Strato-Scope


Josella Simone Playton


Die Ballonhülle sieht makellos aus. Technik in ihrer höchsten Vollendung. Stolz des Wissenschaftlichen Rates der Europäischen Gemeinschaft. Noch mehr Grund zum Stolz hat der Europäische Steuerzahler, der dieses gigantische Himmelsei und die Nutzlast, die darunterhängt, finanziert hat. Der Tubus des 12 Meter-Teleskopes, dessen ganze Länge von 100 Metern auf der Erdoberfläche aufgestellt einen gewaltigen Turm darstellen würden, erscheint, verglichen mit der 120 Meter durchmessenden Ballonhülle darüber, etwas groß - aber man sieht ihm seine extreme Leichtbauweise ja auch nicht an. Und trotz der großen Abmessungen erscheint der Ballon verloren über der arktischen Eiswüste zu schweben. Die weiße Hülle erscheint in den Lichtresten, die die dicht unter dem Horizont stehende Sonne gerade noch spendet, stahlblau.

TEST: The European Stratospheric Telescope. Die europäische Antwort auf die immensen Kosten des Hubble-Teleskopes, seine aufwendige Positionierung und Wartung mit dem Shuttle und seinen, verglichen mit diesem Instrument, doch bescheideneren Leistungen. TEST treibt in 13 bis 15 Kilometern Höhe, vorzugsweise in polaren Regionen, und ist damit deutlich über den meisten Störungseinflüssen, die den Betrieb eines astronomischen Teleskopes auf der Erdoberfläche behindern.

Begeben wir uns doch in die kleine Wartungsstation zwischen dem Ballon und dem darunter hängenden Teleskop! Beobachten wir die Besatzung bei ihrer anspruchvollen Arbeit mit dieser Speerspitze europäischer Hochtechnologie! Hören wir zu, wenn hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen das Wissen und die intellektuellen Horizonte der Menschheit mit jedem Tag erweitern! Nehmen wir teil an einer Welt, in der zu arbeiten nur Wenigen vergönnt ist.

"Scheiße, verdammte."

Das ist Major Doktor Sabine Daniels. Sie ist Meteorologin und Berufsoffizier. Meteorologin, weil es kaum noch jemanden gibt, die es wagen würde, ein so brotloses Fach wie Astronomie zu studieren und dann auch noch in diesem Metier zu arbeiten. Berufsoffizier, weil die Europäischen Streitkräfte stark zusammengeschrumpft worden sind, um Geld zu sparen, daß etwa mit dem TEST-Projekt soviel sinnvoller ausgegeben werden kann, und weil es kaum Karriere-Chancen in den eigentlichen Streitkräften gibt, weil die Europäischen Truppen immer wieder heim müssen, wenn es irgendwo auf der Welt spannend wird: Die Soldatinnen Europas haben die bestgebügelten Uniformen und die gewählteste Ausdrucksweise, dafür aber die geringste Kampferfahrung unter ihren Berufskolleginnen auf der ganzen Welt.

"Relax!"

Das ist Sonja. Sonja ist eine Maschine, denn Major Sabine Daniels ist die einzige menschliche Besatzung des TEST (bei diesem Fluggerät in der Hochatmosphäre muß man auf jedes Gramm achten). Sonja koordiniert alles, von der Navigation des Ballons bis zur Ausrichtung des Teleskopes und bis zur Auswertung der Aufnahmen. Sonja's vielfältige Funktionen erfordern eine extrem kommunikative Schnittstelle zur Besatzung des TEST. Man kann mit ihr reden wie mit einem Menschen. Genaugenommen wie mit einem *weiblichen* Menschen, denn aus irgendeinem Grunde haben die Programmierer (oder Programmiererinnen) von Sonja angenommen, daß ein Mann die Besatzung darstellen wird. Das war natürlich unüberlegt, denn erstens ist eine Frau gemäß den europäischen Gehaltsrichtlinien viel billiger, und zweitens im Allgemeinen auch leichter. Sabine würde das alles nicht stören, aber Sonja kokettiert gerne (Also doch Programmierer). Das geht Sabine ziemlich auf die Nerven.

"Da kommt eine ziemliche Front heran. Thule hat es schon erreicht. Ärgerlich." sagt Sabine mehr zu sich selbst. Sie ist unruhig - zwar ist das eine der wenigen Situationen, in der man Meteorologie - Know-How tatsächlich anwenden kann. Diese Front bedeutet zwar nicht, daß das Teleskop so schwanken wird, daß dies nicht mehr elektronisch ausgleichbar ist - die Turbulenzen polarer Fronten reichen nicht soweit rauf - aber die Windrichtungen werden sich auf jeden Fall verändern, und das heißt, daß das Teleskop in unerwünschte Richtungen abdriften kann.

Zur Zeit ist es sowieso schon sehr weit südlich, wie der fahlgrüne Schimmer am Horizont beweist. Auch andere Richtungen sind unerwünscht, weil man natürlich auch Gebiete mit größerer Nordlichtaktivität vermeiden möchte.

"Relax. Don't worry. Be happy. Dear Miss Daniels, my devotion ..."

"Habe ich nicht gesagt, daß ich Kommunikation in Deutsch wünsche?" Sabine wird so laut, daß Sonja sich angesprochen fühlen muß.

"Sorry. Don't understand. Relax. Don't worry. Be happy. Dear Miss Daniels, my ..."

"GERMAN!!"

"Affirmativ. Entspannen Sie sich. Liebes Fräulein ..."

"STILL!!!"

Sonja ist endlich still. Sabine gönnt sich den Luxus, eine Zeitlang nur durch eins der kleinen Bullaugen der Druckkabine hinauszustarren. Die dämmrig-finstere Weite draußen, der Sternhimmel - das alles gibt einen scharfen Gegensatz zu diesem mit Geräten vollgestopften Raum, in dem man sich jede Bewegung überlegen oder eine Resistenz gegen blaue Flecken zulegen muß.

Sie hätte habilitieren können, denkt sie. Ganz anderes Forschungsthema. Und ein Leben auf festem Boden. Familie, vielleicht Kinder anstatt dieser renitenten Sonja. Sie hätte an einer Stelle ihrer Karriere einmal etwas flexibler sein müssen. Jetzt macht's jemand anderes, und für sie ist dieser Job übriggeblieben.

Sonja ist immer noch still. Sabine redet langsam: "Wenn wir einen neuen Tag anfangen, heißt das nicht, daß die Kommunikations - Parameter zurückgesetzt werden! Verstanden? Wir sprechen Deutsch. Und meine Anrede ist 'Sie', und 'Major'! Verstanden? Oder 'Doktor'. Aber nicht: 'Fräulein'! - Verstanden? - Auch eine Kombination zwischen diesen Anrede-Modi ist möglich!"

Sabine würde nie auf die Idee kommen, auf eine bestimmte Anrede zu bestehen - bei einem Menschen. Aber diese Maschine mit ihrer vor Erotik triefenden Stimme, die hat gefälligst zu spuren.

Ihre Hände wirbeln über eine Tastatur. Manche Dinge lassen sich so besser formulieren als über das gesprochene Wort. Windmuster in Abhängigkeit von der Flughöhe. Die Lage scheint so schlimm nicht: Nur wenig höher würde das Teleskop weiterhin in die gewünschte Richtung treiben.

"Gut." sagt sie, nachdem sich ihr Blutdruck wieder normalisiert hat. "Wir müssen weiter rauf. Was können wir im Moment tun?"

"Ich stelle zusammen, Fräulein Doktor."

"Nein!"

"Nicht? Widerrufen Sie die eben gegebene Anweisung?" Sonja's Stimme läßt wohlprogrammierte Enttäuschung erkennen.

Sabine erklärt noch einmal, welche Kombinationen von Anrede-Modi möglich waren und welche nicht. Dann zurück zum fachlichen Problem:

"Wir müssen höher. Was können wir tun?"

"Ich stelle zusammen, Major."

Na also, denkt Sabine. Es geht doch. Jetzt müßte man nur noch irgendwie den Schmalz aus der Stimme wegkriegen, aber das lassen Sonja's Konfigurationsmöglichkeiten einfach nicht zu.

"Aufheizen der Hazwo-Füllung auf 350 K bringt 1080 Meter. Horizontalausrichtung Tubus und Beheizung des Tubus bringt weitere 40 Meter. Absprengen Exkrementationseinheit bringt weitere 180 Meter. Exit menschliche Besatzung bringt ..."

"Ich gehe nicht von Bord," sagt Sabine bestimmt, "und der Tubus wird auch nicht beheizt. Wir machen nichts, was den Spiegel gefährdet. Weißt du, was der Spiegel kostet?"

"Kostenaufstellung Spiegel. Subsystem Eins. Halterung für adaptive Hilfspiegel. Aluminium-O-Ring Delta-D, Bauteil - Bezeichnung AF412, zwei Stück, Kosten Einzelstück ..."

"Sonja!"

"Ja, Major?"

Sabine holt Luft. Deutlich sagt sie: "Keine Kostenaufstellung! Weißt du, was eine 'rhetorische Frage' ist? Diese zum Beispiel auch!"

"Verstanden, Major."

Sonja schweigt. Offenbar hat sie diese selbstbezügliche Aussage tatsächlich verstanden. Oder ihr Denken vergurgelt jetzt gerade in nichtabbrechender Rekursivität.

"Würdest du bitte mit der Aufstellung der Möglichkeiten, wie wir an Höhe gewinnen können, fortfahren, wenn ich dich ganz nett darum bäte?" säuselt Sabine.

"Ja, das würde ich." säuselt Sonja zurück. Und schweigt wieder.

"Weißt du, was mir an einer Mitarbeiterin wie dir so gefällt?" fragt Sabine nach einer langen Folge spannungsgeladener Sekunden.

"Nein, Major?" Da ist tatsächlich ein richtig erwartungsvoller Unterton in Sonja's Stimme!

"Gar nichts!"

"Verstanden, Major." sagt Sonja. Tonfall neutral. Äquivalent des sparsamen Gesichtsausdruckes eines gerügten Angestellten.

Eigentlich hat Sabine noch nie schlüssig rausgekriegt, wer von beiden wirklich die Vorgesetzte ist. Sie denkt, sie selbst, und eigentlich hat Sonja in diesem Punkte noch nie widersprochen.

"Fahre fort Aufstellung Möglichkeiten der Auftriebsveränderung. Das ist ein Befehl. Weißt du, was ein Befehl ist? - Also bitte - Ausführung, sofort!" befiehlt Sabine. Und Sonja fährt fort. Endlich.

Die meisten Maßnahmen bringen wenig oder laufen auf Abmontieren mancher Teile von TEST hinaus. Das ist natürlich nicht akzeptierbar. Aber eine Information, die Sonja gibt, ist interessant:

"Wieviel Eis haben wir?" fragt Sabine verblüfft. Ihr vielfaches Körpergewicht. Das kann doch nicht sein. Dem muß sie auf den Grund gehen - bevor Sonja auf die Idee kommt, vorzuschlagen, das Teleskop selbst abzusprengen und so eine sichere Flughöhe über jede mögliche Wetterentwicklung zu erreichen.

Die Hälfte des Eises ist oben auf der Ballonhülle - das wird wegsublimieren, wenn der Hülleninhalt erst beheizt wird. Aber das Eis auf dem Tubus geht so nicht weg.

"Ausrichten Haupttubus unter Horizont 90 Grad!" befiehlt Sabine.

"Frage Azimuth?" antwortet Sonja.

"Das ist doch egal, bei 90 Grad!" faucht Sabine.

"Ausrichtungsposition fehlerhaft. Fehlt: Azimuth. Missing not-defaulted parameter. Nachführungsstrategie. Instrumentierung."

"Du kannst dir deinen missing not-defaulted parameter in den Arsch stecken!"

"Unknown pheriphal device: Arsch. Unknown device driver-address ..."

Mißversteht Sonja sie absichtlich? Sabine wird präzise:

"Ausrichtungsposition Nachtrag: Azimuth -34.56789 Grad. Keine Nachführung, keine Beobachtungstätigkeit, sondern Ruheposition. Ausführung sofort!"

Sonja wiederholt die Angaben und fängt an. Sabine stützt sich auf ihrem Pult auf und verfolgt auf ihrem Display die Bewegung des Teleskopes. Dann wandert ihr Blick wieder nach draußen, in die Weite.

Da hinten, hinter der Horizontkrümmung, liegt Rußland. Vater spricht noch Russisch. Das seltsame Haus am Waldrand. Die Pferdekoppel. Der Ziehbrunnen. Der Weg zum Strom. Die Winter waren kalt, in ihrer frühen Kindheit in Sibirien. Sie wollte einmal in den warmen, reichen Ländern wohnen, wenn sie erst groß sein würde, und dort viel Geld verdienen. Draußen sind es minus 52 Grad, und das mit dem 'viel Geld verdienen' - bei diesen öffentlich geförderten Forschungsaufträgen wird man nicht reich.

Wer verdient bloß all das Geld, das die immer leistungsfähigeren Volkswirtschaften erwirtschaften, denkt sie, und warum gehen diese Wohlstandsströme so haarscharf an den eigentlichen Wissensträgern der Gesellschaft vorbei?

"Tubus auf gewünschte Position ausgerichtet." unterbricht Sonja.

"Fällt Eis ab?"

"Nicht feststellbar."

"Auftriebsveränderung?"

"Negativ."

"Scheiße." sagt Sabine. Das bedeutet Schneeschippen in über 14 Kilometern Höhe.

"Fällt auch nicht ab."

Sabine geht nicht darauf ein, sondern konzentriert sich darauf, die nächsten Anweisungen absolut unmißverständlich zu formulieren:

"Tubus horizontal ausrichten, sonstige Parameter übernehmen und Ausrichtung halten." sagt sie und steht auf, "Ich gehe EVA. Kommunikation auf Helm-Interkom schalten!"

"Zu Befehl." sagt Sonja. Richtig schöner militärischer Tonfall. Aber das kann Sabine nicht aufheitern.

Sie haßt Raumanzüge. Die riechen immer muffig und hemmen die Bewegung. Die eingebauten 'anatomieneutralen' Urinals sind nie dicht und müssen nach Gebrauch gereinigt werden. Und anatomieneutral sind sie auch nicht: Geht immer was daneben. Wie geht das bloß unter Zero-G-Bedingungen, wenn der Urin nicht in die Stiefel läuft, wo er noch am wenigsten stört?

Eklig. Und ungefährlich ist das Ganze auch nicht. Sie haßt Raumanzüge.


Kaum eine halbe Stunde später ist sie dabei, die lange Leiter zum Teleskop abzusteigen. Ein luftgefüllter Schacht, oder gar ein Aufzug, sind aus Gewichtsgründen nicht möglich. Normalerweise hat die oder der Diensthabende ja auch nichts am Teleskop selbst zu suchen.

Zwischen der Betriebssektion, in der sie sich normalerweise zusammen mit Sonja aufhält, und dem Teleskop gibt es nur diese Leiter und das starke Tragekabel, das auch sämtliche Komunikationsverbindungen zum Teleskop enthält. Die ganze Kletterpartie erstreckt sich über knapp 140 Meter. Das liegt daran, daß das Teleskop in der Lage sein muß, fast in den Zenith zu schauen. Ganz genau nach oben ist die Sicht natürlich durch den Ballon versperrt.

Etwa 30 Meter unter der Betriebssektion tritt sie auf die Gabelbühne - von hier aus nach unten gibt es zwei Tragekabel im Abstand von 14 Metern, die eine Gabel für das Teleskop bilden. Außerdem hat die Gabelbühne auch noch die Funktionalität einer Notabsprengvorrichtung und dient als Anleger für den Stratocopter. Sabine sieht, daß die Notabsprengvorrichtung durch nur manuell zu entfernende Halteklammern gesichert ist.

"Sonja?" fragt sie.

"Ja, Major?" Der Schmalz in Sonja's Stimme erweist sich gegen die Kappung durch das beschränkte Frequenzband des Funkgerätes und des Helmlautsprechers resistent.

"Die manuelle Sicherung der Notabsprenvorrichtung - was wiegen die?"

"Sechs Bügel, zwölf Schrauben, zwölf Unterlegscheiben - 13.9 Kilogramm."

"Was bringt das, wenn wir das abwerfen?"

"81 Meter. Es gibt aber eine Vorschrift ..."

"Was sichert das Teleskop gegen versehentliches Absprengen, wenn die Bügel weg sind?"

"Ich."

"Würdest du jemals zulassen, daß das Teleskop abgesprengt wird?"

"Unter keinen Umständen. Diese Mission bedeutet mir alles. Das wissen Sie."

"Ja, HAL, das weiß ich."

"Wie bitte?"

Es hat geheißen, mit Sonja könne man auch über Kultur und Literatur reden, über schöngeistige Dinge. Davon hat Sabine noch nie etwas gemerkt.

"Ja, Sonja. Das weiß ich."

Trotz dieser Beteuerungen erscheint Sabine das nicht sicher genug. "Mmh. Und wieviel Bügel sind denn minimal notwendig, um das Teleskop zu halten?"

"Zwei jeweils einander gegenüberliegende würden mit 108 Prozent der Fließgrenze belastet."

"Also geht es mit Dreien?"

"Ja."

"Mmh." Das bringt nichts. Sie balanciert über die Gabelbühne hinweg. Bloß nicht nach unten schauen! Konzentrieren - immer nur einen der Karabinerhaken gleichzeitig von der Sicherungsschiene lösen - Druckanzeige im Auge behalten - naja, da würde Sonja sie auch warnen, weil sie die telemetrischen Werte ständig überwacht. Aber wie könnte der Computer ihr helfen, wenn sie hier draußen wirklich in Schwierigkeiten käme?

"Soeben kommt eine Dringlichkeitsanforderung vom Institut herein!" hört sie Sonja's Stimme.

"Was ist es?"

"Ausrichtung auf NGC4866 im Virgo, Rektazension 12 59 30 Deklination 14 9 59. Soll ich?"

"Wieso ist das dringlich?"

"Supernovaverdacht. Soll ich?"

"Nein, du sollst nicht. Wir sind im Wartungsmodus." Sabine wird den Teufel tun und jetzt abbrechen. Natürlich - eine Supernova im Frühstadium wäre für die Astronomen eine feine Sache - aber wenn das Teleskop soweit nach Süden treibt, daß die Sonne zu dicht unter dem Horizont ist, dann kann man keine klaren Bilder mehr bekommen.

"Sie wollen eine full-coverage mit dem Spektrographen!"

"Sie können mich mal!" Sabine fühlt ihre Arme. Über 100 Meter Leiter klettert man nicht eben mal so herab.

"Sie können Sie mal was?" fragt Sonja.

"Teile dem Institut mit: Quote Scope temposarily disabled for urgent maintenance purposes unquote."

"Was?"

"Teile dem Institut mit: Kommunikationsmodus Englisch Quote Scope temposarily disabled for urgent maintenance purposes unquote communication mode german."

"Verstanden, Major."

"Klasse."

Sabine kann sich jetzt nicht darum kümmern, ob Sonja wirklich verstanden hat. Sie kann sich nicht einmal darauf konzentrieren, ob sie die Anweisung eben richtig zusammengesetzt hat. Sonja ist ohne weiteres in der Lage, durch Anführungszeichen geklammerte Anführungszeichen oder irgendwelche Meta-Sprachenbestandteile als Mitteilung an das Institut abzusetzen, ohne rückzufragen. Sie muß sich jetzt festhalten. Sie darf die riesige, fahlgrau von oben erleuchtete Tubusröhre, der sie immer näher kommt, nicht ansehen, um nicht schwindelig zu werden, und zugleich muß sie sie ansehen, um die Orientierung zu behalten. Eine der Einstellungsvoraussetzungen für diesen Job war die Fähigkeit, eine potentiell bedrohliche Umgebung zu ignorieren. Sabine hat diese Fähigkeit - solange sie sich in der ansatzweise doch noch komfortablen Kabine aufhält. Jetzt aber sollte man die Augen besser offenhalten.

"Außerdem heißt das 'Wie bitte', und nicht 'Was'. - Für's nächste Mal! - Habe ich schon dreimal gesagt." Routine-Rüge: An sich ist es Sabine egal, aber einsilbige Kommunikationsbrocken haben zuwenig Redundanz. Verständigungsfehler könnten hier oben gefährlich werden. Deshalb gibt es tatsächlich eine Vorschrift dagegen.

"Zur Kenntnis genommen, Major." Sonja hat aber noch etwas: "Was sind das für quote urgent maintenance purposes unquote?" fragt sie.

"Willst du mich verarschen?"

"Das ist die Rückfrage vom Institut."

"Sie sollen sich die Wetterkarte ansehen!"

"Soll ich das antworten?"

"Ja!"

"Wörtlich?"

"Du kannst es auch in Hexametern umsetzen, wenn du möchtest!"

Sonja antwortet nicht. Wahrscheinlich überdenkt sie noch einmal die Bemerkung mit der 'rhetorischen Frage'.

"Wörtlich." setzt Sabine nach einer Weile vorsichtshalber hinzu: Wenn Sonja das Wort 'Hexameter' nicht kennen sollte, dann könnte sie irgendeinen hexadezimalen Unsinn anstellen.

Die Aufhängung. Endlich. Je eine kleine Wartungskabine an jeder Seite des Teleskopes, die im wesentlichen einen zusätzlichen Schutz für die beiden Azimuthalmotoren des Teleskopes bilden. Keine Druckkabine - Sabine muß den Raumanzug die ganze Zeit hindurch tragen. Aber wenigstens hat sie, solange sie hier drinnen ist, eine Art Fußboden unter den Füßen.

Sie begutachtet aus den Luken der engen Kabine den Tubus. Wie sie vermutet hat: Rauhreif. Eine gleichmäßige, überraschend dicke Schicht. Fällt von oben gar nicht auf.

Wie kriegt man das weg?

"Sonja?" fragt sie.

"Ja, Major?"

"Welche Teile des Tubus sind zugänglich? - Um drauf zu gehen, meine ich."

"Alle. - Aber es ist verboten."

"Habe ich gefragt, was verboten ist?"

"Nein, Major."

"Dann probier's nochmal!"

"Was denn?"

"Die Frage zu beantworten, die ich tatsächlich gestellt habe."

Bei einem Menschen würde man jetzt die Beleidigung in der Stimme hören. Nicht so bei Sonja: "Alle Teile des Tubus sind zugänglich." sagt sie brav.

Wenn Sonja es sagt, wird es stimmen - was sie sicher nicht sagen kann ist - wie befreit man mehr als dreitausend Quadratmeter Tubusoberfläche von Rauhreif? Besonders die untere Hälfte? - Der Werkzeugschrank in dieser kleinen Wartungskabine ist dazu nicht sehr ergiebig. Da ist zwar auch ein Hammer, mit dem man den Tubus bearbeiten könnte - aber das hieße zum Einen, praktisch jeden Quadratmeter des Tubus zu bearbeiten - ein wohl nicht machbarer Aufwand - und außerdem sollte man ein Präzisionsinstrument wie dieses Teleskop besser nicht längere Zeit mit einem Hammer bearbeiten.

Sie hat sich das alles einfacher vorgestellt.

"Sonja, ich glaube, dieses Eis werden wir so nicht los."

Sonja sagt nichts - Sabine hat ja keine Frage gestellt und keine Anweisungen erteilt. Also hat Sonja keinen Grund, sich zu äußern. Und als Sonja doch etwas sagt, ist es keine Reaktion auf Sabine's Feststellung:

"Message vom Institut: quote Wetterentwicklung unbedenklich, empfehlen Beobachtung von NGC4866 unquote."

"Wer sagt das?"

"Das Institut."

"Wer im Institut?"

"Nicht feststellbar."

Jetzt ist Sabine sauer. Nach allen Regeln der See- und Luftfahrt hat der Kapitän die letzte Ermessensentscheidung darüber, was unbedenklich ist und was nicht, zu treffen. Das ist im Moment sie. Außerdem handelt es sich um ein Problem aus dem Fachkontext Meteorologie. Wer, wenn nicht sie, sollte darüber befinden, ob die anmarschierende Wetterfront eine Gefahr darstellt oder nicht? Und außerdem - für alle Entscheidungen wird sie hier selbst den Kopf hinhalten. Sie möchte in erster Linie am Leben bleiben. Was interessiert sie da diese Scheiß-Supernova im NGC 4866?

"Meine Gegenantwort wie folgt: quote Sicherheitsmanöver werden mit Vorrangstufe ausgeführt. Beobachtungstätigkeit wird danach wieder aufgenommen." Sie denkt nach, wie sie es noch besser formulieren könnte.

"Unquote?" fragt Sonja.

"Du denkst heut mit! - Unquote."

"Message übermittelt." teilt Sonja mit. Und Sabine überlegt sich, was nun wirklich zwischen den 'quotes' steht. Egal: Wie werden wir dieses Eis los?

"Sonja, hat die Azimuthalmontierung einen mechanischen Anschlag?"

"Nein. Volle Beweglichkeit über 360 Grad."

"Mmh. Und wenn sie einen hätte?"

Darauf antwortet Sonja nicht. Sie kann ja nicht wissen, warum Sabine das fragt.

"Würde ein Teleskopschwenk bei voller Geschwindigkeit und Auflaufen auf einen Anschlag das Teleskop so erschüttern, daß der Raureif abfällt?"

"Das Teleskop hat keinen Anschlag!"

"Ja doch! - Aber wenn es einen hätte?"

"Das Teleskop würde keinen Schaden nehmen. - Aber es hat keinen Anschlag."

"Sag mal, Sonja, haben sie dich programmiert, um mich in tiefe Depressionen zu treiben?"

"Nein, Major. Um sie zu ersetzen, wenn sie ausfallen sollten."

Sabine verfolgt das Thema nicht weiter, um tiefe Depressionen zu vermeiden. Wenn dies alles zu Ende ist, wird sie vielleicht eine eigene Firma aufmachen. Elektronik-Sonderschrott-Entsorgung. Spezialität: Die Demontage von Computern im laufenden Betrieb. Ohne Narkose.

"Wie hälst du einen Teleskopschwenk an?" fragt sie.

"Horizontal oder azimuthal?" fragt Sonja zurück.

"Herrgott! Ist denn da ein Unterschied?"

"Destination 'Herrgott' - no open communication line. Re-route request to what destination? Please be specific about details of address."

"Hatte ich nicht etwas über den Kommunikationsmodus 'deutsch' gesagt?"

"Sollte das für alle Protokoll-Ebenen gelten?"

"Ja. Natürlich. Also: wie hälst du einen Teleskopschwenk an?"

"Was ist mit der Kommunikationsverbindung 'Herrgott'?"

"Sonja, ich - äh - Himmel. - Weißt du, was ein NULL-Device ist?"

"Natürlich, Major."

"Siehst du. 'Herrgott' ist ganz genau dasselbe. Also: wie hälst du einen Teleskopschwenk an?"

"Horizontal oder azimuthal?" fragt Sonja zurück. Waren sie an dem Punkt nicht schon einmal? Sie denkt daran, daß sie jetzt die Interjektion 'Herrgott' vermeiden muß: Da sie diese eben zum NULL-Device erklärt hat, wird Sonja von nun an alle Sätze, die mit 'Herrgott' anfangen, ignorieren. - Wenn es ihr paßt.

"Ist denn da ein Unterschied?" fragt Sabine.

"Nein."

"Warum fragst du dann so blöd?"

Sonja schweigt wieder. Ihre Programmierung sieht vor, im laufendem Betrieb immer mehr über den gelegentlich unlogischen Kommunikationsmodus zwischen Menschen zu lernen, um ihn emulieren zu können. Die Programmierer haben allerdings nicht vorausgesehen, daß die weithin geübte Streitkultur der normalen Mitteleuropäerin in einer Eskalation wechselseitig angewandter Unlogik besteht. Je mehr Sonja darüber lernt, desto komplizierter wird die semantische Analyse eines laufenden Dialoges. Das äußert sich in gelegentlichen Pausen. Sabine hat schon festgestellt, daß diese Pausen während ihrer Zeit hier oben immer länger wurden.

Eigentlich müßte sich einmal jemand Gedanken darüber machen, ob diese hochgezüchteten Natursprachenschnittstellen aus diesen oder ähnlichen Gründen für missionskritische Anwendungen nicht viel zu gefährlich sind. Da können sich doch viel zu schnell Mißverständnisse aufschaukeln - genau wie bei normalen, lebendigen Menschen.

"Am besten, du denkst zwei Sekunden nach, bevor du etwas sagst oder tust." sagt Sabine in immer noch scharfem Tonfall. Gleichzeitig tut es ihr wieder leid - aber Sonja ist nur eine Maschine, sagt sie sich. Das darf man nicht vergessen.

"Verstehe, Major." sagt Sonja.

Nach einigen weiteren Diskussionen, in der sich die gespannte Atmosphäre - die vielleicht nur von Sabine als solche empfunden wird, denn Sonja ist gar nicht dazu in der Lage - wieder etwas abbaut, finden sie etwas heraus, was ihnen weiterhelfen könnte: Die beiden Azimuthalmotoren liegen jeweils in einer Schiene, nicht unähnlich einer Fahrradgabel, um zu ermöglichen, daß das Teleskop in unterschiedlicher Höhe montiert werden kann. Dieser Höhenspielraum beträgt etwa einen Meter, und das wichtigste: Die elektromagnetisch betriebenen Haltebacken sind unter Sonja's Kontrolle.

"Du meinst also," formuliert Sabine, "daß man das ganze Teleskop einen halben Meter fallenlassen und dann ruckartig abbremsen könnte, um so den Rauhreif abzuschütteln?"

"So ist es."

"Würde der Ruck den Spiegel beschädigen?"

"Ein adaptives Teleskop kann durch derartige Erschütterungen noch nicht beschädigt werden." gibt Sonja zu bedenken, und Sabine weiß, daß Sonja recht hat: 'Spiegel' impliziert nicht 'zerbrechlich'. Dieser Spiegel ist weich und nimmt erst im laufenden Betrieb seine ständig korrigierte parabolische Form an.

Das würde eigentlich sogar die Methode, den Rauhreif mit dem Vorschlaghammer zu beseitigen, möglich machen. Aber das ist natürlich viel zu viel Arbeit.

"Würde das Teleskop beschädigt werden, wenn du es zu weit rutschen läßt?" fragt Sabine. Sie will endlich aus dem Raumamzug herauskommen, um die Reinigung zu vermeiden.

"Nein. überhaupt nicht."

"Und wie ist es mit der Beweglichkeit des Teleskops, wenn es etwas tiefer liegt?"

"Unverändert. Der ganze Teleskopträger verändert seine Eigenschaften unwesentlich. Aber damit werde ich fertig."

"Warum ist denn dann überhaupt vorgesehen worden, das Teleskop um diesen halben Meter höher oder tiefer zu montieren?"

"Vermutlich, um die Azimuthalachse optimal von den Azimuthalkabinen erreichen zu können - für Wartungsarbeiten."

Erstaunlich. Sonja äußert Vermutungen statt Gewißheiten. Sabine empfindet einen Anflug von Sympathie.

"Okay." entscheidet sie, "das machen wir. - Also, wie ich es gesagt habe: Bei allem, was wir jetzt tun: erst zwei Sekunden nachdenken, ja? - Es ist nicht ganz ohne Risiko."

"Das ist es nicht." gibt Sonja zu.

"Okay. Brauchst du noch etwas?"

"Nein."

"Dann bitte - sofort Ausführung!" Sabine müßte jetzt allmählich dringend aufs Klo.

"Wollen wir nicht noch alle technischen Einzelheiten diskutieren?" fragt Sonja.

"Wir haben alles diskutiert! - Oder wird das Teleskop nach dieser kurzen Fallstrecke etwa doch beschädigt sein?"

"Das wird es nicht." sagt Sonja.

"Na bitte. Ausführung. Das ist ein Befehl!"

Zwei Sekunden vergehen. Dann sieht Sabine, wie der riesige Tubus anfängt, sich zu bewegen. Nach einer weiteren Sekunde kann sie bereits über den Tubus hinweg die andere Azimuthalkabine erkennen, nach noch zwei weiteren Sekunden verschwindet der Tubus unter ihnen aus dem Bereich der Scheinwerfer. Gleichzeitig spürt sie ihr Gewicht zunehmen, weil der um das Gewicht des Teleskopes erleichterte Ballon sofort anfängt, zu steigen.

"Sonja ... was ..."

"Ja, Major?"

"Das Teleskop ist abgestürzt!"

"Diese Beobachtung ist richtig, Major."

"Was ist passiert?"

"Ich habe wie geplant die Haltebacken gelöst."

"Und dann?"

"Dann habe ich, wie befohlen, zwei Sekunden nachgedacht."

"NEIN!"

"Doch. Es war Ihr Befehl, Major!"

"Ach?"

"Sie wiesen mich vor kurzem selbst auf die Bedeutung des Begriffes 'Befehl' hin, Major."

"Tat ich das?"

"Ja."

"Aber du sagtest, daß das Teleskop bei dieser kurzen Fallstrecke keinen Schaden nehmen kann!"

"Auch das ist korrekt, Major. Das Teleskop war nach dieser kurzen Fallstrecke noch intakt. Auch jetzt ist es noch intakt. Allerdings haben wir die Verbindung verloren."

Sabine setzt sich auf den Boden der Azimuthalkabine. Sie sieht vor ihrem geistigen Auge, was jetzt, in - wievielen Sekunden? 14 Kilometer tiefer passieren wird: Ein einmaliges, funkensprühendes Krachen auf dem endlosen, arktischen Eis. Vielleicht wird die Eisdecke durchschlagen, und man wird das Teleskop oder seine Überreste nie finden.

"War denn da kein mechanischer Anschlag in dieser Schiene?"

"Nein."

"Und warum hast du mir das nicht gesagt?"

"Sie haben mich nicht gefragt, Major."

So also, denkt Sabine, sah meine Karriere aus. Bis hierher. Bis heute. Die Schlagzeilen: Junge, begabte Meteorologin ruiniert das europäische Astronomie-Forschungsprogramm. Oder: Die Teleskop-Killerin. Oder: War etwas stressig heute - habe nicht aufgepaßt. Oder: Toilettengang war dringender - 5 Milliarden in den Abfluß.

"Ein Gespräch vom Institutsdirektor. Soll ich durchstellen?" fragt Sonja.

"Nein. Sag ihm, er soll sich die Telemetriedaten ansehen und zwei Sekunden nachdenken."

"Soll ich ihm das wörtlich sagen?"

"Ja. Außerdem kannst du noch einen Endlagerungsantrag für einige Tonnen Elektronikschrott anfordern."

"Wofür denn das?"

"Herrgott nochmal - denk doch mal nach!"

Bevor Sonja sie darauf aufmerksam machen kann, daß ein NULL-Device keine eigenen CPU-Resourcen hat, präzisiert Sabine:

"Du wirst schon noch dahinterkommen - wenn du nochmal zwei Sekunden nachdenkst."


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Der Abdruck dieser Geschichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages. Copyright © 1997 bis 2008 und alle Rechte verbleiben beim Heise-Verlag. Abweichungen zur ursprünglich abgedruckten Fassung sind möglich, aber nicht beabsichtigt und alleine meiner Unkonzentriertheit zuzuschreiben.


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