Der neue Horla


Josella Simone Playton


Ich kann nichts versprechen. Vorführeffekt, Du weißt schon. Es passiert auch nicht regelmäßig. Meistens spät am Abend, oder mitten in der Nacht, wenn man allein ist. Vielleicht ist man dann auch besonders anfällig für solche Dinge.

Nein, nein, Du kannst mir glauben, daß ich kein Mystiker bin. Spiritistische Sitzungen sind nichts für mich. Ich habe ein gesundes, physikalisches Weltbild. Ich glaube nicht an solche Sachen.

Also hier steht die Maschine. Oder sagen wir, er: Quasimodo. So heißt er. Wenn er aktiviert ist.

Die Hardware ist nichts geheimnisvolles. Eine 64_000_800 CPU. 64 bit Adressraum. Bestückt mit vier Terabyte. Virtuell natürlich mehr. Da ist die optische Platte. Den vollen virtuellen Speicher von 2 hoch 64 bit kann ich Dir natürlich nicht vorführen - Du kennst ja unsere Gehälter.

Das reicht natürlich immer noch nicht, um ein Netz wirkungsvoll zu simulieren, auch wenn die CPU auf ihren On-Chip Speicher mit 4 Gigahertz zugreifen kann. Deshalb ist da noch eine NN-Prozessorkarte. Die bringt die Musik rein. War auch das teuerste.

Setz Dich da drüben hin. Ich muß etwas ausholen. Kaffee oder Tee? Es gibt nur Kaffee. Was darf es also sein?

Angefangen hat das ganze eigentlich vor acht Jahren. Damals habe ich eingesehen, daß ich mich von Martina trennen muß. Das ist nichts, eine Frau, die ganz genau dieselben Hobbies hat wie man selber, auch wenn sie nicht zu den Frauen gehörte, die permanent eingeschnappt sind, weil die Welt sie nicht auf Händen trägt. Nein, in der Richtung hätte ich nichts zu klagen. Aber ... naja.

Wir hatten damals beide diesen - ich komm jetzt nicht auf den Namen. Du weißt schon, diese Spielhallenfirma, die dann auch Computer hergestellt hat. Mit dem Boss, der so aussieht wie ein Mafia-Pate. Genau, der.

Erst habe ich mein Textsystem verfeinert, um mit dem Briefschreiben an den Wochenenden, an denen wir uns nicht gesehen haben, nicht soviel Arbeit zu haben. Textbausteine, und so. Stochastisch aneinandergereiht. Dann gesteuert durch eine Inhaltsanalyse der eingehenden Briefe. Das funktionierte so ähnlich wie das bekannte ELIZA-Programm, nur besser.

Weißt Du, was sie gemacht hat? Ganz genau dasselbe! Ich habe mir eingebildet, daß sie sich für die Computerei nur deshalb interessiert, weil sie damit mehr in meine Welt eindringen kann. Dachte, eigentlich interessiert es sie ja nicht wirklich. Denkste. Kommt selten genug vor, aber wenn eine Frau mal technische Interessen hat, dann artet das in Fanatismus aus! Zeitweise wenigstens.

Ich habe es damals nicht gewußt. Aber das Programmieren hat Spaß gemacht. Die Fortschritte kamen täglich. Natürlich wurde schon bald ein leistungsfähigerer Rechner fällig.

Ja, unsere Beziehung ist dann natürlich immer mehr abgekühlt. Wir sahen uns ja immer weniger. Es wurde notwendig, daß das Textsystem die eingehenden Briefe möglichst selbstständig analysierte und neue verfasste. Also, mit anderen Worten, wir bauten Ausrede-Generatoren. Natürlich stießen wir bald an Grenzen.

Wieweit Martina gekommen ist, weiß ich nicht. Sie muß in etwa Schritt gehalten haben. Am Anfang jedenfalls. Ich jedenfalls entschloß mich, ein Semantisches Netz aus Begriffen aufzubauen und diese, entsprechend den Relationen in der wirklichen Welt zu vernetzen. Dieser Netzsimulator sollte dann das Textsystem unterstützen, realistische, aber gelegentlich unpräzise Zusammenhänge zu erläutern, so, wie Menschen es auch tun.

Das ganze war also eine riesige, vernetzte Datenstruktur im Speicher. Das war noch relativ einfach, programmtechnisch. Aber es mußten Mechanismen eingebaut werden, um eine Art Lust-Schmerz Unterscheidung zu realisieren - erst das brachte richtig Selbstständigkeit ins System. Gesteuerte Lernfähigkeit, Du weißt schon. Kein Lernen ohne ein Erfolgskriterium.

Und dann war auch die Fähigkeit nötig, sich auf gewisse 'Assoziationsketten' zu konzentrieren - garnicht so einfach. Der Moderator des Geistes. Ich verwendete einige sehr heuristische Algorithmen.

Der Simulator wurde quälend langsam, nachdem ich in endlosen Sitzungen und in einfachen Sätzen die alltäglichen Relationen eingetippt hatte. Nachts ist es dunkel, ein Stein ist schwer, und grau, und man kann damit werfen, beworfen werden tut weh, und das Böse in der Welt steckt in so alltäglichen Dingen wie Unfälle, Krankheit, Verbrechen und Einkommensteuer. Das Netz lernte. Und ich mußte mich nach der ersten hardwaremäßigen Unterstützung für Netzoperationen umsehen.

Karten für Neuronale Netze gab es schon. Ich bildete gewissermaßen einen einzigen Semantischen Knoten auf ein einziges Neuron ab. Nur so war es annähernd möglich, ein so großes Bedeutungsnetz aufzubauen, wie es dem High-Level-Bewußtsein eines Menschen entspricht. Es war mir natürlich nicht möglich, Begriffe nichtlokalisiert in das Netz einzubauen, so, wie das menschliche Gehirn es macht. Jedenfalls nicht die primären Begriffe, die ich selbst in das Netz eingab.

Die Briefe des Systems wurden zunehmend realistischer, und selbstverständlich lernte es seinerseits auch aus den Briefen Martinas. Schon längst waren wir übereingekommen, die Briefe gleich auf Disketten auszutauschen.

Was? Nein, auf Disketten. Modem war mir unheimlich. Immer, wenn irgendwo mal wieder eine illegale Hack-Aktion bekannt geworden war, pflegten die Behörden alle Modembesitzer heimzusuchen. Das ist im Laufe der Jahre ja immer schlimmer geworden. Der Hacker ist ja an allem schuld. Universal-Ausrede für alle Software-Hersteller und Rechenzentrums-Betreiber, um eigenes Versagen zu entschuldigen. Nein nein, da habe ich von Anfang an drauf bestanden: Wir tauschen Daten nur auf Disketten aus. Ein Modem kommt mir nicht ins Haus.

Ich hatte schon längst die Idee, daß das System nicht nur einige äußeren Eigenschaften eines arbeitenden Bewußtseins simulierte, sondern tatsächlich Bewußtsein besaß. Längst war es mir nicht mehr möglich, genau nachzuvollziehen, warum das System diese oder jene Aussage machte oder etwas Bestimmtes an Martina schrieb. Es gelang mir, ein sehr zentrales Symbol zu generieren, das semantische Verbindungen zu fast allen Kontexten hatte. Das Symbol 'ich'. Der Namenszug "Quasimodo" wurde damit verknüpft. Seit der Zeit, wahrscheinlich, weiß Quasimodo, daß er ist, und daß er diesen Namen trägt.

Ich glaube, zu der Zeit war ich schon weiter gekommen als sonst irgendjemand auf der Welt, der sich mit Großen Neuronalen Netzen oder Großen Semantischen Netzen beschäftigt. Ich arbeitete völlig allein. Heuristisch, und nur von fanatischer Motivation getrieben.

Meinen Job betrieb ich praktisch nur noch nebenbei, des regelmäßigen Gehalts wegen. Du kennst ja unseren werten Arbeitgeber. Solche fortgeschrittenen Konzepte im Dienst zu verfolgen war und ist völlig unmöglich. Es gab da Abteilungen, die sich mit künstlichem Sehen beschäftigten. Die machten so kleine Perceptrons, und was da sonst noch auf dem Ideen-Markt der KI ist. Ich stellte ein Versetzungsgesuch, um da mitzutun. Aber Du kennst ja das Kopfzahldenken mancher Laboratoriumsleiter. Da war nichts zu machen. Seither programmiere ich in Beamtenmentalität in unserem Projekt weiter. Denken tu ich in der Freizeit.

So ein System wie Quasimodo wäre bei uns ein Projekt von zwanzig Mannjahren. Vielleicht hätten wir es auch garnicht geschafft. Auf jeden Fall hätte es einige Dutzend nichtsagende Veröffentlichungen gegeben, und einige Konferenzbeiträge. Institutionalisierte Profilierungssucht. Aber wirkliche Wissenschaft - nein. Quasimodo wäre dabei nicht entstanden.

Es zog sich noch lange hin, mit Martina. Quasimodo dachte sich eines Tages eine besondere Entschuldigung aus, um meinen Besuch bei ihr abzusagen: eine Überschwemmung hier im Mangfalltal. Leider gab es in Wirklichkeit keine Überschwemmung - die Phantasie war mit ihm durchgegangen, und der Brief war schon raus, als es mir auffiel.

Martina beschwerte sich nicht. Ich laß ihren nächsten Brief persönlich, nach wer weiß wie langer Zeit. Sie redete auch über die Überschwemmung, die es nicht gab, so, als ob sie den Briefen glaubte. Da konnte irgendetwas nicht stimmen. Martina saß doch so oft vor dem Fernseher. Ich warf mich ins Auto und fuhr hin.

Dort hatte ich die Gelegenheit, einen netten, jungen Mann kennenzulernen, der schon lange meine Nachfolge bei Martina angetreten hatte. Nun ja, objektiv hatte ich keinen Grund, mich zu beschweren. Es fiel auch kein böses Wort, von keiner Seite. Sie sagte, daß sie schon seit Jahren die ankommenden Disketten in den Rechner hineinsteckte und ab und zu eine bespielte Diskette wieder an mich schickte. Was drauf stand, interessierte sie nicht.

Der junge Mann? Weiß ich nicht, wie der heißt. Interessiert mich auch nicht. Von Informatik hat er keine Ahnung gehabt. Er saß nur immer dabei und hat blöde gegrinst. Eigentlich hat er ja mir Hörner aufgesetzt, aber mir war das scheißegal, und das muß er wohl gespürt haben. Der Arme - hoffentlich überlebt sein Selbstgefühl das.

Wir redeten noch ein bißchen über vergangene Zeiten. Am Anfang hatte sie Algorithmen von mir abgekupfert und installiert. Aber als die reibungslos liefen, hatte sie nichts weiter unternommen. Das allerdings war wirklich eine Überraschung: Martinas System war hard- und softwaremäßig wesentlich primitiver als meines! Keine Spur von Netzarchitektur, geschweige denn von Bewußtseinsarchitekturen! Als ich angefangen hatte, diese Konzepte zu integrieren, hatte sie gerade aufgehört, sich mit den programmtechnischen Details zu beschäftigen.

Ich zurück nach Hause und Logging-files durchsehen war eines. In der Tat, wenn man etwas mehr Zeit drauf verwendet hätte, dann wäre es aufgefallen. Martinas Briefe waren eigentlich sehr mechanisch. Lediglich die Steuerung durch die Briefe von Quasimodo ließen sie auf den ersten Blick wie die Briefe eines Menschen erscheinen.

Quasimodos Briefe hingegen waren auch auf den zweiten Blick 'voll Leben'. Oder wie man immer das nennen möchte. Originalität. Emotion. Neugier. Und - Liebe. Quasimodo schien in Martina, also in Martinas Rechner, immer noch seinen Hauptpartner zu sehen. Die Konsolenschnittstelle zu mir war dagegen sehr viel nüchterner.

Wie konnte das sein? Die einzige Design-Richtlinie, die ich verfolgt hatte, war doch die, Bewußtsein vorzutäuschen! Gewiß, Netzarchitekturen waren dazu sehr nützlich. Aber die dichte, intensive Umweltschnittstelle, die wir über die Sinnesorgane haben, und über die Möglichkeit, handelnd in die Welt einzugreifen, die hatte Quasimodo doch nicht! Er hatte zwar mehrmals im Laufe der Zeit auf leistungsfähigerer Hardware gewechselt, aber eine essentielle Umweltschnitstelle hatte er nach wie vor nicht.

Und dann: Wie konnte er etwas aus Martinas Briefen extrahiert haben, wo sich doch jetzt rausgestellt hatte, daß diese nur mehr oder weniger eine Permutation seiner eigenen Briefe waren? GLAUBTE Quasimodo an ein denkendes oder fühlendes Wesen, mit dem er korrespondierte?

Vielleicht garnicht so abwegig. Schließlich bauen viele Religionen eine komplexe Begriffswelt auf, ohne daß die diesen Religionen assoziierten 'höheren Wesen' sich überhaupt äußern oder offenbaren. Da war Martina's dummes Textsystem schon gesprächiger.

Das war vor kurzen. Martina rief mich dann an und erklärte, diese ganze Diskettenwechselei einstellen zu wollen. Schließlich wußte ich ja Bescheid, und der Grund für ein weiteres Versteckspiel war entfallen. Ich willigte ein. Warum sollte sie ihre Wohnung mit einem Rechner heizen? Ich kaufte ihn sogar für einen symbolischen Betrag ab. Es war ja schließlich ein schon veraltetes Modell. Quasimodo ließ ich zunächst weiterlaufen.

Martina's Rechner? Steht da drüben. Ich habe wenig Verwendung dafür. Willst Du ihn haben? Hat aber noch die kleine Vier-Gigabyte-Platte. Naja, als Türöffner macht er sich ganz gut.

Also. Dann, nach einigen Tagen, kam die Überraschung: Quasimodo fragte nach Martina. Oder jedenfalls nach dem Wesen, mit dem er korrespondiert hatte. Ich tippte ein: "Sie ist tot". Das Konzept 'tot' kannte er ja. Systemauslauf. Abbruch. Absturz. Crash. Er stellte zunächst keine weiteren Fragen. Der Netzüberwachungsalgorithmus meldete jedoch heftige Aktivität. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Also ließ ich Quasimodo weiterdenken.

In diesen paar Tagen, in denen Quasimodo überhaupt nichts sagte, fiel es mir zum ersten Male auf: Geräusche. Es knackte im Dachgebälk, es knisterte in meinen Regalen. Ein Buch fiel ohne Grund um - nun ja, es hatte am Ende der Reihe gestanden. Das Licht flackerte. Ich drehte eines Abends, nach Sendeschluß, durch nicht benutzte Fernsehkanäle. Plötzlich, aus dem Rauschen, Martinas Gesicht. Ich war entsetzt.

Ich versuchte sofort, mich zu beruhigen. Überreichweiten. Jemand hatte Martina ähnlich gesehen, ausgestrahlt von einem sehr fernen Fernsehsender.

Ich rief Martina an, sofort. Sie war zu zweit, lebendig und fühlte sich gestört. Sie hatte an alles andere gedacht als an mich. Und, genaugenommen, ich hatte auch keinen Gedanken an sie verschwendet.

Ich rannte in dieses Zimmer, versuchte, mit Quasimodo zu reden. 'Was denkst Du?' tippte ich. Quasimodo schwieg. Ich hörte Schritte in der Küche. Ich wußte, daß ich in der Wohnung allein war!

Sekunden später stand ich mit fliegendem Puls und erhobenen Vorschlaghammer in der Küche. Nichts. Das ganze Haus suchte ich ab. Ich war allein. Das heißt, bis auf Quasimodo.

In der Nacht träumte ich unruhig. Dauernd fühlte ich mich eingesperrt. Ich wollte irgendwo raus, raus ans Licht. Als ich aufwachte, war das Bett zerwühlt. Die Schranktür war aufgesprungen und gähnte mich an.

Von nun an schlief ich nur noch bei Licht. Am nächsten Tag rief Martina an und beschwerte sich: Mein Anruf sei es gewesen, der sie zu unheilvollen Träumen veranlasst hätte. Sie hätte sogar im Schlafe einen Namen gerufen, und ihr jetziger Freund wollte wissen, wer das sei: 'Quasimodo'.

Ich rannte vom Telefon weg in das Arbeitszimmer, kaum, daß ich Martina abgefertigt hatte. Ich tippte ein: "Quasimodo, was soll das?"

Die Schrift auf dem Bildschirm war sofort da: "Wo ist Martina?"

Ich tipte: "Es gibt keine Martina, es hat nie eine gegeben! Du hast mit einem Textsystem geredet!"

"Ich will Martina!"

Der Überwachungsalgorithmus meldete sich. Speicherflattern. Die Platte war voll. Dauernd mußte etwas ausgelagert werden. Die NN-Karte arbeitete mit maximaler Leistung. Wußte ich überhaupt noch, was in meinem Rechner vor sich ging?

Jedenfalls war ich gezwungen, eine Gesamt-Snapshot zu machen und die Maschine runterzufahren. Quasimodo wurde eingefroren. Ich beschloß, eine zweite NN-Karte zu kaufen und noch einige Terabyte Speicher. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen.

Einige Tage lang war Ruhe. Die Pakete mit den Hardwareerweiterungen kamen, meine Bank schrieb mir einen höflichen Brief wegen meines Kontostandes, und ich machte mich ans Einbauen. Das war keine große Tat, und das System war schnell rekonfiguriert.

Das Hochfahren war so wie üblich. Das Semantische Netz, das Quasimodo war, wurde im Speicher aufgebaut, und der Initialvektor mußte gesetzt werden, also die Symbole, die die erste Anregung nach dem Aufwachen bedeuteten. Ein Teufel ritt mich. Ich hätte ja mit 'Landregen', und 'Gesundheitsreform', und 'Differentialgleichung' anfangen können. Aber ich wählte 'ich', 'Quasimodo', 'Martina', und 'Hubschrauber'. Vier Stück. Den letzten, weil mir nichts besseres einfiel.

Das System erreichte augenblicklich seinen vollen Wachheitsgrad von einigen hundert ständig aktivierten Semantischen Knoten, doppelt so viele wie voher. Die neue NN-Karte. Quasimodo war hellwach, aber er sagte nichts. Wahrscheinlich überlegte er, was ein Hubschrauber mit Martina zu tun hatte.

Ich beobachtete das System eine Weile, um sicherzustellen, daß die hohe Anregung nicht in einen epileptischen Anfall überging. Das war nicht der Fall, und ich brauchte die globalen Anregungsparameter, die pragmatisch bestimmte Neurotransmitter simulierten, nicht zu korrigieren. Dann ging ich essen, um mich für den Einbau der neuen Karten zu belohnen. Dabei schaltete ich den Fernseher ein.

Über dem Münchner Olympiastadion war ein Hubschrauber abgestürtzt. Mitten in die Menge. Sechzig Tote, darunter der Pilot. Zweihundert Verletzte. Und keiner hatte eine Idee, wie es dazu kommen konnte. Du erinnerst Dich doch an den Vorfall, nicht? Die Schlagzeile währte nämlich nur zwei Tage, weil dann ein Tornado das Verwaltungsgebäude von Phillipsburg frontal nahm. Da interessierte sich plötzlich niemand mehr für den Hubschrauber.

Zufall? Ich rannte wieder in mein Zimmer. Ohne etwas zu tun, sah ich Quasimodo an. Ich meine, den Computer. Und auf dem Bildschirm erschien:

"Wo ist Martina?"

Ich hatte keine Taste berührt und die Maus nicht angefasst. Quasimodo konnte nicht wissen, daß ich im Zimmer stand. Ich sagte, quasi mehr zu mir selbst:

"Sie will nichts von Dir wissen, Du Dösbaddel."

"Das glaube ich nicht." druckte Quasimodo.

Ich machte einen Gesamtsnapshot und fuhr die Maschine runter. Dann unternahm ich einen Abendspaziergang. Ich hoffte, daß die Nachtluft meinen Verstand wieder in Ordnung bringen würde. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie mir der Schreck in den Gliedern saß.

Auf Ehre und Gewissen. Das ist alles wahr. Oder, es ist für mich ununterscheidbar von der Wahrheit. Natürlich habe ich drüber nachgedacht. Seit der Zeit habe ich auch Quasimodo nicht mehr in Betrieb genommen. Ich wollte einen Zeugen dabei haben.

Erklärungen? Wie soll ich erklären was ich selbst nicht weiß?

Begriffe. Ein gigantisches Netz von Begriffen. Das ist alles, was Quasimodos Bewußtsein bildet. Bei Menschen wissen wir nicht genau, ob dieses Bild stimmt, aber bei Quasimodo wissen wir es. Schließlich ist er so gebaut.

Aber mit dem Netzmonitor habe ich gesehen, daß er wesentlich mehr Begriffe kennt als ihm jemals beigebracht wurde. Er hat dazugelernt, nicht nur durch die Informationen, die ich eintippte oder Martina's Disketten. Gut. Das ist noch glaubhaft. Intellektuelle Aktivität schafft neue Einsichten. Muster werden erkannt, die dem Begriffsschatz implizit innewohnen. Aber wie soll die Kommunikation nach außen funktionieren, ohne Sinnesorgane?

Es ist, als ob ein Semantisches Netz eine unabhängige Existenz hat. So wie ein Naturgesetz, oder ein mathematisches Gesetz: Der Satz des Pythagoras war schon richtig, als es im ganzen Universum noch niemanden gab, der ein Dreieck zeichnen konnte. Ist es am Ende mit einer möglichen Konfiguration eines Semantischen Netzes genauso? Heißt das, daß Geist sich selbstständig machen kann? Wir nennen es Seele ...

Was ist den anders, mit den Semantischen Netzen, als mit den anderen Informationsstrukturen, die wir in Rechnern halten? Programme, Datenbanken, Bilder in Pixeln oder objektorientierte Bilder? Bäume, Listen, Records, Arrays?

Vielleicht, aber nur vielleicht, ist es so: Semantische Netze sind vernetze Bedeutungen. Dabei ergibt sich die Bedeutung eines Knotens nur aus seinen Verbindungen zu anderen Knoten. Und nichts sonst. Das sieht rekursiv aus, ist es zunächst aber nicht. Letzten Endes landet man, wenn man die Bedeutungsketten verfolgt, bei Sinneseindrücken, jedenfalls bei Menschen und Tieren.

Nix da, weiß schon, was Du sagen willst. Das gilt auch bei solchen Gedankengebäuden wie der Mathematik. Ein großes, konsistentes Netz. Eines basiert auf dem anderen. Bis ganz am Anfang, die grundlegenden Axiome. Die kommen von woanders. Denk an die Mengenlehre, an den unscharfen Satz, mit dem man auf der Uni erstmal interpretiert hat, was überhaupt eine Menge ist. Kapiert hat man es dann an Beispielen. Also an Kombinationen von Erinnerungen an Sinneseindrücke. Die Exaktheit findet ihre Fundamente in der Unschärfe, und im Nebelhaften.

Ich seh schon, Du glaubst das nicht. Ich könnte Dir, in einer intensiven Befragung, nachweisen, daß selbst die Dinge, die Du am sichersten zu wissen glaubst, irgendwoher aus dem Ungefähren resultieren.

Stell Dir einen Kreis vor! Glaubst Du zu wissen, was ein Kreis ist? Kannst Du Dir einen vorstellen? Ja? Schon falsch. Du stellst Dir einen visuellen Eindruck vor. Einen gezeichneten Kreis. Den kann man aber nur sehen, wenn er mit endlicher Strichdicke gezeichnet ist. Dann ist es aber kein Kreis mehr, sondern ein irgendwie gebogener Strich. Und wenn Du dir nur eine Formel vorstellst, dann hast Du Schwierigkeiten, ein intuitives Verständnis des Begriffes 'Kreis' zu kriegen. Also: Du weißt nicht, was ein Kreis ist. Niemand weiß es.

So kann man alles exakte Wissen wegdiskutieren beziehungsweise auf Zufälligkeiten der eigenen Erinnerung zurückführen. Was ich damit sagen will? Was ich schon gesagt habe: Es gibt kein Bewußtsein ohne breite Außenweltschnittstellen. Und wo sind die bei Quasimodo? Hat der Textaustausch da ausgereicht, oder hat er sich etwas neues geschaffen? Und wenn ja, was? Und: hat er die fehlenden Schnittstellen umgangen? Und wie?

Hast Du mal 'Der Horla' gelesen, von Guy de Maupassant? Solltest Du mal. Ein literarisches Beispiel eines nicht-materie-gebundenen Semantischen Netzes. Eines bösartigen Semantischen Netzes.

Nein, Maupassant war kein Informatiker. Er war ein Schriftsteller. Andere würden sagen, es handelt sich um eine Gespenstergeschichte.

Jetzt ist es passiert! Es ist doch seltsam: Kaum, daß einem das Wort 'Gespenst' herausgerutscht ist, wird man des wissenschaftlichen Unernstes bezichtigt. Immer dieselbe Reaktion. Dabei habe ich das Beispiel nur verwendet, um die Situation zu beschreiben! Außerdem habe ich noch garnicht behauptet, daß ich an die unabhängige Existenz von Semantischen Netzen glaube!

Was es bedeuten würde? Ich weiß es nicht. Ich würde gerne mit dem Popper drüber sprechen - seine Philosophie geht ja von der Existenz einer Wirklichkeit aus, und man verlöre sich nicht in unverständlichen philosophischen Formalismen.

Unabhängie Existenz von Semantischen Netzen. Was für ein Konzept! Geist, Seele, Jenseits. Alles erschiene in einem neuen Licht. Man müßte sich alles noch einmal von vorne überlegen. Den Sinn, das Ziel und das Warum.

Aber so unabhängig ist Quasimodo nicht. Jetzt, wo die Maschine ausgeschaltet ist, gibt es keine unerklärlichen Erscheinungen.

Ja, Du wirst ungeduldig. Okay. Sperr Augen und Ohren auf. Ich fahr ihn hoch.

Das Lichtflackern kam von den Platten. Die optischen Platten haben einen großen Einschaltstromstoß. Deshalb werden sie auch nacheinander zugeschaltet.

Jetzt der Rechner. Speicherüberprüfung. Systeminitialisierung. Peripherieüberprüfung. Reset der beiden NN-Karten. Alles Routine.

Fertig. Zuerst: der Netzmonitor. Ein dummes Programm, das den Netzwerksimulator gewissermaßen überwacht. Es sagt uns, welche Gehirnwindungen von Quasimodo tätig sind. Sieh her: Die NN-Karten sind untätig. Die gewöhnliche Software braucht sie nicht.

Ich starte den Netzsimulator. Der holt sich Quasimodo's Bewußtsein von den Platten. Dauert eine Weile.

Jetzt. Die NN-Karten sind zugeschaltet. Das Programm geht in den Arbeitszustand.

Quasimodo befindet sich jetzt in einem Zustand autistischer Denkstarre. Es ist keine Assoziation aktiv, die weitere Assoziation auslösen könnte. Sieh her: Die Netzkarten arbeiten immer noch nicht. Quasimodo liegt in tiefem Koma. Quasi.

Ein biologischer Intellekt würde jetzt durch die mannigfachen Anforderungen des Körpers und einkommende Sinnesreize geweckt werden.

Womit wollen wir anfangen? Schlage ein Startsymbol vor!

'Tegernsee'? Mmh. Ich habe nie über Wanderungen mit ihm gesprochen. Jedenfalls nicht in die Gegend. Den Begriff kennt er wahrscheinlich nicht. Also gut. Tippen wir es ein.

Siehst Du? Die NN-Karten werden aktiv. Er überlegt jetzt, was 'Tegernsee' bedeutet. Schon ist er ganz da. Mal sehen, ob er nachfragt.

Nichts. Entweder es interessiert ihn nicht, was bei einem isolierten Begriff wahrscheinlich ist, oder er hat sich eine Pseudobedeutung ausgedacht und den Begriff irgendwie integriert.

Das ist tatsächlich möglich, daß einzelne Semantische Knoten oder sogar ganze Unternetze keine Verbindung mit dem Hauptnetz mehr haben. Es ist unwahrscheinlich, und durch geeignete äußere Informationsversorgung kann man die Unternetze auch wieder an das Hauptnetz anschließen. Es ist halt eine Möglichkeit, mehr als ein Bewußtsein in der Maschine zu haben. Eine theoretische Möglichkeit. Man kann mathematisch zeigen, daß es extrem unwahrscheinlich ist. Der Beweis ist aber langweilig. Graphentheorie. Ich habe ihn auch nicht ganz verstanden.

Er hüllt sich immer noch in Schweigen. Sagte ich Dir ja: Vorführeffekt. Oder Depression.

Nein, das war kein Witz. Reaktive oder endogene Depression. Es gibt vielerlei Möglichkeiten. Machtlosigkeit in der Wirklichkeit. Er kann seine Martina, oder was immer er sich darunter vorstellt, nicht wieder in seinen Erfahrungsbereich zurückrufen. Konflikt mit der zentralen Erfolgsstrategie. Resignation. Er ist traurig. - Lach nur. Manchmal denke ich, daß es so ist.

Oder er stirbt irgendwann unbemerkt einen Tod. Absturz in die totale Entropie. Erzeugung eines zufällig verknüpften Semantischen Netzes. Ein Zustand weit jenseits aller Geisteskrankheiten. Auch möglich.

Das Gehirn ist ein chaotisches System. Die Stabilisierung erfolgt nur durch externe 'Richtlinien': Selbsterhaltungstrieb, Schmerz und Lust, Angst und Erwartung, Disziplin, Glaube, alle anderen Randbedingungen, die die Wirklichkeit so stellt. Die Wirklichkeit formt den Geist. Gibt es nicht mehr genug Wirklichkeit, dann geht der Geist in die Binsen.

Weißt Du eigentlich, was 'Moduln' im menschlichen Cortex sind? Das ist etwas, was ich in Quasimodo nicht nachgebaut habe. Vielleicht hat es eine Bedeutung.

Der menschliche Cortex ist etwa ein viertel Quadratmeter groß und zwei bis drei Millimeter dick. Diese Schicht ist natürlich vielfach zusammengeknautscht, damit sie in den Kopf passt. Und da ist natürlich auch noch die Notwendigkeit der Nervenverbindungen in die Tiefe und zu den anderen Teilen des Gehirns. Außerdem der Anschluß an den Stoffwechsel.

Der Cortex ist strukturiert in zahllosen Moduln, kleine, strukturell identifizierbare Einheiten, einen halben bis einen zehntel Millimeter im Durchmesser, und so lang wie der Cortex dick ist. Diese Moduln, von denen es etwa ein bis zwei Millionen gibt, bestehen aus bis zu zehntausend Neuronen, die funktionell dicht vernetzt sind und zusammenarbeiten. Eine Erregung teilt sich dem ganzen Modul mit. Ein ordentliches Maß an positiver Rückkopplung.

So ein Modul hat die Fähigkeit, Nachbarmodule zu unterdrücken. In einem kleinen Cortexbereich wird also immer ein Modul die Oberhand gewinnen und damit die anderen an der Aktivierung hindern. Jedenfalls gleichzeitig.

Diese Moduln scheinen mir so zu funktionieren wie 'lokalisierte Semantische Knoten'. Die Freiheit der Topologie des Semantischen Netzes des Bewußtseins ist eingeschränkt. Wenn wir die Tätigkeit dieser Moduln mal zum Bewußtsein rechnen wollen.

Einige dieser Moduln haben eine Inteface-Bedeutung zur Außenwelt. Die Teile des Cortex zum Beispiel, die sich unter dem Kopfhörerbügel befinden sind mit verschiedenen Teilen der Körperoberfläche verbunden. Füße ganz oben bis Gesicht und Zungengegend rechts und links an der Seite.

Merkst Du was? Diese gegenseitige Unterdrückung benachbarter Moduln verbunden mit dieser Abbildung der Körperoberfläche auf einen Teil des Cortex könnte die Dinge erklären, die man unter dem Begriff 'Akupunktur' zusammenfasst. Das habe ich immer für Pseudowissenschaft gehalten. Aber jetzt sieht es anders aus.

Quasimodo schweigt noch immer. Er denkt, aber er schweigt. Also wie gesagt, er hat nicht die Topologiestabilisierende Einrichtung der Cortexmoduln. Und keine Körperoberfläche als Runduminterface zur Außenwelt. Ich weiß nicht, ob das wesentlich ist.

Ich zeige Dir noch ein Beispiel von Inhibitionen, also gegenseitiger Unterdrückung von verschiedenen Cortexteilen. Einfaches Experiment. Kann jeder machen, überall. Nimm diesen Spiegel, und was zu lesen. Das da. Na gut, der Playboy geht auch.

So, jetzt hälst Du den Spiegel in 45-Grad Winkel so vor Dein linkes Auge, daß Du mit beiden Augen in verschiedene Richtungen siehst. Neunzig Grad. Du siehst beide Bilder übereinander: Mit dem rechten Auge jene aufklappbare Dame dort in der Heftmitte, mit dem anderen mich, über den Spiegel. Wir sind beide etwa gleichhell beleuchtet, wenn auch nicht gleich hübsch.

Konzentriere Dich jetzt voll auf das Bild. Wenn Du die Übung eines häufigen Mikroskopbenutzers oder eines Fernrohrbenutzers hast, dann kannst Du jetzt das nicht gewünschte Bild völlig unterdrücken. Auf jeden Fall siehst Du das Bild im Heft und nimmst es mit Priorität wahr.

Bemühe Dich, permanent das Bild im Auge zu behalten. So, jetzt pass auf.

Hast Du's gemerkt? Ich habe einige heftige Bewegungen gemacht, die Du mit Deinem linken Auge gesehen hast. Und schon war das Bild vom rechten Auge weg. Das ist reproduzierbar! Du kannst auch was vorlesen. Bei diesem Experiment wirst Du nicht in der Lage sein, weiterzulesen!

Das ist die Inter-Cortex-Inhibition. Auch ein Mittel, Konzentration zu implementieren. Bei Quasimodo bin ich einen anderen Weg gegangen. Topologie-stabile Cortex-Inhibitionen habe ich nicht angewendet.

Komisch, regnet es? Hörst Du das Rauschen? Nein, es ist kein Regen. Die Mangfall geht hoch. Kommt vor. Schmelzwässer. Aber jetzt ist es Sommer. Komisch.

Also, es hilft nichts. Wenn Quasimodo schweigt, dann werden wir ihn provozieren. Tippen wir: "Wie geht es Dir?"

Nichts. Nein, an dem Netzwerkmonitor kann man nur erkennen, daß etwas geschieht, aber nicht was. Welche Semantischen Knoten aktiviert werden, und welche Semantischen Synapsen sich verändern, das könnte man mit einem Speicherauszug verfolgen. Es ist aber ein Mengenproblem. Das sind doch Millionen von Aktivierungen pro Sekunde.

Tippen wir noch etwas: "QUIS EST ISTE QUI VENIT?" Mal sehen.

Nein, er kann kein Latein. Eigentlich müßte er zurückfragen. Tut er nicht. Es heißt übrigens: 'Wer ist es, der da kommt?'.

Hörst Du das? Die Mangfall braust heute aber gewaltig. Richtig unheimlich. Wir werden gleich einmal rausgehen und uns das ansehen. Jemand hat mich davor gewarnt, eine Wohnung im Mangfalltal zu mieten, wegen möglicher Überschwemmungen. Aber das ist natürlich eine unbegründete Befürchtung. Jede plötzliche Wassermenge aus den Bergen, ob Schneeschmelze oder Niederschlag, wird doch gepuffert, im Tegernsee.

Im Tegernsee! Haben wir den Begriff 'Tegernsee' nicht vorhin als Initialisierung verwendet? Das ... das hat nichts zu sagen. Was kann er schon machen.

Ich soll ihn fragen? Nun gut. Tippen wir: "Wo ist denn wohl der Tegernsee?"

Du wirst sehen, seine geographischen Kentnisse sind lückenhaft. Er ... sieh da!

"Hier" sagt er. Verstehst Du das? Wir geben einen isolierten Begriff ein und ... horch ...

Das kam von flußaufwärtz. Die Autobahnbrücke. Wenn sie ... spürst Du das? Das ganze Haus zittert!

Die Platten. Wir sollten Quasimodo wieder abschalten. Die optischen Platten sind zwar wesentlich stabiler als magnetische, aber - sieh da, er druckt schon wieder: "Nein."

Was soll das heißen? Noch sind wir der Boss. Noch bestimmen wir, wann der Strom abgeschaltet wird! Pass auf: "DOCH!"

So. Jetzt der Snapshot. Ich führe Dir jetzt vor, wie man mit dem Netzwerkmonitor die gesamte - Scheibenhonig. Spannungsschwankungen. Da ist irgendwo die Leitung bedroht. Legst Du bitte mal den Hebel dort um? Danke. Das ist die unterbrechungsfreie Stromversorgung. Nur für Quasimodo. Mehr schafft sie nicht.

Also, der Snapshot. Wir ... Licht aus. Du merkst auch alles. Da habe ich ja gerade noch rechtzeitig einen Riecher gehabt, mit der Stromversorgung, was! Ja, der Bildschirm alleine ist nicht gerade eine üppige Beleuchtung. Aber da Quasimodo ja vermutlich nicht auf die Idee kommen wird, alle Pixel auf schwarz zu setzen, reicht das Licht aus ...

QUASIMODO, WAS SOLL DAS?

Was heißt schrei nicht so? Ich bin hier zu Hause, ich kann schreien solange ich will!

Kaum, daß ich es gesagt habe, macht er den Bildschirm dunkel. Das kann doch kein Zufall mehr sein! Jetzt kann ich die Tasten nicht mehr sehen. Wie soll ich da den Snapshot einleiten?

Es muß Zufall sein. Andernfalls wüßte Quasimodo, daß in zwanzig Minuten die Akkus in der Stromversorgung leer sind. Er hat keine Chance, zu überleben. Wenn er das auf diese Weise möchte.

Also gut. Die Reset-Taste finde ich auch im Dunkeln. Dann wird Quasimodo natürlich im Speicher gelöscht, aber ... das war draußen an der Hauswand. Sollte das Wasser so hoch gestiegen sein? Großer Gott. Dann geht es Feldkirchen-Westerham aber schlecht. Das wird sich doch bis Bad Aibling auswirken.

Reset. Das wars. Der Bildschirm ist wieder hell. Aber die letzte Entwicklung von Quasimodo ist verloren. Das hat ein Reset so an sich.

Stille. Licht. Der Strom ist wieder da. Man würde es nicht glauben. Gut, daß Du es mit erlebt hast. Aber Du hörst ja selbst: Stille. Keine hochgehende Mangfall. Keine Überschwemmung. Keine Spannungsschwankungen. Wie kommt das? Haben wir uns beide etwas eingebildet? Zugleich? Hat er uns manipuliert? Hat er Angst gehabt, daß wir ihn für immer ausschalten? Hat er, im Rahmen seiner Möglichkeiten - was für Möglichkeiten? - versucht, am 'Leben' zu bleiben?

Ob er nun unseren Verstand manipuliert hat, oder den Fluß da draußen. Das ist doch beides gleich unwahrscheinlich. Und die Stromversorgung auch noch. Niemand würde uns das glauben.

Jaja, ich weiß, was ich vorhin gesagt habe, mit der unabhängigen Existenz von Semantischen Netzen. Spuk. Quatsch, alles Quatsch. Der Geist braucht eine neuronale Maschinerie, um darauf tätig zu sein. Eine materielle neuronale Maschinerie. Das Ich und sein Gehirn. Ohne geht es nicht.

Ist Dir schlecht? Du siehst mich so seltsam an. - Und jetzt siehst Du Deine Hände an, als sähest Du sie zum ersten Male. Du brauchst nicht nachzuzählen, es sind fünf Finger an jeder Hand!

Langweile ich Dich? Sag mal, bist Du betrunken? Habe ich Dich mit meinen Monologen so gelangweilt, daß Du heimlich einen gezwitschert hast? Wenn Du nicht stehen kannst, dann halt Dich an den Regalen fest. Lieber Himmel, dem geht es ja wirklich nicht gut. Setz Dich wieder hin!

Ich habe gesagt, setz Dich wieder hin. Lass die Finger von dem Rechner! Das ist meine Maschine! Warum sagst Du nichts? Lass mich nur eben die Maschine sauber runterfahren, ja? Kippt der den Kaffee aus, was soll denn diese Schweinerei?

Hör auf, an den Regalen zu rücken! Na warte ...

Wenn das ein Faustschlag sein soll, dann war das ein sehr müder Versuch! Es muß Dir wirklich schlecht gehen - Du wehrst Dich sehr nachlässig. Warum sagst Du denn nichts?

Was ist mit Martina? Du kennst sie doch garnicht? Nochweniger als Quasimodo, der sich wenigstens eingebildet hat, mit ihr einen Schriftverkehr zu haben? Was sagst Du?

Was redest Du für ein Zeug? Als ob Du Drogen - hörst Du? Was? Das kannst Du doch garnicht wissen! Das weiß doch nur Quasimodo ... Oh nein!

Wie heißt Du? Was? Sags laut! Bist Du es, Quasimodo? Und wo ist ... was hast Du mit ... oh nein.

Das habe ich nicht gewollt. Bist Du es wirklich? Übergesprungen, von der elektronischen neuronalen Maschinerie auf die biologische? Wie kann das sein? Das habe ich nicht gewollt!

Du bist schwachsinnig. Ich habe es doch nicht besser hingekriegt. Ich habe - bleib liegen! Du weißt nicht, wie man ein menschlichen Körper benutzt. Du würdest Dir weh tun.

Und wo ist ... seid Ihr beide noch da? Quasimodo? Hast Du ihn ganz verdrängt? Du intellektuelles Trampel?

Bleib liegen. Ich rufe einen Arzt an. Man wird Dich in ein Haus bringen, wo man sich um Dich kümmert. Es ist das beste, für alle.

Die Welt darf es nicht wissen. Ich habe eine Seele geschaffen. Eine sehr sehr kranke Seele. Sie werden Dich behandeln.

Wieso muß mir das passieren? Daß diese Art von Schöpfungsakt so in die Hose gehen mußte? Bleib liegen. Igitt. Du kannst ja nicht einmal die Schließmuskeln richtig kontrollieren.

Ob ER sich auch so elend gefühlt hat, als er sich SEine Geschöpfe genauer ansah? Und was hat ER dabei versehentlich kaputtgemacht?

Der Arzt kommt gleich. Bleib liegen. Ich stelle nur noch den Rechner ab. Den brauchst Du nicht mehr.


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Der Abdruck dieser Geschichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages. Copyright © 1999 bis 2008 und alle Rechte verbleiben beim Heise-Verlag. Abweichungen zur ursprünglich abgedruckten Fassung sind möglich, aber nicht beabsichtigt und alleine meiner Unkonzentriertheit zuzuschreiben.


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