wird das nicht mehr gehen. Schon deshalb nicht, weil man die 70 Millionen, die seit Columbus umkamen, kaum wieder zum Leben erwecken kann. Aber die Kolonisierung der Welthöhle kann man vielleicht noch aufhalten."

"Und so die Menschenfresserei unter Naturschutz stellen!"

Mit Cordula kann man gut streiten, weil, ganz gleich, welchen Standpunkt man selbst vertritt, sie immer den Standpunkt der Opposition einnimmt. Manchmal ist das dann gar nicht ihr ureigenster Standpunkt. Bei dem vorliegenden Problem geht sie aber offenbar davon aus, daß sie sich eben entschieden hat, mitzumachen, und damit darf die Sache als Ganzes nicht mehr in Frage gestellt werden, um so mehr, da sie weiß, daß eigentlich ich beim Infragestellen der allererste bin.

Außerdem hat sie inzwischen die 'Bibel' ein zweitesmal gelesen. Die 'Bibel', das ist im Projektsprachgebrauch mein Buch. Da kann sie fast alles belegen, was sie denkt, und das Gegenteil auch. Wenn ich noch einmal ein Buch schreibe, dann werde ich es etwas mehr auf formelle Widerspruchsfreiheit überprüfen. Oder ganz auf persönliche Meinungen verzichten. Oder es ihr nicht zu lesen geben.

Das Sabotieren des Projektes kommt für sie jedenfalls nicht in Frage. Da steht viel Geld dahinter, das viele Menschen erarbeitet haben. Geld ist Lebenskraft von Menschen, sagt sie. Diese Lebenskraft hat ein Recht auf Resultate. Auch, wenn es zum Nachteil der Granitbeißerinnen ist? frage ich. Das muß ja nicht sein, sagt sie. Wird es aber, sage ich. Wie kann das sein, sagt sie - natürlich, wenn die Welthöhle flächendeckend 'zivilisiert' worden ist, dann gibt es dort keine Menschenfresserei mehr. Keine Vollstreckungskreuze. Das müßte doch in meinem Sinne sein, oder? Keine Vollstreckungskreuze?

Ich gebe auf. Ich muß meine Bedenken präziser formulieren. Alles, was ich ökologisch sagen könnte, wird auf die Reduzierung der Lebensräume von ein paar Sauriern um ein paar Prozent umgedeutet werden, und dagegen dürfe ich ja nichts haben. So ähnlich wird die Argumentation laufen. Und alle möglichen Parallelen zur Eroberung der beiden Amerika in den letzten fünf Jahrhunderten bleiben Möglichkeiten unter vielen. Und ebenso alle möglichen Parallelen zum Aus-dem-Ruder-Laufen unserer eigenen Ökosphäre, das wir gerade erleben. Bis dies alles eingetreten und manifest geworden ist. Bis es zu spät sein wird.

Dabei braucht man doch eigentlich gar keine Phantasie, um dies alles einzusehen, sondern nur offene Augen.

Das Gespräch nimmt danach eine unverbindliche, weniger grundsätzliche Wendung. Ich erfahre noch, daß jemand Cordula erzählt hat, daß man jemanden aufgetrieben hat, der diese Kerzen-Illuminierung, die ich vor fast dreißig Jahren in der Jettenhöhle im Harz veranstaltet habe, selbst gesehen hat. Wahrscheinlich hat derjenige Leser direkt den Verlag angeschrieben, und ich habe aus irgend einem Grunde nichts davon erfahren. Cordula meint, daß auch solche Dinge die Beweiskraft meines Romanes erhöht haben. Das halte ich aber für völlig falsch, denn bei einem fiktiven Roman könnte ich ja richtig autobiographische Dinge untergemischt haben. So fiktiv kann ein Roman ja gar nicht sein, als daß nicht elementare, autobiographische Dinge drin sind: Das Beherrschen der betreffenden Sprache, Alltagssituationen. Cordula zuckt die Schultern. Diesmal weiß sie kein Gegenargument. Die Einzelheiten des Schriftstellerhandwerks interessieren sie auch nicht so besonders, und sie ist im Moment auch gar nicht an einer so richtig kontroversen Diskussion interessiert.

Sie ist so ein bißchen in der Neue-Horizonte-tun-sich-auf-Euphorie befangen. Ich kann es ihr nicht einmal verdenken - das ist unvermeidlich, wenn man im Begriff ist, etwas ganz anderes zu tun als das ganze bisherige Leben. Sie wird schon noch merken, daß es auch hinter neuen Horizonten FußPilz gibt. Wie wir alle es merken werden.

Die Irene macht in der Hauptsache Xonchen-Unterricht. Es wird ihr schon bald Routine, da sie eine weitergehende Teilnahme am Projekt nicht wünscht. Sie weiß noch nicht einmal, ob sie während unserer Mission in Ullapool wohnen wird oder hier. Naja, sie wird ja auch ein paarmal hin- und herreisen können, so alternativ ist die Entscheidung also gar nicht. - Außer ihrem Xonchen-Unterricht bleibt sie immer, genau wie ich, als Experte für die Welthöhle in Rufweite. Wann immer jemand eine Frage hat, die aus dem Buch heraus nicht beantwortet werden kann, dann wird einer von uns direkt befragt werden.

Im Übrigen lernte ich im Laufe der Zeit die meisten weiteren Projektmitglieder kennen. In der ganzen Zeit in München war aber noch nicht restlos entschieden worden, wer nun mitfahren würde und wer nicht.

Dafür wurden wir über die weiteren geologischen Untersuchungen am Loch Broom auf dem Laufenden gehalten. Diese sahen vielversprechend aus: Die Einwohner von Ullapool lebten auf Höhlen und wußten es noch gar nicht! - Ich meine, auf bescheidenen Höhlen nahe der Erdoberfläche. Auf der Welthöhle lebt ja ganz Mitteleuropa, und niemand weiß davon. Noch nicht.

Diese Höhlen, die bei Ullapool und die Welthöhle, waren für unseren Lehrer für Geologie und Geophysik zweifellos am interessantesten. Doktor Gerald Amurdarjew war Geologe und Geophysiker. Er stand noch ganz am Anfang seiner Karriere und war erst 33 Jahre alt. Wir erfuhren, daß er eine Habilitation in Göttingen unterbrochen hatte, weil er sich, im Gegensatz zu Reinhardt, diesem Unternehmen mit fliegenden Fahnen angeschlossen hatte.

Im Gegensatz zu dem, was sein Nachname suggerierte, sah Amurdarjew wie ein normaler Mitteleuropäer aus, Typ nicht mehr ganz junger, aber sympathischer, offener und vertrauenerweckender Jugendlicher. Er sah so ähnlich aus wie Neil Armstrong zur Zeit seiner Mondlandung. Von seinem privatem Umfeld erfuhren wir zunächst kaum etwas. Er kam jedenfalls nicht aus Russland, und er konnte auch kein Russisch.

Natürlich war man an ihn zuerst herangetreten. Und das kam so: Er hatte, ohne andere Absichten als der Wunsch nach bloßer Unterhaltung, mein Buch in einer Bahnhofsbuchhandlung gekauft. Ein Zufall - er hätte auch ein anderes aus dem Regal nehmen können. Da waren ein paar Dienstreisen nach Mailand, und da fährt der ICE ganz schön lange. Er wollte also nur leichte Unterhaltung.

Mit der leichten Unterhaltung war es nichts. Es ging ihm so, wie ich vermutet hatte, daß es einem Geologen als Leser gehen würde: Erst Unglauben. Skepsis. Nachsichtiges Lächeln über die Autorin. Stellenweise schallendes Gelächter. Vielleicht auch stellenweise VerÄrgerung.

Und dann ließ es ihn nicht mehr los: Was wäre, wenn? Ginge es nicht doch? Und wie? Man müßte es näher durchdenken.

Amurdarjew war durchaus mit den numerischen Simulationsmethoden seiner Wissenschaft vertraut. Er kannte die verschiedenen Modelle der Konglomeration planetarer Körper und alle gängigen Vorstellungen über die Strömungsvorgänge im Erdmantel und deren Auswirkungen auf die Kontinente und den Meeresboden. Es war gerade die Zeit, wo in der Geologie die prähistorischen Magma-Plumes diskutiert wurden, jene heißen Magmaströme, die sich vom Erdkern ablösen und nach oben driften und dann in einem begrenzten Gebiet für eine gewisse Zeit einen solch heftigen Vulkanismus auslösen, daß dieser als Ursache für prähistorische Massenextinctionen in Frage kam. Auch an diesen Theorien hatte er gearbeitet.

Und er hatte sich immer noch eine gesunde Portion Neugier bewahrt, die einem im modernen, universitären Wissenschaftsbetrieb ja normalerweise rasch abhanden kommt, weil man ständig damit beschäftigt ist, den nächsten Vertrag an Land zu ziehen und besetzbare Positionen auszuspähen - an deutschen Universitäten hat man für die echte wissenschaftliche Neugier ja nun wirklich keine Zeit.

Er hatte auch einen eigenen, schnellen Rechner. Es war für ihn keine große Tat, ein paar vereinfachende Annahmen zu machen und eine einfache, parametrisierbare Simulation zu programmieren. Natürlich sieht ein solches numerisches Modell etwas anders aus, wenn man auf etwas Bestimmtes hinarbeitet. Dann kann es durchaus schon passieren, daß so ein Modell in dieser Form noch von niemandem durchgerechnet worden ist. Und daß Dinge rauskommen, die bisher bei numerischen geologischen Experimenten noch nicht beobachtet wurden.

Amurdarjew fand die Bildung von Welthöhlen. Sie traten bei einer bestimmten Kombination von Parametern auf: Wassergehalt der Litosphäre, bestimmte chemische Zusammensetzung des Gesteins, bestimmte Menge der Energieerzeugung im Erdkörper durch radioaktiven Zerfall und so weiter. Auch die Magma-Plumes spielten eine Rolle. Zwar sahen die Dinge, die er auf der graphischen Bildschirmdarstellung dieser Simulationen beobachtete, noch etwas fremdartig aus. So gelang es ihm zum Beispiel nicht, die Bildung dieser mächtigen Säulen aus gewachsenem Fels zu erklären, die wir überall in der Welthöhle beobachtet haben. Aber die Möglichkeit der Bildung von langgestreckten Höhlen mit Volumina von Tausenden von Kubikkilometern wurde erhärtet.

Der Mechanismus, der bei diesem Modell die Welthöhlen bildete, mußte natürlich noch nicht genau derselbe Mechanismus sein, der in der geologischen Wirklichkeit am Werke war. Es handelte sich in der Simulation im Wesentlichen um gewaltige Gasvulkane, die in prähistorischer Zeit gebildet worden waren und die in einigen Fällen nicht die Erdoberfläche durchbrochen hatten.

An so ungefähr diesen Mechanismus hatte ich ja auch schon gedacht. Aber Amurdarjew bremste uns: Die für dieses Problem notwendige Rechenleistung hatte sein Rechner nicht. Er hatte in sehr großen Integrationsschritten rechnen müssen. Genaugenommen könnte das, was er herausgekriegt hatte, auch der pure Blödsinn sein. Könnte. Mußte nicht.

Wenn ein Wissenschaftler so etwas findet, dann gibt es immer die naheliegende nächste Aktion: Veröffentlichen. Aber wer veröffentlicht so etwas weit hergeholtes? Andererseits - wenn an dieser Welthöhle etwas dran war, wenn es sie also wirklich gäbe, wie die Autorin an mehreren Stellen suggerierte, dann wäre er schon gerne der erste, der die geologische Realität dieser Welthöhle in der Fachpresse diskutierte. Nur würde das nicht möglich sein - kein ernsthaftes wissenschaftliches Blatt würde so etwas abdrucken. Er hatte ja keine Fakten in der Hand, und etwas aus einem Fantasy-Roman zu analysieren ist ja reichlich unseriös.

Ausgenommen in der Aprilausgabe. Er verkaufte es an ein renommiertes, geologisches Journal - ich weiß nicht welches - als durchdachten Aprilscherz. Die Redaktion nahm es mit Handkuß.

Jemand irgendwo im Innenministerium der EG las durch Zufall diesen Artikel - und schon war Amurdarjew in diesem Projekt. So schnell geht das.

Mit Gerald Amurdarjew verstand ich mich eigentlich ganz gut. Er war offen für Neues. Findet man auch unter Wissenschaftlern nicht allzu häufig. Natürlich war sein Hauptinteressengebiet die Geologie. Aber er redete mit uns nicht so, daß man das Gefühl hatte, man müsse sich ständig verteidigen. Und es wäre ihm gleichgültig gewesen, wenn ich nicht den Unterschied zwischen Basalten und Sedimentgesteinen gekannt hätte - wo notwendig, hätte er mir eben das Nötige erklärt. Er war kein Papst der Wissenschaft. Ein himmelweiter Unterschied zwischen ihm und Reinhardt.

Dann war da noch Doktor Mary Morton, eine Irin, erwähnenswert. Auch sie würde definitiv Mitglied der Expedition sein. Hauptaufgabe natürlich medizinische Betreuung des Teams. Darüber hinaus Mitarbeit an den biologischen Untersuchungen, die in der Welthöhle anfallen würden.

Als ich das erste Mal ihren Namen erfuhr, erinnerte ich mich an eine Mary Morton, die ich 1983 auf einer Radtour durch Irland kennengelernt hatte. Auch diese war, nach ihren eigenen Aussagen, Ärztin gewesen. Sie war damals 25 Jahre alt. Alter, Nationalität und Beruf stimmten also überein.

Aber diese Mary Morton war eine andere. Aussehen und Wohnort passten nicht. Diese kam aus Cork, jene aber wohnte seinerzeit in Dublin und hatte die Absicht gehabt, nach Sligo zu ziehen.

Diese Mary Morton meinte, ohne weiteres feststellen zu können, wo jene, die ich damals kennengelernt hatte, abgeblieben sei. Da gibt es ein Register aller zugelassenen Ärzte in Irland, vermute ich. Aber diese Mary Morton brachte in Erfahrung, daß es eine andere Ärztin des gleichen Namens nicht gab. Jedenfalls nicht in Irland. - Ich legte diese Information erst einmal zu den Akten.

Unsere Dr. Morton war blond, geschieden und sie hatte harte Linien im Gesicht. Sie muß mal hübsch gewesen sein, und vielleicht hat sie mal ein Alkoholproblem gehabt. Für so etwas habe ich einen Blick. Diese Phase muß sie aber überwunden haben. Ihre Haltung dem Projekt gegenüber war indifferent. Keine Begeisterung, aber auch keine Ablehnung. Sie lehrte uns die kleine Notfallchirurgie, also erste Hilfe, Verbände anlegen, Wunden sanieren und schließen. Was man eben so braucht.

Auch sie hatte mein Buch lesen müssen, und das war Anlaß genug, sich mit ihr darüber zu unterhalten, was passiert wäre, wenn Osont mich damals, in der Welthöhle, tatsächlich gezwungen hätte, bar aller chirurgischen Kenntnisse eine Appendektomie zu unternehmen. Die Chancen wären sogar für einen ausgebildeten Arzt unter den beschriebenen Bedingungen schlecht gewesen, meinte sie, besonders, da der betreffende Mann - Obanque hieß er, glaube ich - später ja ohnehin gestorben ist, und zwar unter Bedingungen, die ein ganz anderes zugrunde liegendes medizinisches Problem als Appendizitis vermuten lassen.

Ob sie es schaffen würde, fragte ich. Sie meinte ja. Vorausgesetzt natürlich, sie hätte ein paar leidlich sterile Schneidwerkzeuge, heißes Wasser in Reichweite, und einen Patienten, der tatsächlich Appendizitis hat. Außerdem müßte sichergestellt werden, daß die Gaffer, die in dieser Situation rundherum das Geschehen verfolgt hätten, ihren Nasendreck und wer weiß was sonst nicht gerade in die Wunde fallen lassen würden, und daß das Schiff leidlich ruhig liegen würde. Ohne Komplikationen würde sie den Patienten wahrscheinlich durchbringen.

Dann sagt sie aber auch, daß man, unter den beschriebenen klimatischen Bedingungen, dem Patienten mehr zu trinken hätte geben müssen, insbesondere, da eine Operation ja nicht erfolgte. Aber ich solle mir keine grauen Haare darüber wachsen lassen, sagt sie - kein Arzt hätte das Privileg, nach einigen Berufsjahren immer noch das Bewußtsein haben zu dürfen, noch nie Fehler gemacht zu haben. Es gibt Berufe, sagt sie, die das gute Gewissen nicht eingebaut haben. Ärzte haben es jedenfalls nicht. Und Welthöhlen-Entdecker wohl auch nicht.

Mit der letzten Bemerkung hat sie zwischen uns eine Brücke gebaut, die vielleicht noch lange hält.

Von den weiteren Projektmitarbeitern, die sich der Expedition anschließen würden, fielen mir einige zunächst wenig auf. Da war zum Beispiel eine Natalie Yar, die etwa so um die 25 alt sein mußte - viel jünger kann man mit einem Universitätsabschluß in Biologie eigentlich nicht sein. Sie sah unheimlich gut aus - jedenfalls auf den ersten Blick. Ungemein üppige, weibliche Formen, volles, langes, brünettes, mit einigen blonden Strähnen durchsetztes Haar, ein mädchenhaftes und undifferenziertes und manchmal offenes Gesicht. Die Art von Frauen, die man nicht beschreiben kann, ohne die Hände zu benutzen. Deren bloßer Anblick einem den Saft in die Lenden treibt. Sie hätte auch für den PLAYBOY posieren können.

Hätte sie es doch getan. Ihr Aussehen war nämlich das einzige, was bemerkenswert war. Ich hörte nie eine originelle Bemerkung von ihr. Immer waren es nur irgendwelche, aus der Situation heraus verständliche Floskeln. Oder war sie nur gehemmt, was man auf den ersten Blick nicht gleich erkennen konnte? Wenn man ihr zuhörte, käme man nicht auf die Idee, daß sie mal studiert haben könnte. Im Xonchenunterricht war sie das SchlußLicht, was aber nicht viel besagte, weil die durchschnittlichen Lernleistungen gut waren - Die Projektmitarbeiter hatten einen durchschnittlich hohen Standard, und das ließ die Yar leistungsmäßig eben nicht besonders aussehen - objektiv war sie im Mittelfeld. Aber bei uns wurde es hinter dem Mittelfeld eben leer.

Ich verstand nicht, wer sie für die Expedition ausgewählt hatte und warum. Aber in diesem Punkte waren die letzten Entscheidungen ja noch nicht gefallen. Vielleicht gab es eine Warteliste mit Lückenspringern, und vielleicht gehörte sie dazu. Ich wußte es nicht. Nach den ersten paar Versuchen vermied ich jeden Kontakt mit ihr, und sie suchte keinen mit uns. Mit keinem von uns. - Ja, das war doch am bemerkenswertesten: Sie hatte keine Neugier. Die meisten anderen Projektmitarbeiter wollten wenigstens einmal mit uns, also mit Irene und mir, gesprochen haben, mit den Menschen, die tatsächlich selbst in der Welthöhle gewesen und von dort lebendig zurückgekehrt sind. Natalie Yar wollte das nicht.

Sie schien Britin zu sein. Aber sogar die Aussicht, mein Englisch zu trainieren, brachte mich nicht dazu, ihre Nähe zu suchen. Außerdem ist so etwas kompliziert, wenn die Irene in der Nähe ist: "Die gefällt dir wohl!" zischte sie einmal, als ich meine Augen länger als ein paar Sekunden auf Natalie verweilen ließ. Ich zischte zurück und sah dann gehorsam woanders hin. - Man hat ja so sein photographisches Gedächtnis, für manche Dinge.

Natalies Aussehen war nichts für den Ästhetiker. Es war die Attraktion der bloßen Weiblichkeit, die, pur genossen, auf Dauer ebensowenig schmeckt wie purer Alkohol. Sie pflegte sich sehr geschickt zu kleiden, so daß ihre Formen noch unterstrichen wurden. Zurschaustellung von dem, was sie eben hatte. Ich hatte jedoch den Verdacht, daß ihre Üppigkeit schlampig aussehen würde, wenn sie nackt war - ihre Nacktheit war nicht für die Unbefangenheit im Freien, für den Strand gemacht, sondern für das Bett.

Man hätte sie einmal nackt sehen müssen - dem sportmedizinisch geschulten Blick fällt dann gleich eine ganze Menge auf. So ist es zum Beispiel ein Unterschied, ob eine Frau ihre weiblichen Formen mehr aus Muskulatur an den richtigen Stellen oder aus Fett an den richtigen Stellen rekrutiert. Insbesondere wird es zehn Jahre später ein Unterschied sein - die Muskeln werden dann immer noch an den richtigen Stellen sitzen, das Fett aber nicht. Diesen Unterschied kann man bei einer bekleideten Frau aber nicht feststellen - oder vielleicht nur sehr rudimentär: In der Art, wie sie sich bewegt, zum Beispiel. Manchmal sieht man zwanzigjährige, die trotz guten Aussehens bereits in Ansätzen den Watschelgang einer alten Oma haben.

Meiner Meinung nach sind mehr als die Hälfte aller Frauen, die sich für PLAYBOY oder PENTHOUSE ablichten lassen, dieser Gruppe zuzurechnen. Allerdings kann man das nicht nachprüfen, da beide Zeitschriften keine Vergleichsaufnahmen herausgeben, die zehn Jahre später aufgenommen wurden. Es wäre sehr instruktiv - aber weder PLAYBOY noch PENTHOUSE sind Zeitschriften für Sportmedizin oder Geriatrie.

Für Männer treffen diese Betrachtungen wohl genauso zu - aber bei Männern sehe ich selten so genau hin. Dazu kommt, daß die physische Erscheinung von Männern im Extremfall die sportmedizinische Bewertung durch Augenschein leichter in die Irre führen kann - Berge von Muskeln zum Beispiel müssen durchaus nicht auf protzende Gesundheit hinweisen, weil ein Mann solche Muskelmassen mit viel weniger Aufwand entwickeln kann als eine Frau.

Bei Frauen habe ich noch eine andere Methode gefunden, die eine Aussage über Fitness geben kann: Man nimmt das Bild einer leicht oder gar nicht bekleideten Frau und stellt es einfach auf den Kopf. Es ist wichtig, daß diese Frau auf dem Bild steht und nicht liegt oder sitzt, damit ihr Körper dem vollen Einfluß der Schwerkraft unterliegt. Wenn man sich dieses Bild dann so falsch herum ansieht, sieht man mit einem Blick, ob ihre Körperform ausgewogen ist, oder ob Hecklastigkeit deutlich wird und überhaupt alle weiblichen Rundungen dem Erdmittelpunkt zustreben. Schon weiß man wieder etwas über die körperliche Verfassung dieser Frau. Das fällt einem bei der normalen, aufrechten Betrachtungsweise nämlich gar nicht so auf.

Das Verfahren geht natürlich nur mit Photos. Von der Yar hatte ich kein Bild, das diese Bewertung erlaubte. Das wenige, was man von ihr sah, erlaubte keine sichere Einschätzung ihres Fitnesszustands. Blieben eigentlich nur meine Vorurteile - ich bin leicht geneigt, Menschen, die mehr auf den Schein als auf das Sein Wert legen, eine Vernachlässigung des eigenen Körpers zu unterstellen. Ein eigentlich zwingendes Vorurteil: Eine Frau, die möchte, daß ihr Busen wohlgeformt aussieht, kauft sich einen geeigneten BH. Eine Frau, die möchte, daß ihr Busen wohlgeformt ist, macht Liegestütze und Bankdrücken. Mit breitem Griff.

Wie die Yar wohl in der Bordkluft aussehen würde? Würde sie so etwas überhaupt je tragen? Das waren im Moment natürlich müßige Spekulationen.

Und bei alle dem diese Uninteressiertheit und diese gewisse Gleichgültigkeit. So, als ob sie sich zum Beispiel nur deshalb aufreizend kleidet und Makeup anlegt, weil 'man' das eben so tut. Sie hatte wohl gar nicht die Absicht, jemanden 'anzumachen'. Ihre bloß vermutete, aber, jedenfalls von mir, nie beobachtete Erotik war wie die fehlende Erotik einer Granitbeißerin. Aber da hörte der Vergleich auch schon auf. Muskeln, Gewandtheit und Kraft würde man bei Natalie ja nicht finden. Wenn sie nackt laufen würde, würde ihr ihr eigenes Fleisch ins Gesicht schlagen. - Wenn sie überhaupt in der Lage war, zu laufen.

Obwohl ich Cordulas Neigung, über andere Menschen zu schwatzen, gut kenne, habe ich damals nicht mit ihr über die Yar geredet. Ich habe nicht versucht, rauszukriegen, ob ihre Vorurteile den meinen entsprechen, oder ob Cordula mich wegen meiner Vorurteile über die Yar rügen würde.

Aber das mit den Vorurteilen ist so eine Sache. Manche bestätigen sich immer wieder. Langjähriges S-Bahn-Training in München und Umgebung bestätigen zum Beispiel immer wieder dieselbe Beobachtung: Wenn die S-Bahn in einen dicht bevölkerten Bahnsteig einfährt, dann halten sich die gut aussehenden Frauen immer in der Nähe des Einganges auf. Sie haben also eine möglichst geringe Strecke zur Bahnsteigkante zurückgelegt. Sie haben nicht überlegt, welche Abteile vielleicht weniger voll sein könnten - da gibt es ja in ein und demselben S-Bahnzug deutliche Unterschiede. Es ist, als ob gutaussehende Frauen immer erwarten, daß die besten Abteile der S-Bahn gerade vor ihren Füßen halten. Als ob man die kleinen Vorteile im Leben ohne Anstrengung erreichen kann, bloß, weil man eine gut aussehende Frau ist.

Mit diesen Formulierungen hätte ich mit Cordula wunderbar einen Streit anfangen können. Auch, wenn ich diese Überlegungen am Beispiel von Natalie Yar ausgeführt hätte. Aber ich habe mit Cordula eben nicht über sie gesprochen, und mein Vorurteil, daß die Yar zu der Gruppe von Frauen gehören würde, die sich auf einem Bahnsteig überhaupt nicht aktiv um ein leeres Abteil bemühen, für mich behalten. Streitvermeidung schont Nerven.

Das war also Natalie. Ein traumhaftes Mädchen - für feuchte Träume. Andere Träume kann ich mir mit ihr nicht vorstellen. Ein entsetzlicher Gedanke: Was macht man mit ihr, wenn man mit dem Bumsen fertig ist?

Man kann auch durch Lautstärke auffallen. Dr. Günther Cohausz, zum Beispiel. Wenige Jahre älter als ich, rothaarig, aber Westfale und nicht Ire, Chemiker, unverheiratet. Neigte zu Grundsatzdiskussionen. Neigte nicht dazu, wieder damit aufzuhören. Hat deshalb immer mal wieder Schwierigkeiten im Beruf. Freundlich. Nicht formell freundlich, sondern richtig wohlmeinend freundlich. Kameradschaftlich. Meint es gut mit allen. All das natürlich wurde ausgesetzt, wenn man mal kontroverse Standpunkte durchdiskutieren mußte. Athletisch, aber das Alter setzte seiner mehr ehemaligen Sportlichkeit bereits zu. Seine Wampe war unübersehbar.

Er hatte bunte Punkte im Gesicht. Keine Sommersprossen - er erwähnte mal, daß ihm während seiner Studienzeit in einem Chemiepraktikum etwas in der Hand explodiert war. Was es war, hat er nie erzählt, und auch nicht, warum die Hand nichts abgekriegt hat. Die bunten Punkte waren das Andenken an diesen Vorfall.

Dieser Vorfall hatte jedoch nicht sein berufliches Verhältnis zu Explosivstoffen trüben können. Tätigkeit in der pyrotechnischen Industrie, dann Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz. Später Wechsel zu der entsprechenden EG-Behörde. Und so kam auch er zum Projekt.

Gabi Gohlmann. 42 und geschieden. Laborantin und DV-Assistentin. Sie ist auch auf Umwegen, die ich nicht verstanden habe, zum Projekt gekommen. Ihre umfassende Ausbildung beschränkte sich immer auf den Assistentinnen-Level. Auch wenn man zugleich Chemie- und Physiklaborantin und EDV-Assistentin und Statistikerin ist, eine Kombination, nach der man auf dem Arbeitsmarkt lange suchen muß, so kommt man doch damit gehaltlich in keiner Firma weiter. So, wie ich es verstand, war ihr in der Scheidung das Haus, das sie mit ihrem Mann in Höhenkirchen erworben hatten, zugesprochen worden, was allerdings mit finanziellen Altlasten verbunden war - es war ja noch nicht abbezahlt. Wer in und um München lebt, weiß, was das bedeutet. Wenn man in der Situation ist, greift man zu, wenn einem ein gut bezahlter Job über den Weg läuft.

Gabi war klein und zierlich. Sie hatte mal erwähnt, daß sie manchmal Schwierigkeiten hat, ihr Gewicht von 45 Kilo zu halten - wenn sie nicht aufpaßte, dann nahm sie ab. Mit dieser Art von Problemen steht man natürlich ziemlich alleine da. Ich mochte sie, aber das kann ein rudimentärer Vater-Instinkt sein. Wenn es so etwas gibt. Und wenn man bei sechs Jahren Altersunterschied von so etwas reden kann.

Stephen Spaliter. 30, Biologe und Zahnmediziner. Brite. Irgendwie farblos. Frisch von der Uni weg. Der einzige Kahlköpfige im Projekt, trotz seiner jungen Jahre.

Mario Wondrachek. 34. Der Name läßt auf entweder italienischen oder polnischen Pass schließen. Aussehen tendiert nach italienisch. Alles falsch. Auch Brite. Mathematiker, Spezialgebiet Spieltheorie. Mir war rätselhaft, wie er zum Projekt gekommen ist - Spiele interessieren ihn wirklich. Die Welthöhle nicht.

Wenigstens hat er keinen Doktortitel. Das bedeutet bei mir immer ein Vertrauensvorschuß, da gerade der Doktortitel viel häufiger als das Diplom mit unredlichen Mitteln erworben wird: Vielleicht hat man schon einen Beruf, und es fehlt nur noch der Titel zum gesellschaftlichen Ansehen, das man so dringend nötig zu haben glaubt. Dann läßt man eben eine Doktorarbeit schreiben. Und wenn man in einer etwas gehobenen Stellung in einem Konzern arbeitet, etwa bei dem, der bis vor kurzem auch noch mein Arbeitgeber war, dann ist es sogar möglich, daß man die eigene Doktorarbeit von jemandem schreiben läßt und auf diese Weise nicht nur keine Zeit und keinen Intellekt investieren muß, sondern vielleicht auch kein eigenes Geld. Ein kleiner Forschungsetat für eine kleine Universität wirkt bei der Erzeugung von Doktortiteln manchmal Wunder.

Eugen Serpinski, 28, Biologe. Sein Hobby sieht man ihm an: Bodybuilding. Ein bißchen selbstverliebt, aber er soll sich hervorragend in Paläontologie auskennen und dort auch seine Diplomarbeit geschrieben haben. Es hatte etwas mit der Rekonstruktion von Muskeln bei fossilen Skelettfragmenten zu tun. Da haben sich Hobby und Berufung mal wieder ungefähr getroffen, dachte ich gleich, und wenn man mit ihm sprach - wie die meisten von uns hielt jeder auch einmal Vorträge über seine Arbeitsgebiete, wonach die Zuhörer Gelegenheit zur Diskussion hatten - wenn man mit ihm sprach, wurde man, sowie das Thema auf die Rekonstruktion von Muskeln kam, von seiner Begeisterung nahezu angesteckt. Ich habe Cordula mal vorgeschlagen, daß wir einmal Eugen einen seltsam geformten Stein bringen sollten, mit der Behauptung, daß das ein Fossil sei, bewiesen durch einen Doktor so und so. Mal sehen, wo Eugen die Muskeln hinrekonstruieren würde!

Und dann war da noch Dr. Ulrich Salzbach. Deutscher, 44, abgebrochenes Physikstudium, danach Einstieg in die Medizin. Der einzige Bartträger im Team außer mir selber.

Erst mit der Zeit bekamen wir heraus, wieso er einer der schweigsamsten war. Vor einigen Jahren war seine ganze Familie bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Danach hat er seine glänzende Karriere in einer Klinik in Freiburg abgebrochen und ist eine Weile aus den Bahn geworfen worden. Später Anstellung in einem Institut in Genf, das von der EG betrieben wurde. Theoretische medizinische Forschung. Oder irgend so etwas.

Der praktischen medizinischen Arbeit ist er abhold. Das wird also schwerpunktmäßig die Aufgabe von Dr. Mary Morton bleiben. Aber natürlich wird jeder mit medizinischen Grundkenntnissen im Notfall mit Hand anlegen. Dr. Salzbach würde mehr in Richtung Paläontologie forschen, und von Meteorologie verstand er auch etwas. Das war ein Überbleibsel aus der Zeit, als seine Familie noch lebte. Da pflegte er das Drachenflughobby. Wenn man das macht, muß man etwas über Meteorologie wissen, sonst lebt man nicht lange.

Aber dieses Drachenfliegen hatte auch etwas mit dem Unfall seiner Familie zu tun. Wir erfuhren nur ungefähr, daß sich dieser schreckliche Unfall auf einer Wochenendfahrt ereignet hatte, die er, gegen den erklärten Mehrheitswillen seiner Familie, arrangiert hatte. Seine Kinder wollten schwimmen, und dazu braucht man nicht in die Berge zu fahren. Er wollte Drachenfliegen. Auf der Hinfahrt ist es dann passiert. Er selber hat keinen Kratzer abbekommen.

Danach hat Salzbach nie wieder einen Flugdrachen angefaßt. Wir erfuhren, daß er Orgel spielen konnte, eine Fertigkeit, für die er während der glücklicheren Jahre, wo seine Familie noch lebte, kaum Zeit gefunden hatte. Nun war es wieder seine Hauptbeschäftigung, wenn er nichts anderes zu tun hatte. Vielleicht seine Waffe gegen die Erinnerung. Niemand, der eines Tages auf einer Landstraße leicht benommen wieder zu Bewußtsein kommt und um sich herum die zerfleischten Reste der eigenen Familie wiederfindet - der ganzen Familie - wird je wieder ein normales Leben führen können.

In der ganzen Zeit in München haben wir nur wenige persönliche Worte mit Dr. Salzbach wechseln können, aber ich glaube, herausgefunden zu haben, warum er sich der Welthöhlenexpedition anschließen wollte: Wem der Tod bereits so zugesetzt hat wie ihm, der muß einen Sinn im Tod finden. Und wer nicht in einen metaphysischen Glauben flüchten kann, der findet den Sinn nur noch darin, in der vergleichenden Evolution zu beobachten, wie der Tod im Laufe der Äonen ganze Arten verändern kann und so die Evolution antreibt. Der Tod des Individuums, insbesondere der frühe Tod, ist eines der zahllosen Testexperimente der Evolution, um die Frage nach dem Sein immer wieder neu zu beantworten, und die weniger guten Antworten immer wieder beiseite zu räumen. Bis eines Tages wir Menschen da waren, und uns für die Ultima Ratio aller Antworten der Evolution hielten. Und den Autoverkehr erfanden.

Vielleicht ist Alfred Seltsam derjenige, der die Spielregeln der Evolution am besten kennt. Aber Ulrich Salzbach ist derjenige, der diese Kenntnis persönlich am dringendsten braucht.


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        10.     Ullapool


Die Verlegung des gesamten Teams nach Ullapool wurde erst für das Ende des Jahres 1998 entschieden. Die Streckung des Projektes - welches GroßProjekt wird eigentlich nicht zeitlich gestreckt? - hatte wenigstens den nachprüfbaren Vorteil, daß unser Einkommen dabei war, uns vermögend zu machen. Noch ein paar Jahre, und wir würden uns vorzeitig in den Ruhestand begeben können. Naja, eine erfolgreiche Expedition in die Welthöhle wäre dabei schon hilfreich, denn es waren weitere, kriteriengesteuerte Prämien in unseren Arbeitsverträgen festgelegt. Erreichen der Welthöhle, Bodenproben, Videoaufnahmen, Anzahl der Photos, Tierpräparate und dergleichen - von allem würde jedes Mitglied der Expedition profitieren. Durch dieses gestaffelte Prämiensystem - das erst im Laufe der Zeit detailliert wurde, weil es offenbar in Brüssel eine Abteilung gab, die den ganzen lieben langen Tag lang solche Dinge ausarbeitete - würden wir während der ganzen Expedition motiviert werden.

Nur für die Stufen des Zurückkehrens gab es keine Prämien. Da verließ man sich offenbar auf unseren natürlichen Wunsch, wieder lebendig heimzukommen.

Irene hatte sich entschieden, für die Dauer des Projektes die meiste Zeit in Ullapool zu sein. Sie würde nun definitiv nicht mitkommen, während bei mir eigentlich schon klar war, daß ich mitkommen würde - es war mir deutlich genug nahegelegt worden. Wenn schon nicht anders, dann über dieses Prämiensystem.

Es hatte über diesen Punkt natürlich zwischen uns Streit gegeben. Dann war es mir aber gelungen, für uns - und nur für uns - eine Sondervereinbarung zu treffen: Irene würde so prämiert werden wie ich, wenn nur ich mitfahren würde. Diese Bevorzugung war ja eigentlich auch in gewissem Sinne berechtigt: Erstens ist Irene ja schon in der Welthöhle gewesen, und zweitens würde sie, wenn wir unterwegs waren, die einzig verfügbare und greifbare sachkundige Fachkraft sein, die etwas aus eigener Anschauung über die Welthöhle wußte. Und die motiviert sein würde, daß wir zurückkehren.

Auf diese Weise zählte meine Teilnahme prämienmäßig doppelt. Und für den Fall, daß wir nicht zurückkommen würden, schloß ich auf Kosten der EG eine ordentliche Lebensversicherung für sie ab. - Finanziell sollte es also keine Probleme geben, egal, wie das Projekt lief.

Es war am 5. Januar 1999, einem Dienstag, als wir in Ullapool eintrafen. Die genaue Adresse war


        Electric Boats Company,
        Research Department,
        World Cavern Quay,
        Ullapool,
        Scotland,
        United Kingdom

aber dahinter verbargen sich keine neuerrichteten Gebäude dieses Unternehmens. Die Adresse bezeichnete einfach das am Kai liegende Boot.

Ob die Bewohner von Ullapool wissen, daß ihr Hafenanleger so einfach umbenannt wurde?

Weihnachten hatten wir also noch zu Hause verbracht. Nicht, daß wir üblicherweise Weihnachten feierten - Weihnachten ist für uns als kommerzielle Heiligsprechung der GroßFamilie, ein Vorgang, der mit dem Christentum nichts zu tun hat, bedeutungslos. Auch haben wir im Laufe der Jahre gelernt, daß Weihnachten sehr leicht Streit ausbrechen kann, weil irgendwelche unbewußten frühkindlichen Erwartungen mit der Wirklichkeit kollidieren. Aber man kann in diesen Tagen einsame Wanderungen unternehmen, weil alle anderen vor dem Weihnachtsbaum hocken. - Allerdings hätte man die Wanderungen in Ullapool vielleicht auch unternehmen können.

Ullapool zur Weihnachtszeit lernten wir also nicht kennen. Aber wenigstens Ullapool im Winter. Schottland im Winter. Eine ganz neue Erfahrung. Statt Regen gab es viel Regen, oft Schneeregen, und meistens war es windig. Wenn es nicht gerade stürmisch war. Wenn das alles gerade nicht der Fall war, dann war es neblig.

Drei Tage hatte die Fahrt gedauert. Sonntag der Flug von München nach Düsseldorf und von dort nach Edinburgh, am Montag die Bahnfahrt von Waverly Station nach Inverness, und am Dienstag die Busfahrt nach Ullapool. Es wäre vielleicht auch schneller gegangen, aber Irene und ich hatten uns entschieden, dieselben Verkehrsmittel zu nehmen wie bei unserem Urlaub vor zehneinhalb Jahren. So konnten wir Erinnerungen aufwärmen. Erinnerungen aus einer Zeit, in der es die Welthöhle für uns noch nicht gegeben hatte. Erinnerungen an einen Urlaub, nach dessen Ende uns nichts Schlimmeres als die Arbeit drohte.

Ein Urlaub, der uns in goldener Erinnerung geblieben war, weil sich Schottland drei Wochen lang mit sonnigem Wetter getarnt hatte. Eine Woche Sonne in Foyers am Loch Ness, eine Woche Sonne auf den Orkney-Inseln, und eine Woche Sonne in Ullapool. Es war das erste Mal gewesen, daß ich Irene nach Schottland gelotst hatte, und wegen dieses ungewöhnlich schönen Wetters dachte ich, daß es mir vielleicht noch einmal gelingen könnte. Aber unser nächstes Wiedersehen mit Schottland war ja das Auftauchen aus der Welthöhle durch das Loch Ness vor drei Jahren. Dieser Aufenthalt in Schottland war unbeabsichtigt gewesen.

Kein Vergleich mit jetzt, wettermäßig. Wir hatten schon vor unser Ankunft ein B&B buchen lassen - ebenfalls das, wo wir vor zehn Jahren gewohnt hatten. Die anderen Team-Mitglieder, die ungefähr um diese Zeit ebenfalls in Ullapool eintreffen würden, machten es vermutlich ebenso. Aber wir hatten auf der Herfahrt niemanden gesehen.

Als wir am Hafen aus dem Bus ausstiegen, wollte ich eigentlich zunächst einen Blick auf unser Boot werfen. Inzwischen hatte ich mich mit dem Namen CHARMION abgefunden und war fast ein wenig stolz darauf: Immerhin war es ja eine weitere Erinnerung an Charmion, der auf diese Weise Dauer verliehen wurde. Aber es goß in Strömen, und Irene bestand darauf, so schnell wie möglich unser B&B aufzusuchen.

Die Pension der Missis Peukert hatte sich in den zehn Jahren nicht verändert. Die Missis Peukert auch nicht. Aus den Fenstern konnte man auf den Meeresarm hinaussehen, und am Hause selber gab es ein großes Schild: 'THE OLD SURGERY'. War das schon damals dagewesen? Ich konnte mich nicht erinnern.

Was den Meeresarm betrifft, das Loch Broom, so sagte mir lediglich die Erinnerung und die Karte, daß dort hinter dem Nebel und dem Regen ein Meeresarm war, und auf der anderen Seite sogar ein Ufer und das Allt na h-Airbhe Inn, die man beide sicher im Frühjahr wiedersehen würde. Den Hafen konnte man von unserer Pension aus nicht sehen.

Irene schlug vor, am Abend in dem 'Far Isles' - Restaurant der Peukerts zu essen, obwohl uns das nicht gerade als billig in Erinnerung war. Aber es hielt mich nicht. Ich mußte zum Boot, bevor es dunkel wurde. Da Irene nicht selbst mitgehen sollte, war sie einverstanden. Die Missis Peukert erzählte uns dann, daß ihnen das Restaurant schon lange nicht mehr gehörte - sie hatten es schon vor Jahren verkauft, um sich voll dem B&B-Geschäft widmen zu können.

Auf einem der Piers ging eine Gestalt, die mir der Haltung nach bekannt vorkam. Es war Cordula. Sie erkannte mich im gleichen Augenblick.

"Wo ist es?" fragte ich statt einer Begrüßung. Bei Cordula kann ich mir das leisten. Sie steht nicht auf Formalia.

"Seid ihr erst heute angekommen?"

"Ja. Wo ..."

"Da. Du stehst direkt davor!"

Einen Moment lang erkenne ich nicht, worauf sie zeigt.

"Das ist es. - Unser Boot!" sagt sie.


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        11.     Das Boot


Ich hatte ganz vergessen, daß das Boot keinen Turm hat. Deshalb habe ich die gewölbte, graue Metallfläche da unten im Wasser mit dem aufgesetzten Metallgitter-Laufdeck und den robusten Kollisionsschienen, über die man sicher hervorragend stolpern kann, nicht gleich als das erkannt, was es ist. Keine Luke ist offen. Kein Lebenszeichen. Nur eine Metallinsel, die, ein paar Dutzend Meter lang, flach ins Wasser fällt und den Wasserspiegel um nicht viel mehr als einen Meter überragt. Die graue Farbe läßt nicht erkennen, um welch hochwertige Legierung es sich hier handelt. Auch die richtige Größe kann man schwer abschätzen, da das meiste unter Wasser ist.

Und auch die uniformierten Posten, die in einigen Dutzend Metern Entfernung scheinbar gleichgültig und wie zufällig herumlungern, fallen mir jetzt erst auf. Wahrscheinlich läuft hier auch Sicherungspersonal herum, das nicht auf den ersten Blick als solches kenntlich ist. Dieses Boot hat schließlich mehr gekostet als sämtliche Schiffe, die im Moment in Ullapool vor Anker liegen, und die Hafeneinrichtungen zusammen!

"Sie mußten hier ausbaggern, damit das Boot hier überhaupt liegen kann!" sagt Cordula.

"Ja? Woher weißt du das?" frage ich abwesend.

Ich versuche, diese Metallfläche mit dem in Verbindung zu bringen, was ich über das Boot weiß.

Es ist 66 Meter lang, und der Druckkörper hat einen Außendurchmesser von 6.6 Metern. Dieser ist aus hochfester Titaniumlegierung gefertigt und hat eine Form, die einem präzisen Ellipsoiden entspricht. Die stützende Innenstruktur stellt zusätzlich sicher, daß keinerlei Verformungen auftreten können, um die ständige maximale Druckfestigkeit zu gewähren. Das, und die enorme Wanddicke von bis zu 15 Zentimetern garantieren die Druckfestigkeit bis zu vermuteten 1200 Bar. Das entspricht 12 Kilometern Wassertiefe - Diesem Boot stehen alle Winkel der Ozeane offen, es sei denn, es gibt noch unentdeckte und deutlich tiefere Tiefsee-Rinnen als den Mariannengraben!

Allerdings ist dieses Boot auf statische Drucke optimiert. In diesen Tiefen sollten keine Druckwellen auf das Boot treffen, und es sollte nicht durch Rammstöße und dergleichen erschüttert werden. Keine Wasserbomben in 12 Kilometer Meerestiefe! - Wasserbomben sind natürlich weit hergeholt, aber es gibt unterseeische Vulkanausbrüche und echte Steuerungsfehler, mit denen man das Boot gefährden könnte.

Die Werftgarantie liegt bei nicht ganz so hohen Drucken. Das liegt hauptsächlich daran, daß es keine Möglichkeit gibt, die Druckfestigkeit experimentell zu bestimmen. Es sei denn, man taucht bis in diese Tiefen. Nach dem, was wir wissen, sind bis jetzt nur 4000 Meter ausprobiert worden - Das Boot ist voll von MeßSensoren, um zum Beispiel ständig über die Verformung des Rumpfes im Bilde zu sein, und bei diesem Tieftauchversuch waren die Verformungen exakt wie vorausberechnet.

Dann gibt es natürlich noch juristische Gründe, aus denen man gern etwas untertreibt - wenn dem Boot an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit etwas passiert, dann ist es besser, wenn diese Grenzen juristisch schon überschritten worden sind. Deshalb die konservativen Werftgarantien.

Das Boot hat eine Wasserverdrängung von bloß 1700 Tonnen, bezogen auf SüßWasser. Das sind fast 195 Tonnen mehr als es die genau 1505.33 Kubikmeter des Druckkörpers vermuten lassen. Bei dem Rest handelt es sich um die technischen Einrichtungen, die man beiderseits außerhalb des Druckkörpers angebracht hat und die deshalb dem vollen Wasserdruck ausgesetzt sind, und natürlich um die äußeren Schwimmtanks.

Ein 1700-Tonnen Boot ist kein Luxusdampfer. Es ist damit nur wenig größer als die Weltkrieg-Zwei-U-Boote und bei weitem kleiner als die großen, strategische Raketen tragenden U-Boote, die in der Zeit des Kalten Krieges auf den Kiel gelegt wurden. Man hat uns aber gesagt, und aus den Plänen haben wir es auch entnommen, daß die Raumaufteilung in der CHARMION wesentlich geschickter ist, ganz besonders nach der zivilen Umrüstung. Dazu kommt, daß viele Aggregate an Bord auf sparsamen Raumverbrauch hin konstruiert worden sind.

Die frühere militärische Aufgabenstellung war nicht sehr scharf definiert - oder wir haben sie nicht sehr genau erfahren. Es sollte ein Boot für Spezialeinsätze werden. Es sollte überall hinkommen und jedes andere U-Boot untertauchen können. Der nichtmagnetische Titanstahlrumpf ist schwer zu orten, und das ganze Boot ist unter dem Designprinzip konstruiert worden, sowenig Geräusche wie möglich zu erzeugen und weiterzuleiten, wenn sie nun mal doch erzeugt worden sind. Wir würden es merken, wenn wir an Bord kommen, hat es geheißen: Keine lauten Maschinengeräusche. Im Normalfall eigentlich gar keine Maschinengeräusche. Sogar die Klimaanlage sollte lautlos sein. Ich war neugierig, ob das wirklich der Fall sein würde - lautlose Klimaanlagen habe ich noch nicht gesehen.

Es ist sogar erzählt worden, daß die Schallisolierung so gut sei, daß dieses Boot im zweiten Weltkrieg unter einem feindlichen Zerstörer hindurchfahren und gleichzeitig eine rauschende Fete an Bord gefeiert werden konnte - das wäre auf dem Zerstörer nicht wahrzunehmen gewesen. Wenn der nicht gerade sein ASDIC eingeschaltet hatte, dann merkte der von dem U-Boot nichts. Die Bilder von sich krampfhaft und angstvoll leise verhaltenden Seeleuten an Bord eines U-Bootes im Kampfeinsatz, die man aus manchen Filmen über den U-Boot-Krieg kennt, wären an Bord der CHARMION niemals entstanden, wenn sie jemals für derartige militärische Zwecke eingesetzt worden wäre.

Ein solches Boot eignet sich hervorragend, um etwa an einer feindlichen Küste aufzutauchen, Agentengruppen ein- oder auszuschleusen oder Nahaufnahmen von militärischen Küsteneinrichtungen zu machen. Optimierte Antennen und zahllose spezialisierte Empfänger im Boot konnten sich um jedes elektromagnetische Energiequant kümmern und die Computer konnten alle Signale umfassend analysieren. Drohnen konnten ausgeschleust werden, um Ortung und Aufzeichnungen aller Art zu unterstützen. Sowie der Feind es doch einmal geortet hätte, wäre es ein leichtes gewesen, sichere Tauchtiefen zu erreichen - wenn man nicht gerade gezwungen gewesen wäre, im Wattenmeer oder anderen, flachen Gewässern zu operieren.

Ein solches mehr auf Aufklärungsaufgaben spezialisiertes Boot hat natürlich keine spektakulären Waffen an Bord. Keine großen Torpedos, um gegnerische Flugzeugträger zu versenken. Aber kleine Spezialtorpedos, die Kameras und alles mögliche transportieren konnten. Die Öffnungen für große Torpedos hätten in einem solchen Druckkörper auch zu viele konstruktive Schwierigkeiten gemacht.

Das gleiche galt für die Luken des Bootes. Ein Turm und große Einstiegsluken hätten den Druckkörper zu sehr geschwächt oder durch ihre aufwendige Druckmanschettierung zuviel Zusatzgewicht verursacht. Außerdem legte man Wert darauf, die Vertikaldimensionen des Bootes nicht durch einen Turm noch zu vergrößern. Das hat natürlich Konsequenzen für die Hochseefestigkeit des Bootes: Es kann zwar überall auf der Erde hinfahren, aber in einem ordentlichen Nordatlantiksturm kann man die Luken nicht aufmachen. Der Atlantik wäre sofort im Boot und das Boot für immer im Atlantik.

Genaugenommen waren schon recht niedrige Wellen ausreichend, das Öffnen der Luken problematisch zu machen.

Aber im Gegensatz zu früheren U-Booten hatte dieses Boot wenig Grund, in einem Oberflächensturm die Luken zu öffnen. Frische Luft zum Beispiel. Die wurde an Bord hergestellt und rezykliert. Wo Wasser ist, kann man dieses reinigen und elektrolysieren, und dann hat man schon den Sauerstoff. Und wo ein U-Boot ist, ist meistens Wasser. Sonst hat man das Problem, ein U-Boot verwenden zu müssen, ja nicht. - Die anderen atmosphärischen Gase konnten immer wieder extrahiert und neu verwendet werden, und sogar eine Gewinnung der im das Boot umgebenden Wasser gelösten Gase war möglich.

Was die Luken betrifft, so gab es auf der CHARMION insgesamt vier davon: Zwei Turmluken, nur eben ohne Turm, und ein vorderes und hinteres Luk für größere Verladeoperationen, die auf einem klassischen U-Boot mit Torpedo- und Kombüsenluk bezeichnet worden wären. Diese beiden großen Luken waren jedoch nur für das Öffnen auf der Werft gedacht - man braucht umfangreiche maschinelle Hilfe dazu. Jetzt waren diese beiden Luken unter dem Laufdeck gar nicht zu sehen. Sie werden auch auf der Werft fest verschlossen und sind, genaugenommen, Segmente des Druckkörpers, die auch die Kraftflüsse durch die Druckkörperwand weiterleiten.

Die beiden Turmluken befanden sich in der Bootsmitte dicht hintereinander - jede einen Meter und zwanzig Zentimeter im Durchmesser. Und das waren auch wirklich nur Luken zum Ein- und Aussteigen - das Boot von dort zu fahren und zu steuern war zwar möglich, aber im allgemeinen nicht vorgesehen.

"Wellington hat es mir erzählt." unterbricht Cordula meine Gedanken.

"Was hat dir Wellington erzählt?" frage ich zurück.

"Daß hier für das Boot extra ausgebaggert wurde."

"Ach ja. Entschuldige. Ich war in Gedanken. Es sieht so - unbedeutend aus."

"Nur von außen. Von innen wirkt es sehr, sagen wir mal, 'überlegt geräumig'. Das ist nicht dasselbe wie 'geräumig', wenn du verstehst."

"Ich glaube ja. Warst du schon drinnen?"

"Ja. Wellington hat schon eine persönliche Führung gemacht."

Es ist in diesem Projekt eine gewisse Inflation von Doktoren festzustellen, Doktor Irvin Wellington ist auch einer. Er ist Physiker, und er wird Expeditionsleiter sein und, soweit es das Boot betrifft, Kapitän. Ich habe ihn noch nie gesehen. Er hat den größten Teil seiner bisherigen Zeit im Projekt in Greenock verbracht und sich dort höchstselbst um den Umbau des Bootes und dessen Erprobung gekümmert.

"Wellington ist also auch schon hier?"

"Im Moment nicht. Der fliegt dauernd herum - zwischen hier und Brüssel und Glasgow und München."

"Aha. Was macht er denn jetzt noch in München?"

"Weiß ich nicht. Willst du mal an Bord?"

"Geht das?" Ich kann im Moment nicht erkennen, wie man das Laufdeck auf der gewölbten Oberfläche des U-Bootes betreten kann, ohne sich nasse Füße zu holen. Die Wasseroberfläche ist zwei Meter unter der Kai-Oberkante, und dann wäre noch ein fünf-Meter Spreizschritt notwendig, um einen Fuß auf das Boot zu setzen. Ich sehe keine Gangway, und es ist auch keine Luke offen. Das Boot könnte ein riesiges, aber lebloses Stück Metall im Wasser sein.

Cordula tritt an die Kante des Kais. "Da unten!" sagt sie und winkt. Wem, weiß ich nicht genau, aber in den nächsten Sekunden sind plötzlich Leute da, die für uns an einer der Niedergangtreppen eine Gangway auslegen. Und wo die herkommt, das habe ich nicht genau mitgekriegt - sie muß in einem toten Winkel unter der Kaimauer gelegen haben.

"Diese Leute," sagt Cordula, "sorgen nicht nur dafür, daß niemand unbefugt das Boot betritt. Sie helfen auch den Befugten hinüber."

"Woher wissen die denn, daß wir befugt sind?"

"Die haben alle unsere Konterfeis sehr genau studieren müssen. Außerdem weiß dauernd jemand, wo wir sind. Sagt Wellington. Seit wir im Projekt sind."

"Ach!"

Cordula zuckt die Schultern. "Sie vermuten eben einen gewaltigen ökonomischen Schub aus der Welthöhle. Das wollen sie nicht riskieren, indem sie zulassen, daß einer von uns in einer Seitenstraße im schlimmsten Viertel von Glasgow überfallen und umgebracht wird."

"Meinst du, die passen so lückenlos auf uns auf?" frage ich. Wir haben das Deck erreicht und gehen dahin, wo wir die Luken vermuten. Unsere Schritte auf dem Deck klingen nicht wie Schritte auf hohlem Stahl, sondern wie Schritte auf massivem Stein. Das muß an der Festigkeit des Bootes liegen. Trotzdem treten wir vorsichtig auf, um nicht versehentlich in das vermutlich eiskalte Wasser abzurutschen. Erst auf dem Laufgitter kann man einigermaßen sicher stehen.

"Wellington hat gesagt, daß wir schon seit Monaten kein echtes Privatleben mehr haben. Niemand aus dem Projekt. Du übrigens am allerwenigsten."

"Dann haben sie es aber geschickt gemacht. Seit unserer Einstellung habe ich nichts davon gemerkt."

"Du ahnst gar nicht, wie geschickt sie sind. Wenn du in München oder in Glasgow versucht hättest, in einen Puff zu gehen, dann wärst du entweder davon durch irgend einen Zufall abgehalten worden, oder du wärst bei einer 'sachkundig ausgebildeten' Agentin der EG gelandet - nur damit du nicht in 'irgendwelche' Hände fällst und damit dir nichts passiert!"

"Ich war in keinem Puff, weder in ..."

"Ich weiß. Das heißt, Wellington weiß es. Er hat es erwähnt."

"Ich mag das nicht, diese Überwachung. Selbst, wenn es zu unserem besten ist - aber daß ich so überhaupt nichts gemerkt habe - Hätte ich eigentlich etwas bezahlen müssen, ich meine, bei einer Nutte, die in Wirklichkeit Angestellte der EG ist?"

"Mal sehen, ob die da im Boot merken, daß wir rein wollen!" wechselt Cordula das Thema.

Sie merken es. Ob jemand vom Land aus per Funk die Bootsbesatzung, die schon an Bord ist, informiert hat, oder ob die da drinnen von sich aus gemerkt haben, daß jemand über ihren Köpfen auf dem Boot herumtrampelt, weiß ich nicht. Aber vor uns öffnet sich eine der stabil aussehenden Luken, die kaum von Hand bewegt werden kann, obwohl sie durch ein Gegengewicht austariert ist. Sie wird wohl auch nicht von Hand bewegt, so gleichmäßig, wie sie aufschwenkt. Das strahlende Licht im Boot läßt die Dämmerung rundherum wie Nacht erscheinen.

"Vergiß alles, was du darüber weißt, wie ein U-Boot von innen aussieht!" sagt Cordula, als sie den Niedergang vor mir absteigt.

"Ich kenn doch die Pläne!" sage ich, während ich im Vorbeiklettern versuche, die Dichtungsringe der Luke zu identifizieren. Wie in der Hochvakuumtechnik kann man bei so hohen Drucken nicht mehr mit irgendwelchen Kunststoffen bei der Herstellung von Dichtungsringen arbeiten. Dichtungen müssen aus Metall sein. Und am allerbesten ist es, wenn Metallkanten so perfekt auf Metallkanten stoßen, daß da einfach nichts mehr durchkommt, ohne daß es notwendig ist, daß sich irgend etwas elastisch verformt, um hermetisch dicht abzuschließen.

"Du warst noch nicht drin!"

Sie hat recht. Es ist alles anders. Und es ist hell. Blendend hell.

Unten begrüßt uns Mark Dauphin, von dem wir wissen, daß sein Aufgabengebiet etwa das eines Bootsmanns sein wird oder schon ist. Technische Betreuung aller Systeme des Bootes. Und schon im Dienst. Er und Cordula kennen sich schon. Er ist vielleicht 28, und er macht den Eindruck, als sei er so stolz auf das Boot, als sei es sein eigenes. Das ist die beste Haltung, wenn man für eine technische Anlage verantwortlich ist, wie ich immer wieder festgestellt habe. Beide zusammen, Herr Dauphin und Cordula, fangen umgehend an, mich herumzuführen.

Der Raum, wo wir heruntergekommen sind, ist gewissermaßen die Eingangsschleuse. Von hier aus kann man das vordere und das achtere Oberdeck betreten. Niedergänge ermöglichen, die Eingänge zu den vorderen und hinteren Mitteldecks und Unterdecks zu erreichen.

Der Raum direkt unter den beiden Luken ist als abgeschlossene Schleuse ausgebildet. Diese ist im wesentlichen ein Auffänger für Spritzwasser, aber immerhin bis in ein paar Dutzend Meter Tiefe druckfest.

Zum vorderen Mitteldeck wollen wir zuerst hin, deshalb müssen wir noch einen Niedergang absteigen, gerade, als ich anfange, einen technisch interessierten Blick auf die Pumpen in der Eingangsschleuse zu werfen, die hereinkommendes Spritzwasser gleich wieder absaugen sollen - diese sehen robust und leistungsfähig aus - offenbar soll niemand mit nassen Füßen durch das Schiff laufen. Verborgene Gebläse lassen uns warme, trockene Luft um die Füße wehen.

Da sind noch weitere interessant aussehende Einrichtungen. Ich kenne sie zwar von den Plänen, aber trotzdem hätte mich mal die Manschette interessiert, die man durch die LukenÖffnung der vorderen Luke nach oben schwingen kann, um wenigstens einen leichten Seegang davon abzuhalten, Wasser in das Schiff zu werfen. Statt dessen schwingt die Luke wieder zu, als wir weiter absteigen. Aber ich merke nicht einmal eine Druckschwankung in den Trommelfellen.

Der erste Eindruck der Helligkeit an Bord war korrekt. Man hat Wert darauf gelegt, daß überall die Leuchtdichte für feinste, mechanische Arbeiten zu jeder Zeit vorhanden ist. Nichts von der Dämmerung, die in den Weltkriegs-U-Booten üblich war. Und die Beleuchtung ist weitaus heller als das, was wir in der Welthöhle haben werden.

Eine andere Absicht, die hinter dieser reichlichen Beleuchtung steckt, ist eine psychologische: Viel Licht hält depressive Stimmungen fern. Und Mitarbeiter, die sich in einer optimistischen Grundhaltung befinden, sind leistungsfähiger.

Der zweite Eindruck ist, daß man sich kaum ernsthaft stoßen kann. Man kann normalerweise überall hingehen, ohne sich zu bücken. Keine Kugelschotts, die einen zwingen, sich mit Kinn und Knien auf der Brust dort hindurchzuzwängen. Auch das macht Sinn: Wäre dieses Boot so unterteilt, daß einzelne Abteilungen vollaufen und die Zwischenschotts den Maximaldrucken standhalten könnten, dann wären diese Zwischenschotts so schwer, daß das Boot nicht mehr schwimmfähig wäre. Oder sie wären nicht druckfest und damit nicht sehr sinnvoll.

Dieses Boot säuft als Ganzes ab, oder überhaupt nicht. Es geht technisch nicht anders.

Allerdings sind die Konstrukteure des Bootes wohl von einer maximalen Körperlänge von knapp unter zwei Metern ausgegangen, und eine gewisse Gelenkigkeit der Besatzungsmitglieder haben sie wohl nicht restlos ausgeschlossen. Ich bin einen Meter vierundachtzig groß, und obwohl ich nirgends an die Decke anstoße, ist sie doch immer knapp über meiner Stirn. Ob wir unter der einschränkenden Randbedingung einer maximalen Körperlänge ausgesucht worden sind, oder ob die Umbauten im Boot mit Rücksicht auf die Körperlängen der Projektteilnehmer erfolgt sind? Dauphin weiß es auch nicht. Was sie wohl gemacht hätten, wenn ich zwei Meter fünfzig groß gewesen wäre?

"Nichts." meint Cordula, "Wer die Welthöhle überlebt hat, ist fit genug, um sich robbend durch das Boot fortzubewegen." Sie meint das völlig ernst, im klaren Bewußtsein der Tatsache, daß sie nicht das Problem einer übertriebenen Körpergröße hat.

Immerhin - wo doch einmal eine Stahlkante im Wege steht, ist sie so mit Polstern bewehrt, daß man sich nicht ernsthaft verletzen kann.

Der dritte Eindruck: Die Luft ist trocken und hat gerade die richtige Temperatur. Nichts von dem Wetter draußen wirkt sich hier aus. Die Klimaanlagen scheinen wirklich gut zu sein. Und das ist der vierte Eindruck: Diese hören wir nicht. Wir hören überhaupt keine Maschinen. Geräusche machen höchstens wir selbst, wenn wir durch das Boot gehen. Und sonst gar nichts.

Dabei sind die Maschinen allgegenwärtig. Die Außenwand ist zum Beispiel nirgends direkt zu sehen. Überall eine Isolierschicht, in der die Rohre der Klimaanlage eingearbeitet sind. Ich weiß, daß durch diese hochreines Wasser fließt, daß entweder kühlt oder heizt.

Feuchtkalte Wände wie in den alten U-Booten wird es hier nicht geben. Und es versteht sich von selbst, daß in diesen Rohren keine Blasen gluckern - bei britischen Schiffen durchaus keine Selbstverständlichkeit: Wer häufiger in britischen Häusern zu Gast war, der weiß, daß es mit der Installationskunst in diesem Lande nicht weit her ist. Habe ich doch schon Bed & Breakfast-Pensionen erlebt, in denen ein Wasserhahn nur mit großer Kraft geöffnet werden konnte - danach aber fing es im ganzen Hause an zu rattern und zu glucksen. - Diese Anlage aber arbeitet in lautloser Perfektion.

Eindruck Fünf: Sollten wir je vergessen, daß dieses Schiff zwar im Auftrag der EG, aber doch unter britischer Flagge fährt, hier merken wir das an verschiedenen Dingen recht deutlich. Da ist zum Beispiel der 'Situation Screen', der auch kurz 'SISC' genannt wird. Überall, wo man geht und steht, ist ein Situation Screen. Es gibt keinen Ort an Bord, wo man einen solchen nicht im Blickfeld hat - sogar in der Koje, versichert Dauphin uns, und auf dem Klo.

Der Situation Screen sorgt dafür, daß wir nicht blind sind, so blind wie die Seeleute, die in Weltkrieg-Zwei U-Booten Dienst taten. Die wußten nicht, wie tief sie getaucht sind. Der Situation Screen zeigt diese Zahl ständig an. Die wußten nicht, wie kalt das Wasser draußen ist. Der Situation Screen sagt es. Die konnten nicht durch die Stahlwände nach draußen sehen, selbst, wenn das Boot an der Oberfläche manöverierte. Wenn hier auch nur eine einzige Kamera ein Bild von außen liefert, dann wird wenigstens das auf dem Situation Screen in einem geeignet positionierten Fenster eingeblendet.

Selbstverständlich wird die Zeit und das Datum angezeigt, und, sowie wir unterwegs sein werden, die Zeit nach Missionsbeginn. Geschwindigkeit und Fahrtrichtung versteht sich von selbst. Natürlich die Dichte des Wassers. Lokale Abweichung von Magnetisch Nord gegen Geographisch Nord. Auch den vertikalen Inclinationswinkel des lokalen magnetischen Erdfeldes, falls das jemanden interessieren sollte.

Dann gibt es noch eine Angabe, die ich mir von Dauphin erklären lassen muß, um mich danach darüber zu ärgern, daß ich nicht von selbst darauf gekommen bin, was die mit dem aktuellen Datum assoziierte Anzeige '11:00:s 20:00:w' bedeuten soll:

"Ist doch klar!" sagt Dauphin, "Der 27 Stunden-Rhythmus in der Welthöhle. Kann natürlich korrigiert werden, wenn wir selbst etwas von diesem Rhythmus bemerken sollten und dabei feststellen, daß der Rhythmus sich verschoben hat, aber unter der Annahme, daß es ganz genau 27 Stunden sind, ist das die exakt von 1995 an hochgerechnete Lage der Schlafperiode: Um 11 Uhr Einschlafen, um 20 Uhr Aufwachen. Morgen steht da '14:00:s 23:00:w'."

Einen Moment lang überlege ich mir, warum ich wohl, seitdem wir die Welthöhle verlassen haben, noch nie selbst auf die Idee gekommen bin, über diesen Rhythmus, der unser Schlafen und Wachen dort synchronisiert hat, Buch zu führen, um jederzeit zu wissen, 'wie spät' es in der Welthöhle gerade ist. Es sind ja schließlich nur ein paar Rechnungen notwendig, denn neun oberirdische Tage entsprechen acht 'Tagen' in der Welthöhle.

Eine Unterzeile verrät uns, daß dieses Schiff die CHARMION ist, und dem Schiffsnamen ist ein kleiner Union Jack vorangestellt. Auch diese Angabe gehört zu denen, die ständig sichtbar sind.

Ich nehme mir vor, herauszufinden, ob projektintern eine der im ASCII-Zeichencode nicht genormten 8-Bit Kombinationen zwischen 128 und 255 extra dem Symbol für den Union-Jack zugeordnet worden ist. Im oberen Teil des ASCII-Codes macht ja jeder EDV-Hersteller, was er will, - obwohl es eine ANSI-Norm gibt - warum soll nicht auch eine Werft da ihre eigenen Ideen haben?

Weniger wichtige Informationen werden zyklisch angezeigt, so daß man eventuell eine Weile warten muß, bis man das Gewünschte sieht: Chemische Zusammensetzung des Wassers rundherum. Wichtige Mitteilungen für alle. Speiseplan. Sprechzeiten der BordÄrztin. Versammlungstermine. Fundsachen.

Bei dem Situation Screen hat man sich ziemliche Mühe gegeben, all diese Informationen über einen einzigen Schirm zu verteilen, ohne die Übersichtlichkeit zu kompromittieren. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Wenn die Zentrale sich zum Beispiel entscheidet, drei verschiedene Außenansichten in drei verschiedenen Fenstern zu verteilen, dann muß das System so umordnen, daß die wichtigsten Informationen trotzdem immer noch ständig sichtbar sind.

Natürlich kann man sich viele Informationen detailliert auf die Bildschirme der zahllosen Computerkonsolen holen, wenn man will. Das ist der Eindruck Sechs: Wo immer man sich im Boot aufhält, ein Terminal ist mindestens in Reichweite. Eines vom Feinsten: Hochauflösende Farbgraphik, Tastatur, doppelter Trackball. Wie es sich gehört. Das ist doch etwas anderes als die ärmliche Ausstattung an unserem alten Arbeitsplatz!

Selbstverständlich haben wir auch ein solches Terminal in jeder Kabine. Die sehen wir uns als nächstes an. Eindruck Sieben: Hurra, Einzelkabinen! Eindruck Acht: Gütiger Himmel - sind die klein.

Die Kabinen befinden sich im vorderen Teil des Bootes, den wir jetzt vom Niedergang unter der Schleuse aus betreten. Dabei müssen wir an zwei gekennzeichneten Duschzellen und zwei Toiletten vorbei, die noch in der Niedergangssektion stehen.

Man hat sich den Kabinentrakt so vorzustellen: Von dem zentralen Niedergang unter der Schleuse in der Bootsmitte aus gibt es einen Quader von zwei Metern Höhe, vier Metern Breite und sechzehn Metern Länge, der mitten im vorderen Teil des Bootes, gleich hinter dem Niedergang, zu denken ist. Diese 128 Kubikmeter bieten 32 Kabinen Platz - das sind bloß vier Kubikmeter für jede Kabine!

Am besten, man stellt sich einen Würfel von zwei mal zwei mal zwei Metern vor. Dieser Würfel enthält zwei Kabinen. Jede Kabine besteht aus einem vertikalen Raum von zwei Metern Höhe und einer quadratischen Grundfläche von einem Quadratmeter. Eine Telefonzelle also. Diesem Volumen ist ein gleich großes, aber liegendes Volumen angeschlossen, und zwar bei der einen Kabine in Bodenhöhe, und bei der anderen daneben einen Meter höher. Diese liegende Telefonzelle enthält die Koje und einigen Stauraum unter, neben und über derselben. Macht zusammen vier Kubikmeter für jede Kabine.

Die Kojen von zwei einander so zugeordneten Kabinen liegen also übereinander, die senkrecht stehenden 'Aufenthaltsräume' stehen nebeneinander. Wenn man durch die Türen reinguckt, dann hat von zwei so miteinander verschränkten Kabinen immer die linke die Koje oben, die rechte unten. Diese zwei Kabinen sind aber räumlich völlig getrennt. Um den Zugang nicht zu einfach zu machen, geht die 50 cm schmale Tür jeder Kabine natürlich nach innen auf. Das, und der Stauraum um jede Koje sind natürlich nicht die einzigen Dinge, die Kabinenvolumen verbrauchen. Da gibt es die Zuführungen der Klimaanlage, ein Waschbecken, auf das ein Tischchen heruntergeklappt werden kann, und dann erscheint aus einem Einbauschrank auch das Terminal, das man etwas vorziehen kann, daneben ist in der Wand natürlich noch Platz für den unvermeidlichen SISC, den Situation Screen, und in Kopfhöhe gibt es noch weitere Einbauschränke für persönliche Ausrüstung. Dann ist da noch ein Panel, wo man sich für diese Kabine individuell Temperatur und Luftfeuchtigkeit einstellen kann. Und zusätzlich zu dem Stauraum unter den Kojen gibt es dicht über den Kojen auch noch seitlich eingebaute Deckenfächer.

Ich erfahre, daß jede Kabine fünf Öffnungen zu den Nachbarkabinen hat, die man aber nur von beiden Seiten gemeinsam öffnen kann. Sonst schließen sie so dicht ab wie die Wand. Zwei von diesen Öffnungen an Fuß- und Kopfende der Koje - außer natürlich bei den vier Kabinen am Ende der Kabinenzeile - eine an der Längsseite der Koje in Richtung zur anderen Seite der Kabinenzeile und eine an der verkürzten Längsseite der Koje zur Türseite. Dann ist da noch eine an der Seite des 'Stehteils' der Kabine, und zwar unter der Koje, wenn diese oben ist, und umgekehrt. Diese Öffnungen haben etwa rechteckige Abmessungen von 25 mal 45 Zentimetern, so daß man dort gerade eben mit Mühe durchklettern kann. Auf diese Weise können nebeneinanderliegende Kabinen miteinander verbunden werden, wenn die Bewohner dies wünschen, oder einander in den beiden Kabinenzeilen entsprechende Kabinen, oder die, deren Kojen übereinander liegen - die können sogar über zwei solche Öffnungen miteinander in Kontakt treten. Sie hätten also die Wahl zwischen drei Wegen, wenn sie vom 'Stehteil' der einen Kabine in den 'Stehteil' der anderen wollen: Über die untere Koje der einen Kabine, über die obere Koje der anderen Kabine, oder ganz normal über den Gang.

Diese Öffnungen sind natürlich nicht nur im Hinblick auf Kabinennachbarn, die sich eventuell besonders gut verstehen, gemacht worden, sondern sie könnten erstens für einen Notfall eine Bedeutung haben, und zweitens hat man dort auch Zugang zu allerlei Installationen in den Kabinenwänden.

Weiterhin sehe ich einige Griffe, an denen man sich bei heftigen Bewegungen des Bootes festhalten und an denen man auch KraftÜbungen machen kann. Wenn man eine solche Übung erfindet, die unter den beengten räumlichen Verhältnissen überhaupt ausführbar ist. Es gibt, erwähnt Dauphin, tatsächlich noch irgendwo einen Sachbearbeiter, der sich genau darüber Gedanken macht.

"Hat der schon was herausgefunden?" frage ich.

"Ja. Gedanken machen, das geht in dieser Kabine."

"Diese Kabinen," erklärt Cordula, "betritt man nicht. Man zieht sie an."

"Claustrophie sollte man wohl nicht haben." stelle ich fest. "Angenommen, das Betriebsklima unter den Expeditionsteilnehmern wird zu gut. Wie bumst man in diesen Kojen?"

Bevor Cordula antworten kann - sie hat da keine BerührungsÄngste, was die Diskussion solcher Themen betrifft - meint Dauphin mit infamen Grinsen: "Dauernd. Man kann sich nicht zu zweit in diesen Kojen aufhalten, ohne zu bumsen!"

"Ist das getestet worden? - Von diesem Sachbearbeiter vielleicht?"

"Sieht man doch! - Und außerdem - äh - diese Kabinentüren kann man nicht abschließen. Aus Sicherheitsgründen. Nur zur Information. - Und sie sind schalldicht. Auch zur Information."

Wir gehen weiter. Mir fallen alle vier Meter - also nach jeweils vier Kabinentüren - massive Edelstahlkanten auf, die einen zwingen, doch etwas den Kopf zur Seite zu beugen. Die Polster können die mechanische Stärke dieser Konstruktion nicht verbergen. Ich weiß, worum es sich handelt:

Der Rumpf ist alle vier Meter durch eine kreisförmige Stützkonstruktion versteift worden. Diese braucht man sowohl für die Sensoren, die die Verformung des Rumpfes messen, als auch für die aktive, rechnergesteuerte Erzeugung von Ausgleichskräften. Im Gegensatz zu den Spantenringen der Weltkriegs-U-Boote tragen diese Konstruktionen aber nicht wesentlich zur Kompensation der Druckkräfte auf den Druckkörper bei, sondern sorgen nur dafür, daß dieser das jederzeit selbst tun kann, indem er genau seine symmetrische Form behält. Die Technologie dieser aktiven Formstabilisation hat sich bereits bei den Metallspiegeln großer Teleskope bewährt, die ihre Form auf Bruchteile einer Lichtwellenlänge beibehalten müssen.

Diese Stützkonstruktion sieht wie ein sechs Meter dreißig - zu den Enden des Schiffes hin wird es weniger - durchmessende Stahlscheibe aus, die durch sieben Löcher durchbrochen ist. Diese Konstruktion kann man, so fertig im Boot eingebaut, natürlich nicht als Ganzes sehen. Aber es fallen einem doch alle zwei Meter die Ränder dieser Löcher auf, die in der Bootsmitte noch einen Durchmesser von fast zwei Metern haben. Es gibt dann eben eine Stufe am Boden und eine ebensolche Stufe an der Decke - diese Scheiben sind so positioniert, daß hier die Gänge zwischen den Kabinen und der Schiffswand gerade durch die zwei seitlichen Löcher führen. Und zwischen zwei solcher Scheiben sind acht Kabinen - vier an dieser Seite, vier an der anderen.

Der Raumverbrauch durch diese Spantenscheiben hält sich in Grenzen. Zur Bootswand hin sind es fast zwanzig Zentimeter Dicke, aber schon wenige Dezimeter von dieser entfernt sind es nur noch zehn. Noch weiter innen - an dieser Stelle also zwischen den Kabinen - sind es nur noch acht. Als ich nachfrage, erfahre ich, daß sie nach wie vor 'Spantenringe' genannt werden, obwohl 'Spantenscheibe' der Geometrie vielleicht angemessener wäre.

Achselzuckend gehen wir weiter. Ich sehe an den Türen der Kabinen auswechselbare Namensschilder: "Ist schon festgelegt worden, wer welche bekommt?"

"Teilweise." sagt Dauphin. "Sie können es sich noch aussuchen. Die 16 Kabinen zum Steuerbordgang sind schon zur Hälfte vergeben, die 16 hier sind noch fast alle frei. - Die Kabinen nach vorne hin sind weniger beliebt, weil der Gang hier zwischen Schiffswand und Kabinentüren immer schmaler wird. Das betrifft so ungefähr die Kabinennummern 11 bis 22. - Es ist zwar nicht so geplant worden, aber es sieht aus, als ob das nautische und betriebstechnische Personal hauptsächlich an der Steuerbordseite Logis nehmen wird, und das wissenschaftliche hier."

Er deutet auf die Türschilder: "Die Kabinen sind durchnumeriert. Drüben, an Steuerbord, beginnt die Numerierung an der Schiffsmitte mit 1, geht bis zu 16, das ist dann die letzte Kabine vor der Kantine, 17 ist die letzte vor der Kantine auf dieser Seite, und 32 ist wieder der Schiffsmitte am nächsten."

"Also durchnumeriert wie die Beinchen eines Chips?" frage ich. Zu spät fällt mir ein, daß ich nicht einfach Kenntnisse voraussetzen sollte und auf diese Weise jemanden, dessen fachlichen Hintergrund ich noch nicht kenne, in Verlegenheit bringen könnte. Aber Dauphin kennt sich aus:

"Ja. Genau. Aber wenn Sie wüßten, wie lange man sich überlegt hat, ob man die Kabinen vielleicht nicht von 0 bis 31 durchnumerieren sollte - weil so viele Computerexperten an Bord sind!"

"Ich versichere Ihnen," sage ich, "daß wir nicht nur bis drei zählen können, sondern dabei im Allgemeinen auch bei eins anfangen!"

"Jedenfalls können Sie sich noch unter den meisten Kabinen eine aussuchen." stellt Dauphin fest. "Sie sehen an den Türschildern, welche noch frei sind. Kabine 1 ist für den Kapitän, weil er dann am schnellsten in der Zentrale ist. 32 auf dieser Seite wird vielleicht der Erste haben wollen, wenn er nicht 2 haben will. Oder 31, oder 3, weil die ungeraden immer die Kojen oben haben."

"Aha." Ich sehe Cordula an: "Wollen wir Kabinen nebeneinander nehmen, oder wollen wir die Entfernung zwischen uns maximieren?"

"Jetzt möchte ich dir die Arbeitsräume zeigen!" entgegnet sie. Sie hat ja recht - es ist völlig egal, so gut, wie diese Kabinen gegeneinander isoliert sein sollen.

Die grobe Aufteilung des Raumes in der CHARMION kenne ich ja. In der Schiffsmitte ist der Innenquerschnitt ein Kreis von 6 Metern und 30 Zentimetern Durchmesser. Zu den Schiffsenden hin wird das erst allmählich, dann immer stärker weniger - wie das bei einem Ellipsoid eben so ist.

Die vordere Hälfte des Bootes ist fast durchgehend in drei Stockwerke eingeteilt. Das mittlere, das sind diese Kabinen, davor und dahinter jeweils zwei Toiletten - die zwei am zentralen Niedergang, wo auch die zwei Duschzellen sind, die wir gesehen haben, und noch zwei an der anderen Stirnseite des Kabinentrakts, die jeweils noch durch zwei enge Niedergänge zum Oberdeck und zum Unterdeck flankiert werden. Dann, weiter vorne, kommt ein Vielzweckraum - Besprechungszimmer, Messe, Kantine. Dieser Raum reicht von Außenwand zu Außenwand, und wegen seiner Größe fällt der Spantenring, der ihn in eine vordere und eine hintere Hälfte trennt, viel mehr auf als in den schmalen Gängen zwischen den Kabinen und der Außenwand. Als wir ihn betreten, sehe ich vier Tische - ein mal zwei Meter groß - und zahllose kleine Hocker. Sie stehen dicht an dicht.

"Das wird eng, wenn hier alle zweiunddreißig essen!" sage ich.

"Kaum. Erstens essen nicht alle gleichzeitig, und zweitens wird die Gesamtbesatzung bei diesem Unternehmen wahrscheinlich weniger als 32 sein."

"Aha." Ich schreite den Kantinenraum ab, wobei ich jetzt schon aufpassen muß, nicht über die Schemel zu stolpern. Wie soll das erst werden, wenn dieser Raum voll ist und man sich bis zur Küche und Speiseausgabe durchkämpfen muß?

"Und drittens" fährt Dauphin fort, "kann man auf einem halben Quadratmeter essen, wenn es sein muß. Ein viertel Quadratmeter zum Sitzen, und ein viertel Quadratmeter auf dem Tisch."

"Und die Ellenbogen haben ja im Nachtisch des Nachbarn Platz!" beende ich die Überlegung. Dauphin lächelt höflich.

Der Vielzweckraum ist von den Türen der beiden Toiletten bis zu den Pfeilern, die Bestandteil des Spantenrings sind, drei Meter lang und fünf Meter breit. Der Raumabschnitt dahinter ist noch einmal vier Meter lang und deutlich weniger breit, nicht nur, weil sich das Boot nach vorne verjüngt, sondern weil an der Steuerbordseite ein kleiner Raum von vier Metern Länge und etwa einem Meter Breite abgetrennt ist.

"Diese Küche ist ja nicht viel größer als unsere zu Hause!" sage ich, "Und das für 32 Leute?"

"Das geht." sagt Dauphin nur, "Sind eine Menge moderner Geräte drin. Und unten im Unterdeck gibt es Fertiggerichte, die sich jeder selbst rasch heißmachen kann. Mit dem Gerät da." Er zeigt auf eine Apparatur in der Küchenwand, die aussieht wie eine Mischung zwischen britischem Briefkasten, Videorecorder und Heizlüfter. "Es ist nicht so kompliziert, wie es aussieht."

"Nein?"

"Nein. Es ist viel komplizierter! - Ich zeigs Ihnen noch."

Noch weiter vorne gibt es bloß technische Betriebsräume - Die Vorrichtungen für die Kleintorpedos sind da, die Wasseransauganschlüsse der Frischwassergewinnung, der Regelzellen und die Durchführungen der Wärmeaustauscher, die Trimmtanks und dergleichen Einrichtungen mehr. Da werfen wir nur einen kurzen Blick rein. - Obwohl diese entlegenen, technischen Räume selten betreten werden, sind auch sie ununterbrochen taghell beleuchtet.

Das untere Stockwerk beherbergt, wie ich weiß, auch noch technische Betriebseinrichtungen, wie Klimaanlagen und die Luftreinigung, ebenso die Wasserreinigungsautoklaven und die Elektrolyse, dazu die vorderen Haupttauchtanks, die sich innerhalb des Druckkörpers befinden. Dann sind da aber auch die Vorräte - Lebensmittel und Ersatzteile. Weiterhin stehen da einige Werkzeugmaschinen, die man eben manchmal braucht: Fräse und Drehbank zum Beispiel.

Die während einer Fahrt freiwerdenden Vorratsvolumina können für andere Dinge genutzt werden. Die Kühleinrichtungen können sich auf jede gewünschte Temperatur einstellen, und wenn es die Siedetemperatur verflüssigten Stickstoffes ist. Es gibt nichts, was man da nicht haltbar machen kann.

Im unteren Stockwerk befinden sich weiterhin, nicht nur im vorderen, sondern auch im hinteren Teil des Bootes, die Wassertanks für die Trimmung, die ständig durch die Bordrechner korrigiert wird. Wir haben erfahren, daß diese automatische Korrektur so effektiv ist, daß, im Prinzip, der Schwerpunkt des Bootes über dem Schwerpunkt des verdrängten Wassers sein könnte. Ohne die automatische Trimmung würde das Boot sich dann ja auf den Kopf stellen. Mit ihr merkt man nichts davon, daß das Boot unstabil wäre - bis auf die Mitteilung der Schiffsrechner an den Kommandanten.

Das obere Stockwerk im vorderen Teil des Bootes enthält die Labors mit den Computern und der ganzen Schiffselektronik. Da gehen wir jetzt über den steilen Aufgang zwischen Messe und Kabinentrakt, also an den beiden Toiletten vorbei, hinauf. Ich bin zwar auch neugierig, aber so ungefähr weiß ich ja, was mich da erwartet. Interessanter wäre der hintere Teil des Bootes mit der Zentrale, dem Reaktor und den Antriebsmaschinen, die Räume, von denen wir noch keine Pläne gesehen haben. Kommt wohl noch, hoffe ich.

Der Arbeitsraum im vorderen Oberdeck ist so lang wie die Kabinenflucht und der Mehrzweckraum darunter zusammen, also ganze 24 Meter. Außerdem ist er natürlich wie ein Gewölbe geformt, so daß man nur in der Mitte aufrecht stehen kann, und auch das nur in dem Teil, der sich ungefähr über den Kabinen befindet. Weiter vorne nimmt die Höhe dieses langen Raumes schließlich auf 80 Zentimeter ab. Seitlich stehen die Sitze, die elektronische Ausrüstung und die Computer.

An sich habe ich ja Großraumbüros gefressen. Aber wie die Arbeit hier in der täglichen Praxis aussehen wird, das muß sich ja erst noch herausstellen. Nur ein kleiner Teil der Expeditionsteilnehmer wird sich hier zu einem gegebenen Zeitpunkt aufhalten. Und wenn man sich seitlich zwischen die Konsolen hinsetzt, dann ist der Blick in Längsrichtung des Raumes durch die Geräteschränke versperrt. So ist man leidlich gut von Kollegen abgeschirmt, wenn sie nur etwas weiter als drei oder vier Meter entfernt sitzen.

"Das wird dann wohl hauptsächlich dein Arbeitsplatz, oder?" sage ich zu Cordula. Dauphin, den ich gar nicht gefragt habe, nickt.

"Ich habe gehört, Sie kennen sich hier aus?" fragt Dauphin und deutet auf die verschiedenen Konsolen. Ich sehe an den Kontrolllichtern, daß alle Maschinen laufen. Und trotzdem ist es sehr leise - nicht einmal die Festplatten sind zu hören. Die müssen das Feinste vom Feinen installiert haben - da kommt Neid auf, wenn ich an meine heulenden Festplatten zuhause und die noch lauteren in der Firma denke!

"Nein," sagt Cordula, "wir haben in München nur Trockenschwimmen gemacht. Unterlagen studieren und so. Eine direkte Verbindung zum Boot hat man nicht aufgebaut, und wir hatten auch keine Rechner zum Üben. Erschien dem Management wohl unnötig. - Dabei wäre es wirklich notwendig gewesen, sich mit dem PRO-UNIX auszukennen."

"Das stimmt," pflichte ich bei, "wenn ich nicht eigene Rechner hätte, dann hätte ich seit acht Monaten kaum einen Computer zu Gesicht bekommen!"

"Aber Sie kommen doch ins System rein?"

"Nein. Ich kenne nicht einmal die PaßWörter!"

"Man hat mir gesagt, Sie" Dauphin nickt mir zu "kennen sie!"

"Ich? Wieso gerade ich? Woher denn?"

"Sie hätten sie sich ausgedacht!"

"Mich hat nie jemand gefragt!"

"Halt!" sagt Cordula, "ich weiß!"

"Was denn?"

"Du hast doch erzählt, daß sie bei dir rumgestöbert haben! In deinen Dateien!"

"In der Firma, ja. - Ja, und? Ist schon lange her, und sie haben nichts gefunden!"

Cordula setzt sich vor eine der Konsolen. Kaum, daß sie den linken Trackball versehentlich berührt, leuchtet der große Bildschirm vor ihr auf. Der Begrüßungsbildschirm des PRO-UNIX erscheint.

"Ich gehe unter 'root' rein." sagt sie.

"Wenn du das PaßWort doch nicht weißt?"

"Deins! Sie werden deins genommen haben! Das wette ich."

"Bitte. Warum sie das getan haben sollten, ist mir zwar unklar, aber wir können es ja ausprobieren."

Pause. Cordula sieht mich fragend an. "Und wie war das noch?"

"Ich überlege ja schon! Lichtgeschwindigkeit in sedezimal. Oder negative Lichtgeschwindigkeit in sedezimal. Herrgott, wie lange ist das jetzt her, daß ..."

Dauphin zückt einen Taschenrechner. "Umrechnen könnte ich es, aber ich kenne die Lichtgeschwindigkeit nicht. Dreihunderttausend Kilometer pro Sekunde oder so?"

"Oder so. 299 792 458 Meter pro Sekunde sind es genau." sage ich, "Das weiß ich wenigstens noch."

Dauphin rechnet nach: "11DE784A!"

Cordula probiert es aus: "Nichts. Weder groß- noch kleingeschrieben. Und negativ?"

"EE2187B6!" Dauphin steckt den Rechner weg, und Cordula fingert wieder über die Tastatur.

"Wieder nichts!"

"Es war deine Idee!" stelle ich fest.

"Jaja."

"Vielleicht ist es das PaßWort eures Systemverwalters?"

"Das wäre dumm. Jeder in unserer Abteilung hat es gekannt. Warum sollte ausgerechnet in diesem Meisterstück von Hochtechnologie so ein simples PaßWort verwendet werden? Und was hat es mit mir zu tun? Und mit diesem Projekt? - Wir können ganze Tage damit verbringen, PaßWörter zu erraten. Wir können ..."

"Wie heißt es denn?" unterbricht mich Cordula.

"Welche kanadische Provinz stellt an die Orthographie-Virtuosität eines jeden Mitteleuropäers die größten Anforderungen?"

"Aha. Und wie schreibt man das?"

"Ich habe immer im Wörterbuch nachgesehen. Ich probiere mal: S-A-S-K-A-T-C-H-E-W-A-N. Glaube ich. Aber das ist es bestimmt nicht."

"Das war es. Ich bin drin!" Cordulas Laune hat sich um etliche Grade gebessert. "Aber sicher ist das System nicht, wenn man so einfach reinkommt!"

"Sie sind so einfach reingekommen." betont Dauphin, "Kommt drauf an, was Sie damit machen. Wenn der falsche Mann sich an diesen Rechnern zu schaffen macht, und wenn er Daten mitnehmen will, dann wird er auch kriteriengesteuerte Vergeltungsviren mitnehmen!"

"Was wird er mitnehmen?"

"Kriteriengesteuerte Vergeltungsviren. Parasitäre Programme, die erkennen können, wenn sie auf einem anderen Rechner zum Ablauf gebracht werden. - Wir haben hier Vergeltungsviren für alle Systeme und alle Hardwarearchitekturen. Die würden auf anderen Rechnern sehr unheilvoll tätig werden!"

"Und die analysieren Kriterien, an denen sie erkennen, ob die Programme hier ablaufen oder woanders?"

"Ja. So ist es. Existenz bestimmter Dateien, Prozessoridentifikationen und auch Komplizierteres. Und dann gibt es natürlich trojanische Pferde, die für andere Prozessoren geschrieben worden sind, die uns hier deshalb nicht gefährlich werden können. Wir wissen uns zu wehren. - Aber Hacker kommen hier ja gar nicht erst rein."

"Schön," sage ich, "das haben wir ja schon gemerkt. Sonst hätten wir uns ja von München aus einloggen können. - Aber ich bin angenehm überrascht, daß diese Systeme schon alle einsatzfertig installiert worden sind. Ich hatte schon die Befürchtung, daß wir alle Rechner erst hochfahren müssen, oder - noch schlimmer - erst die Software einspielen müssen! - Aber die haben hier wirklich die leisesten Platten ausgesucht, alle Achtung!"

"Haben sie nicht," sagt Dauphin.

"Nein?"

"Nein. Es gibt an Bord der CHARMION keine einzige Festplatte."

"Gestatten Sie, daß ich kurz lache! PRO-UNIX ist aus der Verschmelzung von UNIX, LINUX, Windows-95, WINDOWS-NT, X-Windows, MS-DOS, OS/2-Warp, Kairo, Chikago, Pink, Next-Step und noch einigen anderen Dingen hervorgegangen. Das System ist immens umfangreich. So etwas kann man nicht von einem Diskettenlaufwerk booten!"

"Eine Diskette," sagt Dauphin, "werden Sie an Bord der CHARMION auch nicht finden. Keine einzige. Und kein Band. Und keine optische Platte, kein CD-ROM."

Er geht zu einem kleinen Schrank hinüber. Als er zurückkommt, hat er einen kleinen, metallenen Gegenstand in der Hand. Er gibt ihn mir.


        ********        ********

        12.     Megahertz und Gigahertz, Gigachip und Terachip


"Jetzt, wo Sie in Ullapool angekommen sind, dürfen Sie ja einige Dinge wissen, die man Ihnen in München noch nicht verraten hat. - Was glauben Sie, was das hier ist?"

Cordula sieht von ihrem Terminal auf.

"Was glauben wir, was das ist, Cordula?" frage ich sie.

"Ich weiß nicht." stellt sie fest und wendet sich wieder dem Bildschirm zu. Der ist interessanter als ein Metallstück von 11 Zentimetern Länge, 15 Millimetern Breite und 5 Millimetern Dicke und einem Gewicht von vielleicht 60 Gramm.

"Wir wissen es nicht." sage ich.

"Dann hören Sie zu. Ich habe es schon häufiger erzählt. Die Einzelheiten finden sie in der Online-Dokumentation über die Hardware-Grundlagen der hier verwendeten Rechner. - Dieses ist ein Chip."

"Sieht aber aus wie Eisen. Und hat keine Beinchen! - Entschuldigung. Ich habe Sie unterbrochen!"

"Dieses ist ein Chip." setzt Dauphin noch einmal an, "Und der hat ein Speichervermögen von 2 hoch 39 Byte, organisiert als 64-Bit-Worte. Davon sind es also 2 hoch 36. - Andere Sprechweise: Es sind 512 Gigabyte. - Von dieser Organisation des Speicherinhaltes kommt auch die Bezeichnung: Das ist ein Sechsunddreißig-Vierundsechziger."

Dauphin macht eine Pause, um diese Information auf mich wirken zu lassen. Sie wirkt auch:

"Nein," sage ich bestimmt, "das ist unmöglich. Das ist rein physikalisch unmöglich. Welche Technologie sollte das sein? Die Speichermatrizen müßten dreidimensional sein."

"Das sind sie auch!"

"Sie nehmen mich auf den Arm!"

"Es ist kein Halbleiterchip."

"Ferromagnetisch?"

"Auch nicht. Das Prinzip ist ganz anders. Darf ich mal erklären, ja, so wie ich es verstanden habe? Ich weiß, daß Sie Physiker sind und daß ich vielleicht einiges ungenau erzähle."

"Bitte. Erklären Sie! Ich bin auch nicht mehr aus der Höhe, was Festkörperphysik betrifft. Ist schon so lange her."

"Stellen Sie sich einen Isolator vor. Einen leidlich guten Isolator mit schöner, ungestörter Kristallstruktur, oder, genauso gut, amorpher Struktur. Meinetwegen Silizium, oder Siliziumoxid. Oder Glas. Oder irgendetwas anderes. Da nehmen Sie jetzt ein paar Atome heraus, so daß eine winzige, längliche Höhle entsteht. Dann nehmen Sie ein polarisiertes, längliches Molekül, Salzsäure vielleicht, oder FlußSäure, oder vielleicht Wasser - geht auch. Geht fast alles. Das tun Sie in diese winzige Höhle. Das paßt gerade. Nur umdrehen kann das Molekül sich nicht."

"Weil es selbst, genauso wie diese Höhle, länglich ist?"

"Genau. Dazu müßte es Energie aufwenden, weil das umgebende Kristallgitter verformt werden müßte. Ein paar Elektronenvolt. Ein paar zig Elektronenvolt. Je nachdem. Solange es diese Energie nicht bekommt, bleibt es in einer der beiden möglichen Positionen. Und speichert damit ein Bit. Auf einem Volumen von nur wenigen hundert Kubik-Angström!"

"Das soll ich glauben? Das wäre ja phantastisch! - Wenn es machbar wäre. Aber wie soll man so etwas herstellen? - Und da muß man doch irgendwie Anschlüsse legen, denn das Ganze ist nur sinnvoll, wenn man so ein Bit auch setzen und löschen kann!"

Diese Einwände formuliere ich. Andere nicht, weil ich wirklich nicht ganz sicher bin. Wenn ich mich nicht irre, dann ist ein System, das zwei stabile Zustände annehmen kann, die durch einen Potentialwall von nur einigen Elektronenvolt getrennt sind, eben nicht allzu stabil. Es könnte entweder durch den Tunneleffekt oder durch thermische Fluktuationen von selbst den Zustand wechseln. Und so etwas ist kein zuverlässiger Speicher für Informationen. - Aber ich lasse Dauphin erstmal weiterreden, weil er so stolz auf diese Technologie zu sein scheint, als hätte er sie sich selbst ausgedacht.

"Lese- und Schreibvorgang sind im Prinzip einfach. Man führt in die Nähe dieser Höhlung elektrische Anschlüsse. Wenn man da eine Spannung anlegt, dann kann das elektrische Feld eventuell dieses Molekül gerade umwerfen, wenn es in einer der beiden Positionen liegt. Diesen kleinen Ladestrom kann man messen, und durch einen zweiten Impuls bringt man das Molekül wieder in die vorherige Lage. Ist doch ganz einfach, oder?"

"Ja, schon, aber - ich sehe immer noch nicht, wie man auf dieser kleinen Größenordnung gezielt große Mengen solcher Bauelemente herstellen kann, und nur dann hat es doch Sinn, oder?"

"Es ist auch nicht ganz einfach," sagt Dauphin, "genaugenommen ist es aufwendig und teuer. Jedenfalls noch. Man muß sich ein Aufdampfverfahren vorstellen. Rasterförmig werden verschiedene Substanzen auf das Substrat aufgebracht - wie eine Fernsehröhre, nur werden statt Elektronen eben irgendwelche Moleküle mit fein fokussierten Strahlen aus Ionen aufgetragen."

"Und solches Aufdampfen kann man auf Angström genau steuern?"

"Nein. Nur auf Mikrometer genau. Aber das reicht, weil man ja ins Dreidimensionale gehen kann."

"Das verstehe ich nicht. Wenn man nur auf ein Mikrometer genau ist, wie kann man dann gewissermaßen ein einzelnes Molekül kontaktieren?"

"Tut man nicht und kann man nicht. Ein Bit wird nicht durch ein einziges solches Molekül gespeichert, sondern durch eine ganze Menge davon. In das Volumen eines Kubikmikrometers passen nämlich eine ordentliche Anzahl rein. Das ist im Moment der Stand der Technik: Ein Bit pro Kubikmikrometer. Und so ein Volumen kann man kontaktieren - es ist immens zuverlässig! Viel zuverlässiger als Disketten und Halbleiterschips, oder was sonst je zur Speicherung einer 1-Bit Information ausgedacht wurde!"

"Und wieso - Sie haben doch von polaren Molekülen wie Salzsäure geredet - wieso reagiert das nicht mit dem Substrat?"

"Ich habe nicht gesagt, daß es gerade Salzsäure ist. Das war nur zur Illustration. Ich weiß nicht, was für ein polares Molekül verwendet wird. Betriebsgeheimnis. Jedenfalls gibt es keine chemischen Reaktionen, die den Chip altern lassen - und, im Gegensatz zum Halbleiterspeicher, behält er seine Informationen ohne Energiezufuhr. Und die Rohstoffe sind Allerweltsstoffe - wenn der Herstellungsprozeß einmal voll beherrscht wird und billig geworden ist, wird das der meistverwendete Träger von Daten sein - für alle Anwendungen. Archiv wie Arbeitsspeicher eines Rechners. Ersetzt Videoband und Bildplatte. Ersetzt alles, was je zur Datenspeicherung erfunden wurde, bis auf ein paar Anwendungen mit extremen Anforderungen."

"Tatsächlich? Dann sehen die Hersteller der 256-Megabitchips aber alt aus!"

"Noch nicht ganz. Diese hier sind nämlich noch sehr teuer, wie ich eben sagte. Natürlich nicht pro Bit, da sind sie heute schon bedeutend billiger. Ja, und die Technologie ist noch nicht freigegeben."

"Was soll das heißen: 'ist noch nicht freigegeben'?"

"Das heißt genau das, was es heißt. Man kann die Dinger noch nicht kaufen. Sie sind noch nicht einmal in öffentlich zugänglichen Fachzeitschriften beschrieben worden. Die EG möchte ihren Technologievorsprung nicht aufs Spiel setzen."

"Ach? Die sind von hier, aus Europa? Nicht aus Japan? Oder aus den USA?"

"Nein. Sind sie nicht. Eine rein europäische Entwicklung! Und die EG möchte das Monopol behalten, deshalb diese Geheimhaltung. Außerdem sind immer noch eine Menge technische Hürden zu überwinden, bevor man an eine Massenproduktion denken kann."

"Welche denn? Also, wenn ich mir so vorstelle, so eine kleine Höhlung in einem Kristall zu formen, nur ein paar Atome groß, wenn man das technisch beherrscht, dann kann man doch alles!"

"Nein," belehrt mich Dauphin, "gerade das ist noch am allereinfachsten. Man dampft das polare Molekül gleichzeitig mit dem Substrat auf. Dann entstehen diese Höhlungen automatisch. - Jedenfalls für die meisten dieser polaren Moleküle, und das reicht ja."

"So einfach ist das? Warum ist noch niemand vorher drauf gekommen?"

"Weiß ich auch nicht. Es ist komplizierter - Ich kenne ja nur das Prinzip und nicht die fertigungstechnischen Einzelheiten. Tatsache ist zum Beispiel, daß, selbst, wenn man mit einer so zuverlässigen Technologie so eine immense Menge von Bit-Zellen herstellt, dann gibt es Millionen davon, die nicht funktionieren. Man muß also ständig den Aufdampfvorgang unterbrechen, die schon vorhandenen Speicherareale kontaktieren und testen und defekte Speichergruppen durch Reservegruppen ersetzen - so, wie man es mit den klassischen Silizium-Speicherchips auch macht. Die Ansteuerelektronik in jedem dieser Speicherchips ist aus diesem Grunde unterschiedlich konfiguriert."

"Aha. Und wie schnell sind diese Dinger?"

"Nicht besonders. Wenn Sie dieses Ding da genau ansehen, dann erkennen Sie auf jeder Seite kleine Zonen, die in vier Reihen angeordnet sind. Das sind Kontaktzonen. Auf jeder Seite 5 mal 42 solche Zonen. Abstand untereinander ein zehntel Zoll, also 2.54 Millimeter. - Das kennen Sie, das ist der übliche Abstand der Beinchen in DIL-Gehäusen. - Macht insgesamt auf beiden Seiten zusammen 420 Kontaktzonen. Damit ist dieser Chip in der Lage, 256 Bit auf einen Schwung einzulesen und auszugeben. Also vier Wörter. Plus Prüfbytes, plus Kontrollinformationen. Was ein Chip und sein Controller sich eben so erzählen. Mit diesem breiten Informationsstrom kommt man auf ansehnliche Datenraten"

Ich sehe mir den kleinen Metallbarren genau an. Dauphin hat recht: Wenn man es nicht weiß, dann sieht man es nicht, aber wenn man ganz genau hinsieht, dann ist die netzartige Struktur der Kontaktflächen gerade eben erkennbar.

Cordula ist jetzt doch aufgestanden, um sich das Ding auch anzusehen. "2 hoch 39 Byte?" sagt sie ungläubig, "Das sind 512 Gigabyte! Ein halbes Terabyte."

Das hat Dauphin zwar schon gesagt, aber Cordula ist ja meistens mit ihrem Terminal beschäftigt. Wahrscheinlich hat sie jetzt aufgehorcht, weil sich so etwas wie Begeisterung in Dauphins Stimme geschlichen hat.

"Richtig! Das ist ein bißchen mehr als auf einer Diskette, nicht wahr!"

"Das ist es," sage ich, "Aber - wie schnell sind die Dinger denn nun?"

"Ich sagte es schon - nicht sehr schnell. Schließlich muß laufend kontrolliert werden, ob alle Kontaktflächen wirklich Kontakt haben - das geschieht im normalen Betrieb etwa jede Millisekunde einmal - und für die übertragenen Daten muß sowohl dieser Chip als auch der Controller umfangreiche Prüfsummen ausrechnen. Die Taktrate ist im Burst-Modus 64 Megahertz. Dabei wird er aber auf Dauer zu heiß, das geht also nur einige Sekunden lang gut - im Dauerbetrieb sind es gerade 8 Megahertz. Also haben wir eine maximale Übertragungsrate von 32 Millionen Worten pro Sekunde im Dauerbetrieb. - Weil immer vier Worte gleichzeitig übertragen werden."

Ich versuche, nachzurechnen:

"Das heißt also, daß das Ding in - Moment, 2 hoch 36 Worte sind es, 2 hoch 25 Worte pro Sekunde können übertragen werden -


 in 2048 Sekunden vollständig gelesen oder geschrieben werden kann!"

"Richtig!" sagt Dauphin, "In 35 Minuten!"

"So langsam?" fragt Cordula.

"Denk nach," sage ich, "bei dieser Speicherkapazität ist das immens schnell! Das ist ein Viertel Gigabyte pro Sekunde! Da kommt keine Festplatte mit! Keine, die ich kenne!"

"Genauso ist es," sagt Dauphin, "wenn Sie die üblichen Übertragungsraten zugrunde legen, dann ist diese Datenmenge nur in vielen Wochen übertragbar!"

"Und diese Dinger" frage ich, "sind auch in den Rechnern eingebaut?"

"Nicht ganz." erklärt Dauphin weiter, "Die fest eingebauten Chips haben Beinchen zum Anlöten - da gibt es verschiedene Bauformen, mit 84 oder 168 oder 210 Beinchen. Und wenn es sich um Speicherchips für den Arbeitsspeicher handelt, dann sind diese auf Geschwindigkeit optimiert. Ein typischer Speicherchip kann dann nur 2 hoch 32 solche 64-Bit-Worte speichern, oder noch weniger, aber er ist auf Dauer mit 64 Megahertz ansprechbar. Diese Chips haben dann eingebauten Cachespeicher und dergleichen. Und die Speicher, die in den Prozessorchips mit drinsitzen, sind natürlich noch um einiges schneller, weil die Signale nicht über den externen Bus gehen müssen. Da ist man im Moment bei 4 Gigahertz, glaube ich."

"Wieviel?"

Ich habe so laut gefragt, daß Cordula einen Schritt zurücktritt.

"Vier Gigahertz!"

"Das - glaube - ich - nicht." stelle ich fest. Ich glaube es wirklich nicht.

"Und die meisten Instruktionen laufen - in - einem - Taktzyklus - ab!" stellt Dauphin fest, fast meinen Tonfall nachahmend, ohne dabei aber unhöflich zu scheinen.

"Nein!"

"Doch!"

"Nein! Vier Gigahertz, das heißt, daß während eines Taktes das Licht - und der elektrische Strom - nur sieben Zentimeter weit kommen! - Das heißt, bei Rechteckimpulsen, daß solche Impulse höchstfrequente Anteile haben - im Zentimeter- oder Millimeterwellenbereich!"

"So ist es!"

"Wie beherrscht man das, schaltungstechnisch?"

"Weiß ich auch nicht," sagt Dauphin, fast hilflos, "aber ich glaube, die Prozessortechnologie ist eine andere als die in diesem Ding hier. Das geht innerhalb eines Prozessors teilweise mit Licht. Und zwischen verschiedenen Chips gibt es auch dedizierte Chip-zu-Chip-Busse, die aus wellenwiderstandsmäßig abgeglichenen Lecherleitungen bestehen - bündelweise Lecherleitungen, die in die Platinen integriert sind. Die erlauben große DatenÜbertragungsraten. Da sind in diesen Maschinen eine Menge technischer Tricks angewendet worden. Aber ich weiß da wirklich keine Einzelheiten. Ich habe aber mal gehört, daß ..."

"Wir können ja leicht rauskriegen, ob es stimmt," sagt Cordula, "lassen wir doch mal ein kleines Zählprogramm laufen!"

"Gleich," sage ich, und wieder zu Dauphin gewandt: "Man kann doch heute schon einzelne Atome mit dem Tunnelkraftmikroskop positionieren. Hat man diese Technologie eventuell verwendet?"

"Glaube ich nicht. Einzelne Atome, um so ausgedehnte Strukturen herzustellen ..."

"Man könnte an einen Kamm-artigen Aufbau denken! - Oder so nur gezielte Eingriffe an Defekt-Stellen."

"Ich weiß es wirklich nicht. - Jedenfalls sind die Dinger schnell."

"Lassen wir nun ein kleines Zählprogramm laufen?" fragt Cordula ungeduldig dazwischen.

"Tun wir das." stimme ich zu, "Aber kennst du dich schon so gut mit dem System aus, daß du weißt, wo welcher Compiler ist?"

"Wir werden sehen. Ich habe mir eben ein Home-Directory eingerichtet."

Sie setzt sich wieder vor den Bildschirm. Ich sehe, daß sie in einem Fenster eine UNIX-Shell aufgerufen hat.

"Von einer graphischen Bedienung hältst du nicht viel!" stelle ich fest. Mit einer Shell tippt man die Kommandos an den Rechner so ein, wie man es vor dreißig Jahren auch schon gemacht hat, sogar schon zu der Zeit, als man statt Bildschirmen noch Fernschreiber verwendete.

"Das geht so am schnellsten." sagt sie. Rasch tippt sie ein:


        $vi test.c

"Meinst du, es gibt nicht bessere Editoren als diesen blöden vi?" frage ich, aber Cordula reagiert nicht darauf. Der Editor hat den Bildschirm im Augenblick für sich eingabebereit gemacht.

"Emacs, zum Beispiel." fahre ich fort, aber ich merke schon, daß meine Beratung im Moment nicht gefragt ist.

Das Programm, das sie entwickelt, ist wirklich nicht sehr schwierig:


        #include <stdio.h>

        main ()

        {
           long i, ii;
           ii = 1000000;
           printf ("Jetzt fängt er an, bis %i zu zählen ... \n", ii);
           for (i = 0; i < ii; i++);
           printf ("Jetzt ist er damit fertig.\n");
        }

"Ich mag C nicht." sage ich.

"Das weiß ich. Aber es gibt mit Sicherheit überall da einen C-Compiler, wo es UNIX oder einen seiner Ableger gibt!"

"Einen C++-Compiler gibt es auch überall, wo ..." fange ich an, halte dann aber den Mund. Cordula ist leicht unwirsch. Mit


        $cc test.c -o test

stößt sie die Compilation an. Ohne die kleinste merkbare Zeitverzögerung erscheint wieder der Shellprompt, so daß man im Zweifel darüber bleibt, ob der Rechner wirklich etwas getan hat.

"Also beim Compilieren ist er schnell!" sagt sie, "Nun wollen wir mal:"

Sie tippt ein:


        $test

Und augenblicklich erscheint:


        Jetzt fängt er an, bis 1000000 zu zählen ...
        Jetzt ist er damit fertig.

"Ich habe keinen Zeitverbrauch gemerkt." stelle ich fest. Cordula tippt:


        $time test

Auf diese Weise mißt das System den Zeitverbrauch dieses Programmes. Wir lesen:


        Jetzt fängt er an, bis 1000000 zu zählen ...
        Jetzt ist er damit fertig.
        real : 00:00:00.000244
        user : 00:00:00.000244
        sys  : 00:00:00.000000

"Donnerwetter," sage ich, "es stimmt!"

"Woran siehst du das so schnell?" fragt Cordula, "vielleicht hat der Compiler irgend etwas weg optimiert, und dieses Programm zählt gar nicht bis zu einer Million, wie es soll!"

"Doch," sage ich, "da ist nichts wegoptimiert worden. Eine Million Schleifendurchgänge brauchen eine Viertel Millisekunde. Das sind vier Milliarden in einer Sekunde. Stimmt genau! Ein Schleifendurchgang pro Taktzyklus, mit Addition, Schleifentest und Sprungbefehl. Also der Instruktionssatz von diesem Prozessor würde mich interessieren!"

"Dokumentation darüber ist auch im System." wirft Dauphin ein.

Cordula probiert noch eine Weile herum, bis sie auch Compiler für andere Sprachen gefunden hat. Sie programmiert rasch ganz genau dasselbe Problem in Pascal:


        program count;

           var i, ii : longint;

        begin
           ii := 1000000;
           writeln ('Jetzt fängt er an, bis ', ii, ' zu zählen ...');
           for i := 1 to ii do;
           writeln ('Jetzt ist er damit fertig.');
        end.

Und in Ada:


        with TEXT_IO; use TEXT_IO;

        procedure COUNT is

           II : LONG_INTEGER;

        begin
           II := 1_000_000;
           PUT ("Jetzt fängt er an, bis ");
           PUT (LONG_INTEGER'IMAGE (II));
           PUT (" zu zählen ...");
           NEW_LINE;
           for I in 1 .. II loop
              null;
           end loop;
           PUT ("Jetzt ist er damit fertig.");
           NEW_LINE;
        end COUNT;

Mehr Programmiersprachen probieren wir nicht aus. Es muß noch einen Modula-Compiler auf dem System geben, aber diese Sprache liegt mit ihren Eigenschaften ungefähr zwischen Ada und Pascal - ein Experiment damit würde keine neuen Erkenntnisse bringen. Ebenso kümmern wir uns nicht um FORTRAN, ALGOL, C++, BASIC und FORTH. Smalltalk kennen Cordula und ich nur vom Hörensagen, das könnten wir nicht ausprobieren, wenn es das hier geben sollte.

COBOL gibt es wahrscheinlich nicht - Gottseidank. Ich habe mir bei meinem alten Arbeitgeber nicht nur Freunde gemacht, wenn ich gegen COBOL polemisiert habe: 'Betriebswirtschaftler sind die Bremsbeläge des Fortschritts - COBOL ist die Programmiersprache für betriebswirtschaftliche Aufgaben - ergo?' Außerdem wüßte ich wirklich nicht, was COBOL an Bord eines U-Bootes zu suchen hat.

Die Zeitmessungen mit den ablauffähigen Programmen, die sie so erzeugt, sehen ganz genauso aus wie die mit dem C-Programm. Jedes Programm braucht eine viertel Millisekunde. Und auch diese beiden Compiler sind so schnell, daß man keine Zeitverzögerung durch das Compilieren bemerkt.

"Ich fange an, ihnen zu glauben!" sage ich. "Sagenhaft. Mein alter ATARI-Computer braucht dafür 10 oder 20 Sekunden! Und mein uralter APPLE ][ wahrscheinlich einige Minuten. Auch mein EISA-Hochofen bräuchte da noch eine halbe Sekunde oder so."

"Ich glaube es aber noch nicht," wirft Cordula ein, "wieso ist die verflossene Zeit genauso groß wie die verbrauchte CPU-Zeit? Ist denn sonst keine Aktivität auf dem System?"

"Doch doch," meint Dauphin, "die anderen Prozesse werden sich um die anderen Prozessoren balgen."

Ich muß lachen: "Andere Prozessoren! - Wieviele sind es denn?"

"Ich weiß es nicht. Genug für jeden Expeditionsteilnehmer, für jede Aufgabe an Bord, und noch einige mehr!"

Dann läßt Dauphin sich noch etwas über den Befehlsvorrat dieser Prozessoren aus. Alles, was ich mitkriege, ist, daß es die reinste Wundertechnologie zu sein scheint - Traum eines jeden Programmierers, ob für anwendungsnahe Aufgaben oder für die Systemprogrammierung. So kennen diese Prozessoren eine sehr effektive Adressenrechnung - ob ein Maschinenbefehl nun eine absolute Adresse enthält, oder ob noch einiges gerechnet werden muß, weil sich die Adresse über Register-Indirektionen ermittelt oder über Offsets errechnet, das macht in der Geschwindigkeit keinen Unterschied.

Weiterhin gibt es hardwaremäßig alle Datentypen, die man so braucht - ganze Zahlen, zum Beispiel, oder Integer-Zahlen, wie der Programmierer sie im allgemeinen nennt, haben nicht nur eine Länge von 16, 32 und 64 bit, wie man das erwarten würde, sondern alle bit-Längen, die Potenzen von 2 sind, kommen vor. Wenn ein Programmierer zwei Zahlen mit einer Länge von 262144 bit durcheinander dividieren will, dann braucht er dazu nur einen einzigen Maschinenbefehl! - Allerdings, bei dem Beispiel, gibt Dauphin zu, brauchen diese Prozessoren schon ein paar Taktzyklen mehr, weil nicht mehr alles in die Register hineinpaßt.

Selbstverständlich können diese Prozessoren auch ganz hervorragend mit Gleitkommazahlen aller Längen umgehen. Selbstverständlich sind für alle Gleitkommadatentypen sämtliche Operationen fest einprogrammiert - auch die technisch-naturwissenschaftlichen Funktionen. Auch einen Tangens von einer 1048576 bit langen Gleitkomma-Zahl auszurechnen erfordert nur einen einzigen Maschinenbefehl. Und wenn die Zahl nicht ganz so lang ist, so daß sie vollständig in die Register paßt, dann geht das auch ordentlich schnell. So gesehen lassen diese Prozessoren alles hinter sich, was ich an Coprozessoren kenne.

Ich denke an die vielen Firmen, die Coprozessoren für die PCs der ganzen Welt herstellen. Alle schon abgehängt - und sie wissen es noch nicht!

"Ich weiß noch etwas, aber ich bin überhaupt nicht sicher, ob diese Information stimmt." sagt Dauphin. "Jedenfalls habe ich es mal gehört."

"Nämlich?" frage ich.

"Daß diese Prozessoren alle einen internen Takt von vier Gigahertz haben, stimmt vielleicht nicht."

"Sie meinen, es gibt doch noch ein paar langsamere?"

"Es gibt noch ein paar schnellere. Im Labor kann man schon mit Lichtpaketen rechnen, die nur 2 Millimeter lang sind. Das ist ein Takt von 128 Gigahertz."

Ich rechne schnell nach: "Kommt hin. Aber das ist doch völlig unglaublich. Wo kommt die Abwärme hin?"

"Die laufen mit Fredkin-Gattern - fast verlustlos. An einer Seite geht Licht rein, an der anderen Seite kommt es raus. In den Dingern selbst ist damit gerechnet worden. Das geht."

"Und die sind hier ..."

"Weiß ich nicht. Glaube ich eigentlich nicht. Zu teuer. Die meisten Prozessoren hier an Bord laufen wohl mit vier Gigahertz. - Aber es ist schon nicht mehr das allerneueste."

128 Gigahertz, denke ich. Was könnte man damit alles anstellen.

"Ich weiß auch, daß sie es mit den ein Millimeter langen Lichtpaketen noch nicht hingekriegt haben. Definitiv. 256 Gigahertz geht nicht." fährt Dauphin fort.

"Vielleicht hat er doch recht," sagt Cordula, die die ganze Zeit mit dem System herumexperimentiert hat, jetzt, "sieh mal hier - wenn ich das Fenster mit dem Trackball verschiebe, dann ist es dauernd vollständig sichtbar - nicht nur ein Rahmen, wie in den frühen Windows-Versionen. Das heißt, wenn sich das Fenster ständig bewegt, dann muß die Grafik doch 70 Mal pro Sekunde vollständig neu ausgerechnet werden!"

"128 mal." sagt Dauphin, "So oft pro Sekunde kann das Bild neu dargestellt werden. Bei diesem Bildschirm sind es übrigens 32768 mal 32768 Bildpunkte. - Sehr kleine Bildpunkte, natürlich - 64 auf den Millimeter."

"Nein," sage ich, "Nein, nein, nein und nochmals nein! Ein so hochfrequentes Videosignal kann keine Elektronik auf der Welt verarbeiten! Das können Sie mir jetzt nicht erzählen! Das nicht! - Das wäre etwas im Bereich von - von über hundert Gigahertz! - Und es gibt auch keine Bildröhre, die einen Elektronenstrahl so fein fokussieren kann! Es ist einfach ..."

"Richtig," sagt Dauphin trocken. "so eine Bildröhre gibt es nicht. Weder hier noch anderswo."

"Ah?"

"Das sind Festkörperbildelemente. So etwas ähnliches wie LCD, aber nur so ungefähr. Und jeder Bildschirm wird von einer Menge Grafikprozessoren unterstützt. - Also, wenn sie jetzt so ein Fenster da verschiebt, dann hat ihr Prozessor kaum etwas damit zu tun. Das machen alles die Grafikprozessoren."

Ich halte den Mund. "Schwankt dein technologisches Weltbild?" fragt Cordula besorgt.

"Ja. Ich muß das alles erst einmal verdauen. - Das ist hier ein technologischer Wunderpark - in München hießt es immer nur, für alle notwendigen Zwecke seien 'genug' Computer an Bord, aber es hat nie jemand spezifiziert, was 'genug' ist. - Sind diese Grafikprozessoren vielleicht auch 'noch nicht freigegeben'?"

Dauphin geht darauf nicht ein - vielleicht hält er es für eine rhetorische Frage. "Jeder von Ihnen bekommt einige von diesen Speicherchips, von diesen 36-64-er, für Ihre persönlichen Daten. In dem Schrank da liegen sie. Für alles, was sie nicht auf dem System aufbewahren wollen." zeigt er.

"Jetzt gleich?"

"Wenn Sie wollen."

Wir hören, wie jemand den Aufgang von der Kantine heraufkommt.

"Das ist David Aldingborg. Sein Hobby heißt aber Tuborg." sagt Dauphin, "Auch technischer Bootsdienst. Auch schon länger in Ullapool. Genauso lange wie das Schiff. Wie ich. - Die Dame in seiner Begleitung kenne ich aber nicht."

"Ich kenne sie," sage ich, "es ist meine Frau."

"Ah!" sagt Dauphin, "Sehr erfreut!"

Es juckt mich, zu sagen, 'Warum denn?', aber ich weiß auch nach 12-jähriger Ehe nie genau, wann die Irene Anflüge von Humor zeigen könnte und wann nicht. Außerdem ist, dem Tonfall nach, Dauphin wirklich erfreut, weil er so einmal die andere Hauptperson des Romans zu Gesicht bekommt.

"Wo bleibst du denn?" fragt Irene vorwurfsvoll, aber mit einem heiteren Gesicht, von dem ich weiß, daß es nicht für mich bestimmt ist. "Weißt du, wie spät es ist? Draußen ist es dunkel!"

"Uns werden gerade Boot und Rechner vorgeführt!"

"Wer ist 'uns'?"

"Hier, Cordula! Erkennst du sie nicht mehr? Soviel ist sie doch nicht älter geworden, in den paar Tagen, vor denen ihr euch in München zum letzten Male gesehen habt!"

Nun folgt erst einmal eine Diskussion zwischen Cordula und Irene, die sich im wesentlichen um das Älterwerden dreht, und um die Folgen für das Aussehen. Hätte nicht gedacht, daß Cordula so ausdauernd darüber reden kann - ich denke, sie ist gerade so fasziniert von den Schiffsrechnern, daß sie für nichts anderes mehr Augen hat?

"Wollen wir die anderen Decks ein andermal begehen?" fragt Dauphin, "Ich meine, uns ist es egal, aber Landgang wäre nicht schlecht."

"Also ist es Ihnen nicht ganz egal!" stelle ich fest, "Gehen Sie nur. Aber wie kommen wir nachher vom Schiff herunter?"

"David zeigt es Ihnen dann. Er ist in der Zentrale. Das wissen Sie ja: die ist gleich hinter dem zentralen Niedergang, auf dem hinteren Mitteldeck. Ich denke, Sie wollen sich jetzt weiter ein bißchen mit den Rechnern vertraut machen!"

"Ja." sage ich, in klarem Bewußtsein, daß Irene das nicht will. Aber Cordula und ich sind in der Mehrheit.

"Wie gefällt dir das Boot?" frage ich Irene, als Aldingborg nach unten verschwunden ist. Dauphin hat sich auch zum Gehen gewandt, bleibt dann aber noch stehen, so, als wollte er noch etwas sagen, was ihm momentan entfallen ist. Es fällt ihm aber nicht ein, und so geht er auch nach unten.

"Klasse! Gemütlich!" meint Irene.

"Gemütlich? - Mmh. - Hast du die Kabinen gesehen?"

"Nein."

"Sonst würdest du das auch nicht sagen. Wenn wir zurückgehen, werfen wir noch einmal einen Blick in eine."

"Ich mag bald zurückgehen. Ich bin müde!"

"Irene, wir möchten hier noch ein bißchen hacken! - Da! Da ist doch so ein schöner Sitz!"

Irene murrt, aber sie fügt sich - erst einmal. Das macht Cordulas Anwesenheit.

"Ich bin lange allein, wenn ihr unterwegs seid!" stellt sie fest. Was immer sie damit andeuten will.

"Du kannst dich immer noch entscheiden, mitzukommen!"

"Nein danke. Ich mag nicht unter Wasser sein."

"Nein? Was glaubst du, wo du jetzt bist? Da oben" ich zeige an die Decke "ist jetzt der Wasserspiegel!"

"Das ist noch nicht dasselbe. Das Boot guckt noch aus dem Wasser raus."

"So, meinst du? Wenn jetzt jemand auf die Idee käme, mit offener Luke und offener Eingangsschleuse die Tauchtanks zu fluten, bis das Wasser über den Lukenrand hereinläuft, dann kommen wir nicht mehr lebendig hier raus!"

"Herwig! Ich mag das nicht hören!"

Cordula hat die ganze Zeit, während ich und Irene uns dieses harmlose Wortgefecht liefern, an dem Terminal weitergearbeitet. Jetzt blickt sie auf.

"Da ist ein Dateiverzeichnis mit Schrott. Es sind keine Binaries."

"Ja und?"

"Was sind 'Binaries'?" fragt Irene dazwischen.

"Ausführbare Programme. Im Gegensatz zu etwa Textdateien oder anderen Daten."

"Aha." sagt Irene und tut so, als habe sie es verstanden.

"Ich glaube, da will jemand etwas geheimhalten." meint Cordula.

"Soll er doch," sage ich, "da es zu deinen Aufgaben gehören wird, Systemverwalter für diese Rechner zu spielen, kannst du dir alles ansehen. Da helfen die Schutzattribute nicht. Also muß, wer etwas für sich behalten will, chiffrieren. - Wer ist es denn? Ich meine, welches Dateiverzeichnis ist es?"

"Kein Benutzerverzeichnis. Es ist ein Verzeichnis in /etc."

"Frechheit," sage ich, "da hat niemand private Daten zu halten. Das mußt du als Systemverwalter unterbinden. Wie heißt denn das Verzeichnis?"

"/etc/mission-instructions."

"Hört sich interessant an. Aber es kann irgend etwas sein, was das System braucht."

"Ist es aber nicht." sagt Cordula, "weißt du, was ich mir hier gerade ansehe?"

"Nein."

"Eine Datei namens 'typescript'."

"Oh. Ein Sitzungsprotokoll. Vielleicht ist das unabsichtlich entstanden?"

"Das weiß ich nicht. Aber sieh doch her: Diese Kommandos. 'vi -x', und dann einige der Dateinamen. Völlig klar. Da hat irgend jemand Geheimnisse. Da hat sich jemand verschlüsselte Texte angesehen oder welche erstellt."

"Und alles unter der Kennung des Systemverwalters."

"Was uns nichts nützt, denn jeder, der hier zu tun hat, kennt die System-PaßWörter. Wir wissen nicht, wer das gemacht hat. Es kann jeder sein. - Und das Sitzungsprotokoll zeichnet nicht die PaßWörter auf, die derjenige verwendet hat."

"- was besonders schade ist." ergänze ich.

Wir schweigen eine Weile. Irene steht auf und kommt näher.

Plötzlich taucht Dauphin wieder im Niedergang auf: "Fast hätte ich noch etwas vergessen!" sagt er, "Schauen Sie mal her!"

Er holt aus dem Schrank, wo auch die 36-64-er liegen, etwas, was auf den ersten Blick so wie eine kleine, ockerfarbene Aktentasche aussieht. Diese Tasche ist so groß, daß gerade eine DIN A4 Seite hineinpassen könnte, und ein Trageriemen vervollständigt den Eindruck einer Tasche. Es ist aber keine Tasche:

"Dies" sagt Dauphin, "ist ein VICOMP. Jedem von Ihnen steht eins zu - es ist schon in der Kabine - und wir haben auch noch ein paar mehr davon an Bord."

Er klappt die Tasche auf. Ich sehe einen Flachbildschirm und eine normale Tastatur ohne numerischen Block.

"Ein Notebook?" frage ich.

"Auch. Und eine Videokamera. Und ein Wiedergabegerät. Und ein Walkman. Und vieles andere." Er zeigt uns die Aufnahmeschlitze für acht 36-64-er Speicherbausteine und die Interfacebuchsen, mit denen eine Verbindung zum Hauptrechner hergestellt werden kann.

"Wo sind denn da die Kontaktstifte?" frage ich.

"Optisch, natürlich!" sagt er, "Ist doch viel betriebssicherer, auch bei leichter Verschmutzung!"

"Natürlich." Wie konnte ich etwas anderes annehmen?

Seitlich, links an der Tastatur, kaum zu sehen, auch wenn es nicht gerade versenkt ist, das Zoom-Objektiv, die Trackballs zum Einstellen der Kamera, die aber auch für den Betrieb als Computer gebraucht werden, der Sucher an der anderen Seite, denn, so erfahre ich, es ist zwar möglich, in aufgeklapptem Zustand den Bildschirm als Sucher zu verwenden, aber es ist nicht ganz so praktikabel.

"Man kann das Ding auch gleichzeitig als Videokamera und als Rechner benutzen - das ist mehr ein Problem der eigenen Geschicklichkeit denn ein technisches."

Ich erfahre, daß die Bildqualität weit über dem liegt, was bei Videokameras üblich ist, wenn sie auch nicht das erreicht, was die Flachbildschirme an Bord leisten. "4096 mal 4096 Pixel." sagt Dauphin, "Der Bildschirm hat 12800 mal 19200 Bildpunkte. Bei der Wiedergabe kann man also zwischen verschiedenen Bildgrößen wählen. Oder auch mehrere Aufzeichnungen gleichzeitig in verschiedenen Fenstern wiedergeben, wenn Sie wollen."

"Was ist denn da für ein Prozessor drin?"

"Derselbe wie im Schiffsrechner. Allerdings eine Low-Power-Version!"

"Und wie lange hält das Ding mit dem Akku durch?"

"Ein paar Tage, wenn es im Dunkeln betrieben wird. Das Gehäuse ist jedoch mit einer Schicht bedeckt, die die Eigenschaften einer Solarzelle mit hohem Wirkungsgrad hat. Im Normalbetrieb muß man die Akkus also nie laden, und wenn doch, dann meldet sich das Ding rechtzeitig."

"Phantastisch." sage ich, "Wenn ich das mit meiner Videokamera zu Hause vergleiche ..."

Cordula unterbricht mich: "Also, ich möchte wissen, was das hier ist. Wirklich. - Das gehört nicht hierher!"

Ich erinnere mich wieder daran, daß sie gerade ein paar geheimnisvolle Dateien gefunden hat. Ich habe es ganz vergessen, als Dauphin mir den VICOMP erläutert hat - das ist schließlich auch ein faszinierendes Gerät! Dauphin legt das Gerät zurück und wendet sich endgültig zum Gehen.

"Naja," sage ich und nehme den VICOMP wieder zur Hand, als er weg ist, "vielleicht bringen wir es in einer der nächsten Projektbesprechungen zur Sprache. Das Zeug ist am falschen Ort, aber sonst ist ja nichts Schlimmes passiert. Es kann jeder verschlüsseln, soviel er will. Gerade, weil wir offenbar soviel Platz haben. Ist ja nicht einmal ein Megabyte. - Und vielleicht ist es ja doch etwas dienstliches. - Sieht dir mal dieses VICOMP an, Cordula!"

Sie geht nicht darauf ein: "Es ist fast ein Megabyte," stellt sie fest, "soviel schreibt man nicht zum Spaß." Irene sieht ihr über die Schulter.

"Wir sind nicht zum Spaß hier." sage ich, "Außerdem weiß ich, daß man ein Megabyte nicht zum Spaß schreibt. An den mehr als drei Megabyte von den 'Granitbeißerinnen' habe ich 18 Monate geschrieben."

"Jaja. Das weiß ich. Hast du schon erzählt. Von mir aus kann auch jeder schreiben und verschlüsseln, was er will. Aber da wissen wir nicht einmal, wer es ist!"

"Was ist 'vi -x'?" fragt Irene. Ich versuche, ihr eine kurze Einführung in einige elementare Funktionen des PRO-UNIX zu geben und kurz zu erläutern, was für ein Editor der 'vi' ist. Dabei merke ich aber, daß sie müde ist und nicht richtig zuhört.

Cordula hackt derweil auf der Tastatur herum. Sie analysiert mit dem 'file' Kommando die Dateien. Ich weiß aber, daß das nichts bringt: Das 'file'-Kommando ist dazu da, aus dem Inhalt der ersten paar Dutzend Bytes einer Datei möglichst intelligent zu erraten, um was es sich handeln könnte. Es erkennt zum Beispiel ziemlich zuverlässig ausführbare Programme. Aber Programmtexte, Scripts, also Kommandodateien, und umgangssprachliche Texte verwechselt es ziemlich häufig. Wenn es gar nichts herausfindet, dann sagt es einfach, daß es sich bei den untersuchten Dateien um 'Daten' handelt. Das einzige, was niemand bezweifelt - was sonst sind denn Dateien?

"Ich kriege ihn!" sagt Cordula plötzlich, "Hier: Aus den Dateiattributen wissen wir ja, wann diese Dateien das letzte Mal angefaßt worden sind. Mal sehen, wer da am System eingeloggt war."

"Einfach genial, und genial einfach." sage ich. "Wäre ich nicht drauf gekommen. Bin wohl auch schon müde." Irene wirft mir einen dankbaren Blick zu.

Cordulas Hände fliegen über die Tastatur. Dann kriegt sie große Augen.

"Niemand!" sagt sie.

"Niemand? Das ist unmöglich."

"Doch. Sieh selbst."

"Ich kenne mich mit diesen Protokolldateien nicht aus."

"Aber ich. Und zu diesem Zeitpunkt war niemand drin. Stunden vorher nicht, und Stunden danach auch nicht."

"Vielleicht war es ein Script, das alleine lief?"

"Ein Script, das den vi bedient? Das glaubst du doch wohl selber nicht! Wenn man im Batch etwas verschlüsseln möchte, dann verwendet man den 'crypt'!"

"Ich verstehe überhaupt nichts mehr!" sagt Irene, "Ich will ins Bett!"

"Ja, gleich!" winke ich ab, "Cordula, kannst du die periodischen Systemprozesse abchecken? Da gibt es doch, glaube ich, diesen crontab ..."

"Das heißt bei PRO-UNIX anders. Aber ich bin schon dabei. Und die laufenden Dämonen muß ich mir auch ansehen."

"Die laufenden was?" fragt Irene.

"Stör sie nicht!" sage ich, "Sie denkt." Während dieser ganzen Diskussion versuche ich, mit dem VICOMP ein paar Aufnahmen zu machen.

Dämonen sind Prozesse, die in UNIX dauernd laufen und die irgend etwas Nützliches tun. Außerdem müssen sie nicht unbedingt einem Ein- oder Ausgabegerät zugeordnet sein. Jeder UNIX-Benutzer hat sich an diese Bezeichnung gewöhnt, aber Laien muß diese Wortwahl natürlich seltsam vorkommen.

Es vergeht eine halbe Minute. Dann faltet Cordula ihre Finger hilflos zusammen. "Ich versteh es nicht," sagt sie, "ich verstehe es nicht."

"Vielleicht," schlage ich nach einer Weile vor, "hat jemand direkt im Dateisystem herumgefummelt, um die Dateiattribute auf Bit-Ebene zu manipulieren!"

"Meinst du, hier laufen noch mehr solche Kindsköpfe herum wie du einer bist? - Kannst du nicht einmal diese verdammte Kamera wegnehmen?"

Zwei Anschisse auf einmal. Das muß ich jetzt erst einmal verdauen. Irene freut sich - so müde ist sie also doch noch nicht.

Zwei Minuten später: "Also gut," sage ich, "wir können es nicht entschlüsseln, und wir wissen nicht, warum die Dateien benutzt wurden, als niemand auf dem System war. Was sagt das schon? Hier ist eine Menge Software installiert, die wir nicht verstehen. Die ganze Schiffssteuerung - wenn du dich bis zu diesen Rechnern durchschaltest, wirst du wahrscheinlich überhaupt nichts Vertrautes mehr wiedererkennen!"

"Ich will aber wissen, was da los ist!"

"Wenn zufällig gleichzeitig ein Audit gelaufen wäre - aber da hat der große Unbekannte sicher aufgepaßt, daß das nicht der Fall war."

"Ein was?" fragt Irene.

"Ein Audit. Mitschneiden des gesamten Datenverkehrs mit allen anderen Rechnern, Peripheriegeräten und allen Terminals."

"Und warum macht man das nicht dauernd?"

"Weil dabei eine immense Menge an Daten entsteht, die letztlich niemanden interessiert, und weil das System dadurch heruntergebremst wird."

"Aha." sagt Irene und gähnt. Cordula fängt an, einige PaßWörter zu erraten. Das führt bekanntlich nirgendwo hin - die Menge der möglichen PaßWörter ist immens groß. Einzige Hoffnung ist, daß der Unbekannte etwas genommen hat, was er sich leicht merken kann. Vielleicht etwas projektspezifisches. Cordula probiert den Schiffsnamen aus, den Namen der Stadt Ullapool, 'Nessie' genauso wie 'Welthöhle' genauso wie 'Lohnsteuerrückerstattung'. Und 'Grohmann', und 'Greenock', und 'Schiffszwieback'.

"Probier doch sein Pseudonym!" schlägt Irene vor.

"Blödsinn!" sage ich, "niemand verwendet PaßWörter, die gerade andere besonders leicht erraten könnten! - Das ist hier ein ernsthaftes und teures Projekt! Da werden doch alle Mitarbeiter wissen, wie man Sicherheitslücken zu vermeiden hat!"

"Dann werdet ihr es nie finden!" Irene gähnt demonstrativ. Sie hat ja recht. PaßWörter-Raten bringt einfach nichts.

Cordula tippt müde auf der Tastatur herum. Dann bekommt sie Glotzaugen. Für einen Moment jedenfalls. "Das ist es!" sagt sie.

"Was?"

"'Josella Playton'. Das Zeug hier ist mit 'Josella Playton' verschlüsselt!"

Ich sehe ihr über die Schulter. Sie hat recht. Da ist Klartext.

"Irene," sage ich, "du bist ein Genie!"

"Das weiß ich," sagt Irene, bar jeder Bescheidenheit, "gehen wir jetzt heim?"

"Moment noch, wir wollen mal kurz gucken, was drin steht, wo wir es jetzt lesen können!"

Cordula ist schon dabei, es zu lesen. "Blätter noch einmal zum Anfang zurück!" bitte ich sie.

Es sind offizielle Schreiben einer Dienststelle der EG, die ich nicht kenne. Cordula kennt sie auch nicht. An wen sich die Schreiben richten, ist auch nicht klar, da der Name nie genannt wird. Manche Schreiben klingen wie Anweisungen an jemanden hier an Bord, andere sind Papiere zwischen verschiedenen Dienststellen der EG. Ich lege den VICOMP in den Schrank zurück, nachdem ich den 36-64-er, auf dem ich eben Aufnahmen gemacht habe, herausgenommen habe, und wir lesen weiter.

"Herwig," sagt Cordula nach einer Weile, und in dieser Weile wird mir bewußt, wie verdammt still das Boot ist, "da ist etwas faul. - Da ist etwas oberfaul."

Sie spricht meine Gedanken aus.


        ********        ********

        13.     Directive q78q99q


Und schon bin ich am Terminal nebenan. "Geht schneller so!" sage ich, "Hast du's Root-PaßWort schon geändert?"

"Nein." sagt Cordula und liest konzentriert weiter.

"Was ist denn jetzt los?" fragt Irene. Wir können nicht antworten. Schon bin ich auch im System drin.

Das Bild ist unklar. Es geht um Vorhaben der EG in der Dritten Welt. Um etwas, was als 'demographisch korrigierende Maßnahmen' beschrieben wird. Und womit die Welthöhlenexpedition etwas zu tun hat. Sicherung der wirtschaftlichen Stellung der EG. Bewahrung der natürlichen Ressourcen der Dritten Welt. Eindämmung der Flüchtlingsströme. Zurückdrängen des Einflusses der großen Fremdreligionen - ganz besonders der fundamentalistischen Strömungen des Islam. Als ob der Katholizismus in Laufe der Geschichte nicht eine ähnliche Virulenz bewiesen hätte, denke ich.

Aber 'Virulenz' - das Wort taucht auch auf. Nicht im Zusammenhang mit historischen Betrachtungen, sondern mit etwas, was jemand in der Welthöhle tun soll.

"Merkst du was?" sage ich zu Cordula, "Der hat alles mit demselben PaßWort verschlüsselt. Von Cryptologie hat der keine Ahnung!"

"Jaja." sagt Cordula, "habe ich schon längst gemerkt."

Da ist sie endlich. Ein Befehl, oder eine Anweisung. Es nennt sich Directive q78q99q. Die Anweisung, sich in der Welthöhle besonders um das Aufspüren von Krankheitskeimen zu kümmern. Bakterien und Viren - selbst von gesunden Menschen und Tieren. Die Genetiker der EG, in bestimmten, streng geheimen Labors, brauchen neues genetisches Material. Neue DNS-Sequenzen. Die sollen wir mitbringen. Oder besser derjenige, an den sich diese Direktive wendet.

Und wir lesen auch: Der Auftrag ist unter allen denkbaren Umständen geheim zu halten. Das Leben der Expeditionsmitglieder ist sekundär. Sogar die anderen Zielsetzungen der Expedition - die Rohstoffe der Welthöhle, die wissenschaftlichen Erkenntnisse - alles kann der Adressat dieser Anweisungen aufs Spiel setzen, um diesen Auftrag zu erfüllen. Die Beschaffung provirulenten genetischen Materials aus der Welthöhle. Um jeden Preis. Steht sogar wörtlich da.

"Sie bereiten einen genetischen Krieg vor!" sagt Cordula. Sie spricht es aus, in demselben Moment, in dem sich in meinem Kopf dieser Gedanke und dieser Begriff zu formen beginnt. "Einen genetischen Krieg gegen die Dritte Welt. Die Ultima Ratio der Waffen gegen die Bevölkerungsexplosion."

Wenn Cordula das so schnell erkennt, dann ist es richtig. Sie hat kein Faible für Schauermärchen. Sie interpretiert das, was sie sieht, so, weil eine andere Interpretation kaum noch möglich ist. Die Dokumente sprechen eine klare Sprache.

"Ich glaube, du hast recht." sage ich. "Und ich glaube, der genetische Krieg ist schon im Gang."

"Und wenn das hier stimmt," fährt Cordula fort, "dann sind wir jetzt in Lebensgefahr. Wir wissen zuviel."

"Ein genetischer Krieg?" fragt Irene beunruhigt, "Was ist das?"

"Ein biologischer Krieg mit genetisch manipulierten Krankheitskeimen."

"Und wer will so etwas machen?"

"Sie wollen nicht nur, sie sind schon dabei. Sieh diese Schreiben hier - unser Unbekannter muß Biologe sein, oder Mediziner - und er arbeitet bereits für diese Dinge."

"Aber wie kann man sich dafür hergeben?"

"Alles eine Frage des Geldes. Fünf Jahre ein schlechtes Gewissen, und dann ein Ruhestand in Wohlstand. Da findest du viele."

Irene schüttelt den Kopf: "Ihr müßt euch irren. Sowas macht die EG nicht. Da gibt es Staaten in der Dritten Welt, die sowas machen. Aber nicht diese EG. Nicht die Länder Europas."

"Ich kann es mir auch kaum vorstellen," sagt Cordula, "aber hier steht es! - Es läßt sich nicht anders auslegen!"

Sie hat recht. So etwas kann man sich doch nicht vorstellen. Nicht in Europa, mit seinen demokratisch legitimierten Regierungen und mit seiner ziemlich demokratisch legitimierten Gesamtadministration.

"Paßt auf," sage ich schnell, "vielleicht haben wir nicht sehr viel Zeit. Diese Dateien können gelöscht werden. Wenn das wahr ist, was wir jetzt befürchten, brauchen wir diese Beweismittel noch. Wir müssen sie sicherstellen. Hat Dauphin nicht vorhin gesagt, wir können uns für den persönlichen Gebrauch diese Speicherchips, diese 36-64-er, aus dem Schrank dort nehmen?"

"Das hat er." sagt Cordula. "Außerdem hast du dir doch eben schon einen eingesteckt, oder? - Aber wir sollten diese Dateien so schnell wie möglich und so früh wie möglich lesen, solange wir hier noch reichlich ungestört sind. Später ist vielleicht zuviel Aktion, und hier laufen dann zuviel Leute rum."

"Unsinn. Man kann immer ein extra Fenster für Spiele aufmachen, warum soll man nicht in einem Fenster ein verbotenes Dokument lesen? Wir müssen das Zeug sicherstellen, das ist wichtig!"

"Ich glaube nicht, daß du dann mitfahren solltest, wenn das alles wahr ist!" sagt Irene zu mir.

"Ach nein? Und mit welcher Begründung?"

"Früher hat Herwig sich immer um die armen Bewohner der Welthöhle Sorgen gemacht, um die Folgen der Kolonisation." sagt Cordula zu Irene, "Jetzt kann er sich um uns Sorgen machen. Und um die Bewohner der Dritten Welt."

"Das müssen wir doch jetzt nicht ausdiskutieren! Cordula, kannst du mit diesen Speicherchips umgehen? - Dieser VICOMP hat automatisch draufgeschrieben, aber den habe ich ja auch als Kamera benutzt."

"Nein. Kann ich nicht. Ich hatte sie ja auch noch nie in der Hand."

"Dann werden wir das jetzt lernen. Irene, komm her, das mußt du auch können!"

Wir müssen einen kurzen Moment herumexperimentieren, aber das Chip-Laufwerk kann den Speicherschip mit seinem viertel Terabyte Speichervermögen nur auf eine einzige Weise annehmen, genau, wie die Aufnahmeschlitze des VICOMPs. Da gibt es einige rechteckige Löcher von 5 mal 15 Millimeter Durchmesser, in die man den Chip reinsteckt. Kaum ist er zu einem Drittel drin, wird er einem aus der Hand gezogen und ist augenblicklich verschwunden.

Dann stellen wir fest, daß der Rechner mit diesem Chip nichts anzufangen weiß.

Unten, aus der Messe, hören wir Schritte. Vielleicht Aldingborg. Oder Dauphin. Wer immer es ist, er kommt aber nicht rauf.

"Wahrscheinlich muß man es erst formatieren. Dateisystem drauf einrichten oder so etwas." vermutet Cordula flüsternd. Sie tippt ein:


        $man format

Und es gibt tatsächlich einen Manualeintrag über die Formatierung dieser Speicherchips.

Das Formatierungsprogramm würde allerdings den gesamten Speicherplatz überprüfen, und das würde Stunden dauern. Aber, so lesen wir, man kann ein Dateisystem mit reduzierter Größe einrichten. Das geht dann schneller. Den Rest kann man später immer noch formatieren. Das Formatierungsprogramm vermerkt auf dem Chip, welche Speicherbereiche noch nicht geprüft wurden.

"In unseren Kabinen wären wir unbeobachtet, und einen Terminalanschluß mit Laufwerk haben wir da auch." sagt Cordula. Ich halte den Mund, weil ich weiß, daß sie genausogut wie ich weiß, daß eine Teamarbeit in den Kabinen nicht möglich ist. Dazu sind sie zu klein.

"Habe ich das richtig verstanden, daß man nachweisen kann, daß ihr diese Dateien heute gelesen habt?" fragt Irene besorgt.

"Ja. Gelesen oder kopiert. Aber ob wir das erfolgreich dechiffriert haben, das kann man nicht erkennen. Unser großer Unbekannter kann das jedenfalls nicht. - Wir wissen ja ohnehin schon, daß er nicht besonders viel von Cryptologie versteht."

Was mir viel mehr Sorgen macht, sage ich nicht: Jetzt richten wir auf diesem Chip ein Dateisystem ein, kopieren diese verschlüsselten Dateien drauf, und dann finden wir nicht raus, wie man den Rechner überzeugt, daß er uns diese Chips zurückgeben soll.

"Macht schnell." drängelt Irene.

"Wieviele Kopien?" fragt Cordula.

"Für jeden eine." schlage ich vor, "Falls einer der 36-64-er verloren geht."

"Gut. Ich habe zwei weitere Shells aufgemacht. Steckt eure Dinger da bei mir rein!"

Pikante Wortwahl, aber jetzt ist nicht die Zeit, darauf hinzuweisen. Cordulas Terminal kann, wie jedes Terminal hier, gleichzeitig auf acht solchen 36-64-er Chips arbeiten.

Aus der Messe kommen schon wieder Geräusche. Ich gehe ein paar Schritt in die Richtung der Niedergänge und lehne mich an einen der Mittelpfeiler. Immer noch kommt niemand hoch.

"Fertig!" sagt Cordula und nimmt die drei Chips aus den Laufwerken heraus.

"Wie hast du das denn gemacht? - Ich meine, daß er die Chips wieder herausrückt?"

"'unmount', natürlich!"

"Ach ja, natürlich. Hätte ich mir denken können!"

"Gehen wir jetzt endlich?" fragt Irene.

"Ja, jetzt gehen wir. Wie schaltet man die Bildschirme aus?"

"Weiß ich noch nicht. Tun sie vielleicht von selber. Ich melde mich ja gerade ab. Mußt du auch noch tun!"

Als wir wenig später wieder den Niedergang zur Treppe herabsteigen, kommt zufällig gerade Aldingborg in die Messe. "Haben Sie alles gefunden, was sie gesucht haben? Tolles System, was! - Ich sage Ihnen, man braucht Wochen, bis man weiß, welche Möglichkeiten man hier hat! Monate!"

"Jaja," sage ich, "aber müd sind wir. Jetzt gehen wir heim!"

Die ganze Zeit, während wir aus der vorderen Hauptluke heraussteigen, über das Boot und die Gangway zu der Treppe am Kai hinüberturnen und dann durch den nachtdunklen Hafen nach Hause gehen, überlege ich, welche Spuren wir auf dem System hinterlassen haben. Auf jeden Fall die Dateizugriffsattribute.

"Ich hätte ein 'touch' auf alles im Verzeichnis '/etc' machen sollen!" sage ich, als Cordula plötzlich stehen bleibt.

"Fällt dir reichlich spät ein! - Ich muß hier rüber!"

"Wo wohnst du denn?"

"Im 'Habour Lights Motel', da hinten!"

"Ah. Im Habour Lights! Das kenne ich! Da bin ich vor 20 Jahren abgestiegen! Da hatten die gerade aufgemacht. Ich glaube, das hat damals 10 Pfund für eine Nacht gekostet!"

"Dafür würdest du heute gerade mal ein paar Worte mit der Rezeption wechseln dürfen!"

"Das denke ich mir! - Also, bis morgen!"

Als Cordula in dem dunklen Zwielicht des Hafens verschwunden ist, fragt Irene: "Was ist 'ein touch machen'?"

"Das 'touch' ist ein Systemprogramm, mit dem man die Dateiattribute so verändern kann, als sei die Datei gerade geschrieben und gelesen worden. Sie wird aber dabei sonst nicht verändert. - Wenn wir das eben gemacht hätten, dann wäre es nicht mehr möglich gewesen, herauszukriegen, daß wir eben diese Dateien kopiert haben, weil nämlich alle Dateien so aussähen, als seien sie gerade eben manipuliert worden."

"Das hätte doch viel zu lange gedauert! Das waren doch Tausende von Dateien!"

"Zehntausende sogar. Oder noch mehr - ich weiß ja nicht, wieviele Dateiverzeichnisse wir gar nicht zu Gesicht bekommen haben. Aber da gibt's in jedem UNIX ein paar Abkürzungen. Das wäre eine Sache von wenigen Sekunden gewesen."

Irene denkt eine Weile nach.

"Da hättet ihr wirklich dran denken können!" sagt sie schließlich.

Auf dem Nachhauseweg durch das verschlafene Ullapool sehe ich mich häufiger als notwendig um. Nicht, daß ich damit rechne, daß uns jemand folgt. Warum sollte uns jemand folgen? Niemand kann einen Grund dazu haben. In diesem treibenden Schneeregen schon gar nicht.

Aber daß wir niemanden sehen, sagt überhaupt nichts - sogar die Leute, die auf das Boot und diesen Abschnitt des Kais aufpassen sollen, halten sich sehr geschickt verborgen.

Irgendwo, über den Bergen im Nordosten, liegt das Geräusch schwerer Motoren. Es ist nur ganz schwach zu hören, schwellt an und ab. Bewegung der Geräuschquelle oder Beugungsphänomen? Sind es LKW? Panzer? Helicopter? Ich weiß nicht. Aber es ärgert mich. Schottlands Berge sollten nicht in Motorenlärm getaucht werden.

Es klingt irgendwie drohend.


        ********        ********

        14.     Erwin


Wenn wir gedacht haben, daß wir in Ullapool etwas Zeit für uns haben, dann haben wir uns getäuscht, wie wir bald erfahren sollten. Am nächsten Tag sitzen wir unten im Frühstücksraum und genießen unser 'beacon and egg' - ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse sind in der britischen Gastronomie noch nicht sehr verbreitet - und überlegen uns, während wir unseren heißen Tee schlürfen und in den Nebel hinaussehen, was wir mit dem Tag anfangen können. Vielleicht braucht uns ja keiner.

Weil sich der Tourismus in Ullapool im Winter in Grenzen hält, sind wir die einzigen im Frühstücksraum, der versuchsweise von einem elektrischen Kamin erwärmt wird. Vielleicht gelingt diesem das, bis wir mit dem Frühstück fertig sind.

Trotzdem reden wir nicht viel. Ich sage einmal "Ich glaube, ich nehme Kabine 31. Was meinst du? Die steht mir doch zu! Die ist an der Backbordseite dem Ausgang am nächsten."

"Ich denke, 32?" fragt Irene.

"31 hat die Koje oben. Du hast doch gesehen: Die ungeraden haben alle die Kojen oben."

"Ach so."

"Ich hätte es schon gestern in die Wege leiten sollen. Am Ende kommt mir noch jemand zuvor."

"Dann nimmst du eben eine andere ungerade!" sagt Irene mit vollem Mund.

Wir schweigen wieder. Es ist ja nicht nur die Kabinenwahl, die mir - oder uns - durch den Kopf geht. Beunruhigender ist die Direktive q78q99q, die wir gelesen haben. Es heißt zwar, daß ein Morgen die Gespenster der Nacht vertreibt - wie oft habe ich mir schon vor dem Einschlafen die Symptome schwerer Krankheiten eingebildet, die dann am anderen Morgen völlig vergessen waren, oder über die ungelösten Probleme unserer Zeit gebrütet - aber die Direktive q78q99q können wir ja jederzeit erneut einsehen. Das war kein Gespenst. Und wir haben ja die Kopien dieser Dateien sichergestellt.

Es ist jetzt nur noch eine Sache der Interpretation. Glauben wir das, was wir da gelesen haben? Computerdateien sind geduldig - da kann alles mögliche drinstehen. Vielleicht schreibt jemand einen tollen SF-Roman, und wir haben Bruchstücke davon gesehen? Ist das nicht plausibel, daß jemand seine literarischen Gehversuche mit cryptographischen Methoden vor neugierigen Blicken zu schützen versucht? Und das einfach gewählte PaßWort, spricht das nicht auch dafür?

Und überhaupt, was für eine aberwitzige Idee? Ein genetischer Krieg gegen die Dritte Welt, um dieser bei der Bewältigung der Überbevölkerung zu 'helfen'! Erstens ist die Einsicht in dieses Problem nicht sehr verbreitet, so daß auch legale und legitime Maßnahmen für die Bevölkerungskontrolle in unserer Entwicklungshilfe keine sehr hohe Priorität haben. Und zweitens ist AIDS bereits dabei, in vielen Ländern das Bevölkerungswachstum umzukehren. Man braucht ja gar nicht mehr einzugreifen - allerdings hängt das wieder mehr davon ab, wer solche Hochrechnungen durchführt und was er dabei herausbekommen möchte. Wie immer.

Ich weiß nicht, was wir davon halten sollen.

"Erinnerst du dich noch," frage ich, aus einer Eingebung heraus, Irene, "als wir vor zehn Jahren in genau diesem Raum gesessen haben, und uns einer der anderen Gäste gefragt hat, wie wir die Wahrscheinlichkeit für die deutsche Wiedervereinigung einschätzen? Und wie ich dann erklärt habe, daß der Unterschied zwischen Westdeutschen und Briten zum Beispiel viel geringer sei als etwa der zwischen Westdeutschen und DDR-Deutschen, und daß deshalb eine Wiedervereinigung absolut unwahrscheinlich sei und wenigstens für viele Jahrzehnte nicht eintreten werde? Erinnerst du dich noch an dieses Gespräch?"

"Nein." sagt Irene, mit vollem Mund. Nun gut. So weiß ich wenigstens, daß ich damals nichts Dummes gesagt habe, und nichts, was Irene völlig anders sieht. Sonst würde sie sich daran erinnern. Mit Sicherheit. - Vielleicht hat sie aber auch keine Lust zum Reden.

Weil das Gespräch am Frühstückstisch nicht so sehr in Gang kommt, starren wir beide zum Fenster hinaus. Der Nebel ist im Moment dünner und könnte es ermöglichen, daß wir einen Blick auf das Linienschiff nach Stornoway auf den äußeren Hebriden erhaschen. Sie heißt jetzt, glaube ich 'FORTRESS OF CALEDONIA'. Das klingt nach schottischem Nationalstolz. Wie hießen noch die Vorgängerinnen dieser Fähre? War es nicht die 'SUILVEN', oder war es die 'CALEDONIAN'? Ich weiß es nicht mehr. Als ich Irene frage, ist sie sich erstaunlich sicher:

"1988 war es jedenfalls die CALEDONIAN MACBRAYNE - SUILVEN - aber 'SUILVEN' stand ganz klein weiter vorne dran."

"Woher weißt du das jetzt noch so genau?"

"Wir haben doch damals Photos gemacht, auf diesem Urlaub!"

"Wann hast du die denn zum letzten Male angesehen?"

"Vor ein paar Tagen! Wir wissen doch schon länger, daß wir hierher fahren!"

"Ach so. Komisch. Ich hatte es auch vor. Aber ich bin nie dazu gekommen. - Dann war das 'SUILVEN' wahrscheinlich der Schiffsname, und das andere die Reederei."

Ich vermute das, weil es, glaube ich, hier irgendwo einen Berg mit diesem Namen gibt. Muß mal auf der Karte nachsehen. Wieder erstickt das Gespräch.

"Die fährt jeden Tag, nicht?" fragt Irene nach einer Weile, als sie so ziemlich mit ihrem Frühstück fertig ist und mit beiden Händen die Kaffeetasse vor den Mund hält, "Wohin eigentlich?"

"Nach Stornoway, auf den Äußeren Hebriden. Und deshalb glaube ich nicht, daß sie jeden Tag fährt. Dieses Eiland ist fest in der Hand der Presbyterianischen Kirche. Die halten den Sonntag militant heilig. Da kriegst du am Sonntag nicht einmal ein B&B."

"Woher weißt du das?"

"Ich war doch da! 1974, mit dem Jörg. Den ganzen Tag sind wir durch den Ort gewetzt. Am Vortag waren noch jede Menge B&B-Schilder draußen. Am Sonntag waren alle weg. Wir haben nichts gekriegt!"

"Und was habt ihr gemacht?" fragt Irene. Hatte ich ihr das wirklich noch nie erzählt?

"Wir sind auf das Schiff gegangen und konnten in der Lounge schlafen."

"So." kommentiert Irene. Sie leert den Rest der Kaffeetasse aus. Ich überlege, ob wir für die Zeit unseres Hierseins einen Abstecher nach Stornoway einplanen sollten.

"Vielleicht ist es heute auch schon anders." sage ich. Keine Reaktion. Irene sieht in den Nebel raus. "Ich muß meiner Schwester eine Karte schicken." stellt sie fest, mehr mit sich selber redend, "Was ist heute anders?"

"Früher haben sie auf den Äußeren Hebriden die Ehefrauen, die beim Frühstück dem Mann nicht zuhören, bei Ebbe und Westwind immer im Uferschlick vergraben, um herauszufinden, ob sie sich bis zum Eintreffen der Flut selbst befreien konnten. Das war so eine Art Gottesurteil. Vielleicht ist das heute anders."

"Ach du!" sagt Irene und strahlt mich an. Genausogut hätte sie jetzt sauer sein können.

Draußen geht ein Mann vorbei - langsam schlendernd, sich die Gegend betrachtend. Hände in den Taschen, Kragen hochgeschlagen. Ein Tourist. Das sieht man richtig an der Haltung. Grauhaarig, aber noch überraschend jung. Irgendwie zu jung. Wenn er nur etwas mehr in Richtung dieses Hauses sehen würde - aber der nebelverhangene Meeresarm ist natürlich interessanter. Als wir ihn im Profil sehen, bleibt mir die Luft weg:

"Irene - das ist doch der - Nein, das kann doch nicht sein!"

"Wer?" fragt Irene verwundert, "Kennst du den?"

Statt einer Antwort springe ich auf, renne aus dem Frühstücksraum heraus, über den Flur und raus in den nieselnden Nebel. Der Mann ist schon einige Meter weitergegangen und wendet mir seinen Rücken zu. Ist er es wirklich? Wenn nicht, wird es gleich ein bißchen peinlich.

"Erwin!" rufe ich, "bist du es?"

Der Mann dreht sich um. Er ist es. Erwin Daum. Auch Mitarbeiter im Ada-Projekt. 1991 schon vom Compiler-Projekt und von der Firma weggegangen, gerade als das Projekt beendigt wurde. Er ist es mit Sicherheit, denn er erkennt mich auch.

Es ist nicht nur das ehemalige Kollegenverhältnis, das mich mit ihm verbindet. Etwa ein Jahr vor seinem Weggang aus der Firma habe ich mit ihm das erste mal das Höllental durchstiegen und so den Zugspitzgipfel erreicht. Diese gelungene Bergwanderung war ja auch letzten Endes der Grund, warum ich Irene immer wieder zu ganz genau derselben Tour zu überreden versuchte, was mir dann am 19. August 1995 endlich geglückt ist - an dem Tag, an dem wir den Zugang zur Welthöhle fanden. Ohne diese Ereigniskette wären wir ja jetzt nicht hier.

"Ja, hallo!" sagt er, überrascht - aber nicht allzusehr überrascht: "Hier also wohnst du!"

"Wieso - wußtest du, daß ich hier irgendwo wohne?"

"Ja!" nickt er.

"Komm rein!" sage ich, "in unserem Frühstücksraum ist nicht so ein Sauwetter wie hier draußen!"

Drinnen reden wir weiter. Rasch erfahre ich, daß er durchaus nicht zufällig hier ist. Hätte mich auch gewundert - Schottland als Urlaubsland, das hätte ich ihm vielleicht noch zugetraut, aber nicht im Winter.

"Cordula hat mich angerufen!" sagt er. Ich habe unsere Landlady überredet, ihm auch einen Orangensaft und einen Kaffee hinzustellen, auf unsere Kosten, selbstverständlich.

"Hat sie?"

"Ja. Sie hat mir alles erzählt."

"Wie kann sie das? Ist doch alles geheim!"

"Ich sollte natürlich auch den Mund halten. Aber ich habe mir dann doch einige Tage Urlaub genommen, weil ich dieses Boot mal sehen wollte. Und ob das alles wahr ist. - Also ist auch dein Buch tatsächlich wahr?"

Natürlich habe ich auch Erwin ein Exemplar der 'Granitbeißerinnen' zugeschickt, als es gerade herauskam. Nur habe ich ihn, im Gegensatz zu Cordula, nicht ins Vertrauen gezogen. Damals. Jetzt hat Cordula ihn offenbar ins Vertrauen gezogen.

"Ja. Es ist alles wahr. - Ich habe dir damals erzählt, daß mir auf jener Wanderung die Idee zu diesem Buch gekommen war, und daß ich dieses Vorhaben erst einige Jahre später verwirklichen konnte. Das war gelogen. Die ganze Geschichte ist wahr. So, wie ich sie aufgeschrieben habe. - Aber trotzdem war Cordula nicht berechtigt - hoffentlich gibt das keine Schwierigkeiten!"

"Sie hat zunächst auch nichts gesagt. Sie hat nur gesagt, daß sie sich beruflich verbessert hat - gehaltlich sogar ganz erheblich. Und da habe ich nachgebohrt. Irgendwann hat sie sich in Widersprüche verwickelt, und dann ist sie mit der ganzen Wahrheit herausgerückt. - Ist sie auch schon hier?"

"Ja, im Habour Lights Motel. Das ist an der Straße nach Inverness. Wo bist du untergekommen?"

"Irgend so ein Guest House mitten im Ort."

"Mit Familie?"

"Nein. Ich wollte mal alleine verreisen."

"Denke ich mir. Bei diesem Wetter den Unternehmungsdurst von drei Kindern zufrieden zu stellen ..."

"Vier."

"Vier? Himmel! Vier Kinder und eine Frau! Wie hältst du das aus?"

"Tja. - Indem ich manchmal alleine vereise!" grinst Erwin.

"Und nie an Scheidung gedacht?"

"Nein. Nie. Schon wegen der Kinder nicht. Aber auch sowieso nicht. - Vielleicht liegt das daran, daß meine Frau mich gelegentlich alleine verreisen läßt!"

Manche Leute sind eben anders als Irene und ich. Uns würden Kinder sehr auf die Nerven gehen. Anderen sind sie primärer Lebensinhalt. Nun ja, es gibt so'ne und so'ne, wie es im Liede heißt.

"Mmh. - Also Erwin, die Sache ist die: Wir wissen nicht, wie lange wir noch hier an Land einquartiert sind. Wir wissen auch nicht, wann es losgeht. Das kann fast jederzeit der Fall sein. Und vorher werden wir wahrscheinlich auch noch irgendwie beschäftigt werden. Es kann sein, daß wir uns nicht sehr häufig treffen können - wenn du an gemeinsame Unternehmungen gedacht hast. Wanderungen oder so."

"Jaja," nickt Erwin, "das ist mir völlig klar. Ich wollte nur einen Blick auf das Boot werfen."

"Das liegt am Hafen. Seit etlichen Tagen schon."

"Ich hab's schon gesehen. Gestern Abend."

"Ja? - Daß wir uns da nicht über den Weg gelaufen sind! - Wir waren gestern abend auch da. Am Hafen, meine ich."

"Nur Cordula habe ich noch nicht getroffen. Am Hafen nicht, und sonst nirgends."

"Weiß sie, daß du hier bist?"

"Nein. Ich bin im Urlaub. Den verbringe ich nur zufällig hier."

"'Zufällig'!"

"Naja."

Einen Moment schweigen wir. Erwin sieht Irene an:

"Und Sie gehen auch mit?"

"Du kannst 'du' zu Irene sagen. - Nein, sie will nicht. Sie bleibt hier. In Ullapool, die meiste Zeit.

"Dann kann ich Ihnen Gesellschaft leisten, wenn Sie noch länger bleiben!" schlägt Irene vor, "niemand weiß, wie lange diese Messungen dauern!"

"Du kannst auch 'du' zu Erwin sagen. Wir haben doch so viele Jahre in demselben Raum zusammen gearbeitet. Weißt du noch, Erwin? In alten Compiler-Zeiten?"

"Natürlich! - Was für Messungen?"

"Ach, diese Projektzielsetzung ist so unscharf." Ich erzähle Erwin, daß zunächst ja im Loch Ness Untersuchungen gemacht werden sollte, einschließlich der Vorbereitung von Baumaßnahmen auf dem Seegrund, um eventuell zu den Wippsteinhöhlen durchzustoßen, und daß sich dann jede Menge technischer und administrativer Hindernisse in den Weg gestellt haben.

"Das Projekt wäre gescheitert, wenn sie nicht, zufällig, gleichzeitig hier, in dieser Gegend, Grotten gefunden hätten. Große Grotten. Jetzt sollen die vermessen werden, weil sie - vielleicht - etwas mit der Welthöhle zu tun haben könnten."

"Das Boot fährt also gar nicht in die Welthöhle?" fragt Erwin verwundert, "ich dachte ..."

"Du dachtest nicht alleine. Denk doch mal nach! In zehneinhalb Kilometer Tiefe ist die Oberfläche der Meere in der Welthöhle. Also Druck Null. Oder vier Bar, wegen der Atmosphäre darüber, aber das können wir vernachlässigen. Wenn, ich wiederhole, wenn es eine Verbindung von diesem Meer an der Erdoberfläche nach da unten gäbe, dann wäre da ein Druck von über tausend Atmosphären. Bar, um korrekt zu sein. Also, es wäre ein ständiger starker Wasserstrom vorhanden. Der hätte sich irgendwie schon lange bemerkbar gemacht, sowohl in den Meeren der Erdoberfläche als auch in der Welthöhle. Soll ich dir ausrechnen, welch immense Menge Wasser pro Sekunde bei diesem Druckunterschied durch eine lichte Weite schießen würde, durch die dieses U-Boot fahren könnte?"

"Aber dann ist doch die ganze Expedition sinnlos!" sagt Erwin.

"Ist sie auch! Aber, erstens gibt es in der Verwaltung der EG vielleicht Leute, die sich über die physikalische Tatsachen nicht so im klaren sind. Und zweitens kann man natürlich etwas über diese Grotten in dieser Gegend in Erfahrung bringen. Naja, das ist ja auch nicht uninteressant. Nur, normalerweise, würde man sich nicht mit solchem Aufwand um diese Grotten kümmern. Wenn nicht die Vorstellung dahinterstände, daß man doch irgendwie in die Welthöhle gelangen könnte. - Oder wenigstens etwas über sie in Erfahrung bringen könnte."

Erwin denkt nach. Dann fragt er, warum man so dringend in die Welthöhle möchte, und ich erläutere ihm die möglichen ökonomischen Folgen. Soviel hat Cordula ihm also noch nicht erzählt, aber nun ist es egal. Jetzt darf er alles wissen. Er würde sowieso von selbst drauf kommen. So intelligent wie gewisse Bonzen in der EG ist er allemal.

Die Zeit vergeht dabei. Draußen geht ein Mädchen vorbei, das ich nicht kenne, aber schon bevor sie ihre Hand auf die Vorgartentür der Peukerts legt, weiß ich, daß sie genau das tun wird. Sie trägt nämlich den offiziellen Bordoverall der CHARMION.

"Wir kriegen Besuch!" sage ich. Mehr nicht, denn da steht sie schon im Raum.

"Doktor Herwig Homberg?" Ihr Tonfall ist herausfordernd.

"Oh," sagt Erwin, "hast du inzwischen einen ..."

"Nein, habe ich nicht!" sage ich, "die meisten vom wissenschaftlichen Personal an Bord haben einen Doktortitel. Ich aber nicht. Einfach 'Herwig Homberg'." Das letzte sage ich zu dem eingetretenen Mädchen, "Und mit wem haben wir die Ehre?"

"Ich bin Esther Petersen. Allgemeiner technischer Betriebsdienst."

"Aha." Ich hätte es auch auf ihrem Namensschild lesen können. Liegt das am Alter, daß man den Mädchen nicht mehr zuerst auf den Busen, sondern in die Augen sieht? An meiner Wohlerzogenheit bestimmt nicht.

"Herr Wellington ist untröstlich. Aber er legt, trotz der frühen Stunde, Wert darauf, einmal die gesamte Belegschaft an Bord begrüßen zu dürfen."

"Jetzt gleich?"

"Vor einer Stunde."

"Uns hat niemand Bescheid gesagt."

"Ist heute Samstag oder Sonntag?"

"Nein, Miss Petersen."

"Madam. Oder ist sonst ein Feiertag?"

"Nein, Madam Petersen."

"'Esther' genügt. Aber Sie sollten dann doch schon kommen. Wenn schon ein gewöhnlicher Arbeitstag ist."

"Ja. - Esther. - Ich bin untröstlich. Auch ich. Daß wir uns so verspäten konnten."

"Sie haben sich verspätet. Ihre Frau braucht nicht unbedingt mitzukommen. - Wer ist dieser Herr?"

Esther Petersen ist vielleicht 23. Sie ist ein Beispiel dafür, daß Selbstbewußtsein nicht proportional zum Lebensalter sein muß. Wozu sonst es proportional sein könnte weiß ich nicht - ich habe sie ja jetzt eben zum ersten Male gesehen, auch wenn ich mich erinnere, ihren Namen bereits früher auf irgendwelchen Listen gesehen zu haben.

"Dieser Herr ist ein Tourist. Er gehört zu den Leuten, die Nebel und nasse Füße lieben."

"Aha. Gehen wir gleich?" fragt sie. Irene steht auf. Sie will wohl mit. Erwin macht sich auch fertig zum Aufbruch. Nur Minuten später sind wir auf dem Weg zum Hafen.

Erwin geht in die Richtung weiter, in die er gegangen ist, als ich ihn entdeckte. Als ich mich später noch einmal umsehe, habe ich den Eindruck, daß jemand an ihn herangetreten ist und mit ihm spricht, aber in den inzwischen einigen hundert Metern Entfernung kann ich nichts genaues erkennen.


        ********        ********

        15.     Betriebsversammlung


Wir bekommen nicht wesentlich mehr vom Boot zu sehen als gestern, weil Esther uns gleich bis in die Kantine bringt. Unterwegs stellt sich heraus, daß ihr Tonfall nicht immer so aggressiv ist, wie es zunächst den Anschein hatte. Sie hilft Irene sogar über die Gangway - das heißt, daß ich irgendwann wieder auf die Nase gebunden bekommen werde, daß ich es nicht getan habe.

Die Kantine ist brechend voll. Übervoll, denn es sind mehr Menschen da, als mitfahren werden. Irene zum Beispiel. Einen Platz zum Sitzen kriegen wir nicht mehr. Also stellen wir uns vor den Toilettentüren auf. Das führt dazu, daß ich gleich eine der Toilettentüren in den Rücken kriege, weil jemand herauskommt.

Alle, die wir in München kennengelernt habe, scheinen jetzt da zu sein. Von dem nautischen Personal kennen wir ja erst Dauphin und Aldingborg und jetzt auch Esther.

Ich stelle mit einem Blick fest, daß es bereits eine Cliquenbildung gegeben hat. Das nautische Personal ist schon länger an Bord, während das wissenschaftliche Personal in den letzten Monaten in München war. Eine deutliche Zweiteilung. Wenn man es nicht wüßte, würde man es bemerken, wenn man diese Versammlung einige Minuten unvoreingenommen beobachtete.

Das nautische Personal sitzt im vorderen Teil der Kantine, also näher an der Küche. Ob da eine Absicht hintersteckt, oder ob sie einfach zuerst da waren, kann ich nicht erkennen. Sie tragen auch zum größten Teil die Bordoveralls, während das wissenschaftliche Personal sich bis jetzt mehrheitlich nicht dazu durchringen konnte, sowenig wie wir selbst.

Einer vom nautischen Personal ist dabei, mit einem VICOMP Aufnahmen von der Besatzung zu machen. Was für die Geschichtsbücher, denke ich, aber bevor ich mir überlegt habe, welchen Gesichtsausdruck ich mir selber für diese Gelegenheit leisten sollte, ist die Kamera, die für acht Sekunden auf mir geruht hat, weitergeschwenkt. Sie wird die gelangweilt dreinblickende Yar genauso dokumentieren wie Stephen Spaliter und Eugen Serpinski, die sich leise über irgendetwas sehr Lustiges unterhalten, den vor sich hinbrütenden Ulrich Salzbach genauso wie Günther Cohausz, der bereits mit einigen vom nautischen Personal Bekanntschaft gemacht hat und 'leise' auf diese einredet - wie üblich.

Ich habe nicht den Eindruck, daß diese Versammlung schon länger hier sitzt, wie Esther behauptet hat, und nur noch auf uns gewartet hat.

Mit dem Rücken an der Küche sitzen die Herren der Schiffsführung, auch alle in den Schiffsoveralls. Ein weißhaariger Mann in den Fünfzigern steht auf. Es ist Wellington, vermute ich. Ich habe ja auch schon Photos von ihm gesehen, aber für Gesichter habe ich eben kaum ein Gedächtnis. Es wird still.

Wellington sieht sich um. Man hat den Eindruck, daß er in wenigen Sekunden jeden ansieht. Seine ersten Worte scheinen das zu bestätigen.

"Ich darf Sie alle im Namen der Europäischen Gemeinschaft und der Projektleitung an Bord der CHARMION begrüßen. Sie alle wissen, warum wir hier sind und was wir vorhaben. Ich verliere darüber deshalb keine weiteren Worte. Gehen wir gleich zur Tagesordnung über."

Er sieht auf einige Papiere vor sich.

"Es ist das erste Mal, daß alle, die mitfahren werden, zusammen sind. Die meisten kennen sich schon. Fangen wir trotzdem an, eine kurze Rundum-Vorstellung zu machen. Als Kapitän darf ich anfangen. Mein Name ist Irvin Wellington. Ich habe das U-Boot Handwerk bei der britischen Marine gelernt. Danach zog es mich zur Physik. Metallphysik und Festkörperphysik. Nach einigen Jahren auf der Hochschule ging ich in die Industrie zurück. Werftindustrie. U-Boote. Es hat mich offenbar nicht losgelassen. In den letzten Jahren, als die EG eine gemeinsame Verteidigungspolitik definierte, hatte ich viele Kontakte mit EG-Behörden. Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt mit dem Bau von U-Booten dieses Types beschäftigt. So muß es wohl gekommen sein, daß man mich eines Tages fragte, ob ich Interesse an der Leitung dieser Expedition habe."

Wellington macht noch einen Moment Pause. Ich kann mir denken, warum: Manchmal ist es bei solchen Vorstellungen üblich, daß man noch etwas über Familie, soweit vorhanden, und Hobbies sagt. Glücklicherweise entscheidet sich Wellington dagegen.

"Es heißt zwar, der Kapitän führt ein Schiff. In unserem Falle jedoch haben wir, gewissermaßen, einen Scout. Damit sind wir bei dem nächsten."

Wellington, der mich zuvor noch nie persönlich gesehen hat, sieht mich jetzt auffordernd an. Es ist kein Zweifel, daß ich dran bin.

"Ja," sage ich und komme mir sehr albern vor, "ich glaube, der Scout bin ich. Ich heiße Herwig Homberg und nicht Josella Playton. Aber das wissen ja schon alle. Und alle wissen, daß eigentlich ich es bin, der uns dieses Unternehmen eingebrockt hat. - Eigentlich - ich habe ja gehört, daß jeder im Projekt mein Buch hat lesen müssen - eigentlich gibt es deshalb kaum noch etwas, was ich über mich sagen könnte, was neu für irgendjemanden wäre. Außer, daß ich - äh - Kabine 31 haben möchte. Wenn das noch geht!"

Ein leichtes Lachen verebbt gleich wieder. Ich sehe kurz Irene an - ich bin ja noch nicht fertig.

"Dies ist die Irene. Sie ist auch 'Scout' in der Welthöhle gewesen - das wissen ja auch alle. Aber sie will nicht mit uns fahren. Sie bleibt in Ullapool. Ich verstehe das. Bitte - es soll niemand versuchen, sie umzustimmen. Die Zeit in der Welthöhle war schwer, und es sollte niemand gegen seinen Willen dorthin müssen."

Ein paar nicken. "Würden Sie mein Exemplar des Buches signieren?" fragt Wellington, vielleicht nur aus Höflichkeit.

"Ja, natürlich. Und alle anderen Exemplare auch, wenn es gewünscht wird. - Ich nehme an, es sind mindestens 32 Stück an Bord."

"Weniger," sagt Wellington, "wie so vieles andere haben wir natürlich den Gesamttext Ihres Buches in unseren Rechnern. Manche haben deshalb darauf verzichtet, ein eigenes Exemplar mitzunehmen, da unser Platz ja beschränkt ist. Und außerdem sind wir keine 32, sondern bloß 28. Ich bin sicher, wir werden etwas für ihre Präferenz bezüglich der Kabine tun können, Herr Homberg."

Er blickt noch einmal in die Runde: "Vielleicht haben einige schon gemerkt, daß sich bereits eine Kabinenverteilung herausgebildet hat: Das nautische und technische Personal interessiert sich mehr für die Steuerbordseite, und das wissenschaftliche Personal für die Backbordseite - das ist die linke Seite. Ich möchte bekanntgeben, daß wir da kein vorgegebenes Schema haben. Wer eine freie Kabine beziehen möchte, kann dieses auf jeder Seite tun. Auch ist es unterwegs immer noch möglich, umzuziehen oder Kabinen zu tauschen. - Ja. Der nächste - machen wir mal mit dem nautischen Personal weiter. Herr Amerlingen. Bitte."

Nun lerne ich endlich das ganze nautische Personal kennen. Wolf von Amerlingen ist der erste, Ralf Fahlenbeek der zweite Offizier. Der Leitende Ingenieur heißt Jeffrey Garner, ihm zur Seite stehen die Schiffsingenieure Eduard Chapman, Joseph Priest und Ronald Makenzie. Bis auf Garner, der Mitte dreißig ist, sind alle in den Zwanzigern, auch die Offiziere.

Dann ist da Ernst Kupferdraht und Sebastian Colbert, die sich als Reaktoringenieure vorstellen. Colbert ist von der Ausbildung her Physiker, Kupferdraht Maschinenbauingenieur und dem Aussehen nach über fünfzig. Die Bootsmänner Aldinborg, Dauphin und Petersen kennen wir schon. Insgesamt sind es sechs: Peer Elderman und Rolf Sydekum, beide knapp über zwanzig, und Vivian Grail, die mit 19 die jüngste an Bord sein wird. Unscheinbar, blaßblond und niedlich zugleich, wie ich feststelle. Aber sehr viel Einzelheiten erfahren wir über keinen. Ob die Mitglieder des nautischen Personals gegenüber den vielen jetzt anwesenden Wissenschaftlern gehemmt sind? Diese Haltung sollte doch jetzt eigentlich nicht mehr üblich sein, denke ich.

Dann kommen die 'wissenschaftlichen' dran, die sich mit Einzelheiten über sich selbst auch zurückhalten. Mit der gesamten Vorstellung sind wir deshalb ziemlich schnell fertig.

"Gut." sagt Wellington und steht wieder auf, "Jetzt kennen wir schon unsere Nasenspitzen. Der nächste Tagesordnungspunkt."

Er macht eine umfassende Geste:

"Meine Damen und Herren. Dieses ist ein U-Boot. Jeder von Ihnen weiß, daß es kein militärisches U-Boot mehr ist. Es wurde ursprünglich als militärisches Fahrzeug entworfen, aber bei der derzeitigen politischen Lage sind gelegentlich andere Anwendungen dringender. Wir werden auf einer rein wissenschaftlichen Expedition fahren. Ich möchte Sie jedoch bitten, daraus nicht den Schluß zu ziehen, daß unser Vorhaben ungefährlich ist.

Wir werden uns dort aufhalten, wo sich aufzuhalten von seiten der Evolution für uns keine Absicht bestand. Wasser ist nicht giftig, es ist kein Sondermüll, wir selbst bestehen zu 60 Prozent aus Wasser. Und doch ist eine Umgebung von hundert Prozent Wasser für uns absolut tödlich.

Ein U-Boot ist eine Art Behälter, der die Umgebung für uns schafft und erhält, die für uns zuträglich ist. Man könnte darüber philosophieren, daß wir unser ganzes Leben in Behältern verbringen. Wohnhäuser wie Raumstationen, Schnellbahnen wie PKW, ja sogar unsere eigene Kleidung, vom Bikini bis zum Raumanzug. All das sind spezielle Behälter. Behälter, deren Versagen manchmal bloß den momentanen Verlust gesellschaftlichen Ansehens zur Folge hat, in anderen Fällen jedoch wesentlich ernster ist. Manchmal tödliche Folgen.

Bei einem U-Boot sind die Folgen des Versagens dieses Behälters immer tödlich.

Um damit so gut wie möglich fertig zu werden, gibt es bewährte Spielregeln, die sich in der Seefahrt, und ganz besonders in der Unterwasserseefahrt, im Laufe der Geschichte entwickelt haben. Diese Spielregeln müssen alle an Bord kennen und befolgen. Erlauben Sie mir, diese kurz zu umreißen, da noch nicht alle hier an Bord eines U-Bootes gefahren sind.

Erster MaßStab des Handelns für jeden einzelnen von uns ist die Sicherheit aller. Das rangiert vor jedem wissenschaftlichen Resultat, vor jeder Beobachtung und vor jeder Messung. Was das Boot und damit alle an Bord in Gefahr bringt, das darf nicht gemacht werden. Auf dieser Expedition sind der Kapitän und seine Offiziere eingesetzt, um genau das sicherzustellen. Wenn es um Belange der Schiffssicherheit geht, gilt an Bord ein militärisch strenges Reglement. Der Kapitän oder seine Stellvertreter haben in solchen Dingen immer das letzte Wort. Und dieses Wort ist Gesetz.

Das betrifft natürlich nicht die generelle Zielsetzung. Die ist uns vorgegeben und wird von den Wissenschaftlern an Bord immer wieder überprüft und neudefiniert, so, wie diesen letzten Endes von unseren Auftraggebern eine generelle Richtlinie erteilt worden ist. Wohin wir fahren, was wir untersuchen, wo wir uns wie lange aufhalten - solange das nicht mit der Schiffssicherheit in Konflikt kommt, solange ist der Kapitän nur ausführendes Organ des Auftrages. Mit anderen Worten: Ich fahre Sie, wohin sie wollen! Ich bin ihr Chauffeur. - Nur Trinkgelder zu nehmen ist mir nicht erlaubt."

Wieder ein kurzes, allgemeines Lachen. Ich sehe aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Die Irene meldet sich. Was will die denn?

"Ja bitte?"

"Und was ist mit der Direktive q78q99q? Wie verhält es sich da mit der Sicherheit?" fragt die Irene.

Mir läuft es heiß und kalt den Rücken hinunter. Ist sie denn wahnsinnig geworden?

"Was ist das?" fragt Wellington ungerührt und mit nur gemessener Neugier. Irene sieht mich an und muß den Schrecken in meinen Augen lesen.

"Ach nichts, ich - äh - dachte, ich hätte da etwas gefunden, was sich auf die Mission bezog, auf die Mission als Ganzes. Ist wohl doch nicht so wichtig. Glaube ich. Ich seh noch mal nach."

"Tun Sie das," sagt Wellington höflich, "natürlich, das muß ich wohl hier sagen, stehen alle Unterlagen jedem Teilnehmer der Expedition offen. Nur nach außen haben wir, aus verständlichen Gründen, Geheimhaltung wahren müssen. Intern haben wir untereinander keine Geheimnisse."

Er fährt ungerührt fort. Was jetzt kommt, sind Details des Bordbetriebes, soweit sie jeden betreffen. Wacheinteilungen, Prozedere der Müllentsorgung, Reinigung gemeinsamer Einrichtungen und der eigenen Kabine und so weiter. Ich kann mich kaum konzentrieren: Die Irene hat vor aller Augen und Ohren zu erkennen gegeben, daß sie um die Direktive q78q99q weiß! - Ich muß ihr so schnell wie möglich ins Gewissen reden, sowie sich die Gelegenheit dazu ergibt.

Außerdem sehe ich in die Runde: Wer hat Irenes Bemerkung mit mehr Aufmerksamkeit als die anderen zur Kenntnis genommen? Ich kann nichts Signifikantes erkennen - alle scheinen den weiteren Ausführungen Wellingtons zu lauschen und Irenes Einwurf vergessen zu haben.

Ich selbst höre erst wieder genauer hin, als Wellingten anfängt, einige technische Eigenschaften des Schiffes zu erläutern. Druckfestigkeit zum Beispiel, obwohl wir das alle wissen sollten, und die Nautischen erst recht. Dann geht er noch etwas auf die Ausstattung des Schiffes mit MeßInstrumenten und Computern ein. Dann jedoch kommt das Thema Reaktor.

"Während fast alle von Ihnen wissen, daß unsere EDV-Ausrüstung auf einem technischen Stand ist, der weit über das hinausgeht, was heute auf dem Markt allgemein erhältlich ist, ist es noch nicht allgemein bekannt, welches Herz unser Schiff mit Leben erfüllt. Das gilt ganz besonders für unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter, die erst in den letzten Tagen in Ullapool angekommen sind. Man hielt es aus bestimmten Gründen nicht für sinnvoll, Ihnen schon in München bestimmte technische Details mitzuteilen, und ich muß Ihnen auch sagen, daß Sie gehalten sind, nichts von dem, was ich Ihnen jetzt gleich erzählen werde, nach außen dringen zu lassen."

Er macht es spannend, denke ich. Ein Sinn für Rhetorik und Dramatik.

"Sie alle wissen, oder glauben, zu wissen, daß es sich um einen Kernreaktor handelt. In dieser allgemeinen Form ist die Aussage auch richtig. Aber es ist keine Kernspaltung, die in diesem Moment alles hier an Bord mit Energie versorgt."

Er macht eine verhaltene Pause. Dann läßt er die Bombe platzen:

"Wir haben einen Fusionsreaktor an Bord."

Es gibt einige im Raum, die jetzt ungläubig gucken, darunter auch ich. Wenn man jetzt ein Photo von der Versammlung schießen würde - der mit dem VICOMP macht zwar Aufnahmen, aber im Moment macht er eine formatfüllende GroßAufnahme nach der anderen, und im Moment hat er die Kamera auf die Yar gerichtet, der man wahrscheinlich sogar erzählen könnte, daß das Schiff schwanger ist, ohne daß auf ihrem Gesicht sich so etwas wie Erstaunen zeigte - wenn man jetzt ein Photo von der gesamten Versammlung schießen würde, dann brauchte man sich nur die mit den dümmsten Gesichtern herauszusuchen, und man wüßte, wer Physiker ist.

Jeder Physiker weiß, daß die Energiegewinnung in Fusionsreaktoren erstens noch weit von jeder Wirtschaftlichkeit entfernt ist, und zweitens sind die experimentellen Fusionsreaktoren große technische Anlagen, die man nicht an Bord dieses Bootes unterbringen kann.

"Sie glauben mir nicht. Ich sehe es Ihnen an. Einigen von Ihnen." fährt Wellington fort, "Aber es ist so. Es handelt sich um einen FP-Reaktor."

Ich überlege, was 'FP' heißen könnte: Irgend etwas mit 'Fusion': Fusions-Partikel ... Fusions-Proto-Irgendwas ... Fusions-Power ... Ich weiß es nicht.

"Um einen Fleischmann-Pons-Reaktor." fährt Wellington fort.

"Nein!" sage ich unwillkürlich. Jeder hat es gehört, aber keiner nimmt daran Anstoß. Die Nautischen, die schon etwas länger Bescheid wissen, schielen amüsiert zu den Wissenschaftlichen rüber.

Natürlich fällt mir bei dem Stichwort 'Fleischmann-Pons' etwas ein. Eine der größten, physikalischen Zeitungsenten, die je auf die Fachwelt losgelassen wurden. Ich erinnere mich noch, wie ich vor dem Fernseher saß, vor vielleicht zehn Jahren, und der Nachrichtensprecher ungerührt verkündete, daß jemandem die Kernfusion mit einem kleinen, experimentellen Aufbau gelungen sei. Genauso gut hätte er sagen können, daß eine Methode gefunden worden wäre, Geld auf Bäumen wachsen zu lassen. In den Tagen darauf versuchte ich, alles an Informationen über diesen angeblichen Durchbruch zu bekommen - so wie vermutlich die meisten Physiker auf der Welt. Es war unglaublich: Jemand steckt Palladium-Elektroden in schweres Wasser, schickt einen Strom hindurch und mißt Exzesswärme und Neutronen, die durch Fusion erzeugt sein müssen. Konnte das sein?

Ja, es war so um 1989, im März, glaube ich, als der sogenannte Fleischmann-Pons-Effekt gefunden wurde. Den beiden Entdeckern, Fleischmann und Pons, ist es jedoch nicht gelungen, ihre Versuchsbedingungen so präzise anzugeben, daß andere Autoren und später sie selbst die kalte Fusion von Deuteronen im Kristallgitter des Palladiums nachweisen geschweige denn die hohen behaupteten Leistungsdichten nachvollziehen konnten. Was man nachweisen konnte waren einige - für Physiker und Chemiker unverzeihliche - Schlampereien im experimentellen Aufbau und in der MeßMethodik. In demselben Jahr, in dem die Schlagzeilen von der Kalten Fusion um die Welt rasten, ernüchterte sich die physikalische Fachwelt wieder gründlich. Die einhellige Meinung war: Den Effekt gibt es nicht. Alles Plunder. Zu frühe Veröffentlichung. Unwissenschaftlich. So schafften es Fleischmann und Pons, einerseits bekannt zu werden und andererseits ihren wissenschaftlichen Ruf so gründlich zu ruinieren, daß man ihnen sogar eine Veröffentlichung einer Tabelle mit dem kleinen Einmaleins nicht mehr geglaubt hätte. Später hat man nie wieder etwas von ihnen gehört, geschweige denn, daß sie den Effekt, den sie zu sehen geglaubt hatten, ansatzweise ein zweites Mal reproduzierten. Und auch sonst hat es nie jemand getan. Dachte ich.

Und nun steht dieser Wellington da und behauptet, daß dieses Schiff durch einen Reaktor, der auf diesem Effekt beruht, angetrieben wird.

Wellington spricht noch weiter, erläutert nur in groben Zügen, warum es diesen Effekt doch gibt, und verweist auf Einzelheiten in der Bordliteratur. Für die Situation wesentlich ist, daß für Energie in hinreichender Menge für beliebige Zeit gesorgt ist, und daß dieser Reaktor keine Strahlung abgibt.

Dann geht er zum nächsten Tagesordnungspunkt über.

"Ich weiß, daß die meisten von Ihnen wissen möchten, wann es nun endlich losgeht. Das kann ich verstehen. Ich möchte es auch wissen. Aber Sie werden verstehen, daß wir mit den bestmöglichen Vorbereitungen losfahren sollten. Das Boot ist zwar schon voll ausgerüstet, verproviantiert und in bestem technischen Zustand, aber wir warten noch auf die Ergebnisse einiger Prospektorenteams, die in den umliegenden Bergen tätig sind. Die Ergebnisse seismischer Messungen an Land, die wir vom Boot aus natürlich nicht unternehmen können, sollten verfügbar sein, sowie wir selbst mit unseren MeßFahrten beginnen. - Wir sind ja nicht direkt in Eile.

"Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, werden wir einem solchen Team bei seiner Arbeit zuschauen - in Form eines Wandertages. Übermorgen."

"Bei dem Wetter?" Das war die Gabi Gohlmann. Ich kann mir vorstellen, daß für klein und zierlich gebaute Menschen, die leicht frieren, dieser schottische Winter wenig Reize hat. Vor siebzehn Jahren hatte ich auch mal eine solche Kollegin, die schon beim Anblick eines offenen Fensters im Sommer Frostschäden bekam.

"Morgen ist eine Kaltfront fällig, die den Regen durch Schnee ablösen wird - das Wetter wird noch etwas feuchter als es jetzt schon ist. Und für übermorgen ist Zwischenhocheinfluß vorausgesagt. Klarer Himmel und Frost. Pulverschnee in der Nacht davor. Ideales Wanderwetter. Wir alle können sicher die Bewegung gebrauchen."

Der Gohlmann ist es anzusehen, daß ihre Vorstellungen von idealem Wanderwetter anders sind, aber sie sagt nichts mehr.

"Den Rest von heute" fährt Wellington fort, "verbringen wir damit, für die Neuangekommenen eine Führung durch alle Sektionen des Bootes zu veranstalten. Das tun wir am Nachmittag. Außerdem werden alle Kabinen verteilt, damit Sie anfangen können, ihre Sachen hier unterzubringen. Das kann sofort losgehen. Und morgen, wo sowieso ein so ungemütliches Wetter sein wird, werden wir unseren ersten Ausflug unternehmen, um das Boot in Betrieb kennenzulernen. Eine kleine Probefahrt. Dabei dürfen auch Projektmitarbeiter mitfahren, die nicht im eigentlichen Einsatzteam sind." Bei den letzten Worten schaut er Irene an.

"Noch etwas. Da dieses kein militärisches Schiff ist, und da alle Mitarbeiter ja überdurchschnittlich qualifiziert sind, können wir auf den üblichen Kommandotonfall an Bord verzichten - ganz abgesehen davon, daß dieser unter den Spezialisten auf militärischen Einrichtungen ja auch nicht üblich ist. Reden Sie sich untereinander oder mich so an, wie sie wollen und wie Sie es für richtig halten. Auch was diesen kleidsamen Overall betrifft - den können Sie tragen oder auch nicht. Es liegt an Ihnen, ob Sie ihre Privatklamotten abnutzen wollen. Machen Sie es so, wie Sie sich am wohlsten fühlen. - So. Das wär's eigentlich. Hat noch jemand Fragen?"

Das ist nicht der Fall.

"Jeder kann sich fast jederzeit mit allen dienstlichen und privaten Problemen an mich wenden. Ich weiß, daß das eine übliche Floskel ist, aber ich meine es so und es verhält sich so. - Wenden Sie sich wegen der Kabinen an Herrn Chapman oder Herrn Fahlenbeek. Die machen alles, was nach Papierkram riechen könnte. Also allgemeine Verwaltung. Alles, was dem Schiffskommandanten zu lästig ist. - Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen!"

Die beiden letztgenannten finden sich sofort von den meisten, die noch keine Kabine bekommen haben, umringt. Da spielt wahrscheinlich die Befürchtung eine Rolle, daß alle anderen ähnliche Präferenzen haben könnten wie man selbst. Dabei sind die Präferenzen durchaus unterschiedlich - ich erinnere mich an einen der wenigen innerdeutschen Flüge von München nach Hannover, die ich gemacht habe, etwa um 1984. Da gab es keine Platzreservierungen, und ich war spät dran und bestieg die Maschine so ziemlich unter den letzten Passagieren. Auf einen Fensterplatz wagte ich unter diesen Umständen nicht mehr zu hoffen. Es waren noch wenige Plätze frei - und es waren nur Fensterplätze!

So auch hier. Die Präferenzen für Koje hoch - Koje niedrig sind etwa gleich verteilt. Und wer Wand an Wand mit wem wohnen wird, spielt auch eine zweitrangige Rolle - die Wände sind ja absolut schalldicht, wenn man sich nicht entscheidet, die ZwischenÖffnungen aufzumontieren.

Ich bekomme meine Kabine 31. Cordula wird 29 haben, Yar und Gohlmann wohnen übereinander, Yar oben in 27 und Gohlmann unten in 28. Soweit ich weiß, wohnen auch die beiden Damen vom nautischen Personal, Vivian Grail und Esther Petersen, übereinander in 7 und 8 auf der anderen Seite, Grail oben, Esther unten.

Die Kabine 32 mit der Koje unter mir bezieht Dr. Morton, weil sie eventuell schnell zum Krankenrevier muß, das sich hinter der Zentrale befindet. Spaliter und Serpinski beziehen 19 und 20, Dr. Salzbach und Dr. Cohausz 21 und 22, Dr. Amurdarjew und Seltsam in 25 und 26, gleich neben den beiden Mädchen in 27 und 28, Wondrachek zieht unter Cordula in 30 ein, und zum Schluß entscheidet sich Dr. Reinhardt für 23. Auf unserer Seite bleiben 17, 18 und 24 frei.

Auf der anderen Seite müßten demnach alle Kabinen bis auf eine belegt sein, aber da weiß ich noch nicht, wer wo untergekommen ist, außer daß Wellington Kabine 1 hat. Ich frage Fahlenbeek, und er zeigt mir die Kabinenliste:


     1 IW   Dr. Wellington    32 MM   Dr. Morton
     2 WA   von Amerlingen    31 HH   Herwig
     3 RF   Fahlenbeek        30 MW   Wondrachek
     4 JG   Garner            29 CR   Cordula
     5 EC   Chapman           28 GG   Gohlmann
     6                        27 NY   Yar
     7 VG   Grail             26 AS   Seltsam
     8 EP   Petersen          25 GA   Dr. Amurdarjew
     9 MD   Dauphin           24
    10 DA   Aldingborg        23 TR   Dr. Reinhardt
    11 EK   Kupferdraht       22 GC   Dr. Cohausz
    12 SC   Colbert           21 US   Dr. Salzbach
    13 JP   Priest            20 ES   Serpinski
    14 RM   Makenzie          19 SS   Spaliter
    15 PE   Elderman          18
    16 RS   Sydekum           17

"Ist noch nicht endgültig, vielleicht will noch jemand tauschen!" sagt er.

"Was sind das für Buchstabenkombinationen?"

"Ihre Namenskürzel!"

"Ach ja, natürlich."

Nachdem sich der Trubel mit der Kabinenverteilung gelegt hat und die ersten wieder zur Schleuse streben, um damit anzufangen, ihre Sachen aus den Unterkünften an Land hierherzuholen, taucht Esther Petersen auf. Nacheinander sagt sie Cordula und mir Bescheid, daß wir in die Zentrale kommen möchten. Wellington möchte noch ein paar Worte mit uns wechseln. Wir folgen ihr - endlich bekomme ich auch einmal die Zentrale zu sehen!

Es ist mir kaum möglich, die Zentrale mit einem Blick zu erfassen, als wir sie hinter Esther betreten. Denn das, was in der Mitte der Zentrale steht und da eigentlich überhaupt nicht hingehört, hat sofort unsere ganze Aufmerksamkeit.

Es ist Erwin Daum. Und er sieht gar nicht glücklich aus.

Wellington, von Amerlingen und Fahlenbeek sind da, außerdem sitzt Ronald Mackenzie vor einer Computerkonsole. Wellington sieht Cordula an:

"Wie, Frau Rau, würden Sie sich die Anwesenheit dieses Herrn erklären?"

Es ist interessant, Cordula von der Seite zu beobachten. Es fällt mir jetzt ein, daß ich eigentlich noch nie erlebt habe, daß sie etwas Grundsätzliches falsch gemacht hat und dann ertappt worden ist. Das, was sie jetzt aufsetzt, muß ihre Version von 'Pokergesicht' sein.

"Sie werden diesen Herrn an Bord geholt haben."

"Kennen Sie ihn?" Wellingtons Tonfall ist sachlich und untersuchend. Kein Vorwurf, keine Anklage.

"Natürlich. Wir waren langjährige Kollegen. - Wir haben uns auch schon in Ullapool getroffen. Er macht hier Urlaub."

"Zufällig."

"Nein," sagt Cordula, "nicht zufällig. Ich habe ihm von diesem Projekt erzählt."

"Und ihn herbeordert?"

"Nein, das war seine eigene Idee."

"Das stimmt." wirft Erwin ein.

Tapfere Cordula. Versucht gar nicht erst, zu leugnen.

"Sie kennen natürlich unsere Geheimhaltungsbestimmungen, denen Sie mit Unterzeichnung des Vertrages zugestimmt haben."

"Ja."

"Gut." Mehr sagt Wellington nicht dazu. Warum soll er sich über das Unvermeidliche aufregen? Außerdem wird er längst einige Fakten überprüft haben oder durch die Behörden der EG überprüft haben lassen. Vielleicht kennt er schon Erwins Lebenslauf von seiner Geburt an.

"Es gibt jetzt verschiedene Möglichkeiten. Herr Daum sichert uns Stillschweigen für die Dauer des Projektes zu. Und damit hat es sich."

Erwin nickt.

"Andererseits - jeder im Projekt ist vertraglich zum Stillschweigen verpflichtet - im Prinzip drohen empfindliche Konventionalstrafen, wenn man dagegen verstößt."

Er sagt dies nicht speziell zu Cordula, aber sie weiß schon, wie es gemeint ist. Sie kommt diesmal noch davon. Wahrscheinlich.

"Herr Daum ist aber nicht unter Vertrag. Er ist kaum daran zu hindern, etwas weiterzuerzählen - jedenfalls nicht mit legalen Möglichkeiten."

Er macht eine längere Pause und geht ein paar Schritt auf uns ab.

"Frau Rau, wie beurteilen Sie eigentlich Ihre Aufgabe - die Wartung aller Software an Bord?"

"Ich habe bis jetzt nur einen sehr flüchtigen Blick auf die Systeme werfen können. Die ganze Prozeß-Steuerung der CHARMION selbst habe ich überhaupt noch nicht gesehen."

"Ordentlicher Brocken, was?"

"Ich glaube, ja."

"Mit Herrn Daum können Sie zusammenarbeiten?"

"Das habe ich jahrelang getan."

"Was meinen Sie dazu, Herr Homberg?"

"Ich meine," sage ich, "ich habe selten jemanden gesehen, der so verbissen ein Problem verfolgen kann, bis es endgültig zur Strecke gebracht worden ist. - Schade, daß viele Probleme seiner Aufmerksamkeit einfach nicht wert waren."

"Mmh." Wellington denkt nach. "Die Projektleitung hat nach unseren ersten Erfahrungsberichten Bedenken geäußert, daß wir die umfangreiche Software an Bord wirklich in den Griff kriegen. Man überlegt, uns für das Unternehmen eine weitere Fachkraft zur Verfügung zu stellen. - Das ist natürlich ein bißchen spät. Die ganze Einarbeitung müßte nachgeholt werden, und es haben ja auch nur die Xonchen gelernt, die für den aktiven Teil des Projektes von Anfang an vorgesehen waren."

"Die 'Bibel' wird er aber gelesen haben, nicht wahr?" wirft von Amerlingen ein.

"Die Bibel?" fragt Erwin verwundert.

"Das Buch. Die 'Granitbeißerinnen'!" sage ich, "Das heißt hier so."

"Ach so. Natürlich." Allmählich begreift Erwin: "Meinen Sie, daß ich - hier?"

"Es wäre doch zumindestens eine Überlegung wert, nicht wahr?"

"Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht."

"Sie haben Familie, nicht wahr? Und Probleme mit dem Gehör?" Wellington weiß wirklich schon eine ganze Menge.

"Dafür ist er praktisch kein Brillenträger!" sag Cordula, "Wenn ich hier als halbblinde mit vier Minus-Dioptrien mitmachen kann ..."

"Das ist es weniger. Gehörprobleme können große Probleme machen, wenn man sich schnell an andere Druckverhältnisse anpassen muß. Gerade an Bord eines U-Bootes ist man häufiger kurzfristigen Druckschwankungen ausgesetzt. Wir haben kein genaues medizinisches Dossier über Sie. Eigentlich steht eine eingehende Eignungsuntersuchung noch aus. - Andererseits - so richtig gesund ist niemand an Bord. Wenn man hochqualifizierte Leute haben will, muß man anderes eben in Kauf nehmen. Das ist nicht mehr so wie seinerzeit in den Sechziger Jahren, als die amerikanische NASA für ihr Raumfahrtprogramm ganz gewöhnliche Supermänner suchte. - Was würde denn Ihre Familie sagen, wenn Sie sich für dieses Projekt verpflichteten?"

Erwin will sich darauf noch nicht festlegen. Es kam alles etwas überraschend für ihn - der Fremde, der ihn angesprochen hat, wenige Minuten, nachdem er unseren Bed & Breakfast verlassen hatte, dessen bohrende Fragen, ein Dienstausweis, der weitgehende Vollmachten rechtzufertigen schien, dann weitere Fragen. Eigentlich hatte er gedacht, diesem Projekt, von dem er nur durch Cordulas Indiskretion etwas wußte, als entfernter Zaungast zu folgen. Er war nach Ullapool gekommen, um das Boot zu sehen, zu wissen, daß diese phantastischen Dinge, die Cordula behauptet hatte, Wirklichkeit waren, dazu ein paar Tage Ruhe. Jetzt stand er in der Zentrale genau dieses U-Bootes, und ihm war eine Teilnahme vorgeschlagen worden.

Die Entscheidung mußte ja nicht gleich fallen. Er sollte auch die Probefahrt am morgigen Tage mitmachen, die Wanderung am Tage drauf, und dann war immer noch Zeit, sich zu entscheiden und die nötigen Formalitäten in die Wege zu leiten.

"Herr Homberg, am besten, Sie zeigen Herrn Daum die Kabinen, die noch frei sind. Damit er schon ganz genau weiß, was ihn erwartet. - Ja, und - wir sollten schon die Spielregeln befolgen: Rechner und Reaktorraum sind für Außenstehende natürlich tabu!"


        ********        ********

        16.     Besichtigungstour: Maschinen für die Ewigkeit


Es kam nicht ganz so, wie Wellington sich das vorgestellt hatte. Er wurde nach Brüssel beordert. Das hing wahrscheinlich auch mit Erwin zusammen, aber genaues erfuhren wir nicht. Erwin brauchte jedenfalls nicht mit nach Brüssel zu kommen.

Die Probefahrt am nächsten Tag, dem 7. Januar, würde deshalb natürlich ausfallen.

Erwin entschied sich für die Kabine 24. Er fand es bequemer, die Koje unten zu haben, und damit hätte er die Auswahl unter drei Kabinen gehabt. Kabine 18 war aber direkt vor der Kantine, und der Gang vor dieser war dort schon sehr schmal, und Kabine 6 war auf der anderen Seite, bei den Nautischen.

Der erste Offizier, von Amerlingen, kam auf die Idee, Erwin eine Erklärung unterschreiben zu lassen, in der er sich zum Stillschweigen über alles an Bord gesehene verpflichtete. Auf diese Weise mußte ihm nicht auf Schritt und Tritt jemand folgen, um aufzupassen, was er sehen durfte und was nicht.

Dann gab es weitere, ad-hoc anberaumte Führungen, weil von Amerlingen auffiel, daß, mit Ausnahme von Erwin, die meisten vom Wissenschaftlichen Personal zwar die Pläne der CHARMION weitgehend kannten, aber noch nicht alles mit eigenen Augen gesehen hatten. Außerdem hatte Welington ja selbst so etwas angekündigt.

"Wenn er selber sein Boot vorführen möchte, dann hat er eben Pech gehabt." erklärte von Amerlingen. Als wir losstiefelten, bemerkte er noch, daß man das 'von' in seinem Namen weglassen sollte, wenn man ihn anredete: "Ich habe es mir nicht ausgesucht - ich bin damit geboren worden!" sagte er. Sofort rutscht er in meinem Ansehen ein bißchen höher.

Die Zentrale befand sich im Mitteldeck gleich hinter den Niedergängen unter der Einstiegsschleuse. Sie füllte die gesamte Breite des Bootes aus und war acht Meter lang, wurde also durch eine der Spantenscheiben in eine vordere und eine hintere Hälfte geteilt.

Sie sah überhaupt nicht wie eine U-Boot-Zentrale aus, sondern, auf dem ersten Blick, etwa genauso wie unser Computer- und Auswerteraum im Oberdeck des vorderen Teils des Schiffes. Das heißt, jede Menge Computerkonsolen. Die üblichen hochauflösenden Bildschirme, Tastaturen, Trackballs. Die bequemen, verstellbaren Sitze waren wie in unserem Auswerteraum in Führungsschienen im Boden befestigt, hatten aber zusätzlich Gurte zum Anschnallen. Das macht Sinn, dachte ich - in der Zentrale muß ja noch gearbeitet werden, wenn es um die Existenz des Bootes geht - und dann ganz besonders. Da hat man eventuell keine Hand frei, um sich irgendwo festzuhalten. Als ich Amerlingen darauf ansprach, klärte er mich darüber auf, daß ich die Sitze in unserem Arbeitsraum hätte genauer ansehen müssen - sie haben sehr wohl Anschnallgurte. Nur da es sehr unwahrscheinlich ist, daß man dort tätig ist, wenn das Boot sich in turbulenten Situationen befindet, seien die Gurte hinter den Sitzen verschnallt, so daß sie im Normalfall weder auffallen noch stören.

Was ebenfalls fehlte, war die Säule des Sehrohrs - die CHARMION hatte ja kein Periskop. Druckfeste Außenkameras waren zuverlässiger und benötigten nur Durchführungen für Energie- und Signalleitungen. An sich war diese Designentscheidung leicht verständlich, wenn man sich klarmacht, daß in zehn Kilometer Tiefe auf ein ausfahrbares Rohr von bloß 10 Zentimeter Durchmesser eine Kraft von fast 80 Tonnen wirkt und versucht, dieses Rohr wieder in das Schiff zurück zu rammen. Eine schwere Mechanik müßte die Bedienung eines solchen Periskops unterstützen, und da wäre eine zusätzliche Schwachstelle im Druckkörper, zusätzliche Hochdruckdichtungsringe, die auch noch gleitfähig sein mußten, und so weiter. Alles technische und praktisch unlösbare Probleme.

Ein weiterer Unterschied zu unserem Arbeitsraum war, daß die meisten Bildschirme ständig in Betrieb waren. Alles, was technisch an Bord vor sich ging, wurde dort in Graphiken und Zahlenangaben dargestellt, zu jeder Zeit. Es gab auch Anzeigen und MeßGeräte, die nicht von Rechnern verwaltet wurden - für den äußersten Notfall, wie uns erklärt wurde. Ein Notfall, der alle Rechner lahmlegte, würde aber praktisch das Ende des Bootes bedeuten.

In der Mitte der Zentrale gab es einen zwei mal drei Meter großen Tisch, der in der Spantenscheibe verankert und in Längsrichtung des Bootes positioniert war. Ich hatte einmal etwas von einem 'Koppeltisch' gehört, der an Bord von Schiffen verwendet wird, um dort die Karten auszubreiten und dem Navigationshandwerk nachzugehen. Ich lag gar nicht so falsch - dieser Tisch konnte als Tisch verwendet werden, und er hatte eine Oberfläche, die stabil genug war, um darauf zu tanzen, wenn das bei der niedrigen Raumhöhe an Bord möglich gewesen wäre. Aber der Tisch war ein Bildschirm - noch höher auflösend als alle anderen an Bord. Natürlich wurden auf der CHARMION auch die gesamten Karten in den Computern gehalten - alle Karten, die jemals von den Vermessungsbehörden der ganzen Welt herausgegeben worden waren, sagte Amerlingen.

"Sie können auf das Kartenmaterial natürlich über jeden Bildschirm zugreifen, aber dieser Tisch hat wesentlich mehr Bildpunkte. Hier, die Tastaturen an den Stirnseiten funktionieren so wie bei allen anderen Terminals an Bord. Das gleiche gilt für jenen Bildschirm dort."

Mit gewissem Stolz in der Stimme wies er auf den raumhohen Bildschirm in Fahrtrichtung, der mit drei Metern Breite und zwei Metern Höhe dieselbe Fläche wie der Tisch hatte und sich etwa einen Meter vor der vorderen Stirnwand der Zentrale befand. Der schmale Raum zwischen Bildschirm und Wand beherbergte noch allerlei Geräte, Schränke, eine Spüle, Kaffeemaschine, einen kleinen Eisschrank, diverse Lebensmittel und Getränke. Eine sehr enge Miniaturküche. Das machte Sinn - wenn wenige oder nur einer Wache hatte, dann sollte derjenige nicht gezwungen sein, einen leeren Magen zu erdulden oder sich in die weit entfernte Kantine zu begeben, oder gar bis zu den Vorratsräumen im Unterdeck.

"Diese beiden Bildschirme haben etwa dieselbe Pixelgröße wie die üblichen Terminals hier an Bord," fügte Amerlingen hinzu, "daraus können Sie ausrechnen, daß es sich um 131072 mal 196608 Pixel handelt. - Sie kriegen sicher raus, wie diese Zahlen zustande kommen!"

Zur Demonstration ließ er auf beiden Bildschirmen Karten der näheren Umgebung auftauchen. Beeindruckend. Der Detailreichtum war besser als der eines Meßtischblattes. Man konnte diese Karten näherzoomen oder wieder verkleinern - stufenlos. Dabei war leicht festzustellen, daß diese Karten nicht etwa pixelweise gespeichert waren, sondern daß man offenbar eine eigene Symbolsprache für Landkarten geschaffen hatte, eine Art maßstabsabhängiges Postscript, und daß man eine immense Menge von Kartenmaterial in diese Sprache überführt hatte. Wenn man auf einen Kartenausschnitt zufuhr, dann tauchten immer mehr Details auf - neue Höhenlinien, genauere Umrisse der Ortschaften, neue Namen, schon vorhandene Namen wechselten kontinuierlich ihre Schriftgröße. Amerlingen zeigte uns noch weitere Kunststücke: Jeder hat es sicher schon einmal erlebt, daß ein großer Buchstabe auf einer Landkarte ein Detail verdeckt. Hier konnte man Ortsnamen verschieben, selbst weitere Dinge in die Karte einfügen, Schriften und Symbole transparent machen, wenn es der Übersichtlichkeit dienlich war, und all diese Differenzinformation mit der Karte zusammen abspeichern. Fortan hatte man dann mehr als eine Version der Karte.

"Es hat noch sehr viel mehr Möglichkeiten, als ich es Ihnen jetzt zeigen kann. Sie können in ihren Kabinen und auf jedem anderen Terminal beliebig mit dem System herumspielen! Nur hier werden wir unterwegs etwas anderes zu tun haben. - Mit dem Kartographie-System kennt sich Herr Makenzie am besten aus. Ihn können Sie über Einzelheiten befragen."

Gedankenlos sagte ich: "Bei Gebirgen wäre eine perspektivische Darstellung interessant!"

"Habe ich gesagt, daß das nicht geht?" fragte Amerlingen, "Da! Jeder Beobachtungsort, jeder Blickwinkel. Ja, und für die, die schon mal einen Flugsimulator auf einem PC kennengelernt haben - sowas haben wir natürlich auch. Über diesen Karten können Sie fliegen üben!"

Ich nahm mir vor, mich damit noch näher zu befassen. Amerlingen hatte uns aber noch mehr zu zeigen.

Das Boot konnte praktisch mit einem Finger gesteuert werden, wenn nötig, von jedem Arbeitsplatz aus, nicht nur in diesem Raum, sondern auch von jedem anderen Terminal. Neben den technischen Darstellungen des Reaktors, der Schiffsmaschinen und der Lage des Bootes und seiner unmittelbaren Umgebung wurden auch ständig Bilder der Außenkameras gezeigt. Ich war überrascht, wie detailreich das dreckige Fundament der Kaimauer zu sehen war. Das lag daran, daß das Boot dicht neben der Kaimauer lag, wir erfuhren aber, daß auch wesentlich verschwommenere Bilder numerisch aufbereitet werden konnten, bis sie unter besten Sichtbedingungen aufgenommen zu sein schienen. Man konnte auch Bilder aus dem Inneren des Bootes einblenden, etwa aus dem Maschinenraum oder aus dem Reaktor oder aus jedem anderen Raum.

Von Amerlingen hielt sich nicht lange mit der Zentrale auf - unterwegs würde das interessanter sein. Wir gingen eine weitere Abteilung nach hinten.

Die nächste Sektion des Bootes im Mitteldeck war zunächst ein zentraler, vier Meter langer Gang. Rechts und links war das Krankenrevier - steuerbord Operationssaal mit Operationstisch und Zahnarztstuhl, backbord ein Raum mit vier Krankenliegen. Verglichen mit unseren Kabinen unheimlich geräumig. Amerlingen bemerkte, daß es gelegentlich vorkam, daß jemand hier nächtigte, solange es keine stationär zu behandelnden Kranken gab. Auch konnte man sich während einer langen Nachtschicht in der Zentrale hier ausruhen und das Luk zur Zentrale offenlassen. Aber jetzt, wo Dr. Morton an Bord war, würde dieses wohl unterbunden werden.

Wenn nötig, sagte Amerlingen, könnte man hier mehr als vier Kranke unterbringen, und in der Zentrale konnte man Lager einrichten, und viele Kranke konnten auch in ihren eigenen Kojen betreut werden, wenn nicht gerade intensivmedizinische Betreuung notwendig war. Aber mit einem solchen Anfall an Krankheitsfällen war unter den 28 Besatzungsmitgliedern nicht so schnell zu rechnen.

"29!" bemerkte ich, und Erwin grinste verschämt.

"Das wissen wir noch nicht. In Brüssel mahlen die Mühlen langsam." stellte Amerlingen fest, "Übrigens, falls es Sie interessiert - wir haben auch die gesamte medizinische Literatur der Welt an Bord! So, wie jede andere Literatur auch. Wenn der Bordarzt etwas nicht weiß - in unseren Rechnern findet er alles. Sie können ganz beruhigt schwerkrank werden."

Ich hörte, wie Cordula etwas zu Erwin flüstert. Vielleicht versichert sie ihm, daß sie seine fachliche Mitarbeit braucht und mit Nachdruck darauf hinweisen wird.

Dann die nächste Sektion. Darauf bin ich am neugierigsten:

Der Fleischmann-Pons-Reaktor!

Dieser vier Meter lange Abschnitt, der in der vollen Höhe und Breite des Bootes den Reaktor und die meisten seiner Nebenaggregate beherbergt, ist das Reich der Reaktoringenieure Sebastian Colbert und Ernst Kupferdraht. Colbert ist anwesend und gibt die Erklärungen. Er wartet zunächst noch, bis alle sich auf dem zentralen Gang gesammelt haben. Es wird etwas eng auf diesen bloß vier Quadratmetern des Ganges, weil jeder nur ungefähr einen viertel Quadratmeter zum Stehen hat.

Mir direkt gegenüber steht die Gabi Gohlmann. Sie ist in Ansätzen schüchtern und schaut einem nicht in die Augen, es sei denn, man spricht mit ihr. Wenn ich die verschiedenen Mitglieder der Expedition durchgehe, an wen mit welcher Wahrscheinlichkeit die Direktive q78q99q gerichtet sein könnte, dann wäre sie sicher auf dem unteren Ende der Wahrscheinlichkeitsskala. Aber so richtig traue ich das ja niemandem zu: Das obere Ende der Wahrscheinlichkeitsskala ist leer. Und irgend jemand muß es sein.

Und ich muß herausfinden, ob die Direktive echt ist und an wen sie gerichtet ist. Denn derjenige oder diejenige bedroht jeden an Bord, ganz besonders Irene, die vor aller Ohren erkennen ließ, daß sie die Direktive kennt. - Ich behalte Irene deshalb besonders im Auge, auch wenn ich nicht damit rechne, daß gerade jetzt jemand sie über das Geländer stößt, in der Hoffnung, daß sie dabei zwischen den Eingeweiden des Reaktors umkommt. Die Fallhöhe wäre bloß zwei Meter, und man würde auch riskieren, daß sie keine spannungsführenden Teile berührt und daß sie auf keiner scharfen Kante aufschlägt und deshalb gar nicht zu Schaden kommt - nein, hier ist ein Anschlag unwahrscheinlich.

Immerhin - sobald wir erst losgefahren sind, ist die Irene sicherer. Bis dahin sollte ich sie eigentlich dauernd im Auge behalten. Und noch perverser: Ich muß mich selbst in die Situation desjenigen hineinversetzen, der Irene vielleicht aus dem Weg räumen will. Nur dann kann ich zeitgleich mit diesem erkennen, wann die Gelegenheit dazu günstig ist und Gegenmaßnahmen treffen.

Nur hier und jetzt würde ich, als Adressat der Direktive q78q99q, nichts unternehmen. Nicht vor aller Augen.

Dieser Gang ist eine Verlängerung des Ganges, der durch das Krankenrevier führte und genau in der Bootsmitte verläuft. Damit läuft er auch mitten durch den Reaktor hindurch. Die Geländer sorgen dafür, daß niemand herunterfällt. Rund um uns herum ist eine verwirrende Vielfalt von großen Metallgefäßen, Rohren aller Durchmesser, Kabel und Abstandhalter. Kaum, daß man die Bootswand in irgendeiner Richtung sieht.

Manche der Rohre strahlen eine bedrohliche Hitze aus, und in der Luft ist der Duft von 'Volt und Ampere', wie die Physiker und Ingenieure sagen, wenn die den Geruch von betriebswarmen Isolationsmaterialien und sprühentladungserzeugten Stickoxiden und Ozon meinen.

Colbert erzählt zunächst etwas über die Geschichte des FP-Reaktors. Nicht alles, was wir hören, ist in der Öffentlichkeit allgemein bekannt.

Als Fleischmann und Pons mit ihren Experimenten und voreiligen Veröffentlichungen im Jahre 1989 so spektakulär gescheitert waren, wuchs allmählich Gras über die Sache. Aber natürlich blieben Zweifel. So, wie manche unverbesserliche Optimisten bis zum heutigen Tage dem Perpetuum Mobile zweiter Art nachjagen, so reizte der Gedanke an die Kalte Fusion jeden, der mit Fleisch und Blut Physiker war.

War es nicht sehr plausibel, daß in einem Kristallgitter eindiffundierte Deuteriumkerne, ihrer elektrischen Abstoßung durch die Wechselwirkung mit dem Kristallgitter weitgehend beraubt, durch quantenmechanische Effekte, also ganz besonders durch den Tunneleffekt, tatsächlich mit großer Wahrscheinlichkeit fusionieren konnten? Und mehr noch: War es nicht sogar denkbar, daß man mit reinem Deuterium sogar eine Fusion mit Helium als Endprodukt bekommen konnte? Reines, umweltfreundliches Helium, keine Neutronen, keine sonstige Radioaktivität, die Abgabe der erzeugten Energie direkt an das Kristallgitter des Palladiums? Schweres Wasser rein - Wärme und Helium raus. Was kann einfacher sein?

Die Suche ging weiter, in vielen Labors, auf der ganzen Welt. Heute weiß man, daß geringe Fusionsraten sehr leicht zu erzielen sind, sogar mit dem Original-Versuchsaufbau von Fleischmann und Pons. Aber der Nachweis von Wärmemengen im Mikro- und Nanowattbereich ist natürlich schwierig, und der Nachweis von entstandenem Helium, das sich ausgerechnet in jenen Kristallfehlstellen festsetzen möchte, die die Kalte Fusion katalysieren, ist auch nicht einfach. Festkörper-gebundenes Helium ist spektroskopisch nicht nachzuweisen. Wenn man jedoch die Elektrodenprobe in einem Lichtbogen verdampft, dann kann man eigentlich immer nachweisen, daß das Helium, das sich durch rudimentäre Spektrallinien verrät, sich noch auf anderem Wege in die Versuchsanordnung geschlichen haben könnte.

Die seit einigen Jahren von der EG geförderte, inzwischen recht hochentwickelte Halbleiterschaltkreistechnologie ermöglicht, Metalle und Metallegierungen sehr gezielt zu manipulieren, und zwar im allerkleinsten, auf der Designebene der Kristallgitter und ihrer Defektstrukturen. Aufbauend auf Arbeiten, die bereits in den Siebziger Jahren in einer kleinen Universität in Deutschland gemacht worden sind, gelang es, in Palladium-Titan-Mischkristallen Kristalldefekte zu erzeugen, die eingedrungene Wasserstoff- und Deuteriumkerne mit immensen, mikroskopisch kleinen Potentialwällen im Kristall komprimierten. Dabei stellte sich ein thermodynamisches Gleichgewicht zwischen dem Partialdruck des Wasserstoffes oder des schweren Wasserstoffes außerhalb des Kristalles und der Konzentration dieser Kerne in den besagten Fehlstellen im Kristall ein. Eine Änderung des Druckes außen bewirkte eine Änderung der Wasserstoff- und Deuteriumkonzentrationen im Kristall, bei höheren Temperaturen schneller, bei tiefen langsamer. Das war schon fast alles, was den Weg zur Konstruktion des F-P-Reaktors ebnete.

Während Colberts Erklärungen sehe ich mich ein paarmal um. Für jemanden ohne physikalische Vorkenntnisse ist jetzt wahrscheinlich nur noch Bahnhof zu verstehen. Aber niemand läßt sich das anmerken.

Es ist tragisch, sagt Colbert, daß weder Fleischmann und Pons noch die Mitarbeiter jener kleinen Universität in Clausthal im Oberharz wegen der von der EG verfügten Geheimhaltung jemals erfuhren und erfahren werden, welche Ergebnisse ihre Arbeiten schon wenige Jahre später zeitigten. Aber welcher Zeitgenosse hätte um 1970 bis 1990 die richtigen der vielen verschiedenen Wege in der Forschung zu jener Zeit zusammenführen können? So hatte man in Clausthal niemals Energieerzeugung im Auge - die Intentionen, die hinter der Forschung in Sachen Kristallfehlstellen standen, bezogen sich ausschließlich auf die Mikroelektronik. Vielleicht aus diesem Grunde hat sich die Bezeichnung Fleischmann-Pons-Sarkowski-Labusch-Doeding-Seuter Reaktor, die eigentlich angemessen gewesen wäre, nie durchgesetzt - aber vielleicht liegt das auch an der Länge dieser Bezeichnung.

Nachdem die ersten Palladium-Titansplitter Leistungsdichten von mehreren Milliwatt pro Gramm erreicht hatten, begann sofort gezielt die Entwicklung der F-P-Reaktoren. Zunächst wurde die Anzahl der geeigneten Kristalldefekte stark erhöht, bis man bei achtzehn bis fünfundzwanzig Watt pro Gramm Palladium-Titan-Legierung anlangte. Es zeigte sich allerdings, daß die mögliche Dichte der Defekte mit steigender Temperatur wieder abnahm. Bei den für eine Energieerzeugung interessanten Temperaturen konnten pro Gramm aktives Material höchstens drei Watt erzeugt werden. Diese maximale Leistung nahm dann nur noch langsam im Laufe der Zeit ab - nach vielen Jahren kontinuierlicher Energieproduktion waren es noch zwei Watt, nach vielen Jahrzehnten nur noch ein Watt pro Gramm.

Kurzfristig sinkt die Energieproduktion allerdings aus einem anderen Grunde: Das erzeugte Helium besetzt die aktiven Kristalldefekte. Unternimmt man nichts, dann fällt die Leistung eines F-P-Reaktors nach wenigen Stunden auf unmeßbar geringe Werte. Die Deuteriumkerne gelangen nicht mehr dahin, wo sie fusionieren können, weil ihnen die Heliumkerne im Wege stehen.

Das Helium treibt man genauso aus den Kristalldefekten heraus wie man das Deuterium hineingetrieben hat: Man hält einfach die Außenkonzentration des Heliums so niedrig wie möglich. Um die Ausdiffusion von Helium aber noch zu beschleunigen, läßt man einen F-P-Reaktor in regelmäßigem Rhytmus etwas heißer arbeiten. Dieses geht allerdings nur sehr kurzzeitig, da bei zu hoher Temperatur auch die Dichte der aktiven Kristalldefekte weiter abnimmt - die Kristalldefekte 'heilen aus'. Daraus folgt, daß die ideale Konstruktion des aktiven Palladium-Titan-Materials eine sehr dünne Folie ist, die das Ausdiffundieren des Heliums auch bei kurzzeitigster Temperaturerhöhung in den Ausheizungszyklen erleichtert. Deshalb besteht bei modernen F-P-Reaktoren das aktive Material, das bei großen Leistungsreaktoren ja einige hundert Tonnen umfassen kann, aus einem Gewebe feinster Palladium-Titan-Folien, die von schwerem Wasser mit hoher Strömungsgeschwindigkeit umspült werden. Dadurch ist die Temperatur über den gesamten Reaktorkern sehr konstant und läßt sich präzise und schnell regeln. Ein F-P-Reaktor verträgt schon wenige Grad Übertemperatur sehr schlecht, weil dann die Qualität des aktiven Materials schnell abnimmt. Deshalb kann man ihn auch nicht ohne leistungsfähige Computer bauen, insbesondere auch dann, wenn die Lastanforderungen häufig wechseln.

Auch das, sagt Colbert, ist einer der Gründe, warum die CHARMION ohne Computersteuerung nicht auskommt. In jeder Sekunde werden Milliarden und Abermilliarden Rechneroperationen nur für den Reaktor verbraten, und noch vor wenigen Jahren hätte die benötigte Rechenleistung nur von einem Computerkomplex erbracht werden können, der mehr Strom verbrauchte als der Reaktor erzeugte!

Die Notwendigkeit einer effektiven Regelung ist auch durch die starke Druckabhängigkeit eines F-P-Reaktors bedingt. Eine Erhöhung der Leistung führt zu einer Temperaturerhöhung, die, wenn man sonst nichts weiter unternimmt, auch den Druck ansteigen läßt. Das bedeutet aber, daß die Leistung sofort weiter steigt. Man hat blitzartig die Temperaturen erreicht, bei denen das aktive Material durch Ausheilung der Kristalldefekte seine Aktivität verliert. Praktisch von einer Sekunde zur anderen hat man nur noch ein Druckgefäß mit heißem Wasser drin, das langsam abkühlt. Schon dieser Effekt alleine bewirkt, daß man einen F-P-Reaktor ohne computergesteuerte Druckregelung gar nicht in Betrieb nehmen kann, ohne ihn sogleich kaputtzumachen.

Es gibt aber noch mehr konstruktiven Schwierigkeiten. Wegen der Heliumvergiftung des aktiven Materials muß das Helium sehr effektiv aus dem Primärkreislauf entfernt werden. Und nicht nur das Helium. Es muß auch peinlich genau darauf geachtet werden, daß sich kein normalschwerer Wasserstoff in den Primärkreislauf verirrt. Der diffundiert nämlich auch sehr gerne in das aktive Material und geht mit Deuteriumkernen Fusionen ein. Es entsteht dann entweder Helium-3, ein Isotop des Heliums, oder Tritium unter Erzeugung eines Positrons. Das Positron reagiert mit irgendeinem Elektron und erzeugt dabei harte Gammastrahlen. Und der Tritiumkern verliert auch seine Unschuld: Unter den Bedingungen der Kristalldefekte fusioniert er auch mit einem anderen Deuteron. Dabei entsteht ein freies Neutron. Und das treibt in dem aktiven Material allerhand Unfug. Unter anderem können die Palladium- und die Titan-Atomkerne selbst dieses Neutron einfangen und dabei Kernreaktionen auslösen, die eine ganze Reihe neuer Stoffe erzeugt, die meisten davon radioaktiv. Auch das Helium-3, das bei der Anwesenheit von normalschwerem Wasserstoff entsteht, ist noch bei einer ganzen Reihe ungewollter und störender Nachfolgereaktionen beteiligt.

Unter dem Strich bewirkt also die Anwesenheit geringster Spuren normalschweren Wasserstoffs eine radioaktive Verseuchung des aktiven Materials, das außerdem seine Eigenschaft als aktives Material verliert - die Kristalldefekte werden zerstört. Fremdatome haben in dem aktiven Material überhaupt nichts zu suchen. Das ist der Grund, warum der Primärkreislauf eines F-P-Reaktors reinstes Schweres Wasser - oder in einigen früheren Bauformen reinstes Deuteriumgas - enthalten muß und auch dauernd von allen neuentstandenen Fremdstoffen gereinigt werden muß. Auch die Anlage, die die Abscheidung von Fremdatomen macht, ist rechnergesteuert - sie ist nämlich noch viel komplizierter als der eigentliche Reaktor.

Nichtdestoweniger hat ein F-P-Reaktor auch sehr viele angenehme Eigenschaften. In früheren Modellen wurde die Deuteriumkonzentration im aktiven Material noch durch Elektrolyse künstlich erhöht. Das hatte den Vorteil, insbesondere bei kleinen Elektrodenabmessungen, daß die Leistung sehr rasch verändert und damit auch schnellstens abgeschaltet werden konnte. So eine Eigenschaft ist der Sicherheit durchaus förderlich.

Allerdings stellte sich dann heraus, daß Stromkonzentrationen an manchmal nur mikroskopisch kleinen scharfen Kanten des aktiven Materials die lokale Temperatur zu stark ansteigen ließen und auf diese Weise die Kristalldefekte ausheilten. Das aktive Material wurde gerade da inaktiv, wo durch hohe Stromdichten die höchsten Deuteriumkonzentrationen erreicht worden waren - auch dieses war in den frühen Experimenten ein Grund gewesen, daß viele im Prinzip funktionsfähige Versuchsaufbauten schon kurz nach Inbetriebnahme nicht mehr funktionieren konnten.

Außerdem mußte die Leitfähigkeit des schweren Wassers durch Zugabe von chemisch reinster Kalilauge oder einem anderen Elektrolyt erhöht werden. Das machte die Schwerwasserreinigung viel schwieriger und führte zu unübersehbar vielen chemischen Nebenreaktionen im Reaktor. Dazu kam, daß sich lokal doch immer wieder echte Elektrolyse-Reaktionen abspielten, so daß man auch dauernd freien Sauerstoff und freien Schweren Wasserstoff im System hatte. Das wiederum machte die Druckregelung aufwendig und den gesamten Betrieb bei größeren Anlagen gefährlich.

Deshalb ist man in modernen F-P-Reaktoren dazu übergegangen, die Eindiffusion von Deuterium in das aktive Material allein durch hohen Druck zu bewerkstelligen. Es hat sich herausgestellt, daß das die sauberste Lösung ist. Es ist immer noch möglich, die Energieerzeugung im Reaktor in Sekunden herunterzufahren, indem man den Druck von weit über 2000 Bar auf etwa 300 Bar zurücknimmt.

Eine andere - die teuerste - Möglichkeit der Schnellabschaltung ist einfach die, den Reaktor heißlaufen zu lassen. Wenn das aktive Material nur für Minuten um fünfzig Grad heißer ist als die normale Betriebstemperatur, oder nur für Sekunden um achtzig Grad heißer, dann sind alle Kristalldefekte kaputt. Es wird keine Energie mehr erzeugt. Der Reaktor kühlt aus - einfach so. Dann kann man das Schwere Wasser wieder in Vorratsbehälter umfüllen, das nicht mehr aktive Material ausbauen und als Rohstoff verwenden, für dieselbe Menge neuen aktiven Materials.

Das ist der Grund, warum man keine Angst vor einer Explosion eines F-P-Reaktors haben muß. Ein F-P-Reaktor geht unauffällig kaputt. Eine Leistungsexkursion kann er nur haben, wenn diese vermehrte Leistung auch sofort abgeführt wird. Das hieße aber, daß alle beteiligten Regelsysteme völlig in Ordnung sind.

Es gibt allerdings eine Methode, einen F-P-Reaktor zu demolieren, indem man nämlich die Druckabhängigkeit der Reaktion ausnutzt: Man fängt mit einem kalten Reaktor an und setzt den Primärkreislauf unter den höchsten Druck, den die Zuführungspumpen aufbringen können. Das sind etwa 3500 Bar. Dann schließt man alle Ventile und legt auf diese Weise die Druckregelung lahm.

Der Reaktor wird schnell seine Betriebstemperatur und etwas darüber erreichen. Dann geht das aktive Material zwar kaputt, aber der Druck steigt weiter auf über viertausendfünfhundert Bar. Und da liegt irgendwo die Grenze dessen, was der Primäre Druckbehälter aushalten kann. Bei einer gesunden Reaktorkonstruktion würden jetzt schon eine Vielzahl von Sicherheitsventilen den heißen, aber sonst harmlosen Schwerwasserdampf ins Freie gelassen haben. Wenn das aber nicht geht, dann bricht der Druckbehälter auseinander. Dann allerdings wird das überhitzte Schwerwasser explosionsartig verdampfen und alles in der unmittelbaren Umgebung zertrümmern - eine ganz normale Kesselexplosion eben. Wie bei einer Dampfmaschine.

Colbert faßt zusammen:

"Das also sind die Schwierigkeiten beim Betrieb eines FP-Reaktors: Erstens braucht man einen höheren Druck im aktiven Medium als der Außendruck, für den dieses Boot gebaut ist, zweitens die immense Reinheit des Schwerwasserkreislaufes und drittens der hohe Bedarf an Rechenleistung. Richtige Gefahren gehen von ihm nicht aus."

"Und was passiert, wenn die Schwerwasserreinigung nicht so hundertprozentig ist?" Das war Dr. Cohausz. Die naheliegende Frage eines Chemikers, denke ich.

"Dann wird das Schiff in Neutronen gebadet. - Wenn das jetzt passierte, etwa wenn jetzt einige Liter Leichtwasser in den Primärkreislauf gelangten, dann kämen wir alle nicht schnell genug aus dem Raum heraus. In ein paar Tagen wären wir alle tot. Wer in diesem Raum drinbliebe, hätte es nach 10 Minuten hinter sich."

"Und das nennen Sie 'keine richtigen Gefahren'?"

"Der Reaktor wird dauernd überwacht. Beim kleinsten Anzeichen einer Fremdmaterialverseuchung wird er abgeschaltet. Aber es dürfte sehr schwer sein, Fremdmaterial in einen Flüssigkeitskreislauf zu bringen, der unter einem Druck von mehr als 2000 Bar steht."

Ich möchte auch etwas wissen: "Dieses Überhitzen, das die Kristallfehlstellen ausheilen lassen kann, wie kann man das rückgängig machen?"

"Mit Bordmitteln gar nicht. Diese Palladium-Titanfolien müssen in spezialisierten Labors hergestellt oder re-aktiviert werden."

"Und wenn einem dieses MißGeschick doch passiert ist?"

"Es passiert nicht - die Rechner lassen es nicht zu!"

"Und wenn doch?"

"Ist der Reaktor hin."

"Und das Boot muß mit Batterien betrieben werden."

"Soviel Batterien hat das Boot nicht, daß damit ein längeres Betreiben möglich ist. Schon aus Gewichtsgründen kann die CHARMION nicht solche Batterien an Bord haben, wie dies bei den alten, nichtnuklearen U-Booten nötig und üblich war. Der Reaktor MUSS funktionieren! - Und er wird funktionieren. Ist das beste Stück Technologie in Europa."

Eingebildet ist dieser Sebastian Colbert gar nicht. Aber ich habe den Eindruck, daß man sich hier etwas zu sehr auf das Funktionieren vieler ineinander greifender technischer Systeme verlassen hat.

"Dieser Reaktor," sagt Colbert, "ist nur das zweitschwerste Stück Ausrüstung an Bord. Das schwerste ist der Druckkörper selber, der den größten Teil der Bootsmasse bildet."

Dann redet er noch etwas über die verwendete Hochdrucktechnologie. Ich verstehe, daß man Druckbehälter mit einer Herstellergarantie von über 3000 Bar gar nicht gescheit bauen kann. Druckleitungen bis ein paar hundert Bar - da kennt man sich aus. Jede Stahlflasche für technische Gase ist für diese Drucke gebaut. Also bleibt man konstruktiv bei Druckdifferenzen in dieser Größenordnung.

Und so ist es auch im wesentlichen gemacht: Das aktive Material befindet sich in konzentrischen Druckrohren, wobei jedes Druckrohr maximal weitere 360 Bar zum Gesamtdruck hinzufügt. Auf diese Weise hat man eine ganze Reihe von Kühlmittelkreisläufen, die sorgsam druckgeregelt werden müssen, damit keine Druckdifferenz größer als 300 Bar wird, und die alle variable Anteile an der erzeugten Wärme abführen. Auch das ist alles ohne Rechnersteuerung nicht zu schaffen.

Dann gibt es noch ein Problem. Der FP-Reaktor arbeitet bei nicht allzuhohen Temperaturen. Das heißt, wie jeder Physikstudent weiß, daß der thermodynamische Wirkungsgrad bei der Herstellung elektrischer Energie nicht besonders groß ist. Für jedes Kilowatt Strom entstehen noch einmal drei Kilowatt Wärme. Und die müssen abgeführt werden.

Dazu, sagt Amerlingen, gibt es nur die Möglichkeit, Wärmetauscher außerhalb des Druckkörpers zu verwenden. Diese Wärmeaustauscher, für den Raktor und für die Klimaanlage, die wir noch kennenlernen werden, bilden den umfangreichsten Teil der Maschinerie außerhalb des Druckkörpers, neben den Schwimmtanks, oder genauer, den äußeren Tauchtanks. Ihre Konstruktion ist sehr einfach - da draußen seien hunderte von Kilometern Rohrleitungen in dicken Batterien angebracht, um rechts und links des Schiffes einen intensiven Wärmeaustausch des Kühlmittels mit dem Meerwasser zu ermöglichen. Diese Rohre haben einen geringen Durchmesser und sind deshalb sehr druckfest. Für die maximalen Tauchtiefen reicht es jedenfalls. Auch die Durchführungen machen wenig Probleme.

"Was ist das für ein Kühlmittel?" frage ich.

"Wasser. Reinstes Wasser. Purissimum. Ist immer noch das beste, wegen der hohen Wärmekapazität. Und wenn das Wasser rein und de-ionisiert ist, dann hat man keine Probleme mit Korrosion. Schon gar nicht bei den Werkstoffen, die wir verwenden."

"Und das Meerwasser? Bei den Austauscherrohren draußen?""

"Ich zahle Ihnen ein Jahresgehalt, wenn Sie einen technischen Gegenstand an Bord finden, den Sie mit Meerwasser zum Rosten bringen können!"

"Auf das Angebot komme ich zurück!" sage ich, und die meisten lachen.

"Einen Gegenstand, der zum U-Boot gehört!" präzisiert Colbert seine Aussage.

Er versucht uns noch, einige Dinge im Reaktor zu identifizieren. Wir stellen nur mit Bewunderung fest, daß er sich auskennt - Einzelheiten kann ich mir nicht merken. Wir alle nicht, und als wir diese Sektion verlassen und die nächste betreten, werden die meisten schon vergessen haben, wo die Reaktionsrohre liegen, und wo die Zuleitungen zu den Kompaktturbinen und Stirlingmaschinen.

Auch diese Abteilung nimmt noch die ganze Höhe des Bootes ein, und die Zwischenböden der Decks existieren nur als Gänge mit Geländern, die quer durch die ganze Maschinerie führen.

Auch noch Aggregate für den Reaktor. Und Pumpen, jede Menge Pumpen. Wasser, Druckwasser, und Druckschwerwasser für den Reaktor. Heiß-, Kalt- und Warmwasser aus der Klimaanlage, für das gesamte Boot. Ionenaustauscher.

"Die großen Aggregate da unten, die wie Transformatoren aussehen, das sind unsere vier Vortriebsenergiewandler. Vier mal ein Megawatt. Das reicht ja. Es sind auch Transformatoren, im Prinzip, und sehr schnell schaltende Leistungshalbleiter."

"Wo sind denn die Schraubenwellen?" Das war wieder der Cohausz. Gerade hatte ich auch begonnen, mich das zu fragen.

"Haben wir nicht. Für Schraubenachsen hätte man große Bohrungen im Druckkörper gebraucht. Dichtungsringe. Schwere Achsenlager. Und die andere Möglichkeit, über Druckrohre Wasser von außen an Turbinen heranzuführen und wieder über Druckrohre auszuwerfen, wurde von den Konstrukteuren auch für unsicher gehalten. Nicht geeignet für diese Tauchtiefen. Da wären auch wieder zu große Rohrdurchmesser notwendig gewesen."

Ich erinnere mich an ein Konzept, ein U-Boot dadurch lautlos zu machen, indem man die Vortriebsschrauben in Tunneln, die das Boot längs durchzogen, unterbrachte. Die Schraubengeräusche - Kavitationsgeräusche und dergleichen - wurden dann abgeschirmt. Aber es zeigte sich, daß andere Geräuschquellen entstanden, etwa Flüssigkeitsschwingungen in diesen Rohren, die dann von einem gegnerischen U-Boot genauso gut geortet werden konnten. Das, der geringere Wirkungsgrad und die konstruktiven Schwierigkeiten hatten dafür gesorgt, daß sich das Konzept bei militärischen U-Booten doch nicht durchsetzte. Immerhin war die Idee gut genug, in einem Roman verwendet zu werden, der vor etwa acht oder neun Jahren erschienen war. Als ich Clancys 'The Hunt for Red October' das erste Mal las, gab es die große Ost-West-Konfrontation gar nicht mehr, und das ganze las sich deshalb schon wie ein Geschichtsbuch.

"Nein, die CHARMION hat etwas besseres." fährt Colbert fort und lenkt meine Aufmerksamkeit wieder auf die Wirklichkeit.

Was er erklärt, dürfte für viele Laien wieder schwer verständlich sein, oder wenigstens nur halbverständlich. Die Schrauben befinden sich außerhalb des Druckkörpers, und das Achsenstück, auf dem sie sitzen, auch. Immer zwei Schrauben auf einer Achse. Dazwischen Versteifungsstreben, die ein Flügelprofil haben. Das ganze ist gleichzeitig der Käfig eines Asynchron-Drehstrom-Käfigläufermotors. Rundherum sind die monolithischen Magneten des Ständers. Absolut druckfest und absolut wartungsfrei. Die 'Doppelschraubenkäfigläuferwelle', oder wie immer man dieses Bauteil korrekt bezeichnet, natürlich auch.

Was in früheren Zeiten Schwierigkeiten gemacht hätte, wären die Lager gewesen. Auch das ist nicht mehr so. Die Achsenenden sind ferromagnetisch und werden durch weitere Elektromagneten in einer Position gehalten, in der sie gar nichts berühren. Einige Millimeter Wasserschicht ist immer zwischen dem rotierenden Metall und den Polschuhen. Und hier erfolgt auch die Übertragung der Vortriebskräfte.

"Auch das geht nicht ohne elektronische Regelung. Aber die Vorteile sind enorm," sagt Colbert, "Es gibt nur ein mechanisch bewegtes Bauteil: Die Achse-Propeller-Käfigläufereinheit. Und die berührt im Betrieb Wasser und sonst gar nichts. Die Elektromagneten sind monolithisch, ebenso die Abstandssensoren - die könnten Tausende von Atmosphären aushalten, also weit mehr als nötig ist. Und alles ist im Wasser und wird so optimal gekühlt."

"Und alles aus korrosionsfestem Material, vermute ich?" frage ich dazwischen.

"Natürlich." sagt Colbert. Er hält einen Moment inne, weil er sich nicht ganz sicher ist, ob ich ihn auf den Arm nehme. Vielleicht vermeidet er es auch deshalb, weitergehende Erläuterungen abzugeben, etwa über den Grad der Lautlosigkeit, den man mit diesem Vortriebssystem erreichen kann, sofern das überhaupt ein wesentliches Design-Ziel war, und über die Bewältigung der Materialerosionsprobleme an den Schrauben durch Kavitation. Schade - hätte mich eigentlich interessiert.

Die Aggregate unter uns, so kommt er jetzt auf diese zurück, erzeugen den Drehstrom für diese Propeller da draußen, in der richtigen Stärke und der richtigen Frequenz. Es wird natürlich einiges an Energie gebraucht, was dazu führt, daß noch mehr Energie über die Wärmeaustauscher an das Meer abgegeben werden muß. Aber der Wirkungsgrad der Wärmeaustauscher da draußen wird besser, wenn die Propeller laufen und das Boot sich bewegt. Außerdem kommt die Abwärme nur aus dem Reaktor - wenn man den Strom erst einmal hat, so Colbert, dann kann man ihn mit der modernen Leistungselektronik fast verlustlos umwandeln. Er meint, diese Aggregate da unten wären in der Lage, aus sinusförmigem Wechselstrom von 50 Hertz einen Drehstrom von 7.1299874 Hertz herzustellen, und das Resultat wäre in allen drei Phasen mindestens genauso sinusförmig. Und selbstverständlich gibt es in diesen Wandlern keine mechanisch bewegten Teile.

"Es sind natürlich genügend Propellereinheiten vorhanden, daß ein paar davon ausfallen können. - Aber es werden keine ausfallen!"

Dann erläutert er noch, daß eigentlich ständig ein paar Lagekorrekturschrauben in Betrieb sind. Wie wir bemerkt haben werden, hat das Boot keine Fender - es hält aktiv ständig den gleichen Abstand zur Kaimauer.

Colbert erläutert nicht, was ein Fender ist. Ich weiß es zufällig, weil ich den Buchheim gelesen habe: Ein Fender ist irgendetwas, was man draußen an der Bordwand hängen hat, um zu verhindern, daß Schiff und Kaimauer sich gegenseitig etwas tun. Meistens sind es alte Autoreifen. Aber einigen dieser Landratten hier dürfte der Begriff Fender sicher fremd sein - und keiner fragt nach!

"Wie schnell ist das Boot eigentlich?" will Gabi Gohlmann wissen.

"19 bis maximal 20 Knoten. Wir könnten vielleicht schneller sein, aber die Wärmeaustauscher haben einen hohen Strömungswiderstand. Im Trockendock sieht das Boot deshalb auch nicht sehr schnittig aus. Mit 20 Knoten fahren wir aber den meisten anderen nichtnuklearen Booten unter Wasser davon."

"19 bis 20 was?" fragt Gabi. Wie kann jemand nicht wissen, was ein Knoten ist, denke ich - wir haben in München doch auch darüber genügend erfahren - oder hatten wir etwa keine U-Boot-Betriebskunde und elementare Navigation?

"Ein Knoten ist 1.851851851851851851 und so weiter Kilometer pro Stunde." erklärt Colbert geduldig, "Kann man sich ganz leicht merken. 20000 Kilometer geteilt durch 180 mal 60 Längenminuten. Kann man sich auch ganz leicht merken. 19 bis 20 Knoten sind also 35 bis 37 Stundenkilometer. Das ist aber keine Dauerleistung, weil dann die gesamte Energie des Reaktors in den Vortrieb geht. 4 Megawatt elektrischer Leistung bei 16 Megawatt thermischer Leistung. Mehr gibt der Reaktor nicht her. Klimaanlage und Rechner brauchen ja auch etwas."

"Gibt es nicht ein Boot, das 49 Knoten kann?" frage ich.

"Ja. Das waren die Boote der Alfa-Class der ehemaligen Sowjetunion. Die hatten eine Wasserverdrängung von 2760 t und konnten auch leidlich tief tauchen, wenn auch nicht so tief wie wir. Die Qualitäten dieses Bootes liegen nicht so sehr im Rennsport als in der Tauchtiefe und der elektronischen Ausrüstung. Außerdem - wenn wir einen Fissionsreaktor an Bord hätten, dann wären noch ein paar Megawatt mehr möglich. Aber die EG hat soviel Geld in die Entwicklung des FP-Reaktors gesteckt, daß sie das Ding wenigstens irgendwo einsetzen mußten. Eine Aufgabe der CHARMION ist ja auch, mit Reaktoren dieses Types Erfahrungen zu sammeln."

"Wieviele FP-Reaktoren sind denn schon im produktiven Einsatz?" frage ich mißtrauisch.

"Dieses ist der einzige. Soweit ich weiß."

"Ach du liebe Zeit! Ein Prototyp!"

"Das ganze Boot ist ein Prototyp!"

"Mit Einzelanfertigungen in meinem alten Job als Softwareingenieur habe ich schlimme Erfahrungen."

"Nana," wiegelt Colbert ab, "diese Werft versteht ihr Handwerk!"

"Ich auch! - Und wieso ist ausgerechnet diese Werft so gut? Was macht sie so sicher? Haben Sie schon mal ein GroßUnternehmen gesehen, das herausragende Produkte herstellt, wenn diese Produkte sich nicht einem Wettbewerb unterziehen müssen?"

Vielleicht sollte ich nicht gerade jetzt anfangen, mich über die planwirtschaftliche Ineffektivität von GroßUnternehmen auszulassen. Colbert nimmt das persönlich, als meine ich speziell die Werft in Greenock, die dieses Boot gebaut hat, und ganz speziell dieses Boot selbst und diesen FP-Reaktor.

"Die besten Leute der EG haben an diesem Boot gearbeitet!" Er sagt das mit einem Tonfall, als ob er mir deutlich machen will, daß ich nicht zu diesen Leuten gehöre. "Dieser Reaktortyp wird eines Tages DAS energiepolitische Standbein der ganzen Welt sein!"

Wir verfolgen das Thema nicht weiter. Colbert kennt sich in der Reaktortechnik aus, und für ihn ist dieser Reaktor eine Ideallösung. Ist er auf den ersten Blick ja auch. Wenn er trotz des hohen Komplexitätsgrades eines Tages die Welt problemlos mit Energie versorgen kann, dann werden wir eine Menge Probleme nicht mehr haben, die uns heute noch bedrängen. Treibhauseffekt und nukleare Endlagerung. Diese Gespenster der bisherigen konventionellen und der bisherigen nuklearen Energieerzeugung wird es nicht mehr geben.

Aber es werden andere Probleme kommen, weil man sich dann eine Zeitlang wirtschaftliches und bevölkerungspolitisches Wachstum leisten kann, bis andere Grenzen deutlich werden. Bis vielleicht die bloße Menge dieser ach so sauber erzeugten Energie das Klima dieses Planeten vollständig verändert, bis die großen Menschenmengen an anderen ihrer hausgemachten Probleme ersticken, Probleme, die sie mit der bisherigen gefährlichen Reaktor- und Energietechnologie gar nicht erreichen konnten. Das stabilisierende Ökoreservoir Erde wird es dann nicht einmal mehr in Spuren geben.

Muß man nicht auf den ersten Blick sehen, daß die Illusion, daß wir Menschen vermöge unserer Technik zu einer Lebensform werden, der die Bewältigung der Existenz zunehmend leicht fällt, nicht stimmen kann? Keine andere Lebensform auf diesem Planeten hat das erreicht. Alle haben ihre ökologischen Nischen, in denen sie gerade eben existieren können. Solche Nischen ändern sich, und die Bedingungen für jede Lebensform ändern sich auch. Wenn sie schlechter werden, dann kann das zu lokalem oder globalem Aussterben einer Lebensform führen, und es ist dazu nur nötig, daß die Bedingungen nur ein bißchen schlechter werden.

Werden sie besser, dann beobachtet man in der Natur ein Einpendeln der Populationsdichten einer Lebensform auf etwas höherem Niveau. Wenn sie ein bißchen besser werden. Das geht genau soweit, bis die Verbesserung der ökologischen Nische durch die Folgen der höheren Bevölkerungsdichte gerade wieder kompensiert wird.

Werden jedoch die Lebensbedingungen zu gut, dann gibt es kein stabiles Populationsniveau mehr. Chaotisches Schwanken der Bevölkerungsdichten ist die Folge, weil sie durch ihre eigene effektive Fruchtbarkeit übersteuerte Regelkreise geschaffen haben. Jeder Schüler kann das mit seinem Computer nachprogrammieren. Das allereinfachste Modell erhält man schon mit der einfachen Annahme, daß der Zuwachs der Population proportional zur Populationsdichte ist, und daß noch ein Verlust entsteht, der proportional zum Quadrat der Populationsdichte ist. Wenn der erste Koeffizient zu groß wird, dann wird dieses einfache System unstabil und entwickelt ein völlig unvorhersehbares Verhalten. Für die an einem solchen System Beteiligten ist das katastrophal, auch wenn die mathematische Darstellung der Gebiete stabilen und unstabilen Verhaltens einiger Parameter solcher Systeme Grundlage von graphisch sehr ansprechenden Graphiken sind, etwa der bekannten Mandelbrotmenge.

Bei so einer starken Schwankung eines solchen unstabilen Systems kann die Bevölkerungsdichte auch einmal auf Null schwanken. Dann ist es passiert. Die Art ist ganz plötzlich ausgestorben. - Vielleicht ist das auch eine Hypothese für das Aussterben der Saurier auf der Erdoberfläche: Irgendwann waren sie tatsächlich die unüberwindlichen Herrscher aller anderen Lebensformen. Und dann sind sie in diese Chaos-Falle getappt. Weil sie eine zu erfolgreiche Lebensform waren. Und nicht obwohl.

Und nun sind die Menschen dran. Seit Jahrhunderten bewältigen sie mit ihrer Technologie ein Problem nach dem anderen. Und jedesmal wird es schwerer, wenn danach doch wieder neue Probleme auftauchen. Jetzt ist es die Umwelt. Wohin mit der Nuklearentsorgung? Was tun gegen den Treibhauseffekt? Der FP-Reaktor könnte die absolute Lösung bedeuten. Eine Zeitlang. Vielleicht ermöglicht erst er, daß tatsächlich die gesamte Weltbevölkerung in Wohlstand leben kann. Dutzende von Milliarden von Menschen. Und in jeder Generation eine Zunahme von ein paar weiteren Dutzend Milliarden. Bloß, weil es ein Energieversorgungsproblem nicht mehr gibt. So ähnlich muß Colbert denken. Denke ich.

Aber sicher ist nur der Wandel. Es werden andere Probleme kommen, an die wir noch gar nicht denken. Irgendwann wird eines dieser Probleme nicht mehr rechtzeitig gelöst werden können. Und dann erlebt der Mensch seine letzte Fluktuation der Bevölkerungsdichte. Ab unter die Nulllinie. Ab zu den Fossilien.

Vielleicht bin ich zu pessimistisch. Diese Denkweise hieße, daß letztlich das Lösen eines Problems doch immer wieder neue Probleme auftischt. Natürlich machen wir trotzdem weiter, weil wir dieses vernünftige Vorurteil haben, daß Leben an sich und Überleben ein erstrebenswertes Ziel ist.

Ich habe dieses Vorurteil auch. Ohne dieses gäbe es diese wahnsinnig interessanten Maschinen wie die ganze CHARMION gar nicht.

Aber vielleicht hatten die Erbauer der Toten Städte dieses Vorurteil auch. Irgendwelche Probleme werden sie mit ihren hängenden Burgen, ihren Städten und ihren phantastischen Klettersteiganlagen gelöst haben. Und was hat es ihnen genützt? Gerade, daß sie für die Granitbeißerinnen noch eine vergangene Legende sind. Obwohl sie ihnen vielleicht in mehr als einer Hinsicht überlegen waren.

Und wieder überlege ich: Was tun: Wo mitmischen, zu welchem Ziele? Welches Ziel ist es wert? Soll ich diese Expedition zum Scheitern bringen, damit wenigstens die Welthöhle die sicherlich kommenden Zeitalter des Chaos der menschlichen Zivilisation unbeschadet überlebt? Soll ich also echte Sabotage üben? Oder soll ich kooperieren, und sogar nichts gegen den Unbekannten unternehmen, der im Rahmen eines größerern, offenbar schon laufenden genetischen Krieges der EG gegen die Dritte Welt diese provirulenten Keime aus der Welthöhle beschaffen soll? Wäre das nicht etwas, was die Menschheit braucht, um zu überleben? Bei genetischen Kriegen freigesetzte Seuchen, deren man sich erwehren muß und die die Weltbevölkerung auf ein vernünftiges Maß zurückführen? Ist dieses geplante Verbrechen vielleicht die unbedingt notwendige Therapie?

Und auf welcher Seite stehe ich?

In der Vergangenheit war schon gemutmaßt worden, daß auch AIDS, als es etwa 1985 immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit erregte, eine künstliche Seuche war. Das ist nie bestätigt worden, und ich glaube auch nicht daran, weil dieses Virus schon zu einem Zeitpunkt generiert worden sein muß, als man von Gentechnologie noch keine Ahnung hatte. Aber ich habe schon häufiger gemutmaßt, daß AIDS das im Moment dringendste Problem der Menschheit lösen könnte, nachdem der 'Abrüstungswahnsinn' der Neunziger den globalen Krieg immer unwahrscheinlicher machte. AIDS war das ideale Mittel dazu: Die Seuche schritt und schreitet rascher voran als das Bevölkerungswachstum, wird dieses also irgendwann umkehren. Aber sie schreitet auch langsam genug voran, um aus dem neuigkeitsorientierten Bewußtsein der Öffentlichkeit immer wieder herauszurutschen, genau wie die Bevölkerungsexplosion selbst. Aus diesem Grunde wurde und wird mit nur wenig Nachdruck an AIDS geforscht.

AIDS ist ein strenger Selektionsmechanismus. Menschen, die rational die Ausbreitungsmechanismen einer Seuche und die Relevanz des eigenen Verhaltens zur eigenen Infektionswahrscheinlichkeit kennen, haben eine viel größere Chance, am Leben zu bleiben. Insofern ist es eine gerechte Seuche - wer die medizinischen Grundlagen nicht kennt und nichts darüber lernen will, der wird mit größerer Wahrscheinlichkeit abserviert als andere.

Immer, wenn ich diese Gedanken geäußert habe, habe ich natürlich starken Widerspruch geerntet. Sogar intelligente Menschen haben mir vorgeworfen, daß meine Besorgnis wegen der Überbevölkerung dem Wunsch entspringe, die Menschheit aussterben zu lassen. Daß das genaue Gegenteil der Fall ist, können nur wenige nachvollziehen. AIDS könnte langsfristig die Existenz der Menschheit sichern helfen. Das gleiche gilt für die Dinge, die mit den provirulenten Keimen, die aus der Welthöhle beschafft werden sollen, vielleicht gemacht werden können. Vielleicht sind die kommenden, demographisch korrigierenden Kriege unbedingt notwendig. Das humanste für diesen Planeten, sein Ökosystem und tatsächlich auch das humanste für die Menschheit. Damit es in tausend und zehntausend Jahren noch Menschen gibt, in einer lebenswerten Umwelt und in Wohlstand.

Am allersinnvollsten wäre natürlich eine verantwortungsbewußte Politik des Nullwachstums der Bevölkerung und des langsamen Zurückführens der Menschenzahlen. Jedem einzelnen Bürger auf der ganzen Welt müßte klar sein, daß es keinen entschuldbaren Grund gibt, mehr als zwei Kinder zu zeugen oder zu gebären. Dann wäre es möglich, auf Kriege und auf AIDS und auf vieles andere zu verzichten. Aber an absolute Utopien glaube ich nicht mehr.

Überhaupt: Utopien. Jeder Ansatz, jeder Versuch, Utopien wahrzumachen, hat bis jetzt einen Holocaust verursacht. Was war denn die Idee des Kommunismus anderes als eine Utopie? Eine auf den ersten Blick bestechende Utopie. Und siebzig Jahre lang wurde das Leben jedes zweiten Menschen auf der Erde negativ beeinflußt. Hunderte von Millionen vertaner, individueller Entwicklungschancen. Viele andere Ideen von Weltverbesserern tragen ebenfalls den Keim des Fehlschlagens oder des Holocausts in sich. - Manchmal provoziere ich mit der Behauptung, daß, wenn schon jede Utopie bei zahllosen Menschen Leid verursacht, man vielleicht einmal versuchen sollte, mit dem Leid anzufangen, um dann zur Verwirklichung einer Utopie zu gelangen. Erst der Holocaust, dann die bessere Welt. Zweifellos wäre die gewaltsame Reduktion der Menschenzahlen auf diesem Planeten ein Weg dazu. Das ist natürlich Zynismus in Reinkultur. Wirkt immer, wenn man Lebhaftigkeit in Gesprächsrunden bringen möchte. Und keinen Wert auf weitere Einladungen legt. Besonders, wenn die Gastgeber mehr als zwei Kinder haben.

Aber wo stehe ich, wenn ich die Frage ernsthaft angehe? Ich weiß es nicht. Es gibt keine eindeutigen Antworten, selbst, wenn ich mal voraussetze, daß ich mich in meinen Erkenntnissen nicht irre. Was ja auch möglich ist. Wenn unsere Welthöhlenexpedition erfolgreich sein wird, dann kann es zum Nutzen der Menschheit sein, weil das Verbrechen an der Welthöhle, das ich befürchte, möglich wird. Für die Welthöhle und die Biosphäre in ihr wird es sicher ein Nachteil, auf jeden Fall.

Wahrscheinlich gibt es nur eine Loyalität, der man beständig mit Überzeugung folgen kann: Das eigene Wohlergehen und das eigene Leben, und die Menschen, die einem nahestehen. Wieso sollte gerade ich den Lauf der Menschheitsgeschichte beeinflussen? - Ich bin jetzt 48. Sollte ich meine restlichen 20 bis 30 Jahre hinter Idealen herrennen, die sich dann vielleicht doch nicht als der Mühe wert erweisen könnten?

Die Evolution entscheidet doch, auch ohne mein Eingreifen, welche Zeit unserer Spezies noch beschieden ist. Wenn wir uns selbst ausrotten, egal, ob mit unserer Fruchtbarkeit oder mit Waffengewalt, dann waren wir es einfach nicht wert. Punktum.

Also gehört meine Loyalität Irene und mir. Und deshalb muß ich mir Gedanken machen, an wen diese Direktive gerichtet sein könnte. Um Irene zu schützen, und vielleicht auch mich selbst. Andere, größere, 'übergeordnete' Überlegungen sind für mich nicht wichtig. Ich bin nicht dazu berufen, das große, in sich widerspruchsfreie Ethiksystem aufzustellen und daraus alle Patentrezepte abzuleiten.

Ich war eine Zeitlang unaufmerksam. Wir sind Colbert in den nächsten Raum gefolgt. Wir kommen allmählich zum Ende des Bootes: Die Wände rücken einander näher und krümmen sich stärker.

Hier gibt es noch einige periphere Einrichtungen und eine Wartungsbühne für schwere Maschinenteile. Es kann zwar nicht alles mit Bordmitteln repariert werden, sagt Colbert, aber viel. Und so zuverlässig, wie die Bootssysteme sind, wird kaum etwas repariert werden müssen.

In dieser Sektion sind auch die Pumpen, um Wasser an Bord und von Bord zu bringen, was ja eventuell gegen hohen Außendruck geschehen muß. Das ist technisch auch nicht einfach, weil auch das Dreckwasser, das zum Beispiel die organischen Reste des Bordbetriebes in durch Ultraschall fein verteilter Suspension enthält, so von Bord kommt.

'Organische Reste des Bordbetriebes' - schöne Umschreibung für 'Scheiße', denke ich. Kann man das als Interjektion benutzen? 'Schöne organische Reste des Bordbetriebes'. Da sträubt sich die Feder oder der Computer des Schreibers. Aber ich frage nach:

"Dadurch ist doch eine biologische Verseuchung der Umgebung möglich, wenn man in ein fremdes Biotop einfährt!"

"Nicht, wenn man diese Suppe leidlich gut verdünnt und in optisch dünnen Schichten immens hohen Dosen von Ultraviolettstrahlung aussetzt. Das, und die nebenbei durch diesen Prozeß erzeugte Hitze bauen alle organischen Stoffe so gründlich ab wie Feuer."

Colbert hängt an diesem Thema Betrachtungen über 'Maschinen für die Ewigkeit' auf. Er sagt, daß dieses ein grundlegendes Design-Prinzip für die CHARMION war, um unterwegs wenig oder nichts warten zu müssen - da hat man keine Kosten gescheut. Naja, denke ich, warum auch nicht - sind ja unsere Steuergelder.

Die Lebensdauer zu maximieren geht leider nicht bei allen Arten von technischen Einrichtungen gleich gut. Pumpen jeder Art gehören da noch zu den problematischsten Geräten. Ebenso Ventile, die man in jeder Pumpeinrichtung braucht. Ganz besonders bei den hier vorkommenden Drucken. Aber auch die gewöhnlichen Alltagsinstallationen, wie man sie in allen sanitären Einrichtungen findet, sind für den Konstrukteur eine technische Herausforderung, wenn man auf langen, störungsfreien Betrieb Wert legt.

Das ist auf der CHARMION aber weitgehend erreicht, sagt Colbert. Die Installationen hier darf man auf keinen Fall etwa mit den Toiletten auf dem amerikanischen Space-Shuttle vergleichen, bei denen es in fast zwanzig Jahren nicht gelungen ist, einen einwandfreien Betrieb zu gewährleisten. - Ich denke mir im stillen, daß er da den amerikanischen Shuttle-Konstrukteuren Unrecht tut: Auf diesem Schiff ist es nicht notwendig, Toiletten für den Gebrauch unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit zu entwerfen. Aber ich sage nichts.

Bei manchen technischen Dingen ist man in Sachen Dauerhaftigkeit ja enorm weit gekommen. Halbleiter zum Beispiel, ob ein Einzeltransistor oder ein Prozessor, und die Technologie in den Computern, die wir an Bord haben. Die altern nicht, egal, ob sie in Betrieb sind oder nicht. Genauso wenig wie ein Klingeldraht, durch den ein schwacher Strom fließt. Vorausgesetzt natürlich immer, daß die Betriebstemperaturen nicht zu hoch werden. Transformatoren können uralt werden, ohne ihre elektrischen Eigenschaften zu ändern, und unsere Vortriebskäfigläuferdoppelschrauben da draußen nutzen sich auch nicht ab, wenn wir nicht gerade mit voller Kraft durch aufgelösten Schleifsand fahren. Aha, denke ich: Die Materialerosion durch Kavitation gibt es bei diesem Schiff also offenbar nicht.

Auch bei der Beleuchtung ist man in Sachen Dauerhaftigkeit weit gekommen. War die alte Glühbirne schon nach 1000 Stunden hin, so war man mit der Halogenlampe schon bei 2000 bis 3000 Stunden. Und wegen der besonders bei Niederspannungslampen höheren Leuchtfadentemperatur stieg der Wirkungsgrad von müden 10 Prozent auf bis zu 30 Prozent. Dann gibt es die Leuchtstoffröhre, inzwischen schon seit mehr als 50 Jahren. Mit all ihren verschiedensten Spielarten hatte man bis Ende der Achtziger Jahre diese auf eine Lebensdauer von 9000 Stunden gebracht, einen Wirkungsgrad von ungefähr 50 Prozent erreicht und man konnte jeden gewünschten Farbton erzeugen. - Ich weiß, daß er recht hat: Einige unserer Energiesparlampen, die wir für die Beleuchtung unseres Flurs zuhause gebraucht haben, haben über drei Jahre ununterbrochenen Betrieb geschafft - über 25_000 Stunden!

Trotzdem, sagt Colbert, kann man von Langlebigkeit eines Produkts erst reden, wenn seine Lebensdauer die Lebensdauer eines Menschen deutlich überschreitet. 9000 Stunden sind etwa ein Jahr. Alle Ingenieure waren sich darüber klar, daß man da noch mehr herausholen kann.

Das, was eine Leuchtstofflampe altern läßt, sind ganz besonders die abgesputterten Elektrodenmaterialien - an alten Leuchtstoffröhren sieht man die dunklen Flecken an den Enden. Da hat man noch einiges an Materialforschung reingesteckt. Außerdem erfolgt die Zündung moderner Leuchtstoffröhren schon lange nicht mehr mit einem kurzen Anheizen der Elektroden, sondern durch noch kürzere Hochspannungsimpulse. Die seit einigen Jahren auf dem Markt erhältlichen Leuchtstofflampen haben eine Lebensdauer von 50000 bis 150000 Stunden - das sind 6 bis 17 Jahre. Mit ein bißchen mehr Elektronik und bei etwas höheren Frequenzen braucht man keine Elektroden mehr, sondern kann die elektrische Energie kapazitiv in das Röhrenplasma einkoppeln - man muß bloß die Hochfrequenz gut abschirmen, damit sie nicht andere Geräte stört. Mit dieser Technologie erreicht man zur Zeit die besten Wirkungsgrade, und die Alterung dieser Lampen ist unter die Meßbarkeit gesunken. Das ist der Stand der Beleuchtungstechnologie an Bord. Allerdings, sagt Colbert, ist das keine Technologie, die geheimgehalten wird wie etwa unsere Rechnertechnologie. Es sind nur die Kosten dieser Lampen, die die Markteinführung bisher verhinderten.

Allmählich frage ich mich, ob wir eine Führung durch ein U-Boot machen oder eine Vorlesung über Beleuchtungskörper hören. Aber Colbert macht es sehr interessant und sieht Zusammenhänge, die andere vielleicht nicht so sehen. Und das Thema 'Maschinen für die Ewigkeit' muß mich wohl auch einmal fasziniert haben - bin ich nicht auch deshalb seinerzeit in die Softwaretechnologie gegangen, weil ein Programm eigentlich eine 'Maschine' war, die sich nicht abnutzte? Das man deshalb nie warten mußte?

Leider, sagt Colbert, sind es mehr die elektrischen Geräte, die die großen Fortschritte in Richtung von Geräten 'für die Ewigkeit' ermöglichten. Bei der Mechanik tut man sich nach wie vor schwer. Unsere Kabinentüren seien zum Beispiel so konstruiert, daß man sie zwanzig mal häufiger zuschlagen kann als eine gewöhnliche Wohnungstür. Danach schließt sie nicht mehr dicht. - Das, sagt er, entspricht einem Ehekrach, dessen Länge die Lebensdauer der beiden Ehepartner deutlich übertrifft. Dabei grinst er diabolisch. Ich nehme an, daß er verheiratet ist und weiß, wovon er spricht.

Colbert geht dann noch ein bißchen auf Pumpentechnologie ein, aber ich höre nicht genau zu, weil ich versuche, herauszukriegen, wer an den Ausführungen nicht interessiert ist und wer nur interessiert tut.

Dr. Reinhardt sieht Irene an. Irene sieht Cordula an. Cordula sieht Erwin an. Erwin sieht den Boden an. Weniger als die Hälfte der dichtgedrängt stehenden Anwesenden folgen mit den Blicken Colberts Erklärungen. Ich versuche, zu erraten, wer was denkt.

Irene: Ihr sind zu viele Frauen an Bord. Denkt sie ernsthaft, daß ich unterwegs streune? Warum sieht sie dann die Cordula an und nicht die Yar? Andererseits grenzt ihr Gesichtsausdruck an Gleichgültigkeit, und Cordula steht eben in ihrer Blickrichtung.

Das gilt auch für Dr. Reinhardt. Irene steht zufällig in seiner Blickrichtung. Glänzende Augen, das habe ich schon bemerkt, kriegt er bei der Gabi Gohlmann und bei Vivian Grail. Er steht offenbar auf zerbrechliche und schüchterne Frauen. Der manchmal zu selbstbewußten Esther Peterson begegnet er mit betonter Distanz, und bei Cordula ist es dasselbe. Irene ist ihm gleichgültig. Ist er es, an den die Direktive gerichtet ist? Mustert er sie unter dem Gesichtspunkt, wie er sie beseitigen kann?

Ich glaube es nicht. Dr. Reinhardt hat das Problem, daß nicht gleich jeder einsieht, daß er der beste Paläontologe aller Zeiten ist. Wenn er einen persönlichen Feind hat, dann ist es Alfred Seltsam, der nach seiner Meinung nicht einmal qualifiziert ist, das Wort 'Paläontologie' auszusprechen. Nein, Dr. Reinhardt will Weltruhm. Er will der bekannteste Paläontologe der Welt werden, und er will, daß die Öffentlichkeit nicht den Namen 'Seltsam' erfährt. Jedenfalls nicht im Kontext Paläontologie.

Nein. Reinhardt kann es auch nicht sein. Oder?

Seltsam betrachtet Natalie Yar, die vor ihm steht. Seinen Blicken ist anzusehen, was er denkt: Er sähe sich jetzt lieber zwischen ihren weit gespreizten Beinen in ihr steckend und glücklich ihren Busen küssend. Kann man ihm ja nachfühlen. Im Moment jedenfalls hat er, wenn sie an ihn gerichtet sein sollte, die Direktive q78q99q nicht im Sinn. Und wenn er sich nicht gerade mal in die Yar hineinwünscht, dann kümmert er sich um seine Evolutionsmathematik.

Die Yar folgt Colberts Erklärungen. Aber ich denke, daß sie das nur tut, weil ihr nichts einfällt, was man sonst tun oder sich durch den Kopf gehen lassen sollte. Sicher versteht sie fast nichts. Diese Technik ist jenseits ihres fachlichen Horizonts. Und wenn ihre Blicke die hungrigen Augen von Seltsam kreuzen, dann reagiert sie in keinster Weise. Uninteressiertheit auf allen Ebenen. Was muß man eigentlich tun, damit es ihr mal geziemend feucht zwischen den Beinen wird?

Erwin hat sein Interesse wieder vom Boden auf Colberts Erklärungen gelenkt. Er interessiert sich wirklich, und wenn er die Wand und den Boden anstarrt, dann folgt er den Erklärungen akustisch. Erwin und Cordula kenne ich so lange und so gut - sie kann ich natürlich aus meinem Kreis der Verdächtigen streichen, genauso wie Irene und mich selbst.

Mario Wondrachek. Er erinnert mich immer wieder an einen Pizzaverkäufer. Ist auch einer der Stillen im Lande, und ich weiß wenig über ihn. Verdächtig? Ich weiß nicht. Im Moment folgt er aufmerksam Colberts Erklärungen, auch, wenn es sich nicht um sein ureigenstes Fachgebiet handelt.

Ebenso Dr. Salzbach. Er wird durch jede Tätigkeit von den Erinnerungen an seine Familie abgelenkt. Vielleicht hat er Rachegedanken an dieser Zivilisation, die vermöge ihres Individualverkehrskonzeptes an der Schlachtung seiner Familie schuld ist? Welche persönlichen Konsequenzen zieht jemand aus einem solchen Schicksalsschlag? Verdächtig? Keine Ahnung.

Dr. Günther Cohausz. Nein. Er macht aus seinen Weltanschauungen keine Geheimnisse. Wenn er der Meinung wäre, daß man in großem MaßStab Babies vergiften sollte, dann hätte er das schon längst jedem klargemacht. Bis zum Überdruß. Ich glaube, Dr. Cohausz, oder 'Cohäuszchen', wie ihn schon viele nennen, ist über jeden Verdacht erhaben.

Vivian Grail. Zu jung für die große, schurkische Tat. Wenn sie nicht dazu gezwungen wird. Warum ist sie überhaupt hier, als Mitglied des nautischen Personals sollte sie das Boot doch schon länger kennen?

Gabi Gohlmann. Mmh. Die Ausbildung hätte sie. Sie ist ja vielseitig. Aber ihre finanziellen Belastungen werden bei diesen Gehältern auch so überwunden. Bestechung ist also kaum denkbar. Ihre Ehescheidung liegt schon eine Zeitlang zurück, und ich habe nicht den Eindruck, daß das eine sehr traumatische Erfahrung für sie war. Sie spricht kaum drüber. Eigentlich spricht sie kaum über etwas. Ich habe bei ihr nie Fanatismus in irgendeiner Richtung bemerkt.

Dr. Gerald Amurdarjew. Echtes wissenschaftliches Interesse, an seiner Geologie und an vielem anderen. Auch jetzt, an Colberts Erklärungen. Kann ich jemanden verdächtigen, der auf eine so kauzige Idee gekommen ist, einen wissenschaftlichen Artikel als Aprilscherz zu veröffentlichen, nur damit er überhaupt gedruckt wird? Ich glaube nicht. Vielleicht mein Vorurteil: Ich mag diese Haltung. Deshalb hat mir Richard Feynman auch immer imponiert.

Eugen Serpinski. Lebt auch für seine Wissenschaft, wenn er nicht schwere Hantel leichtaussehende Bewegungen machen läßt. Unkomplizierte Persönlichkeit. Er ist alleine, wenn er alleine sein will, und er ist es nicht, wenn er Gesellschaft sucht. Er soll schon unter den Töchtern von Ullapool einige Treffer gelandet haben, heißt es. Es dürfte ihm nicht schwergefallen sein, jedenfalls nicht von seinem Aussehen her. Es gibt immer Mädchen, die auf Muskelberge fliegen. Wenn man ihn selbst nach den Erfahrungen mit den lokalen Stadtschönheiten fragt, wiegelt er so ab, daß das Gerücht eigentlich stimmen muß. Ich glaube nicht, daß er es ist.

Stephen Spaliter. Jemand, der Zahnarzt ist, muß deshalb nicht grausam sein. Außerdem ist die Zahnmedizin heute keine Folterwissenschaft mehr - wir haben die modernsten Ausrüstungen an Bord, die ein Zahnarzt oder seine Patienten sich wünschen können. In seiner Eigenschaft als Zahnarzt hatte ich noch nicht mit ihm zu tun. Eine Zeitlang dachte ich mal, er trinkt, aber es ist wohl im Rahmen des Üblichen. Asket ist er in dieser Beziehung nicht, und auch in keiner anderen.

Sein Beruf bedeutet ihm nicht viel - er hat Zahnmedizin studiert, weil man damit viel Geld verdienen kann. Vielleicht nicht soviel, wie man sich wünschen kann - ich erinnere mich, daß er mal darüber gesprochen hat, daß es tatsächlich ZahnÄrzte geben soll, die Schwierigkeiten haben, ihre dritte Villa im Tessin zu finanzieren, und wir hatten das Gefühl, er war echt besorgt um die Zukunft seines darbenden Berufsstandes. Fast hätten wir ihm ein Taschentuch gereicht. - Jedenfalls war der Gehaltsaspekt für ihn eine wichtige Motivation, sich dem Projekt anzuschließen. Außerdem würde er hier nicht jeden Tag zehn Stunden am Behandlungsstuhl sitzen, so wie ein niedergelassener Zahnarzt das tun müßte. - Ein aufrichtiger Egoist. Nicht sehr sympathisch, aber Egoismus ist eigentlich immer vertrauenswürdig. Würde er das Risiko und die nervliche Belastung eines Spezialauftrages auf sich nehmen?

Dr. med. Mary Morton war im Moment nicht bei uns, weil sie zu tun hatte. Dabei war ihr das Schiff ja auch noch unbekannt.

Mit ihr stand ich mich inzwischen recht gut, obwohl wir immer noch nicht beim 'du' angekommen waren. Solange wir uns aber auf englisch unterhielten, spielte das keine Rolle.

Ich hatte schon sehr zu Anfang in München gemutmaßt, daß sie mal stark getrunken hat. Inzwischen wußte ich, daß das tatsächlich so war. Mit ihrer Scheidung hatte es wohl nichts zu tun, aber genaues wußte ich nicht. Sie hatte dunkle Flecken in ihrer Vergangenheit, und sie erläuterte diese nicht. Es müssen sehr persönliche Dinge gewesen sein. Ihre Motivationsstruktur schien in etwa darauf hinauszulaufen, auf anständige Weise weiterzuleben, niemandem zur Last zu fallen, keine Bindungen einzugehen, nicht zuzulassen, daß man sie ausnutzt, ausschlafen zu können und ihre Arbeit gut, aber schnell und effektiv hinter sich zu bringen. An den großen Probleme in der Welt war sie entweder nicht interessiert, oder sie hatte längst resigniert. Da es keinen Hinweis gab, daß sie unter irgendeinem Zwang stand, hielt ich sie auch über jeden Verdacht erhaben. Sie war es auch nicht.

Nun gab es noch die andere Hälfte der Expeditionsteilnehmer, die 'Nautischen'. Die hatten wir aber zum größten Teil erst jetzt kennengelernt, so daß ich mir kaum eine Meinung bilden konnte. Allerdings war ich geneigt, David Aldingborg, Mark Dauphin und Esther Petersen aus jedem Verdacht herauszunehmen. Von den anderen wußte ich nichts, bis auf - naja, ein Expeditionsleiter ist schon im besonderem Maße prädestiniert, nebenher weitere Spezialaufträge verfolgen zu müssen. Dr. Wellington war deshalb nicht über jeden Verdacht erhaben. Aber war es nicht gerade deshalb wieder unwahrscheinlich?

Die Besichtigungstour endete nun, nicht weil wir schon alles gesehen hatten - das war bei weitem noch nicht der Fall - sondern weil der Dienstschluß drohte. Die Zeit war schnell vergangen - Colbert hatte sehr viel zu erzählen gewußt, und ich denke, daß ich gar nicht alles memorieren kann. Als wir von Bord gingen, war es tatsächlich schon dunkel.

Aber eine Überraschung sollte es an diesem Abend doch noch geben. Cordula, Irene, Erwin und ich standen noch am Kai zusammen und hatten gerade entschieden, daß wir das Einräumen unserer Kabinen auf morgen verschieben würden, da es ja doch den ganzen Tag schneien würde. Diesen Abend wollten wir zusammen essen gehen - vielleicht wieder in das Restaurant 'Far Isles', das früher den Peukerts gehört hat.

Da hörten wir plötzlich aus dem Südosten, vom Ende des Loch Brooms her, ein dumpfes, anschwellendes Dröhnen.

"Hubschrauber?" fragte Erwin. Es hörte sich ganz so an.

"Mitten in der Nacht?" fragte ich.

Sekunden später waren sie über uns, donnerten im Tiefflug über den Hafen und Ullapool hinweg und nahmen Kurs auf das offene Meer. In der Dunkelheit und den Nebelfetzen konnten wir kaum etwas erkennen, aber das, was wir zu erkennen glaubten, bevor sie wieder verschwunden waren, war phantastisch genug:

Es waren schwere Maschinen - waffenstarrende Ungeheuer. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Ein gedrungener Rumpf, rechts und links statt Flügeln ausladende Tragearme, an denen jeweils ein Rotor und ein großer Motorblock montiert waren, darunter Batterien von Raketen und Bomben. Es mußte sich um eine ganz neue Form von Kampfhubschraubern handeln.

"Ist ja klar," sage ich, "die sind nicht zufällig hier: Sie passen auf das teure Boot auf. - Ich wette, mit ihrer Aufklärungselektronik an Bord haben sie uns besser gesehen als wir sie!"

"Ist das ein Grund, ganz Ullapool aus dem Schlaf zu scheuchen?" fragt Erwin.

"So spät ist es noch nicht. Und im Winter sind kaum Touristen da, die man verscheuchen kann!"

"Da irrst du dich. Ski-fahren im Winter in Schottland ist ein Massensport!"

"Wo will man hier Ski-Fahren? Siehst du hier irgendwo Schnee?"

"Morgen soll doch welcher fallen. Und übermorgen ist Freitag - da fängt das Wochenende an! Es sind Touristen da."

"Stimmt auch wieder," überlege ich, "sonst wären ja auch nicht soviele B&B's offen."

Über den Bergen liegt noch immer das Donnern dieser schweren Kampfmaschinen. Eine ambivalente Drohung liegt in der Luft. Dieses waren die Zeugen einer kriegerischen Vergangenheit - oder einer kriegerischen Zukunft? Eine zahlenmäßig überbrodelnde Menschheit, die sich anschickt, um die letzten schönen Plätze auf ihrem Planeten zu kämpfen. Und die noch nicht weiß, daß sie kämpfen wird. Die meisten Menschen wissen es jedenfalls noch nicht. Die Illusion, daß sich nach dem Ende des Kalten Krieges vor zehn Jahren ein Zeitalter des Friedens und des weltweiten Wohlstandes anschickt, über die Menschheit herzufallen, ist noch in vielen Köpfen drin - trotz Jugoslawien und Kaukasus und Südafrika und wie all diese ständigen Bürgerkriegsherde heißen.

Es werden mehr solche Maschinen fliegen, und sie werden Angst und Schrecken verbreiten. Nicht Bomben, nein, mehr die Nebel mit potenten Erregern, die sie abwerfen werden. Und deren Prototypen einer von uns in der Welthöhle beschaffen soll. Es ist nicht mehr lange hin. Ob der Krieg auch nach Ullapool kommen wird? In dieses entlegene Nest? Und wer hier gegen wen kämpfen wird?

Auf dem Wege zum Restaurant sind wir alle schweigsam, aber ich weiß nicht, ob die anderen von ähnlichen düsteren Vorahnungen geplagt werden wie ich.

An diesem Abend weihen wir Erwin in das, was wir an Bord gefunden haben, ein: Die Direktive q78q99q. Damit er nicht etwa denkt, an einer Vergnügungsfahrt teilzunehmen.


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        17.     Wandertag


Dieser Freitag, der 8. Januar, sieht genauso aus, wie die Meteorologen es vorausgesagt haben. Gestern noch haben wir unsere Sachen durch das Schneetreiben zum Kai geschleppt und uns in das Boot helfen lassen. Bis auf die Knochen sind wir durchgeregnet. Und es wurde immer kälter. Letzte Nacht hat sich dann die arktische Hochdruckwetterlage festgesetzt und eine letzte Schicht aus feinkörnigem Pulverschnee gebracht. Es soll sogar noch kälter werden, in den nächsten Tagen.

Heute ist die Temperatur bei minus sechs Grad, und der Himmel ist makellos blau. In der Tat, ein idealer Wandertag. Um zehn Uhr morgens soll es losgehen. Treffpunkt ist der Kai vor dem Boot. Aber erst um fast elf sind alle zusammen.

Wellington ist noch nicht dabei. Er wird immer noch von Bürokraten in Brüssel festgehalten. Aber die restliche Bootsbesatzung ist vollständig. Die meisten tragen die Bordkluft mit ordentlich was darunter - vielleicht, weil ein Overall den besten Schutz gegen Schneebälle verspricht. Bei einer so großen Gruppe kommt immer jemand auf die Idee, eine Schneeballschlacht einzulegen. Allerdings wird wohl nur Serpinski aus Pulverschnee Bälle kneten können, und vielleicht nicht einmal der.

Ich und Irene gehen in 'Zivil', Erwin auch, aber Cordula hat sich für das kleidsame Grün entschieden. Irgendwie sieht sie enorm militärisch aus, streitbar, energisch und stark, trotz ihres auch schon merkbaren Hangs zum Übergewicht. Trotz letzterem würde man ihr die Kompanieführerin abkaufen, wenn sie sich dafür ausgäbe. Ein ganz neuer Aspekt an ihr - als sie vor 15 Jahren in unser Compiler-Projekt kam, hatte sie das Stadium der mädchenhaften Niedlichkeit noch gar nicht abgelegt. Daran merkt man, daß man selber auch älter wird.

Die Straßen von Ullapool sehen wie in einem Wintersportort aus. In den Nebenstraßen ist der Boden noch weiß, und unter dem Schnee ist es glatt. Unsere Gruppe ist vielleicht ein bißchen auffällig, als wir uns in Marsch setzen und das Boot in der Obhut anderer Mitarbeiter der EG zurücklassen.

Hinter Ullapool erhebt sich ein kahler Berg - die Ginsterbüsche sind im Winter nicht als solche zu erkennen - und von einer bergseitigen Nebenstraße der Hauptstraße kommt man durch ein Gatter, und dahinter geht ein Weg diesen Berg hinauf. In leidlich regelmäßigen Abständen ist dieser durch dicke Pfähle markiert, deren Zweck ich nicht erraten kann - als wir vor zehn Jahren hier waren, gab es die auch schon. Als Wegemarkierung für Schnee sind sie übertrieben dick, außerdem dürfte der Schnee in diesem Gebiet selten so hoch liegen, daß man sie tatsächlich braucht - glaube ich. Genau weiß ich es nicht, denn dieses ist ja unser erster Schottlandaufenthalt im Winter.

Je höher wir kommen, desto weiter können wir in der klaren Luft sehen. Schottland bietet nicht die GroßArtigkeit der Alpen im Winter, sondern, unter diesen Wetterbedingungen, den öden Charm der Antarktis. Kahle Berge, soweit das Auge reicht. Im Süden, hinter dem Loch Broom, steht der trapezförmige Beinn Ghobhlach unter einem gleißenden Himmel - diesen charakteristischen Berg kann man noch von weit hinten im Glen Achall sehen, wie ich mich erinnere.

Der Schnee knirscht unter unseren Füßen. Ein Geräusch, das frühe Kindheitserinnerungen von winterlichen Harzwanderungen heraufbeschwört - schöne Erinnerungen, meistenteils.

Damals war der Harz noch ein unendlich großes Gebirge, am Rande der Welt gelegen, denn da war die Grenze, und von da an bis Kamtschatka reichte der mächtige und unheimliche Einfluß der Sowjetunion. Eine Terra inkognita. Als kleiner Junge glaubte ich, daß man durch die Schneeverwehungen in Clausthal und St. Andreasberg in die Wälder gehen kann, und von dort immer weiter nach Osten, bis in das unbekannte und weite Sibirien.

Die Träume von unbekannten Ländern gibt es nicht mehr - oder fast nicht mehr. Mir ist schon lange klargeworden, daß ich sie den Menschen - wenigstens manchen Menschen - zurückgegeben habe: Die Welthöhle. Wer weiß, wie viele in der Organisation dieses Unternehmens von unbewußtem Entdeckerdrang getrieben werden. Von dem Wunsch, große und neue und fremdartige Länder zu erschließen. Wie in alten Zeiten. Die Suche nach dem Eldorado.

Fast romantisch. Wenn dabei doch nicht soviel Blut geflossen wäre. Und wenn das doch nur nicht dauernd totgeschwiegen würde.

Ich betrachte meine Mitwanderer. Wer von diesen genießt die Gelegenheit, die vielleicht eine der letzten für lange Zeit ist, die eigenen Muskeln zu bewegen, und wer ist der körperlichen Anstrengung abhold? Irene tut sich bei unseren Steigtempo schwer, aber sie bemüht sich - in langen Ehejahren hat sie von mir genug über Trainingsphysiologie erfahren, um zu wissen, daß jede Anstrengung letzten Endes ein Bonus für den Körper ist, und daß Schweiß nicht unweiblich ist. Cordula scheint etwas besser durchtrainiert zu sein und läßt sich nichts anmerken, vermeidet aber wie Irene das Reden, solange es steil bergauf geht.

Serpinski zeigt, wie kraftvoll und stark er ist und steigt mit bloßem Oberkörper. Das wird ihm noch vergehen, wenn der Weg erst wieder flacher wird und der Berg den seichten, aber stetigen Nordost nicht mehr abschirmt. Ob er einer der Frauen imponieren will oder nur sich selbst? Dr. Reinhardt, obwohl einer der älteren Mitarbeiter, ist die häufige Arbeit im Freien anzumerken. Er steigt problemlos und mit unauffällig kraftvollen Schritten. Alfred Seltsam scheint da eher Probleme zu haben. Untrainiert. In mittlerem Alter müßte eigentlich jeder Mensch merken, daß man etwas für sich tun muß - vor 50 ist der Verfall der Kräfte noch lange nicht gottgegeben. Vielen kommt diese Erkenntnis etwa um die 30. Noch mehr Menschen kommt die Erkenntnis nie.

Die anderen steigen stetig und meistens schweigend. Wegen unseres flotten Marschtempos bin ich aber im Moment auch nicht zu eingehender Bewertung der Steigleistungen meiner Mitwanderer in der Lage.

Oben, als es flacher wird, passieren wir eine Hütte. Drinnen stehen die Gerippe von Metall-Geräteschränken, Gehäuse elektronischer Geräte liegen herum, manche auch außerhalb der Hütte. Dicke Drähte in unförmig großen Gehäusen, Abschirmungen für Elektronenröhren, runde Spannungsmeßgeräte, vielleicht Dreheiseninstrumente - dieser Krempel muß bald fünfzig Jahre alt sein. Aufgegebene Seefunkstelle, oder Einrichtungen aus dem Krieg? Wenn es so ist, wird kaum jemand unten im Ort jetzt noch wissen, was dieses mal gewesen ist. Auf dem Boden im Eingang liegt ein KurzschlußStecker, und verwundert stelle ich fest, daß es sich um den genormten Abstand der Schukosteckerstifte handelt - die britischen sehen anders aus. Ich kann mir keinen Reim darauf machen.

Während die meisten einen Moment neugierig stehenbleiben und durch die Fensterhöhlen in die Hütte gucken, höre ich wieder das Dröhnen dieser zweischraubigen Hubschrauber. Inzwischen weiß ich, daß man sie 'Duocopter' nennt, oder auch 'Stratocopter', wenn sie besonders hoch fliegen können. Wieviele Maschinen es sind, weiß ich nicht, weil sie so tief fliegen, daß wir sie nicht mehr sehen können, also tiefer als wir. Sie fliegen offenbar denselben Kurs wie vorgestern abend, von Südosten längs des Loch Brooms nach Nordwesten, auf das Meer hinaus. Erst, als sie Ullapool passiert haben und weiter auf dem Weg in Richtung Äußere Hebriden sind, können wir sie im Westen von uns sehen. Es sind zwei Maschinen, und sie fliegen keine hundert Meter hoch.

"Heute morgen war auch schon eine da!" sagt Irene.

"Tatsächlich? Ich habe nicht darauf geachtet. - Das werden die Touristen nicht mögen!" antworte ich.

"Das hast du gestern abend auch schon gesagt!"

"So? - Stimmt's vielleicht nicht?"

Irene verfolgt das Thema nicht weiter.

Weil ich inzwischen auch erfahren habe, daß dieses Gebiet, solange die CHARMION hier liegt, mit allen militärischen Mitteln, die der EG zur Verfügung stehen, aufgeklärt wird, suche ich den Himmel nach den Kondensstreifen hochfliegender Jäger ab. Aber im Moment sind keine da. Was und wieviel aus dem Weltraum observiert wird, das erfährt unsereiner ja nicht. Allerdings wird die Weltraumaufklärung gemeinsam von der EG, den USA und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion betrieben, und ich habe schon begriffen, daß die EG die Existenz der CHARMION und ihrer Möglichkeiten nicht in die Welt hinausposaunt hat. Also wird die Aufklärung durch militärische Satelliten in diese Aufgabe nicht mit eingebunden sein. Andererseits läßt sich ein U-Boot wie die CHARMION kaum geheimhalten, weder der Bau noch der Aufenthalt am Kai in Ullapool. Jeder Einwohner von Ullapool wird wissen, daß da etwas besonderes vor sich geht. Was werden die EG-Behörden nach außen verlautbart haben, damit niemand zuviel Interesse zeigt? Und wer, von den Touristen in Ullapool, ist hier, weil man diesen Verlautbarungen nicht vollständig glaubt?

Der zweite Offizier, Ralf Fahlenbeek, steht plötzlich neben mir. Ich hatte bisher kaum mit ihm zu tun. Ohne Einleitung sagt er:

"Herr Homberg, ich habe heute morgen Nachricht von Herrn Wellington erhalten. Wir bekommen noch einen Mitreisenden. Ich soll ihm eine Kabine aussuchen. Welche würden Sie vorschlagen?"

"Es sind doch noch drei Stück frei! Bisher hat sich doch jeder von uns seine Kabinen unter den Freien beliebig aussuchen können!"

"Ja, das ist schon richtig. Aber Wellington mein, daß Sie sich mit dem Neuen nicht vertragen werden."

"Wieso das denn?"

"Es handelt sich um einen Herrn Dr. Jeremias Palmer."

"Noch ein Doktor. Hat er vielleicht Angst, daß ich ihn nicht mit seinem Titel anrede? - Das könnte mir wohl gelegentlich passieren, das ist wohl wahr."

"Unwahrscheinlich, daß er darauf Wert legt. Wenn überhaupt, dann läßt er sich wohl mit 'Hochwürden' anreden. Oder auch 'Pater'. Vielleicht auch einfach 'Herr Pfarrer'. Ich weiß es nicht."

"Was?" Einige der anderen drehen sich nach uns um, so laut war ich.

"Tja." sagt Fahlenbeek, "Wellington sagt, er kanns nicht ändern. Man hat es ihm - und uns - in Brüssel aufs Auge gedrückt."

"Ein Priester? Was soll denn ein Priester auf der CHARMION?"

"Ich weiß es nicht. Aber wir wissen ja mehr oder weniger, wie Sie zu diesen Dingen stehen. Sie haben in Ihrem Buch kein Hehl daraus gemacht. Wellington will keinen Streit an Bord haben."

"Man wird doch noch kontrovers diskutieren dürfen!"

"Schon. Aber ich glaube, er hat diesen Jeremias Palmer - dieser Vorname, der zwingt einen ja geradezu in diesen Beruf hinein! - schon kennengelernt und schätzt die Verträglichkeit von Ihnen beiden gering ein. Vielleicht."

"Ja, aber - ich versteh nicht! Was soll ein Priester auf einer wissenschaftlichen Mission?"

"Bitte, Herr Homberg! Es war doch nicht meine Idee!"

Vielleicht war ich im Tonfall Fahlenbeek gegenüber jetzt fast grob. "Ich verstehe es nur nicht!" sage ich noch einmal, in neutralem Tonfall.

"Ich auch nicht. Wellington wohl auch nicht. Ich kenne ihn nicht gut, aber ich glaube kaum, daß er fanatisch religiös oder bigott ist. Was er angedeutet hat, ist, daß sich die Kirchen irgendwie massiv an der Finanzierung dieser Mission beteiligen und dafür Bedingungen gestellt haben."

"Und uns so einen Pfaffen mitschicken!"

"Genau diese Wortwahl bittet Herr Wellington Sie, unterwegs zu vermeiden. Beide kommen übrigens gleichzeitig hier an. Sagt Wellington."

Wir sind inzwischen weitergegangen, und es ist still in der Gruppe: Die meisten haben mitbekommen, worüber wir reden. Allgemeines Kopfschütteln und Unverständnis.

"Wieviel haben die Kirchen denn zugeschossen?"

"Ich weiß es nicht. Wellington weiß es auch nicht."

In mir kocht alles. Einen Umstand, ein einziger Umstand, der die Geschichte der Kolonisationen in den vielen vergangenen Jahrhunderten charakterisiert hat, einen einzigen Umstand glaubte ich bisher bei unserer Welthöhlenexpedition nicht mehr im Spiel: Die Kirchen halten sich raus. Und nun das! Und, so, wie ich mich in den 'Granitbeißerinnen' geäußert habe, muß jeder meine diesbezügliche Einstellung kennen. Es ist, als ob ich überfahren werde. Spielt alles keine Rolle, was ich darüber denke.

Wer hat denn die ganze Sache ins Rollen gebracht, wenn nicht ich?

"Ich kann mich, laut Vertrag, immer noch dazu entscheiden, nicht mitzufahren."

"Sicher können Sie das." sagt Fahlenbeek, "Aber wollen Sie denn diesen Priester mitfahren lassen, und Sie bleiben hier? Diese Expedition findet auch ohne Sie statt, das wissen Sie."

"Ja, das weiß ich."

Nun kommt das Loch Achall in Sicht, und das lange, nach Osten führende Tal. Ich hatte mich so auf dieses Wiedersehen mit diesem Stück Landschaft gefreut - jetzt nagt in mir der Ärger.

"Wollen Sie wirklich ganz kampflos das Feld räumen? - Es ist wirklich nur unser Bemühen, die Häufigkeit, daß sie sich über den Weg laufen, zu minimieren!"

"Auf der Steuerbordseite, bei den Nautischen, ist noch eine Kabine frei!"

"Der Mann zählt zum Wissenschaftlichen Personal. Hat Wellington gesagt."

"Was hat denn Theologie mit Wissenschaft zu tun? - Oder hat er eine Zweitqualifikation?"

"Ich weiß es nicht. - Da war doch vor einigen Jahren in Deutschland der Fall dieses Priesters, der erst die Lehrerlaubnis verlor, danach alles andere, bis er exkommuniziert wurde. Vielleicht ist es so einer!"

"Da hätte ich nichts dagegen. Aber wenn die Kirchen uns jemanden mitschicken, der sie repräsentieren soll, dann wird es ein Dogmatiker sein, wie er im Buche steht."

"Mag sein. Also welche Kabine?"

"Auf unserer Seite sind nur noch die beiden am Gangende, vor der Kantine, frei. Es ist eigentlich egal. - Aber das wissen Sie doch."

"Natürlich weiß ich das. Jeder weiß das. Aber der Herr Palmer weiß das noch nicht."

Es dauert einen Moment, bis ich begreife. Fahlenbeek präzisiert:

"Ich meine, wenn in diesen beiden Kabinen zufällig ein paar persönliche Gegenstände lägen, und wenn zufällig da vorübergehend Namensschilder an den Türen wären, dann brauchte ich doch nichts davon zu wissen, oder?"

Dieser Fahlenbeek ist doch ein Kumpel. Das schafft uns zwar nicht den Priester von Bord, aber diese 'Waffenbrüderschaft' macht es leichter.

"War das Wellingtons Idee?" frage ich lachend.

"Naja, nun - so ungefähr."

"Wissen Sie, was ich am liebsten ganz zufällig in diesen Kabinen auf den Kojen liegen lassen würde? Ich habe da so ein paar prachtvolle Bände über die Kriminalgeschichte des Christentums. Leider habe ich sie nicht mitgenommen. - Vielleicht gibt's in Ullapool einen gut sortierten Buchladen!"

"Genau das wollen wir vermeiden. Waffenstillstand. Keine Provokation. Ist das ein Angebot?"

"Es hat ja noch keine Auseinandersetzung angefangen!"

"Wir wollen auch keine haben. - Überlegen Sie doch mal - was kann er schon machen? Stellen Sie sich mal vor, er geriete in einen Hinterhalt von Granitbeißerinnen!"

Ich stelle es mir vor. Ob so eine hypothetische Situation mehr peinlich oder mehr köstlich ist, kann ich nicht sagen. Aber Fahlenbeek hat recht: Was kann ein einzelner Priester schon ausrichten - vielleicht wird das von seinen Auftraggebern völlig falsch eingeschätzt. Er ist ja auf uns angewiesen. Nicht einmal Xonchen wird er können, und unterwegs werden wir genug zu tun haben - ich fürchte, es wird ihm niemand beibringen können.

"Wie alt ist der denn?"

"Über fünfzig, sagt Wellington."

"Prima. Dann wird er keine Feldgottesdienste halten wollen. Nicht draußen in der Welthöhle. Das wäre für manchen jüngeren zuviel."

"Er soll in den Tropen gewesen sein."

"Das ist schlecht."

"In seinen jungen Jahren."

"Das ist gut."

"Warten wir es doch erst einmal ab. Vielleicht ist er ja ganz umgänglich." beendet Fahlenbeek das Gespräch. Auch er möchte sich lieber der Landschaft widmen. "Am Ende des Sees, ein paar Kilometer weiter, ist eines der Geologen-Teams an der Arbeit. Sie sind in den letzten Tagen etwas näher auf Ullapool zugerückt. Wir werden heute Abend noch gerade eben im Hellen zurückkommen."

Ich geselle mich zu Irene, um über etwas anderes zu sprechen und Erinnerungen auszutauschen. Damals, als wir hier das erste Mal gingen, war es Juni, und das Tal lag im Sonnenschein und sah völlig menschenleer aus. Daß sich in dem Wäldchen auf seiner Nordseite ein offenbar feudales Landhaus versteckte, wußten wir noch nicht - erst wenn man vorbeikommt, kann man es sehen. Es ist das Rhidorroch House, und irgendjemand hat damals behauptet, daß da ein MP wohnt.

Aber die Straße, auf die wir jetzt bald kommen werden, ist asphaltiert, war es damals schon, also wußten wir schon von da an, daß da doch häufiger irgendein Verkehr ist. Wenn ich mich recht erinnere, war damals ein Surfer auf dem Wasser, der den ganzen See für sich hatte.

Manchmal gibt es hier auch Rinder, von einer Art, wie man sie in Deutschland nicht kennt: Geduckt, langes braunes zottiges Fell, vielleicht aggressiv - letzteres herauszufinden habe ich damals vermieden, indem ich bei einer Begegnung eine Zeitlang mehr im Wasser als auf dieser Straße gegangen bin.

Über einen flachen Berghang nähern wir uns dem westlichen Seeende, wo über dessen Abfluß eine alte, halbzerstörte Bohlenbrücke führt. Die war schon damals für Fahrzeuge unpassierbar.

"Erinnerst du dich? Vor der Brücke auf dem linken Böschungshang lag ein kleines, rotes Taschenmesser, das jemand verloren hatte. Ob es jetzt noch da liegt?"

"Nach mehr als zehn Jahren?" fragt Irene. Es ist auch eine rein akademische Frage - bei dem Schnee könnten wir es nicht finden, wenn es noch da wäre.

"Und hinter der Brücke lag ein Boot am Wegesrand. Glaube ich."

"Ja. Es ist auf unseren Photos zu sehen!"

"Siehst du! Meine Erinnerung."

Die Brücke ist zu Fuß immer noch passierbar, wenn man aufpaßt, wo man seinen Fuß hinsetzt, allerdings gibt es jetzt auf beiden Seiten ein Schild, das unmißverständlich 'CLOSED' sagt. Außerdem müssen wir einen Zaun übersteigen, da das Südende der Brücke von einer Art Gehege versperrt wird - das war vor zehn Jahren noch nicht da.

Alfred Seltsam reicht Natalie Yar völlig überflüssigerweise die Hand, und ehe sie begriffen hat, daß das eigentlich nicht nötig ist, sind sie mit vorsichtigen Schritten hinüberbalanciert - was eigentlich auch nicht nötig ist. Sie bedankt sich mit einem flüchtigen Lächeln - was erst recht nicht nötig ist - und entläßt ihn - was er für unnötig hält. Ein Gespräch mit ihr anzufangen gelingt ihm auch hier nicht - aber das ist ja auch nicht nötig.

Dr. Cohausz marschiert jetzt neben Dr. Reinhardt, und beide reden miteinander. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen. Sowie sie geringfügig verschiedener Meinung sein werden, werden wir alle verstehen können, was sie sagen - dann wird man im ganzen Tal hören können, worum es geht.

Vivian Grail unterhält sich mit Gabi Gohlmann. Trotz des Altersunterschiedes verstehen sie sich gut. Es geht um Rezepte, den wenigen, verständlichen Wortfetzen nach. Sie stehen vor dem Abenteuer ihres Lebens und tratschen über Rezepte!

Esther Petersen marschiert ganz vorne und alleine, den Blick direkt vor die eigenen Füße gerichtet. So wird sie von der Landschaft nicht viel sehen. Woran denkt sie? Direktive q78q99q? Dazu hat sie doch gar nicht die Ausbildung. Ich tendiere immer noch dazu, den Adressaten dieser Direktive unter den 'Wissenschaftlichen' zu suchen.

Neue Idee: Der Priester, der kommen soll? Ist es der? Eigentlich kaum nachzuvollziehen, daß Kleriker heute solche Pläne schmieden sollten. Wenn diese Direktive echt ist, dann ist sie auch eher in mehreren technisch orientierten Köpfen gewachsen. Außerdem haben die Kirchen in der bisherigen Geschichte auch ohne Genetik viel Unheil anrichten können. Andererseits - in der Direktive war auch von dem bedrohlichen Einfluß von Fremdreligionen die Rede. Und der laienhafte Schutz der Dateien mit der Direktive wies auch auf Beteiligte hin, deren technische Ausbildung unvollständig ist. Was soll ich nun glauben?

Fahlenbeek redet jetzt mit Amerlingen. Dinge, die das Schiff betreffen. Auch sonst überall Cliquenbildung: Die beiden Reaktoringenieure, Kupferdraht und Colbert, reden miteinander, und ebenso bilden Priest, Chapman und Makenzie eine Palavergruppe. Ebenso die Gruppe der Bootsleute.

Cordula, Erwin und Irene bilden auch eine Gruppe für sich. Wahrscheinlich helfen sie Erwin auf diese Weise sehr effektiv über seinen Wissensrückstand von Monaten versäumter Lehrgänge in München hinweg.

Alles unauffällige, unverdächtige Leute. Meistens nette Leute.

Wir marschieren weiter. Als wir das östlichen Ende des Sees passiert haben, steigen wir über ein 'cattle grid', eine Einrichtung, die einige der Mitarbeiter noch nicht kennen. Man findet diese über einer Grube im Boden eingelassene Gitter auf Schottlands Straßen häufig - Huftiere könne da nicht hinüber, ohne sich die Haxen zu brechen, Menschen schon eher, wenn man den Fuß nicht gerade parallel zu den Gitterschienen aufsetzt - aber wozu haben wir unser GroßHirn, - und PKW's können es problemlos.

"Eigentlich," bemerke ich zu Cordula, Erwin und Irene, "ist es unlogisch. Da machen die so einen Aufwand, um in jeder Sekunde unseres Seins auf uns aufzupassen, damit uns ja nichts passiert, aber an der alten Brücke da hinten und jetzt hier, auf diesem Gitter, da dürfen wir uns ungehindert unsere Füße brechen."

Keiner kommentiert das, auch nicht, als die nächste Gelegenheit kommt, sich die Füße zu brechen, wenn man sich Mühe gibt: Eine kleine Straßenbrücke über einen ausgetrockneten Bach - soweit man von 'ausgetrocknet' bei einem Bach reden kann, in dem zwar kein Wasser fließt, der aber voll Schnee liegt.

"Jetzt haben wir es nicht mehr weit bis zum Geologencamp!" sage ich, "Irene, erinnerst du dich? Bis hierhin sind wir vor zehn Jahren gekommen - ungefähr. Dann sind wir umgekehrt." Sie erinnert sich. Aber sie sagt es nicht. Und die anderen interessiert es nicht.

Ein paar hundert Meter weiter kommt hinter einem flachen Hügel im Talgrund das Camp in Sicht. Es liegt rechts neben der Straße, und schon von weitem sehe ich, daß da, nicht weit von den Zelten, zwei Duocopter stehen. Kurz hinter dem Camp sind auf der linken Seite der Straße zwei kleine Cottages.

"Ich hätte wohl Lust, damit zu fliegen!" sagt Irene, die wieder neben mir geht, "Jetzt kommen doch bloß wieder technische Vorträge für euch!"

"Ich werde sehen, was sich machen läßt." verspreche ich, "Wir wissen noch gar nicht, ob Piloten im Camp sind."


        ********        ********

        18.     Rundflug


Wenn ich gedacht habe, daß die Irene mich nach diesem Versprechen in Ruhe läßt, so habe ich mich getäuscht. Kaum, daß wir in eines der überraschend großen Zelte nacheinander eingetreten sind, geht sie auf 'Pilotensuche'. Wenn sie einen gefunden hat, wird sie diesen nerven, bis er sie zu einem Rundflug mitnimmt - und nerven kann sie gut.

Sie findet auch einen jungen, blonden Mann namens Ottmar Malström. Trotz seines Namens ist er Brite und gehört der britischen Luftwaffe an. Unter anderem - die meisten hier, in diesem Camp, haben etwas mit Geologie zu tun. Er auch.

Der Herr Malström ist, als er hört, wer Irene ist, zu einem Rundflug bereit. Wahrscheinlich hat er, wie so viele, das Buch gelesen oder wenigstens davon gehört. Wenn er Deutsch kann: Es ist noch nicht ins Englische übersetzt worden. Beide gehen gleich zu einer der Maschinen rüber, Malström erklärt Irene aber noch, daß er erst über Funk die Erlaubnis zu diesem Sonderflug einholen muß, von welcher übergeordneten Dienststelle auch immer. Aber dann können sie durchaus, in der Zeit, wo wir hier tätig sind, die Westküste nach Norden fliegen und die Nordküste nach Osten, bis nach Thurso, das Irene auf unserem Urlaub vor zehn Jahren überhaupt nicht gefallen hat, von dort aus eine Kurve über den südlichen Orkney-Inseln, und dann zurück. Vielleicht reicht es danach sogar noch zu einem Abstecher nach Südosten, zum Loch Ness. Diese Duocopter sind sehr schnell.

Sonst will keiner mitfliegen. Es soll auch keiner, denn die Expeditionsmitglieder sollen hier die Augen und Ohren aufsperren, weil uns etwas über die neuesten Ergebnisse erzählt werden wird. Man ist bereits dabei, dieses große Zelt in eine provisorischen Hörsaal umzuwandeln. Trotz des Ostwindes draußen ist das Zelt gut geheizt - muß viel HeizÖl kosten. Naja, mit dem Bewußtsein im Hinterkopf, daß es den FP-Reaktor gibt, sehe ich diese Heizölverschwendung etwas lockerer.

Draußen fängt ein mächtiger Bär an zu brummen. Der Ton heult immer höher. Die Arbeitsturbinen von Irenes Duocopter fahren an. Auch dieser Ein-Passagier-Flug ist eigentlich eine Verschwendung, denn diese Maschine kann einen vollbesetzten Bus heben. Sie ist ungewöhnlich laut - solange sie noch nicht abgehoben hat, ist hier, im Zelt, keine Verständigung möglich. Ob die Fachleute sich hier so sicher sind, daß die elektronische und meßtechnische Ausrüstung des Camps bei den Erschütterungen keinen Schaden nimmt?

Endlich das immer schnellere Flattern und Knallen der Rotoren. Das dauert eine Minute, bis diese ihre Nenndrehzahl erreicht haben, dann wird das Flattern noch lauter und noch sonorer, und plötzlich ist das Dröhnen über uns - in einem Zelt kann man das gut verfolgen. Dann wird es rasch immer leiser und wir können endlich anfangen.

Bin neugierig, ob ich nachher von Irene Vorwürfe kriege, weil ich den Start nicht beobachtet habe!

Ein Herr Trap trägt vor. Ich vermute, daß er Geologe oder Geophysiker sein könnte, später erfahre ich, daß er Physiker ist.

Wir erfahren, daß es mehr als nur dieses eine Camp gibt. Rund um Ullapool herum, in den Bezirken Ross and Cromarty und Western Ross, gibt es insgesamt siebzehn solche Lager. Jedes Lager hat etwa 200 bis 300 Geophone in seiner Umgebung installiert und verfügt über die notwendige, technische Infrastuktur, um die Signale auszuwerten: Große Computer, Energieversorgung, und alles, was man so braucht, wenn man ein Lager im Freien betreibt.

Sehr schnell merken wir, daß es sich bei diesen Messungen auch um ein sehr teures Unternehmen mit aufwendiger Infrastruktur handelt. Ich hatte mir alles eine Nummer kleiner vorgestellt. Aber ich hätte es mir eigentlich denken können - die CHARMION hat die EG so viel gekostet, daß es herausgeworfenes Geld wäre, wenn man nicht auch naheliegende, flankierende Maßnahmen genauso gründlich durchführen würde. Diese Lager machen zu Land das, was wir auch im Meer machen werden - unter anderem. Wenigstens ein Missionsziel, das wir mit Sicherheit durchführen können.

Jedes dieser Lager verfügt auch über Bohrteams und deren Geräte. Bei seismischen Sprengungen ist es notwendig, daß die Energie einer Explosion möglichst vollständig in den Untergrund eingekoppelt wird, außerdem möchte man das Frequenzspektrum der Druckwelle der Explosion möglichst gut beeinflussen können. Selbstverständlich ist eine präzise Bestimmung des Explosionszeitpunktes. Für all das sind die Bohrteams verantwortlich. Die Sprengkörper müssen in harte Felsschichten eingebracht und verdämmt werden - Eine Explosion im Moor ist sinnlos, auch wenn man dann sehr starke Sprengungen macht: Die Wellenfronten wären dann zu undefiniert. Überdies ist es oft notwendig, gleichzeitig eine ganze Zeile solcher Sprengsätze zu zünden, und die Explosionsorte müssen dann genau auf einer geometrischen Linie liegen und untereinander den gleichen Abstand haben. Auch das läßt sich am besten in massivem Fels erreichen.

Bei solchen Vorhaben arbeiten die Bohrteams mehrerer Lager gemeinsam. Manchmal vergehen Tage, bis eine Sprengung vorbereitet ist. Meistens macht man sie in den frühen Morgenstunden, da dann am wenigsten Lärm aus anderen Quellen zu erwarten ist.

Die Rechner, die diese Geologenteams verwenden, basieren auf derselben Technologie, wie sie auch bei den Rechnern in der CHARMION verwendet wird - also das Feinste vom Feinen. Trotz dieser hohen Rechenkapazitäten müssen sie bei manchen Experimenten tagelang rechnen, und als Bestätigung dieser Rechnungen erhält man nicht nur das, was man sucht, sondern auch ein Oberflächenprofil in weitem Umkreis um die Explosionsorte. Wenn dieses Profil mit den Karten übereinstimmt, dann kann man annehmen, daß auch die Informationen über die Gesteinsschichten in größerer Tiefe stimmen.

Eine so genaue seismische Vermessung dieser Gegend ist noch niemals vorgenommmen worden.

Trotzdem wird die Auswertung immer schwieriger, in je größere Tiefen man vorstößt, weil die Beugungen und Brechungen in höheren Gesteinsschichten die Wellenfronten der Explosionswellen immer weiter verzerren.

Nun kommt Trap zu dem, was uns am meisten interessiert. Das sind ja nicht irgendwelche Gesteinsschichten, sondern Hohlräume. Und solche hat man gefunden - leider liegen sie in Tiefen, die sich der präzisen Auswertung immer noch entziehen.

"Was wir vorhaben ist eigentlich nichts weiter als folgendes: Wir hätten ganz gerne Sprengungen in ein, zwei oder drei Kilometer Tiefe. Das ist mit vernünftigem Aufwand nicht zu schaffen." erklärt Trap, "Aber wir können folgendes tun: Wir suchen uns einen Punkt in der Tiefe aus, bei dem wir wenigstens genau sagen können, wann dort die Druckwelle bei einem bestimmten Explosionsort und -Zeitpunkt ankommt. Wenn wir für diesen Punkt genügend oberflächennahe Explosionsorte mit dieser Eigenschaft kennen, dann kann man in all diesen Explosionsorten Ladungen zeitlich so versetzt zünden, daß in diesem Punkt die StoßWellen alle gleichzeitig ankommen. Damit haben wir eine neue, fiktive seismische Sprengung da unten. Und die hilft uns weiter. Ein bißchen wenigstens."

Das Ganze hört sich nach viel Arbeit an, vor allen Dingen auch deshalb, weil direkt unter dieser Gegend offenbar keine direkten Ausläufer der Welthöhle liegen, die man ja am liebsten finden würde. Aber sogar diese Aussage ist unsicher, weil man die Welthöhle mit seismischen Mitteln einfach noch nirgends gefunden hat, trotz ihrer immensen Ausdehnung, von der ich in meinem Buch berichtet habe.

Wenigstens deutet Trap in seinem Vortrag nicht die Möglichkeit an, daß ich mir das alles ausgedacht haben könnte!

Also, große Hohlräume - Kubikkilometer und mehr - sind nicht gefunden worden. Aber Ketten von kleinen Hohlräumen. Trap befestigt an einem Dreibein computergezeichnete Skizzen.

"Es ist ja alles dreidimensional, müssen Sie sich vorstellen. Zweidimensional ist die Anordnung dieser Höhlen nur sehr unvollkommen zu erkennen!"

Die Zeichnung zeigt Ketten von Höhlen. Wenn man den Maßstab berücksichtigt, dann sieht es so aus, als ob etwa in 1400 Meter unter dem Meeresspiegel im Westen diese Höhlenkette beginnt - von da an wird sie jedenfalls nachweisbar - und sich quer in Richtung Nordost unter Westschottland hinzieht. In über 5000 Metern Tiefe verlieren sich die Signale wieder vollständig.

Diese Höhlen selber haben Abmessungen im Bereich von 50 bis 200 Metern und sehr unregelmäßige Formen, aber das, sagt Trap, kommt wahrscheinlich durch Beugungserscheinungen zustande. In Wirklichkeit könnte es sich bei diesen Höhlenketten auch um durchgehende Tunnels handeln - im Prinzip jedenfalls.

Weiterhin ist bemerkenswert, daß gerade in den Regionen, in denen diese Höhlenketten auftreten, der akustische Brechungsindes stark schwankt. Der Grund dafür ist unbekannt, aber es erschwert die Auswertung beträchtlich.

Trap zeigt uns auf diesen Diagrammen auch einige Höhlen, von denen er sicher ist, daß sie gar nicht wirklich existieren, sondern nur durch komplexe Beugungsphänomene zustande gekommen sind.

"Warum hat das früher niemand gefunden?" fragt Gerald Amurdarjew.

"Das ist bloß eine Sache des Aufwandes. Mit einer Sprengladung und einem Geophon und einer Stoppuhr kann man solche Details bei weitem nicht ermitteln. Und viel Geld hat früher niemand für seismische Messungen in diesem Gebiet ausgeben wollen."

Gerald rümpft die Nase. Wahrscheinlich ist die Unterstellung, jemand werte seismische Sprengungen mit eines Stoppuhr aus, in Geologenkreisen eine Unverschämtheit. Aber hier unterhalten sich Geologe und ein geologisch tätiger Physiker, und da wird es wohl nicht zu Tätlichkeiten kommen.

Wir bekommen Karten der gefundenen Höhlenketten - wenn es denn tatsächlich welche sein sollten - in jeder Projektion zu sehen: Von Süden, von Westen, von oben. So richtigen Überblick bekomme ich nicht, aber die Daten werden ja ständig in die Schiffscomputer der CHARMION eingespielt. Je länger wir noch in Ullapool am Pier liegen, desto genauer werden die Karten.

"Wir nehmen an, daß diese Höhlenketten unter dem Meer sehr oberflächennah auftreten werden - aber das werden Sie ja herausfinden!" sagt Trap, "Unsere Zelte sind weder schwimm- noch tauchfähig."

Es kommt von den Zuhörern die Frage, woran es seiner Meinung als Geologe und Physiker nach liegen könnte, daß die viel größere Welthöhle selbst noch nie gefunden wurden, selbst jetzt nicht, wo man ihre Existenz aus anderen Quellen kennt.

"Das überlegen wir uns oft." sagt Trap, "Es ist ein sehr erstaunlicher Umstand. Praktisch ist es nicht möglich. Ich kann es mir nur so erklären, daß, was immer zur Entstehung der Welthöhle geführt hat, in ihrer Umgebung zu ungewöhnlichen Verhältnissen für seismische Wellen sorgte."

Na, so weit war ich mit meinen Überlegungen auch schon. Eine wohlformulierte Umschreibung von: 'Wir haben nicht die geringste Ahnung.' Aber ich halte den Mund.

Nun machen wir einen Rundgang durch das Lager, auch wenn nicht viel zu sehen ist: Eine Sprengung liegt gerade nicht an, und die Rechner kauen noch an der Auswertung des letzten Experiments herum. Ein Rechner, der nur rechnet und sonst nichts, ist aber nur eine Kiste, die Strom verbraucht und dabei warm wird. Wären diese Auswertungsprogramme ein kommerzielles Produkt, dann würde man auf irgendwelchen Grafiken auf den Bildschirmen sehen, wie die Rechnung fortschreitet. Aber diese Programme sind teilweise an Universitäten entwickelt worden, und das mit zuwenig Personal und zuwenig Zeit. Da war ein solcher Luxus nicht mehr drin.

"Sie haben an Bord andere Programmpakete!" sagt Trap, als ich ihn darauf anspreche, "Die dürfen wir aber hier nicht verwenden. Wegen Geheimhaltung."

Manchmal, denke ich, tut die EG immer noch so, als wären wir in den finstersten Zeiten des kalten Krieges.

In dem Zelt, wo die Computer stehen, ist auch die Funkausrüstung. Ein junger Mann unterhält sich dort mit jemandem. Er redet ziemlich hektisch auf das Mikrophon vor sich ein. Ich kann englisch, aber so schnell, wie der redet, verstehe ich kaum etwas. Außerdem ist das Gemurmel zu laut, denn es ist kaum genug Platz für uns alle, als wir uns nacheinander in das Zelt hineindrängen.

Der junge Mann spricht mit Trap, dann wieder mit dem Funkgerät. Trap sieht in meine Richtung. Dann schiebt er sich an den anderen vorbei auf mich zu.

"Herr Homberg?"

"Ja?"

"Kommen Sie bitte einen Moment mit nach draußen!"

Verwundert folge ich ihm. Der Wind draußen ist schneidender geworden, aber vielleicht kommt mir das nach der Wärme im Vortragszelt und jetzt im Computerzelt nur so vor. Trap sieht mich an:

"Es tut mir leid, Herr Homberg, aber - wir haben keine Verbindung mit Malström mehr."

"Ist das nicht der ..."

"Ja. Das ist der Pilot, mit dem Ihre Frau vorhin abgeflogen ist."

"Heißt das, daß ..."

"Nein, nein, nicht so schnell. Das muß nichts bedeuten. Jedenfalls nicht unbedingt."

Er sieht mich an, und ich weiß, daß er lügt. Und er weiß, daß ich es weiß.

Diese Duocopter gehören der britischen Luftwaffe. Die haben nicht nur ein Funkgerät an Bord. Jedes fliegende Fahrzeug kann auf Ultrakurzwelle, im Dezimeterwellenbereich, aber auch auf Kurzwelle senden und empfangen. Außerdem sind automatische Geräte an Bord, die Kontakt halten. Telemetriesender, Datenkanäle, Transponder. Die VOR-Geräte. Die können doch nicht alle ausgefallen sein.

Die letzte Routineverbindung des Duocopters war zustandegekommen, als er das Gebiet zwischen Cape Wrath und dem Kyle of Durness überflog. Malström meldete nur, daß er jetzt nach Osten abdrehen werde und jetzt über den Kyle und den Ort Durness hinweg die Nordküste entlang fliegen würde. Kurz nach dieser letzten Meldung hat irgendeine automatische Funkbake versucht, den Transponder an Bord des Duocopters anzusprechen. Das hat bereits nicht mehr funktioniert, und wenig später tauchte auf irgendwelchen Konsolen in wer weiß welchen Luftverkehrsleitstellen bereits die Problemmeldung auf. Es wurde sofort versucht, die Funkverbindung mit Malströms Duocopter wieder aufzunehmen: Nichts.

Das ist jetzt erst elf Minuten her. Trotzdem sind bereits andere Maschinen auf dem Wege zur Nordwestspitze von Schottland, erfahre ich. Dann läßt mich Trap im Wind stehen und geht wieder ins Zelt. Ich folge ihm nicht.

Jetzt ist der Wind erst recht kalt geworden. Wir wollten nach Ullapool zurückmarschieren, wenn die Sonne dem südwestlichen Horizont deutlich näherrückt und das Licht röter wird, so daß wir gerade eben bei Sonnenuntergang über den Berg nach Ullapool absteigen werden. Etwas Zeit ist noch, bevor wir aufbrechen. Aber dann - ich möchte, daß Irene bei mir ist, wenn wir über den Berg da in der Abendsonne gehen!

Es muß sich um ein technisches Problem handeln. Diese Duocopter sollen sehr zuverlässige Fluggeräte sein. Da kann doch nicht gerade jetzt ...

Minuten vergehen. Die Zelttür bewegt sich. Erwin und Cordula kommen heraus.

"Da drinnen ist es wärmer, du solltest ..."

"Ich mag nicht. - Gibt's was neues?"

Cordula und Erwin sehen sich an.

"Also was ist es?"

"Dieser Ort da ..." fängt Erwin an,

"Durness?"

"Nein, anders. Bal ..."

"Balnakeil?"

"Ja, genau so. Der liegt im Nebel."

"Und?"

"Die Leute da haben eine Explosion im Westen gehört. - Aber sie haben nichts gesehen."

"Eine Explosion?"

"Ja."

Ich beobachte den feinen Schnee, der vom Wind dicht über den Boden getrieben wird, jetzt, hier und in ganz Schottland. Der Schnee sieht aus wie immer.

"Und in Durness? Hat man da etwas gehört?" frage ich.

"Ich weiß nicht, wen die da jetzt anrufen. Vielleicht haben die ja kein Telefon!"

"Im schottischen Hochland hat heutzutage jeder ein Telefon. Also eine Explosion? Und nur gehört, nicht gesehen?"

Das letzte hat Trap gehört, der auch gerade wieder das Zelt verläßt.

"Ja. Das ist die Lage, bis jetzt. Der erste Duocopter ist jetzt in dem Gebiet angekommen und sucht die Gegend zwischen Durness und Cape Wrath ab. Aber das ist eine ganze Menge Gegend. Das kann - vielleicht - lange dauern."

"Und keine neue Funkverbindung?"

"Nein." Trap räuspert sich. "Sie werden - den Kyle selber und dessen unmittelbare Umgebung genauer absuchen. Der Pilot des Duocopters hat berichtet, daß hoch über dem Kyle Reste einer Rauchwolke nach Süden ziehen und dabei sind, sich aufzulösen."

Trap verschwindet wieder im Zelt. Cordula und Erwin nicht. Ich drehe mich um, gehe auf die Straße zu, als ich sie erreiche, gehe ich die Straße entlang in Richtung Ullapool.

Ich will meine Irene wiederhaben! - sage ich mir immer wieder. Wir hatten doch noch so viel vor. Da kann doch nicht jetzt ein so unnötiger Unfall dazwischen kommen. Das kann doch nicht sein. So ein absolut unnötiger Unfall.

Oder ist es wegen der Direktive q78q99q? Aber wer könnte einen Duocopter vom Himmel holen? Von uns keiner, und wir waren alle bei Traps Vortrag. Und wer sonst? Und was macht es für einen Unterschied, ob es ein Unfall war, oder etwas anderes?

Vielleicht ist er notgelandet. Es besteht immer noch die Möglichkeit. Ja, so ist es. Daher die Rauchwolke. Daher der Geräteausfall. Der Duocopter steht irgendwo da in der EinÖde, und Malström und Irene versuchen, sich durchzuschlagen. Das ist in Schottland im Winter gefährlich - Scottish Mountains can be Killers, sagen die Touristenbroschüren - aber suchen nicht inzwischen mehrere Maschinen nach ihnen? Man wird sie finden, oder sie erreichen Durness - wie kommen sie über den Kyle rüber? Liegt da nicht ein Boot an einem Pier an der Westseite des Kyle? Kann Irene den umwandern? Bei dieser Kälte? In ein paar Stunden ist die Dunkelheit da. Aber, Herrgott noch einmal, ein paar Stunden kann doch auch Irene durch den Schnee marschieren! So zerbrechlich ist sie nicht.

Und man wird den Duocopter finden - auch, wenn es gelandet ist, ist ein Fahrzeug dieser Größe leicht zu finden. Besonders in einer EinÖde, in der sonst kein technisches Gerät herumsteht.

Der Schnee knirscht neben mir. Cordula und Erwin.

"Wißt ihr, ob die Notverpflegung an Bord dieser Duocopter haben? Wenn man sie erst nach einiger Zeit findet, dann könnten sie ziemlich erschöpft sein!"

"Ich weiß nicht." sagt Erwin, "Herwig. Sie haben Trümmer gefunden. In Balnakeil. Von einem Duocopter."


        ********        ********

        19.     Let my cry come upon to thee ...


Ich weiß nicht mehr, wie ich an jenem Tag nach Hause gekommen bin. Erwins Gesicht, wie er mir das mit den Trümmern erzählte, ist das letzte, woran ich mich erinnere. Dann nichts mehr.

Ich glaube, ich bin gelaufen, und niemand hat mich aufgehalten. Niemand hat es mir nachher erzählt. Ich bin wohl gelaufen, am See entlang, auf der vereisten Straße, bis nach Ullapool, und habe die beiden, Cordula und Erwin, einfach stehenlassen. Aber ich erinnere mich nicht mehr. Oder doch: Da war ich auf dem Berg, von wo man gerade wieder Ullapool sieht, und es war noch zu früh für den Sonnenuntergang. Und immer, die ganze Strecke lang, habe ich mich, glaube ich, erinnert, wie ich vor zehn Jahren und dann wieder vor einigen Stunden diesen Weg am See entlang mit Irene gegangen bin, und dann bin ich schneller gelaufen, um mich nicht zu erinnern.

In unserem B&B. Irenes Sachen. Unaufgeräumt. Als ob sie noch selbst da wäre. Nur einen Moment rausgegangen wäre. Gleich wiederkommen würde. Ich räume auf, damit sie nicht so viel zu tun hat, wenn sie wiederkommt. Hätte ich das nicht öfter tun sollen? - Oder ist es der Versuch, das Schicksal zu bestechen - ihre Sachen aufräumen, damit ich es nicht hätte tun müssen, wenn wie doch wiederkommt. Weil auf Murphys Gesetz ja Verlaß ist.

Aber Murphys Gesetz bedeutet auch, daß es gerade dann nicht funktioniert, wenn man es braucht.

Hat sie sich nicht so oft beschwert, daß wir viel zuwenig zusammen unternehmen? Gewiß, nach den Erlebnissen in der Welthöhle hat sie mir das nicht mehr zum Vorwurf gemacht, aber sicher wäre sie mit mir gerne häufiger zum Essen gegangen. Oder Kino. Museum. In eine Ausstellung. Gleich gehe ich runter, zu der Frau Peukert, und bestelle ein Tisch in dem 'Far Isles Restaurant'. Sie sieht mich an, als ob ich bekloppt wäre. Sie weiß es, Herrgott, sie weiß es! - Dann erst fällt mir wieder ein, daß die Peukerts das Restaurant ja gar nicht mehr besitzen - ich bringe alles durcheinander.

Die Sonne ist untergegangen. Niemand kommt. Niemand kommt, und niemand sagt, es ist so oder es ist anders. Was denn auch. Ich weiß ja schon alles. Trümmer in Balnakeil. Die wachsen nicht auf Bäumen. Und nichts macht mitten in der Luft Rauchwolken.

Ich würde gerne mit jemandem reden, aber wen soll ich belästigen, und was wird es helfen? Sie lebt oder sie lebt nicht, und nichts, aber auch gar nichts, was ich tue, kann daran noch irgendetwas ändern.

Ich bin wieder draußen, auf den kalten Straßen von Ullapool. Es ist saukalt geworden. Minus 12 Grad mindestens. Wer jetzt noch durch die Nacht irrt, nach einer Notlandung - wenn es doch nur eine Notlandung wäre, auch bei minus zwölf Grad hat man Chancen! - Trotzdem, ich kann nicht drinnen im Warmen sitzen, wenn sie sich da draußen irgendwo durchkämpft. Sollte klare Nachtluft nicht die Gedanken genauso klar halten? Ich habe das Gefühl, daß ich keine logischen Gedankengänge verfolgen kann, daß ich keine formalen Ereignis- und Wahrscheinlichkeitsbäume im Geiste aufmalen kann, weil ich Angst vor dem habe, was dabei rauskommt, und das blockiert das Denken. - Was denken! - Nur denken können, und nichts tun. Aus was bist du gemacht, Herwig, daß du nichts tust?

Wer aus anderem Holz wäre als ich, der würde über Berge und Täler wandern und sie suchen, wie ein Geist unter kaltem Mondlicht, von dem niemand in den schlafenden Hütten merkt, wenn er vorbeikommt und weiterzieht, getrieben und ruhelos, auf Graten und Zinnen und über zugefrorene Moore, wie ein Wolf seine Beute jagt, aber dieser Wolf bringt nicht den Tod sondern das Leben, wer aus anderem Holz geschnitzt wäre, ja, aber dieser hier nimmt nur zur Kenntnis, und er hört, daß er keine Hilfe bringen kann, niemandem, denn sie ist zu Stücken zerrissen, und du würdest doch nur in der Nacht stehen und frieren und dich selbst bedauern, also laß es an dich herankommen, damit du begreifst und trauern lernst, denn wenigstens das bist du ihr schuldig, ja das ist es, du hättest sie zurückhalten müssen, deshalb bist du schuldig schuldig schuldig.

Oder war es nicht zu verhindern? Doch ein Mord, wegen dieser Direktive? Es müssen noch mehr davon wissen. Dann mußt du sie rächen. Herrgott, ja, das werde ich, sie rächen. Charmion hast du nicht gerächt, jedenfalls nicht so richtig, denn dieser Osont lag sowieso schon im Sterben und es war doch nur eine Wohltat für ihn, ihm die Luft zum Atmen wegzunehmen - aber Irene ist doch deine Frau! Herwig! Hast du nicht gelernt, in der Welthöhle, wie man, und womit, zahlt? Wenn jemand schuld ist, echt schuld, ein Mord, wegen dieser Direktive, dann jammer nicht! Tu was! Willst du nicht Vergeltung üben? Ach was, willst - es ist ein 'muß'.

Stehe auf und töte.

Das ist es. Halt dich daran fest. Finde es heraus. Sie ist noch nicht ganz tot, solange du dich erinnerst. Und solange du machst, daß sich jemand anders noch einmal an sie erinnert. Stehe auf und töte. Halte dich daran fest. Glaube. Dieses und nichts anderes. Der Feinde sind viele. Die ganze Organisation der EG. Irgendwo sitzen die Leute, die sich die Direktive q78q99q ausgedacht haben. Kommst du an sie ran? Oder nur an die Handlanger an Bord? Egal. Alte Tradition der Granitbeißer. Du auch, Herwig. Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Tu es: Stehe auf und töte.

Ich werde dich ausfindig machen, und ich werde nicht eher ruhen, als bis du längsseits liegst und die rote Flagge zeigst! Du wirst dich verraten - niemand geht mit einem solchen Auftrag in die Welthöhle und verrät sich nicht irgendwie. Wenn wir überhaupt dahin gelangen. Aber wenn - sie haben Schwerter dort und Bögen - hast du sie nicht selber benutzt, Herwig? Du weißt doch, wie man einen Kopf abschlägt, und ein Vollstreckungskreuz herrichten, das kannst du wohl auch. Für deine Frau kannst du das.

Ihr da unten, in der Welthöhle. Ihr sollt an uns nicht leiden. Ich bringe einen Schurken. Er ist eben bei uns - ich kann es im Moment nicht ändern. Ich brauche eure Hilfe. Einmal nur. Aber mehr soll nicht sein. Wir werden sehen. Irgendwie. Aber das betest du jetzt, und es sei dein letzter Gedanke am Abend und dein erster am Morgen: Stehe auf und töte.

Theatralischer Gedanke. Pathos. Aber schön. Er wärmt mich, und ich möchte mir einbilden, daß Irene etwas davon hat, von dem Feuer in mir. - Aber vielleicht bilde ich mir sogar das Feuer ein. Wie kann denn jemand echt trauern, der immer noch beherrscht genug ist, beim Überqueren der Straße erst nach rechts und dann nach links zu gucken, sogar in der richtigen Reihenfolge, was nicht einfach ist, weil hier noch immer Linksverkehr ist?

Sie wären jetzt schon zu mir gekommen, wenn Irene doch noch am Leben wäre. Sie hätten mich gefunden, um es mir zu sagen - so groß ist Ullapool nicht, als daß man nicht einen nächtlichen Spaziergänger in seinen Straßen ausfindig machen könnte, wenn man es nur will. - Also ist es wahr. Es wird immer wahrer. Die weiße Wahrheit. Die Wahrheit, so klar und kalt wie diese Winternacht. Alle müssen sterben. Der eine stirbt bei Flut, der andere bei Niedrigwasser, dann wieder einer, wenn das Wasser steigt. Auch ich, eines Tages. Aber vorher will ich noch etwas tun. Einen Schnitt führen. Mehr bedarf es nicht. Ist das zuviel verlangt? Für meine Frau?

Ich bin müde. Ich gehe nach Hause. Schlafen und vergessen. Mir ist kalt. Aber Irene ist kälter. Dort, wo sie jetzt ist - wenn sie irgendwo ist. Warum, Bursche, hast du zugelassen, daß sie mitfliegt? Warum hast du nicht die Spur einer Ahnung gehabt? Du bist doch sonst so mißtrauisch, vermeidest jede PKW-Fahrt, wo es irgend geht. Du bist mißtrauisch, was den FP-Reaktor betrifft, hast andere vor den Kopf gestoßen mit deinen vorschnellen Äußerungen. Nur den Duocopter - Herrgott, du hast das Ding doch nie zuvor gesehen, vor zwei Tagen zum ersten Male. Die Öffentlichkeit weiß kaum etwas über diese neue Helicopter-Bauform. Und dann läßt du deine Irene da einsteigen.

Du hast dich nicht einmal verabschiedet.

Jetzt muß ich am Leben bleiben. Zu Kräften kommen. Schlafen. Ich habe einen Auftrag. Wenn ich doch mein Schwert hier hätte. - Oder Irenes Schwert. Ich weiß doch noch, wo wir unsere Waffen zurückgelassen haben, da unten, auf unserem Aufstieg aus der Welthöhle. Welcher Trost wäre jetzt in dieser Waffe, in ihrer Schärfe, die ich liebkosend schleifen würde. Immer wieder. Für ihren Mörder.

Ich werde euch alle prüfen. Jeden einzelnen. Ich werde ihn finden.

Und dann werde ich töten.


        ********        ********

        20.     Einschiffung


Am nächsten Tag flog ich mit einem Duocopter nach Cape Wrath. Es war nicht zum Identifizieren einer Leiche - man hatte keine gefunden. Und es gab nur wenige Trümmer. Was immer den Duocopter und Irene erwischt hat, es muß enorm schnell gekommen sein.

Der Flug mit einem Duocopter war ein bißchen unangenehm. Nicht, weil ich selber Angst um mein Leben hatte - ich war in einem Zustand, wo mir das zeitweilig egal war. Außerdem glaubte ich nicht an eine echte Gefahr für mich selbst.

Aber diese Duocopter sind bei hoher Geschwindigkeit ziemlich laut. Es sind Arbeitstiere. Schwerlasten und Wendigkeit. Dafür braucht man sie. Sie können die Ausrüstung eines ganzen Camps in die Wüste bringen, oder sie können genug Bomben tragen, um ein ganzes Dorf unterzupflügen. Sie können sich auch verteidigen, jederzeit - aber natürlich, wenn ein Pilot völlig arglos ist ...

Kaum, daß ich die Geräumigkeit des Passagierraumes wahrnehme, kaum einen Blick, den ich zum Fenster hinauswerfe. Diese weißen Berge da draußen, die Sonne, die sich in den Buchten spiegelt, ganz selten und nur für das geübte Auge erkennbar, ein Weg, eine Straße, Häuser oder Hausruinen, dann wieder die dunklen Flecken flacher Lochs, die noch nicht Zeit hatten, zuzufrieren - all das ist auch das letzte gewesen, was Irene in diesem Leben gesehen hatte.

In Balnakeil gibt es wenig zu sehen. Experten der britischen und der europäischen Luftwaffe machen die Gegend unsicher, suchen mit Metallsuchgeräten am Boden und aus der Luft. Vielleicht streiten sie sich auch um die Kompetenzen, aber diese Dinge kriege ich nicht mit. Es sind Trümmer in Balnakeil heruntergekommen, und südlich davon bis zum Keoldale Hotel. Einige hat man auch im Loch Borralaidh gefunden. Das sind fast drei Kilometer, über die die Trümmer verstreut sind. Bei der geringen Flughöhe des Duocopters bedeutet das, daß diese Teile mit enormer Wucht in alle Richtungen weggeschleudert worden sind. Im Laufe des Tages findet man an den Trümmern genügend Hinweise darauf. Man kann heute ermitteln, ob eine Explosion durch Amatol, TNT, Nitroglyzerin, Schwarzpulver, Gelamon oder sonst einem Explosivstoff erzeugt wurde. Diese Explosion war die Explosion eines militärischen Sprengkörpers, wie sie dieser Duocopter selbst routinemäßig an Bord hatte.

Der Duocopter ist also explodiert. Das steht schnell jenseits allen Zweifels fest. Da es aber unwahrscheinlich ist, daß die britische Luftwaffe ihre eigenen Maschinen abschießt, muß einer der mitgeführten Sprengkörper hochgegangen sein. Einfach so. Vielleicht eine der Luft-Luft-Raketen. Ein unglaublich unwahrscheinlicher Vorgang, sagt man mir, aber man werde selbstverständlich alle Maschinen dieses Typs und ihre Bewaffnung überprüfen.

Viele Trümmer müssen ins Meer oder in den Kyle gestürzt sein. Man weiß, welches der Sprengstoff der Explosion war, und man weiß, welchen Typs die Maschine war. Aber schon die Seriennummer des Duocopters kann aus den vorhandenen Resten nicht mehr ermittelt werden - es sind zu wenige. Daraus folgt aber nicht, daß man noch Hoffnung haben kann - es gab in dieser Gegend keinen anderen Flugverkehr. Und die britische Luftwaffe und die Einheiten der Streitkräfte unter EG-Kommando vermissen keine anderen Maschinen.

Ich frage nach, ob es nicht eine militärische Übung gewesen sein kann - von früheren Schottlandreisen weiß ich, daß das Gebiet zwischen dem Kyle of Durness und Cape Wrath als 'DANGER ZONE' auf den Karten markiert ist. Da probiert die britische Marine ihre Artillerie aus.

Das war einmal, wird mir erzählt. Zuviele Proteste. Diese Praxis ist schon seit Jahren eingestellt worden.

Den ganzen Tag treibe ich mich am Kyle rum. Meistens allein. Der asphaltierte Fahrweg vom Keoldale bis dahin, wo er an dem Pier endet und wo der Wohnwagen steht. Immer noch - er stand schon vor zwanzig Jahren da, wie ich mich erinnere. Von da aus kann man sich mit einem Boot übersetzen lassen und dann das Cape Wrath erreichen. Im Sommer jedenfalls - jetzt ist der Betrieb eingestellt. Zu wenig Touristen.

Damals hatte ich es auch nicht gemacht, weil ich mein Fahrrad nicht allein lassen wollte. Ich war schließlich drauf angewiesen. Meine erste große Radtour, allein, vom Harz aus nach Bremerhaven, dann von Harwich aus die ganze Länge der britischen Halbinsel lang nach Norden, an der Ostküste rauf nach Thurso, ein bißchen Orkney-Inseln, dann hier rüber, dann wieder nach Süden. Immer allein, ein Junge auf seinem Fahrrad, ach was, Junge, gerade hatte ich mein Physikdiplom in der Tasche - so jung kann ich da wohl nicht mehr gewesen sein. Zwanzig Jahre ist das her - Da wußte ich noch nichts von Irene, die ich erst vier Jahre und ein paar Monate später kennenlernen sollte, noch nichts von der Welthöhle, noch nichts von Charmion, die zu dem Zeitpunkt noch ein Kind war. Ein Kind, irgendwo in der Welthöhle.

Damals war ich oft in Schottland. Mal nachzählen: 1974, da noch per Anhalter, mit dem Jörg zusammen, dann 1979, 1980, 1981 - dann wieder 1984, mit Irene, auch auf dem Fahrrad. Da sind wir aber nur bis zum Lake District gekommen: War nichts mit Schottland. Irene schaffte das nicht. Dann 1988, die drei sonnigen Wochen, dann 1993. Dann Ende 1995, auf dem Rückweg aus der Welthöhle. Auch mit Irene. Und jetzt. Auch mit Irene - bis gestern.

Am Ufer entlang, zum Meer hin oder in Gegenrichtung. Der flache, steinige Strand. Ein Stolper-Parcours, weil man die Steine unter dem Schnee nicht so genau sieht. Der Sandstrand der Halbinsel Faraid, die Ruinen der alten Early-Warning Horchstation. Auch die Gebäude von Balnakeil selbst waren einmal militärisch genutzt, und man sieht es ihnen noch an, obwohl sie schon viele Jahrzehnte lang von Handwerkern und Künstlern bewohnt werden. Das Ganze ist schon weiter nördlich, als bisher die nördlichsten Fundstellen der Trümmer. Und dann gehe ich wieder zurück, immer wieder dieselben Strecken. Der Wind ist hier im Norden stärker, weil er ungehindert übers Meer heranweht. Manchmal wirft er mich fast um. Kalt ist mir, und ich fühle mich so alt.

Irgendwann tritt jemand auf mich zu und berührt mich an der Schulter. Zeit, zum Duocopter zurückzugehen. Ein paar Experten werden noch ein paar Tage lang hier vor Ort tätig sein, aber niemand verspricht sich noch irgendwelche neuen Erkenntnisse.

Wieder in Ullapool. Mechanisch tue ich das, was nötig ist, und nicht viel mehr. Sonntag - Freizeit für alle. Brütende Gänge für mich, kreuz und quer durch Ullapool. Erwin und Cordula finden heraus, daß ich alleine sein will und respektieren das. An der Küste entlang nach Nordwesten, den Geröllstrand entlang und über die Uferfelsen. Morefield. Was für ein ungewöhnlich schöner Tag war das damals, als wir hier entlanggingen und uns auf den Felsen am Ufer des Loch Broom in der Sonne schlafen legen konnten! War es nicht die Zeit des großen Seehundsterbens in der Nordsee? Aber bis hierher war die Krankheit nicht gekommen, wie wir auf einer Rundfahrt zu den Summer Isles feststellten. - Ich merke, daß ich mir keinen Gefallen mit diesen Erinnerungen tue und gehe schnell wieder zurück.

Montag. Meine restlichen Klamotten kommen aufs Boot. Wellington ist schon längst wieder da. Wenigstens hat er es vermieden, mir noch offiziell sein Beileid auszudrücken. Er soll es mir und sich nicht antun.

Der Pater ist in seiner Begleitung. Ein Mann in den frühen Fünfzigern, trotzdem noch jugendliche Figur. Grauhaarig, ein nahezu 'rustikales' Aussehen, in normaler, ziviler Kleidung, nicht in Soutane. Sonst komme ich nicht mit ihm in Berührung und erfahre auch nichts über ihn. Hoffentlich bleibt das auch so: wenn ihm jemand von der Besatzung steckt, daß ich geistlichen Beistand benötigen könnte, dann könnte ich mich vergessen. - Wie wir es verabredet haben, stellt sich heraus, daß zufällig nur noch die Kabine 6 auf der anderen Seite frei ist. Schön, daß jemand dran gedacht hat.

Das Zimmer bei den Peukerts gebe ich für den folgenden Tag, den Dienstag, auf. Da sollte Irene ja während unserer Mission wohnen. Ich packe ihre Sachen und schicke sie an unsere eigene Adresse nach Hause. Ihre Eltern leben nicht mehr, aber ich muß wohl ihrer Schwester Bescheid sagen - Es fällt mir erst jetzt ein, daß das wohl angemessen wäre. Als sie sich meldet, höre ich an ihrer Stimme, daß sie schon längst Bescheid weiß. Das Gespräch ist nur kurz. Was habe ich ihr sonst schon zu sagen? Außerdem ist da der unausgesprochene Vorwurf, daß ich Schuld an Irenes Tod sei, und darauf kann ich verzichten.

Sonst brauche ich nicht viel zu tun. Von dem üblichen Papierkrieg bei einem Todesfall nimmt mein neuer Arbeitgeber mir sehr viel ab - das hätte mein alter Arbeitgeber vermutlich nicht getan, aber ich nehme an, es geht auch darum, die Expedition nicht mehr als notwendig zu verzögern. Ich bin sowieso Alleinerbe, und es gibt nicht viel zu vererben. Und was zu vererben ist, steht in unserer Wohnung in GroßHelfendorf. - Es wird noch schlimm genug, wenn ich, wieder zuhause angekommen, die Sachen von Irene umräumen muß. Es wird ein schwerer, posthumer Eingriff in ihr Privatleben sein - wir haben nie gegenseitig unsere Nasen in die persönlichen Sachen des jeweils anderen gesteckt.

Am Montag abend erfahren wir über den Situation Screen endlich die Neuigkeit, auf die wir alle schon lange warten: Das erste Auslaufen ist für Mittwoch früh angesetzt. Punkt acht Uhr. Wir halten uns nicht länger als notwendig an Bord auf.

In dieser Nacht liege ich lange wach und sehe die Decke an. Ich lasse die Fenster auf, so daß die wenigen Straßenlampen von Ullapool und ab und zu draußen vorbeifahrende Autos Muster auf die Decke malen. - Diese Decke ist fast zwei Meter von mir entfernt - welcher Luxus! Morgen werden es weniger als 50 Zentimeter sein.

Mittwoch, der 13. Januar 1999 soll es also sein. Naja, von uns ist ja niemand abergläubisch. Oder will Wellington auf diese Weise herausfinden, wer an Bord es vielleicht doch ist? Glaube ich kaum - er legt den Termin wohl nicht ganz alleine fest.

Am Tag zuvor, dem Dienstag, gibt es wenig zu tun. Erwin schlägt einen gemeinsamen Gang durch Ullapool und Umgebung vor - wo der Zufall uns eben hintreibt. Wer weiß, wie lange wir unter den beengten Verhältnissen der CHARMION werden leben und unseren Bewegungsdrang einschränken müssen - der notorische Hang zum Übergewicht bei den Besatzungen moderner U-Boote ist bekannt. Außerdem haben wir soviel von der Gegend ja noch nicht gesehen, und Erwin hat vor kurzem durchblicken lassen, daß er noch nie Gälisch gehört hat. Ich habe ihm da gesagt, daß ein Blick auf die Karte einen ersten Eindruck von der Sprache liefert - insbesondere unwichtigere Ortsnamen haben keine englische Umschreibung. Und die Straßenschilder in Ullapool sind alle zweisprachig angegeben. - Aber davon weiß man natürlich nichts über die Aussprache. Vielleicht haben wir heute ja Glück, und wir treffen unterwegs jemanden, mit dem wir ein paar Worte wechseln können.

"Ist jetzt mit deiner Teilnahme am Projekt alles gebongt?" frage ich Erwin, als wir vom Kai aus losmarschieren.

"Jaja, alles in Ordnung," lacht er, erleichtert, daß ich nicht das Thema Irene anspreche, "Das war in Brüssel einfacher als in Gonbach."

"Du mußtest deine Frau überzeugen?"

"Jaja. Ich mußte sie überzeugen, daß das ganz ungefährlich ist und daß man dabei nicht zu Schaden ..."

Kurze Pause. Erwin schluckt. Nicht das Thema. Das war doch unsere unausgesprochene Übereinkunft.

"Hast du's ihr gesagt?" fragt Cordula ihn, mit einem Wink in meine Richtung. Trampel!

"Nein. Eigentlich nicht."

"Zensur, wohin man sieht." Vielleicht ist mein Lachen gezwungen. "Wißt ihr, wozu ich Lust habe? Mich mal wieder richtig volllaufen zu lassen!"

"Warum hast du's nicht längst getan?" fragt Cordula.

"Ich habe nicht dran gedacht. Wirklich nicht. - Ich bin jetzt erst auf die Idee gekommen! - Aber das war nur eine prinzipielle Idee. Heute wollen wir mal ein bißchen marschieren. Es ist immer noch so ein Kaiserwetter - das muß man hier ausnutzen. Außerdem möchte ich unsere Bewacher ärgern. Wir müßten so wandern, daß es nicht möglich ist, sich irgendwo mit einem Feldstecher bequem hinzuhocken und uns zuzusehen, wie wir mühsam einen Berg raufkraxeln."

Unsere Wanderung an diesem Tag wird nicht sehr ausgedehnt. Kaum paßt man ein paar Tage nicht auf, ist schon wieder sehr viel passiert. Das soziale Leben an Bord beginnt - der Alltagshickhack. Als wir den Bergrücken zwischen dem Glen Achall und dem Loch Broom besteigen, wobei wir zunächst denselben Weg wie vor vier Tagen nehmen, wenn auch deutlich langsamer - erfahren wir von Cordula, daß sie bereits mit der Natalie Yar aneinander geraten ist. Es war in der Schiffskantine. Cordula wollte sich eines der Fertiggerichte warm machen.

Mark Dauphin hatte ja schon darauf hingewiesen, daß dieser Apparat in der Schiffsküche sehr kompliziert zu bedienen ist. Also wollte Cordula, als sie sah, daß ihr die Bedienung nicht auf Anhieb klar war, vermeiden, daß sie etwas kaputt macht. Also jemanden fragen.

"Das ist vernünftig." werfe ich ein.

"Das meinst du!" sagt sie und erzählt weiter.

Eine Handvoll Leute saßen in der Kantine, darunter nur eine Frau: Natalie Yar. Sie aß alleine. Cordula fragte sie um Hilfe.

"Die hat mich angesehen, als ob ich blöd wäre. Dann hat sie mir die Bedienung der Maschine erklärt - aber wie einem kleinen Kind. Als sie sich wieder hingesetzt hat, hat sie noch eine Bemerkung darüber losgelassen, daß ihr Essen kalt geworden ist. Aber so laut, daß alle es hören konnten!" erzählt sie.

"Sieht so aus, als ob das ein Fehdehandschuh war!" sage ich.

"Aber was habe ich ihr denn getan?"

"Vielleicht war es gar kein Fehdehandschuh. Vielleicht geht sie immer so mit anderen um?" schlägt Erwin vor.

"Ich werde es herausfinden," sage ich, "ich frage sie einfach auch. Und wenn sie das überwunden hat, dann fragt Erwin sie noch einmal. - Vielleicht können wir noch jemanden finden, der sie nach der Bedienung dieses Gerätes fragt!"

"Ja," sagt Erwin, "und dann, wenn sie den ersten Bissen in den Mund steckt, geht Cordula noch einmal zu ihr und sagt, sie hat es schon wieder vergessen, wie man das macht, und ob sie es ihr nicht noch einmal zeigen könnte!"

Eine erheiternde Vorstellung. An sich sollte man vermeiden, daß in so einer Gruppe wie in dieser Besatzung jemand zum Sündenbock für alle wird - die Tendenz dazu ist immer da. Aber diese Unterhaltung bleibt unter uns, und außerdem glaube ich nicht, daß es die Yar wird. Zu attraktiv. Ein attraktives Mädchen ist nie lächerlich, egal, was sie Blödes anstellt. Und sie würde sofort einen Verteidiger finden, wenn man über sie lacht.

"Und wenn es Seltsam sein wird!" sagt Erwin, als ich meine Gedanken formuliere.

"Mit großem 'S', nicht wahr! - Aber im Ernst: wer wird es werden? Der allgemeine Sündenbock, meine ich. Wollen wir vorher eine Wette machen?"

Wir sind uns darüber einig, daß niemand so richtig für diese Rolle prädestiniert ist. Außerdem sind die Expeditionsmitglieder ein Heer von Individualisten.

"Ich glaube nicht, daß es sowas geben wird." sagt Cordula und bleibt wieder mal stehen, "Seht doch, wie unscheinbar unser Boot ist!"

In der Tat. Wie wir auf der Karte feststellen, haben wir jetzt die Südflanke des Gipfels des Maol Calaisceig erreicht und damit eine Höhe von 302 Meter über dem Meer gewonnen, wie die Karte sagt - fortschrittlicherweise tatsächlich in Metern und nicht in Fuß. Es war ganz schön anstrengend, weil wir uns selbst erst einen Pfad durch den Schnee bahnen mußten - da ist jeder Vorwand, stehenzubleiben, willkommen. Die CHARMION, die als einziges von den Schiffen da unten im Hafen von Ullapool fast vollständig unter Wasser ist, ist kaum zu erkennen. Der Kai, an dem sie liegt, scheint leer.

"Viel mehr als der potentielle Sündenbock interessiert mich ein anderer." sage ich. Die beiden wissen, wer gemeint ist.

"Nehmen wir mal an," sagt Erwin, "wir wüßten in dieser Sekunde, wer es ist. Was machen wir? Gehen wir zum Käptn ..."

"Wenn der's nicht selber ist!" wirft Cordula ein.

"Jaja. Auch möglich. Aber was würden wir überhaupt tun können? Wo beschweren wir uns - so ganz ohne Beweise?"

"Das möchte ich auch wissen." murmelt Cordula.

Die beiden haben verdammt recht. Diese Dateien sind keine Beweise. Die hätte ich selber schreiben können. Computerspeicher sind geduldig, vielleicht sogar noch geduldiger als Papier, da eine Information in einem Computer mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit überhaupt je angesehen wird als vergleichsweise etwas auf Papier gedrucktes, und so die Wahrscheinlichkeit einer nachträglichen Korrektur noch geringer ist. - Bits und Bytes sind geduldig, muß es heute heißen.

Dabei fällt mir ein, daß Irene auch eine 36-64-er Speichereinheit mit diesen Dateien mit sich führte. Die liegen jetzt wahrscheinlich auch auf dem Grunde des Kyle of Durness. Es macht für uns keinen Unterschied.

"Ich glaube," sage ich, "wir können nichts tun. Entweder, man wird uns, ohne richtige Beweise, nicht glauben - also Polizei und Staatsanwaltschaft - oder wir landen mit unseren Eingaben ausgerechnet bei der Dienststelle, in der das alles ausgebrütet wurde. Wissen wir, wer dahinter steht? Und wieviele es sind? In welchen Positionen?"

"Jedenfalls wissen wir, wozu sie in der Lage sind." stellt Erwin fest. Er glaubt also auch nicht an einen Unfall.

"Ja. Genau. Ich glaube nicht, daß wir jetzt etwas tun können. - Die Augen offenhalten - das können wir. Vielleicht fällt uns unterwegs etwas ein."

"Oder dem fällt etwas ein, wie er uns zum Schweigen bringen kann. Ich bin nicht dafür, einfach abzuwarten!" protestiert Cordula.

"Ja, was willst du denn tun? Einen Bericht für den SPIEGEL oder FOCUS oder TIME schreiben? Das probiere mal!"

"Willst du dich denn überhaupt nicht wehren?"

"Wir können nicht! Wir wissen nicht, wer der Gegner ist! - Überleg doch mal: Was die Behörden der EG wie die Pest fürchten ist, daß jetzt jemand diese Dinge in die Welt hinausposaunt. Wir reden nicht so schnell unüberlegt daher, wie Irene das getan hat, und wir sind demnächst aus der Welt. Für eine ganze Zeit. Vielleicht kommen wir sowieso nicht zurück. Bei uns eilt es nicht mit dem Beseitigen. Aber die Irene sollte die ganze Zeit über hierbleiben! Wer weiß, was ihr alles eingefallen wäre, was sie hätte weiterverbreiten können! Spätestens, wenn wir ihr nicht schnell genug zurückgekommen wären! - Der Unbekannte kannte sie nicht, also mußte er auf Nummer Sicher gehen!"

"Aber es war keiner von unserer Besatzung. Die waren alle im Zelt. Außer Wellington. Der war noch nicht wieder zurück."

"Cordula, das wissen wir auch nicht so genau. Mir wäre nicht aufgefallen, wenn einer gefehlt hätte. Und den Pater vergißt du zum Beispiel auch, der war auch noch nicht in Ullapool. Aber ich glaube, daß niemand von der Besatzung seine eigene Hand im Spiel hatte. Daß die Irene sich so verplappert hatte, ist schon eine ganze Weile her. Diese Information, daß da jemand ist, der oder die zuviel weiß, kann durch Dutzende von Dienststellen gelaufen sein. - Vielleicht hat - oder hätte - unser Mann vor Ort gar nicht so drastische Maßnahmen unternommen. Es ist ganz woanders beschlossen worden, und jemand anderes hat es gemacht!"

"Das bestätigt doch, was ich sage! Wir müssen etwas tun, um am Leben zu bleiben!"

"Tun wir ja auch! Ich glaube, wenn wir unterwegs sind, sind wir sicherer. Cordula, ich verstehe dich ja. Gestern hätte ich den Adressaten von q78q99q mit eigenen Händen umgebracht, wenn er sich mir zu erkennen gegeben hätte. Aber der ist ein Handlanger, ein kleines Licht wie wir! Das ist mir jetzt aufgegangen. Der macht seine Arbeit, hat vielleicht noch nie darüber so richtig nachgedacht! Oder fast nie. Und es kann sogar sein, daß er selbst diese Direktive gar nicht gutheißt. - Ich glaube, solange wir ihm nicht im Wege sind, sind wir sicher. - Hoffe ich. Ziemlich sicher, weil - der ist ja jetzt Mitwisser einer Straftat und macht sich auch deshalb schon strafbar. Ich weiß wirklich nicht genau, was wir von dem zu erwarten haben. Ich glaube, er hält erst einmal still. - Ja, das glaube ich."

"Und wenn wir wieder zurück sind? Zu Hause?" fragt Erwin, "Dann sind wir ja eigentlich immer noch gefährdet!"

"Vielleicht mehr als jetzt!" sage ich.

"Jetzt wissen wir immer noch nicht, was wir tun." faßt Cordula zusammen.

"Beweismittel sammeln. So sicherstellen, daß es nichts nützt, wenn wir umkommen. - Nebenbei, der Unbekannte kann bis jetzt noch gar nicht wissen, wer außer Irene konkret etwas wußte. Er muß nur annehmen, daß ich als ihr Ehemann etwas weiß. Aber ihr beide seid eigentlich noch viel weiter von jedem Verdacht entfernt."

"Wenn wir nicht abgehört worden sind." sagt Cordula, "Denk an unsere alte Firma!"

"Wenn wir nicht gerade abgehört werden. Auch in diesem Moment ist das möglich. Hast du noch nie etwas von Richtmikrophonen gehört? - Also, ohne Risiko geht jetzt gar nichts mehr. Aber wir können's minimieren. Augen offenhalten. Informationen sammeln und sicherstellen. Mehrfach sicherstellen. Cordula, und du auch, Erwin: Denkt euch Schlüssel aus. Schickt sie zu euch nach Hause. Damit können wir Dinge in den Bordrechnern verschlüsselt aufbewahren, die man auch entschlüsseln kann, wenn wir nicht zurückkommen - sollten."

"Ne, das mach ich nicht," sagt Erwin entschieden, "ich habe Familie. Wenn diese Leute rauskriegen, daß bei uns zu Hause ein Schlüssel oder gar richtiges Belastungsmaterial rumliegt ... und gerade hast du gesagt, genau jetzt könnte jemand ein Richtmikrophon auf uns gerichtet haben!"

Cordula hat ähnliche Bedenken. Eigentlich haben sie ja auch recht - in erster Linie wollen wir selbst leben und nicht nur Beweismittel hinterlassen, die sich am Ende niemand ansieht, weil wir nicht mehr dabei sind, um darauf hinzuweisen.

Weil wir einen wirklich genialen Einfall nicht haben, steigen wir weiter, in Richtung Osten. Vielleicht erreichen wir heute noch den Gipfel des Beinn Eilideach. Das sind bloß 260 Meter mehr.

Dabei fällt mir ein, daß ich seit unserer Ankunft in Ullapool vor einer Woche ziemlich faul war: Keinen einzigen Lauf habe ich gemacht. Dabei bin ich eigentlich ziemlich diszipliniert in diesen Dingen, und kaum ein Monat vergeht, ohne daß ich meine 127 Kilometer laufe. Etwa drei Läufe mit je 10 Kilometer pro Woche, oder drei Marathonstrecken in jedem Monat. Früher, vor 1991, waren es sogar 167 Kilometer in jedem Monat.

Letzten Donnerstag hätte ich Zeit gehabt, aber da war das Wetter so schlecht. Und am gerade vergangenen Sonntag war Irene schon tot, und ich habe überhaupt nicht daran gedacht. Was, wenn nicht das, entschuldigt das Ausfallenlassen eines Laufes?

Laufen. Da tue ich ja nicht nur für mich, weil ich Angst vor der Unfitness habe, die eine Vorstufe zum Siechtum ist. Das tue ich - das tat ich - für Irene, damit sie nie einen kranken Mann zu bemuttern hat. Soweit man das mit einem gesunden Lebensstil in der Hand hat. - Jetzt ist diese Motivation nicht mehr da. Ist der Rest an Motivation tragfähig genug? Ich weiß es nicht. Ich habe 1983 angefangen, zu laufen - dasselbe Jahr, als ich Irene kennenlernte: als Alleinstehender hatte ich noch nie Sport getrieben.

Jetzt wäre das Wetter ideal zum Laufen, aber es wäre natürlich Cordula und Erwin gegenüber unhöflich, sie an diesem Tage allein zu lassen, wenn sie ihn besser in Gesellschaft genießen können. Außerdem - wo läuft man in Ullapool wohl hin? Die Hauptstraße entlang, nach Norden oder nach Südosten? - zuviel Verkehr. Der einzig gescheite Weg ist der an den Steinbrüchen vorbei und nach Loch Achall.

Da will ich jetzt aber nicht hin.

Wir erreichen den Gipfel des Beinn Eilideach am frühen Nachmittag, obwohl er nur wenige Kilometer Luftlinie von Ullapool entfernt ist. Von hier aus sieht man von unserem Boot gar nichts mehr, und Ullapool sieht so aus, als sei es auf einer zufälligen, flachen Anschwemmung einer kleinen Sandhalbinsel gebaut - so, als ob ein nur mittelmäßiger Tidenhub es schon wieder hinwegschwemmen könnte.

Und wie so oft denke ich, wie es wäre, gerade hier aufgewachsen zu sein und von diesen komplizierten Dingen nichts zu wissen, seit frühester Kindheit Inverness für den Anfang der großen Welt zu halten und Edinburgh für den Mittelpunkt derselben, von den unbedeutenden Ländern am Rande der Welt schon mal gehört zu haben, etwa von Europa und den USA, und im übrigen mein Leben von Wind und Wetter bestimmen zu lassen und jeden in Ullapool persönlich zu kennen.

Heute aber fällt es mir schwer, diesen Klimmzug der Phantasie zu machen - wir sind mitten in unserer eigenen Existenz drin. Damit haben wir im Moment genug zu tun. Und weil wir das haben, sind wir auf dem Rückweg, den wir bald antreten müssen, weil es früh dunkel wird, ziemlich still.

Diese Nacht werden wir schon an Bord verbringen. Und morgen wird vor dem Frühstück kein Landgang möglich sein. Deshalb entscheiden wir uns, ein Pub aufzusuchen. Wir trinken wenig und reden noch weniger. Trotzdem wird es sehr spät, als wir endlich zum Kai gehen und das Boot betreten. David Aldingborg läßt uns ein und erzählt nebenbei, daß noch lange nicht alle im Boot sind. Das Sicherheitspersonal am Kai wird diese Nacht noch zu tun haben.

Einen Moment noch gehen wir zusammen in die Schiffskantine. Leer. Wer jetzt Gesellschaft sucht und sonst nichts zu tun hat, ist an Land.

Ohne weitere Worte verziehen wir alle uns in unsere Kabinen.


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        21.     Auf See


Ich hatte es solange wie möglich hinausgeschoben, aber in dieser Nacht war ich das erste Mal vollständig in dieser lächerlich kleinen Kabine zuhause. Weil ich meine Sachen schon vorher eingeräumt hatte, blieb wenig zu tun übrig, als sich schlafen zu legen.

Ausziehen und Klamotten verstauen geht in einem Volumen einer Telefonzelle. Dann Rumexperimentieren mit der Einstellung der Klimaanlage und der Beleuchtung - ich pflege bei Licht zu schlafen. Als ich feststellte, daß ich mir jede Temperatur und Luftfeuchtigkeit, die ich mir wünschen könnte, einstellen kann, war ich es zufrieden. Nicht einmal Fehlbedienungen waren möglich, man konnte zum Beispiel den Luftdurchsatz nicht versehentlich auf Null stellen, aber wer wollte, würde sich eine leichte Brise durch die Kabine wehen lassen können. Auch mit dem Waschen würde ich wohl bald soweit sein, instinktiv zu wissen, bei welchen Bewegungen man sich wo die Knochen anstößt und wie man die Verteilung der nassen und der blauen Flecken optimieren kann.

Dann kletterte ich in mein Bett hinauf. Als ich lag, fiel mir das erste Mal auf, wie still dieses Schiff war. Ich hörte weder etwas von Dr. Morton, die die Koje unter mir hatte, noch von Cordula, deren Koje in der Verlängerung des FußEndes meiner Koje war, noch von Wellington, dessen Koje zwar in der anderen Kabinenzeile war, der aber nur einen Meter von mir entfernt schlief. Hervorragende Schallisolierung. Ich konnte mich also in der Koje hin- und herwerfen, wie es mir beliebte.

Ich überlegte mir, ob ich das Interkom ausprobieren sollte, um mit Cordula zu sprechen, aber eventuell würde sie das falsch auffassen. Sie lag ja auch schon im Bett. Außerdem war ich zu müde.

Befriedigt stellte ich fest, daß mich der Gedanke, jetzt etwas mehr als zwei Meter unter dem Wasserspiegel zu schlafen, nicht im geringsten störte. Es hatte ja auch dauernd jemand Wache - demnächst auch ich, denn mit Beginn der eigentlichen Fahrt wird das wissenschaftliche Personal in solche Aufgaben mit einbezogen.

Im Einschlafen dachte ich an eine Kissenschlacht. Vielleicht war so etwas möglich, wenn man die VerbindungsÖffnungen zwischen den Kabinen aufmontieren würde. Aber zum Werfen ist hier einfach nicht genug Platz. Ich erinnerte mich auch an eine Szene aus dem Film 'Manche mögen's heiß', in der ein halbes Dutzend echte Mädchen und ein nicht ganz so echtes in einem einzigen Bett eines Schlafwagens eine Party feiern - jetzt, in der Retrospektive, kommt mir das sehr geräumig vor.

Dann dachte ich daran, daß ich diese Nacht sowieso alleine geschlafen hätte - aber daß Irene doch noch irgendwo gewesen wäre. Keinen Kilometer entfernt. Wenn ich eine Neigung zu Wirklichkeitsfluchten hätte, könnte ich jetzt versuchen, mir genau das einzubilden. Aber ich versuchte es nicht. Es wäre eine Art Verrat an Irene gewesen, ihren Tod so einfach wegzuleugnen. Und dann springt mich die Erinnerung wie aus einem Hinterhalt an, und ich liege wie erstarrt. Und trotzdem schlafe ich irgendwann ein.

Ein sanfter Glockenschlag. Der Situation Screen. Aufwachen, die Alpträume sind wieder weg, aber nicht die Erinnerungen an Tatsächliches. - Wenn ich doch dreißig jahre jünger wäre, und an dieser Expedition mit der Unbeschwertheit der Jugend teilnehmen könnte! Die Erwartung des großen Abenteuers - das geht nicht mehr so richtig. Oder liegt das daran, daß wir das große Abenteuer ja tatsächlich schon gehabt haben? Welche Steigerung ist noch möglich, wenn man tatsächlich schon in der Welthöhle gewesen ist?

Es ist 06:30 Uhr. Wer hat eigentlich entschieden, daß wir so lange vor dem Ablegen aufstehen müssen?

Eine halbe Stunde später bin ich in der Kantine. Sie ist brechend voll. Der größte Teil des wissenschaftlichen und des nautischen Personals ist da. Einigen sieht man die durchzechte Nacht an. Ich setze mich, nachdem ich mich mit einem Fertigfrühstück versorgt habe, zu Erwin und Cordula, die mir einen Platz freigehalten haben. - Die Yar durch dumme Fragen zu ärgern, wie wir uns das gestern überlegt haben, dazu habe ich jetzt keine Lust. Außerdem sieht sie auch wie ein ungemachtes Bett aus - ein Blick auf jemanden, der gerade aufgestanden ist, zeigt, was für ein Widerspruch in sich der Begriff 'Schönheitsschlaf' ist.

"Was tun wir eigentlich - jetzt, wenn es losgeht?" fragt Erwin mit vollem Mund.

"Das ist in unseren Verträgen nicht sehr genau spezifiziert." sage ich, "Ich glaube, unsere Verträge sind da auch etwas unterschiedlich. Wenn wir hier mit dem Essen fertig sind, gehen wir in unser Labor hinauf, suchen uns einen bequemen Stuhl und schlagen die Zeit tot. Ihr beide werdet gebraucht, wenn irgend etwas mit der Bordsoftware schief geht. Solange nichts akutes anliegt, könnt ihr hacken oder knacken."

"Oder was?" fragt Erwin.

"Knacken! Umschreibung für 'Schlafen'! War das bei euch in euren Einheiten früher nicht üblich?"

"Ich war nicht beim Bund!" sagt Erwin.

"Ach so. Cordula vermutlich auch nicht. Naja. Es reimte sich ja nur so schön. - Also. Ihr steht in Lauerstellung. Ich eigentlich auch, aber bei mir ist es mehr die Kenntnis der Welthöhle. Ich habe also eigentlich überhaupt nichts zu tun. Erstmal. - Ja, und dann - verschiedene Routinetätigkeiten an Bord werden ausschließlich vom nautischen Personal erledigt, so daß wir damit nichts zu tun haben - ja, und dann habt ihr sicherlich schon gemerkt, daß alle beim Wacheschieben drankommen. Das sind immer acht Stunden. Wenn man die acht Stunden von Mitternacht bis acht Uhr morgens hat, dann kann man den darauffolgenden Tag durchschlafen."

"Den ganzen Tag lang?" fragt Erwin.

"Natürlich - außer, wenn etwas besonders Dringendes vorliegt. Aber ich wette, daß du in diesen Kabinen ruhiger schlafen kannst als bei dir zu Hause, wo vier Kinder über dich hinwegturnen!"

Fast hätte ich mir die Zunge abgebissen - zwei Plätze weiter sitzt Dr. Salzbach, der seine Familie bei diesem Verkehrsunfall verloren hat. Er kann uns hören. Da sollten wir vielleicht das Gespräch nicht gerade auf Familie und Kinder bringen. Aber er scheint nicht zu reagieren und beschäftigt sich mit großem Ernst mit seinem Frühstück, als ob es das Wichtigste auf der Welt ist. Vielleicht ist es das für ihn im Moment auch. Vielleicht, wenn man vergessen will - wie ich in diesem Moment Irene. Ich schiebe den Gedanken rasch weg.

"Also," fahre ich fort, "ich lasse es auf mich zukommen. Alte Erfahrung: Niemals vordrängeln, wenn man glaubt, man hätte nichts zu tun und jeder dürfe das wissen. Dann dauert es nicht lange, und man hat zu tun. Ihr wißt doch: 'Geh nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst.'"

Einen Moment reden wir wieder nichts, weil bei ungefähr dreißig Personen manchmal ein interessanter Effekt eintritt, der bei wesentlich mehr Menschen schon nicht mehr möglich ist: Zufällig sagt in einer Sekunde niemand etwas. In das allgemeine Gemurmel bricht eine überraschende Stille ein, wegen dieser Stille aber redet keiner weiter, selbst, wenn er gerade mitten im Satz war. Das ist jetzt gerade passiert. Eine Sekunde, zwei, drei.

"In Ordnung," sage ich, so daß es jeder hören kann, "schweigen wir von etwas anderem!"

Und das reicht schon aus, den Bann zu brechen. Zwei oder drei lachen, andere nehmen in dieses Lachen hinein ihr Gespräch wieder auf, und schon ist das allgemeine Gemurmel, das die Privatheit unserer Gespräche leidlich sichert, wiederhergestellt.

Niemand scheint besondere Eile zu haben. Als es auf acht Uhr zugeht, verschwinden nach und nach die meisten. Um 07:45 taucht plötzlich Ralf Fahlenbeek auf, sieht sich genau um und verschwindet dann wieder.

"Ein bißchen spät, wenn er jetzt erst die Vollzähligkeit überprüft haben sollte!" meint Erwin, "Tja - gehen wir dann nach oben?"

"Das Ablegen können wir auch hier verfolgen." sage ich, "Aber du hast recht. Gehen wir nach oben."

Oben, im Computerraum, sind wir ganz für uns. Jeder andere an Bord hat entweder nichts oder woanders etwas zu tun. Ich rechne kurz nach, ob dieser Raum für ein so kleines Schiff ungewöhnlich leer ist. Aber das kann man eigentlich nicht sagen. Trotz seiner Länge hat dieser Raum weniger als ein Zehntel des Schiffsvolumens. Und wir sind ein Zehntel der Besatzung.

"Die Zentrale wird ziemlich voll sein, denke ich." stelle ich fest, "Ist das nicht paradox? Wir drei, hier allein - wie in alten Ada-Compiler-Zeiten! Nur der Aloisius fehlt noch."

"Der hat doch Familie!" stellt Cordula fest.

"Na und? Erwin doch auch! Hättest den Aloisius anrufen und ein paar Geheimnisse verraten sollen - vielleicht hätten sie ihn dann auch einkassiert und zum Mitfahren gezwungen!"

"Sie haben mich aber nicht gezwungen!" erwidert Erwin. Wir haben uns in drei der Sessel niedergelassen und beobachten nebenbei den Situation Screen. Ob Cordula sauer ist wegen meiner Bemerkung?

"Das weißt du nicht, was sie getan hätte, wenn du nicht gleich mitgefahren wärest." sage ich, "Vielleicht hättest du es versuchen sollen, und sie hätten es erst einmal mit noch ein bißchen mehr Geld probiert!"

"Habe ich mir auch schon überlegt," sagt Erwin, "leider erst nachher."

07:55 Uhr. Noch fünf Minuten bis zum planmäßigen Ablegen. Auf dem Situation Screen ist eine Unterwasseraufnahme der Kaimauer zu sehen. Sie bewegt sich nicht.

"Können wir nicht oben zusehen?" fragt Erwin.

"Wo oben? Dieses Boot fährt nicht mit offenen Luken. Wir haben keinen Turm! Bei Schrittgeschwindigkeit würde uns schon das Wasser hineinstürzen, und bei Wellengang erst recht. Und in dieser Gegend ist immer Wellengang!"

07:58 Uhr. Eine Bemerkung auf dem Situation Screen belehrt uns, daß die Luken dicht sind.

"Der Alte will aber pünktlich losfahren!" stelle ich fest, "Und mit dem SISC sorgt er dafür, daß das auch wirklich alle merken."

"Welcher Alte?"

"Cordula! Bis du denn nie zur See gefahren? 'Der Alte', das ist immer der Kapitän! - Außerdem ist er hier wirklich alt. - Wenn du mal 'Das Boot' von Buchheim lesen solltest, wirst du erfahren, daß die Alten der Kriegs-U-Boote um die 25 waren. Der 'Alte' auf Buchheims Boot, der war wirklich alt - der war nämlich schon 32! Und die Mannschaften waren in den frühen Zwanzigern. Rekruten eben. So jung ist kaum jemand an Bord!"

"Doch. Manche sind viel jünger. Vivian zum Beispiel. Sie ist 19." meint Erwin.

"Woher weißt du das, als verheirateter Familienvater?"

"Ihr habt es mir erzählt."

"Haben wir das? Cordula, haben wir das wirklich? Haben wir diesem verantwortungsbewußten Familienvater explizit und mit besonderem Nachdruck so auf das weibliche Jungvolk an Bord hingewiesen, daß ihm das gerade jetzt einfällt?"

Cordula geht darauf nicht direkt ein: "Die meisten Bootsleute sind jünger als wir. Die 'Wissenschaftlichen', das sind im wesentlichen die 'Grufties'."

"Ach ja. Danke." sage ich. So wird man wieder auf das eigene Alter hingewiesen. Es gibt zwei Theorien bezüglich des Ausdruckes 'Gruftie'. Die eine sagt, daß alle dazu gehören, die über dreißig sind, die andere, daß man erst mit vierzig dazugehört. - In unserem Alter ist diese Unterscheidung natürlich absolut belanglos.

Punkt acht Uhr. Auf dem Situation Screen läuft die Missionszeit an. Und ganz langsam scheint die Kaimauer sich zu entfernen. Ein Fenster klappt auf und eine schematische Landkarte des Loch Broom wird sichtbar. Nach einer weiteren Minute ist es sicher, daß wir uns tatsächlich vom Kai entfernen. Er wird immer verschwommener. In einem weiteren Fenster wird jetzt das Bild einer Kamera eingeblendet, die sich ganz oben, gleich unter dem Laufsteg und neben einer der Kollisionsschienen, auf dem Boot befindet. Sie ist praktisch nur Zentimeter von der Wasseroberfläche entfernt und wird dauernd wieder überspült. Aber in den Intervallen dazwischen ist das Bild überraschend klar, und ich versuche, mich zu erinnern, mit welchen technischen Tricks die Frontlinse der Kamera klargehalten wird. Ich habe es doch bestimmt schon gehört, aber ich kann mich nicht erinnern.

Gerade will ich bemerken, daß jetzt in der Welthöhle die Schlafperiode anfängt - der SISC sagt es so. Aber ich sage nichts, denn das ist eine der vielen, kleinen, belanglosen Bemerkungen, wie man sie unter Eheleuten dauernd austauscht, wie 'Es wird regnen. Die Schlafperiode in der Welthöhle fängt jetzt gerade an. Wir müssen mal wieder die Fenster putzen.' Ich hätte es zu Irene gesagt, wenn sie jetzt da wäre.

Aber Irene ist nicht mehr am Leben.

Der Kai driftet nach rechts. Die CHARMION nimmt Fahrt auf.

Und man hört nichts. Der Boden vibriert nicht, und er schwankt nicht. Das Schiff rollt nicht und es stampft nicht. Was für ein Boot!

"Wie hast du damals gesagt, Cordula? Als ich das erste mal dieses Boot betrat? 'Vergiß alles, was du über U-Boote weißt!' Wie recht du hattest!"

Erwin macht sich an einer der Konsolen zu schaffen. Ich auch, aber nur, um mir das betreffende Bild formatfüllend hereinzuholen. Die Kamera zeigt die Steuerbordaussicht, deshalb werden, wenn wir Ullapool umrunden und Kurs auf die offene See nehmen, die Berge hinter Ullapool in Sicht kommen, und der Einschnitt des Tales, in dem das Loch Achall liegt. Wenn Irene jetzt dort, in dem B&B der Peukerts, auf dem Balkon stehen und das Auslaufen des Bootes beobachten würde! Wir müßten sie auf den Bildschirmen gerade eben sehen können. Ich drehe meinen Sitz etwas zur Seite, so daß die anderen merken, daß ich nicht mehr sprechen möchte.

Es ist eine alberne Hoffnung, die da plötzlich aus einer Ecke meines Bewußtseins aufspringt. Sie ist doch nicht tot, sondern, nach langem Marsch vielleicht, wieder in der Zivilisation aufgetaucht, und jetzt, gerade nach unserem Ablegen, wieder in Ullapool angekommen. Früher ging es eben nicht. Sie hat das Zimmer wieder genommen und steht jetzt auf dem Balkon, um uns auslaufen zu sehen.

Ich brauche ja nur den Bildschirm anzusehen, um zu wissen, daß es nicht so ist.

Die CHARMION erreicht etwa zehn Knoten und hält diese Geschwindigkeit. Dabei hebt sie sich aus strömungsdynamischen Gründen etwas weiter aus dem Wasser, und die Kameras unter dem Laufsteg sind die meiste Zeit nicht mehr überspült. Gerade, als sich der Einschnitt des Glen Achall ins Bild schiebt, sprudelt das Wasser im Vordergrund auf. Sekunden später rauscht das Wasser über die Kamera, und die Aussicht ist weg: Die Tauchzellen außerhalb des Druckkörpers sind vollgelaufen. Das Boot taucht. Jetzt ist auch vorübergehend eine leichte Abschüssigkeit des Bodens in Richtung Kantine festzustellen.

Ein sehr sachter Tauchvorgang, nicht so etwas wie das panische Abtauchen verfolgter Kriegs-U-Boote. In diesem Boot gibt es zwei Typen von Tauchzellen: Diejenigen innerhalb des Druckkörpers, die das Gewicht des Bootes von etwas weniger bis etwas mehr als das Gewicht des verdrängten Wassers variieren können, und zwar sowohl für SüßWasser als auch für Meerwasser. Diese Tauchzellen können gegen hohen Außendruck ausgepumpt werden und funktionieren in jeder Tiefe. Ihr Vorteil ist auch, daß ihre Wirkung nicht wasserdruckabhängig ist, ihr Nachteil, daß sie wertvollen Platz innerhalb des Druckkörpers verbrauchen. Diese Tauchtanks, im Zusammenspiel mit den Trimmtanks, können das Boot in jede Position mit jedem Nick- Roll- und Gierwinkel bringen und halten.

Die Tauchzellen außerhalb des Druckkörpers hingegen werden normalerweise nur verwendet, um das Boot bei Überwasseraufenthalt oder im Hafen weit genug aus dem Wasser zu heben. Sie können durch Öffnen von wartungsfreien Magnetklappen sehr schnell geflutet werden. Ihr Inhalt von 160 Kubikmetern ermöglicht, das Boot etwa 1.35 Meter aus dem Wasser zu heben. Sie sind jedoch absolut ungeeignet, wenn man mit ihnen unter Wasser manövrieren wollte. Wenn zum Beispiel diese äußeren Tauchzellen teilweise mit Wasser gefüllt sind, und man erhöht die Tauchtiefe, dann wird die Restluftblase durch den höheren Druck zusammengedrückt, und der Auftrieb nimmt rapide ab. Das heißt, daß das Boot, mit dem man eben nur ein bißchen zusätzliche Tiefe gewinnen wollte, dazu neigt, jetzt erst recht abzusinken. Und wenn man steigen will, steigt der Auftrieb auch rascher als man das eigentlich möchte, weil sich die Restluftblasen ausdehnen und der Auftrieb so anwächst.

Erst bei sehr großen Tiefen fällt diese Wirkung zwar noch spürbar, aber nicht mehr sehr drastisch ins Gewicht. Wenn man aber in großen Tiefen mit den äußeren Tauchzellen manövrieren wollte, brauchte man immense Mengen Gas, um sie zu füllen. 50 Kubikmeter Luft unter Normaldruck sind unter dem Wasserdruck von 100 Metern Tauchtiefe nur noch fünf Kubikmeter, und in Tausend Metern Tiefe sind es nur noch ein halber Kubikmeter. Soviel PreßLuft, um die äußeren Tauchzellen in großer Tiefe vollständig zu füllen, kann man gar nicht mitnehmen - diese braucht nämlich auch wieder Platz innerhalb des Druckkörpers.

Trotzdem wäre es natürlich im Notfall in jeder Tiefe möglich, auch die äußeren Tauchzellen vollständig mit Gas zu füllen, da das Boot über Einrichtungen verfügt, gelöste Gase aus dem Wasser zu extrahieren oder Wasserstoff und Sauerstoff durch Elektrolyse zu gewinnen. Mit genügend Zeit läßt sich so jede Gasmenge gewinnen. Und da die äußeren Tauchzellen nicht dicht sind, würde beim Auftauchen das überschüssige Gas aus ihnen einfach herausblubbern.

Entscheidet man sich für Elektrolyse, dann ist es natürlich unzweckmäßig, beide Gase gleichzeitig in die äußeren Tauchzellen zu pumpen. Das Boot würde sich in eine Bombe verwandeln. Man würde also entweder nur den Sauerstoff oder nur den Wasserstoff verwenden, wobei der letztere den Vorteil hätte, in doppelt so großer Menge bei der Elektrolyse anzufallen wie der Sauerstoff und auch bei höchsten Drucken ein vernachlässigbares Eigengewicht zu haben. Allerdings wäre das Erreichen der Oberfläche selber nicht ungefährlich. Für diesen Fall, wenn er denn doch mal eingetreten ist, ist die Methode der Wahl das langsame Ersetzen von dem Wasserstoff durch reinen Stickstoff, um zu vermeiden, eine Zeitlang Knallgas unter Normaldruck in den Tauchzellen zu haben. Dieses könnte bei einer Explosion den Druckkörper zwar nicht mehr beschädigen, aber alle Einrichtungen außerhalb desselben, und natürlich die Menschen, die sich auch gerade außerhalb des Druckkörpers am Boot aufhalten.

Das sind alle Möglichkeiten des Bootes, statisch seinen Auftrieb zu manipulieren. Die sogenannten 'Untertriebszellen' der alten Kriegs-U-Boote gibt es nicht. Diese Zellen pflegten bei Überwasserfahrt voll Wasser zu sein und wurden erst bei Erreichen der beabsichtigten Tauchtiefe ausgeblasen. Dadurch wurde der Vorgang des Abtauchens beschleunigt. Sowas ist nötig, wenn man sich durch Zerstören und Flugzeuge mit Wasserbomben verfolgt weiß. Aber schon ein Aufklärungs-U-Boot sollte sich nicht so weit vorwagen, daß solche überstürzten Manöver nötig werden. Und bei einem zivilen U-Boot ist das natürlich völlig unnötig.

"Sehr tief können wir nicht, solange wir noch im Loch Broom sind." sage ich. Dabei sehe ich die beiden ganz genau an. Zeigt einer Anzeichen von Beklemmung? So etwas kann man auch über sich selbst ganz überraschend erfahren. Ich erinnere mich an einen Ausflug in die Iberger Höhle im Westharz. Da hat der Führer irgendwann erwähnt, daß wir jetzt 80 Meter Fels über den Köpfen haben. Da geriet eine ältere Frau in Panik und mußte ganz schnell hinausgebracht werden. Hatte man ihr vorher nicht gesagt, daß es sich um eine Höhle handelt, die sie betreten würde?

Unsere Tauchtiefe ist nicht groß. In etwa 30 Metern pendelt sich das Boot ein. Die Geschwindigkeit steigt auf 12 Knoten - also 22 Kilometer pro Stunde. Mehr als mein doppeltes Dauerlauftempo.

Die Zeit vergeht jetzt ziemlich ereignislos. Auf den Bildschirmen der optischen Kameras ist die meiste Zeit nichts zu sehen, und das Schiff ist wieder so ruhig, als sei es ein Gebäude an Land. Um 09:00 Uhr sind wir auf der Höhe der Summer Isles, wie die schematische Karte zeigt. Nun haben wir nur noch die Äußeren Hebriden zwischen uns und dem Nordatlantik.

"Wenn es euch zu langweilig wird," sage ich, "Wir haben nicht nur die Weltliteratur in unseren Computern, sondern auch alle bekannten und weniger bekannten Filme in digitalisierter Form. Höchste Bild- und Tonqualität. Es reicht für Jahre!"

Das Public Announcment System gibt einen Gongton von sich. Dann sagt die Stimme des Alten: "Wellington. Wir werden in etwa einer Stunde unser erstes Operationsgebiet erreichen." Mehr nicht.

"Wenn wir Glück haben," sage ich, "werden wir häufiger nach Ullapool zurückkommen."

"Du meinst, wenn wir schnell etwas finden?" fragt Erwin.

"Nein. Ich meine, wenn wir überhaupt nichts finden. Das ist viel wahrscheinlicher."

"Warum?"

"Warum? Ist doch ganz einfach. In dem Geologencamp hat man es uns doch erklärt. Wenn man seismische Sprengungen machen will, dann muß man die Explosionen in festem Gestein vornehmen. Ebenso muß man die Geophone akustisch sauber an den Untergrund ankoppeln. - Hier werden sowohl Explosionen als auch die Geophone mitten im Wasser sein. Die Druckwellen werden also auf ihrem Weg nach unten erst das Wasser und dann den dämpfenden Grundschlamm passieren. Das Wasser wäre nicht so schlimm, aber was meinst du, was dann im Grundschlamm passiert?"

"Laß mich raten. Die Wellen werden gedämpft?" schlägt Erwin vor.

"Genau."

"Bist du sicher?"

"Ich habe mal Physik studiert. Ist lange her, aber ..."

"Ja, und warum sind die denn so sicher, daß es was bringt?"

"Weil es kaum etwas anderes gibt, was man sinnvoll machen kann. Wir setzen die Arbeit der Geologencamps vor der Küste fort. Und zwar sehr viel schlechter. - Und teurer. Wenn das der Steuerzahler der EG wüßte, was wir hier treiben!"

"Nun übertreib nicht," sagt Cordula, "da gibt es noch viel sinnlosere Projekte. Die SPIEGEL-Redaktion beschäftigt seit Maastricht mindestens einen halben Redakteur mit dem Thema!"

Ich überlege mir, ob ich die naheliegende Bemerkung darüber loslassen soll, daß man eigentlich keinen halben Redakteur beschäftigen kann, weil der an seinem Schreibtisch ja dauernd vom Stuhle fällt. Aber das grenzt ja schon an tiefstes Kalauer-Niveau, und so lasse ich es lieber. Außerdem kommt jemand aus der Kantine zu uns rauf. Es ist Gerald Amurdarjew. Er nickt uns zu und setzt sich, fast gleichgültig, an eine der Konsolen. Mit dem Schimpfen über Geologen oder über das Finanzgebaren der EG ist es erst einmal vorbei.

Wir schielen ihm über die Schulter. Auf seinem Bildschirm dreht sich eine dreidimensionale Darstellung, die sogar wir erkennen: Es sind die Höhlenketten, die die Geologen zu Land mit ihren hochauflösenden seismischen Messungen gefunden haben.

Gerald Amurdarjew sieht, daß wir neugierig sind: "Kommen Sie ruhig her. Schauen Sie sich das an."

Als wir hinter seinem Sitz stehen, fährt er fort: "Da sind bis jetzt ja einige Höhlenketten gefunden worden. Manche sehr undeutlich, manche deutlicher. Das Gesamtbild ist sehr unklar. Und über die Entstehung wissen wir gar nichts. Aber eine dieser Höhlenketten ließ sich bis unters Meer verfolgen. Sie müßte etwa genau auf halbem Wege zwischen den Äußeren Hebriden und dem schottischen Festland das Niveau des Meeresgrundes erreichen. - Wäre doch fein, wenn wir diese Kette finden, oder?"

"Mmh. - Und was machen wir, wenn wir sie haben?"

"Dann freuen wir uns." sagt Amurdarjew.

"Fein. - Um warum freuen wir uns?" fragt Cordula. Recht hat sie. Das möchte ich auch wissen.

"Weil das wahrscheinlich alles sein wird, was wir mit dieser Erkenntnis tun können. Die Höhlen werden nicht bis zur Oberfläche durchkommen. Längst verschüttet."

"Frustriert Sie das nicht?" frage ich.

"Mmh. - Eigentlich nicht. Ich erwarte nicht mehr. Wir arbeiten hier mit den feinsten Geräten, die Geld kaufen kann. Niemals vorher und niemals nachher wird der schottische Festlandsockel so genau untersucht werden. Das ist schon etwas. Ich werde Veröffentlichungen schreiben, die niemals jemand kommentieren wird. - Ja Zentrale?"

Das Interkom hat sich gemeldet, und Amurdarjew spricht sich mit Wellington wegen des Zielgebietes ab. Dann wendet er sich wieder uns zu:

"So denkt doch jeder hier. Wer denken kann, weiß, daß man mit diesem Boot nicht in die Welthöhle gelangen kann. Aber wer denken kann, weiß auch, daß unsere Geldgeber nicht durch die Bank auch denken können. Die wirtschaftliche Verlockung der Welthöhle ist zu groß. Und dann wird investiert. Sie versuchen eben alles. Und damit kann man schöne Wissenschaft machen. Ist doch ein schöner Nebeneffekt, oder?"

"Meinen Sie, Wellington denkt auch so?"

"Ich weiß es nicht. Offiziell natürlich nicht. Aber er ist ja nicht dumm."

"Sie glauben dann wohl auch nicht an die Welthöhle?"

"Das ist eine andere Sache. Aber ich weiß nicht. Wirklich nicht. Sie wissen ja um meine Simulationen. Es gibt Denkmodelle. Und seit ich Sie und Ihre Frau kenne, Herr Homberg - Entschuldigung. Ich habe Ihnen noch nicht mein Beileid ausgesprochen."

"Ist okay. Sie sind doch nicht verpflichtet ..."

"Ich wollte nur sagen, ich kenne Sie jetzt seit einigen Monaten. Sie sind ganz normale Menschen. Sie beide. Sie wollen und wollten sich nicht interessant machen. Sie verteidigen ihre Welthöhle nicht einmal. Das paßt alles so zusammen. Sie müssen unten gewesen sein. - Nur werden wir bloß deshalb nicht hinkommen. Genausowenig, wie wir mit diesem U-Boot den Mond erreichen können."

Er wendet sich wieder seinem Bildschirm zu: "Die Welthöhle selber - ja, das wäre phantastisch. Wirklich phantastisch. Aber ich sehe keine Möglichkeit. Nicht so, wie wir es jetzt machen."

Ich versuche, das Thema wieder auf näherliegenderes zu bringen:

"Weiß man den etwas über den Meeresgrund in dieser Gegend?"

"Ja, natürlich. Auf jeder Seekarte sind die Tiefen eingezeichnet. Der Minch ist ein langweiliges Hügelgelände mit Tiefen bis zu 150 Meter, aber auch Untiefen wie etwa die Shiant East Bank mit weniger als 40 Meter."

"Der was?" fragt Cordula.

"Der Minch ist der Meeresarm zwischen den Äußeren Hebriden und Schottland," erklärt Amurdarjew, "und normalerweise gibt es nichts, was einen Geologen hier interessieren könnte."

Wir verfolgen das ständig auf den neuesten Stand gebrachte Echolotprofil, das Amurdarjew in einem Fenster geöffnet hat. Er hat recht: Es ist wirklich langweilig.

"Die Punkte da sind von der Metallortung eingezeichnet. Wahrscheinlich Wrackteile. Oder Müll. Was von der Fähre nach Stornoway so eben mal über Bord geworfen wird. Oder von anderen Schiffen. Höhlungen dicht unter der Oberfläche würden wir auch noch mit Leichtigkeit nachweisen können - nur sind da kaum welche zu erwarten."

"Wie sähen die denn aus?" fragt Cordula.

"So wie das da, zum Beispiel." zeigt Amurdarjew auf eine rote Ringlinie, die dem Echolotbild plötzlich überlagert wird. Ohne besondere Aufregung greift Amurdarjew zum Interkom:

"Zentrale? Bei minus acht Sekunden sind wir über etwas interessantem gewesen."

"Hält der Alte deswegen jetzt etwa an?" fragt Erwin.

"Natürlich. Dazu sind wir hier!" entgegnet Amurdarjew.

Das Manöver, zu dem Fleck zurückzukommen, dauert einige Minuten und geht so lautlos vor sich wie die ganze Fahrt bis jetzt. Die rote Ringlinie enthält plötzlich eine zweite, dann eine dritte. Es sieht aus wie Höhenlinien auf einer Karte, nur sind diese Höhenlinien ständig in Bewegung, weil permanent nachgemessen wird.

Amurdarjew prüft die Angaben: "Keine Höhle. Lockeres Gestein mit vielen kleinen Höhlungen."

"Ach ja?"

"Ja. Wenn ein paar Meter unter der Grundfläche die Dielektrizitätskonstante die des Meerwassers ist, dann hätten wir eine Höhle. Hier ist es aber nicht ganz so."

Er greift wieder zum Interkom, damit wir weiterfahren können.

"Also war das nur eine weiche Stelle auf dem Grund?"

"Wenn Sie so wollen - ja."

Wieder vergeht Zeit, in der Amurdarjew konzentriert seine Echobilder inspiziert. Ultraschall mit unterschiedlichsten Wellenlängen und Radarimpulse mit unterschiedlichsten Wellenlängen beharken den Meeresboden unter uns. Außerdem werden ständig die Variationen des Erdmagnetfeldes registriert. Ebenso Variationen in der chemischen Zusammensetzung des Meerwassers. Letztere wird uns aber eher zu weiteren Müllablagerungen leiten als zu irgend etwas anderem.

10:00 Uhr. Wir sind im eigentlichen Suchgebiet für heute angekommen. Die CHARMION beginnt zu kreuzen, um das Gebiet rasterförmig aufzunehmen.

"Das" sagt Amurdarjew, "wird alles sein, was wir für lange Wochen machen werden. Das wette ich. Erst werden wir den Meeresboden im Minch vermessen, genauer als es je zuvor möglich war, dann kommen Gebiete weiter nördlich dran. Irgendwann habe ich meine Software hier dann so konfiguriert, daß ich selbst überhaupt nichts mehr tun muß, und dann werde ich mich langweilen, genauso wie alle anderen an Bord. Ich schreibe ein paar Artikel, denke mit Freude im Herzen an mein Konto, das ohne mein Zutun wächst und gedeiht, und vielleicht werde ich mit dieser Biologin etwas anfangen."

"Mit Natalie? Da werden Sie nicht ganz ohne Konkurrenz sein." stelle ich fest. Amurdarjew kommentiert das nicht. Er sieht den Bildschirm an. Gespannt oder uninteressiert? Ich weiß es nicht.

"Was soll denn drin stehen, in Ihren Veröffentlichungen?" frage ich nach einer Weile. Die CHARMION ist jetzt in einer Tiefe von 150 Metern, und der Bildschirm zeigt ein absolut flaches Stück Meeresboden 35 Meter unter uns an. Noch langweiliger geht es nicht, obwohl wir hier eine der tiefsten Stellen des Minch vor uns haben. Einen Moment lang flackert die rote Kringellinie auf und verschwindet wieder. Zehn Sekunden später passiert dasselbe noch einmal.

Amurdarjew greift in die Tasten, gleichzeitig greift er, ohne mir zu antworten, zum Interkom.

"Zentrale - da möchte ich einen Moment bleiben. - Genau da. Ja."

Das Fenster auf dem Bildschirm wird von einem zweiten teilweise überlagert.

"Radarechos aus größerer Tiefe. Das sehen wir uns mal in anderer Darstellung an. - Wahrscheinlich sind die Sedimentablagerungen hier besonders dick, aber die Diskontinuität zum festen Fels wird gerade noch von den Radarwellen erreicht. Wahrscheinlich gibt es sogar verschiedene Diskontinuitäten in verschiedener Tiefe - Änderungen der Dichte der Sedimente. Das kann der Rechner nicht mehr interpretieren, und deshalb sehen wir uns die Radarechos mal mit eigenen Augen an. Wir gehen auch ein bißchen in der Sendeleistung rauf."

"Und die akustischen Echos?" frage ich.

"Sie sehen ja - die kommen nicht durch. Diese Ablagerungen sind wie Watte. Eigentlich merkwürdig."

Ein paar Minuten später steht die CHARMION reglos 20 Meter über dem 185 Meter tiefen Stück Meeresgrund. Auf dem Bildschirm sehen wir ein zweidimensionales Zackengebirge, das ständig an Deutlichkeit gewinnt.

"Numerische Aufintegration der aufeinanderfolgenden Messungen!" sagt Amurdarjew und zeigt auf die Zacke ganz links: "Da. Das ist der Meeresboden unter uns. Das ist das deutlichste Signal. Alle anderen Signale sind schwächer, aber es gibt eine ganze Reihe davon. Das heißt, daß bis zum festen Meeresboden die Sedimente mehrfach ihre Eigenschaften ändern. Dazu kommen einige Mehrfachreflektionen, die die Auswertung nicht gerade einfacher machen: Nicht jedes Echo entspricht einer tatsächlichen Diskontinuität."

"Warum tun sie das, dieses Ändern der Eigenschaften? Sollten sich hier nicht immer ähnliche Stoffe ablagern? Die Sedimente kommen doch vom Land und werden von den Flüssen ins Meer getragen, oder?"

"Jaja, ungefähr. Aber das geschieht seit langer Zeit. Die Meerestiefe war vor langen Zeiträumen anders, die kaledonischen Gebirge waren vor Dutzenden von Millionen Jahren noch höher und so weiter. Alles ändert sich, wenn man lange genug wartet. Sie haben mich vorhin gefragt, was ich denn interessantes veröffentlichen könnte. Nun, diese Zacken hier reichen schon. Da kann man eine Veröffentlichung draus machen. - Mehrere, wenn es sein muß. Sind ja mehrere Zacken."

"Und nicht unbedingt in der Aprilausgabe?" sage ich.

Amurdarjew lacht: "Nein, das nicht! - Wir werden jetzt mal diese Ablagerungen durchschütteln."

Er greift wieder zum Interkom: "Zentrale? Ich hätte gerne eine Standardladung 50 Meter vor dem Bug und den Zündimpuls auf Synchronisationskanal. Meßprogramm läuft schon. Geht das? - Danke. Ja, ein paar Minuten können wir schon warten." Er lehnt sich zurück.

"Standardladung?" fragt Erwin.

"Kleine Torpedos, für seismische Zwecke. Spezialisiert auf sehr kurzzeitige Druckwellen und präzise Steuerbarkeit, um einen definierten Explosionsort sicherzustellen. Das hat nichts mit militärischen Anwendungen zu tun - die Dinger haben einen Durchmesser von 8 Zentimetern und einen Explosivkopf mit etwa drei Kilogramm Sprengstoff. Größere Objekte kann die Charmion unter Wasser nicht ausschleusen. Aber das braucht es ja auch nicht."

"Und wozu ist das jetzt gut?"

"Erstens wird die Druckwelle die Sedimente unter uns setzen. Zumindestens die oberen Schichten werden dadurch ihre elektrischen und akustischen Eigenschaften verändern. Zweitens ist die Explosion eine wesentlich stärkere akustische Emission als unsere Außenbord-Schallgeneratoren. Damit werden wir auch wieder Echos aus größerer Tiefe erhalten."

"Ah. Interessant." sagt Erwin. Er setzt sich, weil Cordula das auch schon gemacht hat. Ich suche mir auch einen Sitz, von wo ich Amurdarjew über die Schulter schauen kann.

Einige Minuten lang passiert nichts. Es wird 11:00 Uhr.

"Ich brauche jetzt nichts zu tun, weil die Synchronisation automatisch den ganzen MeßVorgang ..." setzt Amurdarjew an, wird aber von einem merkwürdigen Geräusch unterbrochen, das aus Richtung Kantine, also von vorne kommt: Ein dumpfes 'Whuff'. Keine zwei Sekunden später ein dumpfer Knall. Sehr verhalten und von überall kommend. Der FußBoden zittert nicht. Die Fenster auf Amurdarjews Bildschirm bauen sich neu auf.

"Das war es schon. Mal sehen."

Eine wirklich interessante Demonstration. Eine Explosion in dieser Nähe zum U-Boot würde uns in alten Weltkriegs-U-Booten ordentlich die Trommelfelle massiert haben, auch wenn diese seismischen Spezialtorpedos 20 bis 100 mal weniger Sprengstoff haben als etwa eine Wasserbombe. Aber die Stärke des Druckkörpers und die vielen schwingungsdämpfenden Einrichtungen an Bord der CHARMION sorgen dafür, daß von diesem Knall kaum etwas zu hören war.

Mindestens ebenso eindrucksvoll ist die selbstverständliche Effizienz, mit der die Rechner der CHARMION den Gewichtsverlust durch diesen Torpedo durch Umtrimmen und Wasseraufnahme in den Regelzellen wieder ausgleichen. Ich bin sicher, daß niemand in der Zentrale einen Finger rühren muß, um diese Dinge zu veranlassen - ganz im Gegensatz zu den Weltkriegs-U-Booten, wo das Umpumpen zwischen den Trimmtanks von Hand veranlaßt und wo die benötigte Wassermenge im Kopf ausgerechnet werden mußte.

Neue Fenster springen auf, mit alphanumerischen Meldungstexten. "Scheiße!" sagt Amurdarjew.

"Was ist denn?"

"Da ist irgendwo etwas in Bewegung gekommen. Das hat zusätzliche Geräusche gemacht. Nur ein paar Sekunden lang, aber die akustischen Echos sind versaut."

"Was soll denn hier in Bewegung kommen?"

"Erdrutsch!"

"Wo denn? Ist doch alles flach?"

Amurdarjew ist ungeduldig: "Es kann weiter weg sein - obwohl - nein, das glaube ich nicht. Die Reaktion war zu schnell da."

Er überfliegt die Bildschirme - er hat sich einen zweiten eingeschaltet, um gleichzeitig mehr sehen zu können.

"Es hat sich nicht viel geändert. - Hier - hört euch das an!"

Er legt das Signal der Außenmikrophone an einen Verstärker und dreht auf. Zunächst hören wir nichts, dann fernes, dumpfes Rauschen.

"Das ist Brandung!" sagt Amurdarjew, "Aber da ist doch noch etwas!"

Ich höre nicht, was er meint. Hat Amurdarjew denn soviel mehr Praxis als wir bei der Beurteilung akustischer Unterwasseraufnahmen? Er war früher doch genauso wenig wie wir an Bord eines geologisch tätigen U-Bootes! - Oder üben Geologen in ihrer Ausbildung, selbst die Signale von Geophonen anzuhören und so auszuwerten?

"Wie dem auch sei - da uns eine Störung dazwischen gekommen ist, machen wir das Ganze noch einmal." Er greift wieder zum Interkom, um der Zentrale seine Wünsche mitzuteilen.

"Wieviel von diesen Kleintorpedos haben wir denn an Bord?" fragt Erwin. Genau weiß es keiner, aber der Torpedovorrat einschließlich aller Drohnen, Kamera- und Hydrophonträger braucht einige Kubikmeter. Das können immerhin einige hundert sein. Die Dinger haben eine Länge von bloß etwas mehr als einem Meter.

"Wenn wir den ganzen Tag so rumballern, sind am Abend keine mehr da!" sage ich.

Amurdarjew scheint beleidigt: "Wir ballern nicht rum! - Normalerweise hat man mit der Auswertung eines einzelnen Schusses mehr zu tun, wenn einem nicht so ein Störsignal wie eben dazwischen kommt. - Außerdem können wir jedesmal, wenn wir nach Ullapool zurückkommen, neue an Bord nehmen."

Einen Moment ist Stille. "So habe ich das doch nicht gemeint." sage ich. Amurdarjew geht darauf nicht ein. Vielleicht hat er es auch nicht so gemeint. "Nächster Schuß kommt gleich." sagt er.

"Müssen die die Torpedos vorne erst laden?" fragt Erwin.

"Ich nehme an, einige hat man immer in den Rohren." vermute ich. Eigentlich sollten wir es genauer wissen - wir haben uns die Pläne ja lange genug ansehen müssen.

"Könnte es sein" fahre ich fort, "daß diese Störgeräusche von der Explosionsblase herrühren, die ja gleich nach der Explosion aufsteigt? Ich habe so etwas in dem Buch vom Buchheim gelesen, und in einem Buch über Unterwasserexplosionen."

"Sowas lesen Sie?" Er meint wohl das zweite Buch. "Ja. Diese Gasblase macht Geräusche. Aber nur zum Teil. Sie hat ein viel geringeres Volumen als bei militärischen Torpedos, und das Rauschen aus der aufsteigenden Gasblase liegt in einem anderen Frequenzbereich. Zum Teil wenigstens. Dazu kommt, daß Teile der Explosionsgase in wenigen Dutzend Millisekunden zu festen Stäuben kondensieren, und die wiederum dämpfen die Geräuschbildung in der Gasblase."

"Ist diese Gasblase der Grund, warum jetzt der Kohlensäuregehalt ansteigt?" fragt Erwin und zeigt auf den Situation Screen. Einen Moment lang sind wir verblüfft. Keiner von uns hat es gemerkt. Keiner von uns hat auch drauf geachtet.

"Zehn Punkte für dich, Erwin!" sage ich.

Amurdarjew greift wieder zum Interkom: "Zentrale - haben wir irgend etwas gemacht, was CO2 freisetzt? - Nein? - Nein. - Ja, natürlich haben wir es gemerkt. - Nein, wir haben keine Erklärung. - Glaube ich nicht. Die Schichten unter uns sollten Kohlensäure höchstens chemisch gebunden haben, und das kann man durch eine Erschütterung nicht freisetzen. - Ja, danke, ich warte schon drauf." Er hängt wieder auf.

"Und?" fragt Erwin.

"Ich weiß nicht. Naja, Gase aus der Erdrinde tauchen an vielen Stellen auf der Erde auf. Das kommt vor. Vielleicht war es wirklich nur die Explosionswelle. - Da, es steigt auch gar nicht weiter."

"Moment mal," wende ich ein, "wenn der Kohlensäuregehalt um uns herum ansteigt, obwohl wir 20 Meter über dem Meeresboden sind, dann kann das nur heißen, daß das Gas in feinen Blasen bis zu uns raufgeblubbert ist. Andere Transportmechanismen wären doch viel zu langsam, oder?"

"Der Physiker." murmelt Cordula, "Weiß alles besser!"

"Es ist doch bloß logisch!" verteidige ich mich, "Die Kohlensäure muß schon in Gasform da gewesen sein! Und dann frage ich: Wieso hat sie sich nicht schon längst im Meerwasser aufgelöst?"

"Tut sie wahrscheinlich dauernd." vermutet Amurdarjew, "Es ist ein ständiges Gleichgewicht. Ständig löst sich Kohlensäure auf, und ständig kommt von unten neue nach."

"Und wieso war die Konzentration nicht von Anfang an in diesem Gebiet höher?"

"Weiß ich nicht."

"Ich auch nicht. Ich möchte es nur gerne wissen." ende ich.

Von vorne kommt wieder das 'Whuff', und wenig später der dumpfe Knall der Explosion. Amurdarjew hat vorübergehend die Lautstärke der Außenmikrophone runtergedreht und jetzt dreht er wieder auf. Deutlich hören wir das Rauschen der Explosionsgasblase. Genauso deutlich aber ein dumpfes Poltern.

"Schon wieder!" sage ich, "Sie brauchen es mir nicht zu sagen. Ich höre es."

"Sehen Sie mal!" sagt Amurdarjew, "Die Radarechos. Sind ein paar hinzugekommen. Ich nehme an, die Schichten haben sich gesetzt, und es gibt andere Sekundärreflektionen. Und das akustische Bild sieht jetzt auch anders aus. Steigt die Kohlensäure wieder?"

Eine Weile beobachten wir die chemische Zusammmensetzung des Wassers draußen, die wir nicht nur auf dem Situation Screen sehen, sondern uns auch auf eine dritte Konsole geholt haben.

"Kaum." sagt Erwin.

"Warte ab. Wenn es Blasen sind, dann müssen die ja erst zu uns hochblubbern."

Wir warten. Mitten in unser Schweigen hinein rumpelt es wieder in den Lautsprechern.

"Unheimlich." sagt Cordula und sieht von einem zum anderen. "Was ist das?"

"Die Gasblase von der ..."

"Nein. Schon längst oben angekommen. Von der ist nur ein Schaumfleck auf der Meeresoberfläche übrig." sagt Amurdarjew, "Es ist etwas anderes."

Das Interkom schlägt an. Amurdarjew hebt ab:

"Ich weiß es auch nicht." sagt er und legt wieder auf.

"Lassen Sie mich raten, was Wellington gefragt hat." sage ich.

"Genau das hat er gefragt. - Es hat übrigens wieder aufgehört."

Einen Moment Stille. Amurdarjew blättert durch seine Fenster und begutachtet die Zackengebirge der akustischen und elektromagnetischen Reflektion.

"Ich würde vorschlagen, eine Detonation direkt auf den Meeresgrund zu setzen!" sage ich.

"Und was soll das bringen?"

"Damit sich alles, was locker geschichtet ist, setzt. Dann kriegen wir bei der vierten Explosion vielleicht klare Echos."

Amurdarjew überlegt einen Moment. "Gut. Dann muß ich unseren Chauffeur bitten, etwas zurückzusetzen. - Aber vorher will ich noch einen direkten Blick auf den Meeresboden werfen." Er greift wieder zum Interkom.

Kurz darauf sind wir in 180 Metern Tiefe nur noch wenige Meter über dem Meeresgrund. Die starken Außenscheinwerfer der CHARMION beleuchten diesen, und wir haben ein klares Bild auf den Bildschirmen. Aber es ist nichts Aufregendes - keine der Außenkameras zeigt etwas anderes als eine leicht gewellte Schlammebene.

"Ich habe auch nicht mehr erwartet. Ich wollte es nur mal gesehen haben."

Langsam zieht der Boden vorbei. Auf einem der Bildschirme sieht man einen offenbar neuen, zylindrischen Gegenstand. Das Interkom schlägt wieder an, und dann teilt uns Amurdarjew mit, daß das Ei bereits gelegt wurde.

"Wir haben es gerade gesehen. Ist es denn nicht vorne rausgekommen?" fragt Erwin.

"Drohnen und Torpedos können wir auch an der tiefsten Stelle des Schiffes ausschleusen. Ein bißchen habe ich noch von den Plänen in Erinnerung." antworte ich. Wir warten.

"Lassen wir Bildschirme und Außenkameras an, ja? Ich möchte sehen, ob Sande aufgewirbelt werden."

Amurdarjew nickt. Es dauert eine Weile. Dann huscht ein flauer, kaum wahrnehmbarer Lichtschimmer über den Bildschirm der Kameras, die nach vorne gerichtet sind. Fast gleichzeitig hören wir wieder den dumpfen Explosionsknall.

Es wundert mich nicht, daß diese Explosionskörper so wenig Licht erzeugen. Mit drei Kilogramm Blitzlichtpulver, also der notorischen Mischung von Magnesiumpulver und Kaliumpermanganat - Lieblingsspielzeug vieler heranwachsender Nachwuchspyromanen - kann man einen ganz ordentlichen Blitz erzeugen. Aber bei einer ganz anderen Zusammensetzung des Sprengstoffes, und bei einer Verdämmung der Explosion, die genauso lange hält, wie es nötig ist, um die kurzzeitigste Druckwelle zu erzeugen, wird nicht mehr sehr viel Licht erzeugt - der größte Teil des Lichtblitzes ist vorbei, bevor der Behälter des Sprengstoffes geborsten ist.

Nachdem das Rauschen der aufsteigenden Gasblase verklungen ist, murmelt Amurdarjew:

"Seltsam. Jetzt gab es keine Störgeräusche. Schade."

"Wieso 'schade'?"

"Weil das Boot nicht in der am besten geeigneten Position für Messungen war."

"Warum sind wir denn nicht über dem Explosionsort geblieben?" frage ich und schon beiße ich mir auf die Zunge. Das war eine bemerkenswert blöde Frage: Es wäre jeder Messung abträglich, wenn sich das Boot gerade im Weg der aufsteigenden Explosionsblase befände.

Das Boot bewegt sich wieder auf seinen vorherigen Platz zu, allerdings in größerer Tiefe. Auf einem der Bildschirme taucht der Explosionskrater auf, eine flache Mulde von nicht einmal zwei Metern Durchmesser. Der nur wenige Zentimeter hohe Kraterwall ist sacht gerundet, so, als ob dieser Krater schon sehr alt wäre. Wahrscheinlich haben die Wasserwirbel unmittelbar nach der Explosion alle harten Formen wieder verschliffen.

"Also, große landschaftliche Veränderungen kann man mit diesen Torpedos nicht bewirken!" stelle ich fest.

"Dazu sind sie auch nicht da." sagt Amurdarjew kurz.

Cordula beugt sich vor: "Da bin ich nicht so sicher. Was ist das denn?"

"Was?"

"Diese Kante hier!"

Amurdarjew steuert die Außenscheinwerfer in eine andere Richtung. Dann sehen wir es auch: etwa 12 Meter von dem Krater entfernt ist eine Kante von zwei Zentimetern Höhe auf dem Meeresboden. Eine lange Kante - in beide Richtungen verschwindet sie jenseits der Reichweite der Scheinwerfer.

"War die vorher schon da?" frage ich. Statt einer Antwort läßt Amurdarjew die optischen Aufzeichnungen von kurz vor der Explosion über einen weiteren Bildschirm huschen. Damit hat er jetzt seine vierte Computerkonsole in Betrieb.

"Cordula," sage ich, "du holst auf. Auch zehn Punkte!"

Vor der Explosion war diese Kante noch nicht da.

"Okay," sagt Amurdarjew, "das ist interessant. Jetzt sehen wir uns mal die Reflexe an!" Er wendet sich wieder den Bildschirmen mit den ständig laufenden Radar- und Echolotauswertungen zu.

In demselben Moment bricht ein Grollen los - und es kommt von allen Seiten.


        ********        ********

        22.     Neptuns Stimme


Da das Signal verschiedener Außenmikrophone auf verschiedene Innenlautsprecher gelegt wird, haben wir einen Stereoeffekt. Der ist ziemlich nützlich. So kam bis jetzt das ferne Rauschen der Brandung von allen Seiten, während die Geräusche im Gefolge der Explosion von einer Stelle ausgingen. Dadurch konnte man die Geräuschquellen sehr gut trennen. Ich habe zu Hause eine Stereoaufnahme eines Stückes von Eduard Grieg, mit dem man das sehr schön demonstrieren kann: an einer Stelle fällt nämlich einem der Musiker im Orchester ein Notenständer um. In Stereo kann man das ganz genau hören - in Mono überhaupt nicht.

Was aber jetzt von allen Seiten zu hören ist, ist nicht lokalisiert. Und wenn man in diesem ansteigenden Grollen eine Lokalisierung wahrnehmen kann, dann kommt sie - von unten!

Ich hechte zum Interkom. "Zentrale!" rufe ich, ohne zu verifizieren, ob mich jemand hört, "Zentrale! Auftauchen! Sofort! Anblasen!"

Den Ausdruck 'Anblasen' für das Einlassen von PreßLuft in die äußeren Tauchtanks habe ich irgendwo anders gehört. Wellington wird schon wissen, wie er das Boot hochbringt. Wenn er dieses für richtig hält.

Amurdarjew dreht die Lautsprecher leiser. Gleich hört es sich weniger bedrohlich an. Aber das denke ich nur einen Moment, denn das, was wir jetzt hören, dringt direkt durch die Schiffswände zu uns herein.

"Ich glaube, wir haben etwas losgetreten!" sagt er, "Seht euch das an!"

Wir sehen es auch: Auf den Bildschirmen ziehen sich Risse und Kanten über den Meeresboden, die aber, weil es sich um lockeres Material handelt, immer gleich wieder einflachen. Schlamm wirbelt auf, am Rande des Lichtkreises scheinen richtige Schlammfontänen zu entstehen. Träge entfernt sich der beleuchtete Meeresboden von uns - Sinkt er, oder steigen wir? Das erste Mal spüre ich, daß das Boot schwankt.

"Festhalten!" rufe ich. Als ich Cordula ansehe, kriege ich einen noch größerern Schreck: Sie ist ganz weiß im Gesicht und krallt sich an ihrem Sitz fest. Entweder sie gerät in Panik, oder sie hat etwas Bedrohliches festgestellt, was mir noch gar nicht aufgefallen ist. Was nur? Das Boot ist doch noch ganz!

Auch Erwin sieht nicht gut aus. Ich selbst wohl auch nicht. Aber ich klammere mich an einem Gedanken fest: Diese Titanstahlhülle kann Drucke von 1200 Bar aushalten. Wir sind aber nur in 180 Meter Wassertiefe. Da kann nichts das Boot so einfach kaputt machen.

Amurdarjew ist im Moment noch der kühlste von uns allen. Das liegt vielleicht daran, daß er damit beschäftigt ist, die Echos der Ultraschall- und der Radarsignale zu inspizieren. "Das ändert sich jede Sekunde!" sagt er, und weil wir ihn noch verstehen können, kann der Lärm so laut nicht sein. "CO2 steigt auch wieder."

Trotzdem, das Boot schwankt immer stärker. Die ruhige Stimme von Wellington dringt über das P.A.-System in jeden Winkel des Bootes: "Bitte jedermann festhalten. Wir haben ein paar Turbulenzen!" - Für die, die es noch nicht gemerkt haben.

Nun kann man von aufgeschleudertem Sand und Schlamm den Meeresgrund überhaupt nicht mehr erkennen, und wir entfernen uns rasch von ihm. 160 Meter - 140 Meter. Immer neue Fontänen spritzen auf, Gas bricht aus den Schlammspalten hervor und der CO2-Gehalt des Wassers steigt immer weiter an. Dann können wir den Grund schon nicht mehr sehen.

"Festhalten - Bitte festhalten!" kommt noch einmal Wellingtons Stimme, "Wir springen gleich!"

"Wir tun was?" fragt Cordula entgeistert.

"Wenn das Boot an der Meeresoberfläche ankommt, ist es ganz plötzlich vorbei mit der Fahrstuhlfahrt. Wenn du dich dann nirgends festhältst, dann liegst du auf der Nase! Das ist alles!" sage ich und zeige auf den Situation Screen. Wir haben nur noch ein paar Dutzend Meter bis zur Oberfläche zurückzulegen, und die Bilder der Außenkameras zeigen bereits Tageslichtreste, die immer stärker werden.

Ein paar Sekunden später ist es soweit. Ein Fahrstuhl, der in seiner Aufwärtsfahrt zum Stillstand kommt. Jeder spürt es in der Magengrube, und einen Moment lang sehen wir auf einem der Bildschirme die Berge von Sutherland.

Das Grollen und Dröhnen läßt nach. Es bleibt das Zischen zahlloser Luftblasen im Wasser - unter Wasser können die Kameras jetzt nur einige Meter weit sehen, und über Wasser ist ein aufgeworfener Sprühnebel aus feinsten Wassertropfen. In weitem Umkreis ist das Wasser weiß von Gasblasen. Interessanter Nebeneffekt: Dieses gasblasenhaltige Wasser dämpft alle Wellen, so daß die Kameras unter dem Laufsteg auf Deck praktisch kaum überspült werden. Trotzdem bleiben sie jetzt für Minuten wegen des Sprühnebels völlig blind.

"Ich fürchte, die Luken können wir nicht aufmachen!" sagt Amurdarjew und zeigt auf den Situation Screen, "Seht euch mal diese CO2-Konzentration an!"

Er hat recht. Aber der frische Seewind wird das CO2 rasch weggeweht haben, sowie nichts mehr von unten nachgeliefert wird.

Cordula scheint sich jetzt wieder gefangen zu haben. "War es schlimm?" frage ich mitfühlend. Sie nickt.

"Ich glaube, wir waren nicht in wirklicher Gefahr. Aber ich habe auch Muffensausen gehabt. Das kannst du mir glauben."

Die Stimme von Wellingten kommt wieder über's PA: "Herr Amurdarjew und Herr Homberg. Bitte in die Zentrale. Besprechung."

"Kriegsrat." sage ich, "Wellington will das weitere Vorgehen besprechen. Ich bin sicher, ihr könnt mitkommen. Es wird höchstens eng. Gehen wir?"


        ********        ********

        23.     Kriegsrat


Es ist kurz nach 12:00 Uhr, als wir uns alle in der Zentrale versammelt haben. Alle, das heißt alle vom wissenschaftlichen und die meisten vom nautischen Personal.

Fahlenbeek und Amerlingen sind beide mit der Schiffssteuerung beschäftigt, was aber nicht viel heißt - das Boot liegt inzwischen schon wieder ganz ruhig und auf vollständig ebenem Kiel. Eigentlich könnte man das also dem Rudergänger überlassen, eine Aufgabe, die jeder vom nautischen Personal mehr oder weniger reihum erfüllt, oder gar nur dem Computer allein. Wellington steht hinter ihnen und sieht ihnen über die Schulter. Alle anderen gruppieren sich um den zentralen Bildschirm-Koppeltisch in der Mitte. Der zeigt gerade eine Seekarte von diesem Gebiet, und wir wissen wohl alle, daß die spätestens seit einer halben Stunde veraltet ist. Wir sehen auch, daß das Schiff selber sich in horizontaler Richtung nicht vom Ort des Geschehens wegbewegt hat. Offenbar schließt Wellington eine Gefahr aus. Das wäre diskutierbar, aber - naja. Vielleicht ist es auch vorteilhaft, diese neue Formation ständig mit dem Echoloten bestreichen und so im Auge behalten zu können.

Einige haben sich freie Sitze geschnappt. Es wird geredet, aber nicht viel, weil immer noch über die Außenmikrophone Geräusche übertragen werden. Das sind jetzt aber hauptsächlich die Geräusche der Wellen, die der frische und kalte Seewind auf den Rumpf der CHARMION aufwirft - andere Geräusche kann man kaum mehr vernehmen.

Die meisten blicken aber interessiert auf die Bildschirme, die die momentanen Tiefenortungen zeigen. Man braucht kein Fachmann zu sein: Das, was sich dort immer klarer darbietet, in dem Maße, wie das Wasser sich beruhigt und die restlichen Gasblasen abziehen, ist nicht mehr die Schlammebene in 185 Metern Tiefe, über der wir uns vor kurzem noch aufgehalten haben. Da ist eine Schlucht. Und sie scheint grundlos, denn aus größeren Tiefen kommen keine interpretierbaren Echos mehr zurück.

Rolf Sydekum steht von den Funkgeräten, mit denen er beschäftigt war, auf und zwängt sich zu Wellington rüber.

"Es werden noch einmal alle Stationen abgefragt, aber bis jetzt sieht es so aus, daß niemand wesentliche seismische Auswirkungen beobachtet hat."

"Also kein Seebeben? Gar nichts?" fragt Wellington verwundert.

"Nichts, was wirklich diese Bezeichnung verdient. Aber wie ich sagte, es liegen noch nicht alle Berichte vor." Sydekum streicht sich seinen Schnurrbart: "Wenn diese letzten Berichte noch irgend etwas anderes enthalten sollten, sage ich es Ihnen, sowie sie hereinkommen."

"Merkwürdig. Gut. Danke." Wellington dreht sich zu uns allen um:

"Sie haben ja alle mitgekriegt, was passiert ist. Wir haben eigentlich mit einer tagelangen, langweiligen Vermessungstätigkeit gerechnet - manche haben es befürchtet, manche haben darauf gehofft - und jetzt hat sich unter unserem Kiel dieses große Loch da geöffnet. Schneller, als wir alle es erwartet haben."

'Dieses große Loch da', wie er es nennt, ist eine Schlucht, deren Ränder bis zu dreißig Metern auseinanderklaffen, und die über dreihundert Meter lang zu sein scheint. Wie tief sie ist, wissen wir nicht. Und genau wie Wellington wundert sich jeder mit etwas geologischem Einfühlungsvermögen, wieso das plötzliche Auftauchen einer solchen Formation nicht mehr seismische Wellen bewirkt hat. Wir haben ja alle den Krach gehört.

Ich bin neugierig, ob Wellington einen impliziten oder expliziten Vorwurf über das fahrlässige Lostreten dieses Erdrutsches macht. Aber er tut es nicht. Niemand konnte erwarten, daß vergleichsweise kleine Explosionen auf dem Meeresgrund diese große Wirkung haben würden. Der Vorgang war völlig unerwartet.

Mir gibt dieser ganze Vorgang jetzt wieder einmal Gelegenheit, über die fraktale Natur der Geschehnisse in der Wirklichkeit nachzusinnen, auf die schon vor acht Jahren das erste Mal ein Autor der Belletristik hingewiesen hat - ich glaube, es war Michael Crichton in seinem Roman 'Jurassic Park'. Die Spannung und die Schnelligkeit, in der sich Ereignisse entwickeln, ist ähnlich chaotisch wie die Küstenlinie eines Landes. Lange Sandstrände können plötztlich von abenteuerlichen, felsigen Steilufern abgelöst werden. Und das, was wir erleben, ist ja genauso. Zwei Jahre lang ein geruhsames Leben in GroßHelfendorf, dann die Kontaktaufnahme durch die EG Anfang 1998, die zunächst beunruhigenden, nächtlichen Beobachtungen bei einigen Waldläufen und der unauthorisierte Lesezugriff auf meine Dateien in unseren dienstlichen Rechnern in der Firma. Dann drastische Änderung der Lebensumstände, besonders in ökonomischer Hinsicht, gefolgt von monatelanger Tätigkeit in München - interessant, aber bar jeder Handlung. Dann die Anreise nach Ullapool. Und von da an ging es Schlag auf Schlag. Das Kennenlernen des Bootes und weiterer Expeditionsmitglieder, Erwins Auftauchen, den ich ebensogut in meinem Leben nie wieder hätte sehen können, dann Irenes gewaltsamer Tod, dann unser Auslaufen - heute morgen erst - und jetzt, nur wenige Stunden später, haben wir schon etwas gefunden.

Wenn man das eines Tages aufschreiben oder verfilmen sollte, wo anfangen? Homberg veröffentlicht unter dem Pseudonym 'Josella Playton' den Roman 'Welthöhle - Die Granitbeißerinnen'? Oder unsere seismischen Sprengungen heute, die dann zum Einbruch des Meeresbodens geführt haben? Oder irgendwo in der Handlungskette dazwischen? Es gibt Dutzende von Möglichkeiten.

Ich habe da mal die These formuliert, daß man in einer Kurzgeschichte den Leser mit den ersten drei Sätzen packen sollte. Sonst liest er nicht weiter. Einem Roman stände diese Strategie auch gut an, und bei einem Film - oder einer Filmdokumentation bei tatsächlichen Ereignissen wie diesen - müßte man in den ersten drei Einstellungen etwas Interessantes haben, damit der Zuschauer nicht zu seiner Fernbedienung greift und auf 'Playboy-Late-Night-Show' umschaltet.

Aber wenn man so mitten in die Handlung hineinspringt, dann muß man irgendwie noch eine gewaltige Menge von Vorwissen irgendwie unterbringen. Ich sehe mich um - wenn dieses das erste Bild eines Filmes ist, woher weiß der Zuschauer, daß wir uns an Bord des vielleicht modernsten U-Bootes der Welt befinden? Wie vermittelt man den Grund unserers Hierseins? Jetzt wird nämlich keiner der Anwesenden einen Abriß der Projektgeschichte geben.

Ich weiß es nicht. Als ich das Buch schrieb, war es einfacher. Wir fanden diesen Höhleneingang, und von einer Minute zur anderen wurde aus einer Bergwanderung ein Abenteuer. Da war es klar, wo man anfängt. Aber jetzt?

"Herr Homberg, wo sind Sie mit Ihren Gedanken? Haben sie eine Idee?"

Jetzt merke ich erst, daß Wellington mit mir spricht. Er muß mich schon mal gefragt haben. Er kann nicht wissen, daß ich gerade die Verfilmung unserer Erlebnisse plane. Aber er hat ja recht: Um Abenteuer verfilmen zu können, muß man sie zuerst einmal zu Ende erleben und überleben.

"Nein. Noch überhaupt nicht." sage ich.

"Und Sie, haben Sie eine Idee?" Wellington sieht jetzt Amurdarjew an.

Amurdarjew schüttelt den Kopf. "Es wäre - vielleicht - erklärbar, wenn diese Schlucht da im wesentlichen schon vorher da war, und wenn sie nur durch eine dünne Schicht abgedeckt gewesen wäre. Allerdings weiß ich nicht, wie so eine Schicht aus offenbar locker geschichtetem Material eine solche lichte Weite überspannt haben soll. Das ist ja schließlich kein Backschnee."

"Und wieso das der Echolotung und dem Radar entgangen ist." sagt Wellington.

"Genau."

"Hat sonst jemand eine Idee?"

Allgemeines Kopfschütteln. Jeder denkt an die Höhlenketten, die in dieser Gegend das Niveau des Meeresgrundes erreichen sollen, aber niemand möchte etwas so naheliegendes formulieren. Außerdem beantwortet das nicht die Frage nach der nicht erfolgten Ortung. Also probiere ich, das Eis zu brechen:

"Eine sehr große Menge sehr weichen, lockeren Materials, die diese Schlucht bis in sehr große Tiefe angefüllt hat - also kein 'Schneebrett' aus diesem Material. Ganz unten müssen Hohlräume gewesen sein, die nicht von diesem Material erfüllt waren - vielleicht etwas seitlich gelegen oder so. Das würde doch eigentlich erklären, warum unser Radar und unser Echolot nicht gescheit durchkamen. Der Einbruch des Materials muß in großer Tiefe begonnen haben - an diesen Höhlen eben. Und diese müssen voluminös genug gewesen sein, um das ganze Material, als es denn in Bewegung gekommen war, aufzunehmen. - Ich glaube, dieser ganze Erdrutsch hat sehr viel von den Geräuschen, die er selber verursacht hat, selbst weggedämpft. - Da war zuviel Gegenverkehr in der Schlucht: Wasser nach oben, Schlamm nach unten. Eine Mischung, die akustische Wellen wirklich nicht sehr gut leitet."

"Das würde aber nicht die Existenz dieser Schlucht selbst erklären. - Oder, Herr Amurdarjew?"

"Nein. Das nicht." sagt Amurdarjew, "Nur, daß wir sie vorher nicht gesehen haben."

"Mit anderen Worten: Die bloße Existenz dieser Schlucht ist bis jetzt das einzig merkwürdige - für alles andere hätten wir eine wenigstens denkbare Erklärung. Sehe ich das richtig?"

"Ja." sagt Amurdarjew.

"Aber mit noch anderen Worten," werfe ich ein, "Diese Schlucht ist auch nicht merkwürdiger als die Höhlenketten, die hier auftauchen sollen. Wir haben kein neues Rätsel. Nur ein altes, das jetzt anders aussieht."

"Sie meinen, das da ist der Anfang unserer Höhlenkette?"

"Das ist immerhin das, was mir am plausibelsten erscheint. Und wahrscheinlich den meisten anderen hier auch. - Diese Schlucht hat Millionen Jahre lang Zeit gehabt, sich mit Schlamm füllen zu lassen. Und es sind immer die lockersten Schlämme gewesen, die ihren Weg hierhin gefunden haben."

"Ist das auch Ihre Ansicht, Herr Amurdarjew?"

"Ja." sagt dieser, "Aber so merkwürdig diese Schlucht ist - es gibt noch einen Gesichtspunkt."

"Nämlich?"

"Wir denken jetzt - und auch ich denke jetzt - daß diese Formation hier außergewöhnlich ist, weil wir keine weitere derartige Formation gefunden haben - bisher. Aber sind wir denn sicher? Vielleicht ist der ganze Minch voll von solchen verschütteten Schluchten. Und eine davon haben wir eben gefunden."

"Ist das eine sehr wahrscheinliche Auslegung?"

"Es ist eine Auslegung. Wir müßten den ganzen Meeresboden umgraben, um es herauszubekommen."

Wellington sieht von einem zum anderen. Sonst hat sich niemand an dieser Diskussion beteiligt. Natalie Yar sieht eine Stufe aufmerksamer als üblich aus. Der neue, Pater Palmer, steht ein bißchen steif in der Nähe der Eingangstür vom zentralen Niedergang her und hört betont interessiert zu. So interessiert, daß eigentlich jeder merken müßte, daß er interessiert aussehen möchte.

Dr. Salzbach, im Gegensatz dazu, ist wirklich interessiert. Vielleicht hat er im Moment seine Familie tatsächlich vergessen. Er steht direkt vor einem Bildschirm und sieht sich das Relief stirnrunzelnd an, sagt aber nichts.

Bei Gabi Gohlmann habe ich den Eindruck, daß sie zwischen Angst und dem Wunsch nach Vertrauen in eine kompetente Schiffsführung hin- und herschwankt. Vielleicht würde sie, wenn man sie jetzt fragte, vorschlagen, zurück nach Ullapool zu fahren und 'besseres Wetter' abzuwarten. Auf jeden Fall nichts zu riskieren.

Cordula sieht man ihren Panikanfall nicht mehr an, aber ich weiß, daß sie sich selbst damit jetzt erst einmal auseinandersetzen muß. Wenn sie mehr von Geologie verstünde, hätte sie in der Diskussion jetzt sicher mitgemischt, und vielleicht tut sie das auch noch.

Dr. Mary Morton ist nicht erschrocken. Ich habe den Eindruck, daß sie die ganze Zeit auch nicht erschrocken gewesen ist, aber das kann ich natürlich nicht genau wissen. Hat sie dem vorübergehenden Anklopfen des alten Sensenmannes nur ein überraschtes, seichtes Interesse entgegengebracht, und jetzt, wo sich herausstellt, daß es gar nicht der Sensenmann war, ist sie auch gar nicht soviel erleichtert wie viele andere?

Mark Dauphin und David Aldingborg stehen zusammen und reden leise miteinander. Müssen sie sich Mut machen oder waren sie gar nicht erschrocken genug? Kann ich im Moment nicht sagen.

Dr. Thomas Reinhardt. Überlegt sich sicher, daß es eigentlich so sein sollte, daß der überlegene Intellekt eines überlegenen Paläontologen auch dieser Situation besser gewachsen sein sollte als andere Menschen, auch wenn Außenstehende das nicht gleich einsehen. Wenn er Angst hat, dann wohl nur darum, daß sein Ableben ihn am Erreichen wissenschaftlichen Ruhmes, der ihm doch nun zweifellos zusteht, hindern könnte.

Alfred Seltsam hat mehrfach während des Gespräches seinen Platz gewechselt. Nun hat er endlich den optimalen Blick auf Natalie. Okay, das sind also seine Sorgen.

Stephen Spaliter hat wohl dieselben Interessen, seiner Blickrichtung nach zu urteilen. Ich überlege mir wirklich, wie eine längere Mission sich auf den allgemein aufgestauten sexuellen Druck auswirken würde. Wird es Spannungen geben? Es sind nur wenige Frauen an Bord, und nur auf einige davon dürfte sich das Interesse konzentrieren.

Bevor ich weitere Gelegenheit habe, die Leute auf ihre Art, mit der Situation fertigzuwerden, durchzumustern, setzt Wellington an, weiterzureden. Irgendetwas muß ja nun entschieden werden. In die nur einen Bruchteil einer Sekunde langen Stille, die dem vorausgeht, fragt Erwin hinein:

"Wieso ist es gerade jetzt passiert? Das verstehe ich nicht."

Amurdarjew antwortet ihm: "Wir haben zwar kleine, aber doch ziemlich brisante Sprengsätze in unseren seismischen Torpedos. Sehr definierte Druckwellen. Die kommen so in der Natur nicht vor."

"Aber wenn diese Schlucht - oder Schluchten - Jahrmillionen gebraucht haben, sich mit diesem lockeren Schlamm füllen zu lassen, dann ist in dieser Zeit doch sicher schon einmal etwas anderes passiert - ein Seebeben oder so. Macht das nicht auch Erschütterungen? Ich versteh ja nichts davon, aber es kommt mir so vor, als ob das so sein sollte."

Ich komme ihm zu Hilfe: "Kommt mir fast auch so vor. Überlegen wir doch mal: Der Erwartungswert der Stärke der stärksten Seebeben in einem beliebig herausgegriffenen Zeitintervall von einer Million Jahren sollte ziemlich groß sein - auch in einem Gebiet, das geologisch so ruhig wie Europa ist. - Du hast da etwas wesentliches gesagt, Erwin! Wir haben zwar mit Sprengkörpern ordentliche Erschütterungen gemacht. In geologischem Zeitmaßstab müssen aber mindestens ebenbürtige Dinge passiert sein."

"Hätten Sie eine Idee, wie man das erklären könnte, Herr Amurdarjew?" fragt Wellington.

"Zufall. Aber das werden Sie nicht für eine Erklärung halten."

Wellingten wirft einen Blick auf die Anzeigen in den verschiedenen Fenstern auf den verschiedenen Bildschirmen und auf das Echolotrelief.

"Zufall. Vielleicht. Die ganze Physik basiert auf Statistik. Ohne das könnten wir keine experimentelle Wissenschaft machen. Ist es Zufall, daß Galilei seine Fallexperimente mit zwei unterschiedlichen Kanonenkugeln gemacht hat? Er hätte ja auch eine Kugel und eine Feder nehmen können. Zufällig hat er keinen methodischen Fehler dieser Art gemacht. Vielleicht ist es jetzt auch so bei uns. Wir haben zufällig etwas richtig gemacht, um diese Schlucht genau jetzt, mit bescheidenem Aufwand, freilegen zu können. Was könnte das sein?"

"Wir wußten ja," sagt Amurdarjew, "daß diese Höhlenkette hier irgendwo das Niveau des Meeresgrundes erreichen muß. Deshalb sind wir genau hier und nirgendwo sonst. Vielleicht gibt es noch andere verschüttete Schluchten, und vielleicht wären diese anderen Schluchten aus ganz genau diesem Grunde nicht so leicht freizulegen gewesen."

Wellington sieht ihn ein paar Sekunden lang an. Ob er überzeugt ist?

"Jedenfalls," sagt er dann, "hat keiner von uns damit gerechnet, so schnell eine so interessante Erscheinung zu Gesicht zu bekommen. Ich muß auf die Sicherheit des Bootes achten, aber ich denke, es ist vertretbar, noch einen genaueren Blick auf und in diese Schlucht zu werfen. - Es ist jetzt bald 13 Uhr - Zeit zum Essen. Uns jagt ja keiner. Ich schlage vor, daß alle um 14 Uhr wieder auf ihren Stationen sind. Wir werden dann sehr defensiv und vorsichtig vorgehen."

Das heißt aber auch, denke ich während des allgemeinen Aufbruches, daß wir überhaupt vorgehen werden. Ein U-Boot-Kommandant, der einer solchen Erscheinung rein zufällig begegnet wäre, würde sich hüten, näher ranzufahren.


        ********        ********

        24.     Defensiv-Manöver


Die Kantine ist in dieser Freistunde ziemlich voll, und ich brauche eine Weile, um mir mein Fertiggericht warmmachen zu können. Dann komme ich gegenüber von Gabi Gohlmann zu sitzen. Es ist nichts von dem Wellenschlag auf die Hülle der CHARMION zu bemerken, weil das Boot in etwa zehn Meter Tiefe getaucht ist und diese Position beibehält. Wie üblich liegt das Boot so ruhig wie ein Gebäude auf dem Festland.

"Wie geht's dem Haus?" frage ich, aus Höflichkeit und um von den unmittelbaren Problemen etwas abzulenken, "Schon abbezahlt?"

"Wo denkst du hin!" weicht sie aus, "Aber das kümmert mich jetzt nicht. Das läuft ja praktisch von selbst."

Sie sieht gut aus, in ihrer Bordkluft, denke ich. Manchen steht es mehr, manchen weniger. Dies soldatische dieses Overalls ist ihrer Weiblichkeit nicht abträglich. Ob das an ihrer knabenhaften Figur und ihrer kleinen Statur liegt? - Ob jemand gut aussieht oder nicht wird nicht von rationalen Überlegungen entschieden. Es gibt einige Kriterien, von denen man mehr oder weniger weiß, daß sie mitwirken. Das ist alles. - Vielleicht liegt das bei Gabi auch daran, daß sie ihre verfügbare Kleidung häufig wechselt. Es gibt keinen Gewöhnungseffekt, selbst, wenn sie mal nach einigen Tagen wieder dasselbe trägt, was hier auf dem Boot unvermeidlich ist - eine Riesengarderobe kann ja niemand mitnehmen. Gabi hat eben den Bordoverall in ihre Kleidungsrotation mit einbezogen.

"Ich frage nur, weil ich mir überlege, was diese Spalte da jetzt finanziell bringt. Nach unseren Verträgen gibt es ja extra Prämien, wenn wir manche Dinge erreichen. Was ist aber, wenn wir nicht rauskriegen, ob diese Spalte etwas mit der Welthöhle zu tun hat oder nicht?"

"Ich dachte, das ist sicher?"

"Oh, Gabi! Es gibt soviele geologische Formationen. Da kann noch alles möglich sein. Und wenn, mal angenommen, wenn es mehr als eine Welthöhle gibt, und wir finden den Zugang zur falschen, was dann? Nach dem Buchstaben der Verträge kriegen wir dann keinerlei Prämien!"

"Steht denn in den Verträgen drin, daß genau die Welthöhle erreicht werden muß, in der ihr beiden wart?"

"Es ist schon eine Zeit her, daß ich den Text so genau gelesen habe. Bei Juristen muß man mit allem rechnen, weißt du!"

"Gut, daß wir keine an Bord haben!"

"Wieso?"

"Wenn du so von ihnen redest!"

"Würdest du mich denn verpetzen?"

"Vielleicht würde ich dich erpressen!"

"Dann würde ich behaupten, die Höhlen, die wir erreichen, noch nie zuvor gesehen zu haben! - Vielleicht gibt es ja zwei."

So flachsen wir eine Weile weiter. An ihrer Reaktion merke ich, daß sie, trotz der Schlucht da draußen, das Erreichen der Welthöhle für unwahrscheinlich hält, und zwar deshalb, weil sie spürt, daß ich auch nicht so richtig daran glaube. Dabei muß ich ihr meine physikalischen Vorbehalte gar nicht erklären.

"Mir wäre es recht, auch wenn wir nicht hinkommen. Es ist sowieso schon ein Abenteuer. Dies ganze Boot hier und so. So etwas erlebt man nur einmal im Leben."

Ob das, was sie sagt und wie sie es sagt, sie das von dem Verdacht, Adressat der Direktive q78q99q zu sein, reinwaschen kann? Aber sie ist intelligent. Sie würde mir auch etwas vormachen können.

"Für mich ist es mein zweites Abenteuer."

"Und für deine Frau a ... Entschuldigung."

"Macht nichts."

"Es ist mir nur so rausgerutscht."

Vielleicht grinse ich etwas zu schief: "Wenn du so willst - sie hat auch ihr zweites Abenteuer gehabt. Aber es war wohl nur den Bruchteil einer Sekunde lang." Ich denke noch einmal über das, was ich gesagt habe, nach, und finde es dann geschmacklos. Gabi läßt sich nicht anmerken, ob sie das auch so sieht.

"Wenn es wenigstens schnell ging." sagt sie.

"Schneller als bei der Challenger."

"Dem explodierten Space-Shuttle, vor 13 Jahren?"

"Ja. Die hatten noch etliche Sekunden zu leben. Heute weiß man das. - Wenigstens sind diese Astronauten nicht vorsätzlich umgebracht worden." Das letzte sage ich so leise, daß es, außer Gabi, niemand hören kann.

"Wieso? Wurde deine Frau denn vorsätzlich umgebracht?" Sie müßte anders reagieren, wenn sie etwas damit zu tun hätte, denke ich. Aber wer weiß in jedem Falle, wie Menschen reagieren? Ich relativiere deshalb so, daß sie, auch wenn sie etwas weiß, nicht auf die Idee kommt, das ich etwas weiß:

"Ja, natürlich. Von den Herstellern der Luft-Luft-Raketen an Bord des Duocopters. Die dürfen nicht einfach von selbst losgehen. Das ist eine unglaubliche Schlamperei!"

"Ach so meinst du das." sagt sie.

Plötzlich wird es wieder still im Raum. Erst denke ich, es ist wieder so eine aus statistischen Gründen zustandegekommene Pause, wie schon heute morgen. Aber das ist es nicht. Alle Köpfe sind herumgefahren. Alle sehen den Pater Palmer an:

Der hat sich soeben eine Zigarette angesteckt. Es war das Geräusch des aufflammenden Streichholzes, daß, so leise es war, alle anderen Geräusche im Raum vorübergehend zum Erliegen gebracht hat.

Nun dürfte es zwar einige Raucher an Bord der CHARMION geben, und im Prinzip ist die Luftreinigung auch leistungsfähig genug, damit fertigzuwerden. Trotzdem würde der Wartungsaufwand an Filtereinrichtungen ansteigen, und in den kleinen Volumina der Räume an Bord kann eine einzige Zigarette die Luft sofort gründlich verpesten, egal, was die Klimaanlagen durchschleusen.

Rauchen ist deshalb, wie auf allen U-Booten der Welt, verpönt, auch, wenn es nicht explizit in den Bordvorschriften und in unseren Verträgen drin steht. Sogar die Verwendung von Parfüms ist aus denselben Gründen nicht gerne gesehen.

Pater Palmer hat das wohl noch nicht gewußt. Bis eben. Nun sieht er alle Blicke auf sich ruhen. Und zwar sind das entweder die Blicke der Nichtraucher, die da sagen 'Schon wieder so ein Raucher, der...', oder es sind die Blicke der anderen, verhinderten Raucher, die da sagen: 'Wieso darf der das, wenn ich es nicht darf?'.

Augenblicklich drückt er die Zigarette aus. "Tschuldigung." murmelt er. Langsam kommt das allgemeine Gemurmel wieder in Gang.

Ich bemühe mich, die aufsteigende Antipathiewelle zu unterdrücken. Er hat seine Zigarette ja ausgemacht, und er wird es nicht wieder tun, jedenfalls nicht vor den Augen anderer. Raucher sind noch keine schlechten Menschen. Ja, einige der Menschen, die ich am allermeisten schätze, sind Raucher. Aber natürlich ist der Aufenthalt im selben Raum mit einem Raucher schwer erträglich - eigentlich überhaupt nicht erträglich. Und daß ein Raucher in fortgeschrittenerem Alter häufiger Krankheitsausfälle zeigt, die andere ja irgendwie kompensieren müssen, macht den Umgang mit ihnen auch nicht gerade leichter.

Ein Kommilitone - lang ist's her - hat das einem Raucher gegenüber mal so ausgedrückt: 'Wenn wir beide zusammen in der Badewanne säßen und ich hätte Dünnschiß, würde dir das gefallen?' Ich fand den Vergleich sehr treffend und habe ihn in analogen Situationen Rauchern gegenüber immer mal wieder selbst gebraucht. Dabei stellt man schnell fest, wieweit Abstraktionsvermögen und Humor auf der Gegenseite reichen.

Ich habe den Vergleich gelegentlich noch präzisiert: Der Urin eines gesunden Menschen ist völlig steril. Also ist jemanden anzupissen auf jeden Fall weniger gesundheitsschädlich als Passivrauchenlassen. Bei diesem Vergleich hat nur ein einziger Raucher mir zugestimmt. Und weitergeraucht. Alle anderen waren stocksauer. Und haben auch weitergeraucht.

Dabei weiß ich, warum man raucht. Ich kann es schon verstehen. Die Anhebung der Assoziativität großer Neuronenareale durch Nikotin bewirkt ein schärferes Denken, ein rascheres Auffassen, ein schnelleres, geistiges Arbeiten. Das kann für einige Menschen den Unterschied zwischen Kreativität und stumpfer Tätigkeit bedeuten, so wie ich selber den Unterschied zwischen Wachheit und Müdigkeit empfinde. Wenn es all die Nebenwirkungen des Rauchens nicht gäbe, würde ich es deshalb ganz rational für mich in Betracht ziehen. Neurotransmitter-Engineering, so würde man es vielleicht nennen. Warum nicht?

Habe ich nicht, seinerzeit, aus ganz ähnlichen Gründen, getrunken? Der Alkohol wirkt etwas anders - die Assoziationen werden ein bißchen chaotisch und, am Anfang des Trinkens, steigt die Assoziativität auch. Bei mir jedenfalls. Da kommen Ideen, die sonst nie gekommen wären. Die Fähigkeit, solchen Ideen gezielt nachzugehen, schwindet aber in demselben Maße, und gerade dieser Effekt wurde im Laufe der Zeit immer deutlicher. Das war der Grund, daß ich vor etwa 20 Jahren den Alkohol für lange Zeit aus meinem Leben verbannt habe. Der Preis war einfach zu hoch.

"Trinkst du eigentlich wieder?" fragt Gabi.

"Kannst du Gedanken lesen?"

"Wieso?"

"Gerade habe ich an Nikotin- und Alkoholsucht gedacht. An Ähnlichkeiten und an Unterschiede. Was soll das eigentlich heißen, 'Trinkst du eigentlich wieder'?"

"Du hast doch in deinem Buch von dieser zehnjährigen Wette geschrieben! Zehn Jahre ohne Alkohol - die ganzen Achtziger Jahre."

"Habe ich das? Ist mir völlig entfallen. Vielleicht sollte ich mein Buch mal selber lesen."

"Weißt du denn nicht mehr, was du geschrieben hast?"

"Ne. Nicht in Einzelheiten. Wenn man tatsächliche Gegebenheiten beschreibt, dann braucht man sich nicht soviele Fakten zu merken, die man sich ausgedacht hat. Dann weiß man nachher aber auch nicht mehr, welche von diesen Fakten nun tatsächlich ihren Weg in den Text gefunden haben und welche nicht. Bei einem Roman wäre das anders, da muß man sorgfältig Buch darüber führen, was geschehen und was gesagt worden ist. - Was habe ich denn geschrieben?"

"Na, daß du diese zehn Jahre gar nichts getrunken hast, und danach nur sehr sporadisch,"

"So stimmt das auch. Ganz genau so."

"Vermißt du es nicht?"

"Vermisse ich Fieber? Zahnschmerzen? Durchfall? Kopfschmerzen? Müdigkeit? Afterjucken? Bauchschmerzen? Herzschmerzen? Magenschmerzen? Morgens den sauren Geschmack in der Speiseröhre?"

"Das ist doch etwas anderes!"

"Nur graduell. Beim Alkohol fängt alles mit einer - kleinen - 'Initialeuphorie' an. Danach kann man all den anderen Scheiß haben."

"Also trinkst du nicht mehr?" stellt sie fest.

"Nein. Aber vielleicht nicht aus Gründen meines überlegenen Charakters - so etwas habe ich nämlich nicht. Sondern, weil ich das Glück habe, daß meine Gesundheit schnell genug Schaden nimmt, wenn ich es doch tue, und weil ich Angst vor den Spätfolgen habe!"

Nach einer Pause, in der ich den Mund zu voll hatte, um etwas zu sagen, rede ich weiter: "Außerdem: Niemand - Niemand! - ist authorisiert, sich über Alkohol oder Drogen kompetent zu äußern, solange man nicht selbst von diesem Problem gestreift wurde. Deshalb bedauere ich es nicht, mal getrunken zu haben. Ich habe ja gewonnen! Ich habe den Feind gesehen, bin rechtzeitig weggelaufen und habe so gewonnen. Was will ich mehr? - Man wird stärker dadurch. Man hat eine 'Kinderkrankheit des Gemütes' durchgemacht. Das gehört dazu, zum Leben. - So wie die Liebe und der Tod dazugehört."

Gabi denkt über das letzte lange nach. "Aber du hast das Problem doch nicht. Warum fragst du?" frage ich, als sie nichts sagt.

"Ich kannte mal jemanden ..." sagt sie und stochert in ihren Essensresten.

Aha, denke ich. Ich weiß, wann ich das Thema nicht weiter verfolgen sollte.

"Wo warst du eigentlich, ich meine, vorhin?" frage ich, als ich merke, daß es auf 14 Uhr zugeht. Außerdem will ich das Thema wechseln - auch Irene hatte mal mit dem Alkohol zu tun, und daran will ich jetzt nicht denken.

"Hier. Ich habe mir alles auf dem SISC angesehen."

"Du kannst zu uns nach oben kommen, in unseren Arbeitsraum. Da ist mehr Platz, und wir können auf mehr Bildschirmen mehr zur gleichen Zeit sehen."

Ein paar Minuten später sind wir alle wieder oben: Gerald Amurdarjew, Cordula und Erwin, dann Gabi und ich. Kaum, daß wir unsere Plätze eingenommen haben, kommt noch jemand vom Niedergang zur Kantine zu uns hoch: Der Pater.

"Darf man sich zu Ihnen setzen?" erkundigt er sich höflich.

Cordula ist am schnellsten: "Sie dürfen. Wohin Sie wollen. Können Sie mit diesen Geräten umgehen?"

"Nein!" sagt der Pater, "Ich verwende zwar einen PC bei meinen Studien. Aber diese Geräte scheinen ganz anders zu sein. Ist das Windows?"

"So etwas ähnliches," sage ich, "diese Geräte können etwas mehr als ein PC. - Sie sagten 'bei Ihren Studien'?"

"Ja."

"Forschungsarbeiten?"

"Ja. Aber Sie würden es nicht so nennen."

"Was sind denn das für Forschungsarbeiten?" frage ich, halb höflich, halb interessiert.

Wir werden von der Stimme Wellingtons unterbrochen, die durch alle Räume dringt: "Bevor wir uns wieder der Schlucht nähern, wollen wir den Meeresboden im Umkreis von einigen Kilometern begutachten. Ich bitte um die übliche Aufmerksamkeit!"

"Wir werden hier zum Sehen und Staunen spazieren gefahren!" murmelt Amurdarjew. Ich weiß nicht, ob das kritisch gemeint ist - vielleicht will er lieber so schnell wie möglich einige Blicke auf die Schlucht werfen anstatt noch weiter den unberührten Meeresboden anzustarren.

Der Pater blickt verwirrt. Er weiß nicht, ob er meine letzte Frage noch beantworten soll. Ich baue ihm eine Brücke:

"Wenn der Alte gründlich genug ist, dann können Sie noch ihre ganze Doktorarbeit vorlesen, bevor wir diese Schlucht wieder zu sehen bekommen!"

"Ich beschäftige mich mit Eschatologie." sagt der Pater jetzt.

"Mit der was?" fragt Erwin.

"Das ist die Lehre vom Endschicksal des einzelnen Menschen und der Welt." erklärt der Pater.

"Das ist vielleicht für einen Theologen etwas anderes als für einen Physiker!" sagt Erwin und sieht mich an, "Herwig sieht immer rot, wenn sich ein Theologe zu solchen Themen äußert!"

"Das stimmt gar nicht," sage ich schnell, "ich bin schon völlig zufrieden, wenn man mich nicht totschlägt, bloß, wenn ich mal das Wort 'Darwin' in den Mund nehme!"

Jetzt ist der Pater sehr unsicher. Ich nehme an, daß er erst vor kurzem dazu aufgefordert wurde, sich dieser Expedition anzuschließen. Vielleicht hat er nicht einmal mein Buch gelesen, wie es jeder andere hier hat tun müssen, und auch vieles von dem Vorwissen, daß wir anderen uns in München schon angeeignet haben, wird ihm fehlen. Vielleicht hat er auch gar keine genaue Vorstellung von seiner Aufgabe an Bord. Am besten, ich frage ihn direkt danach:

"Bitte entschuldigen sie, ich - Toleranz ist nicht meine Stärke. Mein Fehler. Aber die Kirchengeschichte sprüht auch nicht gerade vor Toleranz - deshalb bin ich da immer etwas auf dem Sprunge, mich gegen Angriffe zu verteidigen, die vielleicht gar nicht beabsichtigt sind. Entschuldigen sie bitte. - Seit wann wissen Sie denn, daß sie auf dieser Expedition dabei sind?"

"Ich habe keinen Angriff vorgehabt," beantwortet der Pater meine erste Frage, "und die Weisung, hier teilzunehmen, erhielt ich am letzten Freitag."

"Am letzten Freitag!" sagt Erwin, "An dem Tag, an dem Herwigs Frau umgekommen ist! Dann wissen Sie es ja nicht länger als wir, daß Sie mitkommen!"

"Wessen Frau ist umgekommen?" fragt der Pater.

"Das spielt jetzt keine Rolle," sage ich, "wir haben Anweisung, uns der Aussicht zu widmen. Gilt für alle, Herr Kollege Daum!"

Während wir geredet haben, hat das Boot seine Position verlassen und ist tiefer hinabgetaucht. Der Meeresboden kommt langsam wieder in Sicht der Scheinwerfer. In ovalen Schlingen, die immer weiter werden, führt uns Wellington im Uhrzeigersinn um die Schlucht herum. Zu Anfang sehen wir sie noch auf den Bildschirmen derjenigen Kameras, die rechts raussehen - ein grundloses, dunkles Etwas auf dem Meeresboden, hinter einem heller erleuchteten, abschüssigen Hang im Vordergrund. Dann führt der Weg nur noch über den Meeresgrund, der in geringer Entfernung völlig unberührt aussieht, so, als hätte es nie in unmittelbarer Nähe diesen Einbruch des Meeresbodens gegeben. Alles, was die Kameras je aufnehmen, wird in digitalisierter Form in den Rechnern gespeichert. Wir wissen, daß wir uns alles noch einmal ansehen können, wenn wir wollen. Jedes Pixel.

"Es ist immer noch viel CO2 im Wasser gelöst." stellt Amurdarjew fest, "Komisch. Ich glaube nicht an vulkanische Gase und dergleichen. Nicht hier."

"Aber es wird weniger, je weiter wir uns von der Schlucht entfernen." stellt Erwin fest. "Ist doch zu erwarten." sage ich.

"Ist das immer Kohlendioxid? Vulkanische Gase, meine ich?" fragt Cordula.

"Eigentlich nicht," sagt Amurdarjew, "Meistens ist es ein Gemisch von sehr vielen Dingen: Schwefelwasserstoff, Schwefeldioxid, Wasserdampf, Stickoxide vielleicht auch - von allem etwas. Ist bei jedem Vulkan und jedem Geysir und jeder Fumarole anders."

"Der Körpergeruch der Erde!" ergänze ich, aber dann geht mir auf, daß das weder eine geistreiche noch eine witzige Bemerkung war.

Eine Weile sagt keiner was, aber dann beugt sich Amurdarjew vor:

"Zu erwarten: Die Abnahme der Kohlendioxidkonzentration: ja. Die Metallmasse da: nein."

Ich sehe mir das Störecho an. Etwa 1500 Meter südlich von uns ist etwas, was Radarwellen reflektiert. Dabei sind unsere Sendeantennen gar nicht in die Richtung gerichtet, und Seewasser ist durchaus nicht das beste Medium, Radarwellen ungestörte Ausbreitung zu ermöglichen. Also muß es eine ordentliche Masse sein - eine steile Flanke eines Hügels, oder ...

"Ein Wrack," sage ich, "es wird ein Wrack sein. Das ist eigentlich schon zu erwarten. Zehntausende von Schiffen liegen auf dem Meeresgrund aller Meere. Vielleicht Hunderttausende."

"'Peter Moosleitners Interessantes Magazin'!" bemerkt Erwin, "Den Artikel habe ich, glaube ich, auch gelesen."

"Ich lese gelegentlich auch richtige Fachliteratur!" pariere ich, "Nicht nur 'Frau im Spiegel'!"

"Mmh." sagt Amurdarjew, ohne auf unser Geplänkel zu achten. Da die CHARMION sich spiralig von der Schlucht mit der geringen Geschwindigleit von sechs Knoten entfernt und jetzt eine Entfernung von 2500 Meter von dieser hat, werden wir das Echo wiederfinden, wenn wir die Schlucht noch einmal umrundet haben. Das wird fast eineinhalb Stunden dauern. Das ist Amurdarjew zu lang. Er greift zum Interkom:

"An Kommandant: Da ist etwas Auffälliges, etwa vier Kilometer südlich von der Schluchtmitte." Er sagt nicht, daß er dahin möchte. Verläßt er sich darauf, daß Wellington auch neugierig ist, oder hofft er es nur?

Wellington ist neugierig. Langsam dreht die CHARMION nach Süden ab. Knapp eine Viertelstunde später sind wir da.

"Die haben es hinter sich." sagt Erwin. Er sieht angestrengt auf die Bildschirme, wie alle anderen auch. "Seit mehr als 50 Jahren."

Gabi beißt sich auf die Unterlippe. "Ob sie noch drin sind?" fragt sie.

Das Boot ist ein deutsches VIIC-Boot aus dem zweiten Weltkrieg. Weil wir seit Monaten gewußt haben, daß wir auf eine Unterseefahrt gehen werden, haben wir viel über die Geschichte des U-Boot-Baus gelesen und Bilddokumentationen gesehen. Über ein Boot dieses Typs hat der Buchheim nicht nur seinen Roman verfaßt, sondern auch einige Bildbände veröffentlicht: Kriegsberichtsfotos. Deshalb erkenne ich es genau wieder.

Da ist der Turm. Der Wintergarten mit dem kleinen Geschütz - stellenweise behangen mit faserigem Gewächs. Die Grätings oben auf dem Druckkörper. Die Satteltanks. Die CHARMION liegt jetzt parallel zu dem anderen Boot, etwas höher, aber sonst Breitseite an Breitseite.

Es ist nur ein Wintergarten und keine zwei, wie man es später gemacht hat, um versuchsweise die Luftverteidigung von aufgetauchten U-Booten zu verbessern. Daraus, und aus der Tatsache, daß so ab März 1941 die Lage für die deutschen U-Boote schwer und wenig später katastrophal wurde, weil der U-Boot-Krieg praktisch verloren war, spricht alles dafür, daß dieses Boot wahrscheinlich um 1941 gesunken ist, keinesfalls später als 1943.

"58 Jahre." sage ich nur, "Seht ihr irgend eine Beschädigung am Rumpf?"

Amurdarjew bastelt mit den Kontrollfeldern seines Echolotes herum. "Aber es ist voll Wasser. Keine einzige Luftblase."

"Wie sollte auch - nach der langen Zeit!" sage ich, "Das Turmluk ist aber zu. Kombüsenluk und Torpedoluk auch. Sie sind nicht ausgestiegen."

"Das heißt, sie sind noch drin?" fragt Gabi besorgt.

"Ich glaube ja."

Der Pater bekreuzigt sich.

"Das hätten sie vor 60 Jahren tun sollen, anstatt so reibungslos mit den Nazis zusammenzuarbeiten!" sage ich grob.

"Herwig, das ist doch unmöglich, wie du dich jetzt benimmst! Was kann denn Herr Palmer dafür?" Cordula ist sauer.

"Habt ihr nicht genug Phantasie, euch vorzustellen, wie die da drinnen ersoffen sind?"

"Deshalb ist er noch lange kein Mittäter! Persönlich schon gar nicht - damals war keiner von uns geboren."

Ich hole ein paarmal tief Luft. Der plötzliche Ärger flaut wieder ab.

"Entschuldigen Sie," sage ich zu Palmer, "Sie sind nicht Rechtsnachfolger der ganzen Organisation, der Sie angehören. So wie wir ja nicht Rechtsnachfolger der Nazis sind. - Aber wir sind in einem U-Boot, und die da waren es auch. Die beiden Boote sind annähernd gleich groß."

Die CHARMION wird noch auf die andere Seite des Bootes manöveriert. Auch dort dasselbe Bild: Nirgends eine sichtbare Beschädigung. Die Torpedoklappen sind geschlossen. Das Boot liegt mit nur leichter Schräglage auf Grund.

"Wahrscheinlich," sage ich, "gibt es ein größeres Leck unter der Verkleidung, so daß wir es nicht sehen können. Kann man das mit dem Echolot irgendwie feststellen?"

"Ich finde nichts." sagt Amurdarjew, "aber auch durch ein sehr kleines Leck kann ein Boot rasch vollaufen."

"Was ihnen wohl passiert ist?" fragt Gabi.

"Das werden wir nie wissen. Ich weiß nicht einmal, ob es hier, im Minch, Geleitzüge gegeben hat, die das Ziel deutscher U-Boote waren. Was sonst hätte ein U-Boot hier zu suchen gehabt? - Vielleicht haben sie versucht, einer Wasserbombenverfolgung zu entgehen. In dieser Tiefe ist dann irgend etwas gebrochen - vielleicht die Abluftklappen für die Diesel. Irgend so etwas. Ein armdicker Strahl in fast zweihundert Metern Tiefe - das macht keiner mehr zu."

"Wie tief ist denn das Boot in dem Roman gewesen?" fragt Erwin.

"In dem Roman von Buchheim, die Sache vor Gibraltar? 280 Meter glaube ich. Aber die haben ein Schweineglück gehabt. Und eine gute und eingespielte Mannschaft. Wenn du's gelesen hast, dann weißt du ja, daß sie es nur gerade eben geschafft haben. - Die hier haben es gerade eben nicht geschafft."

"Ich glaube, ich möchte nach Hause!" sagt die Gabi.

"Nanana! Wir sind doch nicht in derselben Gefahr. Nicht dieses Boot. Uns bewirft niemand mit Wasserbomben. Und unsere Werftgarantie ist ein bißchen mehr als die von dem Boot da. Das ist so, als ob du ein Stahlrohr mit einer Toilettenpapierrolle vergleichst."

Gabi sieht nicht überzeugt aus.

"Selbst, wenn wir uns vor fast 60 Jahren hier aufgehalten hätten, könnte uns in diesem Boot kaum etwas passieren." fahre ich fort.

"Allerdings hätten wir mit diesem Boot auch keine der Kriegsparteien besonders beeindrucken können." meint Erwin, "Nicht mit diesen kleinen Torpedos."

"Vielleicht," sage ich, "ein kleines Loch in eine Schiffswand müßte man schaffen. Aber etwas anderes kommt mir in den Sinn: Wenn wir hier gewesen wären, als dieses Boot da abgesoffen ist - was hätten wir tun können?"

"Hätte man sie nicht heben können?" fragt Gabi erstaunt.

"Wenn ihnen nur einige Tonnen Auftrieb gefehlt hätten, dann gerade eben noch. Wenn das Boot schon zu weit vollgelaufen wäre, dann nicht mehr - ein paar hundert Tonnen zusätzlichen Auftrieb kann die CHARMION nicht erzeugen, wenn man nicht lebensgefährliche Experimente mit den äußeren Tauchtanks machen will. Aber das ist nicht der Punkt: Womit hätten wir dieses Boot da greifen sollen, um es zu heben? Die CHARMION ist darauf eingerichtet, tief zu tauchen und zu beobachten. Ein bißchen schießen kann sie auch, aber da war dieses andere Boot da schon besser ausgerüstet. Aber was sonst können wir noch?"

"Du meinst, wir hätten nichts tun können? Gar nichts?"

"Genau das meine ich. Wir hätten zusehen können, wie sie absaufen. - Da, mit diesem Echolotrelief hätten wir sogar Bewegungen in dem Boot nachweisen können, je mehr Wasser drin war, desto besser. Wir hätten die letzten Zuckungen der Besatzung aufzeichnen können. Aber wir wären nicht in der Lage gewesen, ihnen zu helfen."

"Du hast eine perverse Phantasie." stellt Cordula fest. Amurdarjew bespricht sich mit der Zentrale. Wir entfernen uns allmählich wieder von dem gesunkenen U-Boot.

"Das ist keine perverse Phantasie. Ich hoffe, wir werden nicht in die Lage kommen, externe Greifvorrichtungen jemals zu brauchen."

"Und warum haben wir so etwas nicht?" fragt Erwin.

"Ich kann das nur vermuten. Man hätte etwas bauen können, so wie unsere Antriebsaggregate. Sogar etwas, was sich kaum abnutzt, natürlich ohne jede Durchführung durch den Druckkörper, außer Elektrizität. Aber wahrscheinlich war für diese Entwicklung nicht mehr genügend Zeit, oder die Notwendigkeit wurde nicht gesehen - oder nicht rechtzeitig gesehen. Was weiß ich."

Allmählich verschwindet das Boot wieder aus dem Blickfeld. Plötzlich kommt wieder Wellingtons Stimme über die Lautsprecher:

"Es ist jetzt 15 Uhr und 50 Minuten. Das heißt, daß wir uns in bedrohlicher Weise dem Dienstschluß nähern. Trotzdem denke ich, daß es im Sinne von Ihnen allen ist, wenn wir uns die Schlucht noch einmal etwas genauer ansehen."

"Oh," sagt Gabi, "ich hatte schon gehofft, daß es diese Nacht noch einmal nach Ullapool zurückgeht."

"Am Wochenende, wenn nichts dazwischen kommt. Um jeden Tag zurückzufahren sind hier die Anfahrtswege schon etwas zu lang." sage ich.

Kurz nach 16 Uhr stehen wir wieder über der Schlucht. Amurdarjew hat viel zu tun: Die optischen Bilder der Außenkameras ansehen, die Reliefs der Echolotungen, Radar und so weiter. Das Boot wird so ausgerichtet, daß es genau über der Schlucht steht und mit dieser parallel ist. Der Bug zeigt also nach Norden. Dann beginnt das langsame Sinken mit nicht mehr als 10 Zentimetern pro Sekunde. Ich weiß, daß man ein so präzises Einhalten der Sinkgeschwindigkeit ohne die Rechner gar nicht erreichen könnte, egal, ob man die Regelzellen oder die externen Propeller oder beide in Kombination verwendet.

Um genau 16:15 Uhr sind wir auf der Höhe des Schluchtrandes, in 185 Metern Tiefe. Kurz darauf versperren uns die Schluchtwände die Sicht auf den umgebenden Meeresgrund, der ohne das Licht aus den Scheinwerfern der CHARMION wieder in völlige Dunkelheit zurückfällt - inzwischen ist nämlich das Tageslicht auch schon vergangen. In diesen Breiten wird es im Winter früh dunkel.

Ob man den Widerschein unserer Scheinwerfer an der Wasseroberfläche sehen kann - wenn da zum Beispiel jetzt gerade die Fähre zwischen Ullapool und Stornoway vorbeifahren sollte? Wenn, dann wird dieser jetzt verlöschen, wo wir in die Schlucht abtauchen, denke ich.

Die Felswände treiben rechts und links in 12 bis 15 Metern Entfernung langsam nach oben. Amurdarjew versucht, mit dem Echolot die Beschaffenheit dieser Wände zu ergründen.

"Hartes, massives Material," sagt er, "nur manchmal liegt auf einem Sims noch etwas Sand und kleineres Geröll."

"Wie tief geht es unter uns runter?" frage ich.

"Weiß ich noch nicht. Einige hundert Meter mindestens. Die Echos sind unklar."

"Oh."

Ich sehe der Gabi an, daß sie am allerliebsten wieder in Ullapool wäre. Auch Cordula behagt der Gedanke nicht, in diesen Schlund der Erde einzufahren.

"Zum Einstürzen ist diese Schlucht zu stabil," sage ich, "es waren Ablagerungen in der Schlucht, die ins Rutschen gekommen sind - nicht die Schluchtwände selbst!" Cordula sieht nicht wesentlich beruhigter aus. Was der Pater denkt, kann ich seinen Gesichtszügen nicht entnehmen.

16:30 Uhr. Tiefe 275 Meter, oder 90 Meter unter der oberen Schluchtkante. Die Wände sind einander auf 18 bis 20 Meter nähergekommen. Die Sinkgeschwindigkeit wird noch etwas gedrosselt. Lange Zeit sagen wir nichts, weil nichts Interessantes geschieht.

17:00 Uhr. Tiefe ist jetzt 500 Meter. 215 Meter unter der Kante. Die Schlucht hat sich leicht gedreht, so daß das Boot jetzt mit dem Bug nach Nordnordost zeigt. Die Wände sind einander auf 15 Meter nahegekommen. Immer noch ist es für den Rudergänger offenbar kein Problem, mit Computerhilfe die CHARMION ohne jede Wandberührung weiter in die Tiefe zu steuern.

Die Schlucht beginnt jetzt aber, etwas nach Osten abzubiegen, das heißt, die Ostwand wird ein Überhang und die Westwand ein normaler, sehr steiler Felshang. Es liegt jetzt immer mehr Geröll dort, insbesondere auch deshalb, weil beide Schluchtwände zunehmend unregelmäßiger werden. Schließlich sehen wir so große Felsen, die offenbar in labilem Gleichgewicht auf unregelmäßigen Simsen liegen, daß mir bei dem Gedanken, einer davon könnte sich lösen und beim Runterstürzen die CHARMION treffen, mulmig wird.

17:30 Uhr. Ich bin kurz auf der Toilette gewesen und habe versucht, mir vorzustellen, diese Toilette wäre in irgendeinem Gebäude auf der Erdoberfläche. Es hat mich nicht sehr beruhigt. Es war auch schwer, zu verdrängen, wo wir uns befinden, da ja auch auf den Toiletten ein Situation Screen ist.

Draußen zeigen sich inzwischen immer mehr Spuren des Erdrutsches, und die Schluchtwände sind einander zwischen 15 und 5 Metern nahe. Das heißt, es gibt immer wieder Stellen, wo die CHARMION nicht durch kann und wo wir um eine Bootslänge vor oder zurück müssen. Ohne Computerhilfe würden wir noch viel mehr Zeit brauchen. Die Tiefe ist jetzt 600 Meter.

Die MeßGeräte stellen auch Schwebstoffe, die noch von dem Erdrutsch übriggeblieben sind, im Wasser fest. Aber in den letzten Stunden haben sich die meisten davon schon wieder abgelagert, und die Sichtbehinderung ist unwesentlich - gerade, daß man vor dunklerem Hintergrund die Scheinwerferstrahlen im Wasser erkennen kann.

18:00 Uhr. Seit zwei Stunden diese zermürbende Sinkfahrt. Jetzt sind wir in 660 Metern Tiefe. Riesige Felsbrocken haben sich zwischen den Schluchtwänden verkeilt. Wellington hat zweimal über Lautsprecher verkündet, daß die Bewegungen der CHARMION so sachte seien, daß wir nicht befürchten müssen, etwas zum Rutschen zu bringen. Er sagte auch, daß wir uns jetzt einen Platz zum Übernachten aussuchen. Dabei habe ich Gabi angeschaut. Sie hat es schon vorher kommen sehen. Nichts mit Ullapool heute abend. Und Cordula hat Schweiß auf der Stirn. Erwin ist unruhig, er ist aufgestanden und geht auf und ab. Der Pater hat seit einer Stunde kein Wort gesagt und nur den Bildschirm angesehen.

18:30 Uhr. 700 Meter Tiefe. Die Formen der Felsen rundherum sind sehr unregelmäßig. Ich kann jedenfalls nicht sagen, welche Felsen bei dem Erdrutsch bewegt wurden, und welche noch fest mit ihrer Umgebung verbunden sind. Wir haben jetzt auch dauernd Felsen über uns, und niemand weiß, wie fest diese liegen, und worauf.

Während der ganzen Zeit ist der Kohlendioxidgehalt des Wassers hoch geblieben. Es gab leichte Schwankungen im Salzgehalt, und Amurdarjew meinte, schwache Auf- und Abwärtsströmungen nachweisen zu können. Eine Erklärung dafür hat er nicht. Die Außentemperatur ist nur unwesentlich höher als oben auf dem Meeresgrund.

"Wahrscheinlich" sagt er, "ist es so, daß in dem lockeren Material Meerwasser mit einem anderen Salzgehalt drin war. Daher die Konzentrationsunterschiede. Die werden sich irgendwann ganz ausgleichen."

"Und warum" frage ich, "hat Meerwasser in diesem lockeren Material einen anderen Salzgehalt gehabt?"

Amurdarjew zuckt die Schultern. "Ionenaustausch. Wasser aus dem Boden. Ich weiß es nicht."

"Ich werde Dr. Cohausz fragen - der ist Chemiker." sage ich.

19:00 Uhr. 750 Meter Tiefe. Mir reichts allmählich. Jede halbe Stunde eine Bootslänge mehr nach unten. Die CHARMION bewegt sich so langsam, daß praktisch keine Wirbel auftreten können. Aber wir lesen auf dem SISC auch, daß ein ordentliches Ein- und Auspumpen in den Regelzellen erfolgt: Da sind deutliche Dichteschwankungen des Wassers - woher? Noch Nachwirkungen des Erdrutsches?

Wir fahren durch ein Felsentor, das wie ein fast gleichseitiges Dreieck von 13 Metern Kantenlänge aussieht. Es ist im Moment der einzig mögliche Weg, wenn wir nicht zurückwollen - was jetzt genausoviel Zeit kosten würde. Die Seite, die den Boden dieses kurzen Tunnels bildet, ist mit Geröll übersät. Dann weitet sich dieser Tunnel wieder.

Inzwischen können wir nicht mehr sagen, daß dieses eine Schlucht ist. Wir haben echte Höhlen erreicht.

Ich sehe mir das Tunnelstück, durch das wir eben gekommen sind, auf dem Bildschirm an, der die Aussicht nach hinten raus zeigt. Mächtige Felsquader lehnen dort aneinander und bilden so das Tunneldreieck. Es sieht unstabil aus: Der eine Quader könnte unter dem anderen durchrutschen, und dann ist dieser Tunnel für uns zu. Aber warum sollte er das gerade jetzt tun?

Es sieht auch so aus, als ob man weiteren Höhlen folgen kann, wenn wir die derzeitige Richtung beibehalten. Aber das ist jetzt nicht geplant. Wir bleiben erst einmal hier.

Diese Höhle bildet hinter diesem Dreieckstor einen Dom, so daß das Boot höher steigen kann als die Oberkante des dreieckigen Einganges und auch höher als die Oberkante der weiterführenden Höhlen. Da Wellington das Boot jetzt für die Nacht ruhig legen will, möchte er das Boot in eine stabile Position bringen. Ich weiß nicht, warum er meint, daß das Boot im oberen Bereich dieser Höhle sicherer ist - vielleicht könnte ein erneuter Erdrutsch große Felsen durch den Eingang werfen, und die sollten natürlich am besten unter dem Boot hindurchrollen. Die Höhlendecke scheint vertrauenerweckend stabil.

Aber eine Überraschung steht uns noch bevor: als das Boot die Oberkante des Einganges erreicht hat, sinkt der Salzgehalt deutlich. Er entspricht nun gewöhnlichem Meerwasser mit einer Zumischung von 20 Prozent SüßWasser.

"Das ist interessant!" sagt Amurdarjew, "Ich glaube, wir haben es hier mit echten Süßwasserquellen zu tun, die wir natürlich noch finden müssen. Andere Erklärungen für dieses Konzentrationsgefälle gibt es nicht."

Als wir uns in Richtung Kantine bewegen, von der bereits lauteres Stimmengewirr zu hören ist, hat Erwin noch eine wichtige Frage:

"Was macht man hier an Bord eigentlich nach Dienstschluß?"

"Das ist eine berechtigte Frage." sagt Amurdarjew. "Vielleicht kann man die dahingehend beantworten, daß wir immer im Dienst sind, solange die Mission andauert."

"Außerdem gibt es viele Möglichkeiten," nehme ich den Faden auf, "zum Spielen sind jede Menge Computer da. Die Konzentration wird dir auch nicht abhanden kommen, weil Alkohol an Bord verboten ist, und die wenigen Damen an Bord sind vielleicht auch nicht in der Lage, ein bewegtes Nachtleben zu organisieren, so daß dich niemand ablenkt!"

"Tzzz!" macht Cordula mißbilligend.

"Ich gehe ja nur die prinzipiellen Möglichkeiten durch!" sage ich. In der Kantine angekommen, suchen wir uns freie Plätze.

"Eine der Möglichkeiten haben Sie vergessen!" sagt Amurdarjew, "jeder von uns kann zur Wache eingeteilt werden. Dann ist man auch acht Stunden lang beschäftigt."

"Womit?" fragt Gabi.

"Mit Nichtstun." sage ich, "Das ist verdammt anstrengend. Wirst schon sehen. Wir haben ja Bundeswehrerfahrung - also eine gezielte Ausbildung zum Zeittotschlagen. Aber für dich wird das neu sein!"

Esther Petersen betritt die Kantine und tritt sogleich an unseren Tisch heran. "Herr Homberg? Schöne Grüße vom II WO!"

Es hat sich angehört wie 'Zwei We-Oh'.

"Von wem bitte?"

"Vom zweiten Wachoffizier. Naja - vom zweiten Offizier halt!"

"Ich dachte, dies wäre ein ziviles Schiff." sage ich.

"Ist es auch. Aber manchmal kommt dieser alte Sprachgebrauch eben noch hoch. - Ich glaube, Wellington hat damit angefangen - der ist ja mal auf richtigen U-Booten gefahren. Marine steht eben auf Tradition."

"Was soll das denn heißen," frage ich empört, "'auf richtigen U-Booten'? Was ist dies denn für ein U-Boot?"

"Sie meint, auf militärischen U-Booten!" versucht Amurdarjew zu beschwichtigen. Esther Petersen sieht einen Moment verwirrt drein. Ich will die Wortwahl nicht weiter verfolgen.

"Und was," frage ich, "will denn der Herr Fahlenbeek von mir? Soll ich in die Zentrale kommen?"

"Das ist jetzt noch nicht nötig. Erst um Mitternacht."

"Warum das denn?"

"Der II WO teilt die Wachen ein. Sie haben heute nacht die Hundswache. Von Mitternacht bis morgens um acht Uhr."

Erwin lacht laut. Auch Cordula scheint irgendwie schadenfroh zu sein - ein Zug, den ich an ihr noch nicht kenne.

"Hätte man das nicht früher erfahren können?"

"Jeder kommt mal dran."

"Das weiß ich. Das habe ich auch nicht gefragt. Ich meine, hätte man das nicht früher erfahren können, um sich drauf einzurichten? Vielleicht hätte ich mich dann noch etwas aufs Ohr hauen können!"

"Der II WO hat jetzt erst die Einteilung vorgenommen. Bis Mitternacht ist Amerlingen dran - der I WO. Der wird Ihnen dann zeigen, was man tun muß. Und morgen löst Sie der II WO selbst ab."

Esther dreht sich um und setzt sich an den Nebentisch zu ihren Kollegen vom nautischen Dienst, die unsere Diskussion die ganze Zeit amüsiert verfolgt haben.

"Gerade noch haben wir davon gesprochen!" grinst Amurdarjew. So lustig finde ich das im Moment nicht.

"Wieso ich - jetzt? Wieso gleich so zu Anfang?"

"Ich nehme an," sagt Amurdarjew, "daß jetzt erst einmal die wissenschaftlichen dran kommen, weil das Boot bis vor einigen Tagen nur von den Nautischen in Betrieb gehalten wurde."

Ich stehe auf. "Das sind noch viereinhalb Stunden. Ich will versuchen, vorher noch etwas zu schlafen. - Tja. Kein Nachtleben."

"Wieso?" fragt Cordula, "Was, wenn nicht die ganze Nacht Wachsein, ist denn Nachtleben?"

"Cordula, diesen feinen Unterschied werde ich dir jetzt nicht erläutern - und ich denke, ich werde die ganze Nacht Vorschriften lesen. Wahrscheinlich darf der Wachhabende - so heißt das wahrscheinlich - bei Bedarf weitere Mitglieder der Besatzung wecken. Ich finde es schon. Und dann wird mir schon etwas einfallen!"

"Du hast doch schon Wacherfahrung, oder?" sagt Erwin dazwischen, "Da, auf diesen Schiffen in der Welthöhle! Dann kannst du es doch! - Und bitte keinen Alarm heute nacht, ja?"

Ich ziehe mich ohne weiteren Kommentar in meine Kabine zurück. Natürlich kann ich keinen Schlaf finden, so früh am Tage, und das ärgert mich dann wieder, weil ich weiß, wie ich mich in und nach einer durchwachten Nacht fühlen werde. Sollte gerade ich nicht bei heller Wachheit sein, wenn wir weiter durch diese Höhlen vorstoßen?

Um das Wecken kümmere ich mich nicht. Amerlingen wird schon einen Weg finden, mich aus der Koje zu schmeißen, wenn er selbst ins Bett will.


        ********        ********

        Buch 2: Pilger zur Welthöhle



        25.     Nachtwache


Ich habe kaum drei Stunden Schlaf zustande gebracht, als das Interkom kurz anschlägt. Eine Viertelstunde später, Punkt Mitternacht, stehe ich in der Zentrale. Nicht nur Amerlingen, sondern auch Wellington ist noch da. Sie müssen sich noch bis vor kurzem unterhalten haben. Sie haben erst damit aufgehört, als ich die Zentrale betreten habe.

Einen Moment lang denke ich an eine Bemerkung in dem Buch von Buchheim: Es gehörte an Bord 'seines Bootes' zum guten Ton, der vorhergehenden Wache fünf Minuten zu schenken. Das habe ich jetzt nicht getan - ich bin pünktlich. Ob das schon ein Lapsus war?

Amerlingen kommt auf mich zu und läßt sich keinerlei Verstimmung anmerken, eher scheint er geradezu überrascht, als ich so plötzlich in der Zentrale stehe. Das kann natürlich nicht sein, denn wahrscheinlich war er es ja, der mich per Interkom geweckt hat.

"Entschuldigen Sie," sagt er, "aber auf so einem Schiff muß ständig jemand bei wachem Verstand sein, und jeder muß gleichhäufig immer wieder mal dran kommen. Nachtwachen, die Sie jetzt machen, brauchen Sie später nicht mehr zu machen."

"Das ist mir klar," sage ich, "Ich beschwer mich ja auch gar nicht. - Was habe ich denn zu tun?"

"Praktisch nichts. Das heißt, sie können auch an den Rechnern arbeiten - oder spielen, oder die Aussicht bewundern. Da, auf den Bildschirmen, die Höhlenwand. Optisch, akustisch, Radar. Alles, was sie wollen. Das kennen Sie schon, ja? Die Außenscheinwerfer bleiben teilweise an. Das Schiff hält seine Position von selbst bei. Brauchen Sie sich überhaupt nicht drum zu kümmern. - Da, auf den Bildschirmen die Reaktorsteuerung. Sie können Dokumentation ansehen, soviel sie wollen, aber auch der Reaktor läuft automatisch. Genauso wie Klimaanlage, Frischwassererzeugung und Elektrolyse. Kein Eingreifen nötig. - Die einzige Spielregel ist: Wachbleiben."

"Soll ich die ganze Zeit in der Zentrale bleiben?"

"Das ist auch nicht nötig. Sie müssen ja auch mal auf Toilette und etwas essen, zum Beispiel. Sie können durch das ganze Schiff wandern, wenn Ihnen das beim Wachbleiben hilft. Hier, die wichtigsten Dinge gehen auf den SISC, und den sehen Sie überall. Wenn Sie nicht in der Zentrale sind, dann lassen Sie einen Hinweis hier, wo Sie sind - Zettel, oder auf einem der Bildschirme. Besser auf Bildschirm. Oder auf dem SISC, damit man im ganzen Schiff weiß, wo Sie sich aufhalten. Wenn Sie jemanden wecken müssen, weil Sie Hilfe brauchen, dann übers Interkom."

"Gut," sage ich, "aber die Wache dauert ja bis acht Uhr, nicht?"

"Ja, natürlich."

"Da fängt doch der normale Tagesbetrieb an. Soll ich wecken?"

"Nicht nötig. Wer etwas zu tun hat, hat sich selbst den Wecker eingestellt. So ab kurz vor sieben werden Sie wieder Gesellschaft haben. - Noch Fragen?"

"Nein."

"Okay. Ah, ich habe noch etwas. Es gibt natürlich ein Schiffslogbuch, und das ist bei uns eine Datei. Da müssen Sie halt am Ende der Nachtwache eine Eintragung machen. 'Keine besonderen Vorkommnisse, Schiffszeit, Ihren Namen.' Ganz einfach. Das Werkzeug dazu ist der LOGEDITOR, den Sie einfach aufrufen. Der sorgt für das richtige Format.' Ist praktisch selbsterklärend. - Sie können einen ganzen Roman schreiben, aber bitte - kurz ist besser."

"Ja. Ich sehe es mir gleich an."

"Eilt ja nicht. Das ist jetzt wohl alles. Okay. - Dann haue ich mich hin. Nacht!"

"Nacht."

Wellington hat die ganze Zeit nichts gesagt. Ich habe das Gefühl, daß er nur gewartet hat, bis Amerlingen weg ist, um dann noch mit irgend etwas herauszurücken. Aber nun kommt nichts. Er geht ein paarmal um den Koppeltisch herum, wirft ein Blick auf jeden Bildschirm, verstellt den Kartenausschnitt auf dem Koppeltisch und bewegt sich dann zur Tür.

"Passen Sie gut auf unser Hotel auf!" sagt er, und: "Gute Nacht."

"Ja. Danke. Gute Nacht." Was Besseres fällt mir nicht ein - aber ich begreife sein Dilemma: Er hat ein Problem damit, sein Schiff in anderen Händen zu wissen.

Nun bin ich mit dem Schiff allein.

Mit dem Schiff und mit dem Rest der Welt, der so weit von uns entfernt ist. Mehr als ein halber Kilometer Fels über unseren Köpfen, dann noch einmal eine fast zweihundert Meter dicke kalte Salzwasserschicht. Da oben ist es jetzt genauso dunkel wie hier unten, wenn die Scheinwerfer der CHARMION nicht wären, und ein frostiger Wind bläst den Gischt über die See - sehr ungemütlich, wenn man jetzt in einem offenen Boot da draußen wäre. Welchen Luxus haben wir vergleichsweise doch hier. Und doch, inwieweit schiebt dieser Luxus, die Wärme an Bord und die Helligkeit, das Gefahrenbewußtsein weg?

Auf anderen Schiffen hat mehr als ein Mann Wache, hier verläßt man sich auf das reibungslose Funktionieren der Computer und der Schiffseinrichtungen. Die meisten Fehlfunktionen würden sowieso einen Alarm auslösen, ebenso die meisten Veränderungen in der unmittelbaren Umgebung der CHARMION - wozu eigentlich muß noch ein Mensch wach sein? Welche Gefahren könnten den Computern entgehen, die ein Mensch mit seinen wachen Sinnen erkennen würde?

Da wird mir wohl so schnell nichts einfallen, denn alles, was anderen schon eingefallen ist, ist als Überwachungsfunktion schon programmiert worden. Wir können ja selber noch weitere Kriterien zufügen, wenn wir wollen. Was könnte also jetzt dem Schiff passieren, was nur ich jetzt rechtzeitig als Gefahr erkennen würde? Da muß ich meine Phantasie schon arbeiten lassen.

Das ist letztlich auch der einzige Grund für eine Wache. Verfügbares Mädchen für alles mit gesundem Menschenverstand. Die Gänse im Capitol. Genau so. Ich überlege, ob ich in einem der Sessel ein Nickerchen machen könnte, die Bildschirme vor Augen, jederzeit bereit, einen Blick auf sie zu werfen, mit nicht mehr Aufwand als dem Heben eines Lides. Nächste Stufe des Wachvergehens: Die Liegen im benachbarten Krankenrevier. - Ich glaube, das sollte ich besser sein lassen. Diese Wache noch nicht.

Außerdem könnte man, wenn man die Zentrale für sich hat, die Gelegenheit wahrnehmen, die beiden großen Bildschirme auszuprobieren, also den Koppeltisch und den raumhohen Bildschirm in Fahrtrichtung.

Eine Weile lang gehe ich ruhelos um den Koppeltisch herum. Wahrscheinlich sind noch ein paar Leute auf, in der Kantine oder so, und jederzeit könnte jemand reinkommen. Trotzdem gehört das Boot jetzt mir. Und es ist ganz anders, verglichen mit der Situation, als ich in der Welthöhle in Osonts Flotte Kapitän war oder dort Nachtwachen hatte. Hier, an Bord dieses Schiffes, geht zwar auch alles mit rechten Dingen zu - aber um mit allem mehr als nur oberflächlich vertraut zu sein ist eine lebenslange Beschäftigung mit Naturwissenschaften und Technologie und jahrelange Einarbeitung in die technischen Einrichtungen dieses Bootes notwendig. Es können viele Dinge passieren, die sehr rasch dahin führen, daß nicht mehr ich die Situation beherrsche, sondern die Situation mich. - Dann gehört das Boot nicht mehr mir, sondern ich gehöre dem Boot.

In Osonts Flotte gab es überschaubare Gefahren: Wetter, aggressive Saurier, der rüde, soziale Umgangston. Die Gefahren der Strandung, wenn man nicht aufpaßte, oder auch das Juckwasser, das damals mehrere von meinen Leuten umgebracht hatte. Aber alles überschaubar und im Prinzip auch verstehbar. Hier ist das nicht mehr so. Ich erinnere mich an eine Aussage über den bekannten Schriftsteller Tolkien, für den alles Teufelswerk war, was in seiner technischen Kompliziertheit über einen Blasebalg oder eine Öllampe hinausging. In seinem 'Herr der Ringe' wird man keine nuklearen U-Boote finden, obwohl die Bewohner von 'Mittelerde' vermöge ihres langen Lebens sicherlich die intellektuellen Ressourcen für die Beherrschung von Technik gehabt hätten.

Aber 'Der Herr der Ringe' ist Fiktion, und dieses ist die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, die für mich ein zweites Mal Haken geschlagen hat. Schon 1995 war es so: Alles schien festgelegt, der weitere berufliche Lebensweg, die Ehe mit Irene, der Wechsel von Arbeit und Freizeit, das gemeinsame Altwerden in diesem Dorf im Süden von München. Abgesehen von irgendwelchen Katastrophen würde nichts Aufregendes mehr geschehen.

Und dann machen wir eine Wochenendwanderung auf die Zugspitze, suchen im Höllental Schutz vor Unwetter, finden den Eingang zur Welthöhle, und alles ist anders. Der Eintritt in ein neues Leben. Intensiv und gefährlich. Objektiv waren wir ja nur 90 Tage in der Welthöhle, aber es schien soviel länger, ein ganzer Lebensabschnitt eben, und vor allem - die ganze Zeit wußten wir ja nicht, ob wir je wieder in unser altes Leben zurück kehren würden.

Wir kamen zurück. Aber wenn man so etwas erlebt hat, dann wird man nie wieder derselbe. Und man kann auch nicht einfach alles als einen bösen Traum ansehen, eine Arbeitshypothese, um bei klarem Verstand zu bleiben - das war deshalb schon nicht möglich gewesen, weil die erste Zeit ja Chreich noch bei uns war - eine lebende Erinnerung an unser Abenteuer.

Ich schrieb mir unsere Erlebnisse von der Seele, und es gelang mir, diesen Reisebericht als Werk der Abenteuerliteratur zu verkaufen. Für mich persönlich war es mehr ein Gedächtnisprotokoll, eine Hilfe, um mich auch nach einem oder zwei Jahrzehnten an Einzelheiten erinnern zu können.

Und dann, als unsere weitere Zukunft wieder drohte, überschaubar zu werden - also dasselbe, was wir vorher hatten, nur jetzt mit der Erinnerung an die Zeit in der Welthöhle - tauchten im letzte Jahr diese Leute von der EG auf und zwangen uns in ein neues, in dieses Abenteuer hinein.

Und jetzt ist alles anders. Nicht nur, daß wir diesmal ein Abenteuer mit Hilfe modernster Technologie antreten, zusammen mit anderen, qualifizierten Mitarbeitern und unter den Fittichen einer großen Organisation - das ist ja eigentlich nur ein gradueller Unterschied. Der wesentliche Unterschied ist ein ganz anderer: Wir stolpern jetzt nicht mehr zufällig in diese andere Welt hinein, mit keinem anderen Wunsch, als so schnell wie möglich und lebendig wieder hinauszukommen, sondern wir sind mit gezielten Aufträgen versehen dorthin unterwegs. Mit Aufträgen, deren Rechtfertigung wenigstens diskutierbar ist.

Und natürlich ist alles anders, weil Irene umgekommen ist, noch bevor es richtig losgegangen ist.

Daß Irene nicht mehr da ist, wird mehr als alles andere dafür sorgen, daß das Leben nie mehr so wird wie es vorher war. Der Verlust von Irene wird länger schmerzen als etwa der von Charmion. Die Zeit mit Charmion war zu kurz, obwohl wir sie so intensiv erlebt haben. Deshalb flaute auch die Trauer ab. Mit Irene ist es anders: Irene gehörte wirklich ganz und gar zu mir. Sie war mir treuer als ich ihr.

Ich versuche, diese trüben Gedanken zu verdrängen. Ich bin jetzt für 29 Menschen und deren Wohlergehen verantwortlich. 30, mit mir selber. Also, Herwig, tu das, wofür du bezahlt wirst: Einfach wach und aufmerksam bleiben. Das ist ja nicht schwer.

Ich könne lesen, denke ich. Fast alles, was lesenswert ist, befindet sich in den Bordcomputern - wenn nicht irgend jemand Zensur geübt hat. Lesen wäre wirklich eine gute Methode, die Zeit dieser Nachtwache sinnvoll zu nutzen. Und was das rein Ergonomische betrifft - mit einigen Handgriffen kann ich mir jeden Schriftgrad und jeden Font einstellen, den ich haben will. Daß ein interessantes Buch zufällig in einer zu kleinen Schrift gedruckt worden ist, kann einem hier nicht passieren.

Auch Filme könnte man sich ansehen - Die Qualität dieser Bildschirme ist besser als alles, was normalerweise so als Bildschirm bei den verschiedensten Geräten angeboten wird.

Aber zum einen ist es das potentielle Überangebot, daß meine EntschlußFreudigkeit, irgend etwas zum Lesen zu suchen, lähmt: Was immer ich finde, es wäre ja doch noch etwas besseres verfügbar. Das zum Einen. Zum zweiten weiß ich nicht genau, was das System von meinen Aktionen protokolliert. Wenigstens der letzte Zugriffszeitpunkt auf eine Datei wird immer protokolliert - das PRO_UNIX läßt es nicht anders zu. Vielleicht bleiben aber auch mehr Spuren zurück. Und ich mag einfach nicht, daß irgend jemand wenigstens prinzipiell herauskriegen kann, was ich gelesen und wie lange ich dazu gebraucht habe.

Ebenso ist es bei der zentralen Zurverfügungstellung von Literatur zu leicht möglich, Zensur zu üben. Das Buch, das seinen Inhalt ändert, in Abhängigkeit davon, welche Partei gerade an der Regierung ist - die zentrale Literaturverwaltung macht es möglich. Gerade das, was als immenser Schritt in Richtung auf eine belesene Gesellschaft verkauft werden kann, kann in Wirklichkeit die wahre Informiertheit untergraben.

Nach wie vor ist das Buch - oder auch der kleine, dezentrale PC, von dessen Daten niemand etwas weiß - die ideale Lesegrundlage. Die demokratischste Methode der Wissensaquisition. Vielleicht sogar der dezentrale PC noch mehr als das Buch, denn auf dem PC kann man, wenn wieder einmal ungünstige, totalitäre politische Winde wehen, die offiziell unerwünschte Literatur einfach verschlüsseln - und weg ist sie. Nur für einen selber nicht, wenn man nicht den Schlüssel vergißt.

Das ist mein Vorbehalt gegen die phantastischen Computerresourcen an Bord der CHARMION: Diese Rechner stehen mehreren Menschen zur Verfügung, und die Systeme sind so unübersichtlich, daß man eigentlich nie genau weiß, was sie machen.

Nur einen Trost habe ich bei dieser Sache: Wenn ein totalitärer Staat den gesamten Informationsbestand seiner Bürger verwaltet - natürlich angeblich zu deren besten Nutzen, wie es in solchen Fällen immer behauptet wird - dann ist das so unermeßlich viel Material, daß die Durchmusterung auf politisch Unerwünschtes einfach zu aufwendig wird. Man müßte ein Heer von Zensoren beschäftigen: das Orwell'sche Ministerium für Wahrheit. Diese aber müßten schon etwas gebildeter sein als das, was dieser totalitäre Staat seinem Durchschnittsbürger erlauben will, damit sie die unerwünschten Dinge überhaupt als solche erkennen können. Das führt automatisch zu großen, inneren Widersprüchen eines solchen Systems. Unfehlbar wird es jedenfalls nicht. Es wäre eine Situation, so ähnlich wie in 'Fahrenheit 451': Der Staat verbrennt die unerwünschten Bücher - aber er ist nicht in der Lage, alle zu finden. Und die Rebellen kommen auch aus den Reihen der eigenen Leute, wie etwa der Feuerwehrmann Montag in 'Fahrenheit 451', oder Winston in '1984'.

Es ist schon nach ein Uhr. Noch sieben Stunden Wache. 420 Minuten, 25200 Sekunden. Ich habe immer noch nicht viel mehr getan als die Bildschirme anzusehen, die klar gezeichneten Höhlenwände, die ständig in ganz genau derselben Entfernung von der CHARMION gehalten werden. Das Wasser ist hier so vollständig frei von irgendwelchen Schwebstoffen, daß es die Sicht, jedenfalls auf so geringe Entfernungen, sowenig behindert wie Luft. Auch die Lichtbahnen der Scheinwerfer zeichnen sich kaum ab. Und daß, obwohl es erst knapp 12 Stunden her ist, daß hier in der Nähe ein gewaltiger Erdrutsch stattfand.

Plötzlich komme ich auf dieselben Gedanken, die mir auch schon während des Wachestehens bei der Bundesluftwaffe gekommen sind, vor etwa 27 Jahren: Was ist die beste Strategie, das Leben subjektiv lang erscheinen zu lassen: Wenn ich mich jetzt während der ganzen Wache langweile, dann werden mir diese acht Stunden endlos vorkommen. Später aber wird es daran kaum eine Erinnerung geben, und in der Rückschau ist der Zeitraum verschwindend kurz. Wenn ich mich aber intensiv beschäftige - lesen oder programmieren oder spielen - dann fliegen diese Stunden vorbei, eventuell bleibt aber von dieser Beschäftigung etwas hängen, so daß sich die Zeit in der Erinnerung eben nicht auf Null reduziert.

Naja, damals, beim Wachestehen, hatte man ja keine andere Möglichkeit als gezielt nichts zu tun. Das ist jetzt anders. Solange ich nicht zu müde bin, irgend etwas zu tun, sollte ich mich geistig beschäftigen, egal, womit: Von Stunden, die sich aus purer Langweile endlos dehnen, habe ich ja eigentlich nichts.

Ich lasse die Kameras jede Raumrichtung abtasten, auch die genau nach oben und ebenso die genau nach unten. Die Felsdecke über uns sieht solide aus, soweit man das bei einer Felsdecke sagen kann. Unter uns liegen einige lose Felsbrocken, von denen ich nicht sagen kann, ob sie bei dem Erdrutsch durch den Höhleneingang hereingeschleudert wurden oder schon Jahrtausende dort liegen.

Ich könnte, denke ich mir, jetzt auch mit der Trägheitsnavigation des Schiffes herumexperimentieren, um herauszufinden, ob die wirklich so gut ist, wie behauptet wird. Ich weiß nicht, wie das konstruktiv gemacht worden ist. Eine Trägheitsnavigationseinrichtung macht nichts anderes, als ständig die mechanischen Beschleunigungen über die Zeit aufzuintegrieren, um die aktuelle Geschwindigkeit zu erhalten, und diese über die Zeit aufzuintegrieren, um ständig den Ort zu erhalten. Das ganze geschieht für alle Raumdimensionen, und die Drehbewegungen müssen natürlich ebenso behandelt und berücksichtigt werden.

Früher hat man das Verfahren der manuellen Aufintegration der täglichen vermuteten Schiffsversetzung mit 'Koppeln' bezeichnet - daran erinnert noch dieser Koppeltisch, der in diesem alten Sinne kein Koppeltisch mehr ist. Das hat man immer gemacht, erinnere ich mich, wenn die astronomische Navigation wegen schlechten Wetters nicht möglich war. Wenn man nach einigen Tagen mal wieder eine richtige Standortbestimmung machen konnte, dann stellte sich manchmal heraus, daß man sich im Laufe der Zeit um viele Seemeilen verrechnet hatte.

Auch bei der modernen Methode der Trägheitsnavigation ist das Problem, daß eine nur momentane, winzige Fehlmessung der Beschleunigung einen Fehler in dem errechneten Geschwindigkeitsvektor hinterläßt, und dieser winzige Fehlbetrag in der Geschwindigkeit wird ständig den errechneten Ort verfälschen - um so mehr, je mehr Zeit vergangen ist. Und ich weiß verdammt gut, daß es praktisch unmöglich ist, mechanische Größen wie etwa Beschleunigung so präzise zu messen, wie man das eigentlich tun müßte. Zusätzlich muß man die genaue Größe und Richtung des Gravitationsfeldes kennen, und zwar weltweit, denn sonst kommen auch daher systematische Fehler.

Welche technischen Tricks hat man sich da einfallen lassen? Welche raffinierte Vorgehensweise, auf die nicht einmal ein normaler Feld-Wald-Wiesen-Physiker wie ich auf Anhieb kommt? - Das einzige, was mir einfällt, was man tun kann, ist, die Trägheitsnavigation zu korrigieren, wenn zum Beispiel Situationen wie diese hier vorliegen, wo man weiß, daß man sich nicht bewegt. Wenn die errechnete Geschwindigkeit in so einer Situation ungleich Null ist, dann setzt man sie einfach auf Null, zusätzlich hat man eine wahrscheinliche Drift des Geschwindigkeitsvektors in der letzten Zeit, mit dem man nachträglich die Rechnung mit der korrigierten Geschwindigkeit bis zur gegenwärtigen Position noch einmal durchführen kann. Das sollte sicher möglich sein.

Außerdem stelle ich mir vor, daß man noch andere Größen in die Navigation mit hineinrechnen kann, mit Gewichtsfaktoren, die der Verläßlichkeit der betreffenden MeßInformation entsprechen. Wasserdruck zum Beispiel - damit haben wir schon einmal die Meerestiefe. Aber auch diese Information ist schon sehr ungenau. Schließlich haben wir die Schwankungen in der Salzkonzentration auf dem Herweg ja gemessen. Diese allein macht die Tiefenmessung hier bereits unsicher: Sie kann hier schon um ein paar Meter falsch sein.

Da habe ich einmal gedacht, daß die Beschäftigung mit der Physik wenigstens die Unverständlichkeit von technischem Gerät beseitigt. Aber eben weil ich mich damit beschäftigt habe, weiß ich um praktische Probleme, weiß, welche Größen man zum Beispiel mit welchem Aufwand wie genau messen kann. Wenn man aber dann mit einem Gerät konfrontiert ist, das diese Grenzen weit überschreiten soll, dann ist man wieder auf die Stufe des Wunderglaubens zurückgefallen.

Würde ich diese Navigationseinrichtung verwirren können, indem ich zum Beispiel das Boot zehnmal um die eigene Achse drehe? Oder wenn ich das Boot mit der Spitze auf 10 Millimeter an die Felswand heranführe, dann soweit zurücksetze, wie es diese Höhle gerade eben erlaubt, und dann wieder das Boot um ebensoviel vorwärts bewege, wird dann die Spitze wieder genau 10 Millimeter von der Felswand entfernt sein? Oder werde ich solche Experimente überhaupt nicht durchführen können, weil der Schiffsrechner selbständig die günstigste Navigationsmethode auswählt und in diesem Fall merkt, daß das Ergebnis eines solchen Manövers sein sollte, daß sich die Schiffsspitze 10 Millimeter von der Felswand entfernt befinden sollte, und dann das Schiff auch genau dahin steuert?

Zwei Uhr. Die Zeit vergeht in beruhigender Ereignislosigkeit. Die Navigationsexperimente, an die ich gedacht habe, mache ich natürlich nicht, damit nichts Unvorhergesehenes passiert. Meine Wache soll ereignislos bleiben.

Sie bleibt aber nicht ereignislos. An schwachen Geräuschen höre ich, daß jemand im zentralen Niedergang umhergeht. Wahrscheinlich geht jemand auf die Toilette.

Dann geht aber die backbordseitige Tür zur Zentrale auf, und Natalie Yar tritt ein. Einen Moment lang habe ich Mühe, meinen Puls innerhalb der Normwerte zu halten.

"Ich kann nicht schlafen!" sagt sie, "Ich wußte nicht, daß hier noch jemand auf ist."

"Es ist immer jemand hier, und wenn es der Wachhabende ist. Und das bin im Moment ich. - Sie werden auch noch Wache haben!"

Ich sehe ihr in die Augen, um nicht - wohlerzogen, wie ich bin - auf ihren nackten Busen sehen zu müssen. Wieso betritt sie so die Zentrale, wenn sie sich nicht sicher gewesen ist, ob sich jemand hier aufhält?

Sie trägt ein Mieder oder Korselett aus rotem Samt - was immer der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen sein mag. Dieses ist vorne mit weißen Bändern verschnürt und hebt so den Busen, der selbst nicht mehr in das Mieder paßt, an. Dieses Kleidungsstück ist sehr knapp und geht um ihre Hüfte herum in ein durchsichtiges Röckchen aus weißer Spitze über. Darunter trägt sie bis auf einen Hüftgürtel, den man kaum sieht, nichts, so daß auch der weniger geschulte Kliniker mit einem Blick ihre Geschlechtszugehörigkeit feststellen kann. Falls darüber irgendwelche Zweifel bestehen sollten.

Das Korselett wird durch breite Träger, die auch aus rotem Samt sind, gehalten. Diese überkreuzen sich über ihrem Busen. Auf diese Weise wird ihr Busen nicht nur angehoben, sondern auch durch eine etwas größere Ausrichtung nach vorne noch besser zur Geltung gebracht.

Rote Strapse verbinden den Hüftgürtel mit langen, durchsichtigen Strümpfen. Schuhe trägt sie keine. - Alles in allem ist das genau das, was jeden normalen Mann sofort in fiebrige Erregung versetzen kann.

Was hat sie vor?

"Die Kabine ist so entsetzlich klein!" sagt sie.

"Daran werden wir uns alle gewöhnen müssen!" stelle ich fest, "Das ist hier kein Hotel. Das ist ein Forschungs-U-Boot."

Sie geht um den Koppel-Tisch herum, betrachtet mit mäßigem Interesse den Kartenausschnitt, dann setzt sie sich in einen der Sessel vor den Bildschirmen an der Steuerbordseite. Die Außenbordansichten interessieren sie nur kurz. Ihre Bewegungen sind nicht anders als sonst. Sie ist nicht explizit darauf aus, verführerisch zu wirken. Aber ihr Make-Up ist frisch.

"Kann ich nicht hier ein bißchen schlafen?"

"Hier, in der Zentrale?"

"Ja! Hier ist mehr Luft."

"Sie können sich in ihrer Kabine jeden Luftzug, den sie wollen, einstellen. Jede Temperatur, jede Luftfeuchtigkeit. Sogar eine andere Sauerstoffkonzentration!"

"Ja, aber es ist so eng!"

"Morgen früh um sechs," sage ich, "wird es hier wieder voll. Wollen Sie dann - so - hier gefunden werden?"

Sie sieht nur kurz an sich herunter und zuckt mit den Schultern: "Ich habe nur Sachen mitgenommen, die wenig Platz brauchen. Dieses Nachthemd paßt fast in eine Brieftasche."

'Nachthemd für offizielle Anlässe', denke ich, aber ich sage nichts. Vielleicht ist es ja logisch, was sie sagt. Aber wenn man schon eine Art Nachthemd trägt, würde dann nicht ein einfaches T-Shirt ausreichen? Oder, bei nur wenig höherer Kabinentemperatur, gar nichts?

Vielleicht liegt es daran, daß meine Vorstellungen von Zweckmäßigkeit nicht allgemeinverbindlich sind. Vielleicht ist ihr dieses Korsett so bequem wie ein T-Shirt - ich glaube es nicht, aber ich kann ja nicht wissen, wie sich dieser Fummel trägt. Die Wärmeisolation dieses knappen Kleidungsstückes dürfte so gering sein, daß es, verglichen mit der vollständigen Nacktheit, keinen Unterschied macht. Wozu das also? Will sie gefallen? Wem, wenn sie hier niemanden erwartet hat?

Manche Dinge bei Frauen verstehe ich eben nicht. Zum Beispiel hat Natalie Yar lange, rot lackierte Nägel - nicht nur jetzt, sondern immer. Ich finde das abstoßend - besonders die Länge - aber viele Frauen tragen ihre Nägel so. Ich habe sogar den entsetzlichen Verdacht, daß es sich dabei sehr häufig um aufgeklebte, künstliche Nägel handelt - Igittigitt! Die meisten manuellen Arbeiten sind doch so behindert, es kostet Zeit, die Nägel so herzurichten, und eine Verletzungsgefahr besteht auch - sogar auf einer gewöhnlichen Computertastatur kann man mit den Nägeln zwischen die Tasten geraten. Wie kann man sich nur selbst auf diese Weise so behindern? Wie kann man das nur schön finden?

Irene hat das mit den Nägeln nicht gemacht, Cordula macht es nicht, selbstverständlich waren solche Dinge in der Welthöhle auch unbekannt. Einen echten Grund, der Frauen dazu zwingt, gibt es also nicht.

"Nur ein bißchen wärmer könnte es sein!" sagt sie, "Könnten Sie die Temperatur etwas raufstellen?" Sie rollt sich in dem Sitz zusammen.

Das hieße, daß es hier für mich zu warm wird. Da bin ich dagegen. Die alte Konfrontation der Großraumbüros: Nicht übereinstimmende Präferenzen für die Raumtemperatur. Abgesehen davon, daß es mit der Logik nicht klappt: Gegen Kälte kann man sich leichter schützen als gegen übermäßige Wärme: Sie braucht sich ja nur etwas mehr anzuziehen.

"Es wird sehr unruhig hier, in der Zentrale!" sage ich.

"Das macht nichts," sagt sie schläfrig, "Hauptsache, die Decke fällt einem nicht auf den Kopf."

Ich denke fieberhaft nach. Und ich komme rasch auf einen rettenden Einfall:

"Wie wär's mit dem Krankenrevier? Das ist gleich hier, hinter der Tür dort. Wir haben keine Kranken, also ist dort niemand. Und der Raum ist viel größer als eine Kabine. Sie können sich dort jede Temperatur einstellen, die Sie wollen! - Nur müssen Sie wieder raus, bevor Doktor Morton aufkreuzt - das wird sie heute Nacht aber wohl nicht tun."

Ich bin immer noch auf 'Sie' mit Natalie Yar, weil ich nie so besonders viel mit ihr zu tun hatte. Im Moment bin ich wirklich froh, daß ich diese zusätzliche Schranke habe - sie sieht wirklich aus wie die heißesten, pupertären Jugendträume.

Sie steht auf. "Sie sind wirklich nett zu mir. Ja, ich glaube, das ist eine gute Idee."

Das finde ich auch. Gemeinsam gehen wir in den Nachbarraum.

"Alles da," sage ich, "Liegen. Decken. Alles, was Sie wollen. Sie können hier die Temperatur ändern - aber das wissen Sie ja. Sie können mit Licht schlafen oder ohne - ganz wie sie wollen."

Sie wählt sich eine Liege. Dann hält sie, bevor sie die Decke zurückschlägt, inne und sieht mich mit ihrem Blick, der wie immer eine merkwürdige Mischung von Distanziertheit, Gleichgültigkeit, gemessenem Interesse, formeller Freundlichkeit und dienstlicher Aufmerksamkeit ist, an:

"Herr Homberg, ich meine, Sie - wegen ihrer Frau, das wollte ich Ihnen noch sagen ..."

"Bitte, bitte," sage ich, "keine Beileidsformalitäten. Dazu sind Sie nicht verpflichtet. Trotzdem danke."

"Das meine ich nicht," sagt sie, "aber es ist doch so, daß ein Mann ohne Frau - ich meine, es ist nicht gesund. Sie sind sicher auch einsam. Wenn Sie wollen, dann können wir zusammen - ich meine, ich mache es gerne, für Sie! - Auch jetzt gleich, wenn Sie gerne möchten!"

Ich glaube, nicht richtig gehört zu haben. "Wie bitte?" frage ich perplex. Eigentlich ist die Frage schon überflüssig. Das scheint Natalie auch zu meinen. Sie steht einfach nur da und wartet auf eine Antwort.

"Wenn ich das Bedürfnis habe," sage ich, "dann hole ich mir wie jeder gesunde Junge einen runter. Weiter denke ich nicht!"

"Es war ja nur ein Angebot!"

"Dankend abgelehnt!" sage ich, und: "Wirklich dankend! Und wirklich abgelehnt."

Versteh einer die Frauen. Ist sie jetzt beleidigt? Ich will mir unter keinen Umständen eine Feindin an Bord schaffen, nicht einmal zulassen, daß es zu einer Stimmungsdissonanz kommt. Ich darf sie jetzt nicht einfach zurückweisen. Andererseits weiß ich nicht, wieweit ihr Angebot geht oder gehen wird. Gilt es nur jetzt? Gilt es immer? Gilt es allen anderen Männern an Bord auch? Bis jetzt jedenfalls schien das nicht der Fall zu sein - das Gerücht hätte mich wohl erreicht. Bis jetzt hatte ich den Eindruck, daß Natalie Yar sexuell wenig oder woanders aktiv ist. Innerhalb des Teams war wohl noch nichts. Komisch.

"Ich denke dran. Jetzt geht es nicht - ich darf nicht. Trotzdem - danke!" sage ich, ziemlich formell. Sie wartet immer noch.

"Später?" frage ich. Weil ich ja höflich bleiben will. Nach einigen Sekunden endlich der Anflug eines Lächelns. Sie steigt auf die Liege. "Gute Nacht!" sage ich beim Herausgehen.

Wenig später, wieder allein in der Zentrale, überdenke ich das Geschehene noch einmal. Da liegt im Nebenraum ein ganz duftes Mädchen, die ich eben - und wohl jetzt auch noch - hätte haben können - einfach so. Warum passiert einem das nicht in früher Jugend, wo der sexuelle Druck noch so groß und die Unerfahrenheit noch so erschreckend ist? Wo man noch so richtig 'im Saft' steht?

Oder verfolgt die Yar irgendeine unlautere Absicht? Wollte sie mich ablenken, an der Wache hindern? Schwer vorstellbar - das wäre unser aller Sicherheit und sogar der Direktive q78q99q abträglich. Und ob sie es ist, die etwas damit zu tun hat, weiß ich ja auch nicht.

Was also ist sonst ihre Absicht? Nur ein plötzliches, harmloses Aufflammen des sexuellen Verlangens? Zufälliges Zusammentreffen mit Schlafproblemen in der zu kleinen Kabine? Hätte sie dasselbe gesagt, wenn jemand anderes in der Zentrale anwesend gewesen wäre?

Und die Sache mit der Müdigkeit und dem Nicht-Schlafen-Können in der Kabine, wie paßt das mit dem perfekten Make-up zusammen? Naja, vielleicht ist es manchen Frauen zur zweiten Natur geworden, sofort nach jedem Aufstehen das Make-up zu richten. Ich weiß es nicht. Irene hat sich nie so kauzig benommen.

Plötzlich kommt mir noch eine Idee: Die Yar hat versucht, das zu tun, wofür sie bezahlt wird. Kann das sein? Die Projektleitung war sich darüber klar, daß sich in einer Besatzung, die mehrheitlich aus Männern besteht, ein großer, sexueller Druck aufbaut. Das könnte zu Spannungen führen, die der eigentlichen Arbeit abträglich sind. Andererseits ist es völlig unmöglich, daß jeder seine Ehefrau oder seine Freundin auf die Reise mitnimmt - dazu ist das Boot zu klein. Und eine geschlechtssymmetrische Besatzung aufzustellen war auch nicht möglich - die Qualifikationen müssen aquiriert werden, wie sie kommen. Wenn man wirklich befähigte Teams braucht, dann kann man keine Prinzipienreiterei auf einer Quotenregelung machen. Was liegt da näher, als explizit eine Dame des horizontalen Gewerbes in die Besatzung einzuschleusen? Am besten natürlich eine, die auch noch für andere Aufgaben qualifiziert ist?

Ist es so? Ist die Yar eine Edelnutte? Eine Nutte mit wissenschaftlicher Ausbildung? Natürlich hat man sie nicht mit dieser Tätigkeitsbezeichnung in die Besatzung integrieren können. Aber wäre es denkbar, daß sie tatsächlich den Auftrag hat, durch ihren persönlichen Einsatz kontraproduktive sexuelle Spannungen abzubauen?

Ich glaube nicht daran, auch wenn das Konzept in sich schlüssig ist. So weit denkt niemand in der Hierarchie der Projektleitung mit. Ich überlege mir schon, ob ich Natalie Yar direkt dazu befragen sollte. Wie macht man das, ohne unhöflich zu sein? 'Entschuldigen Sie, aber sieht ihr Dienstvertrag vielleicht vor, daß Sie sexuelle Spannungen in der Besatzung unter persönlichem Einsatz abbauen?' Sowas kann man doch nicht fragen!

Was für ein Konzept. Wenn mein alter Arbeitgeber das aufgegriffen hätte! 'Förderung des Betriebsklimas', oder so. Japaner machen morgens im Büro auch ihre Gymnastik, warum also eigentlich nicht? Die Mitarbeiter sind ausgeglichen, ja, ausgeschlafen, weil sie nicht am Vorabend auf die Pirsch gehen müssen. Niemandem kommen Streiks in den Sinn - statt Aussperrung droht temporäre Abkopplung von dieser innerbetrieblichen Sozialmaßnahme! - Naja, und die verheirateten Mitarbeiter - da müßte man sich noch etwas ausdenken. Immerhin könnten diese Damen sich betriebswirtschaftlich durchaus tragen. Was für ein Konzept!

Dabei fällt mir der Ausdruck 'Lochschwager' ein. Buchheim hat in seinem Buch viele der obszönen Redereien unter den Mannschaftsdienstgraden notiert. Auf diese Weise sind einige Ausdrücke aus der Weltkriegszeit überliefert worden, die heute wohl nicht mehr gebräuchlich sind. 'Lochschwager' sind Männer, die mit demselben Mädchen schlafen. Ganz einfach. - Ich denke an unser Boot: Ein ganzes Schiff voller Lochschwager, ob nun von der Projektleitung so billigend in Kauf genommen oder sich so ergebend? Merkwürdige Vorstellung.

'Lochschwager'. Das Wort gefällt mir. Das muß man sich vorstellen - unsere Mission ein voller Erfolg, wir alle eines Tages mit dem Boot aus der Welthöhle zurück, und irgendein Journalist bekommt davon Wind, wie es an Bord zuging. Die Schlagzeile: 'Unsere Lochschwager sind wieder daheim!' - Nein. Ernst bleiben. Am besten, ich vergesse, was ich eben erlebt habe. Damit aus unserer Expedition nicht eine Vorlage für ein Drehbuch wird, daß dann nur in den privaten Kanälen gesendet wird.

Ich horche. Es ist absolut still im Krankenrevier - Natalie schläft wirklich. Aber natürlich ist die Tür schallisolierend, wie alle Türen hier.

Und ich weiß immer noch nicht, was ich denken soll. Irgend etwas stimmt nicht mit ihr. Sie ist nicht promiskuitiv, auch wenn sie so gut aussieht, daß sie jeden haben kann. So direkt wie ihr Angebot und ihr Aufzug war - sie war nicht so richtig bei der Sache. Ich verstehe es nicht.

Ich setze mich in den steuerbordseitigen Sessel, in dem sie gesessen hat. Augenblicklich spüre ich die Wärmereste, die dieser von ihrem Körper angenommen hat. Bevor es mich erregt, stehe ich rasch wieder auf. Ich muß an etwas anderes denken.

Ich entschließe mich, mir in den paar unbeobachteten Stunden, die mir in dieser Nachtwache noch zur Verfügung stehen, die Steuerung anzusehen. Das Programm ist ständig auf mehreren Konsolen geladen und leicht verständlich. Vor eine dieser Konsolen setze ich mich.

Ein Markierungsfeld zeigt an, daß keiner der in die Tastatur integrierten Trackballs eine Wirkung hat. Das Boot ist im Moment vollkommen automatisch und steuert sich selbst. Der momentane Modus erlaubt jedoch spezifische Einzelanweisungen an das Steuerungssystem. Jedenfalls sieht es so aus. Ich schiebe den Mauszeiger auf die Koordinatenbox und klicke sie an. Sofort springt eine Dialogbox auf, die mich fragt, ob ich neue Soll-Koordinaten einstellen möchte. Das Programm scheint in keiner Weise blockiert zu sein.

Die Neukoordinaten kann man auch als Differenzkoordinaten eingeben. Die voreingestellte Maßeinheit ist das Meter. Mal sehen. Wenn ich die CHARMION um einen Meter nach Osten versetzen will, dann muß ich eines der Felder mit einer '+1' ausfüllen. 'Enter'-Taste: Na also! Das Boot läßt mich nicht. Eine neue Dialogbox springt auf und fragt nach einem PaßWort. Das kenn ich natürlich nicht. Also tippe ich irgend etwas ein:

'Alkohol delectat - wenn man ihn trinkt, dann schmeckt dat. Hihi!'

Das sind genau 64 Zeichen - so lang soll das PaßWort sein.

Anstatt diesen Satz als falsches PaßWort zurückzuweisen, fragt die Dialogbox mich noch nach meinem Namen. Ich tippe ein:

'Kermit der Frosch.'

Die Antwort folgt auf dem Fuße:


        NO KNOWN AUTHORIZATIONS FOR KERMIT DER FROSCH

Damit bin ich wieder aus dem Geschäft. Und die CHARMION bewegt sich um keinen Zentimeter.

Das ist auch gut so. Da könnte ja jeder kommen. Andererseits - ich habe hier Wache. Wenn sich die Notwendigkeit ergibt, daß der Wachhabende das Boot schnell bewegen muß - vielleicht, weil die Höhle einstürzt - dann ist es nicht mehr akzeptabel, erst jemanden wecken zu müssen, der weiß, wie man das Boot steuert. Ich könnte ja im Prinzip diese Fähigkeit haben! Und dann sollte ich eigentlich über die entsprechende Befugnis verfügen. Und jeder andere, der Wache hat, sollte das auch tun können.

Hinter mir ist ein Geräusch. Ist Natalie wieder aufgestanden? Ich drehe mich um.

Es ist Wellington, der, nackt bis auf einen Slip, offenbar hastig aufgestanden ist. Und er sieht unwirsch aus.

"Was tun Sie dort, Herr Homberg?"

"Ich habe mir das Steuerungsprogramm angesehen!"

"Sie haben versucht, in die Steuerung einzugreifen! Warum?" Offenbar hat das Steuerungssystem ihn sofort geweckt, als es diesen unauthorisierten Zugriffsversuch feststellte.

"Ich wollte nur mal sehen, ob ..."

"Mit solchen Spielereien bringen Sie das ganze Schiff in Gefahr!"

"Es ist keine Spielerei! Ich wollte sehen, ob der Zugriff hinreichend geschützt ist!"

"Das ist nicht Ihre Aufgabe!"

"Ach nein? Was dann?"

"Sie stehen uns ausschließlich in beratender Funktion zur Verfügung. Mit der Steuerung des Bootes haben Sie nichts, aber auch gar nichts zu tun!"

"Wozu habe ich dann hier Wache?"

"Um die Augen offenzuhalten - weiter nichts!"

"Und genau das ist meine Art, die Augen offenzuhalten!"

"Herr Homberg! Sie werden die Finger von der Steuerung lassen! Das ist ein Befehl! - Ich werde diesen Vorfall ins Logbuch eintragen müssen."

"Tun Sie das," sage ich, "denn ich werde es auch tun."

"Sie werden nur dienstliche Dinge in das Logbuch eintragen - keine Unsachlichkeiten!" Wellington wird laut.

"Wenn ich die Zugriffssicherheit des Steuerungssystems überprüfe, dann ist das dienstlich!" Ich werde auch laut. Wer bin ich denn, daß ich mir hier Vorhaltungen machen lassen muß? Entweder, das System ist sorgfältig geschützt - dann hätte ich nichts Schlimmes anrichten können, oder es ist nicht geschützt - dann ist mein Experiment berechtigt. Auch, wenn es zunächst nur aus Gründen meines Spieltriebes in die Wege geleitet wurde.

Aber Wellington will davon nichts hören. Ich bin nur ein dummer Junge an Bord, und es ist nicht meine Aufgabe, hier irgendetwas zu überprüfen. Er geht an eine der Konsolen, ruft den LOGEDITOR auf und macht seine Eintragung.

"Sie können auch eine Eintragung machen. Nur kann auch das gegen Sie verwendet werden. Wenn Sie ihren Vertrag gelesen haben, dann wissen Sie, daß jeder negativer Einfluß auf die Missionsziele ihre Prämien schmälert. - Ich möchte für der Rest der Nacht keine Experimente mehr! Haben wir uns verstanden?"

Ich setze mich auch an eine der Konsolen und rufe den LOGEDITOR auf. Wellington sieht das.

"Sie werden sehen, was sie davon haben." sagt er und geht schnell raus.

Wenn ich eines bei meinem alten Arbeitgeber gelernt habe, dann ist es das Schreiben von Berichten. Ich muß jetzt gleich richtig formulieren, weil ich weiß, daß dem Logbuch nur hinzugefügt werden kann - es ist nicht möglich, eine Eintragung wieder zu löschen oder zu verändern. Meine Eintragung lautet etwa so, wie ich es versucht habe, Wellington vorzutragen: Überprüfung eines hinreichenden Zugriffsschutzes des Schiffssteuerungssystems.

Was denkt Wellington sich eigentlich, mich wie einen Schuljungen herunterzuputzen? Er ist ein paar Jahre älter als ich und er hat das Kommando. Das sind aber auch schon alle wesentlichen Unterschiede.

Hinter mir ist schon wieder ein Geräusch. Ich wende mich auf meinem Sitz um: Natalie steht mitten im Raum.

"Können Sie immer noch nicht schlafen?" frage ich.

"Ich habe etwas gehört!" sagt sie.

"Wir haben uns eben angebrüllt, der Alte und ich. Haben wir Sie geweckt? - Ich muß diese Eintragung noch fertig machen."

Ich schließe die Eintragung mit der Bemerkung ab, daß eigentlich jeder Wachhabende in der Lage sein sollte, schnell die Steuerung zu bedienen, wenn die Lage es erfordern sollte. Vielleicht ist das unsachlich - vielleicht bekommt jeder, der sich tatsächlich mit der Schiffssteuerung auskennt, die nötigen PaßWörter mitgeteilt. Aber dann frage ich mich, wieso jemand Nachtwache schieben muß, der im Notfall doch erst jemanden anderen aufwecken muß? Wertvolle Zeit kann dann verloren werden.

Als ich fertig bin, stehe ich auf. Irgendwie bin ich ziemlich auf der Palme. Wenn hier eine Hantelbank wäre, dann würde ich mich jetzt damit abreagieren, um den Ärger wieder loszuwerden.

Natalie hat sich auf den Koppeltisch gesetzt. Einen Moment lang überlege ich, ob das den Pixelarrays schaden könnte - aber dieser Tisch ist ein Mehrzwecktisch. Der hält das aus. Die Seekarte, die er immer noch anzeigt - seit Stunden, verändert sich nicht, bloß weil jemand drauf sitzt. - Nur Flecken wird es geben, denke ich: Sie hat ja kein Höschen an. Zwischen den Beinen ist bei jedem Menschen das Klima leicht tropisch. Aber was geht das mich an - ich muß in der Zentrale ja nicht saubermachen.

"Haben Sie alles mitgekriegt?" frage ich.

"Ich hatte die Tür einen Spalt weit geöffnet. Er hat es nicht bemerkt."

"Dann wissen Sie ja, was hier für ein Wind wehen kann!"

"Machen Sie sich nichts draus!"

"Ich mache mir nichts draus. Ich weiß, daß ich korrekt gehandelt habe - ich kann ohne die Steuerungspaßwörter nichts anrichten. Dann aber kann ich auch nach Belieben versuchen, es doch zu tun. - Wenn die PaßWörter leicht zu erraten gewesen wären, dann liegt der schwarze Peter ganz gewiß nicht bei mir."

Natalie wippt mit den Unterschenkeln. Mit langen Armen hat sie sich an der Tischkante aufgestützt. So erinnert sie mich irgendwie an ein Schulmädchen, das auf dem Tisch vor der Schulbank sitzt. Ich weiß nicht, ob Diskussionen über die prinzipiellen Sicherungsmöglichkeiten bei Computersystemen sie interessieren.

"Soll ich mal dasselbe probieren? Dann schimpft er mich auch aus!"

"Großartige Idee!" sage ich, "aber jetzt besser nicht. Das System weckt ihn dann wieder. Und jemandem den Nachtschlaf zu rauben, völlig ohne Grund, das ist allerdings nicht das, was ich will. - Hätte ich gewußt, daß dieses Experiment in seiner Kabine sofort die Alarmklingel schellen läßt, dann hätte ich es ja auch nicht gemacht!"

Sie schüttelt ihre lange Mähne, bis sie ihr perfekt über die Schulter fällt. Ein ganzer Schwall von Haaren fällt ihr dabei zwischen die Busen. Es sieht sehr verführerisch aus. Ich sehe hin, eine Sekunde zu lange vielleicht, und sie sieht, wo ich hinsehe.

"Nicht doch?" fragt sie. Dabei sieht sie mir länger in die Augen als ich ihr.

"Nicht doch!" sage ich. Ganz anderer Tonfall. Auf der ersten Silbe betont statt auf der zweiten. Verkehrt die Bedeutung ins Gegenteil.

"Sehe ich dieser Charmion ähnlich? Ich meine, der Frau, nach der dieses Schiff benannt worden ist?"

"Oh, wie soll ich darauf antworten? Das kann man so schwer vergleichen! - Sie haben das ganze Buch gelesen?"

"Ja."

"Dann wissen Sie das meiste. Jedenfalls alles, was man mit Worten beschreiben kann."

"War sie hübscher als ich?"

Ich werde mich hüten, jetzt mit 'ja' zu antworten.

"Anders war sie. Anders. Ganz anders. Sie war eine Granitbeißerin. Kräftig. Muskulös. Sie hatte auch weibliche Formen, aber das ist bei den Granitbeißerinnen eigentlich selten - die meisten sind hager und sehnig. Da war sie in dieser Hinsicht ein Ausreißer. Eine Ausnahme. - Wenn sie so dastand wie jetzt etwa ich, Arme verschränkt, Schwert griffbereit an der Seite, dann hat man manchmal eher an eine Gladiatorin vor dem Kampf gedacht. - Manchmal hatte sie so einen Zug im Gesicht - am Anfang jedenfalls - so einen Zug von Verachtung. Später nicht mehr."

"Könnte ich eine Granitbeißerin sein? - Ich meine, das ist falsch ausgedrückt. Würde ich unter Granitbeißerinnen auffallen?"

Ich setze mich rechts neben sie auf den Koppeltisch, in derselben Haltung wie sie.

"Sie? Ja, ganz gewiß. Man sieht ihnen an - Entschuldigung, aber es ist so - daß sie nicht so kräftig und so gewandt sind. Andererseits - Sie würden nach einer gewissen Zeit genauso durchgeschwitzt wie die Granitbeißerinnen herumlaufen, mit verfilztem Haar, Essensresten um die Mundwinkel. Ich habe Granitbeißerinnen gesehen, denen eingetrocknetes Blut von der letzten Periode am Oberschenkel klebte - und sie haben's nicht weggemacht. - Oder es waren Blutspritzer von anderen, von der letzten gewalttätigen Auseinandersetzung. Von der letzten Hinrichtung. Ich weiß es ja nicht."

"Davon weiß ich nichts - steht das in Ihrem Buch auch drin?"

"Ich glaube nicht - es gab soviele Einzelheiten, die ich vergessen habe, aufzuschreiben. - Ich konnte auch nicht alles hinschreiben, die Lektoren hätten mir alles wieder weggestrichen."

"Lektoren?"

"So nennt man die Leute in einem Verlag, die ein Buchmanuskript lesen, um zu entscheiden, ob es gedruckt werden soll oder nicht."

"Ach so - ich habe noch nie ein Buch geschrieben."

"Vielleicht werden sie es tun, nach dieser Reise! - Wenn wir sie überleben und zurückkommen."

"Und worüber werde ich schreiben?"

"Über alles, was sie interessiert. Was ihre Arbeit betrifft - da machen Sie ja sowieso Aufzeichnungen, aber vielleicht wollen Sie darüber hinaus ihre ganz persönlichen Erlebnisse aufschreiben."

"Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich das tun will."

"Vielleicht wissen Sie das noch gar nicht. Schreiben ist eine Art Exhibitionismus. Seelischer Exhibitionismus. Eine Sucht. Man weiß es vorher nicht, ob man ihr erliegt. Und dann bildet man sich ein, man muß über alles schreiben, was man erlebt, ob es nun einmalig oder alltäglich ist. - Und wenn man dann in eine solche Situation gekommen ist wie wir in der Welthöhle, dann muß man ja eigentlich auch alles protokollarisch genau aufschreiben - die Größe der Saurier genauso wie den Körpergeruch der Granitbeißerinnen. Alles eben."

"Mögen Sie das, wenn Frauen dreckig sind - so wie die Granitbeißerinnen?"

"Ne, ganz gewiß nicht. Aber die sind eben so, und man gewöhnt sich tatsächlich daran. Mir persönlich sind gepflegte Frauen lieber. - Ich laufe ja auch nicht ungewaschen herum. Ich meine, jetzt - in der Welthöhle blieb uns nichts anderes übrig."

Dann fällt mir noch etwas ein:

"Die Granitbeißerinnen sind in ihrer Ungewaschenheit nicht einmal einmalig. Haben Sie mal 'Eaters of the Dead' gelesen, von Michael Crichton? - Das ist der, der auch 'Jurassic Park' geschrieben hat, und 'Andromeda Strain', und 'Sphere', und was weiß ich noch."

"Ich kenne diese Bücher nicht."

"Da haben Sie etwas versäumt. - Hier, wir haben es sicher in unseren Bordcomputern! - In 'Eaters of the Dead' beschreibt Crichton die Reisen eines Arabers, eines Ibn Fadlan, der von den Wikingern unterwegs gefangengenommen wurde und sie lange begleiten mußte. Die ganzen Erzählungen basieren auf historischen Manuskripten. Dieser Araber berichtet sehr genau, was er erlebt, und alles, was man nachprüfen kann, hat gestimmt. Unter anderem wußte dieser Mann zu berichten, daß die Wikinger es mit der Hygiene nicht so besonders genau nahmen - damals war der Sauberkeitsstandard in den arabischen Ländern viel größer. - Sie sehen, in diesem Punkte sind auch die Granitbeißerinnen nicht einmalig!"

"Haben Sie das alles gelesen?" fragt Natalie mit einem völlig überflüssigen Augenaufschlag.

"Ich hatte früher mehr Zeit zum Lesen als heute. - Ich weiß nicht. Wenn man älter wird, dann drängeln sich soviel andere Dinge, die Zeit brauchen. - Irene hat immer gemeint, ich spinne, weil ich dauernd von Zeitknappheit rede. Aber es stimmt. Zeit ist die einzige Währung, in der man nichts hinzuverdienen kann. Man kann nur etwas verlieren. - Wie Irene. - Sie hat jetzt alles verloren."

"Denken Sie nicht mehr dran!"

"Wie soll ich das."

Natalie rückt näher an mich heran, aber das kann auch Zufall sein.

"Denken Sie noch oft an Sie? - An diese Granitbeißerin, meine ich."

"Was glauben Sie denn! Wo ich doch gerade meine Frau verloren habe!"

"Entschuldigung, ich wollte nicht ..."

"Lassen Sie nur. Das sind ja zwei ganz verschiedene Sachen." Eine Weile sage ich nichts, dann fahre ich fort: "Ja, natürlich denke ich an sie. Immer noch. Ich habe mir wohl eingebildet, daß wir sie mitnehmen konnten, in unsere Welt. Wenn sie nicht gestorben wäre. Aber wir haben ja mit dem anderen Mädchen gesehen, was draus wurde."

"Mit dieser Chreich?"

"Ja."

"Vielleicht ist sie gut heimgekommen!"

"Ist sie nicht." sage ich und erzähle, was ich, ganz zu Anfang des Projektes, von Grohmann gehört habe.

"Eine Gletscherleiche ist sie geworden. Erfroren. - Das hat sie davon gehabt, daß sie mit uns gekommen ist. - Erfroren."

"Das tut mir leid." sagt Natalie. "Wirklich."

"Ich habe," sage ich, mehr zu mir selber, "gedacht, ich müßte wenigstens Irene durchbringen. Und das habe ich ja auch geschafft. Und auch jetzt wäre alles gut gelaufen. Sie wäre ja nicht selbst mitgekommen, auf diese Reise. Und dann kommt dieser Absturz dazwischen."

"Es tut mir leid," sagt Natalie noch einmal, "und auch, daß ich Sie verführen wollte. Das ist wohl jetzt nicht richtig. Entschuldigung. - Dieser Absturz - als ob eine Absicht dahinter steckt!"

Ich werde hellhörig. "Eine Absicht?" frage ich, "Welche?"

"Ich weiß nicht. Aber muß nicht eine Absicht dahinter stecken? Ein Duocopter gehört doch zu den sichersten Luftfahrzeugen, die es gibt! - Jemand wollte Ihre Frau beseitigen. Glaube ich."

"Und warum?"

"Um Sie an der Teilnahme an der Expedition zu hindern!"

"Mich? Und was wäre damit gewonnen?"

"Ich weiß es nicht." sagt sie.

"So glaube ich das auch nicht. Es hätte ja sein können, daß ich dadurch erst recht hätte teilnehmen wollen. Gefahren und Abenteuer sind ein Mittel, um persönliche Dinge in den Hintergrund zu drängen! Niemand kann vorausraten, wie ich oder sonst jemand reagiere."

"Stimmt auch wieder." sagt Natalie. Sie zittert leicht. Im Moment denke ich, daß sie mit der Direktive q78q99q nichts zu tun hat, wenn sie das Thema in dieser Weise auf eine mögliche Ursache für den Tod von Irene bringt.

"Sie frieren." stelle ich fest.

"Macht nichts." sagt sie.

"Sie sollten wieder in Ihr Bett gehen - ich meine, ins Krankenrevier."

"Ich kann doch nicht schlafen."

"Immer noch nicht?"

"Diese Höhle macht mir Angst."

"Ach drum. Sind Sie deshalb vorhin in die Zentrale gekommen - vor der Sache mit Wellington?"

"Ja. So ist es. - Wellington ist einfach so reingefahren. Bei der ersten Besprechung hat er noch rumgetönt, daß er für die Sicherheit des Schiffes verantwortlich ist. Und dann fährt er einfach in so ein Loch rein. Wo hier doch kurz vorher ein Erdbeben war."

"Nein, nein, das war kein Erdbeben," sage ich, "das waren sehr lokale Erschütterungen durch diesen Erdrutsch. In Schottland und den Meeren drum herum gibt es keine Erdbeben. - Aber sie haben recht. Er ist einfach rein. Unterwegs haben wir ja ein paar Felsen gesehen, die mir doch verdammt unstabil gelagert aussahen - die muß er auch gesehen haben."

"Und das macht mir eben angst." sagt Natalie, "Welche Risiken wird er noch eingehen?" Sie sieht vor sich auf den Boden.

"Ich bin sicher," sage ich, "daß er nicht reingefahren wäre, wenn wir ihn alle auf Knien darum gebeten hätten. Aber das hat ja keiner so richtig getan."

Inzwischen sitzen wir auf Tuchfühlung nebeneinander, und sie lehnt sich gegen mich. Weil sie leicht friert, finde ich es angebracht, meinen linken Arm um ihre Schultern zu legen.

"Er wird wohl keine großen Risiken eingehen" fahre ich fort, "aber er wird, wie wir alle, seine Prämienzusagen haben. Je weiter wir kommen, desto mehr Geld gibt es. Solche Zusagen stehen in Ihrem Vertrag doch wohl auch drinnen, oder? - Die meisten von uns werden nach dem Projekt nie mehr arbeiten müssen!"

"Ja." sagt sie. Dann nimmt sie meine rechte Hand und drückt sie auf ihren rechten Busen. Einfach so. Dabei sieht sie mich nicht an.

"Ist das gegen die Angst?" frage ich nach einer Weile, in der nichts weiter geschieht.

"Ja." sagt sie. "Das ist auch gegen die Angst. Ich mag jetzt nicht allein sein." Sie blickt mir wieder ins Gesicht, aus nächster Nähe, und ich spüre ihren Duft. "Verstehen Sie das nicht?"

"Doch doch. Ich verstehe das. - Wissen Sie was?" schlage ich vor, "Wir setzen uns jetzt vor diese Konsole da. Sie setzen sich auf meinen Schoß. Da können Sie schlafen, und da sind sie nicht allein. Ist das ein Angebot?"

Jedenfalls, denke ich mir, werde ich so rauskriegen, ob sie tatsächlich auf eine sexuelle Annäherung aus ist, oder ob es mehr die allgemeine Angst ist, wie sie behauptet. Ich hätte ja auch irgendwie Lust, aber erstens bin ich zu unruhig - ich habe Wache und bin somit im Dienst, und damit basta - und zweitens überfallen mich Erinnerungen. Gerade jetzt, wo ich ihren Busen in der Hand spüre, muß ich an Irene denken. Ich muß daran denken, wie sie durch die Explosion über dem Kyle of Durness in Bruchteilen von Sekunden zerschnitten worden ist. Alles an ihr. Der bloße Gedanke daran schmerzt. Und wenn Irene noch am Leben wäre, dann würde ich jetzt vielleicht an Charmion denken, und daran, wie sie am Kreuz verfaulte. Es ist jetzt einfach nicht die Zeit für Erotik.

Ein paar Sekunden später haben wir es uns in einem der Sessel bequem gemacht. Allerdings befürchte ich, daß mir die Blutzirkulation in meinen Oberschenkeln, auf denen Natalie sitzt, unterbunden wird, wenn sie tatsächlich in meinen Armen einschlafen sollte. Ihre Spielsachen hängen mir jetzt etwa vor dem Kinn.

"Ist das nicht zu kühl so? Sie sind größtenteils immer noch unbedeckt. Ich habe nicht genug Arme, um Sie ..."

"Das geht schon," sagt sie und deutet auf dem Bildschirm vor uns: "Ist das das Steuerprogramm, das Sie vorhin verwendet haben?"

"Ja."

"Und wie verwendet man es?"

"Ich denke, Sie sind müde?"

"Ja, aber ich kann doch nicht einschlafen! So erst recht nicht." Sie schmiegt sich an mich und legt mir ihren Kopf auf die linke Schulter, Gesicht in meine Halskuhle. Den Bildschirm kann sie so jedenfalls nicht sehen.

Logik, denke ich mir, weibliche Logik! Erst kann sie nicht schlafen, weil sie allein ist, und jetzt kann sie nicht schlafen, weil sie mir auf dem Schoß sitzt! Dabei nehme ich den Duft ihrer Haare wahr.

"Im Moment ist es in einem Modus, wo man bestimmte Manöver definieren kann. Das geht wohl noch folgenlos. Aber wenn man sie ausführen will, erfragt das Programm die persönlichen PaßWörter. Und wenn man keine hat, wird der Alte aus dem Bett geklingelt."

"Aha." sagt sie. Ihr Gesicht ist dicht neben dem meinen. Wie immer Weitwinkelperspektive - die Gesetze der Strahlengeometrie sorgen dafür, daß ein schönes Gesicht aus der Nähe betrachtet nicht mehr ganz so schön aussieht. Von einem Punkt dicht vor ihrer Nasenspitze aus gesehen verschwinden die Ohren ganz und die Haare zum größten Teil hinter den Horizont ihrer Wangen. Ich sage ihr das.

"Da habe ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht!" sagt sie und wechselt wieder das Thema: "Was kann man denn damit alles machen?"

Ich erkläre ihr die Manöver, die ich vorhin nur definiert, aber nicht eingeleitet habe. Ich spiele ein bißchen mit dem Trackball herum - dabei gelangen wir bis zu der Dialogbox, mit der man den Abschuß eines seismischen Torpedos definieren kann.

"Wieso gehört so etwas zur Schiffssteuerung?" frage ich, "Das ist doch ein ganz anderes Thema?"

"Vielleicht haben sie es umkonfiguriert, weil schon mehrmals seismische Torpedos verschossen wurden?" schlägt Natalie vor.

"Also die Fachausdrücke gehen dir fließend von den Lippen. 'Umkonfigurieren'. Hast du nicht Biologie studiert?"

"Meinst du, man kommt in der Biologie ohne Computer aus?" fragt sie zurück.

"Mein Studium ist so lange her, daß ich sogar in der Physik ohne Computer ausgekommen wäre, wenn ich es darauf angelegt hätte!"

"Wie alt bist du denn?"

Als ich es ihr sage, muß sie erst einmal schlucken.

"Es geht aus meinem Buch hervor!" sage ich, "Habe ich nie geheimgehalten!"

"Habe ich wohl überlesen. Du hast dich gut gehalten!"

"Danke. Was machst du da?"

"Ich will ein Torpedo auf den Eingang dieser Höhle setzen. Sieh mal, diese Werte müßten doch so stimmen, oder?"

"Wenn Wellington das sieht, was du da machst, dann springt er im Sechseck. Klick bloß nicht den 'Ausführungs-Button' an!"

"Warum nicht? Ich habe ein PaßWort!"

"Was hast du?"

"Mein persönliches PaßWort! Für die Schiffssteuerung!"

"Wieso hast du ein PaßWort und ich nicht?"

"Das weiß ich nicht." sagt Natalie, "Ehrlich. Ich weiß es nicht."

Ich habe sie etwas von mir weggestoßen, als sie mir eben diese Mitteilung gemacht hat. Ich kann es einfach nicht glauben. Wieso hat diese Frau die Steuerungsauthorisierung für dieses Schiff?

Mit flinken Fingern greift Natalie in die Tasten. Die Dialogbox für die PaßWörter erscheint, und so schnell, daß ich nicht folgen kann, tippt Natalie ihr PaßWort und ihren Namen ein. Die Dialogbox verschwindet ohne eine weitere Fehlermeldung. Sie hat recht - sie verfügt über ein gültiges PaßWort für die Schiffssteuerung.

"Kannst du dieses Schiff denn steuern?" frage ich. Dabei weiß ich die Antwort: Natalie hat in München dieselben Lehrgänge gemacht wie wir anderen auch. In einem U-Boot-Simulator ist keiner von uns gewesen.

"Vielleicht haben sie es bei dir einfach vergessen."

"Glaube ich nicht," sage ich, "sie haben doch alles so perfekt durchorganisiert. Die vergessen nichts."

Natalie sieht mir wieder in die Augen: "Jetzt sind wir schon die ganze Zeit auf 'du'."

"Oh. Tatsächlich." Wo sie recht hat, hat sie recht. Und jetzt, wo sie mich wieder so ansieht - sie hat schöne Lippen, denke ich. Schön weich. So sehen sie jedenfalls aus. Ich hätte Lust, sie zu berühren ...

Dann werfe ich aber einen Blick auf den Bildschirm: "Die TorpedoabschußBox ist jetzt ausgefüllt. Wenn dein PaßWort dafür wirklich gilt, sollten wir aber schnell den 'Cancel-Button' anklicken!"

"Ich war schon richtig neugierig," fährt sie fort, ohne auf meine Worte einzugehen "ob wir zuerst auf das 'du' übergehen, oder ob wir zuerst ..."

"Ja." sage ich, "Das habe ich mir auch schon überlegt."

Sie steht auf und setzt sich dann, mir zugewandt, rittlings auf meine Oberschenkel. Ihre Brüste schaukeln genau vor meinem Gesicht, wenn sie ein Hohlkreuz macht.

"Vergiß jetzt die PaßWorte," gurrt sie, "hier. Gefallen sie dir?"

"Ja." sage ich, weil mir nichts Besseres einfällt.

"Dann mußt du es ihnen aber auch zeigen. Hier: Nimm eine in beide Hände. Ja, so. Etwas anheben, damit du die Warze genau zwischen die Lippen nehmen kannst. - Ja, so ist es richtig. Jetzt kannst du deine Zunge rundherum kreisen lassen. Schneller. Ja, so. Noch schneller. - Das ist schön. Ist das schön! Gefällt es dir auch?"

Was soll man sagen, wenn man den Mund so voll hat?

"Jetzt die andere," befiehlt Natalie, "die will auch genuckelt werden!"

Natalie rutscht auf meinen Oberschenkeln auf und ab. Dann reißt sie sich von mir los und steht plötzlich wieder auf. Ich sehe große, feuchte Flecken auf meinen Hosen.

"Zieh doch diese albernen Jeans aus!" wird sie ungeduldig und legt auch gleich Hand an. So schnell bin ich noch nie aus meinen Hosen herausgekommen - worden. Natalie ist aber nicht eher zufrieden, bis ich ganz nackt bin. Dann drückt sie mich wieder in den Sessel hinein. Sie selbst braucht ja nichts auszuziehen. In diesem Sinne ist sie perfekt angezogen, denke ich.

"Das hast du doch schon immer gewollt, nicht?" fragt sie mich, als sie sich wieder mit weit gespreizten Beinen auf mich setzt. Es ist wie eine einzige, fließende Bewegung: Sie setzt sich, und ich rutsche ohne Vorwarnung in sie hinein. Die Wärme ihres Körpers empfängt mich wie eine Glut - eine Glut, die saugen kann. "Endlich!" sagt sie, "Was habe ich darauf gewartet!" Hat sie das wirklich? Ich glaube, ich habe auch drauf gewartet. Denke ich.

Einen Moment lang stelle ich mir vor, wie albern wir für einen unbeteiligten Zuschauer aussehen mögen: Eine Frau in diesem knappen Samtkorselett, um das sich ein paar Arme schlingen - die meinen - zwischen ihren Busen und der Sitzlehne ein Haarschopf, den sie an ihre Brüste drückt - das ist mein Kopf - das Spitzenröckchen ihres Korseletts bedeckt nur knapp zwei ineinander verkeilte Hüften - eine davon ist meine - und von dort aus nehmen sehr viele Beine, von denen sich keines richtig ruhig verhält, ihren Anfang. Das ganze zappelt unter Emission gurrender und heftig atmender Geräusche.

So sieht es von außen aus. Selbst sehe ich nicht so viel. Ihr Busen drängt sich in mein Gesicht, verformt sich dabei, soweit es die Anatomie zuläßt, darunter sehe ich die weißen Bänder der Miederschnürung, die meinen Bauch kitzeln, darunter ihr Spitzenröckchen, das wir jetzt gemeinsam mit Leben erfüllen. Alles stark perspektivisch verzerrt - auch ein Attribut der körperlichen Nähe.

"Halt mich!" sagt sie und lehnt sich nach hinten. Ich ziehe ihren Bauch an den meinen heran, und damit sie mir nicht von den Schenkeln rutscht, kralle mich an dem roten Mieder fest, damit es, und was da drinnen ist, sich nicht von mir entfernt. Irgendwo unter dieser roten Oberfläche, weiß ich, bin jetzt auch ich. Hat sie nicht gesagt, daß ich dahin gehöre? Ich drücke sie mit aller Kraft an mich.

Sie hebt ihre Arme weit hinter den Kopf, während sie sich nach hinten lehnt, die Hebelwirkung dieser Arme heben ihren Busen weiter an und drücken mich weiter in sie hinein. Dabei fallen ihre Arme auf die Tastatur der Konsole hinter ihr.

Die Konsole fängt an, zu quaken.

"Was ist das?" frage ich.

"Mach doch weiter!" fleht sie, "Hör nicht auf!" Ich möchte auch nicht aufhören, aber an ihr vorbei sehe ich auf dem Bildschirm eine Warnung:


        7 SECONDS LEFT FOR LAUNCH INTERDICTION.

Noch während ich hinsehe, ändert sich der Text:


        6 SECONDS LEFT FOR LAUNCH INTERDICTION.

"Natalie," keuche ich, "da passiert etwas! Da ..."

Es passiert auch etwas. Die Bewegungen ihrer Hüfte werden heftiger. Ihre Brüste wogen vor meinem Gesicht wie eine Brandung. Es geht jetzt alles so schnell. Die lange Enthaltsamkeit ...


        5 SECONDS LEFT FOR LAUNCH INTERDICTION.

Es reibt und saugt in ihrem Körper. Bin ich es, oder ist sie es, und was geschieht dort? Ihr Körper ist wie ein Altar, den ich anbete und in den ich hineinstrebe, wo ich hingehöre ...


        4 SECONDS LEFT FOR LAUNCH INTERDICTION.

... und wo ich bleiben werde, jetzt und in Zukunft, und ich will es und sie will es, und ihr Körper ist das einzig Faßbare in der Welt, und ...


        3 SECONDS LEFT FOR LAUNCH INTERDICTION.

"Mach weiter - so ist es gut!" sagt sie - wenn sie es doch will, dann werde ich dorthinkommen, wo sie jetzt ist, und sie füllen weil sie gefüllt werden will, ich spüre, und sie spürt es, wie sich meine Penisspitze gegen ihren Muttermund drängt, da drinnen berühren sich Lippen, die sich noch nie berührt haben, sie berühren sich nicht nur, sie drängen gegeneinander wie in einem heiligen Boxkampf ...


        2 SECONDS LEFT FOR LAUNCH INTERDICTION.

Die Woge nimmt Anlauf und kommt, das Gurgeln in den Samenleitern, der Zug ist in voller Fahrt nichts kann ihn mehr bremsen ein weißer Blitz aus meinem Bauch in ihren Bauch ...


        1 SECONDS LEFT FOR LAUNCH INTERDICTION.

Ihr Bauch pulsiert als wollte er das Korselett sprengen dabei möchte ihr Bauch nur mit meinem Bauch spielen und der Zug ist schon da und rauscht in sie hinein wenn nur nicht das blöde Piepen von der Konsole wäre ...


        SEISMIC CHARGE LAUNCHED AND RUNNING

Der Bauch von Natalie spannt sich in einem endgültigen Krampf und nimmt den Strom auf. Das Ziel ist erreicht, der Dienst vollbracht, die Tat getan.


        ********        ********

        26.     Die zerschossene Rückfahrkarte


Die Zentrale ist soweit vom vorderen Ende des Schiffes entfernt, daß man vom Abschuß des Torpedos nichts hören kann. Aber aus den Augenwinkeln erhasche ich auf einigen der Außenbildschirme eine flinke Bewegung. Dann flackert ein lauer Blitz über fast alle Außenbildschirme.

Ein lauter Hammerschlag dröhnt von allen Seiten auf das Schiff.

Natalie richtet sich wieder auf. Immer noch sind wir ineinander verkeilt, immer noch nagelt meine Härte ihren und meinen Schoß zusammen. Immer noch können wir uns nicht trennen, immer noch wollen wir uns nicht trennen.

Ein dumpfes Grollen hebt an. Man hat auf den Bildschirmen nicht genau gesehen, wo die Explosion war - das haben wir ja schon erfahren, daß diese Torpedos mit einem nur geringen Lichtblitz explodieren. Jetzt aber sieht man auf den Bildschirmen, daß dort Dinge in Bewegung gekommen sind: Fallendes Geröll von der Höhlendecke, besonders in der Nähe des dreieckigen Eingangs, die Gegend, in die wir das Torpedo geschossen haben. Eine der mächtigen Platten, die die Begrenzung des Eingangs bildet, neigt sich - genau die Platte, die ich schon als unstabil eingeschätzt habe. Und von der Decke fallen schwere Felsbrocken.

Gleichzeitig hebt eine Alarmsirene an, durch das ganze Schiff zu schellen. Eine Sirene, die niemand überhören kann.

Die Zentrale füllt sich schnell. Schreckgeweitete Gesichter sehen auf den Felssturz. Minutenlang grollt die Höhle, das Boot zittert, und wahrscheinlich ist es nur dem reinen Zufall zu verdanken, daß keine Felsen auf das Boot fallen.

Die Aufmerksamkeit der hereinsprintenden Besatzungsmitglieder wird nicht nur durch die Bildschirme gefesselt. Mindestens ebenso interessant sind wir beide. Wir sitzen immer noch in unserer Kohabitationsstellung in dem Sessel. Mitten in der Zentrale dieses U-Bootes - eine noch öffentlichere Stelle an Bord gibt es nicht.

Und hinter Natalie kann jeder die Dialogbox für den Abschuß eines seismischen Torpedos sehen.

Es dauert einige Minuten, aber allmählich kommen die Felsen da draußen zur Ruhe. Stäube und Schlamm sind aufgewirbelt worden und geben erst allmählich den Blick auf den Eingang zur Höhle wieder frei. - Das Boot ist unbeschädigt, die CHARMION ist nicht von fallenden Felsen getroffen worden.

Der Eingang dieser Höhle aber ist vollständig zusammengebrochen.

Es wird voll in der Zentrale. Viele, die ihre Station eigentlich woanders haben, sind jetzt hier. Pater Palmer und Amurdarjew, und, am peinlichsten, Cordula und Erwin. Alle, alle, alle sind hier. Und alle sehen uns interessiert an.

Wellington tritt neben uns und sieht sich die Dialogbox an. Dann stellt er mit raschem Griff die Sirene ab und sieht in die Runde. Es wird mäuschenstill.

"Ei der Daus." sagt er. Lachen rundherum. Dann wirft Wellington die Stirn in Falten: "Wie soll ich das für das Logbuch formulieren?"

"Vielleicht ganz einfach sachlich und den Fakten entsprechend?" schlage ich vor. Natalie drängt sich an mich. Ich spüre, wie ich unten aus ihr herausrutsche. Wird schöne Flecken auf dem Sessel geben.

"Ganz - einfach - sachlich." wiederholt Wellington, "Den - Fakten - entsprechend." Er sieht auf den Bildschirm: "Sieht aus, als haben Sie unsere Rückfahrkarte weggeschmissen."

Wieder eine Weile Stille. Dann, mehr zu sich selbst: "Sollte das nicht ein Unternehmen mit erwachsenen Leuten sein? War das nicht so gedacht? Oder irre ich mich?"

Ich kann es ihm nachfühlen. Da ist auf diesem Boote ein ganz anderer Umgangston üblich, bedingt durch die Tatsache, daß es sich bei der Besatzung um ausgesuchte Fachleute handelt. Keine permanenten obszönen Redensarten, wie sie jeder kennt, der schon einmal in einer Armee Dienst getan hat. Oder wie sie Buchheim von den Mannschaftsdienstgraden seines Bootes berichtet. Gespräche sind kollegial und haben Niveau.

Und dann, in einer offensichtlich kritischen Situation, stürzen alle in die Zentrale - und was finden sie dort: Es wird respektabel vor aller Augen gebumst. Ich kann Wellington seine Fassungslosigkeit wirklich nachfühlen - das hat er sicher in seiner U-Boot-Praxis bei der britischen Marine nicht erlebt.

Das Schweigen rundherum ist verkrampft. Im Hintergrund gluckst jemand vor unterdrücktem Lachen. Cordula, die Natalie nicht leiden kann, ist ihre Mißbilligung so ins Gesicht geschrieben wie ich es noch nie bei ihr gesehen habe - sie ist auch amüsiert, aber die Mißbilligung überwiegt. Erwin dagegen schaut drein, als ob er mich beneidet. Alfred Seltsam ist im Moment nicht in meiner Blickrichtung.

Ich glaube, ich muß auch einmal etwas sagen, um die Spannung zu lockern. Auch wegen Natalie - sie schaut drein wie ein kleines, ertapptes Schulmädchen. 'Schulmädchen-Report' - wieso muß dieser Begriff mir gerade jetzt einfallen?

"Ist dir jetzt immer noch kalt?" frage ich sie.

Brüllendes Gelächter. Cohäuszchen schlägt sich so laut auf die Schenkel, daß es knallt. Wellington fällt die Kinnlade herunter. Peer Elderman hat seinen Ellenbogen auf die Schulter von Rolf Sydekum gelegt, und es sieht aus, als ob er weint - sein Körper ist von Lachkrämpfen geschüttelt. Auch andere müssen sich irgendwo festhalten.

Als es wieder einigermaßen still ist, fragt Wellington:

"Sind Sie in der Dame fertig, Herr Homberg?" Wieder Gejohle - es gibt wohl keine Disziplin, die das unter den obwaltenden Umständen verhindern kann. Da sind da draußen Felsen heruntergefallen, die unser Boot hätten zerschmettern können - nun gut, sie haben's nicht getan - aber der Schrecken sollte uns allen noch in den Knochen stecken. Aber der Schrecken kann sich bei diesem Schauspiel nicht so recht behaupten, solange ich noch - allen sichtbar - in der Natalie drinstecke.

"Müssen Sie immer eine zentrale Rolle spielen, Herr Homberg?"

Ich finde diese Frage ungerecht. Schließlich sollte jedem klar sein, daß weder ich noch Natalie darum gebeten haben, daß sich die Zentrale gerade jetzt bevölkert. Und was heißt überhaupt 'immer'? - Außerdem ist es geschmacklos, jetzt den Begriff 'zentrale Rolle' zu verwenden - erneutes Lachen zeigt, wer die anatomische Interpretierbarkeit verstanden hat und wer nicht.

"Sortieren Sie ihre - fünf - Glieder und begeben Sie sich in ihre Kabinen. Sie auch. Jetzt gleich. Versuchen sie, sich einen zivilen Aufzug überzuwerfen. Und dann möchte ich Sie wieder hier sehen - Sie beide."

Natalie steht zuerst auf. Wieder Kichern im Hintergrund. Kindisch - ich weiß, wie lächerlich ein de-erigierter, nasser Penis nach getaner Arbeit aussieht. Ich stehe auch auf und sammle Hose und T-Shirt auf. Natalie hat keine Kleidungsstücke ablegen müssen, die sie aufsammeln müßte. Sie verläßt deshalb zuerst die Zentrale. Dann ich gleich hinterher.

"Puh." sage ich draußen, im zentralen Niedergang. Natalie sieht mich vorwurfsvoll an, aber sie sagt nichts. Ich wüßte auch nicht, wieso und was. Wir verschwinden beide wortlos in unseren Kabinen.

Wie befohlen sind wir beide fünf Minuten später wieder in der Zentrale, ich in Jeans und in einem frischen T-Shirt, weil das andere auf dem Boden gelegen hat, und Natalie in dem offiziellen Bordoverall. Wir stehen neben dem Koppeltisch und warten.

Wellington, Fahlenbeek und Ammerlingen sind dabei, das Geschehene zu rekonstruieren, was ihnen auch ohne unsere Mithilfe weitgehend gelingt. Die ersten Besatzungsmitglieder beginnen bereits wieder, in ihre Kabinen zurückzugehen, da ja keine unmittelbare Gefahr besteht - Die Felsen waren am Höhleneingang unstabiler geschichtet als hier in der Höhlenmitte, was wohl daran liegt, daß die Felsen am Höhleneingang teilweise erst durch den Erdrutsch dort so hingelegt wurden wie sie bis vor kurzem noch lagen.

Jeder guckt uns an - keiner spricht mit uns. Ich werde an eine Situation in früher Kindheit erinnert: Volksschule, dritte oder vierte Klasse. Da war ein anderes Mädchen, die mir unter allen Umständen begehrenswert vorkam: Die ersten Vorboten der Sexualität waren dabei, zu erwachen. Was habe ich auf dem Pausenhof intrigiert, um beim Klingen der Glocke mit ihr Hand in Hand in der Reihe stehen zu können und zu warten, bis wir eingelassen werden! Was für ein Hochgefühl! Wie ich das nun gemacht habe, weiß ich nicht mehr - offenbar in ungeschickter, linkischer Weise, denn ich erinnere mich an ähnliche Blicke wie die, die jetzt auf uns ruhen. Dabei erinnere ich mich heute gar nicht mehr an den Namen dieses Mädchens. Ungefähr vierzig Jahre muß das jetzt her sein!

"Also, wie kam es dazu?" will Wellington wissen. Alle, die noch im Raum sind, horchen auf. Inzwischen hat Wellington längst herausgefunden, daß das ganze durch Natalies PaßWort ausgelöst wurde. Er kann also nicht gleich alles mir in die Schuhe schieben. Natalie aber auch nicht, denn er weiß auch, daß Natalie nicht gerade an der Hackermentalität leidet. Jeder von uns beiden hätte allein das Geschehene nicht auslösen können.

Wir stellen die Situation so nüchtern dar, wie das eben geht - alles möglichst unglücklichen Umständen in die Schuhe schiebend. Gerade noch, daß wir nicht der Computerkonsole die Alleinschuld zusprechen, aber es ist doch wahr: ich hatte nicht die geeigneten PaßWörter. Und als ich merkte, daß Natalie sie hatte, waren wir beide bereits mit anderen Dingen beschäftigt. Daß der Torpedoabschuß vorbereitet und sogar authorisiert worden war, drang kaum noch in unser Bewußtsein. Und dann hat einer von uns eben die Tastatur berührt - naja, man bewegt sich eben etwas beim Bumsen.

Wellington schüttelt den Kopf. So etwas hat er noch nicht gehört. Er fragt Natalie das, was ich mich auch gefragt habe: Wieso ist sie in diesem aufreizenden Aufzug in die Zentrale gekommen? Hatte sie die Absicht, mich zu verführen? Natalie antwortet dem Sinn nach das, was sie mir auch schon gesagt hat: Sie liebt das Tragen attraktiver Kleidung, auch, wenn niemand es sieht. Sie schläft immer so oder so ähnlich.

Ich sehe mich um: Mit dieser Information haben viele an Bord jetzt Stoff für schwüle Träume. Naja, mir ginge es ja genauso.

Nun erfahre ich aber auch, daß tatsächlich jeder andere die PaßWörter für die Schiffssteuerung mitgeteilt bekommen hat - nur ich nicht. Und das ist unter keinen Umständen entschuldbar: Entweder man findet Gründe - die gibt es - den nautischen Laien die Möglichkeit zur Eingriffnahme in die Schiffssteuerung vorzuenthalten - dann darf praktisch keiner vom wissenschaftlichen Personal diese PaßWörter kennen - oder jeder soll die prinzipielle Möglichkeit dazu haben. Dann frage ich mich, warum ich kein PaßWort bekommen habe. Das frage ich auch Wellington.

Sieh da. Wellington ist verlegen. Er zeigt es nicht, aber allmählich durchschaue ich ihn etwas. Normalerweise sind seine Antworten schneller. Entscheider brauchen die Fähigkeit, schnelle Antworten zu finden, auch wenn man diese später noch korrigieren muß.

Schließlich rückt er damit heraus:

"Herr Homberg, es liegt eine Anweisung der Projektleitung vor, Ihnen die Möglichkeit zur Schiffssteuerung vorzuenthalten."

"Nur mir?"

"Ja. Nur Ihnen."

"Und warum?"

"Herr Homberg, ersparen Sie es sich und mir, Ihnen noch einmal diese Sonderveranstaltung, die Sie eben geboten haben, zu beschreiben! In Zukunft, Herr Homberg ..."

"Nein," unterbreche ich, "so nicht! Niemand konnte dieses voraussehen. Es muß andere Gründe haben. Welche waren das? Ich möchte es wissen!"

"Wenn man Ihnen diese Gründe nicht mitgeteilt hat, dann wird das schon seine Berechtigung haben!"

"Das heißt, ich bin der einzige an Bord, dem von vornherein offiziell mißtraut wird! So muß man das doch interpretieren, oder?"

"Von jetzt an," sagt Wellington, "werden neue PaßWörter vergeben. Frau Yar wird auch keins mehr haben."

"Das beantwortet meine Frage nicht."

"Ich habe Ihre Frage nicht beantwortet."

Er wendet sich ab. Dann fällt ihm noch etwas ein:

"Sie brauchen den Rest Ihrer Wachperiode nicht mehr in der Zentrale anwesend zu sein. Sie können schlafen gehen."

Und schon sind wir draußen, Natalie und ich. Bis zu unseren Kabinentüren sind nur einige Schritte.

"Natalie?" frage ich, als sie ihre Kabinentür öffnet und gerade hineinwill.

"Ja?" sie dreht sich um.

"Ich meine, wo unser Ruf jetzt sowieso ruiniert ist, zum Einen, und zum Anderen du in deiner engen Kabine nicht richtig schlafen kannst ..."

"Allein nicht!" sagt sie.

"Genau das wollte ich vorschlagen."

"Deine Kabine oder meine?"

Wir nehmen ihre. Die Probleme sind in beiden die gleichen - schon als einzelner kann man sich kaum ausziehen, ohne sich die Knochen zu stoßen. Das Leben zu zweit in vier Kubikmetern minus Einbaueinrichtungen stellt akrobatische Anforderungen.

"Ob sie uns die übliche Schlafperiode nach einer Nachtwache gönnen?" fragt Natalie, als wir endlich nebeneinander in ihrer Koje liegen, "Deine Zeit ist noch nicht rum!"

"Ich glaube, Wellington ist im Moment ganz froh, wenn wir nirgends tätig sind. Dann können wir keinen Schaden anrichten. - Ich wette, wir können ausschlafen."

"Aber ob er es damit bewenden läßt?" fragt sie. Sie hat sich jetzt ganz ausgezogen und drängt sich wieder an mich.

"Weiß ich nicht. Vergiß nicht, er war mal bei den Streitkräften. Ihm wird schon etwas einfallen - mir würde auch etwas einfallen, an seiner Stelle."

"Was denn?"

"Es muß über kurz oder lang das Saubermachen des Schiffes organisiert werden - bis jetzt haben das die Nautischen gemacht, und wir waren nur für unsere eigenen Kabinen zuständig. Ich wette, da wird sich etwas ändern. Ganz besonders, wenn weder du noch ich diese unbeliebten Nachtwachen mehr machen dürfen, weil man uns nicht mehr traut."

"Heißt das, wir werden demnächst mit dem Scheuereimer durch die Gänge fegen?"

"Genau das heißt das. - Ich habe auch irgendwann schon eine Bemerkung gehört, daß die Wissenschaftlichen jetzt damit drankommen sollen, aber ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat. Naja, lassen wir es auf uns zukommen. Schlafen wir besser etwas auf Vorrat."

"Du willst doch nicht etwa schlafen?" fragt Natalie empört.

"Wieso denn nicht? Was sollen wir denn sonst ..." Ich unterbreche mich selber. Natürlich. Statt weiterer Erklärungen zieht sie mich auf sich rauf.

Es ist bequemer als auf dem Sessel in der Zentrale. Es ist auch bequemer, weil heftigere Bewegungen nicht möglich sind - der Platz ist so eng. Und es ist bequemer, weil wir viel Zeit haben und uns viel Zeit nehmen. Ich schwimme auf und in ihr, und unten schmatzt es, und oben schmatzen wir auch, und wir lassen es dauern. Dann ist sie wieder oben, und ich spüre ihr Gewicht. Sie gibt sich ganz dem körperlichen Wohlgefühl hin, zeigt mir, wie man sich einfach treiben läßt, ohne zu denken, ein Ziel erreichen zu müssen: Wir haben doch ein Ziel erreicht. Und das feiern wir jetzt. Bis wir ineinander einschlafen. Irgendwann.

Und in der engen Koje war die ganze Zeit Platz genug.

Aber kurz vorher fällt mir ganz plötzlich wieder ein: Ich bin doch erst vor ein paar Tagen Witwer geworden - wie komme ich dazu, jetzt schon mit einer anderen Frau zu schlafen?

Aber das sage ich Natalie natürlich nicht.


        ********        ********

        27.     Vom Wasserdruck und anderen feuchten Dingen


Wir, Natalie und ich, stehen an diesem 14. Januar erst um etwa 14 Uhr auf. Wir sind nicht durch Interkom geweckt worden, also hat uns niemand vermißt.

Ich überlege mir, daß es zweckmäßig wäre, für die Morgenwäsche in meine eigene Kabine zu huschen - die ist ja nur eine Kojenlänge - Cordulas Koje - von uns entfernt. Aber ich habe noch überhaupt keine Lust, jemandem auf dem Gang zu begegnen. Und so ist immer einer von uns in der Koje, während der andere sich waschen kann. Es geht, aber eine Lösung für die Ewigkeit ist das natürlich nicht.

Solange Natalie sich wäscht, studiere ich den SISC.

"Schau dir's an!" sage ich, "1450 Meter! Wir sind also weitergefahren!"

"1450 Meter was?"

"Wassertiefe. 1450 Meter Wassertiefe. - Unsere Werftgarantie liegt bei 4000 Meter."

"Ist das viel? Ich habe nicht soviel von den Bootseigenschaften behalten - ehrlich gesagt."

"4000 Meter Werftgarantie? Damit ist dieses Boot das beste U-Boot der Welt! Und diese Angabe soll noch sehr konservativ sein, aber das liegt daran, daß noch nie tiefer mit diesem Boot getaucht wurde."

"Also bis 4000 Meter Tiefe sind wir sicher?" fragt Natalie. Sie kämmt ihre langen Haare aus. Damit hat sie zu tun.

"Ja. Jedenfalls, was den Wasserdruck betrifft. Und wahrscheinlich noch viel weiter."

"Das kann man sich kaum vorstellen." sagt sie.

"Oh doch, das kann man. Stell dir vor, jetzt wäre ein Loch in der Außenwand des Bootes, wo du gerade deinen Finger reinstecken könntest. Den müßtest du jetzt mit einer Kraft von fast 150 Kilo in das Loch hineindrücken - etwa dein zweieinhalbfaches Gewicht!"

"Tatsächlich?"

"Ja. Ein fingerdicker Wasserstrahl aus einem Leck würde, wenn er dich trifft, dir schwere und schwerste Verletzungen beibringen. Er hätte etwa die halbe Schallgeschwindigkeit. Er würde soviel Wasser transportieren, daß man damit in vier Minuten diese Kabine füllen kann!"

"Scheußliche Vorstellung!" meint Natalie.

"Es kommt noch besser. In Tiefen unter 5900 Metern wird der Wasserstrahl aus einem Leck die Schallgeschwindigkeit überschreiten. Er würde so laut sein, daß alle, die in der Nähe stehen, Gehörschäden davontragen. Ein menschlicher Körper wird von dem Strahl einfach durchschnitten, wie Butter!"

"Hör auf!" protestiert Natalie.

"Ich will dir nur demonstrieren, in was für einem leistungsfähigen U-Boot wir hier sitzen! - Und wie gefährlich jeder Fehler ist."

"Gibst du jetzt etwa dem Alten recht?"

"Ich gebe ihm recht im Grade seiner Besorgnis um das Schiff. Seine Beschuldigungen waren - naja, unpräzise."

"Bin neugierig," sagt Natalie und zwängt sich in den Bordoverall, "wie die anderen sich verhalten. - Aussehen tut diese Uniform ja überhaupt nicht." Sie betrachtet sich im Spiegel.

"Das ist keine Uniform. Das ist ein Vielzweckanzug. Und dir steht er. Sagen wir, du füllst ihn gut aus! Dir steht fast alles - und wenn dir etwas steht, dann steht er mir auch!"

"Ach du!" meint sie leichtfertig, "Gehen wir essen!"

Hat sie jetzt die Doppelbedeutung meiner Worte verstanden oder nicht, frage ich mich, als wir auf den Gang hinausspähen. Vielleicht sollte sie es besser nicht - dieser billige Kalauer war unter meinem Niveau.

Auf dem Gang ist niemand. Also treten wir hinaus und gehen in die Kantine.

In der Kantine sitzen nur David Aldingborg und Ernst Kupferdraht. Trotz ihres Altersunterschiedes haben sie etwas gemeinsam, und ich versuche schon länger, herauszufinden, was es ist. Es könnte sein, daß beide trinken. Aber das werden wir an Bord nicht zu sehen bekommen, denn alkoholische Getränke sind verboten. Es sei denn, sie haben sich von langer Hand vorbereitete Depots angelegt. Da gibt es sicher in den Maschinenräumen oder im Unterdeck Möglichkeiten, und natürlich in den eigenen Kabinen.

Als wir eintreten, stockt das Gespräch der beiden. Aldingborg steht auf und bringt die Tabletts von beiden in den Reinigungsautomaten in der Küche. Dann steht Kupferdraht auch auf, und ehe wir es uns versehen, haben beide den Raum verlassen.

"So, jetzt weißt du's." sage ich.

"Aber wieso?"

"Der Torpedo, den wir gestern losgelassen haben, hat uns jeden Rückweg versperrt. Deshalb sind wir weiter auf dem Weg in die Tiefe. - Da, sieh dir die Felswände auf dem SISC an! Das sieht wahrscheinlich schon seit Stunden so aus, nur wir haben es verschlafen."

"Und die machen uns alle verantwortlich dafür?"

"Wahrscheinlich. Aber andererseits - wir wollen ja sowieso diese Höhlenketten, in denen wir uns jetzt befinden, erforschen. Soviel hat sich also gar nicht geändert."

"Außer, daß wir nicht zurückkönnen, wenn wir wollten." stellt Natalie fest.

"Richtig. - Aber wir haben nicht zu wollen."

In wenigen Minuten haben wir uns ein Frühstück zusammengestellt, wie ich es schätze: Kaffee und Käsebrötchen. Den Brötchen sieht man gar nicht an, aus welch tiefen Temperaturen sie aufgetaut worden sind. Eine Weile schmatzen wir nur.

"Aber schön war's doch!" sagt Natalie mit vollem Mund und sieht mich über den Kaffeetassenrand hinweg an. Ehe ich dazu kommen kann, völlig überflüssigerweise zu fragen, was doch schön war, betritt Esther Petersen die Kantine. Sie steuert genau auf uns zu.

Ihre Haltung erinnert mich an eine Waisenkindbetreuungsfachkraft. So ähnlich habe ich mir die Fräulein Habicht aus 'Rasmus und der Landstreicher' vorgestellt - ganz genau so. Ihr Tonfall, als sie den Mund aufmacht, ist nicht geeignet, diesen Eindruck zu widerlegen:

"Commander Wellington entbietet Ihnen seine besten Grüße."

"Schön!" sage ich. Mehr nicht. Da wird noch etwas kommen.

"Er bittet Sie, zu bedenken, welch hervorragende Wirkung es auf die Moral der Besatzung hätte, wenn dieses Boot wieder so sauber wie am ersten Tag wäre! Außerdem würde es viel Zeit sparen, wenn jemand sich freundlicherweise bereiterklären würde, nachher, nach Dienstschluß, von Kabine zu Kabine zu gehen, die Dreckwäsche einzusammeln und in den beiden Waschmaschinen im Unterdeck zu reinigen!"

"Dürfen wir noch zuende frühstücken?" zischt Natalie. Esther Petersen hält es nicht mit ihrer Würde vereinbar, darauf zu antworten. Sie dreht sich um und geht.

"Das mach ich nicht!" sagt Natalie entschieden.

"Ruhig, ruhig. Laß mich überlegen. Wir kriegen das schon hin. - Jedenfalls siehst du, wo wir im Moment stehen."

"Ich wasche nicht die Dreckwäsche von all diesen Leuten! Und ich werde auch nicht den Boden putzen!"

"Natalie," sage ich, "das ist kein militärisches Schiff. Sie können uns nicht erschießen, wenn wir es einfach nicht tun. Aber Wellington kann uns ganz schön ärgern - mit den Prämien und so. Ich will schon etwas Geld aus der Sache mitnehmen, und wenn ich dazu mal etwas arbeiten muß, dann wird mich das nicht umbringen."

"Aber wir sind Wissenschaftler! Wozu habe ich ein Diplom in Biologie?"

"Das spielt doch jetzt überhaupt keine Rolle! Diplome habe ich auch! Das ist hier nichts besonderes, die hat jeder. - Paß mal auf. Wir machen, was uns gesagt wird, aber - nein, sei ruhig! - aber wir machen das so, wie wir es für richtig halten, okay? Wir sollen das Schiff sauber halten. Gut. Dann steht natürlich dauernd ein Eimer im Wege. Und ich werde dafür sorgen, daß er wirklich im Wege steht - hier, vor dem Eingang der Kantine, vor der Zentrale, und so weiter. Wir werden nasse Putzlumpen auf den Stufen der Niedergänge liegenlassen, so daß jeder einmal reingreift. Verstehst du? Ein Duft von Ammoniak wird die Räume durchziehen - wäre doch gelacht wenn wir die Klimaanlage nicht eine Weile überlasten könnten. Vielleicht schaffen wir sogar einen Gasalarm auf diese Weise! - Und was die Wäsche betrifft - Du weißt doch, genau wie ich, was man da falsch machen kann! Bunte Wäsche mit WeißWäsche zusammen, falsche Temperaturen. Und so weiter. Und zum Schluß bringen wir jedem das Falsche zurück."

Natalies Laune hat sich während meiner Worte schon etwas gebessert. Ich fahre fort:

"Es wird natürlich am Anfang etwas Arbeit machen. Aber wir brauchen uns nicht zu beeilen - die bloße Tatsache, daß wir sowas machen, heißt ja, daß es nichts anderes für uns zu tun gibt. - Obwohl ich mir schon einige Dinge denken könnte, die man sinnvollerweise tun sollte: Da ist noch einiges, was ich mir in den Schiffsrechnern genauer ansehen muß. Wenn man's braucht, dann ist es zu spät. - Aber naja. Auf jeden Fall wird man uns diese Arbeit schon bald wieder nehmen. Das ist jetzt nur eine anfängliche Reaktion auf das, was passiert ist. Weißt du was? Wir verteilen jetzt erst einmal ein paar Scheuereimer auf den Gängen - oder was immer die hier für Reinigungsgerät haben - und dann gehen wir in deine Koje eine Runde bumsen!"

"Wo hast du diese Tricks her?"

"Man lernt nicht viel bei der Bundeswehr. Aber die Methoden, sich vor der Arbeit zu drücken, die lernt man. Und die vergißt man nie wieder!"

"Auch die Methode, eine Runde zu bumsen?"

"Du weißt ganz genau, was ich meine. - Also gehen wir! - Die Tabletts lassen wir stehen."

"Warum?"

"Damit wir sie aufräumen können, wenn alle beim Essen sind. Dann müssen wir uns nämlich durch die Stuhlreihen boxen. Das stört! - Besonders, wenn wir gleichzeitig ein paar Scheuereimer balancieren. Volle Scheuereimer!"

"Mit Dreckwasser!" strahlt Natalie. Jetzt hat sie meine Methode verstanden.

Das mit der Runde Bumsen geht dann doch nicht so schnell - ich hatte es eigentlich auch mehr rhetorisch gemeint. Wir steigen ins vordere Unterdeck ab, wo man normalerweise nichts zu suchen hat. Aber ich vermute, daß da das Reinigungsmaterial aufbewahrt wird, weil da die Vorräte von allem möglichen sind. Wir müssen nur etwas suchen.

Im Gegensatz zum Mitteldeck, das mit Kabinen, Kantine, Zentrale und Krankenrevier der Hauptaufenthaltsraum der Besatzung ist, und dem Oberdeck, wo sich zum Beispiel unser Arbeitsraum befindet, ist im Unterdeck kaum etwas, was die ständige Anwesenheit von Besatzungsmitgliedern erfordert. Das ist auch gut so, da es - wie auch das Oberdeck - zu den Enden des Schiffes hin immer niedriger wird, und, schlimmer, da es keinen ebenen Boden hat. Man steht ja direkt auf der Rundung des Druckkörpers.

Wenn ich mich erinnere, bezeichnet man den Raum über dem Kiel in klassischen U-Booten und auch in normalen Schiffen als 'Die Bilge'. Dort ist auch ständig Wasser zu finden, daß durch kleine Lecks und auf anderem Wege ins Schiff gekommen ist.

Nicht so auf der CHARMION. Erstens haben wir ja keinen Kiel in dem Sinne - der Druckkörper ist ja rundherum symmetrisch - und zweitens läßt das Design des Schiffes das unerwünschte Eindringen und den Aufenthalt von Wasser innerhalb des Bootes nicht zu. Wasser in diesen unteren Räumen würde bedeuten, daß verschiedene Geräte hier nicht betrieben werden könnten. So üppig ist Raum aber an Bord nicht verfügbar. Außerdem wäre die Auftriebsregelung schwieriger, weil das Gewicht dieses Wassers in die Rechnung mit einbezogen werden müßte, was sehr schwierig ist, wenn es sich um Wasser handelt, das sich irgendwo im Schiff herumtreibt und das man deshalb meßtechnisch nicht ganz leicht erfassen kann. Also ist es leichter, die Abwesenheit von Wasser technisch zu erzwingen.

Kondenswasser gibt es an Bord nicht. Die gesamten Wände des Druckkörpers werden geheizt oder gekühlt, je nach dem, und das rundherum. Wasser, das durch die Einsteigeluke hereinkommen kann und so die Räume des zentralen Niederganges erreicht, wird dort sofort und schnell gelenzt. Zusätzlich gehen die Schottwände des zentralen Niederganges, der ja ein Abschnitt von vier Metern Bootslänge bildet, durch den gesamten Bootsquerschnitt.

Auf diese Weise ist das Unterdeck in zwei große Räume eingeteilt: Das vordere Unterdeck, das von der Schottwand des zentralen Niederganges bis unter die Kantine reicht - das sind immerhin sechs Sektionen a vier Meter, also 24 Meter, und das hintere Unterdeck, das unter der Zentrale und dem Krankenrevier immerhin noch drei Sektionen, also zwölf Meter Länge umfaßt. Weiter hinten benötigt der Fusionsreaktor und die anderen Aggregate des Schiffes die volle Höhe.

Hier, im Unterdeck, liegen viele lebenswichtige Verbindungen des Schiffes. Die vielen Rohrleitungen der Klimaanlagen, Zu- und Abwasser zu Kabinen, Duschen, Toiletten und Küche, Zu- und Abluft, Wirbeldämpfer der Klimaanlage, elektrische Versorgungsleitungen und die Glasfaserkabel zahlloser Signalleitungen. Wasserleitungen zwischen den Trimmtanks, Pumpen, Hochdrucklenzpumpen für die Regelzellen, die Tauchzellen innerhalb des Druckkörpers und natürlich auch die Wasseraufbereitung.

Zwischen all diesen ständigen technischen Einrichtungen sind zahllose maßgeschneiderte Schränke eingefügt. Die Lebensmittelvorräte sind hier genauso wie alle anderen Verbrauchsstoffe. Werkzeuge und Ersatzteile. Die Reinigungsmittel. Die Waschmaschinen für die Textilien, die an Bord in Gebrauch sind. Sogar zwei Trockner.

Das ganze Unterdeck sieht noch - abgesehen von den Maschinen- und den Reaktorräumen - am ehesten so aus, wie man es von alten U-Booten in Erinnerung hat. Natürlich mit der ständigen, hellen Beleuchtung, die auf der CHARMION üblich ist, und der klinischen Sauberkeit. Aber das Gewirr der technischen Einrichtungen, Rohre und Leitungen ist auf den ersten Blick undurchschaubar. - Hier werden wir natürlich nicht saubermachen. Die Wartung und Reinigung der technischen Einrichtungen ist Sache der zuständigen Ingenieure. Wellington hat schon im Wesentlichen ans Mitteldeck gedacht.

Wir finden das Schapp mit dem Reinigungsgerät nach kurzen Suchen. Natalie rümpft die Nase.

"Deine Wohnung zu Hause machst du doch auch selbst sauber?" frage ich.

"Ja. Aber das ist mein eigener Dreck."

"Das ist wohl wahr. Also. Eimer haben wir genug. Wir können sie oben in den Duschen vollmachen. Und dann stellen wir erst einmal die Gänge vor den beiden Kabinenzeilen voll!"

"Und dann?"

"Sowie der Boden naß ist - Schottgriffe und Wandgeländer. - Naja, muß alles sauber sein!"

Einen Moment lang wundere ich mich, daß das Reinigungsgerät, das wir gefunden haben, zu den einfachsten gehört. Wenn ich mich recht erinnere, dann fuhr in unserer Firma das Reinigungspersonal mit Spezialwagen durch die Gänge - fahrbarer Putzeimer, Scheuerlappenabstreifer und Abfalltransportwagen in einem. Mit Griffen in ergonomisch korrekter Höhe, um das ganze Ding problemlos über die Flure zu schieben, alles an diesem Karren so optimiert, daß man sich möglichst selten bücken muß.

Aber es macht Sinn: In den Bürogebäuden eines GroßUnternehmens muß man den Zeiteinsatz des Reinigungspersonals minimieren. Hier ist unsere Hauptaufgabe aber nicht die Reinigung des Bootes, im Gegenteil: Man erwartet eigentlich von einer qualifizierten Besatzung, daß sie es fertigbringt, das Schiff im alltäglichen Betrieb nicht zu schmutzig werden zu lassen. In der Firma finden sich für diese elaborierten Reinigungswagen genügend Abstellkammern. Hier nicht. Und dazu kommt, daß ein einfacher Eimer als unspezialisiertes Werkzeug eventuell mehrere, unvorhersehbare Verwendungsmöglichkeiten hat. Wahrscheinich sind es solche Überlegungen, die zu dieser relativ primitiven Ausstattung geführt haben.

Für die Trockenreinigung sieht es etwas moderner aus: Der Staubsauger gehört offenbar zu den besten Geräten, die man mit Geld kaufen kann: Vorsätze für verschiedenste Saugrüssel, um in alle möglichen Ecken hineinzukommen, stufenlose Regelung zwischen der Leistung Null und der Saugkraft einer Vakuumpumpe, und wahrscheinlich die Fähigkeit, Honig, Glasscherben und Seewasser zu saugen, ohne gleich kaputtzugehen.

Wenige Minuten später habe ich meinen ersten Auftritt. Ich bin dabei, den Boden vor unserer Kabinenzeile einzuseifen - Natalie ist bei den Nautischen drüben - da kommt Cordula den Niedergang von oben herunter, weil sie in ihre Kabine will. Dazu muß sie über den nassen Boden und an mir vorbei. Tut sie aber nicht: Sie bleibt erst einmal stehen:

"Ist da nicht etwas viel Waschmittel in dem Wasser?" fragt sie.

"Ich frag dich schon noch, wenn ich sachdienliche Hinweise haben will."

"Ich meine ja nur. In den Flitterwochen versalzt man ja auch Suppen, vielleicht rutscht einem dann auch versehentlich zuviel Waschmittel in den Eimer!"

Als ich mich entschlossen habe, ihr den nassen Putzlumpen hinterherzuwerfen, ist sie schon in ihrer Kabine verschwunden. Ein paar Minuten später merke ich am Luftzug, daß die Klimaanlage gemerkt hat, daß die Luftfeuchtigkeit angestiegen ist, und daß sie etwas dagegen tun will. Der Ammoniakgeruch breitet sich in Richtung Kantine und zentralem Niedergang aus. Natalie ist mit ihrer Gangzeile gleichzeitig fertig, und wir machen uns über den Kantinenboden her. Es ist bald Dienstschluß, dann kann Wellington sich entscheiden, das Boot irgendwo still liegen zu lassen. Minuten später wird es hier voll werden. Bis dahin muß die Kantine schwimmen.

Vor Dienstschluß kommt noch jemand den Niedergang von unserem Arbeitsraum herunter. Es ist Pater Palmer. Er bleibt auch stehen und sieht uns einen Moment zu. Ich erinnere mich, daß ich mich mit ihm nicht streiten soll. Also wollen wir mal sehen:

"Ein Bibelspruch, Hochwürden? Der Situation angemessen?"

Er dreht sich um und verschwindet in dem steuerbordseitigen Kabinengang. Wir hören aber, daß er nicht in seine Kabine, sondern weiter in Richtung Zentrale geht.

"Das hast du davon!" sagt Natalie, "Jetzt beschwert er sich."

"Ich habe einen Seelsorger um ein aufmunterndes Wort gebeten. Wie soll er sich da beschweren?"

Nun sind auch die Tische naß. "Das Wasser muß lange einwirken, damit all die Ringe gelöst werden." erkläre ich, "Wir können sie noch nicht trocken reiben."

Dann marschieren wir in Richtung zentralem Niedergang. "Sollen wir uns jetzt über die Zentrale hermachen?" fragt Natalie, "ich habe so ein Gefühl, als ob es dann Ärger gibt!"

"Noch mehr Ärger? Wie soll der denn aussehen? - Komm schon - wir trainieren jetzt Selbstbewußtsein! So hat meine Frau das immer genannt, wenn sie im Restaurant etwas wegen einer Kleinigkeit zurückgehen ließ: 'Selbstbewußtsein trainieren'. - Ich möchte, daß sie stolz auf uns ist, wenn sie uns jetzt von irgendwo zusieht."

Das hätte ich nicht sagen sollen. Die Erinnerung kommt so plötzlich zurück, daß ich stehen bleibe. Natalie versucht, mir in kameradschaftlicher Weise den Arm um die Schulter zu legen. Dabei kommen sich auf dem engen Gang unsere Eimer ins Gehege. Der ihre kippt und leert sich aus. Über meine Hose und über ihren Bordoverall. Bei dem Versuch, ihren Eimer gerade noch zu halten, kippe ich den meinen auch aus. Eine ordentliche Flutwelle schießt den Gang entlang.

Und der Ammoniakgeruch ist unerträglich.

"Scheiße." sagt Natalie. Diese angemessene Formulierung geht ihr recht flüssig von den Lippen.

"Wir hätten bei den Nautischen vorbeigehen sollen. Jetzt ist es unser Gang. Naja. Zu spät."

Wir füllen unsere Eimer in den Duschen im zentralen Niedergang wieder auf und betreten dann entschlossen die Zentrale.

Es sind nur fünf oder sechs Leute anwesend, aber alle sitzen vor ihren Computerkonsolen und arbeiten angestrengt. Mit lautem Scheppern stelle ich meinen Eimer auf den Boden und tauche den Putzfleudel ein.

Wellington dreht sich um und bekommt große Augen:

"HOMBERG! HÖREN SIE SOFORT DAMIT AUF! RAUS!"

Schon sind wir auf der Flucht.

"Nehmen Sie ihre ScheißEimer mit!" brüllt es hinter uns her.

"Du hast es gehört!" sage ich zu Natalie, als wir im zentralen Niedergang die Tür zur Zentrale hinter uns zugemacht haben, "Wir sollen sofort damit aufhören. Befehl ist Befehl. Bringen wir die Eimer dahin zurück, wo wir sie hergeholt haben."

"Ich habe das Gefühl, da kommt noch was." sagt Natalie später, als wir uns in ihrer Kabine von den durchnäßten Klamotten befreien.

"Ja." sage ich, "Aber ich weiß nicht, was. Und wenn's mir nicht einfällt, wird Wellington auch länger nachdenken müssen. - Schade, daß wir nicht essen gehen können - bei diesen nassen Tischen."

Wir kommen uns großartig vor, als wir ins Bett gehen. Denen haben wir es aber gegeben! Den ganzen Abend schwelgen wir in Phantasien, was man noch alles hätte tun können, in Befolgung dieses Reinigungsbefehls. Und Natalie muß sich alte Erinnerungen an meine Bundeswehrzeit anhören, die sie vielleicht weniger interessieren, als ich das im Moment glaube.

Später, als wir erschöpft eingeschlafen sind - 'belebte Bettruhe mit Gymnastin' macht müde - erfahren wir, was sich jemand hat einfallen lassen. Wir wachen von einem eiskalten Wasserschwall auf, der sich in unser Bett ergießt. Der Menge nach ein ganzer Eimer. Grad noch sehe ich, wie die Kabinentür wieder zugeht - die man ja nicht abschließen kann.

Ich bin augenblicklich auf dem Gang, aber da ist niemand mehr zu sehen. Und so nackt, wie ich bin, kann ich nicht durchs Schiff laufen - Es ist erst kurz nach ein Uhr, und außer dem Täter könnte noch so mancher andere auf sein.

Als wir später in der Nacht vor den Waschmaschinen und Trocknern im Unterdeck stehen und uns die Zeit vertreiben, bis die fertig sind, wird uns allmählich klar, daß wir uns kaum beschweren können. Über wen? Und bei wem?

"Natalie," sage ich, "eine Lektion aus meiner Bundeswehrzeit habe ich heute vergessen, zu berücksichtigen: Die Vorgesetzten darf man beliebig verarschen. Aber nie, niemals die Kameraden. Also die Gleichgestellten. Wir hätten die Kantine nicht so einsauen sollen. Und die Überschwemmung im Gang war wohl auch nicht gut - auch wenn sie nicht absichtlich war."

Erschöpft sehen wir, während die Maschinen rumoren, auf den SISC.

Das Schiff liegt inzwischen in einer Tiefe von 1700 Metern. Von den ganzen Manövern in der letzten Zeit haben wir kaum etwas mitgekriegt: Der Anfang unseres Abenteuers wird in unserer Erinnerung nach Amoniak stinken.


        ********        ********

        28.     Im Labyrinth


"Da kommen ja unsere beiden Flitterwöchner!" sagt Erwin und wendet sich wieder seinem Bildschirm zu. Die anderen - Cordula, Pater Palmer, Amurdarjew, Gabi Gohlmann und jetzt auch Mario Wondrachek, Dr. Cohausz und Dr. Salzbach - blicken kurz auf, manche grinsen.

Es ist in diesem Arbeitsraum etwas voller geworden - jetzt sind wir hier im Moment zu zehnt. Ein Drittel der gesamten Besatzung.

Wir haben das Frühstück heute morgen ausfallen lassen und sind um acht Uhr direkt hierher gekommen, um nicht mit allen anderen auf einmal konfrontiert zu werden. Jetzt denke ich aber, daß wir doch hätten frühstücken können.

Günther Cohausz grinst uns in seiner sympathischen Weise an. Ich sehe es ihm an: er formuliert noch an etwas herum. Ihm würde ich den Wasserschwall in unsere Koje heute nacht zutrauen.

"Habt ihr eine ruhige Nacht gehabt?" fragt er.

"Ununterbrochen." sage ich. Alles grient - also sind alle informiert. Hätte mich auch gewundert. Cordula steht auf.

"Wenn ihr Eure Gedanken mal wieder auf etwas Dienstliches konzentrieren könntet - so kurz vorm Wochenende, wo man ja lieber woanders stecken möchte - nein, so habe ich das nicht gemeint!" protestiert sie, als wieder alles in Gelächter ausbricht, "Ich dachte nur an den allgemeinen Gegensatz zwischen Dienst und Freizeit!"

"Nochmal!" ermutige ich sie, "Du willst uns doch sicher Arbeit anschaffen, nicht? - Das kann man sicher ganz unverfänglich formulieren." Ich kenne Cordula ja - zweideutige Redewendungen versteht sie zwar, setzt diese aber selbst nicht absichtlich ein - oder es wäre jetzt das erste Mal gewesen.

"Auf Befehl des Alten." sagt sie. Cohäuszchen unterbricht: "Ja, Herwig, es ist schwer, an Bord eines U-Bootes etwas zu arbeiten, was nichts mit Wasser zu tun hat!"

Es macht mir wirklich nichts aus, der Gegenstand allgemeiner Heiterkeit zu sein. Überhaupt nichts. Auf einem Lanzarote-Urlaub vor neun Jahren habe ich mal Modell für einen Karikatur-Straßenmaler gestanden. Ein gewisser Jorge Molina - so hieß er. Ich erinnere mich heute noch. Es war ein Maiabend in Puerto-del-Carmen, und wir wollten etwas mit nach Hause nehmen, ein richtiges Andenken, mehr als Photos. Und da war dieser Karikaturist, der gegen Geld porträtierte. Ich konnte nicht sehen, was er macht, aber Irene sah sich das Werk von Anfang an an. Und nicht nur sie - es blieben immer mehr Menschen stehen und sahen zu, ständig mein Gesicht mit der in Entstehung begriffen Zeichnung vergleichend. Zum Schluß waren es über dreißig Zuschauer, und der Herr Molina erhielt stehenden Applaus, als er fertig geworden war. Die Zeichnung war auch gut gelungen. Wenn mir dieses Angestarrt-werden unangenehm gewesen wäre, hätte ich ja jederzeit weggehen können. Aber wo geht man hier an Bord hin, wenn man nicht mehr angestarrt werden möchte?

"Also, das grundsätzliche Problem ist, - wir möchten ja wissen, wo wir stecken." Das Grinsen rundherum wird nie aufhören, wenn sie nicht ihre Wortwahl sorgfältiger trifft.

"Wir haben hier ein System, das du wahrscheinlich noch nicht ausprobiert hast. Es kartographiert diese Höhlen, durch die wir uns bewegen, automatisch mit. Es sind nämlich sehr viele Höhlen, viele Abzweigungen, immer kommt man irgendwo nicht weiter und muß zurück. Es ist ein Labyrinth von Höhlen ..."

"Ja, und die sind alle voll Wasser!" ranzt Cohäuszchen dazwischen. Das 'voll Wasser' betont er besonders, und er bekommt wieder seinen Lacherfolg.

"Sei doch mal still! - Also, wir bekommen ein dreidimensionales Modell. Das wird immer genauer und umfangreicher, je länger wir herumfahren. Und aus diesem Modell lassen sich vielleicht Schlüsse ziehen, die uns dann die richtigen Abzweigungen weisen. - Das ist jedenfalls die Idee hinter der Sache. Bewertung von Abzweigungen. Deshalb ist das Schiff an diesem einen Tag noch nicht so weit gekommen wie der Alte das gerne gesehen hätte. - Wir müssen sehr viel vor und zurück fahren."

"Vor und zurück!" murmelt Cohäuszchen.

"Man kann eine Pointe auch totreiten." sage ich. Bei den Worten 'dreidimensionales Modell' hat er zwar einen Moment Natalie scharf angesehen, aber die Pointe kam nicht. Oder ob er nicht drauf gekommen ist?

"Also, es läuft darauf hinaus, sich das Modell dieser Grotten sehr genau anzusehen. Von allen Seiten. Dieses System funktioniert so ähnlich wie ein CAD-System." Cordula sieht Natalie an: "Sie - können Sie eigentlich auch mit dem Rechner umgehen?"

Die Frage ist eigentlich überflüssig. Wir sind zwar von München aus nicht an die Rechner der CHARMION gekommen, aber ohne Computer ging es auf den Lehrgängen auch nicht. Aber daß Cordula Natalie nicht grün ist, weiß ich ja.

"Ich habe mich eigentlich mehr mit Biologie beschäftigt." entgegnet Natalie, die wohl auch nicht genau weiß, was die Frage soll.

"Das hat ja auch keiner von uns bezweifelt!" stellt Cohäuszchen laut und vernehmlich fest.

"Nun sei doch mal still!" funke ich dazwischen.

Wir lassen uns kurz in das System einführen. Es ist wirklich einfach. In einem der Betriebsmodi kann man ein filigran aussehendes Modell der Höhlen auf dem Bildschirm rotieren lassen, die Blickrichtung und den MaßStab ändern und sich sogar perspektivische Bilder ausgeben lassen. Der momentane Standort des Schiffes kann durch einen leuchtenen Punkt bezeichnet werden oder auch nicht, ganz wie man will, und man kann auch den gesamten bisherigen Kurs einzeichnen. Ein schönes Spielzeug.

"Das hätte man haben müssen, um dieses alte Adventure-Spiel zu spielen - du weißt schon. Die Sache mit der 'Collosal Cave'."

"Wir sind in einer 'Colossal Cave'." stellt Cordula fest, "Wenn dieses keine 'Colossal Cave' ist, dann weiß ich nicht, was man darunter versteht."

Natalie hat den Bildschirm neben mir. Und ich kann nicht erkennen, daß sie sich irgendwie langsamer in dieses Programm einarbeitet als jeder andere. Cordula hat überhaupt keinen Grund, so zu reden.

"Also ich würde sagen," läßt sich jetzt Amurdarjew vernehmen, "daß sich diese Höhlen am besten erklären lassen, wenn man annimmt, daß sie teilweise künstlich sind."

Endlich wenden wir uns wieder sachlichen Themen zu!

"Und wieso?" frage ich. Aus dem Augenwinkel beobachte ich den SISC. Es ist bald 9 Uhr, und wir haben eine Tiefe von immer noch 1700 Meter. Die CHARMION hat sich heute zwar schon bewegt, aber dieses entlang einer horizontalen Höhlenkette. Ich erkenne auf dem Bildschirm, welchen abwärts führenden Höhlenschacht Wellington ansteuert. Im Moment haben wir bequem viel Manöverraum: 20 Meter in der Breite und 45 Meter hoch. Es war schon weniger.

"Zunächst einmal ist auf den ersten Blick überhaupt nicht zu erkennen, wie diese Höhlen entstanden sind. Verkarstung nicht, das ist klar, Lavaausspülung aber auch nicht, und Hohlräume, die bei Faltungsvorgängen entstehen, haben nicht diese Größe und würden sich im Allgemeinen auch mit Bruchmaterial füllen."

"Nun ja," sage ich, "das ist das Problem mit der ganzen Welthöhle. Wissen wir, wie jene entstanden sind, dann wissen wir, wie diese entstanden sind, und umgekehrt. Es könnte der gleiche Vorgang sein."

"Ja." sagt Amurdarjew, "Der Amurdarjew-Homberg-Prozeß."

"Hoho! Sie sind aber schon weit in der Namensgebung!"

"Ist es nicht logisch? Sie haben in ihrem Buch schon über vulkanische Gase, die die Höhle aufgeblasen haben - gewissermaßen - spekuliert, und meine Simulationen weisen in dieselbe Richtung."

"Nun gut, aber Sie sprachen eben von 'teilweise künstlich'. Wie kommen Sie darauf?"

"Weil wir bisher mit dem Boot überall durchgekommen sind."

"Nein nein nein. Da machen Sie sich etwas vor." protestiere ich, "Gerade eben haben Sie darauf hingewiesen, daß wir ständig versuchen, auf immer wieder neue Weise einen Weg durch dieses Höhlenlabyrinth zu finden. Wo das Boot nicht durchkommt, da kommen wir eben nicht weiter, und da enden auch unsere Bemühungen, die Höhle zu kartographieren. Und wo es durchkommt, stellen wir eben fest - naja, daß wir durchkommen. Ist doch trivial! - So direkt können wir nur die dem Boot zugänglichen Regionen der Höhle kartographieren."

"Vielleicht." murmelt Amurdarjew.

"Außerdem," fahre ich fort, "wie soll man hier etwas künstlich verändern? Man braucht U-Boote. Und zwar von den besten, die es gibt!"

"Diese Höhlen brauchen in der Vergangenheit nicht immer unter Wasser gewesen zu sein," deutet Amurdarjew an, "die Welthöhle ist es ja heute noch nicht."

"Die Welthöhle ist ja auch ein bißchen größer. Und tiefer."

"Und was ist mit der Wippsteinhöhle? Wo Sie raufgekommen sind? Und den Höhlen unter dem Höllentalplatt?"

"Ich weiß es nicht," sage ich. "Derselbe geologische Mechanismus - vielleicht. Aber keine künstliche Bearbeitung. Nicht hier. - Naja, wenn diese Höhlen mal trocken waren, dann vielleicht."

"Es könnte sich hier um die große Verbindung zwischen Welthöhle und Erdoberfläche handeln, über die sie spekuliert haben - oder um eine davon. Der Minch war nicht immer ein Meer, wissen Sie."

"Das ist aber schon sehr lange her."

Amurdarjew beugt sich nach vorne. Auf seinem Bildschirm springt ein neues Fenster auf:

"Das haben wir gestern gefunden, als Sie ..."

Pause.

"Mit Vagina Pectoris im Bett lagen!" tönt Cohäuszchen dazwischen.

"Nicht hinhören!" sage ich zu Natalie, "Einfach nicht hinhören. Der ist ja nur neidisch, der alte Junggeselle! Zweiter Frühling - du verstehst!"

"Da spricht ja auch ein Spezialist in Sachen 'Zweiter Frühling'! - Wie alt bist du noch, Herwig?" entgegnet Cohäuszchen.

"Also wir haben es jedenfalls gestern gefunden!" sagt Amurdarjew, ohne sich vom Thema ablenken zu lassen, mit etwas lauterem Tonfall. Auf dem Bildschirm zieht Höhlenwand vorbei. Sie wird durch die Scheinwerfer der CHARMION grell angestrahlt.

"Und?" frage ich, "Was ist daran besonderes?"

"Warten Sie es ab!"

Eine Weile lang zieht nur die beleuchtete Felswand vorbei. Das Wasser ist so klar, daß diese Höhlenwand auch über Wasser hätte aufgenommen sein können. Dann schwenkt die Kamera plötzlich nach unten. Ich halte den Atem an.

"Das sieht ja aus wie ein - wie ein Kai!"

"Nicht wahr!" sagt Amurdarjew. In der unteren, seitlichen Rundung der Höhle, durch die wir gestern gefahren sind, ist ein Sims von fast fünfzig Metern Länge. Seine Kante zur Höhlenmitte ist senkrecht, seine Oberfläche waagerecht und bis zu einigen Metern breit. Der Sims ist schon vielfach zerschlagen, die Kante schartig. Aber meiner Ansicht nach muß eine gerade Kante dieser Länge einfach künstlich sein. Insbesondere, weil sie abrupt endet, und das an beiden Seiten.

"Ist sie aus dem Fels herausgeschlagen oder irgendwie gemauert?" frage ich.

"Aus dem Fels heraus. - Sie haben jetzt eben schneller als wir gestern gesagt, ganz spontan, was es sein könnte."

"Ein Kai? Eine Anlegestelle? Ein Hafen? Das hieße ja, daß diese Höhle vor langer Zeit einmal nur teilweise voll Wasser gewesen sein muß! - Macht das Sinn?"

"Sehen Sie sich ihr Modell an! Da sind mehrere horizontale Höhlenketten, die, teilweise mit Wasser gefüllt, schiffbare Kanäle abgeben würden!"

"Das ist ja phantastisch," sage ich, "eine historische Entdeckung!"

"Ihr wart ja beschäftigt!" murmelt Erwin zu uns herüber.

"War da noch mehr, außer dieser Kaikante? Gebäudereste? Andere Artefakte?"

"Nein, nichts."

"Was für ein Konzept," sage ich, mehr zu mir selbst, "das würde auf einen frequentierten Verkehrsweg hinweisen, zwischen der ..."

"Noch ist es zu früh." wehrt Amurdarjew ab, "Und das Kanalkonzept trägt auch nicht überall. Es sind noch zu viele Höhlenketten da, die so liegen, daß man sie nicht sinnvoll teilweise mit Wasser füllen kann. Und die Stelle, an der wir jetzt gleich ankommen, entspricht zum Beispiel mehr einem Schacht. Was soll man damit anfangen. Ich meine, wenn man ein primitiver Volksstamm ist und nicht über Technologie verfügt."

"Bevor der Herwig jetzt ganz aus der Hose fällt, sollten wir ihm aber sagen, daß diese Kante auch immer noch natürlich entstanden sein könnte!" bemerkt Cohäuszchen.

"Ist das wahr?" frage ich, "Ich bin kein Geologe."

"Im Prinzip. Außer der exakten Form der Kantenreste dieses - Kais - gibt es ja keinen Hinweis. Und andere Stellen haben wir bis jetzt auch nicht gefunden."

"Ist das alles, was gestern an interessanten Dingen passiert ist?"

"Ja. Sonst sind wir nur ein bißchen gekreuzt. - In diesem Höhlenarm waren wir schon, aber wir sind umgekehrt. Ich glaube, wir kommen jetzt an diesem Schacht an."

"Warum ist Wellington nicht gestern da eingefahren?"

"Er wollte einen ganzen Arbeitstag dafür haben."

"Aha."

Es wird 09:30 Uhr. Auf den Frontbildschirmen fällt der Boden der Höhle, der wir gerade folgen, in die Tiefe. Über diesem Abgrund kommen wir zum Stillstand. Die Tiefe ist immer noch 1700 Meter.

Ich beuge mich zu Natalie rüber: "Vergiß alles, was ich dir gestern über die Wirkungen des hohen Wasserdruckes gesagt habe - Es wird jetzt noch mehr, weil wir noch tiefer gehen!"

Sie sagt nichts - es ist nicht zu erkennen, ob ihr die Vorstellung unangenehm ist. Bei den anderen scheint das auch nicht der Fall zu sein - merkwürdig: Seit wir den möglichen Rückweg zerschossen haben und jedem bewußt sein sollte, daß es nur mit Schwierigkeiten möglich sein wird, je wieder zurück zu kommen, hätte man doch eigentlich erwartet, daß das die allgemeine Stimmung drücken wird. Aber das ist nicht der Fall.

Ich denke, daß das daher kommt, daß wir alle seit Monaten mit dem Gedanken vertraut gemacht wurden, auf diese Expedition in das Innere der Erde zu gehen. Zum zweiten schirmt uns die voll funktionsfähige CHARMION mit ihrem relativen Luxus von der Umwelt ab. Schließlich geht es uns hier drinnen genauso gut, als ob wir im Hafenbecken von Ullapool lägen. Nur Landgang ist nicht drin. Dafür sind wir anderweitig beschäftigt.

Plötzlich kommt mir noch eine ganz abwegige Idee: Wir haben den Rückweg gar nicht zerschossen. Es hat sich herausgestellt, daß man mit dem Boot die Höhlen doch wieder verlassen kann - aber da hatten wir die Zentrale schon wieder verlassen. Und weil wir uns einen großen Teil des darauf folgenden Tages nicht haben sehen lassen, hat uns niemand Bescheid gesagt. Ergo: Alle wissen, daß der Rückweg offen ist - nur wir nicht. Dann ist es natürlich kein Wunder, daß kein Jammern und Zähneklappern herrscht.

Ich nehme mir vor, das baldmöglichst nachzuprüfen. Jetzt direkt zu fragen ist wohl nicht sinnvoll - ich glaube nicht, daß wir der Wirklichkeit entsprechende Antworten bekommen.

Das Boot verharrt über dem Abgrund. Wir holen uns die Lotungen auf die Bildschirme. In jeder Sekunde wird das Modell der Höhlenketten genauer.

"Geht ganz schön tief runter." murmelt Erwin, "Könnt ihr irgend ein Ende erkennen?"

"Nicht in Reichweite der Lotimpulse." sagt Amurdarjew. Er bespricht sich mit der Brücke. Dann wendet er sich an uns:

"Tja, Wellington sieht keinen Grund, nicht reinzugehen."

"Und worauf wartet er noch?"

"Weiß ich nicht. Vielleicht ist er mal für kleine Jungs. Muß gleich losgehen."

Es dauert aber noch einige Minuten, bis wir auf den Bildschirmen sehen, daß die beleuchteten Höhlenwände beginnen, nach oben zu driften.

"Schön langsam - zehn Zentimeter pro Sekunde. Das wird noch lange dauern." sage ich.

"Solange dieser Schacht so maßgeschneidert ist. Seht es euch doch an: etwa oval, 20 Meter Durchmesser und wechselnd 80 bis 100 Meter lang." bemerkt Amurdarjew, "Als ob er für uns gemacht ist."

"Kann man das Boot auf die Spitze stellen, wenn es enger wird?" fragt Natalie. Es ist doch überraschend - die Frage hat auch schon in meinem Unterbewußtsein begonnen, sich zu formen. Aber Natalie hat sie formuliert, nicht ich.

"Nein." Cordulas Stimme hört sich unwirsch an. Sie hätte einen anderen Tonfall aufgelegt, wenn ich das gefragt hätte.

"Wieso 'nein'? Woher willst du das wissen?" Ein bißchen muß ich Natalie zu Hilfe kommen.

"Ist doch klar! Poltert doch alles durch die Gegend, wenn das Boot sich zu sehr neigt!"

"Wir. Wir poltern durch die Gegend. Wenn wir uns nicht festhalten. Die schweren Maschinen sind alle solide mit dem Druckkörper verbunden. Die funktionieren in jeder Lage. Müssen sie ja, für den Notfall - wenn man sich mit dem Boot unabsichtlich auf den Kopf stellen sollte."

"Aber der Schwerpunkt des Bootes ist doch so niedrig ..." will Cordula einwenden, aber da weiß ich besser Bescheid:

"Er ist niedriger als der Schwerpunkt des verdrängten Wassers - aber nicht viel. Und das kann man mit den Trimmtanks ändern. Das Boot braucht diese Manöverreserve - unsere ganze Lagestabilität kommt von der Rechnersteuerung. Wenn jetzt alle Rechner ausfallen sollten - oder sagen wir mal, nur die Lageregelung - dann kann sich das Boot in jede Position drehen!"

Natalie sieht beunruhigt drein. Ich muß ein paar beruhigende Worte hinzufügen:

"Aber das muß man sich nicht so vorstellen, als ob in der Sekunde, wo die Rechnersteuerung ausfällt, sich das Boot auf den Kopf stellen würde. Die momentane Trimmung hat das Boot ja auf ebenem Kiel gehalten. Und die würde sich nur verändern, wenn wir alle anfangen, durch das Boot zu laufen und Dinge hin- und herzutragen. Oder anfangen, die Trimmtanks manuell umzupumpen."

"Nein, Herwig, ganz richtig ist das nicht!" sagt Günther Cohausz, "der Lagesteuerung steht es frei, auch die externen Propeller zur Lagesteuerung zu benutzen!"

"Jetzt willst du wohl zeigen, daß du es besser weißt! - Natürlich stimmt das, was du sagtst. Im Prinzip. Das wird aber nur vorübergehend gemacht. Der Rechner bemüht sich, das Boot so schnell wie möglich wieder statisch auszutrimmen, weil das dann weniger Energie verbraucht. Ohne die externen Propeller. - Aber um auf die Frage von Natalie zurückzukommen. Ja, es geht tatsächlich. Aber es ist aufwendig, denn es ist eigentlich nicht als normales Manöver vorgesehen. Man muß vorher im ganzen Schiff alles festlegen, was lose rumliegt. Und während eines solchen Manövers muß sich natürlich jeder in einem Sitz anschnallen."

"Und wenn man in der Kabine ist?" fragt Natalie.

"Sollte man wohl wach sein. - Aber weil unsere Kabinen so klein sind, kann man dort gar nicht die Fallhöhe erreichen, um sich ernsthaft zu verletzen."

"Besonders, wenn man zu zweit in der Kabine ist!"

"Günther! Du strapazierst unseren Langmut!"

Eine Weile betrachten wir wieder die Wände des Höhlenschachtes. Sie sehen völlig natürlich aus. Amurdarjew wird wahrscheinlich mehr fachliche Beobachtungen machen können, aber nichts davon scheint aufregend zu sein - sonst würde er es uns sagen. Es ist jetzt 10:20, und wir haben eine Tiefe von 1900 Metern.

"Ein Kaffee wäre jetzt recht." stelle ich fest und sehe niemanden dabei an.

"In unserem Labor in der Firma hatten wir immer eine Kaffeemaschine - hier müßte sich jemand in Richtung Kantine aufmachen. - Tja." Das war Erwin. Sieht nicht so aus, als ob er dabei an sich gedacht hat.

Da steht die Gabi Gohlmann auf: "Ich hole welchen. Wer will?"

"Halt!" Die Cordula schneidet ihr fast das Wort ab, "Du willst doch nicht für diese Chauvis das Dienstmädchen machen?"

Gabi setzt sich wieder. Sie ist unsicher.

"Also für mich ist das da draußen zu interessant. Ich gehe jetzt nicht." stelle ich fest.

"Das habe ich mir fast gedacht." stellt Cordula fest.

10:40 Uhr. Tiefe etwas über 2000 Meter. Wir haben immer noch keinen Kaffee. Aber die Diskussion, wer Kaffee holen sollte, zieht sich hin.

"Halbe Werftgarantie. Über 2000 Meter jetzt." sage ich, um das Thema aufzulockern. Dabei lasse ich mich weiter in den Sessel sinken.

"Na und?" sagt Erwin.

"Wir haben noch lange Zeit, bis wir bei 4000 Meter sind. Dann können wir anfangen, uns aufzuregen.

"Der Schacht wird enger." sagt Amurdarjew, "vielleicht werden wir uns deshalb bald aufregen."

"Kaum. Wenn's nicht weitergeht, dann fahren wir eben wieder zurück."

Er hat zwar recht. Aber in Längsrichtung wird der Schacht dafür weiter. Manchmal sind es über 200 Meter, und manchmal ziehen sich Felsspalten weiter weg, als man sie mit der Echolotung erfassen kann. Das Radar kommt ganz genauso nicht überall hin, und mit der visuellen Inspektion sieht man erst recht nicht alles, was weiter entfernt ist.

Die Felswände werden unregelmäßiger. Ich weise darauf hin, daß ich diesen Trend auch in dem allerersten Schacht, in dem wir erst in diese Höhlen eingefahren sind, festgestellt habe.

Amurdarjew nickt. Aber er hat dafür keine Erklärung. Noch nicht.

Plötzlich steht Natalie auf, ganz plötzlich. "Ich hole uns Kaffee. Wer?"

"Ätsch!" sage ich zu Cordula. Sie braucht einen Moment, um Position zu beziehen. Persönliche Antipathie gegen Geschlechtszugehörigkeitssolidarität.

"Und du läßt dich einfach so bedienen." sagt sie. Da sie keine klare Aussage über Natalie machen kann, bin ich eben dran.

"Ja." sage ich.

Cohäuszchen sieht ihr nach. "Sags nicht!" warne ich.

"Was denn?"

"Was du vorhattest zu sagen. Sags nicht!"

"Was wollte ich denn sagen?"

"Ich weiß es nicht."

"Ich wollte nur sagen, daß ihr grün auch steht. Das darf ich doch, oder?"

So, wie er 'grün' und 'auch' betont, ist es eine Unverschämtheit. Ich geb's auf.

11:00 Uhr. Tiefe 2150 Meter. Wir schlürfen unseren Kaffee. Niemand spricht.

Der lange, jetzt sehr unregelmäßige Schacht macht seitliche Versetzungen. Kein Wunder, daß die dadurch verursachten zusätzlichen Reflexionen die Echolotung so sehr erschweren. Auf unserem Bildschirm vervollständigt sich die rechnerbasierte Darstellung des Höhlensystems langsam weiter. In der rotierenden 3-D-Darstellung kann man gut erkennen, wie der Schacht sich windet.

Dann weitet sich der Schacht plötzlich wieder. Die Wände treten fast zweihundert Meter auseinander. Langsam schweben wir um 20 Minuten nach 11 Uhr in eine Höhle ein, deren durchschnittlicher Durchmesser etwa 220 Meter ist und die eine sehr unregelmäßige Form hat. Spalten und Gänge gibt es in mehrere Richtungen, auch nach unten - die aber sind für das Boot alle zu klein.

Als diese Tatsache deutlich wird, sagt Cordula: "Sackgasse. Da müssen wir wohl zurück."

"So schnell nicht," sagt Amurdarjew, "Wir müssen die Höhle sehr genau absuchen, um sicher zu sein, daß es wirklich nirgends weitergeht. Ich fürchte, das wird uns den Rest des Tages beschäftigen. - Das wird noch sehr langweilig heute."

So um kurz vor 12 Uhr kommt das Boot dicht über den Klippen auf dem Boden der Höhle zum Stillstand. 2500 Meter Wassertiefe.

"Mittagspause!" hören wir die Stimme Wellingtons über die Rundspruchanlage, "Es ist Punkt zwölf. Um ein Uhr machen wir weiter."

Gerade wollen wir uns erheben. Da springt plötzlich auf jedem Bildschirm eine Mitteilungsbox auf, die die vorhandenen Fenster überlagert:


        PRO-UNIX - SYSTEM ADMINISTRATION

        CRASH PRIORITY MESSAGE

        SYSTEM SHUTDOWN IN 12 MINUTES

        PLEASE CLOSE YOUR APPLICATIONS,

        OR YOU MAY DAMAGE YOUR FILES!

Und die Mitteilungsbox blinkt, als wolle sie in uns allen einen epileptischen Anfall auslösen.


        ********        ********

        29.     Shutdown


Einen Moment lang stehen wir wie erstarrt. Das Schiff droht mit Streik. Es dauert einige Sekunden, bis mir die Implikationen klar werden. In diesem Schiff wird alles durch den Rechner gesteuert. Wenn das Schiff unterwegs ist, dann darf das System nicht herunter gefahren werden! Unter gar keinen Umständen!

"Cordula, was soll das?" frage ich, "Wer hat denn den Shutdown eingeleitet!"

"Woher soll ich das denn wissen?"

"Du bist Systemverwalter - deswegen bis du an Bord!"

Das Interkom schlägt an. Ich weise drauf:

"Das ist für dich. In der Zentrale haben sie jetzt dasselbe Problem!"

Es ist für Cordula. Wellington ist sehr aufgebracht. Aber Cordula hat keine Erklärung. Keiner von uns hat eine.

"Okay, wir bereinigen das." Ich setze mich wieder hin. "Cordula, finde den Prozeß, von dem der Shutdown aus gestartet worden ist! Den mußt du abschießen! Erwin, hilf ihr. - Ihr müßt es schaffen! Ihr kennt euch am besten aus!"

"Das glaubst auch nur du!" murmelt Erwin, aber sie machen sich sofort an die Arbeit.

Dann greife ich zum Interkom. Ich muß mit Wellington sprechen. Notprogramm - wenn er nicht von selbst drauf kommt: Erstens muß das Boot auf Grund gelegt werden, damit nicht genau das passiert, was wir vorhin im Spaß durchdiskutiert haben: Ausfall der automatischen Trimmung. Das wird leider nicht ganz einfach sein, weil der Grund unter uns extrem uneben ist. Auf ebenem Kiel würden wir wohl nicht zu liegen kommen.

Zweitens muß die Reaktorabschaltung vorbereitet werden. In dem Moment, wo die Rechnersteuerung wegbleibt, muß der Druck reduziert werden, damit die Reaktionen in den Titan-Palladium-Folien vollständig zum Erliegen kommt. Die dürfen nämlich unter keinen Umständen durch eine kurzzeitige, ungeregelte Leistungsexkursion zu heiß werden. Dann haben wir nämlich mal einen Reaktor gehabt. Im Plusquamperfekt.

Dann kommen wir hier nie wieder weg.

Wellington beherrscht sich mühsam. Ich höre das. Meine MaßNahmen hat er schon von selbst eingeleitet. Und mehr als das: Auch in der Zentrale versucht man, Jagd auf den Shutdown-Prozeß zu machen.

Wenn wir den abschießen, das wäre die allerbeste Lösung. Das sollte eigentlich auch kein Problem sein. Danach, wenn der Shutdown abgewendet worden ist, können wir uns in Ruhe dem Problem widmen, herauszufinden, wer diesen Prozeß initiiert hat.

Ich spüre den Bootsboden schwanken. Das Boot wird zwischen die Felsen unter uns gesteuert. Das geschieht natürlich im Moment unter Zeitdruck. Ich fürchte, gleich wird es laut werden.

Jemand faßt meinen Arm an. Es ist Natalie. "Ist es schlimm?" fragt sie.

"Nein. Noch nicht. Erst in - neun Minuten."

Cordula und Erwin wirbeln auf der Tastatur herum. "Scheiße!" ruft Cordula.

"Was?"

"Ich finde ihn nicht. - Der Shutdown muß unter root-Berechtigung gefahren worden sein. Aber ich finde ihn nicht!"

"Kannst du nicht alles abschießen, was du nicht kennst?"

"Bist du verrückt? Weißt du nicht, wieviele Prozesse auf diesem System laufen? - Ich weiß doch noch gar nicht, wie die verschiedenen Schiffsprozesse heißen. Ich könnte den Reaktor so kaputtmachen. Oder der Zentrale das Ruder aus der Hand nehmen!"

"Läuft denn das ganze Zeug unter 'root'-Berechtigung?

"Das weiß ich doch auch nicht." Sie hackt weiter.

Arme Cordula. Intelligente Cordula. Sie hat das Problem voll erfaßt. Sie weiß, was passieren wird, wenn sie oder Erwin es nicht schafft. Jetzt hackt sie um unser Leben. - Ich habe noch nie auf ihrer Stirn Schweiß gesehen - jetzt ist es soweit.

Ob sie jetzt auch an das alte Weltkriegs-U-Boot denkt, das wir oben gesehen haben? Hier, in diesen Höhlen wird nicht einmal jemand die CHARMION finden, wenn wir schon lange tot sind - soviel weiter sind wir von jeder Entdeckung entfernt.

Natalie sieht nicht gestreßt aus. Das kann aber schlicht und einfach daran liegen, daß sie nicht soviel Phantasie hat, sich von selber dieses Szenario vorzustellen. Ganz hoffnungslos ist das bei ihr aber nicht, erinnere ich mich - als ich ihr vor kurzem die Wirkungen hohen Wasserdrucks geschildert habe, ist sie auch nervös geworden.

"Ich habe das Root-PaßWort auf 'ullapool' gesetzt. Häng dich rein und tu auch mal was!" bellt Cordula zu mir rüber.

In der nächsten Sekunde habe ich mich als Systemverwalter angemeldet.

Da hebt plötzlich ein Kreischen an, daß das ganze Boot schüttelt. Das Deck neigt sich schräg.

"Nicht hinhören!" schreie ich, "Das sind bloß unsere Kollisionsleitschienen. Da geht nichts kaputt! - Das kann das Boot ab."

Jede Minute drängt sich die Mitteilungsbox wieder in den Vordergrund:


        PRO-UNIX - SYSTEM ADMINISTRATION

        CRASH PRIORITY MESSAGE

        SYSTEM SHUTDOWN IN 05 MINUTES

        PLEASE CLOSE YOUR APPLICATIONS,

        OR YOU MAY DAMAGE YOUR FILES!

Kaum, daß das Kreischen von draußen verebbt ist, hängt Wellingtons Stimme im Raum:

"Herhören. Reaktor wird acht Sekunden vor Shutdown abgeschaltet. Außer den Rechnern hat dann nichts mehr Strom!"

"Herwig, ich habe Angst!" flüstert Natalie. Also doch.

"Sag's nicht weiter. Ich auch."

Cordula hat recht. Es sind verwirrend viele Systemprozesse aktiv. Keine Chance, den 'shutdown'-Prozeß zu erwischen.

Wenigstens liegt das Boot nicht allzu schräg - es wäre sehr lästig, einen Teil seiner Konzentration darauf zu verwenden, sich am Sitz festzuhalten oder sich gegen die Gurte zu wehren, wenn man angeschnallt ist. Oder gar über Kopf arbeiten zu müssen.

"Cordula, wir können doch den Rechner wieder hochfahren, oder, auch wenn der auf Notaggregat läuft?"

"Natürlich," sagt sie, "Aber wie lange halten die?"

"Haben wir in München sicher gelernt. Aber dieser Rechner schaltet die Prozessoren und Speicher, die er gerade nicht braucht, ab. Wir könnten eine Menge Zeit haben. Ich weiß es nicht. Vielleicht."

"Und der Reaktor? Wieviel Strom braucht der zum Wiederanfahren?"

"Weiß ich auch nicht. Die Reaktoringenieure sind jetzt damit beschäftigt."

Plötzlich werden auf allen Bildschirmen sämtliche Fenster, in denen sich in den letzten Minuten scharfe Zacken ins Bild geschoben haben, dunkel. Die Außenscheinwerfer sind abgeschaltet worden. Schon in der nächsten Sekunde werden hier drinnen von acht Leuchtkörpern sieben ausgeschaltet.

"Jetzt schon?" fragt Gabi Gohlmann. Sie hat ein ängstliches Vibrato in der Stimme. Aber auch sie hat einige 'Shell'-Fenster auf dem Bildschirm. Ebenso Dr. Salzbach und Dr. Cohausz. Die drei sind aber keine große Hilfe, weil zweifellos Cordula und Erwin die meiste UNIX-Erfahrung haben. Und der Pater sitzt hilflos und schweigend da. Was soll er sonst auch tun?

"Strom sparen." sage ich, "Deshalb wird jetzt alles mögliche abgeschaltet. Die Turbinen laufen noch ein bißchen weiter, wenn der Reaktor gestoppt wird."

"Ich finde es nicht, ich finde es einfach nicht!" Cordula weint fast. Wut über die eigene Unfähigkeit oder über das System oder über den Täter? - Wenn es einen solchen gibt.

"Herwig! - Wieso waren es gerade 12 Minuten? Das gibt man doch beim Shutdown an, nicht wahr?"


        PRO-UNIX - SYSTEM ADMINISTRATION

        CRASH PRIORITY MESSAGE

        SYSTEM SHUTDOWN IN 03 MINUTES

        PLEASE CLOSE YOUR APPLICATIONS,

        OR YOU MAY DAMAGE YOUR FILES!

"Ja, Natalie, aber ich habe jetzt keine Zeit ..."

"Wenn ihr es noch einmal aufruft - mit 999 Minuten, oder was dann die größte Zeitdauer ist?"

Ich sehe sie an: "Wo hast du denn die Idee her?"

"Es kommt mir so vor. So ein Programm darf doch nicht sich selbst in die Quere kommen, oder? Und in diesem System können Programme parallel laufen. Das wenigstens verstehe ich von Computern!"

"Könnte das gehen, was Natalie sagt, Cordula? Hast du's gehört?"

Wieder ändert sich die Mitteilungsbox:


        PRO-UNIX - SYSTEM ADMINISTRATION

        CRASH PRIORITY MESSAGE

        SYSTEM SHUTDOWN IN 02 MINUTES

        PLEASE CLOSE YOUR APPLICATIONS,

        OR YOU MAY DAMAGE YOUR FILES!

"Stör mich nicht. Such lieber auch in den 'login'-Protokollen."

Einen Moment lang kommt sie mir alt vor. Kann sie innerhalb von zwei Minuten dieses neue Konzept nicht verstehen, oder gibt es einen ganz einfachen Grund, aus welchem es nicht funktionieren kann, und sie hat nur nicht die Zeit, jetzt Anfängerunterricht zu erteilen?"

"Was meinst du?" fragt Natalie.

"Wenn ich die 'Shutdown'-Funktionalität implementieren würde, dann würde ich das so machen, daß ein zweiter Shutdown-prozeß nicht mehr gestartet werden kann, wenn schon einer läuft."

"Wäre das sinnvoll?" fragt Natalie drängend, "Denk mal an die Beleuchtung in Treppenhäusern. Die sind so eingestellt, daß sie nach fünf Minuten wieder ausgehen - es sei denn, jemand drückt nochmal den Lichtschalter. Dann zählen die fünf Minuten wieder von vorne los! - Das hat so eine technische Bezeichnung - ich weiß nicht ..."

"Nachtriggerbar?"

"Ich glaube, ja."

"Ich weiß nicht, ob man das 'shutdown' so implementieren sollte."

"Könnt ihr beiden nicht die Schnauze halten? Es ist zu spät, um das jetzt neuzuimplementieren!" ruft Cordula rüber. Ich habe das Gefühl, daß sie durchdreht.


        PRO-UNIX - SYSTEM ADMINISTRATION

        CRASH PRIORITY MESSAGE

        SYSTEM SHUTDOWN IN 01 MINUTES

        PLEASE CLOSE YOUR APPLICATIONS,

        OR YOU MAY DAMAGE YOUR FILES!

Ich überlege noch, ob ich in der online-Dokumentation nachschauen sollte. Aber soviel Zeit ist nicht mehr.

"In weniger als einer Minute fährt Wellington den Reaktor runter." sage ich, "Natalie. Ich versuche es. Wir können die Situation kaum noch verschlimmern!"

Ich tippe im Shellfenster ein:


        # /etc/shutdown -t9999

9999 Minuten. Reine Zahlenmystik: Bei 99999 Minuten brauchte man schon mehr als 16 Bit, um die Zahl darzustellen. Weiß ich etwas über die Implementierungseinzelheiten bestimmter Systemprogramme? Also lieber nur 9999 Minuten.

Und wieder springt die Mitteilungsbox in den Vordergrund:


        PRO-UNIX - SYSTEM ADMINISTRATION

        CRASH PRIORITY MESSAGE

        SYSTEM SHUTDOWN IN 9999 MINUTES

        PLEASE CLOSE YOUR APPLICATIONS,

        OR YOU MAY DAMAGE YOUR FILES!

Ich brauche einen Moment, um es zu verstehen. Dann umarme ich Natalie:

"Wir haben es geschafft! Sieh hin!"

Cordula sieht auf meinen Bildschirm. Jetzt begreift sie. Aber:

"Und wenn jetzt doch beide parallel laufen?"

"Das werden wir gleich wissen!"

"Wegen dem Reaktor ..."

"Scheiße. Wellington muß Bescheid wissen!" Ich hänge mich ans Interkom. Wellington hat die neue Zeitangabe natürlich gesehen.

"Chef - wenn jetzt Meldungen kommen - oder nein, die kommen ja nur auf der Konsole des Veranlassers. Starten Sie dauernd neue Applikationen! Wenn das plötzlich nicht mehr geht, dann heißt das, daß wir zwei laufende Shutdown-Prozesse haben. Dann müssen sie den Reaktor sofort abschalten. Wenn es aber doch geht, dann haben wir - 9999 Minuten Zeit. Das ist fast eine Woche!"

Wellington stimmt zu und hängt auf. Wir starren gebannt auf meinen Bildschirm.

Als sich dort wieder etwas ändert, heißt es:


        PRO-UNIX - SYSTEM ADMINISTRATION

        CRASH PRIORITY MESSAGE

        SYSTEM SHUTDOWN IN 9998 MINUTES

        PLEASE CLOSE YOUR APPLICATIONS,

        OR YOU MAY DAMAGE YOUR FILES!

"Kein Abmelden von Dämonen. Keine andere Mitteilungsbox dazwischen. Nichts. Ich glaube, wir haben es geschafft!" sage ich, "Cordula, dann kannst du mich abschießen. - Es heißt übrigens: 'wegen des Reaktors'. Genitiv!"

Dann zeige ich Natalie die Box: "Sieh sie dir noch einmal an: 9998 Minuten bis zum Shutdown! Und immer noch bezeichnet das Programm dies als etwas, was einer 'crash priority message' würdig ist. Das ist Informatik. Das ist Systemprogrammierung vom Feinsten. - So einen Blödsinn haben wir bei unserem alten Arbeitgeber auch zustande gebracht!"

Cordula setzt sich wieder an ihren Bildschirm. "Da ist dein shutdown-Prozeß!" zeigt sie, "Mitten drin in der ProzeßListe. Wie es sich gehört! - Den anderen shutdown-Prozeß sehen wir wegen etwas anderem nicht. - Dativ."

"... aus einem anderen Grunde nicht. Wenn schon!" kontere ich.

Sie tippt das 'kill'-Kommando ein. Ohne weitere Kommentare verschwindet die Mitteilungsbox. Es ist, als wäre nie etwas gewesen.

"Natalie!" sage ich, "Du erhältst den Oskar für UNIX-Systemverwalter! Wegen dieser hervorragenden Leistung! - Genitiv!"

Ich kann nicht sehen, was Cordula für ein Gesicht macht, als ich Natalie in die Arme nehme und küsse. Wegen dem Blickwinkel.

Aber ich kann hören, daß Cohäuszchen diesmal keine unpassenden Bemerkungen zum Besten gibt. Weder im Genitiv noch im Dativ.


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        30.     Bordfest


Es dauert nicht lange, bis das Boot wieder frei schwimmt, bis die Beleuchtung überall wieder hell ist, und bis sämtliche Bordsysteme überprüft worden sind. Wir sind aus der Sache völlig ohne jeden Schaden herausgekommen.

Bis auf die kleine Tatsache, daß wir nicht wissen, wie es passieren konnte, daß ein 'shutdown'-Prozeß von selbst gestartet wurde. Solange wir das nicht wissen, kann es jederzeit noch einmal passieren.

Was wäre gewesen, wenn es des Nachts passiert wäre, und der Wachhabende zufällig mehrere Minuten lang keinen Bildschirm angesehen hätte? Es graut mir, wenn ich daran denke. Wie verletzlich wir doch sind.

Jetzt bin ich fast geneigt, zu denken, daß für uns das ORANGE-BOOK, dieser offizielle Maßnahmenkatalog für die Sicherheit von Computersystemen, doch eine feine Sache wäre. Die Rechnersysteme auf der CHARMION sind unter dem Gesichtspunkt der Kooperation konstruiert und nicht dem der maximalen Abschottung. Aber wenn natürlich ein Saboteur in der Besatzung ist, oder ein unverbesserliches Spielkalb ... ich kann es irgendwie nicht glauben. Wir hätten alle draufgehen können, wenn Natalie eben nicht den rettenden Einfall gehabt hätte. - Naja, wenigstens bestand die Möglichkeit. Man hätte die Systeme sukzessive wieder rauffahren können, erst die Rechner, dann den Reaktor, dann den Rest. Aber was, wenn während dieser Arbeiten schon wieder ein shutdown-Prozeß losgerannt wäre?

Cordula und Erwin sind jetzt am intensivsten dabei, herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Bei den anderen ist Feierstimmung: Natalie ist die Heldin des Tages. Unsere Sondervorstellung in der Zentrale ist, scheint es, vergessen. Oder, wenn sie irgendwie indirekt erwähnt wird, dann bewundernd. Natalie, die Sex-Queen of Outer Space, die mit einer Hand verlorene U-Boote retten kann. Naja, so ähnlich jedenfalls. Irgendwie bin ich eifersüchtig.

Wie schnell doch Volkes Stimmung schwanken kann!

Und allmählich ärgert es mich auch, daß ich Natalie monatelang so vollkommen falsch eingeschätzt habe. Von uns ist keiner auf die Idee gekommen, einen 'shutdown'-Prozeß mit einem anderen, gleichartigen Prozeß erst zu modifizieren und dann in Ruhe abzuschießen. Natalie läßt privat mehr von ihrer Intelligenz durchblicken als bei distanzierterem Umgang.

Ob da ein allgemeines Prinzip dahintersteckt, daß Frauen sich häufig so verstellen? Oder glauben, sich so verstellen zu müssen? - Als ich vor jetzt 16 Jahren Irene kennengelernt habe, bin ich auch Zeuge einer solchen Metamorphose gewesen. Abgesehen davon, daß Irene ihr Alter am ersten Tage unserer Bekanntschaft innerhalb weniger Stunden von 25 auf die damals korrekten 31 hinaufkorrigiert hat, legte sie mir gegenüber innerhalb weniger Tage vollständig jedes gezierte Verhalten, daß eine Frau durchaus nicht anziehender macht, vollständig ab. Die wahre Irene war ein ganz anderer, ein viel liebenswürdigerer Mensch. Andere Frauen hingegen haben erst gar keine solch gekünstelte Umgangsform entwickelt, wie etwa Cordula.

Das Boot steigt am Nachmittag in die Mitte der Höhle, um weitere Messungen in den Wänden rundherum vorzunehmen. Wir müssen ja noch rausfinden, wo es weitergeht. Amurdarjew hat da am meisten zu tun. Und Cordula und Erwin arbeiten Dr. Cohausz und Dr. Salzbach weiter in das PRO-UNIX ein - sie sollen einen Mehrfach-PaßWort-Mechanismus bauen, den man mit existierenden Anwendungsprogrammen assoziieren kann. Dabei werden PaßWörter vom System generiert und sowohl dieser schutzbedürftigen Anwendung als auch bestimmten Besatzungsmitgliedern mitgeteilt. Dann kann man solche Konfigurationen erzeugen wie etwa ein Programm, das nur gestartet werden kann, wenn von drei Besatzungsmitgliedern wenigstens zwei ihr okay geben, indem sie dem Programm das PaßWort mitteilen.

Ich bin da etwas skeptisch - besonders der Systemverwalter kann sich ja sowieso über alle Beschränkungen hinwegsetzen - und die Systemverwalterberechtigung, die Kenntnis des sogenannten 'root'-PaßWortes, haben fast alle.

Zum anderen ist es möglich, daß sich jemand sensible Systemprogramme, wie etwa das 'shutdown'-Programm, kopiert hat und es irgendwo aufbewahrt, vielleicht sogar in verschlüsselter Form. Die Menge der Daten in den Schiffsrechnern macht es völlig unmöglich, so etwas jemals nachzuprüfen.

So gegen 16 Uhr macht sich eine gewisse Freizeit-Stimmung an Bord breit. Plötzlich läuft ein Gerücht um: Das Alkoholverbot soll, mit Genehmigung des Alten, heute zeitweise aufgehoben werden. Es ist auch genug Sekt da, heißt es - aber keiner weiß, wo. Die Schiffsoffiziere wissen es. Aber auch die können nicht hexen. Wo versteckt man Getränke an Bord dieses Schiffes? Niemand nimmt an, daß die Schiffsoffiziere wertvolles Volumen ihrer eigenen Privatkabinen für so etwas geopfert haben.

Auf mehreren Bildschirmen entdecke ich RißZeichnungen des Schiffes, die um alle Achsen gedreht und gewendet und gezoomt werden. Da wird mit allen technischen Mitteln spekuliert, wo das Depot wohl sein könnte! - Das gibt mir wieder Veranlassung, über Motivation und deren Erzeugung nachzudenken. Aber niemand hat eine Idee.

So um 17 Uhr sind praktisch alle in der Kantine. Es ist nicht so, daß eine offizielle Feierstunde angesetzt gewesen wäre - wir werden auf dieser Reise noch öfter in schwierige Situationen geraten, und man kann ja nicht jedesmal einen Festakt veranstalten. Außerdem sind wir noch ganz am Anfang der Reise - der SISC zeigt eine Missionszeit von erst 57 Stunden an. Aber Wellington weiß wohl, wie wichtig der Anstrich von Normalität für die Moral der Besatzung ist. Wir sitzen hier zwar in einer fremden Höhle, 2500 Meter unter dem Meeresspiegel, und der direkte Rückweg ist uns - wahrscheinlich - nicht mehr möglich. Aber solange wir noch feiern können, kann es so schlimm ja nicht sein.

Einer muß in der Zentrale bleiben, und das ist Wellington selbst. Fahlenbeek und Ammerlingen kommen rein, und beide tragen je zwei weitgebeulte - ALDI-Tüten! Unter allgemeinem Klopfen packen sie den Inhalt aus - acht Flaschen 'Fürst von Metternich'. Jeder denkt sich das gleiche: Wo waren die ALDI-Tüten? Wo waren die Sekt-Flaschen? Gibt es noch mehr davon?

Ich habe mich in die hintere Ecke gesetzt, bugwärts. Irgendwie fühle ich mich schlapp. Natalie sitzt mitten im Raum, an einer der Säulen, die von der Spantenscheibe gebildet wird. Sie zieht die Aufmerksamkeit der meisten Umsitzenden auf sich.

Erwin sitzt mir am Tisch gegenüber. Ich blicke mich um:

"Ich dachte, es wären alle hier? Wo ist denn Cordula?" frage ich Erwin.

"In ihrer Kabine. Sie ist restlos erschöpft, sagt sie."

"Glaube ich. Hast du gesehen, wie sie vor dem drohenden Shutdown aussah?"

"Ja." meint Erwin, "Aber ich glaube, das ist es nicht. Oder nicht nur."

"Natalie?"

"Ja. Sie hat ihr die Schau gestohlen."

"Kann doch jedem mal passieren, daß ein Laie - oder ein relativer Laie - mal etwas besser macht. Das sollte ihr berufliches Selbstbewußtsein aushalten."

"Eigentlich schon. Aber nicht bei Natalie."

"Ich weiß, daß sie sich nicht riechen können."

"Was meinst du, wie sie über Natalie geredet hat. In der letzten Zeit, als ihr nicht in Hörweite wart."

"Nach dem Abend, wo wir da ..."

"Genau."

"Hoffentlich," sag ich, "ist da nicht ein persönliches Interesse an meiner Person, das mir bis jetzt eben noch gar nicht aufgefallen ist. Kann ich mir nicht vorstellen. - Kenne sie doch schon seit - naja, 15 Jahren oder so."

"Weiß man bei den Frauen nie. Aber ich glaube, diese berufliche Niederlage wiegt schwerer. Zusammen mit der Angst um unser Leben."

"Dann sollten wir ihr klarmachen, daß es keine berufliche Niederlage war. Es war ein Glücksfall. Niemand wußte, wie in PRO-UNIX der Shutdown implementiert ist. - Ich habe übrigens immer noch nicht in den man-pages nachgesehen."

"Na, die wird schon wieder. Die Cordula, meine ich."

"Viel interessanter ist, wie nahe wir wirklich dran waren. Und ob man die Reaktoren ganz ohne Strom wieder anfahren kann. Ich kenn doch die Baupläne - wir haben wirklich nicht sehr viel Batterien an Bord."

"Da weiß ich was neues!" sagt Erwin.

"Was denn?"

"Hast du noch keine Schlüsse draus gezogen, daß diese Akkus völlig wartungsfrei sind?"

"Das kann man heute sowohl mit Bleiakkus als auch mit Nickel-Cadmium-Akkus erreichen. Ich glaube schon, daß wir das Feinste vom Feinen - und das Teuerste - an Bord haben!"

"Noch teurer." sagt Erwin. Inzwischen haben wir alle unser volles Sektglas.

"Noch teurer?" frage ich nach einem langen Zug.

"Ja. Ich habe es mal durch Zufall gehört. Priest und Colbert haben drüber gesprochen. Das ist so eine ähnliche Technologie wie die Speicherchips, die hier verwendet werden. Aber ich weiß keine Einzelheiten. Nur, daß pro Kilogramm Akku mehr als eine Kilowattstunde gespeichert werden kann."

"Donnerwetter. Das wäre enorm. Das wäre - das ist mindestens eine Zehnerpotenz mehr als das, was man mit Bleiakkus erreichen kann. Unglaublich! - Ich glaube, ich kenne immer noch nicht alle technischen Wunder hier an Bord."

"Zum Beispiel, wo sie den Sekt versteckt haben." bringt Erwin es wieder auf den wesentlichen Punkt.

Eine Weile hören wir nur in das allgemeine Gerede. Ich versuche, mich zu erinnern, wieviel Kilogramm Bleiakku man braucht, um eine Kilowattstunde unterzubringen. Ich glaube, es war irgend etwas zwischen 20 und 40, aber ich weiß es nicht mehr.

"Es macht einem fast wieder Sorgen." sage ich, mehr zu mir selbst.

"Was denn?" fragt Erwin.

"Mehr als eine Kilowattstunde pro Kilogramm."

"Wieso?"

"Wenn das stimmt - Bei TNT hat man 1.25 Kilowattstunden pro Kilogramm. Wenn diese neuen Akkus genausoviel Energie enthalten, dann könnten sie explodieren. - Vielleicht, ich weiß es nicht."

"Und wieso können Bleiakkus nicht explodieren?"

"Weil eine Kilowattstunde einfach zuwenig Energie ist, um die 20 oder 40 Kilogramm Bleiakku zu verdampfen, die zu ihrer Speicherung nötig sind."

"Ach so." sagt Erwin. Er glaubt mir aufs Wort. In diesem Punkt wenigstens.

"Mach dir jetzt aber keine Sorgen!" fahre ich fort, "Es kann so sein. Es muß nicht. - Denk an das Schwere Wasser in unserem Körper. Da ist soviel Energie drin, daß man damit dieses Boot aufblasen könnte. Trotzdem sind menschliche Körper nicht explosiv. - Trotzdem schade, daß diese Akkus noch nicht allgemein erhältlich sind - oder sind sie das?"

"Ich glaube nicht," sagt Erwin, "aber ich weiß es nicht."

"Man könnte soviel damit machen." Erwin nickt. Er ist redefaul.

Allmählich wird es lauter. Der Sekt tut seine Wirkung. Ich sehe von einem zum anderen.

Viele diskutieren den 'shutdown'-Vorfall. Durch genaues Zuhören kann man herausfinden, wer wieviel von Informatik versteht. Ich höre aber nicht zu genau hin - immer, wenn ich Zeuge einer Fachdiskussion werde, wo ich vom Fach mehr verstehe als die Diskussionsteilnehmer, fühle ich den Drang, mich einzumischen und Irrtümer zu korrigieren. Vielleicht ist das ein Überbleibsel aus früher Kindheit, wo man noch fürs Besserwissen gelobt wurde. Wenn man das in der Kindheit erlebt hat, dann hat man es später schwer, einzusehen, warum andere einem nicht um den Hals fallen, wenn man etwas besser weiß.

Wir haben jetzt möglicherweise zwei schwarze Schafe an Bord: Den Adressaten der Direktive q78q99q. Und denjenigen, der den Shutdown-Prozeß gestartet hat - wenn dies nicht ein Systemfehler war. Beide könnten ein- und derselbe sein, müssen aber nicht. Wieso sollte der mit der Direktive q78q99q sich selbst die Ausführung seines eigenen Auftrages sabotieren?

Ich will gerade Erwin fragen, was er glaubt, was die Ursache sein könnte, daß man den ersten Shutdown-Prozeß nicht in der ProzeßListe sehen konnte. Aber da wendet sich Dr. Thomas Reinhardt zu mir um, der zwar neben mir sitzt, aber mir bis jetzt den Rücken zugewendet hat.

"Sind sie nicht," sagt er, "aber es wird nicht lange dauern, bis man sie kaufen kann."

Nanu, denke ich. Wieso ist der Reinhardt so freundlich zu mir? Wieso geht er, der größte Paläontologe aller Zeiten, plötzlich von sich aus aus sich heraus und auf andere Themen ein?

Nach ein paar Sekunden komme ich drauf. Ist doch klar: Der, der seine Kompetenz als Paläontologe am allermeisten in Frage gestellt hat und dieses immer wieder tut, ist Alfred Seltsam, der Evolutionär. Seltsam hat aber auch ein Auge auf Natalie geworfen - so deutlich, daß es wohl auch Reinhardt aufgefallen ist. Seit unserer Sondervorstellung in der Zentrale bei meiner ersten Nachtwache sieht Seltsam naturgemäß etwas betrübter drein, weil ich das Rennen zu dem Platz zwischen Natalies Beinen haushoch gewonnen habe. Dabei weiß er gar nicht, daß ich eigentlich zu diesem Rennen nicht an den Start gegangen bin - es hat sich eben so ergeben.

Aber Seltsams Enttäuschung zeigt sich nicht sehr deutlich, und mir wäre es eigentlich auch nicht unbedingt aufgefallen. Aber Seltsam ist der Intimfeind von Dr. Reinhardt, und dem ist es aufgefallen.

Solche Dinge muß man sich immer wieder vor Augen halten, wenn man der irrigen Vorstellung anhängt, Wissenschaftler würden persönliche Probleme rationaler lösen als andere Leute!

Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, daß sich seine Worte immer noch auf das Akku-Thema beziehen.

"Wissen Sie zufällig, ob diese neuen Akkus explosionsgefärdet sind?" frage ich höflich. Gute Stimmung verbreiten kann ja nicht schaden.

"Ich kann mir nicht vorstellen, daß man diese Akkus kurzschließen kann, und es passiert nichts. Irgendwo muß die Energie ja bleiben! - Wissen Sie, wenn man einen sehr starken Kurzschluß macht, dann wird die ganze Energie ja auch im Akku selbst freigesetzt!"

Ich könnte ihn jetzt drauf hinweisen, daß ein diplomierter Physiker schon mal etwas von den Geheimnissen des Innenwiderstandes eines Akkus gehört hat. Aber wir wollen ja freundlich bleiben.

"Da kann man ja tragbare Kameras ewig lang betreiben!" wirft Erwin ein, "Wenn wir zum Beispiel Saurier in der Welthöhle aufnehmen wollen, dann wird das doch sehr nützlich sein, nicht?"

Idiot, denke ich. Da erwischt man einen der seltenen Augenblicke, in dem Reinhardt nicht über Paläontologie spricht, und Erwin bringt das Thema wieder auf den Tisch.

Reinhardt will gerade antworten, aber er kommt nicht mehr dazu. Eine Alarmsirene geht wieder los.

Die meisten Mitglieder des nautischen Personals springen auf, Fahlenbeek und Ammerlingen sind die ersten, die in die Gänge vor den Kabinenzeilen hechten und in Richtung Zentrale laufen. Ich höre Gläser, die zu Boden gehen und wieder hochspringen: Spezialgläser. Unzerbrechlich. Die hätte der Buchheim in seinem Boot gebraucht!

Außer den nervtötenden Alarmsirenen passiert nichts. Das Licht flackert nicht, das Boot schaukelt nicht, man hört keinen Lärm. Nichts. Die Sirenen werden nach vielleicht acht Sekunden wieder abgestellt.

"Was ist denn los?" flüstert Erwin. Reinhardt ist aufgesprungen, aber weil ihm nicht einfällt, was er in einem unspezifizierten Notfall tun sollte, setzt er sich wieder hin. Jetzt ist erst einmal Stille in der Kantine - die Augen der meisten Verbliebenen richten sich auf die SISCs.

Die zeigen nichts an, was Anlaß zur Besorgnis geben könnte - jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick:

"Was ist denn mit dem Wasser draußen los?" fragt Erwin. Jetzt sehen es alle: Die Ziffern tanzen. Die Wasserdichte draußen schwankt. Und die chemische Zusammensetzung ändert sich auch.

"Belege Alarm - Belege Alarm. Alarm wurde rechnerausgelöst - kein Grund zur Sorge." Wellingtons Stimme schweigt wieder.

"Ich würde mir schon Sorgen machen, wenn der Rechner von sich aus Alarme auslöst, so ganz ohne Grund!" sagt Erwin, und nach einer Pause: "Er hat ja schon einiges ohne Grund ausgelöst."

"Das wissen wir noch nicht, wenn du den Shutdown meinst." sage ich, "Dieser Alarm jetzt wird sicher etwas mit der Wasserdichte zu tun haben. Sieh da! Temperatur ist auch gestiegen. Von 11.1 auf 11.5 Grad."

"Das ist doch fast nichts!" sagt Erwin.

"Es muß einen Grund haben!"

Ein paar Minuten lang wird nur müßig hin und herspekuliert. Die Werte der Salzkonzentration, der Dichte, des CO2-Gehaltes und der Temperatur driften wieder auf ihre vorherigen Werte. Dann werden wir aufgeklärt:

Aus den Öffnungen am Grunde der Höhle, in der die CHARMION sich jetzt befindet, und die zum Einfahren des Bootes zu klein sind, sind Fladen von Wasser aufgestiegen, die einen geringeren Salzgehalt, eine höhere Temperatur und eine höhere CO2-Konzentration haben. Insgesamt müssen es einige hundert Tonnen gewesen sein, die auf ihrem Aufstieg die Position der CHARMION passiert haben.

Da sich dieses aufsteigende Wasser nur sehr wenig von dem normalen Wasser unterschieden hat, waren die Wirkungen auch nur gering. Wenn ein Taucher draußen gewesen wäre - was bei diesem Außendruck nicht möglich ist - dann hätte er gar nichts von diesem Vorgang gemerkt. Das Boot hat eben festgestellt, daß sich der Auftrieb plötzlich geändert hat - um wenige hundert Kilo - und hat entsprechend reagiert, um an Ort und Stelle zu bleiben. Da diese geringen Änderungen sehr plötzlich eintraten, nachdem die Wasserzusammensetzung ja schon lange Zeit unverändert war, wurde Alarm ausgelöst. Das war alles.

Nach und nach tauchen einige vom wissenschaftlichen Personal wieder auf. Aber an diesem Abend will die richtige Stimmung nicht mehr aufkommen. Jeder weiß: Es ist nicht unser Verdienst, daß dieses Ereignis so geringe Auswirkungen hatte. Wir wissen ja nichts über die Ursache. Was wäre gewesen, wenn es sich um Tausende Tonnen von HeißDampf gehandelt hätte? Oder um Lava? Oder wenn schlicht und einfach die Höhle zusammengebrochen wäre?

"Wie soll man," fragt Erwin niemanden Bestimmtes, "unter diesen Umständen ein rauschendes Bordfest veranstalten?"

"Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben!" zitiere ich, "Deshalb lasset uns essen und trinken und fröhlich sein, denn morgen sterben wir alle sowieso. Oder wer weiß, vielleicht heute schon!"

"Geh zu Cordula in ihre Kabine! Mit dem Spruch wirst du sicher viel Eindruck machen." schlägt Erwin vor.

"Ich gehe jetzt in meine eigene Kabine. Und ich nehme auch jemanden mit, um bei ihr Eindruck zu machen!" sage ich und stehe auf. Als ich die Kantine verlasse, folgt mir Natalie. Die meisten Augen folgen Natalie. Die Augen von Dr. Reinhardt liegen auf Seltsam.

Da war meine Diagnose wohl korrekt.


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        31.     Werftgarantie


Am anderen Tag erfahre ich beim Frühstück, daß es noch einen anderen Grund gegeben hat, aus dem Cordula sich gestern so früh zurückgezogen hatte. Sie hat heute nacht die Hundswache gehabt. "Ich bin morgen dran!" erwähnt Erwin mit vollen Backen.

"Bin neugierig, wann man uns wieder läßt!" sage ich zu Natalie. Sie kommentiert das nicht: unausgeschlafen. Wir sind gestern zu früh ins Bett gegangen.

Plötzlich, aus heiterem Himmel, muß ich wieder an Irene denken. Was würde sie denken, wenn sie sähe, daß ich jetzt schon wieder etwas mit einer anderen Frau habe? Ich verdränge den Gedanken schnell wieder. Außerdem hat Irene mal irgendwann gemeint, ich soll nicht allein bleiben, wenn ihr irgend etwas passieren sollte. - Von einem Zeitplan war in dem Zusammenhang aber nicht die Rede.

Allein wachgeblieben war Cordula auf ihrer Hundswache wohl nicht: ich erfahre, daß Kupferdraht und Aldingborg die Stellung in der Kantine gestern abend lange gehalten haben, da nach dem plötzlichen Stimmungstief der Sekt nicht mehr alle wurde. Genau dafür haben sie dann in hartem, selbstlosen Einsatz gesorgt. Deshalb sind sie auch noch nicht dienstfähig.

Pünktlich um 8 Uhr an diesem Samstag morgen sind wir wieder an unserem Arbeitsplatz. Cordula schläft noch, oder sagen wir, schon - sie muß sich jetzt gerade hingelegt haben. Vielleicht auch schon seit einer Stunde - ich weiß inzwischen, daß es üblich ist, daß die ersten, die morgens zum Dienst in der Zentrale auftauchen, den Wachhabenden wegschicken und auf diese Weise ihm oder ihr eine Stunde schenken. Bei mir und Natalie war es ja auch so - wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Dafür ist Dr. Reinhardt bei uns. Allerdings weiß ich nicht, was es für einen Paläontologen im Moment zu tun gibt.

So um 8:30 Uhr bewegt sich die CHARMION auf einen breiten Spalt in der östliche Wand der Höhle zu. Das scheint der erfolgversprechendste weitere Weg zu sein, da es direkt nach unten ja nun nicht mehr weiter geht. Dieser Spalt ist um 45 bis 65 Grad geneigt, hat einen Durchmesser von 8 bis 12 Metern und eine Höhe von 30 bis manchmal 70 Metern. Und langsam führt er in größere Tiefen.

Wer immer heute am Ruder steht, er fährt etwas rasanter. Das mag aber auch daran liegen, daß die CHARMION in diesem Spalt sich nicht mehr quer zu ihrer eigenen Symmetrieachse bewegen muß. Unsere Geschwindigkeit ist bis zu 3 Knoten, oder 5 Stundenkilometer. Als wir in den Spalt einfahren, haben wir eine Tiefe von 2400 Metern. Um zehn Uhr haben wir vielleicht 8 Kilometer zurückgelegt. Da sind es 3100 Meter. Ein paarmal hat sich der Spalt zu größeren Höhlen geweitet, und ein paarmal hat es Abzweigungen gegeben. In der Zentrale hat man sich dann immer zu dem Weg entschlossen, der die geringste Änderung der Richtung erforderte. Das Kartographie-System wird dafür sorgen, daß keine der Abzweigungen vergessen werden wird, auch wenn diese Abzweigungen in der dreidimensionalen Darstellung noch wie ausgefranste Stummel aussehen - Echolot und Radar haben diese Abzweigungen im Vorbeifahren ja nur einige wenige hundert Meter weit erforschen können.

Im Laufe dieser Fahrt liegt das Boot oft nicht auf ebenem Kiel - wenn es in Richtung seiner eigenen Symmetrieachse zum Beispiel einen um 30 Grad nach unten geneigten Kurs verfolgt, dann ist es eben in dieser Zeit um diesen Winkel geneigt. Der Boden unseres Arbeitsraumes ist dann in Richtung Kantine sehr abschüssig, und man hat Schwierigkeiten, sich zu bewegen, wenn man aufsteht. Entweder, man dreht dann den Sitz gegen oder in Fahrtrichtung und schwenkt die Bildschirmgeräte entsprechend in die geeignete Lage, oder man schnallt sich sogar an.

Jedenfalls wird jetzt deutlich, warum man in diesem Schiff auch das erste Mal konsequent die Idee des 'papierlosen Büros' realisiert hat. Papiere und Unterlagen, die auf irgendwelchen Tischen lägen, würden sich selbst bei diesen normalen Manövern selbständig machen. Ein großer Fortschritt, wenn man es mit den Büros meines alten Arbeitgebers vergleicht: Entweder, man hat die Fenster nicht geöffnet und sich so dem von der 'Klimaanlage' angebotenem Gemisch aus Frischluft und stark schwebstoffhaltiger verbrauchter Luft ausgesetzt, oder man hat versucht, bei offenem Fenster zu arbeiten - dann haben selbst leichte, unerwartete Windböen die Schreibtische abräumen können.

Wir haben wirklich Glück. Mehrere sehr unregelmäßige Höhlen führen uns rasch in immer größere Tiefe. Um 11:45 Uhr unterschreiten wir die 4000 Meter.

"Werftgarantie!" rufe ich laut, damit es auch jeder mitkriegt, "Eigentlich könnten wir jetzt bald essen, bevor die Balken anfangen, zu knacken!"

Vor dem Essen sehe ich mir noch einmal die StreßAnalyse auf dem Bildschirm an. Man kann nicht so recht an den Wasserdruck von 400 Bar draußen glauben, da das Boot diese Belastung nicht im mindesten erkennen läßt. In den alten Weltkriegs-U-Booten fing es schon in bescheidenen Tiefen an, zu ächzen und zu knacken, weil der Bootskörper unter dem Wasserdruck schrumpfte und verschiedene Einbauten diese Formveränderung nicht mitmachten - und wenn es sich um einfache Holzvertäfelung einer Wand handelte. Bei geringfügig größeren Tiefen flog dann auch schon einmal mit scharfem Knall eine Niete aus der Wand des Druckkörpers.

Nicht so die CHARMION. Der hochfeste, vorgespannte Titanstahldruckkörper wird zwar auch zusammengepreßt. Aber sämtliche Einbauten, die diese GeometrieÄnderungen notgedrungen mitmachen müssen - die Spantenscheiben, durchgehende Decksböden, die meisten Wände, an der Wand des Druckkörpers entlang verlegte Leitungen - sind so in die Verteilung der Kraftfelder integriert, daß da ein Geräusch jedenfalls nicht entstehen kann. Das ganze Boot wird eben unmerkbar kleiner - das ist alles. Aber die StreßAnalyse auf dem Bildschirm zeigt deutlich, daß der Druck draußen real ist - auf jeden Quadratmeter ist es jetzt das dreifache Gewicht des ganzen Schiffes.

Wichtiger aber: Die Geometrie des Druckkörpers ist genauso, wie sie sein sollte. Es gibt keinen Anlaß zur Sorge.

Das Mittagessen bringen wir schnell hinter uns. Dabei erfahre ich, daß sich auch mancher anderer so ab und zu die StreßAnalyse ansieht, und Natalie befragt mich jetzt auch, wie man das macht, kaum, daß wir wieder vor unseren Bildschirmen sitzen. Bei der Gelegenheit bringe ich es der Gabi Gohlmann auch bei.

Dabei habe ich Gelegenheit, die beiden Frauen in einem Punkt zu vergleichen. Natalie läuft seit unserer spektakulären Nachtvorstellung vorschriftsmäßig in der Bordkluft herum. Gabi nur manchmal, weil sie ihre Kleidung so häufig ändert. Im Moment trägt sie ihr blaues Jersey-Kleid, und in ihrer Nähe spüre ich einen ganz schwachen Parfüm-Duft, gerade so schwach, daß man sich auch geirrt haben könnte und daß niemand auf die Idee kommt, auf die Filter in unserer Klimaanlage hinzuweisen. - Wie immer man auf so etwas hinweisen sollte, einer der Bordingenieure hat es ganz dezent einmal so ausgedrückt: Es sei an Bord er CHARMION erlaubt, zu stinken, aber nicht, zu duften.

Die oberen paar Knöpfe ihres Kleides hat sie geöffnet - wohl ohne jede Absicht - und als ich, hinter ihrem Sitz stehend ihr das Streßanalyseprogramm erkläre, kann ich unschwer feststellen, daß sie keinen BH trägt. Außerdem kann ich so ihre grauen Haare zählen - wenn ich es wollte und die Zeit dazu hätte: Sie hat schon eine ganze Menge davon.

Als sie einmal überraschend zu mir hochblickt, sieht sie, wohin ich blicke. Sie läßt sich aber nichts anmerken und ich sehe wohlerzogen wieder auf den Bildschirm.

All das alles erzeugt eine Atmosphäre von Normalität, die den Wasserdruck und die dunklen, verwinkelten Höhlen da draußen weiter aus dem Bewußtsein herausdrängen - aus meinem und wahrscheinlich auch aus ihrem. Ist es eine Art Kopf-in-den-Sand - Politik? Wer keine Uniform trägt, der ist auch kein Soldat. Dem kann nichts passieren. Unlogisch, natürlich, aber hinten in unserem Bewußtsein geschieht viel, was unlogisch ist. Jedenfalls trägt sie Zivil, und das beruhigt irgendwie.

An diesem Nachmittag haben wir Gelegenheit, sehr viele Sackgassen zu kartographieren. Außer der Geometrie der Höhlen gibt es kaum besondere Beobachtungen - außer einer: Amurdarjew glaubt, zu erkennen, daß das Wasser in diesen Höhlen häufiger durch kurze, heftige Strömungen bewegt worden sein muß. Immer dann, wenn lose Felsbrocken auf dem Boden der Höhlen liegen, findet er rundherum Schleifspuren, die mir jedenfalls vollständig entgangen wären. Auch aus der Häufigkeitsverteilung loser Felsbrocken entnimmt er derartige Hinweise. Aber, sagt er, diese Beobachtung ist noch sehr unsicher. Auf jeden Fall wird jedes aufgenommene Bild in der Computern der CHARMION gespeichert, jedes Pixel - die CHARMION vergißt nichts, was sie jemals gesehen hat. Spätere Vergleiche und Analysen sind immer noch möglich.

Als Wellington um 16:30 das Boot in einer Seitenhöhle zum Stillstand bringen läßt, sind wir insgesamt nicht sehr viel weiter gekommen. Die Wassertiefe ist jetzt 4300 Meter. Gabi ist kurz vorher in Richtung Zentrale verschwunden, weil sie die Wache von 16 bis 24 Uhr hat - wird sie außer persönlicher Anwesenheit wohl nicht viel zu tun haben - und Cordula ist mit verschlafenem Gesicht wieder aufgetaucht. Sie trägt erfreulicherweise auch Zivil - Rock und Pulli - und ich denke mir, daß Natalie jetzt wohl bald kleidungsmäßig wieder nachziehen wird.

Es wird eigentlich immer deutlicher: Während am Anfang der Reise die Nautischen mehrheitlich die Borduniform trugen und die Wissenschaftlichen Zivil, und es nur ein paar Ausreißer in beiden Gruppen gab, so trägt inzwischen bei den Wissenschaftlichen gar niemand mehr die Borduniform. Symptom verfestigter Cliquenbildung? - Nur Dr. Morton hängt gewissermaßen zwischen den Stühlen: Sie hat einen gewöhnlichen, weißen Arztkittel und eine der unseren schnittgleichen Borduniform in Weiß. Sie wird etwa in beiden gleich häufig gesehen. Wenn sie ganz in Zivil ist, trägt sie meistens Hemd und verschlissene Jeans, so daß man, wenn man ihren Beruf dann raten sollte, vielleicht auf eine Bauarbeiterin tippen würde und nicht auf eine Ärztin.

Beim Abendessen setzt sich Alfred Seltsam zu Natalie und mir. Er gibt sich betont aufgeräumt.

"Bin gespannt auf die Welthöhle. Wirklich!" Wen er von uns nun anspricht ist nicht gleich zu erkennen.

Dr. Reinhardt, der nicht viel weiter sitzt, zieht die Nasenflügel mißbilligend hoch, sagt aber nichts. Aber ich sage etwas:

"Das ist noch sehr zweifelhaft, ob wir dahingelangen werden!"

"Wieso?" fragt Seltsam. Er studiert Natalie mit begehrlichen Blicken - die Rolle des Machos liegt ihm aber nicht: es sieht aufgesetzt und gekünstelt aus. Natalie ist auch völlig unbeeindruckt. Ich auch.

"Oh, ich habe es schon oft erklärt. Wahrscheinlich muß ich das immer wieder tun - sogar meine Frau hat mich einmal erstaunt gefragt, ob denn der Wasserdruck tatsächlich mit zunehmender Tiefe immer größer wird. Das war irgendwann in den Achtziger Jahren, und wir sahen die Fernsehversion von Buchheims Boot. Ich war ganz baff, weil ich das für selbstverständlich hielt - man vergißt manchmal, daß nicht alle Menschen Physiker sind."

"Sie meinen, der Wasserdruck ist ein Problem? Dieses Boot wird doch jeden Wasserdruck aushalten - heißt es. Also noch mehr als jetzt."

"Dieses Boot - wahrscheinlich. Die Welthöhle, beziehungsweise ein Zugang zu ihr - nicht."

"Versteh ich nicht!"

Natalie reagiert überhaupt nicht auf seine wandernden Blicke. Der einzige Eindruck, den ich ganz zu Anfang von ihr hatte, und der immer noch stimmt: Wenn sie Männer ignorieren will, dann tut sie es.

"Die Oberfläche des Ozeans der Welthöhle" erkläre ich zum wiederholten Male, "liegt über 10 Kilometer tiefer als der Meeresspiegel. Das heißt, wenn es irgendwo eine Unterwasser-Verbindung zwischen den Weltmeeren und dem Ozean in der Welthöhle gäbe, dann würde an beiden Seiten dieser Verbindung ein Druckunterschied von mehr als 1000 Bar bestehen!"

"Naja," sagt Seltsam, "das wird dann wohl in einer gewissen Strömung resultieren!"

"Eine 'gewisse Strömung'! - Als ich Natalie etwas über diese Strömung erzählt habe, ist ihr schlecht geworden!"

Ich wiederhole die plastischen Schilderungen noch einmal, bis bei Natalie Anzeichen sichtbar sind, daß ihr der Appetit vergeht.

"Ja gut. Aber dann gibt es doch noch andere Möglichkeiten. Könnte nicht ein ganz langer Tunnel einen so hohen Strömungswiderstand haben, daß die Strömung nur ganz bescheiden ist?"

"Gute Idee! Im Prinzip - ja. In der Praxis - nein. Der Tunnel müßte immens lang sein - wahrscheinlich Hunderttausende von Kilometern. Wie sollte der entstanden sein? Und er müßte verschlungen sein, damit man einen Tunnel dieser Länge irgendwo unterbringen kann. Ein Tunnel von solcher Länge wäre für dieses Boot aber auch ein unüberwindliches Hindernis, wenn wir mehr Zeit brauchen, ihn zu befahren, als unser Leben währt. - Nein, einen permanent offenen Tunnel gibt es nicht. Da verwette ich ein Jahresgehalt."

"Meins oder Ihrs?"

"Beide zusammen!"

"Mmh." sagt Seltsam. Und: "Ist der wirklich so lang? Woher wollen Sie das wissen?"

"Herr Seltsam, Sie mögen der beste Evolutionär auf der ganzen Welt sein - oder auch der einzige - aber für die Physik bin ich noch zuständig. Besonders bei so einfachen Dingen."

"Einfach?"

"Manche Dinge kann man ganz einfach ausrechnen. Wasser hat eine gewisse Zähigkeit. Nach dieser richtet es sich, wieviel Wasser durch ein Rohr fließen kann, wenn man den Rohrdurchmesser und das Druckgefälle längs des Rohres kennt. Die Wassermenge, die bei einem bestimmten Druckgefälle durch ein Rohr fließt, ist der vierten Potenz des Rohrdurchmessers proportional!"

"Und?" fragt Seltsam.

Reinhardt dreht sich ganz zu uns um: "Das ist das Hagen-Poiseuillesche Gesetz!" sagt er.

"Hervorragend, Herr Kollege! Die Bezeichnung weiß ich schon seit 30 Jahren nicht mehr. Mir reicht es aus, wenn ich inhaltlich weiß, worum es geht!"

Das war vielleicht etwas hart, aber ich stelle sofort fest, daß Reinhardt die Kritik gar nicht als solche aufgefaßt hat. Jedenfalls hat er seinen Spruch zum Besten gegeben, und ich kann weitermachen:

"Gut. Ich rechne es ihnen aus, ja? Ich kenne im Moment den zahlenmäßigen Wert der Zähigkeit von Wasser nicht, aber das macht nichts. Wir gehen einfach mal von einer Hauswasserleitung aus, ja?"

"Und was soll das bringen?"

"Warten Sie's ab. Ich zeige Ihnen, wie man mit minimalem Aufwand etwas ausrechnen kann."

"Bitte." sagt er. Viel lieber würde er sich mit Natalie unterhalten. Grund genug für mich, etwas ausführlicher zu werden:

"Der Wasserdruck in Hauswasserleitungen liegt so bei einigen Bar, oder Atmosphären, wie man früher gesagt hat. Wenn man einen Wasserhahn ganz aufdreht und den Strahl umlenkt, dann spritzt es durchs ganze Zimmer. Das heißt, das Wasser erreicht um die 10 Meter pro Sekunde. Mindestens. Wasserleitungen im Haushalt haben Durchmesser von einem oder 2 Zentimetern - meistens sind es irgendwelche Zollmaße - und die Länge dieser Leitungen ist so um die zehn Meter - das hängt von der Größe des Hauses ab. Darüber hinaus sind die Versorgungsleitungen der Stadt, die wir nicht mehr in die Rechnung mit einbeziehen müssen, weil die einen so großen Durchmesser haben, daß es dort kaum noch einen Unterschied macht, ob jemand seinen Wasserhahn ganz aufdreht oder nicht. Dort herrscht also immer der gleiche Druck."

"Gut. Weiter."

"Das sind also unsere Ausgangsdaten: Ein Rohr von einem Zentimeter Durchmesser, zehn Meter lang, Druckunterschied an den Enden ein Bar, und das Wasser fließt mit 10 Meter pro Sekunde. Ist das glaubhaft? Oder anschaulich?"

"Ich glaube, ja."

"Ich denke auch so - sehr falsch kann es nicht sein. - Also: Zehn Meter pro Sekunde bei dem Durchmesser, das sind ein Liter pro Sekunde. Etwa. Das Hagen-Poiseuillesche Gesetz setzt ja in seiner üblichen Formulierung den Volumendurchsatz in Beziehung zu den Rohrabmessungen und der Zähigkeit, nicht wahr, Herr Doktor Reinhardt?"

Reinhardt nickt. Würde ich an seiner Stelle auch tun. Ob er etwas von dem paraboloidförmigen Geschwindigkeitsprofil einer Strömung in einem Rohr weiß? Und ob er weiß, daß meine ganzen Erläuterungen Makulatur sind, wenn die Strömungen turbulent werden, weil das Hagen-Poiseuillesche Gesetz nur für laminare Strömungen abgeleitet wurde? - So kompliziert will ich es jetzt aber nicht machen.

"Also," fahre ich fort, "Der Volumendurchsatz bleibt gleich, wenn die Länge des Rohres zugleich mit der vierten Potenz des Durchmessers wächst. Okay? - Die CHARMION braucht mindestens einen Tunneldurchmesser von 10 Metern, sonst bleibt sie stecken oder schrammt häufiger an der Wand entlang. 10 Meter, das ist 1000-mal soviel wie ein Zentimeter. Dann müßte die Länge des Rohre um 1000 mal 1000 mal 1000 mal 1000 wachsen, damit bei demselben Druckunterschied dieselbe Menge Wasser hindurchfließt. 10 Meter Länge viermal mit der 1000 malgenommen ergibt - na? - 10 hoch 13 Meter. 10 Milliarden Kilometer."

"Tatsächlich?" staunt Seltsam.

"Sie können es nachrechnen! - Aber ich bin noch nicht fertig. Erstens haben wir es nicht mit einem Druckunterschied von einem, sondern von 1000 Bar zu tun. Das heißt, daß man 1000 dieser Tunnel hintereinanderbauen muß, um wieder ganz genau dieselben Verhältnisse zu haben. Damit sind wir bei 10 Billionen Kilometern. Das ist übrigens etwa ein Lichtjahr."

Allmählich habe ich das Gefühl, daß Seltsam mir nicht glaubt.

"Nun wird unsere Versuchsanordnung gleich wieder kürzer, weil wir immer noch einen Wasserdurchsatz von einem Liter pro Sekunde haben. Das ist für einen Tunnel dieser Größenordnung aber sehr wenig - das Wasser steht ja fast still. Ich würde sagen, daß, weil die CHARMION bis zu 36 Kilometer pro Stunde schnell sein kann, wir etwa die Hälfte dieser Geschwindigkeit als durchschnittliche Driftgeschwindigkeit in diesem Tunnel zulassen könnten - dann kann unser Boot immer noch in beiden Richtungen fahren. - Es ist vielleicht ein bißchen komplizierter, weil die Anwesenheit der CHARMION im Tunnel die Verteilung der Stromlinien stört, aber wir rechnen ja nur in Größenordnungen. - Die Hälfte unserer Maximalgeschwindigkeit, das sind 5 Meter pro Sekunde, bei 10 Meter Tunneldurchmesser entspricht das also etwa 350 Kubikmeter pro Sekunde. - So. Das sind jetzt ein um den Faktor 350000 größerer Volumendurchsatz als bloß ein Liter pro Sekunde. Um diesen Faktor müßen wir die Länge also wieder kürzen. 10 Billionen Kilometer durch 350000, das sind so ungefähr 30 Millionen Kilometer. - Tja. Ganz schön lang. So lang müßte der Tunnel also sein, um einen für die CHARMION befahrbaren Weg zwischen den Meeren der Erdoberfläche und den Meeren der Welthöhle zu eröffnen."

"30 Millionen Kilometer." Seltsam überlegt selber: "Mit unserer Maximalgeschwindigkeit ..."

"Rechnen Sie mit 30 Kilometern pro Stunde, dann geht's einfach!" schlage ich vor.

"Eine Million Stunden!"

"Ja."

"Das müßten etwa 100 Jahre sein."

"110 Jahre. Aber es war alles eine sehr grobe Schätzung. Wir können um den Faktor zehn daneben liegen. Mehrfach sogar. Aber ich denke, die Schätzung war konservativ."

"Also kommen wir gar nicht in die Welthöhle?" fragt Natalie jetzt dazwischen.

Sie ist mit dem Essen fertig, und ihre Frage ist an mich gerichtet. Deshalb beantwortet Seltsam sie: "So, wie Herr Homberg das darstellt, nein. - Aber ich glaube nicht, daß die EG soviel Geld springen läßt, nur um uns durch diese Höhlen zu kutschieren!"

"Herr Seltsam," unterbreche ich, "nach Ihren eigenen Aussagen bezeichnen Sie sich als Evolutionär, und sie haben uns schon in München erzählt, daß Sie Industrieerfahrung haben, oder?"

"Ja und?"

"Entscheiden Industrieunternehmen immer so rational? Geben sie das Geld immer sinnvoll aus? Besonders große Industrieunternehmen? - Sie selbst wären arbeitslos, wenn Industrieunternehmen so wären - wer bräuchte dann noch Evolutionäre?"

"Aber wenn wir nicht in die Welthöhle kommen, was machen wir dann?" fragt Natalie weiter, "der Rückweg ist doch zu?"

Reinhardt mischt wieder mit: "Da sind sie nicht auf dem neuesten Stand, Fräulein Yar. Als Sie den Höhleneingang zerschossen hatten, hat Wellington tags drauf ..."

"Frau Yar." sage ich.

"Was?"

"Es heißt: 'Frau Yar'. 'Fräulein' ist eine Diskriminierung. Da wir alle im Sold der EG stehen, haben wir im Dienst solche diskriminierenden Äußerungen zu unterlassen. Keine 'Fräulein', keine 'Neger', keine was weiß ich."

Natalie winkt ab: "Was hat Wellington tags drauf gemacht?"

Gut, denke ich. Wenn es nicht gewünscht wird, dann werde ich den Schwachen und Unterdrückten eben nicht zu Hilfe kommen.

"Während sie beide schliefen, wurde der Felssturz noch einmal sehr genau inspiziert. Es besteht die Möglichkeit, durch weitere Schüsse den Eingang wieder frei zu bekommen."

"Ist ja fabelhaft!" sage ich.

"Es besteht auch die Möglichkeit, daß dabei diese ganze Höhle am Eingang zusammenbricht. Ich weiß nicht, was daran fabelhaft sein soll."

Diesmal hat Reinhardt einen tadelnden Ton angeschlagen.

"Also Fazit: Beides ist unsicher, Welthöhle und zurück nach Hause, richtig?" faßt Seltsam rasch zusammen.

"Ja," ergänze ich, "wenn beides nicht möglich ist, dann werden wir zu einigen sehr interessanten Fossilien umgewandelt werden. - Sicher sehr interessant, wenn man sein Leben mit Fossilien verbracht hat, gewissermaßen die Krönung einer beruflichen Karriere in Paläontologie!"

Diesmal guckt Reinhardt richtig böse. Und Seltsam sieht Natalie an. Letzteres wäre ja nicht so schlimm - aber Natalie sieht zu lange zurück. Vielleicht weiß sie aber auch nicht, wo sie sonst hinsehen soll, wo wir uns so gegenübersitzen.

Unsere Diskussion ist teilweise auch an den anderen Tischen verfolgt worden. Es kommen noch weitere Einwände, einige davon basieren allerdings auf schlichtem Nichtverständnis der physikalischen Tatsachen. Joseph Priest hat noch eine interessante Idee - er stellt sich eine U-förmige Unterwasserverbindung zu den Meeren der Welthöhle vor. Wenn die Dichte des Wassers in dem Welthöhlenschenkel größer wäre als in dem anderen Schenkel, dann könnten auf diese Weise tatsächlich zwei Meere mit unterschiedlichem Niveau verbunden werden. Leider zeigt schon eine kurze Abschätzung, daß dieses zahlenmäßig nicht möglich ist, weil dieser Kanal dann bis zu sehr großen Tiefen hinunterführen müßte - 500 Kilometer bei zwei Prozent Dichteunterschied zwischen den beiden Schenkeln - außerdem wäre in unserem Schenkel das schwerere Seewasser, im Welthöhlenschenkel das leichtere SüßWasser. Es müßte aber gerade umgekehrt sein. So geht es also auch nicht.

Während die Diskussion über die Tische hinweg weiterläuft, lehne ich mich zurück und versuche, an etwas Erfreuliches zu denken. An das Erreichen der Welthöhle habe ich ja noch nie geglaubt, und bloß, weil wir - relativ überraschend - dieses unterseeische Höhlensystem unter dem Minch gefunden haben, wird das Erreichen der Welthöhle dadurch nicht wahrscheinlicher. Gegen die Existenz von unterseeischen Höhlen spricht nichts - gegen eine Verbindung zu der Welthöhle lehnt sich die ganze Physik auf.

Mein Blick fällt auf den SISC in der Küchenwand. Ich fühle mich an den 'Televisor' aus '1984' erinnert. Den SISC gibt es hier mindestens ebenso häufig wie den Televisor in Orwells Roman. Aber unser Situation Screen ist eine wirkliche Einbahnstraße für Informationen: Er zeigt welche an, aber er kann nicht gucken.

Trotzdem stört mich jetzt irgend etwas am SISC. Vielleicht auch nicht am SISC, sondern mein Unterbewußtsein hat irgendetwas wahrgenommen, das noch nicht zu meinem Hauptbewußtsein gedrungen ist. Ist es die permanente Kenntnis des Wasserdruckes da draußen, der jetzt schon ein wenig höher ist als das, was uns die Werft als ungefährlich zusichern will? Ist es die Unklarheit über unseren Rückweg? Ist es die Tatsache, daß Natalie als die faktische Schönheitskönigin in der Besatzung dauernd den Nachstellungen anderer ausgesetzt ist? Ist es die Erinnerung an Irene, die ich nicht von diesem Rundflug abgehalten habe? Oder ist es die Erkenntnis, daß meine Trauer sich in Grenzen hält, gerade so, als ob dieses ein unvermeidlicher Schicksalsschlag gewesen wäre, oder als ob Irene zu mir in keinem besonderen Verhältnis gestanden hätte? Ist es das schlechte Gewissen wegen Natalie? Ist es alles zusammen? Und ich projiziere dieses allgemeine Unzufriedensein auf den SISC, der doch nun wirklich nichts dafür kann. Gerade der SISC ist doch die Einrichtung, die uns, im Gegensatz zur Besatzung der alten Kriegs-U-Boote, ständig auf dem Laufenden hält ...

Auf dem Laufenden? Ruckartig richte ich mich auf. Das Bild der Außenaufnahmen in den beiden, im Moment aufgeklappten Fenstern ist statisch und verändert sich nicht. Das wäre ja noch okay, weil die CHARMION sich selbst nicht bewegt, und wenn sie sich nicht bewegt, dann bewegt sich in diesen Höhlen gar nichts. Aber die Zeitanzeige! Die bewegt sich auch nicht!

"Was ist denn mit dem Situation Screen los?" frage ich mit etwas lauterer Stimme. Alle Blicke wenden sich den SISCs zu. Einen Moment lang wird es still in der Kantine.


        ********        ********

        32.     Superuser Zwei


"Da ist was faul." sagt Cordula, die sich bis jetzt still verhalten hat, weil sie vielleicht noch nicht richtig wach ist.

"Das sehen wir." sage ich.

"Nein, das meine ich nicht. Wenn der SISC nicht bedient wird, warum beschwert sich dann niemand aus der Zentrale?"

"Weil die auf andere Bildschirme gucken. Nehme ich an."

Erwin springt auf und geht zum nächsten Interkom an der Küchenwand. "Ich frage mal nach."

"Ist das wieder gefährlich?" fragt Natalie. Ich will antworten, aber Seltsam kommt mir zuvor:

"Noch nicht. Nur unangenehm. Aber wenn etwas in einem Computer nicht so funktioniert, wie es soll, dann spricht alles dafür, daß bald noch mehr nicht funktioniert."

"Sehr richtig formuliert!" sage ich.

"Aber wenn man es rechtzeitig merkt, dann kann man etwas dagegen tun." fährt Seltsam fort, ohne auf meine Bemerkung zu achten.

"Weniger richtig formuliert - wie die Sache mit dem Shutdown passiert ist, wissen wir ja auch nicht."

Erwin kommt von seinem Interkom zurück: "Jetzt haben sie's gemerkt. Wir sollen der Sache nachgehen. Sofort, vermutlich." Er sieht Cordula an: "Betrifft wohl hauptsächlich uns beide."

"Herzliches Beileid. Nichts mit Dienstschluß. Aber ich leiste euch Gesellschaft - Ich habe nämlich auch schon mal einen Computer gesehen!"

Wenig später sind Cordula, Erwin und ich wieder in unserem Arbeitsraum. Wir bleiben nicht lange alleine - Natalie und Pater Palmer wissen nicht so recht, was sie sonst tun sollten und kommen auch zu uns hoch, kurz drauf kommt Dr. Reinhardt zu uns hoch, weil er ja auch auf dem Laufenden bleiben möchte. Da kann Seltsam natürlich nicht zurückstehen. Salzbach liegt schon in der Koje, aber Cohausz kommt als letzter rauf. Wenig später taucht auch Fahlenbeek auf.

"Es wäre gut, wenn wir schnell wissen, was da los ist!" sagt er.

"Wir sind ja schon dabei!" zischt Cordula.

So richtig produktiv können eigentlich nur Erwin und Cordula arbeiten - die anderen gucken zu. Naja, diese Situation sind wir von anderen Firmen gewöhnt. Nur könnte es sein, daß es ihnen zuviel Stress bedeutet, wenn ihnen so viele Leute über die Schulter gucken. Ich überlege mir schon, wie man eventuell einige Leute höflich in die Kantine zurückbittet. Das ist aber eigentlich Fahlenbeeks Aufgabe, als II WO.

Cordula kommt zunächst mal ziemlich rasch zu einem vorläufigen Ergebnis: Sie findet heraus, welcher Dämonprozeß die SISCs mit Daten versorgt. Den startet sie einfach erneut, und augenblicklich wird die Zeitanzeige auf den SISCs auf den aktuellen Stand gebracht.

"Ist ja wunderbar!" sagt Pater Palmer.

"Nichts ist wunderbar. Wieso wurde dieser Prozeß gestoppt? Das müssen wir noch herausfinden!" entgegne ich.

Cordula und Erwin suchen nach Hinweisen, wer den SISC-Dämon gestoppt haben könnte. "Ist eigentlich ganz einfach," sagt Cordula, "wir haben einen Audit auf diese Systemaktivitäten!"

"Einen was?" Das war Natalie.

"Einen Audit. Das heißt, der Rechner schreibt in eine Datei hinein, was er so macht - welche Programme gestartet werden, welche Prozesse abgeschossen werden, und welcher Benutzer am System angemeldet ist. Das haben wir schon vor dem Abfahren gestartet."

"Sehr schön erklärt, Herwig." sagt Cordula, "Hat nur einen Schönheitsfehler: Er hat's nicht gemacht."

"Nein?"

"Nein. Sieh her: Da ist der SISC-Dämon gestartet worden. 17. August 1998. Montag, kurz nach 10 Ihr. Und danach ist er nie wieder gestoppt worden."

"Was ist so besonderes an dem Datum?" fragt Palmer.

"Letzter Systemstart. Da lag das Schiff wohl noch in Greenock. - Sowie es unterwegs ist, verträgt es keinen Shutdown mehr."

"Was hat das jetzt mit dem Shutdown zu tun?" fragt Pater Palmer leicht verwirrt.

"Ein Shutdown beendet die Aktivitäten des Betriebssystems. Das hätten wir gestern ja fast erlebt. Nach einem Shutdown muß das System wieder hochgefahren werden. Das heißt, wenn an Bord noch jemand am Leben ist."

"Aha." sagt Palmer.

"So. Jetzt macht mal mit eurem Anfängerunterricht Schluß. Warum ist der SISC-Dämon gestorben? Und warum hat der Audit das nicht mitgekriegt?" Cordula fühlt sich gestört.

"Das möchte ich auch wissen." sagt Fahlenbeek dazwischen. Eine Weile hacken Cordula und Erwin auf ihren Tastaturen herum. Dann:

"Also entweder funktioniert der Audit überhaupt nicht richtig, oder - was auch sein könnte - der Dämon lief unter einem anderen Namen."

"Er ist aber unter dem richtigen Namen gestartet worden! Haben wir doch gerade gesehen!" sage ich.

"Weiß ich!" faucht sie zurück. Sie ist nervös.

"Vielleicht läuft dieser - Dämon - unter einer anderen User-ID? Dann kann man ihn doch nicht sehen!" schlägt Natalie vor. Ein bißchen was weiß sie schon über das PRO-UNIX.

"Cordula hat sich doch als Systemverwalter angemeldet - da hat sie Übersicht über alle Benutzerkennungen, unter denen überhaupt etwas geschieht." kläre ich sie auf.

"Vielleicht ist da ein anderer Systemverwalter?"

"In jedem UNIX - und auch in PRO-UNIX - gibt es nur einen einzigen Systemverwalter. Und der heißt immer 'root'."

"Aha." sagt Natalie.

"Glaubst du es nicht? - hier, es gibt eine Liste aller Benutzerkennungen. Da steht an allererster Stelle ... Cordula!"

"Was?"

"Wer ist denn der Benutzer 'ROOT'? - Großgeschrieben?"

Cordula und Erwin sehen auf meinen Bildschirm. Alle anderen auch.

"Ich glaube, die Natalie hat schon wieder eine Idee gehabt!"

"Glaube ich nicht." sagt Cordula, "Warum soll eine normale Benutzerkennung nicht 'ROOT' heißen? Das ist nicht verboten!"

"Tja. Auch wieder richtig. Sehen wir uns mal die Privilegien an, und was diese Kennung macht."

Die Überraschung folgt auf dem Fuße: "Cordula und Erwin," sage ich, "schaut euch das an! 'ROOT' läßt sich nicht administrieren!"

"Das gibt es doch nicht!" sagt Erwin, "Das ist unmöglich!"

Fahlenbeek beugt sich weit vor und sieht auf meinen Bildschirm.

"Herr Fahlenbeek, Sie müßten es wissen: Gibt es etwa so etwas wie einen super-super-user für dieses System?"

"Mir ist nichts bekannt," sagt er, "was hat der denn für Dateibestände?"

"Das ist es ja - da kommen wir nicht rein!"

"Tja." sagt Erwin, und noch einmal: "Tja." Und nach einer Pause: "Dann wissen wir also, wer diesen Shutdown gestern losgelassen hat!"

"So? Wissen wir das?" Ich greife wieder in die Tasten: "Ich gehe mal als 'ROOT' rein."

"Schön!" sagt Cordula, "Schick uns ne Karte, wenn du das ROOT-PaßWort herausgefunden hast!"

Sie hat recht. Weder ich noch sonst jemand kommt rein. 'ROOT' hat ein anderes PaßWort als 'root', und keiner von uns kennt es.

Fahlenbeek fragt über Interkom den Alten. Es wäre ja immerhin möglich, daß der Kapitän dieses Schiffes auch bezüglich des Rechners besondere Privilegien hat. Wellington weiß aber von nichts.

"Tja, dann können wir gar nichts machen!" sagt Erwin, "wenn da tatsächlich eine alternative Systemverwalterfunktion im PRO-UNIX vorgesehen ist ..."

"Das wissen wir noch gar nicht, ob es bloß eine alternative Systemverwalterfunktion ist," meine ich, "es kann sein, daß ROOT noch mehr Privilegien hat als 'root'!"

"Ach du liebe Zeit!"

"Ja. Und wenn unter ROOT ein Programm läuft, das das Schiff auf den Kopf stellen möchte, oder das den Schwerwasserheißdampf aus dem Reaktor in die Klimaanlage leiten möchte, oder das die Flutventile öffnen möchte - wenn wir so etwas haben - dann können wir nichts dagegen machen. Gar nichts."

"Doch," sagt Cordula, "Einer kann etwas dagegen machen. Einer, der das 'ROOT'-PaßWort kennt. - Und so einer ist an Bord."

Ich denke nach. "Du hast recht," sage ich, "so einer ist an Bord. Vielleicht auch zwei."

Alle anderen sehen sich und uns verwundert an.

"Und?" fragt Cordula.

"Ich weiß nicht."

"System neu starten?"

"Unbedingt, wenn dieses ein Haus auf dem Festland wäre. Aber es ist ein U-Boot. Wir können nicht. Zu gefährlich."

"Aber es kann doch jederzeit ..."

"Ja," sage ich, "Es kann jederzeit ..."

Und wie um meine Worte zu bestätigen, heult wieder die Alarmsirene auf. Der Situation Screen, der wieder anstandslos funktioniert, gibt die Ursache an:

Das Schiff hat angefangen, mit etwa 50 Gramm pro Sekunde schwerer zu werden. Sowenig, wie das ist, kann das nur eine Ursache haben:

Wassereinbruch.


        ********        ********

        33.     Leckrate


Die Panik hält sich zunächst in Grenzen. Erstens wegen der geringen Größe dieser Gewichtszunahme des Bootes. Das könnten die Lenzpumpen noch leicht schaffen.

Um einen Liter pro Sekunde gegen ein Bar Überdruck nach draußen zu bringen, braucht man theoretisch hundert Watt. In der Praxis ist es etwas mehr, wegen des nicht hundertprozentigen Wirkungsgrades von Pumpen und Antrieb. Wir sind im Moment in 4300 Metern Tiefe, hätten also gegen einen Druck von 430 Bar anzupumpen. Für einen Liter pro Sekunde braucht man dann 43 Kilowatt. Bei 50 Gramm pro Sekunde sind es noch zwei bis drei Kilowatt.

Aber natürlich ist das kein Trost, denn ein Wassereinbruch, wenn es denn ein solcher ist, kann sich ja jederzeit verstärken.

Mehr zur Beruhigung trägt bei, daß die CHARMION ja dauernd Wasser mit der Umgebung austauscht, auch wenn sie still liegt und nicht manöveriert. Zum Beispiel wird Wasser an Bord genommen, um die organischen Reste des Bordbetriebes nach draußen zu bringen. Dann die ständige Frischwassererzeugung, von der wiederum das nicht gebrauchte Frischwasser ständig dazu benutzt wird, Seewasser in den Regelzellen durch Reinstwasser auszutauschen - des Korrosionsschutzes wegen. Wenn der Inhalt der Regelzellen über längere Zeit nicht verändert wird, enthalten diese tatsächlich nur noch reinstes Wasser.

Der Bordrechner führt ständig Bilanz über die ein- und ausgehenden Flüssigkeitsströme - muß er ja, um das Boot manövrieren zu können. Wenn das Boot also tatsächlich an Masse zunimmt, dann ist diese Zunahme die Differenz von aufgenommenem und ausgeschiedenem Wasser. Und diese Differenz muß nicht echt sein. Es kann sich um schlichte MeßFehler handeln, oder auch um Rechenfehler, wenn die zuständigen Programme fehlerhaft sind. - Im Prinzip könnte auch einer der Prozessoren des Rechners defekt sein, das aber würde wesentlich rascher und bei wesentlich mehr Programmen auffallen. Das PRO-UNIX weiß, wie es fehlerhafte Rechnerhardware aus dem laufenden Betrieb entfernt.

Wenn jetzt also der Rechner tatsächlich meint, daß wir in jeder Sekunde um 50 Gramm, die er nicht selber veranlaßt hat, schwerer werden, dann ist es ein Wassereinbruch. Aber das kann noch eine ganze Menge anderer Ursachen haben. Trotzdem - wir müssen so schnell wie möglich rauskriegen, welche. Harmlos ist das keinesfalls.

Der Dienstschluß ist also keiner mehr - für alle. Niemand kritisiert das, denn die meisten haben wohl schon etwas über die Wirkung von Hochdruckwassereinbrüchen geschildert bekommen. Die vom nautischen Personal mit Sicherheit. Ein Wasserstrahl, der bloß 50 Gramm pro Sekunde transportiert, kann, wenn er etwa quer über den Gang in Hüfthöhe einbricht, jemanden, der da vorbeigeht, in zwei Hälften zerschneiden. Einfach so.

50 Gramm pro Sekunde, das sind 3 Liter in der Minute. In drei Minuten ein durchschnittlicher Wassereimer. Eine Menge, die man in einem Wohnraum kaum noch unbemerkt irgendwo hinfließen lassen könnte - auch auf der CHARMION sollte diese Wassermenge, wenn sie irgendwo frei herumfließt, eigentlich auffallen. Selbst, wenn dieses Wasser sich in irgendwelchen Zwischenwänden staut - etwa in der Isolierschicht über der äußeren Druckkörperwand, die viele Leitungen der Klimaanlage enthält - bleibt es nicht unbemerkt. Gerade da nicht, denn da sind genug Sensoren, die nicht nur Wasser, sondern jede Spur von Feuchtigkeit aufspüren können. Längst schon wären die Informationen im Bordrechner eingelaufen, längst schon wäre die feuchte Stelle lokalisiert. Das ist aber nicht geschehen. Also: Ein Leck im Druckkörper ist es nicht.

Trotzdem läßt Wellington das gesamte Boot begehen. Jeder, der nichts anderes zu tun hat, muß daran teilnehmen. Das ist insbesondere auch deshalb angezeigt, weil diese Wasserrate sich vorübergehend leicht erhöht hat - es sind 65 Gramm pro Sekunde geworden, dann fiel der Wert wieder auf 35 bis 40 Gramm pro Sekunde.

Ich bin mit unten im Unterdeck, die Gegend, die man bei anderen Schiffen 'die Bilge' nennt. Hier würde freies Wasser über kurz oder lang zusammenfließen. Aber es gibt nichts dergleichen zu beobachten. Der Boden ist knochentrocken.

21 Uhr vorbei. Seit mehr als einer halben Stunde haben wir jetzt diese Situation. 90 bis 100 Liter. Eine halbe Badewanne. Wo mag die sich verstecken? Ich - und nicht nur ich - gelangen allmählich zu der Auffassung, daß wir von etwas anderem genarrt werden. Wellington läßt die Inhalte von Regelzellen und Trimmtanks, die umlaufenden Schwerwassermengen im Reaktor, die diversen Tanks in der Frischwasseraufbereitung, die Wasserleitungen und die Abwasserleitungen manuell prüfen und ausmessen. Derweil sind die EDV-Spezialisten - also Erwin und Cordula - dabei, das Betriebssystem nach Hinweisen zu durchforsten, weil es ja sein könnte, daß der Rechner uns narrt.

So um 21:45 - inzwischen sollte es sich um fast eine ganze Badewanne handeln, um die das Boot schwerer geworden ist - steht fest: Ein Rechenfehler ist es nicht. Die Regelzellen haben um die 150 Kilogramm verloren, um die Gewichtszunahme zu kompensieren. Also muß die Gewichtszunahme des Bootes echt sein - sonst würden wir uns nicht nach wie vor unbeweglich am selben Ort aufhalten können.

Wasser kann es aber eigentlich auch nicht sein - 150 Liter Wasser - gar Seewasser - können nirgends unbemerkt herumschwappen.

Interessanterweise hat die Rate der Gewichtszunahme in der letzten halben Stunde stark abgenommen. Wir sind jetzt etwa bei 20 Gramm in der Sekunde. Und immer noch haben wir keine Erklärung.

Dann - es geht auf 22 Uhr zu - findet sie jemand. Ein lauter Schmerzensschrei aus dem vorderen Unterdeck. Ich bin gerade oben in unserem Arbeitsraum, bei Erwin und Cordula, aber der Schrei dringt durch die Öffnungen der Niedergänge zu uns herauf, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Augenblicklich bin ich unterwegs. In der Kantine war jemand vom nautischen Personal - die sind noch eher unten. Ich sehe sie nur noch von hinten.

Im Unterdeck kniet Pater Palmer vor einer der Tiefkühltruhen. Er hält mit schmerzverzerrtem Gesicht seine rechte Hand. "Da ist ja Säure drin!" ächzt er.

"Wo?" fragt Peer Elderman, der vor mir bei dem Pater angekommen ist. Dieser deutet auf die Tiefkühltruhe.

"Wo soll die denn herkommen?" frage ich. Mit beiden Händen will ich den Deckel anheben.

"Seien Sie vorsichtig, Herr Homberg!" warnt mich Elderman. Inzwischen tauchen weitere Mitglieder der Besatzung auf.

Die Tiefkühltruhe geht nicht auf, so sehr ich mich auch dagegen stemme. Ich studiere die Bedienelemente. "Ist das nicht eine der Tieftemperaturtruhen?" frage ich. Ich habe plötzlich eine Idee.

"War die etwa offen?" fragt Elderman den Pater. Der nickt.

"Merkwürdig. Die sollte nicht offen sein. - Herr Homberg, da ist die Verriegelung. Und Sie müssen auf das Entlüftungsventil drücken. - Ich glaube, er hat etwas da drinnen angefaßt! - Das soll wohl Verbrennungen geben. - Da kommt schon Doktor Morton."

Während der Pater zur medizinischen Versorgung gebracht wird, gelingt es mir, die Truhe zu öffnen.

Der Umgang mit flüssigem Stickstoff ist mir vertraut. Nur ein Blick auf die leicht bewegliche Oberfläche dieser Flüssigkeit, die ständig mit einer Nebelschicht Überdeckt ist, bringt mir alte Erinnerungen aus der Diplomarbeitszeit zurück.

"Also, wenn er da seine Hand reingesteckt hat, dann wundert es mich überhaupt nicht, daß er jetzt jammert." sage ich.

Peer Elderman guckt mir über die Schulter: "Da stimmt was nicht. Die ist ja fast randvoll! Das darf sie doch gar nicht."

Ich erinnere mich an die Lehrgänge in München. Die Tieftemperaturkühltruhen für die ganz langfristige Lagerung von Lebensmittel arbeiten bei -196 Grad. Da verändern sich Lebensmittel kaum noch - höchstens bei den Einfrier- und Auftauvorgängen, und das sollte ja nur einmal der Fall sein.

Wenn man diese Truhen an Land betreibt - wofür es an Land allerdings kaum einen Grund gibt, es sei denn, in entlegenen Forschungsstationen oder so, dann werden die Lebensmittel tatsächlich mit flüssigem Stickstoff überschichtet. Das hat den Vorteil, daß bei Ausfall der Stromversorgung der verdampfende Stickstoff die Lebensmittel noch lange Zeit kühlen kann. Bei großen Truhen wochenlang bis monatelang.

Allerdings muß man diese Truhen mit geschlossenem Deckel betreiben. Wenn man diesen zu häufig aufmacht, dann tendiert der Luftsauerstoff dazu, im flüssigen Stickstoff in Lösung zu gehen. Mit der Zeit würde der Sauerstoffanteil in der superkalten Flüssigkeit immer weiter steigen. Und flüssiger Sauerstoff ist ein sehr gefährlicher Stoff. Schon flüssige Luft fällt nicht ohne Grund unter das Sprengstoffgesetz, und flüssiger Sauerstoff natürlich erst recht.

Deshalb auch das Ventil im Deckel. Es muß Gas rauslassen, wenn der Stickstoff bei Stromausfall anfängt, zu verdampfen, aber es darf keine Luft reinlassen. So wird verhindert, daß sich Flüssigsauerstoff bildet.

Diese Truhen hier werden aber in einem U-Boot betrieben. Und da gelten andere Gesichtspunkte. Da möchte man auf keinen Fall eine Füllung mit flüssigem Stickstoff, gar eine solche bis zum Rand haben. Erstens ist das einiges an Gewicht, und zweitens kann es gefährlich werden, dann nämlich, wenn gerade etwas aus diesen Truhen entnommen wird, und das Boot ein plötzliches, heftiges Manöver macht. Ein paar Dutzend oder gar ein paar hundert Liter von flüssigem Stickstoff, die herausschwappen, könnten in der mechanischen Struktur des U-Bootes - in den Spantenscheiben oder gar in der Druckkörperwand - gewaltige Wärmespannungen erzeugen. Das kann in größeren Tiefen den Druckkörper sprengen.

Also macht man es anders. Diese Truhen werden, weil sie eben hier an Bord eines U-Bootes verwendet werden, nur bis minus 170 Grad betrieben - ohne Einlage von flüssigem Stickstoff. Es sind nur Lebensmittel drin und eben sehr kalte Luft. Das ist alles. Das macht auch Sinn: Ob -196 Grad, oder nur -170 Grad, das macht bei der Haltbarmachung der Lebensmittel wenig Unterschied. Und Strom ist, solange das Boot funktioniert, immer da. Auf diese Weise hat man nicht das Problem mit dem flüssigen Stickstoff.

Frage also - wo kommt plötzlich der flüssige Stickstoff her, wenn niemand ihn hineingetan hat? Oder - was heißt flüssiger Stickstoff - jetzt begreife ich:

"Elderman - das ist kein flüssiger Stickstoff! Sehen Sie hier - die Thermostateinstellung. Die ist ja am Anschlag! Das da ist in der letzten Zeit aus der Luft kondensiert! Das ist flüssige Luft!"

"Auweih!" sagt Elderman. Er hängt sich sofort ans Interkom und spricht mit der Zentrale. Dann wendet er sich wieder zu mir:

"Man hätte gleich alles überprüfen sollen! Wenn man die Frischlufterzeugung mitrechnet, dann weiß man, woher die Leckrate kommt! Die hat in der letzten Zeit mehr neue Frischluft erzeugt als alte erneuert. Jetzt haben sie's in der Zentrale rausgekriegt - der Computer ist also in Ordnung. Und das Boot auch."

"In Ordnung?" frage ich, "Wieso? Da sind offenbar 150 Kilogramm neuer Atemluft erzeugt wurden, weil die entsprechende Menge irgendwo verschwunden ist, nämlich hier, und es gibt keinen Alarm? Nicht mal einen Hinweis? Das nennen Sie 'in Ordnung'?"

"Wahrscheinlich" zuckt Elderman mit den Schultern, "geht man davon aus, daß das Boot unter Wasser Luft nur verlieren kann, wenn gleichzeitig Wasser eindringt - und das würde ja Alarm auslösen. An diesen Fall hat einfach niemand gedacht!"

"Jedenfalls," sagte ich, "kann ich meine Kollegen die frohe Nachricht bringen - die möchten vielleicht ins Bett und nicht die ganze Nacht vor dem Terminal verbringen!"

Und für mich selber denke ich: 'ScheißRechner'. Das Boot verliert 150 Kilogramm umlaufende Luft, und der Rechner weiß es, sagt aber nichts. Wenn da noch mehr solche gravierenden Fehler sind, dann brauchen wir gar keine Abenteuer mehr zu bestehen - dann machen wir uns alle Gefahren unterwegs selber!

"Nicht so schnell," sagt Elderman, "Wellington kommt gleich und möchte sich das ansehen. Wir müssen ja wissen, wie es gekommen ist!"

"Versehen. Denke ich." sage ich, "Jemand hat den Thermostat zu weit aufgedreht!"

"Wohl kaum." Die Stimme hinter mir gehört Wellington, der inzwischen angekommen ist. Er tritt an die Truhe heran und wirft einen Blick hinein. "Herr Palmer hat noch einige Dinge erzählt, während ihn unsere Frau Doktor behandelt hat."

Ich sage nichts, weil ich denke, daß Wellington schon damit herausrücken wird, was Palmer erzählt hat. Tut er auch:

"Die Truhe war teilweise geöffnet - einen Spalt weit. Gerade soweit, daß man nicht hineinsehen konnte. Palmer war aber gerade hier unten, um sich etwas zu essen zu holen. Er hat diese Truhe - völlig zu recht - als Lebensmitteltruhe erkannt und sie ganz aufgemacht."

"Wieso war diese Truhe einen Spalt weit auf?" wundert sich Elderman, "Das geht doch gar nicht. Entweder der Deckel liegt hinten an - so wie jetzt - oder er ist ganz zu. Er rastet nicht in einer Zwischenstellung ein. Kann er gar nicht."

"Es lag etwas dazwischen, auf der Kante."

"Was denn?"

"Palmer weiß es nicht mehr genau. Eine der tiefgefrorenen Lebensmittelpackungen. Die hat er wieder reingelegt. Dabei hat er sich ja auch die Hand verbrannt - er kannte ja flüssigen Stickstoff nicht."

"Herr Wellington, ich müßte drauf hinweisen - das ist kein flüssiger Stickstoff," sage ich, "Das da ist flüssige Luft!"

"Ich weiß. Ist mir völlig klar. Kondensiert. Seit fast zwei Stunden. Seit zwei Stunden muß die Truhe offen sein, und seit zwei Stunden hat sie Luft angesaugt, um sie zu verflüssigen. An den Kühlrippen und an den kalten Lebensmittelpaketen. Der Thermostat ist wahrscheinlich viel früher zu weit runtergedreht worden." Er bückt sich und dreht den Sollwert des Thermostaten wieder auf 170 Grad unter Null.

"Meinen Sie, daß das - Absicht ist?"

Wellington zuckt mit den Schultern. Er wendet sich an Elderman: "Wir müssen alle anderen Tieftemperaturtruhen überprüfen. Einfach Thermostat wieder richtig stellen und nicht aufmachen. - Diese hier lassen wir etwas offen, bis die verflüssigte Luft wieder verdampft ist."

"Nicht ungefährlich." sage ich.

"Weiß ich. Aber ich will die Suppe bis morgen weghaben. Und mit dem Tauchsieder reinzugehen würde ich auch nicht anraten."

"Na, das weiß ich nicht!" sage ich, "passen Sie mal auf!"

Ich trete auf die Truhe zu und greife blitzschnell mit der hohlen Hand hinein.

"Homberg, sind Sie wahnsinnig?" Wellington reißt die Augen auf.

Mit blitzschnellen Bewegungen wie beim Händewaschen zerstäube ich die Flüssigkeit in meiner Hand. Zischende Tropfen spritzen in alle Richtungen davon und hinterlassen kleine Kondensstreifen.

"Wenn man ganz schnell ist, passiert einem nichts. Sie wissen das: Eine Schicht aus verdampfender Flüssigluft. Isoliert hervorragend. Früher habe ich das meinen Studenten im Praktikum immer vorgeführt. Wer wollte, durfte es nachmachen. Die meisten waren dabei zu langsam und haben sich dabei die Finger verbrannt!"

"Tatsächlich?"

"Jaja. Keine Angst - ich weiß, was ich tue. Eine Zeitlang war Flüssigstickstoff sogar mein Lieblingsspielzeug - ich habe mir eine Fünf-Liter-Kryokanne im Institut 'entliehen' und habe damit im Studentenheim allerhand Schabernack angestellt."

"So?"

"Ja. Ich erinnere mich zum Beispiel - eines Tages habe ich eine gewöhnliche Thermoskanne für Kaffee damit gefüllt und bin in die Küche gegangen, die allen Studenten des Wohnheimes zur Verfügung stand. Von außen sah man der Thermoskanne ja nichts an. - In der Küche war gerade ein Mädchen mit ihrem Abwasch zugange. Sie beachtete mich zunächst nicht. Ich ließ heißes Wasser in eines der Spülbecken laufen, bis es randvoll war. Dann habe ich mit einem Schwung die ganze Thermoskanne - etwa einen Liter - in das Spülbecken hinein entlehrt. Das gibt sofort eine gewaltige Nebelwolke - man steht bis zur Hüfte drin und kann die eigenen Knie schon nicht mehr sehen. - Das Mädchen hat vielleicht entgeistert geguckt!"

"Ich hoffe, daß Sie nicht solche Spiele hier an Bord vorhaben!"

"Natürlich nicht. - Aber es hat sich damals eben so ergeben, daß ich mit diesem Stoff ziemlich vertraut wurde. Sogar Reinemachen kann man damit!"

"Wie das?"

"Indem man ein paar Liter mit einem Schwung über den Boden ausgießt. Schwemmt den Dreck an der gegenüberliegenden Wand an, verdampft folgenlos und läßt den Dreck zurück. Den kann man dann ganz leicht aufnehmen."

"Da haben Sie aber Glück gehabt, daß Sie nicht die Heizkörper gesprengt haben!" sagt Wellington.

"Habe ich mir später auch überlegt. Aber ein paar Liter in einem normalen Zimmer - das ist nicht sehr viel."

"Mmh." sagt Wellington, "Aber hiermit haben Sie nichts zu tun?"

"Nein."

Elderman taucht wieder auf: "Die anderen Truhen sind okay."

"Tatsächlich. Dann spricht das für ein Versehen. Für eine Schlamperei. Ich dachte, das wäre in meiner Mannschaft nicht möglich."

Elderman schluckt. "Es kann einer aus dem wissenschaftlichen Personal gewesen sein," sage ich schnell, zur Ehrenrettung der Nautischen, "die sind nicht alle mit der Technik gleich gut vertraut. Vielleicht war es sogar der Palmer selber. - Nur glaube ich nicht, daß man das durch direktes Befragen herauskriegen wird."

Wellington nickt. "Jedenfalls wird es von nun an zu den regelmäßigen Aufgaben der Wachhabenden gehören, auch diese Thermostaten nachzuprüfen. Ich würde ruhiger schlafen können, wenn wir diese Truhen an den Rechner anschließen könnten."

Da bin ich zwar überhaupt nicht seiner Meinung, aber ich sage nichts. Nicht-Informatiker haben manchmal einen solch festen Kinderglauben an Computer ...

Für diese Nacht ordnet Wellington noch an, diese Truhe regelmäßig zu inspizieren, bis all die flüssige Luft verdampft ist, und sie dann zu schließen. Außerdem soll jeder Wachhabende in seiner Wache jedes Deck wenigstens einmal begehen, um auf Auffälligkeiten zu achten. Den Zeitpunkt dieses Begehens soll man möglichst zufällig wählen. Dann zieht er sich zurück.

Ich habe den Eindruck, daß er sich durchaus nicht darüber klar ist, ob hier ein Versehen oder eine destruktive Absicht vorlag. Das kann ich verstehen. Ich weiß es auch nicht.

Als ich in Richtung meiner Kabine gehe, überlege ich, welche Absicht dahinter stecken könnte, wenn es eine vorsätzliche Handlung war. Um das Boot als Ganzes in Gefahr zu bringen, hätte es ja noch weiterer Zufälle bedurft, etwa einer heftigen Bewegung des ganzen Bootes. Oder jemand wirft Aktivkohle in die Flüssigluft - das hat auch sehr spektakuläre Resultate.

Aber ich kann irgendwie immer noch nicht glauben, daß jemand an Bord unser Unternehmen so sabotieren will, daß wir alle dabei in Gefahr sind, draufzugehen. Das würde für einen wahnsinnigen Fanatismus sprechen - viel mehr Fanatismus, als etwa dazu nötig ist, die Direktive q78q99q auszuführen.

Schon fast 23 Uhr. In der Kantine wartet Natalie auf mich. "Wo bleibst du denn?" fragt sie.

"Wir haben gerade das Schiff vor dem sicheren Untergang gerettet!" sage ich, "Warst du nicht eben auch unten?"

"Ich fand es langweilig." sagt sie.

"Mmh. Ich nicht. Ich finde den Rachen des Todes nie langweilig."

"Ihr übertreibt. Ich möchte ins Bett!" Sie steht auf und hängt sich mir um den Hals: "Ich möchte mit dir ins Bett! - Vergiß diese Kühltruhe!"

"Okay." sage ich, "Ich vergesse sie. Gleich!"

Als wir zusammen in ihrer Kabine sind und wieder anfangen, das Kunststück zu zelebrieren, uns in dem beengten Raum gleichzeitig auszuziehen, hat wahrscheinlich einer von uns etwas sagen wollen. Wir kommen nicht dazu. Plötzlich liegen wir uns in den Armen. Es dauert einen Moment, bis ich merke, daß Natalie mich nicht an sich herangezogen hat und bis Natalie merkt, daß ich ihr nicht so einfach um den Hals gefallen bin. Ich bin einfach umgefallen!

"Komisch - ich bin doch nicht betrunken!" sage ich.

"Das Boot liegt schief!" sagt Natalie.

"Das kann nicht sein!" sage ich.

"Doch. Sieh doch!"

Sie hat recht. Mein Gott, sie hat recht! Es sind bloß vier oder fünf Grad Schräglage, aber es sollte eigentlich Null sein. Das Boot liegt nicht mehr auf ebenem Kiel! Und langsam rotiert es weiter. Der SISC zeigt es. Zwei Außenansichten sind dabei, sich langsam zu verschieben - die Felsen auf der Steuerbordansicht driften nach oben, die auf der Backbordansicht nach unten.

Und wir haben unten im Boot eine offene Wanne mit 150 Litern noch nicht verdampfter Flüssigluft!


        ********        ********

        34.     U-Boot-Tango


Ich bin augenblicklich wieder draußen. Im Laufen ziehe ich mich ganz an. Den Niedergang runter ins Unterdeck. Warum ist denn kein Alarm? Wer hat eigentlich Wache? Ich glaube, die Gabi Gohlmann. Wellington müßte doch auch noch auf sein! Dem müßte das doch auffallen!

Als ich vor der Tieftemperaturtruhe stehe, hat das Boot eine Schlagseite von 7 Grad nach Steuerbord erreicht. Der Flüssigkeitsspiegel ist schief, aber es ist noch keine flüssige Luft über den Rand getreten. Ich mache den Deckel zu und verriegele ihn. Damit ist diese Gefahr erst einmal gebannt. Allerdings weiß ich nicht, was passiert, wenn das Überdruckventil im Deckel in die Flüssigluft eintaucht. Dazu allerdings müßte das Boot sich mindestens ganz auf die Seite legen.

Dann erreiche ich über den zentralen Niedergang die Zentrale. Ich erwarte, mindestens die Gabi zu sehen, weil sie ja noch Wache hat.

Außer Gabi sind aber noch Wellington, Amerlingen und Fahlenbeek da. Sie sehen konzentriert auf ihre Bildschirme. Und sie sehen keineswegs glücklich aus. Gabi und Amerlingen sitzen nebeneinander vor zwei Bildschirmen, Wellington und Fahlenbeek stehen dahinter.

"Haben Sie eine Idee, was da los ist?" fragt Wellington, als ich reinstürze.

"Ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Ich hatte eben genug damit zu tun, die Truhe da unten zuzumachen!"

"Glänzende Idee. Wir haben es gesehen." Er deutet mit einem Nicken auf einen anderen Bildschirm, der einen Blick ins vordere Unterdeck zeigt.

"Ich dachte schon, ich hätte eben das Schiff gerettet. Es wäre also jemand runtergekommen, wenn ich es nicht getan hätte?"

"Genau. Die Möglichkeit, das Schiff zu retten, haben Sie aber immer noch - wir wissen nicht, was da los ist!"

Inzwischen ist die Schlagseite wieder auf etwa 4 Grad gesunken. Das ist fast vernachlässigbar. Und die ganze Zeit waren die Bewegungen des Bootes sehr sanft

"Was ist denn eigentlich los?" frage ich.

"Das Boot hat sich selbständig gemacht! Sehen Sie her!" Amerlingen zeigt auf einen der Bildschirme.

Weil ich selbst keine eigenen Erfahrungen mit der Schiffssteuerung habe - ich darf das ja nicht - sehe ich nicht auf den ersten Blick, was los ist. Amerlingen weiß das und erklärt:

"Dieses ist das Bildschirmlayout für manuelle Steuerungen. Auf dem Fenster hier ist die Außenansicht nach vorne abgebildet. Die feinen grünen Linien umschreiben einen unregelmäßigen Vielflächner, der mit Sicherheit in die Höhle vor uns hineinpaßt. Dieser Vielflächner ist vom Schiffsrechner ausgerechnet worden und wird ständig aktualisiert - innerhalb dieses Vielflächners gibt es mit Sicherheit nur Wasser."

"Dieser Vielflächner stellt also die beste Approximation der Höhlengeometrie dar, die der Rechner erkannt hat?" frage ich.

"Genau so ist es. Aus den Echomessungen, aus den Radarmessungen und so weiter. - Sie sehen, daß sich das Boot seitlich bewegt und dabei ist, nach vorne Fahrt aufzunehmen. Diese Linie da ist das, was man in Flugzeugen einen 'künstlichen Horizont' nennen würde."

"Kenne ich," sage ich, "jahrelang Flugsimulator gespielt."

Natalie hat jetzt auch die Zentrale betreten und sieht uns zu. Niemand nimmt von ihr Notiz.

"Es ist praktisch genau dasselbe. Ein exakter künstlicher Horizont. Und das feine rote Kreuz hier zeigt die momentane Richtung der Symmetrieachse des Bootes. Auch die Schlagseite kann man erkennen. Im Moment ist das Boot wieder dabei, auf ebenem Kiel zu gelangen. Das Kreuz ist dabei, auf dem künstlichen Horizont aufzusitzen. Sieht man ja deutlich. - Der Punkt mit dem Kringel drumrum ist die Richtung des momentanen Geschwindigkeitsvektors. Sie sehen, daß der gerade auf das Kreuz zuwandert - so, wie es also aussieht, werden wir uns in Kürze in Richtung unserer Symmetrieachse bewegen. - Da unter dem Fenster sind dann einige zahlenmäßige Angaben - momentane Geschwindigkeit und so weiter."

"Sieht einfach aus. Und wie steuert man es?"

"Wenn man es manuell macht, mit diesem Trackball. Man kann auch auf den Trackball in dieser Armlehne schalten - was einem eben mehr liegt."

"Ach so. verstehe. Wie in den alten Airbussen."

"Ja."

"Und Sie haben eben das Boot schief gelegt?"

Amerlingen greift auf einen der Trackbälle: "Passen Sie mal auf!"

Kaum, daß er den Trackball berührt, springt mitten auf dem Bildschirm eine Mitteilungsbox auf:


        SUPERVISOR CONTROLLED MANEUVER

        CONTROLS INACTIVE NEXT 7 MINUTES

        PLEASE WAIT

"Was heißt das?" frage ich.

"Sehen Sie doch. Das Schiff steuert sich selbst!"

"Aber das - Ich denke, dazu sollte es auch in der Lage sein!"

"Wir haben es nicht veranlaßt. Es hat von selber angefangen. Aus der Ruheposition heraus. Ohne jede Vorwarnung!"

Die Box ist wieder verschwunden. Die Geschwindigkeit nimmt ab.

"Macht das Manöver denn Sinn?" frage ich, "Was macht das Boot denn eigentlich?"

"Es hat seinen Standort um nur wenige hundert Meter verändert!"

Ich sehe von einem zum anderen. Wellington räuspert sich:

"Ich sage es eigentlich ungern, aber unsere Informatik-Spezialisten sollten dem sofort nachgehen."

"Der Erwin - ich meine, der Herr Daum - hat doch sowieso Wache. Aber er ist nicht dazu gekommen, sich vorher hinzulegen. Und die Kollegin Rau ist wahrscheinlich auch sehr erschöpft. Die haben beide heute schon eine ganze Menge Extra-Arbeit eingeschoben. Hat das nicht Zeit?"

"Herr Homberg, sehen Sie nicht, was da passiert? Das Boot hat, zeitweilig und von sich aus, das Kommando übernommen und ein selbständiges Manöver gemacht! Ich als Kapitän des Bootes sollte von solchen Fähigkeiten meines Schiffes etwas wissen! Ich weiß nichts davon! Und ich weiß nicht, was noch passiert! - Sie könnten übrigens auch mitarbeiten."

Ich spüre Natalies enttäuschten Blick im Genick.

"Wenn wir müde sind, dann erreichen wir in acht Stunden entfernt nicht so viel wie in einer wachen Stunde!"

"Das Problem drängt! Verstehen Sie das nicht?"

Ich schüttle den Kopf: "Diese Dialogbox da eben hat gesagt, daß das Manöver in wenigen Minuten zu Ende ist. Dann haben wir doch erst einmal wieder Ruhe, oder?"

"Vielleicht - vielleicht auch nicht. Finden Sie wenigstens heraus, was der Grund sein könnte, daß das Boot seine Position dort aufgegeben hatte. Ich möchte es so."

Kapitän ist Kapitän. Ich drehe mich um: "Ich muß die Kollegin Rau wecken. Vielleicht ist sie noch nicht einmal eingeschlafen."

"Das können Sie auch von hier aus. Und Sie," Wellington sieht Natalie an, "Sie können schlafen gehen."

Natalie bleibt aus Solidarität aber erst einmal da. Als deutlich wird, daß wir nach Ablauf der angekündigten Zeitspanne tatsächlich wieder Verfügungsgewalt über das Boot haben, verziehen sich Wellington und Ammerlingen. Fahlenbeek bleibt da, Erwin taucht pünktlich um Mitternacht auf, um seine Wache anzutreten, Gabi tritt ab, Natalie kauert sich in einem der Sessel zusammen, und als die Cordula verschlafen und zerknautscht auftaucht, wird die Stimmung fast frostig. Allerdings richtet sich ihr Ärger nicht gegen mich.

Das Boot liegt wieder bewegungslos, nur ein paar hundert Meter von dem Ort entfernt, wo es vor knapp fünf Stunden positioniert wurde. Fahlenbeek findet rasch heraus, daß kleine PositionsÄnderungen - einen Meter vor oder zurück - möglich sind, so wie immer. Die Steuerung verhält sich normal. Warum also hat sich das Boot zeitweise selbständig gemacht?

"Ganze Menge passiert, seit dem Abendessen!" sage ich, "Erst der SISC-Vorfall, und dann der Wassereinbruch, der keiner war."

Erwin schüttelt den Kopf: "Ich sehe auch überhaupt nicht, wie wir da weiterkommen sollen - diese Sache müßte jetzt Spuren hinterlassen haben. Sonst haben wir überhaupt keine Chance. In diesem Rechner geht so viel vor sich, was niemand weiß!"

"Vielleicht hat das Boot einfach Angst gehabt, an einer bestimmten Stelle!" läßt Natalie sich aus ihrem Sessel vernehmen. Sie gähnt, und Cordula guckt schon wieder mißbilligend. Diese unsachlichen Äußerungen - schon gar von Natalie - mag sie nicht.

"Am besten," sage ich, "durchforsten wir einfach mal alle Aufzeichnungen. Was ist da hinten anders gewesen als dort, wo wir jetzt sind? - Die beiden Orte sind ja nicht weit voneinander entfernt. Wenn trotzdem irgend etwas anders ist, dann könnte es daran liegen! - Tja, tut mir leid. Das artet in eine reine FleißArbeit aus. Aber es ist immer noch einfacher, als das Stück Software aufzuspüren, was sich da selbständig gemacht hat!"

So machen wir's. Außenaufnahmen vergleichen, Echoaufzeichnungen vergleichen, Radaraufzeichnungen vergleichen, die dreidimensionalen Kartenstücke dieser Gegend ansehen. Und die ganze Zeit die Erwartungshaltung: Fängt das Boot vielleicht wieder damit an?

Wir finden nichts Schlüssiges. Und das Boot liegt ruhig, als ob es nie Ungehorsam gezeigt hätte.

Als es zwei Uhr wird, sage ich: "Es hat keinen Zweck. Wir erreichen mehr, wenn wir morgen wach sind."

"Ich habe jetzt sowieso Wache!" sagt Erwin. Fahlenbeek überlegt.

"Vorschlag zur Güte, Zwei WO!" sage ich, "Wir fahren zurück. Dahin, wo sich das Boot selbständig gemacht hat. Mal sehen, ob es das wieder tut! - Oder wir gehen gleich ins Bett!"

Fahlenbeek überlegt noch einen Moment. "Gut." sagt er. Mit ein paar Griffen ruft er auf seiner Konsole das Steuerungsprogramm auf. Endlich geschieht wieder etwas!

Ein paar Minuten später sind wir wieder unterwegs. Langsam und sachte, rechnergestützt gedämpfte Manöver - nicht einmal Wellington soll merken, daß sich sein Schiff wieder bewegt. Um 2:25 Uhr haben wir die alte Position wieder eingenommen. Das Schiff wird wieder positioniert.

Wir sehen uns, müde wie wir sind, die Felswände rundherum an. Dieser Höhlenraum unterscheidet sich in nichts von vielen anderen, durch die wir gekommen sind.

"Tja, ich - das war's dann wohl, denke ich." sage ich, "Cordula! Ab in die Falle!"

Cordula sieht Fahlenbeek an - sie weiß schon, daß ich nicht befugt bin, sie zu entlassen. Der aber nickt.

Natalie ist auf ihrem Sitz eingeschlafen. Das wird gleich etwas schwierig werden, sie soweit zu wecken, daß sie in ihre Kabine gehen kann.

"Ich mache noch eine aufintegrierende Echolotmessung!" sagt Erwin, kaum daß Cordula raus ist.

"Wozu soll das gut sein?" frage ich.

"Damit wir sicher sind, daß wir wirklich wieder genau an derselben Stelle sind, wo das Boot heute abend - das heißt, gestern abend - positioniert wurde."

"Da können Sie sicher sein," sagt Fahlenbeek, "schon die Trägheitsnavigation stellt das sicher."

"Naja, trotzdem - ich möchte es mal sehen. Außerdem ist das so interessant, wenn sich das Bild life entwickelt!"

Diesen Zug, den Hang zur rechnererzeugten GrafikÄsthetik, habe ich an Erwin noch nie beobachtet. Aber er hat natürlich recht: Wenn der Rechner fortlaufende Echolotmessungen zu einem Bild immer größerer Genauigkeit integriert, dann hat die Entstehung der dreidimensionalen Detailzeichnung etwas Faszinierendes an sich. Wie auf einen Zauberspruch hin bilden sich auf dem Bildschirm Schleier, die in die wirklichen Formen der Höhle kondensieren.

Erwin kennt das Programm inzwischen schon gut. Mit ein paar geschickten Handgriffen hat er die Messung in die Wege geleitet. Fahlenbeek und ich stehen hinter seinem Sessel und sehen dem in Entstehung begriffenen Bild zu. Erwin dreht und wendet es, um es von allen Seiten zu betrachten.

Plötzlich fällt mir etwas auf:

"Erwin! Laß es mal in Seitenansicht stehen! - Ja, so. Siehst du es?"

Erwin beugt sich vor: "Da über der Höhle?"

"Ja! - kriegen wir das noch besser?"

"Die Messung läuft ja noch!"

Gebannt starren wir auf den Schirm. Über der unregelmäßigen, durchbrochenen Blase, die das dreidimensionale Abbild dieser Höhle darstellt, schwebt ein Schleier. Ein kupelförmiger Schleier.

Ein fast durchgehender Schleier, einige Meter tief im Fels drin!

"Wenn es das ist, was ich glaube, daß es das ist, dann machen wir uns am besten so schnell wie möglich wieder fort!" sagt Fahlenbeek langsam.

"Ein Spalt?" fragt Erwin, "Es ist ein sehr schwaches Signal."

"Ja. Es muß ein Spalt sein. Die Schallwellen müssen da durch eine ganze Menge Fels durch!- Aber es sieht so aus, als ob der sich über die ganze Höhlendecke erstreckt! - Eine meterdicke Schicht! Und die kann jede Sekunde runterkommen!"

"Wieso denn? Wieso denn gerade jetzt? Die Höhle ist doch schon Jahrmillionen Jahre alt! Außerdem ist es ja vielleicht gar kein Spalt." wendet Erwin ein.

"Jedenfalls ist es etwas, was eine akustische Diskontinuität bedeutet - und das heißt, es ist in irgendeiner Hinsicht eine mechanische Diskontinuität." meint Fahlenbeek.

"Aber trotzdem. Diese Felsen hängen da schon so lange! Warum sollen sie gerade jetzt ..."

"Ist doch klar!" sage ich, "Seht ihr das nicht! Die Wärmeerzeugung der CHARMION! Wir machen doch ständig ein paar hundert Kilowatt Wärme! Das warme Wasser steigt von den Wärmeaustauschern auf und sammelt sich in der Kuppel. Die hat hier zwar einen größten Durchmesser von über 90 Metern, aber schon in der Breite ist es viel weniger, und in der Tiefe sind es zehn bis zwölf Meter. Das ist eine Wassermenge, die wir schon deutlich genug erwärmen können, wenn wir länger hierbleiben. - Und das könnte Wärmespannungen in der Felsdecke geben!"

"Stimmt!" sagt Fahlenbeek, "Stimmt genau."

Ich fahre fort: "Genug Wärme, um die Höhlendecke anzuheizen - es stimmt, Erwin: Diese Felsen mögen da seit Jahrmillionen hängen, und vielleicht hängen sie noch einmal so lange da. Aber wenn wir sie jetzt so heizen, dann können wir sie damit herausbrechen."

"Und wir sind genau drunter!" Jetzt versteht Erwin.

Ich sehe Fahlenbeek an: "Nichts wie weg!" Er nickt und setzt sich ohne Umstände wieder an die Steuerung.

Nach ein paar Minuten haben wir den Höhlenraum verlassen. Erst dann wage ich, weiter zu reden - als ob vorher unsere Stimmen ausgereicht hätten, die Felsdecke zum Einsturz zu bringen!

"Jetzt wissen wir wenigstens etwas. Nämlich, warum es angeraten ist, sich an dem Platz nicht aufzuhalten - jedenfalls nicht mit einem U-Boot, das soviel Abwärme erzeugt wie wir."

"Denn hat das - also das, was unser Boot übernommen hat - uns ja das Leben geretten! Vielleicht wenigstens."

"Ja. Hat es. - Aber was war es?"

Bevor wir uns wirklich zum Schlafen zurückziehen können, macht Erwin hier noch einmal ganz genau die gleiche Messung. Tatsächlich: an unserer neuen Position droht uns keine Felsdecke zu erschlagen.

Fahlenbeek hat so Gelegenheit, vor dem Schlafengehen noch einen interessanten Eintrag mit dem LOGEDITOR zu machen.

Und wir haben Gelegenheit, uns zu überlegen, welche Instanz da eine schützende Hand über die CHARMION und jede lebende Seele an Bord gehalten hat.


        ********        ********

        35.     Die Suche nach dem Dämonenprogramm


Am nächsten Morgen - schon lange ist der 17. Januar, ein Sonntag, und es ist der vierte ganze Tag unseres Unternehmens - gibt es natürlich eine Unterredung mit dem Alten. Daß das Boot ohne seine Erlaubnis bewegt wurde, paßt ihm gar nicht. Andererseits ist die Entdeckung, daß sich das Boot bei seiner selbständigen Aktion aus einer Gefahrenzone, die bis dahin noch niemandem als solche aufgefallen ist, herausbewegt hat, höchst interessant.

Trotzdem möchte er natürlich wissen, warum der Rechner sich solcherart selbständig gemacht hat. Cordula, Erwin und ich sind also für den Rest auch dieses Tages mit Arbeit eingedeckt.

Die CHARMION selbst hat natürlich mit Beginn der normalen Arbeitszeit ihren Suchweg fortgesetzt. Da das Vorgehen aber nach wie vor das übliche ist - Abfahren immer neuer, immer tieferer Abzweigungen des Höhlenlabyrinths - und da auf den Bildschirmen immer wieder und unaufhörlich das Bild vorbeiziehender Felswände, immer wieder anders, aber doch immer bloß Felsen und nichts als Felsen, zu sehen ist, werden wir wenig abgelenkt. Ebenso unterbricht uns Amurdarjew nicht, der auch in unserem Labor sitzt und mit seinen geologischen Beobachtungen beschäftigt ist. Andere kommen nur gelegentlich aus der Kantine zu uns hoch, und ab und zu schaut jemand durch das Schott zum zentralen Niedergang zu uns herein.

Manchmal dringen lautere Stimmen aus der Kantine zu uns rauf. Einige von den Nautischen scheinen dort Karten zu spielen, aber ich kann nicht erkennen, wer es ist. Wie gut, daß unter normalen Umständen Alkohol an Bord nicht verfügbar ist, denke ich, denn sonst würde es uns bald zu laut werden.

Das erste, was wir machen, ist, daß wir uns noch einmal die Aufzeichnungen vornehmen, die vor unserer Entdeckung gemacht worden sind. Jetzt, wo wir wissen, was wir suchen, ist es natürlich ein leichtes, die Echolotreliefs des Spaltes in der Höhlendecke zu erkennen, auch wenn Erwins akumulierende Messungen später wesentlich bessere Bilder geliefert haben. Hier ging es also mit rechten Dingen zu.

Das waren aber auch schon alle schnellen Erfolgserlebnisse. Das Programm, das von sich aus die Initiative ergriffen hat, finden wir nicht. Wir haben es um 12 Uhr nicht gefunden, als die CHARMION schon 100 Meter tiefer als 5000 Meter ist, und wir haben es um 17 Uhr nicht gefunden, als wir die 6000 Meter passieren. In Anbetracht der Tatsache, daß Sonntag ist, geben wir die intensive Suche auf.

Nichtsdestoweniger haben wir an diesem Tag eine Menge gelernt. Langsam steigen wir weiter in die Softwarestruktur des Bordrechners der CHARMION ein.

Ein so großes System mit zahllosen Prozessoren, immensen Ressourcen von Speicher und Hintergrundspeicher und allen möglichen Schnittstellen zu den technischen Einrichtungen des Schiffes ist nicht einfach nur eine besonders große PRO-UNIX-Installation. Es sind nicht einfach besonders viele Prozesse, die hier mehr oder weniger unabhängig voneinander laufen. Technisch hat jedes Gerät mit jedem anderen zu tun, und da können die Prozesse auch nicht unabhängig sein. Andererseits muß dafür gesorgt werden, daß nicht ein Programm, das sich ungebührlich verhält, das gesamte System zum Stillstand bringt.

Die schon vor zehn Jahren weit verbreitete 'Client - Server' Architektur wird fast durchgehend verwendet. 'Clients', das heißt 'Kunde', sind diejenigen Programme, die etwas sinnvolles tun, und die 'Server' sind die Programme, die Geräte verwalten - 'Server' heißt also gewissermaßen 'Dienstmädchen'. Für eine der Bildschirm-Konsolen mit ihrer Tastatur und ihren Trackbällen gibt es genau so einen Server wie für die Energiewandler oder den Reaktor. Es gibt Server für die Klimaanlage genauso wie für jeden Temperatursensor, Server für die Vortriebsmaschinen wie für die Trägheitsnavigation.

Eine frühe Analogie zu 'Server' ist das Treiberprogramm für ein bestimmtes Gerät, und ein Treiber war begrifflich Teil des Betriebssystems. Der 'Server' ist aber der umfassendere Begriff. Ein Server gehört nicht mehr im eigentlichen Sinne zum Betriebssystem, ja, er braucht nicht einmal auf demselben Rechner zu laufen, von dem ein Client etwas will.

Natürlich ist die Trennung zwischen Server und Client nicht strikt. Der Prozeß zum Beispiel, der den Client darstellt, der die Server für die einzelnen SISCs in Anspruch nimmt, ist selbst wieder Server für andere Clients, die zum Beispiel etwas auf die SISCs schreiben wollen. Und das ist nur ein einfaches Beispiel. Es gibt 'Server-Client-Network-Editors', das sind Editoren, mit denen man bestehende Anwendungen zu neuen verknüpfen kann. Wenn zum Beispiel jemand auf die Idee käme, daß jeder SISC den Füllungsgrad eines bestimmten Kühlschranks ständig anzeigen sollte, dann braucht man dazu kein neues Programm zu schreiben. Es werden einfach Kühlschrankserver mit dem SISC-Server in geeigneter Weise verknüpft. Daraus entsteht dann ein neuer Server, der als Client den Befehl von einer Tastatur auffaßt und daraufhin mit der gewünschten Arbeit beginnt - ja, auch der dumme Anwender wie unsereins, der vor seinem Terminal hockt, ist ein Client, oder auch ein Server, je nach Gesichtspunkt.

Die Arbeit mit diesen Server-Client-Network-Editoren entspricht dem Schreiben von Kommandoprozeduren in den alten UNIX-Systemen. PRO-UNIX hat aber sehr viel mehr Möglichkeiten. Und was das System nun wirklich macht, das kann man durchaus nicht immer erkennen, wenn man sich bloß eine Liste der Prozesse ansieht, die auf dem System laufen - denen sieht man nämlich die Interprozeß-Kommunikationskanäle, die diese Prozesse zu Server-Clients-Networks zusammenlegen, nicht an.

Um sich diese Kanäle anzusehen, muß man den Server-Client-Network-Editor nehmen. Aber sehr hilfreich ist das auch nicht, weil erstens diese Kommunikationsnetze sehr umfangreich sind, so daß man sie sowieso nicht überblicken kann, und zweitens ist die Zuordnung zwischen Servern und Prozessen entweder nicht sichtbar, oder, wenn man sich diese Zuordnung doch anzeigen läßt, dann wird das Netz absolut unlesbar.

Manchmal denke ich, daß wir in der Informatik auf einen Zustand hinmarschieren, wie er im Prinzip auch in der Neuroinformatik erreichbar ist: Man kann sich das semantische Netz eines Bewußtseins kartographieren und aufzeichnen lassen - aber was diese Millionen von vernetzten Knoten nun bedeuten, das kann man nicht erkennen. Das kann nur das betreffende Bewußtsein selbst. Und sind wir nicht bei den Systemen der CHARMION soweit? Die bloße Anzahl der identifizierbaren Vorgänge in den Bordrechnern erreicht einige Millionen. Der Komplexitätsgrad eines Bewußtseins ist damit schon erreicht. Welche Erscheinungen sind noch möglich, unter diesen Umständen?

Und sind die Rechner an Bord der CHARMION wirklich nur als größere, komplexere Ausgabe kleinerer Computer aufzufassen? Was haben diese Rechner mit meinem alten APPLE ][ gemeinsam, auf den ich vor 18 Jahren so stolz war, Besitzer eines eigenen 'Rechenzentrums', wie mein Vorgesetzter damals zu diesem ungewöhnlichen Hobby sagte? Fünf Jahre später war dieses Hobby schon nicht mehr ungewöhnlich, aber auch da standen viele Hobbyisten immer noch mit jedem Byte ihres Betriebssystems auf 'du', egal, ob es sich nun um einen Z-80, um einen PET, um einen APPLE ][ oder um einen MS-DOS-Rechner handelte.

In den Rechnern der CHARMION jedes Byte persönlich zu kennen ist nicht mehr möglich. Solange lebt kein Informatiker. Wir haben hier, unter unseren Fingern auf den Tastaturen, das Ergebnis von Zehntausenden von Arbeitsjahren. - Außer, daß in ein Byte acht Bit hineinpassen, gibt es kaum noch etwas, was wirklich sicher ist.

Für Philosophie haben wir natürlich jetzt keine Zeit. Was wir also an diesem Tag versucht haben, ist, herauszufinden, welcher Prozeß sich in seiner Rolle als ein Client an die Außenbeobachtung gewandt hat, welcher Prozeß die Echolotungen gelesen hat, und welcher Prozeß bald darauf die Verbindung des Servers für manuelle Steuerung des Schiffes zeitweise gelöst und selber in die Steuerung des Schiffes eingegriffen hat.

Und wir haben es nicht herausgefunden.

An diesem Abend des 17. Januar sind wir alle erschöpft und müde. Zurückgewiesen durch die Komplexität des Systems. Reduziert auf den Informatikanfänger, der auf den Bildschirmen Icons von Fenstern unterscheiden kann, aber nicht viel mehr.

Zu dem Ganzen kommt noch, daß uns ein Teil des Systems gar nicht zugänglich ist - es wird immer sicherer, daß es einen super-super-user mit Namen 'ROOT' gibt. Unter diesen Umständen im System herum zu diagnostizieren ist genauso, als ob man in einem Konversationslexikon etwas nachschlagen will und bei bestimmten Seiten immer das Licht ausgeht.

Ein nur kleiner Trost ist es, daß das System in der letzten Nacht zu unseren Gunsten eingegriffen hat.

Daß wir hingegen jetzt in einer Tiefe sind, wo einbrechendes Wasser bereits die Schallgeschwindigkeit überschreiten würde - um 17:30 wurde das Schiff in 6050 Meter Tiefe fest positioniert - macht mir viel weniger Sorgen. Gute, alte Hardware! Ich habe Vertrauen zu unserer hochlegierten Titanstahlhülle, auch wenn die Werft uns für diese Tiefe das Vertrauen nicht mehr schriftlich gegeben hat. Bis auf die Zahlen auf dem SISC hat sich durch den Außendruck nichts geändert.

Amurdarjew erzählt beim Abendessen, daß er neue Artefakte gefunden zu haben glaubt. Wieder von der Art eines Kais - in einem Falle war es eine Art Einfassungsmauer, die in einer Höhle, die wir passierten, das Wasser bei teilweiser Füllung der Höhle davon abgehalten hätte, in einer engen Seitenhöhle zu verschwinden. Allerdings war diese Mauer stark angeschlagen, so daß auch eine zufällige Steinform immer noch im Bereich des Möglichen lag. Neue Erkenntnisse gab es aus dieser Richtung also nicht.

Dafür hat er neue MeßErgebnisse bezüglich der Gravitationsfeldstärke mit zunehmender Tiefe. Ich kenne das Prinzip schon - jeder Physikstudent muß als Übungsaufgabe ausrechnen, wie sich die Gravitationsfeldstärke bei Eindringen in eine homogene Kugel ändert, wenn im ersten Semester das Gravitationsgesetz drankommt - aber den anderen muß Amurdarjew erst einmal erklären, worum es geht:

Wenn die Erdkugel überall dieselbe Dichte hätte - das wären etwa 5500 Kilogramm pro Kubikmeter - dann würde die Gravitation proportional zum Abstand vom Erdmittelpunkt abnehmen, wenn man sich auf diesen zubewegt. Das liegt daran, daß sich erstens die Beiträge zur Gravitationsanziehung aller Teile des Erdkörpers, die weiter vom Erdmittelpunkt entfernt sind als man selbst, zu Null wegmitteln, und daß die Kugel, die die lokal wirksame Gravitation erzeugt, nämlich die Kugel mit dem Radius, der dem eigenen Abstand vom Erdmittelpunkt entspricht, eine Masse proportional zur dritten Potenz dieses Abstandes hat. Dann kann man schon im Kopf ausrechnen, was passiert: Die Gravitation nimmt umgekehrt quadratisch zum Abstand vom Erdmittelpunkt zu - sagt das Gravitationsgesetz - und kubisch zum Abstand vom Erdmittelpunkt ab - weil die wirksame Masse ja kubisch abnimmt. Unterm Strich bleibt also eine Proportionalität zum Abstand vom Erdmittelpunkt.

Da wir uns jetzt etwa dem Erdmittelpunkt um ein Tausendstel des Erdradius genähert haben, würde nach diesem Modell unser Gewicht um ein Promille abgenommen haben - viel zuwenig, um es zu bemerken. Aber es ist ja auch nicht so, denn die Wirklichkeit ist etwas komplizierter.

Die Dichte des Erdkörpers ist in der oberen Schichten vergleichsweise gering und nimmt im Zentrum stark zu. Das liegt daran, daß erstens alle schwereren Materialien im Laufe der Entstehung der Erde dazu tendierten, sich mehr im Erdkern anzusammeln, und außerdem durch den dortigen hohen Druck alle Materialien eine höhere Dichte haben. Deshalb hat man, wenn man sich dem Erdmittelpunkt nähert, immer noch einen größeren Anteil der Erdmasse unter sich als es der dritten Potenz des Verhältnisses von Erdradius und eigenem Abstand vom Erdmittelpunkt entspricht. Dieser Effekt sorgt dafür, daß man in den oberen 3000 Kilometern sogar mit einem Ansteigen der Schwerkraft zu rechnen hat, wenn man weiter in die Tiefe vorrückt. Nach gängigen Modellen sollte die maximale Erdbeschleunigung 3000 Kilometer unter der Erdoberfläche etwa 8 Prozent größer sein als an der Erdoberfläche. Erst dann nimmt sie wieder ab, um im Erdmittelpunkt - natürlich - Null zu erreichen.

Im Moment sind wir also alle etwas schwerer als in Ullapool - ein zehntausendstel etwa. Das kann man messen, aber man kann es nicht spüren.

Interessanter, sagt Amurdarjew, ist etwas anderes: Die Auswirkungen der Welthöhle auf die Gravitation an unserem derzeitigen Aufenthaltsort. Schließlich müßte man erwarten, daß das Fehlen von Kubikkilometern von Gesteinsmaterial einen Einfluß auf die lokale Gravitationsfeldstärke hat. Der ist zwar sehr gering, aber immer noch innerhalb der Meßbarkeit der Geräte, die wir an Bord haben.

Er hat aber nichts dergleichen gefunden. Vom Gravitationsstandpunkt, sagt er, existiert die Welthöhle gar nicht.

Andererseits sei es ja möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, daß die Welthöhle überall von schwererem Gestein umgeben sei. Ein besonderes Gestein müsse es ja sein, denn sonst könnte man sich die Stabilität solch riesiger Höhlen kaum erklären.

An diesem Abend ist es, bis auf Amurdarjews Erklärungen, die auch von den anderen Tischen verfolgt werden, relativ still in der Kantine. Liegt das daran, daß das Wochenende für die meisten ohne großartige Freizeitaktivitäten vergangen ist? Wer nichts zu tun hatte, konnte sich Filme ansehen oder lesen oder Computerspiele benutzen. Darüber hinaus gibt es hier wenig Möglichkeiten.

An diesem Abend bin ich so fertig, daß ich in meiner eigenen Kabine für mich alleine schlafen möchte. Ich achte nicht einmal richtig drauf, was Natalie dazu meint - ich habe sie sowieso den ganzen Tag kaum gesehen. Sie hat ja gesehen, daß wir zu tun hatten. Hoffe ich.

Am anderen Morgen, dem 18. Januar 1999, einem Montag, geht es pünktlich weiter. Das Boot beginnt mit Beginn der Tageswache mit weiteren Manövern, und wir sitzen wieder vor unseren Terminals. Vielleicht sind wir etwas wacher als gestern, aber deshalb sehen wir noch lange nicht klarer.

Vorher noch werfe ich einen Blick auf die Tieftemperaturtruhe im Unterdeck und stelle fest, daß noch nicht allzuviel von der flüssigen Luft verdampft ist. Solange der Deckel zu ist - und das sollte er wohl aus Sicherheitsgründen auch bleiben - geht das Verdampfen langsam. Beim Frühstück haben wir die verbundene Hand des Paters gesehen, aber der hat uns erzählt, daß die Schmerzen aufgehört haben. Da er die Hand sehr schnell wieder zurückgezogen hat, waren die Gewebezerstörungen nur oberflächlich.

Er hat Glück gehabt, denke ich, aber ich sage es ihm nicht. Was wäre gewesen, wenn er in seiner Unkenntnis der Kryotechnik und des Aussehens von verflüssigter Luft auf den plötzlichen Schmerz so reagiert hätte, daß er die Hand erst recht tief in das vermeintliche Wasser getaucht hätte? Eine mögliche, plausible Fehlentscheidung - ob ein Unfall dieser Art jemals irgendwo vorgekommen ist?

Bis zum Mittag gibt es nichts Neues. Das Boot ist weit nach Norden ausgewichen, um einer sehr engen Höhlenkette folgen zu können, und hat eine Tiefe von 6400 Metern erreicht. Ich denke daran, daß wir schon viel tiefer sind als die Orte unserer ersten Erlebnisse in der Welthöhle vor drei Jahren: Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir in dieser Tiefe bereits unseren ersten Saurier gesehen, den Kampf mit diesem kleinen, gefräßigen Tier bestanden und waren dabei, auf einer Hängenden Straße weiter nach unten vorzudringen. Wir befanden uns auch mitten in der Schicht der leuchtenden Wolken.

Beim Mittagessen fragt mich Natalie, ob ich ihr beim Programmieren helfen kann.

"Beim Programmieren? Was programmierst du denn?" frage ich verwundert. Auch Erwin und Cordula horchen auf.

Natalie wollte etwas mehr über das wissen, was ich oder was wir machen. Mit dem System kann sie soweit umgehen wie fast jeder andere hier auch, aber auf unseren Lehrgängen in München wurde natürlich nicht auf die Software-Herstellung selbst eingegangen.

"Du hast doch gesagt, daß du in deinem Studium einen Computer verwendet hast?" frage ich zurück.

"Ja. Zum Schreiben und zum Zeichnen. Programmiert habe ich nie. - Ich will's nur mal wissen, wie das ist!"

Diplomatisch erläutern wir ihr, daß wir im Moment keine langen Lehrgänge machen können, weil wir ja mit anderen Aufgaben eingedeckt sind. Aber kurze Fragen - natürlich. Jederzeit. Jeder von uns wird da kollegial helfen können.

Als wir nach dem Essen wieder in unserem Arbeitsraum sind, begleitet uns Natalie. Sie meldet sich unter ihrer User-ID an.

"Hier. Das ist es - es geht nicht!" sagt sie und lädt ein Programm in den Editor:


        programm natal_4;

           var q, qq, qqq, result : integer_256;

        begin
           result := 0;
           for q := 1 to integer'last do
              for qq := 1 to integer'last do
                 for qqq := 1 to integer'last do
                    result := result + q * qq * qqq;
           writeln (result);
        end.

"Oh," sage ich, "ein Pascal-Programm! Wo hast du denn das her? Und was soll das Programm machen?" Ich sage erst einmal nichts über die Fehler, die mir sofort ins Auge springen. Schon das achte Zeichen dieses Programmtextes müßte eine Fehlermeldung provozieren.

"Aus einem Lehrtext. Haben wir auch im Computer."

"Aber da hast du ein paar Dinge beim Abschreiben geändert!"

"Kaum etwas. Das da ist das Fehlerlisting!" Ich spüre, daß sie stolz darauf ist, daß sie wenigstens weiß, wo man die Liste der Rügen des Compilers einsehen kann. Und diese Liste ist ansehnlich lang:


        programm natal_4;
        ^
Fehler 3 in Zeile 2 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Erwarte 'PROGRAM'
           var q, qq, qqq, result : integer_256;
                                    ^
Fehler 104 in Zeile 4 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Name nicht vereinbart
           for q := 1 to integer'last do
                         ^
Fehler 103 in Zeile 8 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Name nicht vom geeigneten Typ
           for q := 1 to integer'last do
                                ^
Fehler 202 in Zeile 8 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Stringkonstante darf nicht länger als eine Zeile sein
              for qq := 1 to integer'last do
              ^
Fehler 6 in Zeile 9 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Unerlaubtes Symbol
   (evtl. fehlt  ';' in darüberliegender Zeile)
              for qq := 1 to integer'last do
                             ^
Fehler 103 in Zeile 9 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Name nicht vom geeigneten Typ
              for qq := 1 to integer'last do
                                    ^
Fehler 202 in Zeile 9 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Stringkonstante darf nicht länger als eine Zeile sein
                 for qqq := 1 to integer'last do
                 ^
Fehler 6 in Zeile 10 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Unerlaubtes Symbol
   (evtl. fehlt  ';' in darüberliegender Zeile)
                 for qqq := 1 to integer'last do
                                 ^
Fehler 103 in Zeile 10 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Name nicht vom geeigneten Typ
                 for qqq := 1 to integer'last do
                                        ^
Fehler 202 in Zeile 10 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Stringkonstante darf nicht länger als eine Zeile sein
           writeln (result);
                          ^
Fehler 116 in Zeile 12 der Datei $HOME/SRC/NATAL_4.PAS
Fehler im Typ des Parameters einer Standardprozedur

"Natalie, du hast weniger Fehler gemacht, als dir der Compiler das jetzt weismachen will. Da: Das Programm fängt mit 'program' an - nur ein 'm'. Ich denke, du bist Britin?"

"Ich dachte, wenn man die Fehlermeldungen auf deutsch umschaltet ..."

"Dann warst du aber nicht konsequent. Dann hättest du nämlich auch 'beginn' statt 'begin' schreiben müssen."

"Ach so."

"Dann: Was ist 'integer_256'?"

"Lange Integer-Zahl - was so in 256 bits hineinpaßt!"

"Gibt es in Pascal nicht!"

"Gibt es doch! Steht in der Sprachbeschreibung drin!"

"In Standard-Pascal gibt es das nicht. Da mußt du wahrscheinlich den Compiler irgendwie anweisen, daß er Nicht-Standard-Spracherweiterungen akzeptieren soll! - Wir sehen gleich mal nach."

"Mmh." sagt Natalie nur. Ihr Selbstbewußtsein beginnt, dahinzuschmelzen. Dabei sind das ganz normale Anfängerfehler, die auch ein Informatiker bei seiner ersten Berührung mit einer Programmiersprache machen kann. Auch ich habe schon solche Fehler gemacht - habe ich nicht, vor 25 Jahren, auf einer Telefunken-TR4 der TU Clausthal versucht, einem ALGOL-Compiler Assemblertexte unterzuschieben, weil ich Assembler für eine Spracherweiterung von ALGOL hielt?

"Dann - was ist das da: 'integer'last'?"

"Die größte Zahl, die man als 'integer' darstellen kann!" sagt Natalie.

"Das ist aber auch kein Pascal. Das gibt es nur in Ada. Oder in diesem Pascal nur als Spracherweiterung."

"Ach so."

"Gut. Was haben wir noch? - der Rest scheint mir richtig zu sein. Das Programm soll die Summe von allen Produkten bilden, die aus drei Multiplikanden bestehen, die jeweils zwischen 1 und deinem integer'last groß sein dürfen, ja?"

"Ja." sagt Natalie.

"Gut. Du mußt nur das überflüssige 'm' in 'programm' wegnehmen und dem Compiler sagen, daß er diese Spracherweiterungen akzeptieren soll. Das ist alles."

"Dann geht es schon? Und dafür so viele Fehlermeldungen?"

"Ja. - Das ist unser täglich Brot in der Informatik. Es gibt Einzelfehler, die einen Compiler veranlassen können, zehntausende von Folgefehlern zu melden!"

Cordula wird ungeduldig: "Könnt ihr euer Programmierpraktikum nicht woanders abhalten? - Wir haben zu tun!"

"Wir sind ja gleich fertig!" sage ich, "Laß doch die Natalie ihr erstes Erfolgserlebnis haben!"

Cordula wendet sich mißmutig ihrem Bildschirm zu. "Stör dich nicht dran!" sage ich zu Natalie, "Vor 20 Jahren hat sie ganz genau dieselben Fehler gemacht!"

Natalie korrigiert die erste Zeile des Programmes, und dann finden wir heraus, wie man dem Compiler sagt, daß er dieses erweiterte Pascal akzeptieren soll. Wir versuchen, dabei leise zu reden, damit wir die anderen nicht stören.

Tatsächlich geht die nächste Compilation problemlos über die Bühne. Natalie läßt das Programm laufen. Gespannt starrt sie auf den Bildschirm.

"Warum geschieht nichts?" fragt sie.

"Tja," sage ich, "Sieh dein Programm noch einmal an. Mach ein neues Fenster auf!"

Als sie das getan hat, fahre ich fort: "Du hast da eine immense Menge an Rechenoperationen in die Wege geleitet! Drei geschachtelte Schleifen, bis integer'last - und das sind hier 64-bit Integer-Zahlen!"

"Oh!"

"Dieses Programm läuft länger, als die Welt existiert! Für den Rest der Zeit der Welt hast du diesem Boot einen Prozessor genommen, wenn wir das Programm nicht abbrechen. - In deinem Lehrtext standen doch sicher andere Schleifengrenzen drin, oder?"

Natalie holt den Lehrtext auf den Bildschirm. In der Tat - die drei Schleifen laufen in dem Beispiel nur von 1 bis 10.

"Du wolltest den Rechner wohl ein bißchen mit Arbeit versorgen, oder?"

Sie nickt.

"Naja," sage ich, "es gibt ja noch andere Möglichkeiten. Laß uns noch einmal die Compileroptionen ansehen. Wenn ich mich recht erinnere, kann dieser Compiler optimieren. Er kann den Programmtext analysieren und herausfinden, ob und was man davon parallel machen könnte. Dann können mehrere Prozessoren gleichzeitig an dem Problem arbeiten. Allerdings - wenn der Compiler sonst keine Möglichkeit findet, da etwas abzukürzen, dann reichen sämtliche Prozessoren dieses Schiffes nicht aus, jemals zu einem Ergebnis zu kommen."

"Solche Experimente laßt ihr mal besser sein!" ruft Cordula zu uns herüber.

"Du hast es gehört. Wollen wir die Schleifen nicht wieder etwas verkürzen?"

Natalie stoppt ihr Programm und schließt mit einem bösen Seitenblick auf Cordula alle Fenster.

"Nein. Ich wollte ja auch nur wissen, was ich falsch gemacht habe - Ich habe jetzt keine Lust mehr."

Sie steht auf, um zu gehen.

"Das war schon ganz gut, Natalie!" sage ich, "Laß dich nicht entmutigen!"

Als sie weg ist, sagt Cordula: "Die soll ihre Lippenstifte zählen."

Ich sage nichts. Gegen persönliche Antipathie gibt es keine Argumente. So widme ich mich ebenfalls wieder der Systemanalyse.

Aber wir arbeiten ziemlich schweigend. Ich kann mich kaum konzentrieren, weil ich an Irenes erste Gehversuche mit ihrem Computer denken muß. Wie leicht hätte ich sie damals für immer entmutigen können, wenn ich das Falsche gesagt hätte. In der Anfangszeit einer solchen Beschäftigung entscheidet sich, ob später der Weg zu Kompetenz beschritten wird, oder ob man wieder aufgibt. Dabei weiß Cordula um diese didaktischen Gesichtspunkte ganz genau.

Es ist nicht schön von ihr, daß sie so auf Natalie losgeht.

15 Uhr, 6600 Meter Tiefe. Es gibt nach wie vor keine Möglichkeit, in die Dateibestände des super-super-users hineinsehen zu können - da aber könnte der Schlüssel zu unserem Problem liegen. Die eine Möglichkeit, das gesamte System herunterzufahren und dann wieder einen allgemeinen Neustart zu machen, würden wir uns in einer Werft zutrauen, oder wenigstens an einem ruhigen Liegeplatz - aber letzteres wäre schon problematisch: Wir wissen nicht, ob wir ohne externe Energieversorgung den FP-Reaktor wieder hochkriegen können. Ich muß mit den Reaktoringenieuren Colbert und Kupferdraht darüber sprechen. Aber das hat noch Zeit - wir haben ja keinen ruhigen Liegeplatz.

Um 15:20 Uhr sieht Cordula plötzlich von ihrem Bildschirm auf:

"Die CPU-Warteschlangen der Prozesse mit niedriger Priorität sind länger geworden und wachsen noch."

"Ja und?"

"Probiert deine Natalie jetzt doch die Parallellverarbeitung aus?"

"Sie ist nicht 'meine Natalie'! Aber ich werde mal runtergehen und fragen."

Natalie ist in ihrer Kabine. Sie hat sich bis auf ihre Unterwäsche ausgezogen und hingelegt und sieht sich einen Film an. Aus den Augenwinkeln sehe ich zuckende Leiber - naja. Manchmal sehe ich so etwas auch ganz gerne. Ich frage sie nach ihren Programmieraktivitäten.

Fehlanzeige - seitdem sie uns verlassen hat, hat sie nichts mehr getan. Ich halte das für unbedingt glaubwürdig. Gerade will ich weggehen.

"Mußt du jetzt arbeiten?" Sie lehnt sich auf die Kante des Kojenrandes. Dabei rutscht ihr eine Brustwarze aus dem BH heraus.

"Muß ich. - Tut mir leid!"

Sie sieht eingeschnappt hinter mir her, als ich ihre Kabine wieder verlasse. Cordula sauer, Natalie eingeschnappt - viel Feind, viel Ehr, denke ich.

Als ich wieder oben bin, zeigt Cordula angespannte Aufmerksamkeit. Erwin hackt hektisch auf seiner Tastatur herum. "Es wird schlimmer!" sagt er.

"Natalie war's nicht. Die sieht sich gerade Softpornos an."

Ich hätte glatt erwartet, daß Cordula dazu eine Bemerkung macht. Aber sie tut es nicht.

Ich informiere mich selber über die Systemauslastung. "Tatsächlich," sage ich, "alle Prozessoren beschäftigt! Was macht die Maschine denn?"

"Sag es besser dem Alten!" schlägt Erwin vor. Ich greife zum Interkom.

Bis jetzt hat niemand etwas gemerkt. Alle Schiffssysteme, die Rechnerleistung brauchen, funktionieren nach wie vor - Steuerung, Reaktor, Bildverarbeitung und so weiter. Nur wenn man auf die Idee kommt, einen Prozeß mit noch niedrigerer Priorität zu starten, dann bekommt der plötzlich kaum noch Rechenzeit.

"Verstehe ich nicht. Was geht da vor?" fragt Erwin mehr sich selbst als uns.

"Sind es wieder 'ROOT'-Prozesse?" frage ich.

"Vielleicht auch die. Aber nicht nur. Da - was ist 'min'?"

"Wessen 'min'?"

"ROOT, glaube ich. Aber es läuft unter allen möglichen User-Ids."

Ich sehe mir die Prozessorenliste an. Erwin hat recht. Das Programm 'min' läuft vielhundertfach in unserem Rechner ab. Tausendfach. Und es wird immer mehr.

"Das ist oberfaul," sage ich, "Wenn all diese Prozesse die Standard-Priorität hätten, dann würde schon einiges an Bord nicht mehr funktionieren!"

"Das kann auch jederzeit passieren!" belehrt Cordula uns, "Du kannst in PRO-UNIX alle Prozesse, die dasselbe Programm ausführen, mit einem einzigen Kommando eine andere Priorität verpassen!"

"Auweh."

"Natürlich nur als super-user."

"Natürlich. Oder als super-super-user!"

"Natürlich." Cordula wendet sich wieder ihrem Bildschirm zu: "Wißt ihr, was ich glaube: Da will uns jemand zeigen, was er kann! - Da läßt jemand seine Muskeln spielen."

"Ich hoffe," sage ich, "du hast nicht Natalie im Verdacht!"

Cordula sagt darauf nichts. Ich setze mich noch einmal mit der Zentrale in Verbindung und beschreibe Wellington die Situation. Er fragt mich, ob ich an seiner Stelle das Boot festlegen würde.

"Ich weiß nicht. Wenn es unserem Unbekannten gefällt, dann können jede Sekunde alle Rechnerdienste bis zur Unbrauchbarkeit abgebremst werden! - Auch wenn wir still liegen, gibt das Ärger!"

Das brauche ich Wellington nicht zu sagen. Er geht auf Nummer Sicher: Um 16 Uhr nimmt das Boot in 6700 Metern Tiefe eine feste Position ein. Dann kommt er zu uns rüber und läßt sich alles noch einmal zeigen.

Diese vielen, niedrigprioren Prozesse werden nicht raufgesetzt. Aber solange sie laufen, könnte das jederzeit geschehen. Und wir können nichts dagegen tun.

Als Wellington unser Labor verläßt, läßt er sich dazu hinreißen, das auszusprechen, was alle denken:

"Scheißcomputer."

Bevor wir zum Essen gehen, beraten wir noch das Vorgehen des nächsten Tages. Viele blendende Ideen haben wir nicht dafür, und jeder weiß es. Während wir palavern, beugt sich Cordula plötzlich wieder vor:

"Sie sind weg!"

"Was?"

"Diese Störprozesse - sie sind weg! Alle innerhalb weniger Sekunden!"

Erwin und ich prüfen das sofort nach. Cordula hat recht.

"Vielleicht sind das 'dienstschluß-sensitive' Programme!" schlägt Erwin vor. Natürlich war das ein Scherz.

"Oder Betriebssystem und Hardware wurden geprüft." sage ich, "Wenn es aber so ist, dann sollten wir das wissen. Es sollte irgendwo dokumentiert sein!"

"Du bist doch nicht erst seit gestern in unserem Beruf!" sagt Erwin, "Hast du schon mal gesehen, daß etwas dokumentiert ist, was dokumentiert gehört? Das ist doch nun wirklich die Ausnahme!"

"Das weiß ich. Wenn wir uns aber auf den Standpunkt stellen, dann sind wir eben Zeuge eines ganz normalen Vorganges geworden! - Vielleicht hat die Werft in Greenock so etwas installiert!"

"Vielleicht," sagt Cordula, "vielleicht auch nicht."

Wir warten, aber mehr sagt sie nicht. Wir alle betrachten die Auslastungsgrafiken auf den Bildschirmen. Ein fein gezeichnetes Balkendiagramm - die Balken sind jetzt ganz kurz: Es ist um Größenordnungen mehr Rechnerleistung verfügbar als das Schiff im Moment braucht.

"Hoffentlich ist heute nacht Ruhe," sage ich, "aber ich sage euch: Auf meinem nächsten U-Boot dürfen nur noch Rechenschieber verwendet werden!"

"Tja, das kannst du haben!" sagt Erwin und dreht sich wieder zu seinem Bildschirm um: "Das hat es schon in X-Windows gegeben!" Plötzlich steht ein Taschenrechner auf seinem Bildschirm.

"Na und?" frage ich.

"Es ist wie mit der Uhr! Weißt du das nicht?" Erwin klickt irgendwo ein Feld in diesem Taschenrechner an - und plötzlich sieht man statt des Taschenrechners einen Rechenschieber auf dem Bildschirm.

"Was habe ich gesagt?" fragt er, "Du kannst ihn ganz normal mit dem Trackball bedienen - wie einen gewöhnlichen Rechenschieber eben! Geschmiert, reibungslos und immer einsatzbereit! - Hier: Du kannst ihn vergrößern und verkleinern und sogar drehen."

Ich stehe auf und gehe zur Kantine:

"Ein Rechenschieber? Schon in X-Windows? Schwachsinn. - Schwachsinn!"

Wenigstens wird das Abendessen echt sein, und wir werden mit Messer und Gabel statt mit Maus oder Rollkugel essen können.

Als ich die Hand schon am Geländer des Niederganges zur Kantine habe, ruft Cordula:

"Eh, Herwig! Was ist das denn?"

"Was denn?" frage ich und halte ein, den ersten Fuß schon auf der Stufe.

"Die Meldung hier!"

"Welche?"

Ich gehe zurück. Cordula deutet auf das Shell-Fenster vor ihr auf dem Bildschirm: "Das da!"

Ich lese eine auf dem ersten Blick harmlose Zeile:


        BUOYANCY CONTROL DRIVER REPLACED

"Was heißt das denn?" frage ich, "Ist die Meldung auf allen Bildschirmen aufgetaucht?"

"Nur in den Shell-Fenstern von root!"

"Aha. Und was heißt das? Hast du das veranlaßt?"

"Nein. Keinen Finger habe ich gerührt. Ich weiß auch nicht, was ein Buoyancy Control Driver sein könnte!"

"'Buoyancy' heißt 'Auftrieb'." sage ich, "Also demnach - demnach ist da vielleicht von dem Server für die Auftriebregelung die Rede. Von dem Server für die Regelzellen."

"Meinst du wirklich?" fragt Cordula.

"Ich hoffe, ich irre mich. Das hoffe ich ganz dringend!"


        ********        ********

        36.     Wassereinbruch


Wir beratschlagen noch eine Weile, aber da wir keine Idee haben, was diese Meldung bedeuten könnte, können wir auch ebensogut essen gehen. Ich muß vorher noch pinkeln. Beide Kantinen-Toiletten sind belegt, also mache ich mich auf den Weg zu den Toiletten im zentralen Niedergang. Auf dem Rückweg durch unseren Gang - es hat sich praktisch eingebürgert, daß jeder zwischen Kantine und zentralem Niedergang immer den Gang nimmt, an dem seine Kabine liegt - tritt plötzlich Gabi Gohlmann aus ihrer Kabine heraus und sieht mich:

"Oh, das trifft sich gut - kannst du mir mal helfen?"

"Ja, sicher! - Wobei?"

"Komm besser rein!" sagt sie. Sekunden später stehen wir in ihrer Kabine. Wie immer ist es eng, wenn zwei Menschen sich weniger als zwei Kubikmeter teilen. Ihre Kabine ist aufgeräumt, aber das ist meine auch: Wenn man in vier Kubikmetern wohnt, und man läßt zwei oder drei Dinge irgendwo liegen, dann liegen diese zwei oder drei Dinge dauernd im Wege. Man hat gar keine andere Möglichkeit, als Ordnung zu halten. In Natalies Kabine sieht es genauso aufgeräumt aus - andere habe ich noch nicht von innen gesehen.

"Ich habe heute noch was vor." erklärt sie.

"Was denn?"

"Was Privates!" sagt sie.

"Soll ich nicht fragen?"

"Lieber nicht. - Ich komme nur mit dem Lippenstift nicht klar, das ist alles!"

Ich begutachte ihr Gesicht: "Finde ich nicht. Ist doch perfekt. Man merkt gar nicht, daß du welchen aufgetragen hast!"

Und wenn man es nicht merkt, denke ich, dann kann man es auch gleich ganz sein lassen. Und wozu auch - die paar Falten, die ihrem Alter gemäß sind, die stehen ihr gut. Sie ist auch ohne Chemie hübsch - was soll das also? Aber ich habe jetzt nicht die Absicht, eine Grundsatzdiskussion über Kosmetik anzufangen. Auch Irene hat da in ganz anderen, für mich nicht nachvollziehbaren Bahnen gedacht.

"Nein, das meine ich nicht!" sagt sie. Dann knöpft sie das Oberteil ihres Kleides auf. Einfach so. Sie trägt wie immer keinen BH. Ich muß wohl etwas verwundert geguckt haben.

"Ich kann da nicht richtig hinsehen, und dann geht es immer daneben!"

Ich begreife: "Malst du dir die Brustwarzen an?"

"'Anmalen'! Wie klingt denn das!"

"Wie nennt man das denn?"

"Sie werden getönt. Hier: Warzen und der Hof drumrum. Aber es muß natürlich gleichmäßig aussehen, und diese Kabinen sind so klein, daß man sogar im Spiegel einen ungünstigen Blickwinkel hat."

"Okay," sage ich, "gib her. Eine neue Erfahrung. Auf der Brust einer Frau habe ich noch nie - getönt!"

"Du kannst auch 'gemalt' sagen, wenn dir das lieber ist! - Da, am Rande des Hofes sind so kleine Hauthügel. Bis dahin! Und kreisrund! Und gleichmäßig!"

"Tue ja alles für eine Kollegin." sage ich, als ich mich an die Arbeit mache.

"Wirklich?" fragt sie.

Während ich, in einer unbequemen, halbknieenden Haltung versuche, ihre Brust nach ihren Wünschen zu behandeln, überlege ich, mit wem sie etwas vorhaben könnte. Mir ist überhaupt noch nicht aufgefallen, daß sie ein Auge auf jemanden geworfen haben könnte, oder jemand auf sie. - Jedenfalls überläßt sie nichts dem Zufall, dieser gründlichen Vorbereitung nach zu schließen.

"Der Untergrund muß sauber, trocken, und fettfrei sein." zitiere ich irgend eine Gebrauchsanleitung für Farben. Der Scherz kommt aber nicht an. Na, dann eben nicht.

Ganz schwach rieche ich einen feinen Duft. Den habe ich doch schon einmal wahrgenommen, oder? Wann war das noch? Jedenfalls nimmt sie auf unsere Klimaanlage Rücksicht - es ist wirklich nur die Ahnung eines Duftes.

"Das kitzelt!" sagt sie. Zum Beweis richtet sich die Warze, die ich gerade bearbeite, auf.

"Dafür kann ich nichts. - Himmel, ich stoße dauernd irgendwo an!"

"Warte," sagt sie, "ich setze mich hin, und dann kannst du dich hinknien - das ist ein bißchen bequemer." Als wir das getan haben, fragt sie: "Hast du genug Licht?"

"Jaja, daran liegt es nicht."

"Sondern?"

"Die Haut dellt sich unter dem Stift immer so weit ein - und dann stimmt die Geometrie nicht mehr!"

"Ich glaube, du machst das schon ganz gut - jedenfalls besser, als ich es könnte. - So, jetzt die andere."

"Symmetrisch, vermute ich?"

"Ja, natürlich - sind meine Brüste etwa unsymmetrisch?"

"Nein nein. Die sind perfekt."

"Findest du?" fragt sie. Jetzt stellt sich auch die andere Brustwarze auf. Nun sind sie tatsächlich symmetrisch. - Wahrscheinlich könnte man aus der weiblichen Fähigkeit zur asymmetrischen Erektion der Brustwarzen einen Kalauer oder eine wüste Zote schmieden, aber mir fällt gerade keine ein.

"Jaja, doch doch." sage ich, "Das kann ich beurteilen. Als jahrelanger Playboy-Leser habe ich Vergleiche."

"Ja. - Jaja! Du hast hier an Bord aber auch schon verglichen, nicht wahr?"

"Ja," sage ich, "das mußte jetzt ja kommen. Die Sache mit Natalie. Das wird mir noch ewig lang nachhängen."

"Ihr wart nicht gerade eben diskret!"

"Es hat sich eben so ergeben. - Wenn die Sache mit dem Torpedo nicht gewesen wäre, dann wäre ja niemand in die Zentrale gekommen - nicht um die Zeit."

"Magst du sie?"

"Mmh. - Halt doch still! - Vielleicht. - Ja."

"Mmh. Ernsthaft?"

"Was ist das: 'Ernsthaft'?"

"Geht mich ja nichts an."

Ich könnte jetzt sagen, daß genau das in der Tat der Fall ist. Aber irgendwie geht mir dieser 'Buoyancy Control Driver' im Kopf herum. Ich habe den Verdacht, daß da etwas faul ist. 'Replaced'. Wieso wird ein Server replaced, das heißt ersetzt? So etwas macht nur der Systemverwalter - und das sind Cordula, Erwin und vielleicht auch ich.

"So. - Ich glaube, ich bin fertig." sage ich, "Es erscheint mir perfekt. - Ist dieser Lippenstift kußecht und geschmacksneutral?"

"Sicher," sagt Gabi, "probier's halt aus!"

"Na hör mal! Es ist schon - seltsam - genug, einer Kollegin die Brust anzumalen - aber jetzt kann ich dir doch nicht auch noch die Brust küssen!"

"Ekelst du dich davor?"

"Nein, ganz gewiß nicht!"

"Na, also!"

"Und wenn's wieder verschmiert?"

"Der ist 'kußecht', sage ich dir. Und wenn er es nicht ist, dann ist es besser, wir kriegen das jetzt heraus als nachher!"

Hört sich logisch an. Natürlich täte mich schon interessieren, wann das ist: 'nachher' - und mit wem.

"Also halt still!" sage ich und bringe mein Gesicht in den Ausschnitt ihres Kleides, "Wenn es verschmiert, dann machen wir es eben noch mal."

Ich setze meine Lippen ganz leicht auf die Warze ihrer rechten Brust, wobei ich ihre Taille umfassen muß. - Ich muß das einfach ganz sachlich sehen, denke ich mir, unter klinischen Gesichtspunkten. Und ich muß sehr zart vorgehen, damit es wirklich nicht verschmiert - ich möchte heute noch zum Essen kommen und nicht den ganzen Abend malen müssen.

Da spüre ich ihre Hand im Nacken, die meinen Kopf fester gegen ihre Brüste drückt. Ihre andere Hand ist kurz darauf hinter meinem Rücken. Der Test auf Kußechtheit dauert länger als ich das geplant hatte. Sie führt meinen Kopf mit leichten, kreisenden Bewegungen.

"Man muß es richtig machen, sonst ist es kein Test!" sagt sie. Wie wahr. Aber ihre Stimmenlage hat sich irgendwie geändert. Und plötzlich rutschen meine Arme um ihre Taille herum, weil mir das als die natürlichere Position erscheint.

"Jetzt muß ich vergleichen!" sage ich, als ich meinen Mund wieder frei bekomme. Sehr weit von sich weg läßt sie mich nicht.

Sehr weit weg von ihr will ich eigentlich auch nicht. Ihre Brüste, stelle ich fest, sind wirklich niedlich geformt - klein aber fein. Auch die Idee, der Farbtönung da nachzuhelfen, hat etwas für sich - durchaus. Wahrscheinlich, denke ich, ist jede zweite der im Playboy abgebildeten Miezen so zurechtgemacht. Könnten sie eigentlich dazuschreiben - das wäre nur konsequent, denn technische Maße geben sie ja auch an. Wie würde man das formulieren? 'Lackiert mit einem Produkt der Firma ...'

"Was lachst du?" fragt Gabi.

"Ich dachte nur gerade an etwas. - Gut. - Also - die Tönung ist etwas schwächer geworden." stelle ich sachlich fest.

"Ja. Das ist normal." antwortet sie, genauso sachlich, "Man muß beide Brüste gleich behandeln. Dann stimmt's wieder." Ohne weitere Umschweife drückt sie mich gegen ihre linke Brust. - Sie drückt stärker als beim ersten Male. Ich auch.

Und dann hört sie überhaupt nicht mehr damit auf.

"Weißt du jetzt, was ich vorhabe?" fragt sie leise. Nach einer Weile aber erst.

Was ist jetzt eigentlich los? Hat sie umdisponiert, oder bin ich das Opfer eines mittelplumpen Anmachversuches, so konkret, wie sie jetzt wird? Oder wie soll ich die Situation sonst interpretieren? - Ich bekomme meinen Mund wieder frei: "Gabi, wir können das jetzt nicht tun!"

"Warum nicht?"

"Erstens wollte ich beim Essen mit meinen Kollegen noch über einige Dinge reden - wir haben da ein Problem!"

"Ach was, Problem. Das kann doch warten!"

"Und zweitens ..."

"Außerdem hast du versprochen, mir zu helfen!" unterbricht sie, "Wir sind noch gar nicht fertig!"

"Was denn noch?"

"Ich habe noch eine Stelle, wo ich selbst sehr schwer hinsehen kann - da muß mir auch jemand anders das Rouge auftragen! Und wo du jetzt schon mal da bist ..."

Einen Moment muß es mir wohl die Sprache verschlagen haben.

"... und testen!" fährt sie fort. Dann lehnt sie sich etwas zurück und beginnt, ihr Kleid von unten in Richtung Gürtel aufzuknöpfen, so, wie sie es schon von oben gemacht hat.

"Hilf mir doch!" sagt sie, "Dann geht es schneller." Sie drückt mich leicht an der Schulter tiefer. Schon sehe ich, daß sie dunkle Seidenstrümpfe trägt. Aber bevor ich sehe, was sie weiter oben trägt oder nicht trägt, und bevor ich etwas sagen kann, heulen die Alarmsirenen auf. Einen Moment lang erstarren wir beide.

Auf dem SISC blinkt eine gelbe, unübersehbare Warnschrift auf:


        BUOYANCY LOSS - CREW TO EMERGENCY STATIONS

"Scheiße, verdammte!" rufe ich und springe auf, wobei ich mich natürlich irgendwo stoße, "Scheiße zu Pferde!" Konkreteres kann ich noch nicht sagen.

Im Augenblick bin ich aus Gabis Tür raus. Dabei stoße ich mit Cordula zusammen, die aus Richtung der Kantine gerannt kommt. Ihr Gesicht ist angstverzerrt. "Wir haben vorne einen Wassereinbruch!" ruft sie mit Panik in der Stimme. Sie zwängt sich an mir vorbei.

Ein paar Meter hinter ihr ist Natalie, die auch in Richtung Zentrale läuft. Beide Frauen haben jetzt völlig überflüssigerweise gesehen, daß ich aus Gabis Tür herauskam. Und beide sehen auch Gabi selbst, die auch mit ängstlichem Gesicht - und unübersehbar oben und unten offenem Kleid - in den Gang hinausblickt.

Aus der Richtung der Kantine kommt ein brüllendes Zischen, begleitet von einem dröhnenden Scheppern. Es ist entsetzlich laut und es wird, während ich hinhöre, noch lauter.

Ich laufe in die Kantine. Ich will wissen, was los ist. Dabei merke ich bereits, daß es nach dorthin leicht abwärts geht. Diese Neigung des Bootes nimmt jede Sekunde zu.

Plötzlich ist Wellingtons Stimme im Raum: "Achtung, herhören! Boot führt Notmanöver aus - Festhalten! - Achtung, Notmanöver - Festhalten!"

'Notmanöver' sagt er, nicht 'Sicherheitsmanöver'.

Ich stehe in der Kantine und halte mich an der Spantenscheibe fest. Was ist los? Ich verstehe nichts. Einige von den Nautischen sind noch da. Das Luk von der Kantine zu dem Betriebsraum davor ist offen - von dort her kommt der höllische Lärm. Ich kann nicht erkennen, ob jemand im Bugraum ist.

6700 Meter, denke ich - das sind 685 Bar oder so. Unglaublich viel. Wenn da wirklich ein Wassereinbruch ist - wie haben wir dann eine Chance?

Das Deck neigt sich bereits 20 Grad abwärts. Mark Dauphin taumelt auf mich zu. Im Moment sieht er nicht so aus, als ob er stolz auf das Boot ist.

"Unkontrollierter Wassereinlaß in die vorderste Regelzelle! Gehen sie nach hinten!"

Er ruft es mehrere Male, bis ich ihn verstehe. Wasser in die Regelzellen - deshalb ist also noch kein Wasser zu sehen. Aber das kann nur eine Frage der Zeit sein, denn die Regelzellen sind natürlich nicht druckfest. Irgendwann sind sie voll, und dann bersten sie, oder ein Sicherheitsventil spricht an - was letzten Endes gleichgültig ist. Wenn Wasser in die Regelzellen einläuft, ohne daß man es stoppen kann, dann ist das Boot verloren!

Ich halte mich fest. 35 Grad über den Bug. Nein, ich muß rauf in unseren Arbeitsraum - dieser Server für die Regelzellen - ist das der Grund? Das muß es sein!

Die Leiter des Aufganges zu unserem Labor hängt über - nur mit Mühe komme ich hoch. Kaum, daß ich oben bin - 40 Grad Neigung über den Bug inzwischen - reißt mich ein Stoß von den Füßen. Fast wäre ich durch die Öffnung des Niederganges und quer durch die Kantine geflogen. Ich kann mich noch an den seitlichen Handgriffen festhalten - gerade eben. So eine blöde Sache, denke ich, bei so etwas kann man sich leicht das Genick brechen - die Fallhöhe hätte ja schließlich der Diagonalen des Kantinenraumes entsprochen. Der Ärger auf mich selbst bohrt in meinem Bauch.

Dann - blitzartige Gedanken in meinem Kopf: Der Druckkörper kann ungeheure statische Drücke aushalten - weit jenseits der Werftgarantie - aber keine solchen Schläge. Wenn wir irgend etwas gerammt haben, dann kann das den Druckkörper zerknacken wie nichts! Durch größere Öffnungen würde das Wasser wie eine Riesenfaust blitzartig durch das ganze Schiff schießen und alles auf seinem Weg zertrümmern - und bei einer nur leichten Verformung des kreisförmigen Querschnittes könnte sich das Boot im Bruchteil einer Sekunde zusammenfalten. Wie eine Milchtüte auf dem Schulhof, auf die ein Schüler springt.

Und ich lebe immer noch. Keines von beiden ist passiert - es wäre ja schon vorbei. Es wäre, in dieser Tiefe, schneller gewesen, als ich es mir überlegt habe. Ich hätte nicht einmal Schmerz gespürt - dazu ist das menschliche Nervensystem zu langsam. Und es ist auch zu langsam, dabei diesen Tatbestand festzustellen.

Nicht einmal das Licht hat geflackert - nicht einen Augenblick. Der Reaktor ist am anderen Ende des Schiffes, den stört das Ganze nicht. Noch nicht.

Jedenfalls weiß ich jetzt, was der Unterschied zwischen 'Notmanöver' und Sicherheitsmanöver' ist. Und der Lärm aus der Kantine hält an.

Die Neigung über den Bug nimmt wieder ab. Über die Wände des Druckkörpers dringt ein Knurren und Schleifen und Kreischen herein, die unter anderen Umständen Grund genug für Panik wären - im Moment werden diese Geräusche aber durch den Lärm von vorne übertönt.

Das Boot kommt bei einer Neigung über den Bug von 30 Grad zur Ruhe, nimmt aber vorher noch eine Schlagseite von ebenfalls 30 Grad nach Steuerbord ein - träge, aber entschlossen. Damit ist, von nun an, die Fortbewegung überall an Bord sehr mühsam.

Ich schnalle mich auf einem Sitz vor einer der Konsolen fest. Der 'Buoyancy Driver' - damit muß es etwas zu tun haben! - Es muß einfach. Ich muß es herausfinden. Wenn nur der Lärm nicht wäre.

Die Computer funktionieren noch, als ob nichts wäre. Dafür überschlagen sich auf dem SISC die Meldungen, kaum, daß man noch etwas von den Außenansichten sehen kann.

Amerlingen turnt von zentralen Niedergang her durch das Labor zu mir herunter. Er bringt seinen Kopf neben den meinen:

"Was tun sie?"

"Da war eine Meldung wegen - wegen" ich muß lauter schreien: "wegen ersetztem Buoyancy Driver. Hat das - was damit - zu tun?"

"Wissen - wir - nicht!" schreit er zurück, "Ein Ventil - zu den - Regelzellen - ist offen - läßt sich nicht - schließen - 50 Liter - pro Sekunde!"

"Von - Hand?" rufe ich zurück.

"Werden - sehen. Sie - weitermachen!" Er hangelt sich in Richtung Kantine hinunter.

50 Liter pro Sekunde. Die betreffende Regelzelle faßt höchstens einige Tonnen. Das Wasser muß schon längst in die Bugräume hineinfließen. In jeder Minute drei Kubikmeter. Das innere Volumen des Druckkörpers - minus Wandvolumen - ist 1365 Kubikmeter. Davon gehen noch die Volumina aller Einbauten ab. Bei drei Kubikmetern pro Minute ist dieses Volumen in sieben Stunden aufgefüllt. Weniger wahrscheinlich. Spätestens dann sind wir tot.

Aber vorher wird es schon ungemütlich. Wenn die Hälfte der uns verbliebenen Zeit verstrichen ist, wird der Druck der Innenluft auf zwei Bar angestiegen sein. Nach wiederum der Hälfte vom Rest sind es vier Bar und so weiter. Dazu kommt, daß das eindringende Seewasser immer mehr Aggregate lahmlegen wird. Es wird Kurzschlüsse geben, vielleicht werden Batterien explodieren, Rechner werden ausfallen, und dann stirbt irgendwann der Reaktor. Die Notbeleuchtung wird vielleicht lange genug halten, bis wir alle tot sind.

Ich verdränge die Gedanken an die medizinischen Aspekte unseres Todes - Sauerstoffmangel wird es ja nicht sein. Die Luft reicht für diese Zeit für uns alle. Ertrinken wird es auch nicht sein, weil wir uns vor dem steigenden Wasser noch eine ganze Zeitlang zurückziehen können. Also wird es der Druck sein. Wie stirbt man durch Hochdruck?

Ich sehe die Zeitanzeige an: Kurz vor 18 Uhr war der Wassereinbruch. Das heißt, Mitternacht werden die meisten von uns nicht mehr erleben. Wieviel Zeit habe ich jetzt noch? In ein oder zwei Stunden wird das Wasser hier ankommen, in der Zentrale kann man noch bis nach neun Uhr an den Computern sitzen - wenn diese dann noch funktionieren sollten. Danach Terminals im Meßgeräteraum und im Labor über der Zentrale und die Terminals in den Maschinenräumen. Noch weiter brauche ich nicht zu planen.

Ob jemand dran gedacht hat, die Lenzpumpen anzuwerfen? Das gibt höchstens einen kleinen Aufschub. 50 Liter pro Sekunde gegen 685 Bar - da wären 4 Megawatt nötig. Der Reaktor gibt das grad noch her. Aber die Pumpen sind nicht so leistungsfähig.

Cordula und Erwin sind jetzt wahrscheinlich an den Bildschirmen in der Zentrale tätig. Sollte ich da auch hin? Ist wahrscheinlich weniger Krach. Aber jetzt sehe ich mir erst einmal die Server-Listen an. Ich muß es finden!

Der Lärm aus der Kantine ändert seinen Ton. In den Bugräumen steigt das Wasser - vielleicht ist die betroffene Regelzelle schon überflutet. Ich höre Flüche. Was kann man da jetzt noch machen? Die Regelzellen stehen über Hochdruckpumpen und Hochdruckventile mit der Außenwelt in Verbindung. Die bedient der Server für die Auftriebsregelung - unter anderen Dingen. Die muß man aber auch direkt bedienen können.

Ich lasse die Schiffsbaupläne auf dem Bildschirm rotieren. Die Regelzellen in den Bugräumen sind auf den Plänen leicht zu finden, ebenso ihre Pumpaggregate. Ventilbezeichnungen - da ist es. Es muß ein Ventil sein - die Pumpen würden niemals soviel Wasser durchlassen. Geht gar nicht.

Nun die Hardwaretreiber - unterste logische Ebene - noch unter dem eigentlichen Server. Ich habe das Gefühl, daß ich an den Server nicht rankommen werde - wir werden wieder das Problem mit der fehlenden super-super-user Berechtigung haben. Aber wenn das hier wirklich ein Sabotageakt ist, dann ist auch genauso sicher, daß der Saboteur auch seine fachlichen Grenzen hat. Er hat die super-super-user Berechtigung. Aber die brauche ich vielleicht gar nicht. An die Hoffnung klammere ich mich. An die, und daran, daß es Sabotage ist und nicht etwa ein gesprengter Flansch oder so etwas - dann könnte man über den Computer überhaupt nichts machen.

Ich finde die Treiber, auch die Scripte, mit denen sie ins Betriebssystem eingebunden werden, und kurz darauf finde ich etwas noch viel wertvolleres: Den Source-Code der Treiber! Nichts davon ist unter den Fittichen der 'ROOT'-Berechtigung - 'root' reicht aus!

Aber sie sind in C geschrieben - nicht in PASCAL und nicht in Ada. Cordula ist in C besser. Ich brauche ihre Hilfe - ich muß zu ihr hin. Als ich aufstehe, sehe ich bereits die gurgelnde Wasserfläche in der Kantine. Meine Trommelfelle melden mir den Druckanstieg - ich muß schlucken. Jetzt schon? Das heftigere Atmen - das kann doch noch kein Sauerstoffmangel sein - jetzt noch nicht. Natürlich, denke ich: Kohlendioxid! Davon ist sehr viel in dem Wasser in diesen Höhlen gelöst - das kocht jetzt aus dem eingedrungenen Wasser aus, wegen des starken Druckunterschiedes zwischen Innen und Außen. Das heißt aber auch, daß der Druck rascher steigt als es dem verbleibenden wasserfreien Volumen entspricht.

In der Zentrale ist es wirklich ruhiger - aber die Angst hängt im Raum. Und der Raum hängt genauso schief, wie alles an Bord.

Nicht nur Cordula und Erwin, sondern auch Amerlingen und Fastenbeek beschäftigen sich mit den Rechnern. Sie wollen das Problem aber über den geheimnisvollen ersetzten 'Bouyancy device driver' angehen. Außerdem sind da noch viele weitere Mitglieder der Besatzung versammelt, die wahrscheinlich vor kurzem alle aus der Kantine vertrieben wurden. Teilweise kommen sie wohl auch nicht mehr in die eigenen Kabinen rein.

"Das könnt ihr vergessen!" sage ich zu Cordula und Erwin, "Ihr werdet den Original-Server nicht finden!"

"Wir haben ihn gefunden," sagt Erwin, "Aber leider ist er aufs Byte genau mit dem ersetzten identisch!"

"Das ist eine Falle - ihr kommt so nicht weiter, ich sag's euch!"

"Wir haben aber den Source-Code für den Server!" zischt Cordula.

"Na, wunderbar." sage ich, "Wieviele hunderttausend Zeilen sind das? - Wollt ihr den heute abend reparieren?"

"Haben wir eine andere Möglichkeit?"

Ich erläutere meine Idee mit den hardwarenahen Treibern. "Für die Wiederherstellung des Servers haben wir später genug Zeit. Jetzt müssen wir erst einmal das Ventil zu kriegen!"

"Wissen Sie, was Sie vorhaben?" fragt Wellington dazwischen. Er findet die Zeit dazu, obwohl er die Tätigkeiten, das Ventil manuell zuzumachen, koordinieren muß.

"Nein, überhaupt nicht." Und zu Cordula: "Ich weiß das Directory mit den Sourcen für die Hardwaretreiber. Du mußt nur den richtigen ändern und re-compilieren! - Das ist alles."

Ich führe ihr die Liste vor. Sie sieht sich einige davon an: "Algorithmisch nicht allzu kompliziert. Eigentlich gar nicht!" sagt sie.

"Na, siehst du. Und sie werden noch einfacher, wenn es nur darum geht, dieses Ventil zuzumachen."

"Gut. - Und welcher ist es?"

"Das weiß ich nicht."

"Zum Raten sind es zu viele."

"Zum intelligent raten nicht. Und es schadet nichts, wenn wir ein paar falsche Ventile zumachen. Dann lernen wir es wenigstens."

"Und wenn wir ein falsches Ventile erwischen und es auf- statt zumachen?" fragt Cordula.

"Du hast doch dein Leben schon gehabt, oder? - Nun jammer nicht." Sie sieht mich an, als würde sie mir ganz gerne die gesamte PRO-UNIX-Dokumentation in den Rachen stopfen. Noch ein Vorteil des papierlosen Büros, denke ich - da geht sowas nicht.

Wir fangen an, weil uns nichts anderes übrigbleibt. Software zu modifizieren, die andere geschrieben haben, das können die beiden ja. Haben wir nicht seinerzeit einen Ada-Compiler eines Fremdherstellers an die Maschinen unseres Arbeitgebers angepaßt? Wenn überhaupt jemand durch dieses Software-Wirrwarr durchfinden kann, dann sind es diese beiden. Und ich muß mich um die Plausibilität kümmern, damit wir unsere Zeit nicht an einem Treiber für einen der Kühlschränke an Bord verschwenden, oder gar versuchen, ein anderes Ventil nach draußen auf zu machen - so weit hergeholt sind Cordulas Befürchtungen nämlich nicht.

Es dauert, bis wir etwas finden, was aussieht wie ein Treiberprogramm für Ventile. Dann geht es los - 'Experimental-Informatik' wird sowas manchmal abwertend genannt. Aber was können wir denn sonst noch tun?

Zwischendurch werfe ich einen Blick in unseren Kabinengang. Die Wasseroberfläche gurgelt bereits an den Türen der Kabinen am Gangende - die beiden, die noch nicht belegt sind. Auf der Seite der Nautischen wird es schlimmer aussehen, weil die wegen der Schlagseite tiefer liegt. Das vordere Unterdeck ist inzwischen weitgehend überschwemmt - siedendheiß fällt mir die Tieftemperaturtruhe mit der Flüssigluft ein. Kann da etwas passieren? Ich entscheide mich, daß das nicht möglich ist, weil: Wenn diese Truhe von dem steigenden Wasser umgeben ist, dann ist auch ein direkter Kontakt der Flüssigluft mit dem Druckkörper nicht möglich. Aber der beunruhigende Gedanke bleibt.

Oben, in unserem Labor, werden sie jetzt arbeiten, um direkt an das Ventil heranzukommen - oder auch nicht mehr - der Weg unter Wasser ist vielleicht schon zu weit, und ich glaube nicht, daß das Ventil leicht zugänglich ist - da wird man irgendwelche Dinge abbauen müssen.

Hoffentlich beschädigen sie nicht die Aggregate da vorne so, daß der Computer sie nicht mehr bedienen kann!

Zurück in der Zentrale. Cordula jammert: "Ich verstehe es nicht - es sind so viele! Und alle haben so nichtssagende Namen!"

Ich hole auf einer Konsole ein Bild der technischen Zeichnungen herein: "Die Ventile haben Namen. Darüber mußt du rankommen können! Da müssen doch irgendwelche mnemotechnischen Bezeichnungen verwendet worden sein!"

Erwin faßt sich an die Ohren. Ich erinnere mich: er hat da doch ein medizinisches Problem mit seinen Ohren. Er muß Schmerzen haben. Aber er sagt nicht viel.

"Das da probiere ich," sagt Cordula, "das könnte es sein! - Himmel, ich kriege keine Luft mehr!"

Sie compiliert einen der Treiber, dann kopiert sie das Resultat auf den aktuellen Treiber. "Und wie weiter?" fragt sie.

"Da gibt es ein Script, um diese Treiber zu starten!"

"Großartig. Und wer stoppt die schon laufenden Treiber?"

"Herr Gott, ich weiß es doch nicht!" sage ich.

"Schrei mich nicht an!"

"Ich schrei doch nicht!"

"Was soll ich denn jetzt machen?"

"Laß es laufen. Das Script heißt - " ich greife ihr in die Tasten, um es ihr zu zeigen: "Da! Das ist es."

"Soll ich?" fragt sie.

"Ja."

Sie setzt das Kommando ab.

Augenblicklich erscheint auf dem SISC eine neue Alarmbox:


        FP-REACTOR FAILURE - ADVISE RESTART

"Was?" schreit Wellington, "Was haben Sie da gemacht?"

"Das war ..." sage ich, und Cordula vollendet den Satz: "der falsche Treiber."

Wir sehen uns an. Wir alle wissen: Wenn wir tatsächlich den Reaktor abgeschossen haben, dann wird es jetzt schwierig. Dann wird nämlich auch gleich der Computer ausfallen.

Und dann geht nichts mehr.


        ********        ********

        37.     Startup


Die Stille, als der Strom nach einigen Minuten schließlich ganz wegbleibt, hat etwas Endgültiges. Nur das Notlicht bleibt übrig. Die Bildschirme erlöschen. Der Rechner ist tot. Es ist, als ob man in ein Grab hineingestoßen wurde, und jetzt hat jemand hinter uns den Stein vor die Tür gerollt.

Was es genau war, wissen wir nicht. Ein Ventil zu den Primärkreisläufen. Druckabfall erzwingt sofort weitere drucksenkende Maßnahmen, damit der Reaktor nicht beschädigt wird. So etwas geht blitzschnell - dieser Reaktor ist sicher. Der Computer sorgt dafür.

Und ebenso sicher ist er jetzt nicht mehr in Betrieb.

"Exitus." sagt Fahlenbeek.

"Noch nicht." sage ich.

"Aber der Reaktor - und die Dateien, die beim Systemzusammenbruch nicht geschlossen worden sind ..."

"Das weiß ich nicht. Ein Echtzeitbetriebssystem sollte in dieser Hinsicht etwas robust sein!" sage ich. Glaube ich. Hoffe ich.

Das heißt - eigentlich muß es ja so sein: Selbst wenn dem Rechner erst eine Sekunde, bevor die Stromversorgung ausfällt, der entsprechende Hardware-Alarm gegeben wird, dann haben diese wahnsinnig schnellen Prozessoren noch Zeit genug für Milliarden von Befehlen - jeder von ihnen. Das sollte reichen, um alle Aufräumarbeiten innerhalb des Computers zu erledigen. Also sollte sich das System in einem halbwegs definierten Zustand befinden.

Cordula ist über ihrer Tastatur zusammengebrochen und weint. Die, die sonst noch in der Zentrale sind, sind mucksmäuschenstill. Nein, stimmt nicht - da weint noch jemand. Und die meisten keuchen. Wie hoch wohl der Kohlendioxid-Gehalt schon angestiegen ist? Es wäre viel leichter, wenn wir es nur mit dem CO2 zu tun hätten, das wir selber ausatmen.

Dazwischen hört man auch das Geräusch tropfenden Wassers - einige von der Besatzung sind jetzt von vorne zu uns in die Zentrale gekommen. Sie sind pudelnaß - einziges Resultat der vergeblichen Bemühungen, das Ventil manuell zu schließen.

Plötzlich fällt mir ein, daß es noch einen Effekt gibt, der im Wettlauf mit anderen Effekten uns das Leben erst schwer und dann unmöglich machen wird: Das eindringende Wasser wird die Restluftmenge adiabatisch komprimieren. Das bedeutet Erhitzung - zusätzlich zu der von außen hereindringende Hitze. Wie das Ganze mit der Wärmekapazität des Schiffes selbst wechselwirkt, kann ich jetzt nicht überblicken.

Aber wieso ist es eigentlich so still geworden? Da fehlt doch etwas!

"Was wollen wir denn noch machen. Wir müssen Reaktor und Rechner hochfahren. Schaffen wir nie mehr rechtzeitig!" Fahlenbeek sollte eigentlich, seiner Führungsposition gemäß, etwas mehr Optimismus und Entschlossenheit zeigen, denke ich. Fällt denn niemandem außer mir die Stille auf?

In diese Stille hinein geht die Tür zwischen zentralem Niedergang und Zentrale auf. Natalie steht da, gebeugt, weil die Tür so schief wie alles andere ist. Wo war sie denn die ganze Zeit? Ist sie etwa unter dem Turmluk gewesen? Hat sie instinktiv den Platz gesucht, von dem man das Boot am schnellsten verlassen könnte - wenn man sich nicht gerade in 6700 Metern Tiefe befände, wie wir es tun, sondern an der Oberfläche?

"Was ist denn los?" fragt sie, auch außer Atem, "das Licht ging plötzlich aus. Und der Lärm da vorne hat auch aufgehört!"

Einen Moment brauchen wir, um zu begreifen.

"Natürlich," sagt Fahlenbeek, "das Ventil! Ein Ruheventil! Ohne Strom ist es zu!"

Ich balanciere mich über den schrägen Boden der Zentrale zu Cordula hin, was durch die finstere Beleuchtung nicht unbedingt einfacher wird:

"Cordula! Was ist denn? Heul doch nicht - die Tastatur korrodiert nur! Hast du nicht gehört, was sie eben gesagt hat?"

Cordula blickt auf.

"Ja." fahre ich fort, "Du hast zwar das Herz des Schiffes angehalten. Aber die Pore ist zu - wir haben einen Aufschub!"

Sie scheint es immer noch nicht zu glauben.

"6700 Meter sind es bis nach oben. Ein Druck von 684 Bar - und wir sind immer noch stärker. - Du hast das Schiff gerettet, Cordula! - Fürs erste, jedenfalls."

"Du Arschloch." sagt sie.

Unlogisch - Frauen. Das hat man davon, wenn man das Prinzip verfolgt, Frauen nicht zu sehr zu loben, oder wenigstens immer nur mit Einschränkungen: Sie wollen vorbehaltlos gestreichelt werden. Alle.

Aber vielleicht hat sie recht. Wir haben jetzt bloß ein bißchen mehr Zeit - aber ob die reicht, Reaktor und Rechner wieder anzufahren, und danach all die anderen Systeme des Schiffes? Ohne dabei das Ventil da vorne wieder aufzumachen?

"Hörst du," sage ich, "du mußt jetzt durchatmen. Du erstickst nicht, das kommt dir jetzt nur so vor. Wegen dem Kohlendioxid. - Wir schaffen es schon. Wir müssen es schaffen!"

"Wegen des Kohlendioxides." sagt sie, "Genitiv." Sie richtet sich wieder auf: "Ich weiß aber nicht, wie man den Rechner auf die Batterien legt."

Es ist fast schon wieder beruhigend: Wenn Cordula einem die Grammatik korrigiert, dann ist sie noch nicht am Durchdrehen.

Dabei gäbe es Grund genug zum Durchdrehen. Ich stelle mir unsere Lage vor - wie sieht es jetzt von außen aus? Es sieht gar nicht mehr aus, weil die Außenscheinwerfer nicht mehr in Betrieb sind. Das Boot liegt auf dem Grunde einer völlig finsteren Höhle, auf sehr unebenem Untergrund, wie wir alle merken. Hier drinnen noch die Notlichter, ein Drittel des Bootvolumens voller urinwarmen Seewassers. Keine Klimaanlage in Betrieb, keine Ventilatoren. Dafür das Kohlendioxid aus dem Seewasser, das dabei ist, auch in die hinteren Räume zu dringen. Reaktor aus, Computer aus. Letztere sind teilweise schon unter Wasser. Unter Salzwasser. Und viele andere sensible Geräte auch. Nicht einmal eine Temperaturmessung kriegen wir jetzt noch von draußen.

Und die Trägheitsnavigation - behält die ihre Einstellung ohne Energie? Ich weiß es nicht. Ich sehe Wellington an. Alle sehen Wellington an. Der denkt nach, erleichtert wie wir alle, daß das Ventil zu ist. Aber nur ein bißchen erleichtert. Kriegen wir das Boot wieder hin?

Ich spüre und rieche die Schweißfeuchte. Das würde eine funktionierende Klimaanlage niemals zulassen. Und das wird jetzt immer schlimmer werden.

Warum sind solche Unglücke immer von Schweiß und Dreck begleitet, frage ich mich. Dahinter muß sich ein universelles Prinzip verbergen - nur welches? Zunahme der Projektentropie? Theorie. Die Praxis ist das havarierte Boot. Ins Bett legen, ausheulen und das Unglück ignorieren - geht auch nicht: fast alle Kabinen sind überflutet.

Vielleicht, denke ich, kann man das Schicksal mit dem Murphy-Prinzip bestechen: Wenn wir das Boot wieder flottkriegen, dann müssen wir alles saubermachen - die ganze vordere Bootshälfte. Tausend Kleinigkeiten reparieren. Alle Textilien waschen. Alle Schränke umräumen. Wir alle werden tagelang beschäftigt sein. Das ist eine so ärgerliche Sache, daß es eigentlich eintreten muß.

"Wo ist der Kupferdraht?" fragt Wellington, "Ich glaube, wir kümmern uns zuerst und ganz schnell um den Reaktor."

"Wir sollten uns ganz schnell um den Rechner kümmern!" widerspreche ich, "Denn ohne den läuft nichts! - Auch nicht der Reaktor!"

"Ich möchte aber, daß wir zuerst den Reaktor hochfahren!"

"Geht doch nicht!"

"Homberg, noch gebe ich hier die Befehle!"

"Nein! - Sie geben hier die Befehle nicht! Jener brilliante Mitarbeiter, der den SISC-Dämonen lahmgelegt hat, der Phantomprozesse oder einen Shutdown starten kann, ob wir das wollen oder nicht, und der Ventile zu den Regelzellen aufmachen kann, ob wir das wollen oder nicht, und der das Boot zu einem Krüppel gemacht hat, der gibt hier die Befehle!"

Wellington sieht mich mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck an. Alle anderen schweigen. Bin ich zu weit gegangen? Kommt jetzt ein Wutausbruch? Nein, offenbar nicht. Er ist nicht einmal wütend, oder er verbirgt das hervorragend. Er mißbilligt, allen deutlich sichtbar, mich, oder das, was ich gesagt habe.

Vielleicht war es tatsächlich nicht sehr geschickt, vor aller Ohren klar auszusprechen, daß wir eventuell einen gemeingefährlichen Saboteur an Bord haben. - Andererseits sollten doch alle gewarnt sein, oder? Der Saboteur weiß ja sowieso, was er tut.

Kupferdraht drängt sich nach vorne. "Homberg, reg dich nicht auf!" sagt er, "Natürlich kann man den Reaktor ohne den Bordrechner hochfahren!"

"Das wäre mir neu!"

"Habt ihr in München denn nicht die Pläne des Schiffes gelernt? - Der Reaktor hat einen eigenen Computer, genau für den Zweck des Hochfahrens!"

"Das ist mir neu." sage ich. Nicht direkt kleinlaut - es ist mir tatsächlich neu. Aber ist das meine Schuld? Es ist jetzt nicht die Zeit, darüber zu diskutieren, daß wir, sogar bis zu diesem Zeitpunkt, durchaus nicht alle Einzelheiten des Schiffes und seiner Konstruktion kennenlernen konnten. Außerdem habe ich im Moment den Eindruck, daß die Kenntnis dieses dedizierten Computers hier an Bord nicht sehr verbreitet ist - ich brauche mir nur die anderen Gesichter anzusehen: Wo kämen denn sonst die Ausdrücke von Verwunderung und Erleichterung her?

Wellington blickt mich immer noch an: "Dürfen wir also den Reaktor hochfahren - mit Ihrer gütigen Genehmigung, Herr Homberg?"

"Ja, wenn Herr Kupferdraht sagt, daß das möglich ist ..."

Wellington sieht Kupferdraht an. "Kein Problem," sagt dieser, "der Reaktor ist vollkommen in Ordnung. Sauber heruntergefahren. Zwar schnell, aber sauber. Kein Grund zur Aufregung."

'Kein Grund zur Aufregung', denke ich: ein Drittel des Bootes voll Wasser, in 6700 Meter Tiefe, aber kein Grund zur Aufregung. Naja.

Kupferdraht und Colbert verschwinden nach hinten, in ihre Maschinenräume. Andere vom nautischen Personal folgen ihnen. So ungefähr kriege ich mit, was geschieht: Jetzt müssen erst einmal von Hand alle möglichen Verbraucher von der Stromverteilung getrennt werden. Dann, wenn der Reaktor tatsächlich wieder laufen sollte, kann man sukzessive alles wieder zuschalten, jeweils so, daß Computersteuerung noch nicht notwendig ist. Oder erst der Computer und dann die anderen Verbraucher? Ich weiß das jetzt nicht.

Amerlingen und Fahlenbeek unterhalten sich, an den widersinnig schiefen Koppeltisch gelehnt, über das Wiederanfahren des Reaktors. Ich höre genug, so daß ich begreife, wie das Wiederanfahren funktionieren soll.

Das mit dem eigenen Computer für den Reaktor war natürlich übertrieben - hätte mich auch gewundert. Es gibt Pumpen, mit denen man die gestaffelten Druckwerte für die verschiedenen Schwer- und Leichtwasserkreisläufe aufbauen kann. Diese Pumpen kann man im allerschlimmsten Falle sogar von Hand bedienen - nämlich, wenn in den Batterien kein Funken Energie mehr übrig ist. Man muß nur sehr lange kurbeln.

Damit das funktioniert, müssen sämtliche Stellglieder, die normalerweise vom Computer gesteuert werden, manuell blockiert werden. So etwas ähnliches wie Kaskaden von Überdruckventilen sorgen dann dafür, daß nirgends die Differenzdrucke zu groß werden.

Wenn der Schwerwasserdruck im Primärkreislauf groß genug ist, dann fängt die Fleischmann-Pons-Reaktion an und die Temperatur im Primärkreislauf steigt. Bis dahin ist es noch einfach, und man kommt im Prinzip ohne Strom aus.

Nun aber, sowie der Reaktor heiß wird, wird es gefährlich: Er darf ja nicht zu heiß werden, weil sonst das aktive Material ausheilt und der Reaktor dadurch unbrauchbar wird. Gerade aber dann, wenn ein Fleischmann-Pons-Reaktor anfährt und noch nicht seine Betriebswerte erreicht hat, ist er sehr unstabil: Temperaturerhöhung führt zu Druckerhöhung führt zu Erhöhung der Reaktionsrate führt zu Temperaturerhöhung. Dazu kommt, daß die Turbinenkreisläufe noch nicht so richtig arbeiten und den Reaktorkern noch nicht kühlen. Auch die Umwälzpumpen des Primärkreislaufes arbeiten noch nicht. In dieser Situation ist eine schnelle Druckregelung erforderlich. Normalerweise kann das nur ein Computer.

Wenn man es aber doch manuell machen muß, dann müssen Präzisionsüberdruckventile den Druck im Primärkreislauf auf einen Wert begrenzen, bei dem nur eine sehr geringe Energieerzeugung pro Volumeneinheit des aktiven Materials möglich ist. Dann ist es möglich, daß der Reaktor aus eigener Kraft seine Betriebstemperatur erreicht, und daß dann die natürliche Konvektion der verschiedenen Kreisläufe die erzeugte Wärme abführt. Mit minimaler Leistung läßt sich dann eine der Turbinen betreiben, und mit dem Strom kann man dann die Umwälzpumpen des Primärkreislaufes in Betrieb nehmen und so der Gefahr lokaler Überhitzungen entgegenwirken, und dann hat man noch ein bißchen Strom übrig.

Je nach Geschick desjenigen, der den Reaktor manuell hochfährt, werden dabei mehr oder weniger große Mengen Schwerwasserdampf in die Schiffsatmosphäre abgelassen - was für uns nicht weiter schlimm ist - und vielleicht Teile des aktiven Materials beschädigt - was sehr schlimm ist. Außerdem hat man nur die geringe Leistung. Der manuelle Betrieb des Reaktors sollte deshalb nur ganz kurzzeitig erfolgen.

Und es gibt noch einen Grund, den manuellen Betrieb nicht zu lange aufrecht zu erhalten: Man hat noch keine Energie für die Schwerwasserproduktion übrig, während man ja eventuell eine ganze Menge davon durch die Überdruckventile verliert, und die Heliumentfernung aus dem Primärkreislauf ist auch noch nicht möglich. Beide Effekte begrenzen den manuellen Betrieb des Reaktors ganz beträchtlich, aber Amerlingen weiß keine genauen Zahlen darüber, wieviel Zeit man nun wirklich hat.

Sowie man einen Computer mit funktionsfähiger Software für den Reaktor hochgefahren hat, wird es noch einmal kompliziert, weil man eigentlich simultan sämtliche Stellglieder auf den Rechner schalten muß. Da hat der Reaktoringenieur noch einmal viel zu tun. Wenn das aber gelungen ist, sollte man wenig später wieder die volle Leistung des Reaktors zur Verfügung haben.

Daß das Ganze doch nicht so einfach ist, sehe ich daran, daß Amerlingen Zeit hat, Fahlenbeek - und damit auch mir - das ganze Verfahren zu erläutern, ohne daß es Hinweise gibt, daß schon Resultate erreicht worden sind. Die Luft wird immer stickiger und schwüler. Die meisten, die jetzt nichts zu tun haben, haben sich irgendwo hingesetzt, in die Sessel, in die Winkel zwischen Fußboden und Computerkonsolen. Wo man eben nicht wegrutscht.

Vivian Grail hat sich zu der Küchennische hinter dem nun blinden Frontschirm gehangelt und kramt dort herum. Viel wird sie ohne Wasser und Strom nicht machen können. Es kann auch sein, daß sie instinktiv merkt, daß man durch Bewegung eventuell den Kohlendioxidgehalt des Blutes ein bißchen senken kann, weil man das im eigenen Organismus erzeugte CO2 so besser rauskriegt. Ob das aber stimmt, das weiß ich nicht - alle chemischen Gleichgewichte müssen sich geändert haben, weil der Druck im Boot um 50 Prozent gestiegen ist - höherer Partialdruck des Sauerstoffes, des Stickstoffes und so weiter.

Zusätzlich zu der jetzt hohen Konzentration mit CO2 und der Luftfeuchte von fast hundert Prozent werden wir demnächst Schwerwasserdampf einatmen, wenn dieses beim Wiederanfahren des Reaktors in die Bootsatmosphäre gelangt. Ob das vielleicht sogar schon der Fall war, weiß ich nicht. Kommt auf die Menge an, ob wir davon etwas merken.

Apropos Schwerwasser - sowie der Bootsbetrieb wieder läuft und die Rohstoffe für den Bootsbetrieb aus dem umgebenden Wasser gewonnen werden können, werden wir Verluste an Schwerwasser leicht ausgleichen können - noch ist draußen die übliche Schwerwasserkonzentration vorhanden, die wir von der Erdoberfläche kennen: jedes 5000-ste Wasserstoffatom ist ein Deuteriumatom. Wäre es anders, dann wären wir darüber schon aufgeklärt worden.

Aber was ist mit dem Deuteriumgehalt der Ozeane in der Welthöhle? - Mit unseren Sinnesorganen konnten wir vor zwei Jahren nicht herausfinden, ob das Wasser dort den üblichen Bestandteil an Schwerwasser hatte. Zwar weiß ich, wie jeder, der sich mal mit Kosmologie beschäftigt hat, daß sich, den gängigen Theorien nach, in der Anfangszeit des Universums ein gewisser Prozentsatz des Wasserstoffes zu Helium und Schwerwasser umgewandelt hat. Das betrifft auch allen Wasserstoff, der bei der Konglomeration der Planeten in diese mit eingebunden wurde, ob nun chemisch gebunden oder frei. Aber es sind Vorgänge denkbar, die die Konzentration von Schwerwasser ändern können, und ich weiß, daß in der Welthöhle solche Vorgänge eine Rolle gespielt haben müssen. Woher sonst das Süßwasser in den Meeren der Welthöhle?

Ich muß irgendwann Wellington drauf aufmerksam machen. Ich glaube eher, daß das eine nur prinzipielle Möglichkeit denn eine wirkliche Gefahr ist. Aber es wäre fatal, in die Welthöhle ohne Reservevorräte an Deuterium einzufahren und erst dann festzustellen, daß wir dort kein Deuterium gewinnen können.

Lassen wir die potentiellen Probleme - wir haben im Moment dringendere Sorgen. Ich betrachte meine Umgebung wieder aufmerksamer.

Die meisten, die sich im Moment in der Zentrale aufhalten, haben nichts zu tun - Zwangspause. Cordula hat sich offenbar wieder gefangen. Das ist gut - um das System hochzufahren, werden wir sie dringend brauchen. Da fällt mir etwas ein:

"Cordula, wenn wir das System neu hochfahren, können wir es dann nicht ebensogut gleich ganz neu einspielen? Damit könnten wir den Supersuperuser in Rente schicken!"

Sie blickt mich leicht empört an: "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen brauchen wir jetzt als allerletztes!"

"Nanana," sage ich, "so schlimm kann das doch nicht sein! Außerdem lernen wir dabei eine Menge Dinge kennen, ganz zwangsläufig! - Ist immer so, wenn man das System von scratch auf neu organisieren muß."

"Willst du auch ein neues Dateisystem einrichten?"

"Ne, eigentlich nicht. Das müssen wir so übernehmen, wie es ist. Aber das soll ja möglich sein, oder?"

"Also von 'scratch auf' ist das dann schon mal nicht."

"Reicht doch, wenn die System-Verwaltungsdateien neu angelegt werden!"

"Ach ja. Und welche sind das?"

"Es werden wohl ein paar mehr sein, verglichen mit einem normalen UNIX-System." gebe ich zu.

"Und wo liest man das nach, welche das sind?"

"In den man-pages - Scheiße."

Sie hat natürlich recht. Die vollständigste Dokumentation über das Gesamtsystem ist erst dann zugänglich, wenn der Rechner wieder läuft - vorher nicht. Dann brauchen wir sie aber nicht mehr, weil wir bei einem funktionsfähigen System kaum eine vollständige Systemgenerierung starten wollen - das wäre dann nicht mehr verantwortbar.

"Also werden wir den Supersuperuser so nicht los." vermute ich.

"Vielleicht, wenn wir uns erst etwas besser damit auskennen." sagt Cordula, "Da müssen wir aber noch viel in der Dokumentation rumschmökern. - Wo bleibt denn nun der Strom?"

"Weiß ich nicht," sage ich, "es ist vielleicht noch komplizierter, einen FP-Reaktor wieder hochzubringen als ein PRO-UNIX-System."

"Wird schon werden." wirft Amerlingen ein. Klingt irgendwie nicht überzeugt. Oder überzeugend.

22 Uhr vorbei. Wieder schweißgetränkte Stille. Mief. Feinverteilte Furzluft. Alle hecheln. Erwin hat sich gar nicht in unsere Diskussion eingemischt. Endweder, er leidet mehr unter der stickigen Luft als Cordula, oder für Cordula ist ein Streitgespräch ein Gesundbrunnen. Daraus ließe sich wieder eine verallgemeinernde Aussage über Frauen schnitzen. Mir ist aber jetzt nicht nach Rabulistik zumute.

Gabi steht in ihrer Ecke nahe der Eingangstür nach vorne, zum zentralen Niedergang hin, und hat sich an die Wand gelehnt. Sie hat überhaupt noch kein Wort gesagt. Als ich bemerke, daß sie ihr Kleid wieder hochgeschlossen trägt, fällt mir unsere Malstunde von vorhin wieder ein. Nun sind ihre Brustwarzen umsonst zartrosa getönt. Ist das tatsächlich erst fünf Stunden her? Sie blickt mich kurz unter ihrem Pony hervor an, aber da ist kein Zeichen eines besonderen Blickkontaktes - als ob der Vorfall von vorhin vollständig vergessen worden wäre. Ist er ja vielleicht auch - ich habe mich ja auch eben erst wieder daran erinnert.

Natalie sitzt nicht weit von ihr und sieht im Moment teilnahmslos den Boden vor sich an. Seltsam sitzt in ihrer Nähe, das aber ist wohl Zufall. Cohausz und Salzbach stieren Löcher in die Luft, ebenso der Pater. Serpinski und Spaliter reden miteinander, Wondrachek versucht, in seiner Raumkante zu schlafen - oder schläft sogar wirklich. Doktor Morton kramt in ihrer Krankenstation herum und ist deshalb nicht hier, und Gerald Amurdarjew ist wahrscheinlich bei ihr. Gute Idee, denke ich, in jenen Räumen dürfte jetzt die Luft noch etwas besser sein, weil da weniger Leute sind. Warum ist denn sonst niemand auf die Idee gekommen?

Einen Moment lang denke ich daran, daß es gut ist, daß Irene mit ihrem nicht besonders robusten Kreislauf jetzt nicht bei uns ist. Dann aber denke ich auch daran, daß sie dann ja noch am Leben und damit vergleichsweise besser dran wäre als das tatsächlich der Fall ist. - Geplant war es ja so, daß sie in Ullapool zurückbleiben sollte - wenigstens eine, der es jetzt gut ginge. Vielleicht würde sie noch dem BBC-Programm folgen, vielleicht wäre sie schon auf dem Weg ins Bett. Sie wüßte nichts von uns und unseren momentanen Schwierigkeiten. Sie würde eine allgemeine Sorge empfinden, mehr nicht.

22:30 Uhr. Wer war es? Wer ist das schwarze Schaf? Inzwischen habe ich eine neue Idee: Derjenige, an den die Direktive q78q99q gerichtet ist, sperrt sich dagegen, diese auszuführen. Bewußt oder unbewußt - das sind zwei Varianten dieser Idee - sabotiert er das Projekt, um so seinen Auftrag nicht ausführen zu müssen. Dabei nimmt er seinen und unser aller Tod in Kauf.

Diese Variante liefe darauf hinaus, daß wir es nur mit einem zu tun haben, über dessen Intentionen wir nicht alles wissen. Das ist aber kaum weniger gefährlich.

Jetzt sieht die Gabi mich an, streicht sich dabei selbst über die Brust, lächelt flüchtig - sie erinnert sich an vorhin. Wenig Chancen: Kaum noch eine Kabine über Wasser. Ich grinse schief zurück.

Colbert kommt aus dem Gang zwischen den Krankenrevieren hervor:

"So, bei uns läuft es - wir schalten jetzt den Rechner zu!"

Cordula strafft sich, setzt sich aufrecht vor ihren Bildschirm - wobei 'aufrecht' im Moment ein sehr diagonales Konzept ist.

Kaum, das Colbert wieder verschwunden ist, flackern die Displays aller Bildschirme. Dann tauchen auf allen gleichlautende Texte auf:


        ELECTRIC BOAT COMPANY BIOS V7.3

        FINAL RELEASE 1998-07-01

        TESTING PROCESSORS AND MEMORY BOARDS ...

Die Schriftart ist einfach. Das BIOS kennt noch keine ausgefeilten Fonts.


        TEST OKAY. CONFIGURATION ...

"Heißt das, daß der Computer bis jetzt keinen Schaden gelitten hat?" frage ich.

"Weiß ich nicht." Cordula macht eine umfassende Geste: "Die meisten UNIX-Ableger fahren sich selber hoch, ohne daß man im Normalfall eingreifen muß."


        CONFIGURATION DONE

        VERIFYING BASIC ROOT SYSTEM ...

        LOADING SYSTEM KERNEL ...

        PRO-UNIX V15.98 STARTED

        OEM-VERSION ELECTRIC BOAT COMPANY

        ROOT PROCESS STARTED

        VERIFYING ROOT SYSTEM ...

        CRONTAB 7777775227

"Was soll das?" frage ich, "Startet er jetzt alles, ohne uns zu fragen?"

"Weiß ich doch nicht!"


        PRINT SERVICES STARTED

"Haben wir etwa Drucker an Bord?" frage ich, "Das wäre mir neu!"

Niemand antwortet mir. Alle beobachten die Selbstgespräche des erwachenden Betriebssystems.


        VERIFYING PORTS AND LINES

        MOUNTING: /usr00 /usr01 /usr02 /usr03

Die 'MOUNTING ...' Meldungen rauschen rasch über die Bildschirme, so rasch, daß man kaum sehen kann, welche Dateisysteme nun alle angeschlossen werden. Nur der regelmäßigen Struktur der Muster auf den Bildschirmen kann man entnehmen, daß sich unter diese Meldungen offenbar keine Fehlermeldung gemischt hat. Dann geht es weiter:


        VERIFYING COMPLETE FILE SYSTEMS ...

        FILE SYSTEMS OKAY

Interessant. Das Dateisystem hat durch das plötzliche Herunterfahren des Systems keinen Schaden genommen. Wie ich dachte: Das muß ein Echtzeitbetriebssystem, das diesen Namen verdient, abkönnen.

Und wieder ein Wortschwall - das System erzählt, welche Dämonen gestarted werden. Ich weiß wirklich nicht, ob das nur die systemspezifischen Programme sind, oder ob jetzt schon die Software für die technischen Einrichtungen des Schiffes gestartet wird.


        INSTALLING GRAPHICAL USER INTERFACE

Von einem Moment zum anderen wird die Hellgrün-auf-Dunkelgrün Darstellung durch ein Fenster ersetzt. Das geschieht auf jedem Bildschirm. In diesem Fenster erfolgen von nun an die Mitteilungen des Systems in einer anständigen, gut lesbaren Schrift, schwarz auf weiß, wie es sich gehört. Die erste Mitteilung ist:


        please ROOT login:

"Kleinschrift!" sage ich, "Er wird erwachsen!"

"Davon haben wir nichts. Er will als ersten User den Supersuperuser haben!" sagt Cordula.

"Das wird er schon merken, daß du das nicht bist!"

Cordula versucht, sich als der Supersuperuser anzumelden. Da sie das Paßwort nicht kennt, tippt sie irgend etwas ein. Natürlich gelingt die Anmeldung nicht. Dann geht sie als der normale Systemverwalter 'root' rein. Das geht, denn das Paßwort kennen wir ja. Kaum, daß sie das getan hat, verschwinden auf allen anderen Bildschirmen die Fenster.

Eine einfache Dialogbox springt in der Bildschirmmitte auf. Ihre Bedeutung ist deutlich:


        Ship Services Selection

        A       Start all

        O       Stop all

        L       Listscript

        S       Start selected ones

        N       No Ship Services

"Großartig!" sage ich, "Es läuft noch nichts. Wir können die Reaktorsoftware allein starten!"

"Du merkst aber auch alles!" knurrt Cordula. Sie führt den Mauszeiger auf 'S' und klickt. Kurz darauf kriegen wir reichhaltige Auswahlboxen zu sehen: Die zahllosen Systeme des Schiffes können nun separat von uns markiert und so gestartet werden.

"Das ist ja fast wie Weihnachten!" sage ich. So denke ich auch: Wir können vermeiden, den Server zu starten, der uns wieder das Ventil zu der Regelzelle da vorne aufmacht.

"Halt doch mal den Mund! Oder weißt du, was ich für den Reaktor brauche?"

"Nein. Weiß ich nicht. Gehen wir's doch mal durch - oder wir fragen Colbert oder Kupferdraht!"

Amerlingen mischt sich ein: "Das ist wenig erfolgversprechend - die beiden haben auch immer nur mit dem laufenden System gearbeitet. Aber ist das da nicht selbsterklärend?"

Wir gehen die angebotenen Menüpunkte durch. Aus der Bezeichnung heraus kann man in der Tat erraten, wozu die einzelnen Programme gut sind. Ein Beweis ist das natürlich nicht - niemand hindert einen daran, ein Programm, das einen Reaktor steuert, 'Kühlschrank' zu nennen. Ich nehme zwar kaum an, daß solche Fehler bei der Namensgebung der Systemkomponenten gemacht worden sind, aber immerhin kann ein Programm ja auch nachträglich umbenannt werden.

"Das da," sagt Cordula und fuhrwerkt mit dem Mauszeiger über den Bildschirm, "das hört sich gut an: 'FPR-master'. Wollen wir es probieren?"

"Was kann man noch alles mit 'FPR' abkürzen, außer 'Fleischmann-Pons-Reaktor'?" frage ich. Müßige Überlegung - wenn wir zu vorsichtig sind, werden wir nie etwas erreichen.

"Probieren sie's." sagt Amerlingen. Wellingten, der unseren Tätigkeiten auch folgt, nickt.

Kaum, daß Cordula diesen Menüpunkt ausgewählt und den 'Okay' Button angeklickt hat, erscheint eine große Dialogbox.

Es ist in der Tat die Reaktorsoftware. Wir werden noch einmal um Bestätigung gefragt, ob wir dieses Programmsystem tatsächlich starten wollen, als Cordula dem Programm ihre Zustimmung mitgeteilt hat, bekommen wir sofort eine dicke Dialogbox gezeigt, in der aufgelistet ist, welche Servoeinrichtungen des Reaktors nicht mehr unter der Kontrolle des Rechners stehen. Das ist genau das, was zu erwarten ist - es ist ja alles mögliche auf manuell geschaltet worden.

Was ich im Moment nicht ganz verstehe, ist, wieso wir im momentanen Zustand des Betriebssystems so sicherheitsrelevante Software wie die Reaktorsteuerung starten können, ohne die Paßwörter zu kennen, mit denen man erst zur Steuerung des Schiffes authorisiert wird. Ich überblicke es noch nicht ganz - aber da scheinen mir einige Sicherheitslücken zu sein. Naja, das, was bis jetzt passiert ist, deutet ja auf meh