Nur Muskelrisse - kein Fett


Josella Simone Playton


Der Knall ist laut und kurz, das Bild plötzlich weg. Langsam kommt es wieder, bis die übliche Helligkeit und Geometrie erreicht ist. Nein, er macht es nicht immer - nur immer öfter. Ein schöner, teurer EIZO Flexscan T560i. Er weiß nichts von Murphy - sonst würde er sich mit dieser Sondervorstellung noch zehn Tage Zeit lassen. Dann ist nämlich der 15. April 1993, und die Garantiezeit ist zu Ende.

Eine der letzten Sondervorstellungen eines 25_000.- PC. Damals, als ich den Fachhändler in einer kleinen, süddeutschen Stadt aufsuchte, ahnte ich schon, daß es vielleicht ein bißchen teurer werden würde als bei Vobis oder Escom oder Kaufhof oder Tengelmann oder Aldi. Naja. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Das muß er bemerkt haben. Bei einem Täßchen Verwöhn-Aroma - nach Geschäftsschluß - versuchte er, mich von den sachlich gebotenen Notwendigkeiten zu überzeugen. Ich will in naher Zukunft auch mal UNIX installieren? Dann ist SCSI notwendig. Für alles andere gibt's kaum Treiber. Das habe ich eingesehen. Ein i486 wollte ich sowieso haben, aber mit 25 MHz hätte ich mich begnügt. Die müssen vor einem Jahr aber schon ausgestorben sein. Gut, ich brauche die Rechenpower ja. Also 33 MHz.

In der Preisklasse hats die Firma Rein im Nettetal nur als EISA. Das habe ich zunächst nicht eingesehen, aber wenn ich einmal unter UNIX mehr als 16 MB Haupspeicher brauchen sollte - also in Gates Namen EISA. Die Sache wurde fünfstellig, nachdem ich präzise meine Zielvorstellungen in Sachen Monitor geäußert hatte: Viele Pixel, viele Hertz, viel bunt.

Also weitere Verhandlung. 4 MB waren schon drin, 8 MB sollten es eigentlich sein, aber wegen dieser komischen Speicherbank - Arithmetik kann man den Speicher immer nur um ein Delta von 4 oder 16 MB aufrüsten. Ich wollte keine halben Sachen, und die vorhandenen 4 MB wollte ich nicht wegwerfen - also wurden es 20 MB. Verständlich? - Verständlich.

Tja. Die Grafikkarte. 1024 * 768 * 256 Farben brauchen ein Megabyte. Mir wurde erläutert, wie schwer sich so ein armer Prozessor tut, ein Megabyte wiederholt umzuschaufeln, wenn Windows ein Fenster scrollt. Das sah ich auch ein. Ich wollte Kompatibilität bis in die Steinzeit - ohne MS-Flugsimulator kann ich nicht leben. Das sah wiederum der Fachhändler ein. Also einigten wir uns auf eine EIZO-AA40 mit einem Megabyte, die den IBM 8514 - Standard implementiert, und auf eine EIZO-VA41 mit zunächst einem halben Megabyte, die alles andere macht. 70 Hz oder mehr in allen Modi möglich - man ist ja durch den ATARI SM124 verwöhnt.

Platte. SCSI war schon entschieden, aber wie groß? An meinem ATARI-4-MEGA surrten 2 Platten a 30 Megabyte. Beide randvoll. Also runden wir das auf. Beim Aufrunden sind wir bei 240 Megabyte angekommen. Ein Quantumsprung.

Das war's im wesentlichen. Lieferzeit drei Wochen versprochen und drei Wochen gehalten. Provisorischer Aufbau in meiner Küche. Da steht der einzige Tisch, der den schweren Monitor tragen kann. Pizzas sind von nun an out. Wegen der Fettdämpfe.

Jubel. Euphorie. Alle Ecken von Windows 3.1 ausprobieren. DOS sowieso. Das muß man, wenn man von ATARI kommt. Meine ATARIs setzen Staub an. Angefangen, alles mögliche von ATARI nach DOS zu portieren. Borland's Turbo-Pascal 6.0 installiert. Und gelernt, was ein 64-kByte großes Segment ist. So etwas anachronistisches hatte ich höchstens noch bei Mainframe Rechnern erwartet. Wenn man einen Sinn für Ästhetik hat, ist diese PC-Architektur eine kalte Dusche. Tischer's Seelsorge gekauft ("PC-Intern 3.0"). Blicke heute noch nicht durch. ATARI war so schön einfach.

Ventilatoren scheppern ein bißchen, aber ein paar Zugeständnisse an Zulieferanten in Fernost muß man ja wohl machen. Außerdem hört man so die Nachbarkinder nicht so schreien.

Aber schon in den ersten Wochen Pupillenverengung: wo kommen die beiden horizontalen Linien auf dem Bildschirm her? Und warum knistert es gelegentlich im Monitor? Und was sind das für wandernde Streifen und Schlieren? Das Bild auf dem ATARI SM124 ist immer wie gemalt und makellos gewesen, sieben Jahre lang - wenn man das für 300.- haben kann, dann doch für 4000.- erst recht, oder? Fachhändler angerufen und Nase gerümpft - ich kann das auch telefonisch.

Neuen Monitor bekommen. Inzwischen hatte EIZO eingesehen, daß man dem Kunden die Maskenversteifung in der Bildröhre explizit erklären muß, damit nicht soviele dumme Fragen kommen - die werfen nämlich diesen linienförmigen Schatten auf dem Bildschirm. Konstruktionsbedingt. Gut. Akzeptiert. Aber die Schlieren waren immer noch da.

Wir haben's rausgekriegt. Zwei Grafikkarten sollten nicht gleichzeitig mit 70 Hz laufen. Das gibt über den Feature-Connector Interferenzen, und die sieht man. Herr Tischer, warum steht das in Ihrem Buch nicht drin, wenn EIZO selbst schon nicht darauf hinweist?

Naja, man kann's umgehen. Bei der Gelegenheit habe ich die VA41, wie schon die AA40, auf 1 Mbyte aufrüsten lassen. Sämtliche Modi, die dieses Megabyte auf der VA41 brauchen, hatten plötzlich einen viel größeren Unterhaltungswert: Die Karte veränderte von sich aus die Farbpaletten!

VA41 durch VA42 ausgetauscht. Die ist aufwärtskompatibel. Stimmt tatsächlich: Die Farbgewitter waren immer noch da. Temperaturabhängig. Also Hardware. Fachhändler hat die Leitungen nach Nettetal heißtelefoniert. Ergebnis: Ratschlag, die VA42 nur mit 60 Hz laufen zu lassen. Das habe ich mir schon immer gewünscht: Erinnert an den alten Farbmonitor von ATARI, wenn man bei dem in der ersten Reihe sitzt.

Inzwischen stand schon der dritte Monitor auf meinem Küchentisch. Der zweite hatte Linearitätsabweichungen von bis zu 20 Prozent in einem der Modi. Nicht akzeptabel. Dieser dritte Monitor knisterte gelegentlich auch bedrohlich, aber es war ein Leihmonitor des Händlers - da hat mich das nicht so aufgeregt.

Aufgeregt hat mich das Geräusch einer hochfahrenden Festplatte - nachdem ich schon eine Stunde am Rechner gearbeitet hatte. Wie das? Die Festplatte lief doch schon längst. Und damals hatte ich nur eine. Nun bei jedem Hochfahren gehorcht. Es war der Ventilator des Netzteils. Der hatte Anfahrschwierigkeiten, die ich unter dem Geklapper der anderen Ventilatoren noch nie gehört hatte. Das war Mitte Februar. Also, vor Ablauf der Garantiefrist, großer Aufwaschauftrag: Neue Ventilatoren - alle - bei der Gelegenheit von 20 auf 36 Megabyte Hauptspeicher aufrüsten und eine neue Platte. Irgendwie war es auf den 240 Megabyte eng geworden. Ich wollte Nägel mit Köpfen. Die zweite Platte würde auch von Quantum sein, und sie würde 1.2 Gigabyte haben.

Der Fachhändler kam und holte den Rechner erst einmal wieder ab. Auf meinem Küchentisch stand inzwischen der endgültige Monitor - keine Verzerrungen, keine Geräusche, überhaupt keine Fehlfunktionen. Ohne Rechner sowieso nicht. Der blieb nämlich einen ganzen Monat lang weg. Wegen Komplikationen, wie der Mediziner sagt. Ich kam wieder dazu, Pizza zu essen. Bei LDTV/50 Hz interlaced in der ersten Reihe zu sitzen. In der Verwandtschaft rumzutelefonieren. Zuzunehmen.

Der Rechner kam wieder. Ventilatoren: leise, säuselnd, überhaupt nicht störend! Netzteil: neu. Ventilator vom Netzteil: auch neu. Aufwärtskompatibel zum alten Netzteil: läuft gelegentlich auch erst nach manueller Aufforderung an (Aber immerhin: viel seltener.).

Die neue Platte: Riesig viel Platz. Die alte: war plötzlich auch neu, weil die alte während der Reparaturarbeiten ihren Geist aufgegeben hatte. Garantiefall. Jemand, der mir einen PC verkauft, muß damit rechnen, daß ich den auch BENUTZE. Rund um die Uhr. Ein Jahr fast ununterbrochener Betrieb - das muß eine Platte abkönnen.

Sofort alles fehlende wieder neu installiert. Planungen: Was wohin? Soviele Partitionen! Und wieso ist auf der neuen Platte nur ein Gigabyte - sollten es nicht 1.2 Gigabyte sein?

Programmieren ist wie Romane schreiben: Man denkt sich ein paar Typen aus und muß sehen, wie man damit zurechtkommt. Wenn man nicht zurechtkommt, stürzt der Rechner ab. Passiert mir häufig. Das ist kein Problem. Reset. Neu Hochfahren. Norton Diskdoktor die logische Integrität der Platten prüfen lassen. Das dauert jetzt sehr lange. Aber manchmal ist er schneller fertig:

Wo ist die zweite Platte geblieben?

Noch'n Reset. Und noch einer. Manchmal ist sie da, manchmal nicht. Ich kriege schnell raus, woran das liegt: Wenn die Luft vor den Ansaugschlitzen kälter als 18.5 C ist, dann ist die Platte da. Wenn sie wärmer als 20 ist, dann ist sie nicht da. Irgendwas stimmt mit dem Reset des SCSI-Bus nicht. Reset heißt von nun an: Fenster (meine Wohnung, nicht Windows) auf, warten, Reset, horchen, wenn die neue Platte klappert beim Reset, Fenster wieder zu, sonst goto 'Reset heißt von nun an:'.

Bald wird es Sommer. Fachhändler angerufen. Der erkennt mich schon längst an meiner Stimme ('Was hat die denn jetzt schon wieder?').

Fachhändler Firma Rein angerufen. 'Haben Sie denn den ASPIEDOS.SYS-Treiber?' - 'Nein.' 'Aha.' Am nächsten Tag steht der Fachhändler wieder bei mir auf der Matte, unterm Arm die Adaptec-EZ-SCSI - Software. Sofort gehen wir ans Installieren. Das Installationsprogramm läßt den Rechner abstürzen, aber manuell geht's. Naja, darüber verliert man keine Worte: Version 1.0 - das kann sowieso nicht funktionieren.

Der ASPIEDOS.SYS - Treiber funktioniert: Er erkennt ganz genau, wann die zweite Platte verfügbar ist und wann nicht. Nur ändern kann ers auch nicht.

Der Fachhändler holt triumphierend ein Fax heraus: 'Da muß ein Jumper umgesteckt werden!' Hat was mit dem Abschlußwiderstand zu tun. Klingt plausibel. Also macht er's. Nun verhält sich der Rechner wieder vorhersagbar: die zweite Platte ist nun auch unter 18.5 C nicht mehr ansprechbar - also überhaupt nicht mehr. Also Jumper wieder andersrum. Vergleich technischer Unterlagen: Das Fax stimmt nicht mit dem Manual überein, und beides nicht mit dem Layout der Chips auf der Platine. Rätselraten. Es ist 21 Uhr. Ich bin froh, daß ich kein PC-Fachhändler bin und bei ignoranten Kundinnen PCs zum Laufen bringen muß. Auch wenn diese über einen unbeschränkten Vorrat an Löwenbräu alkoholfrei verfügen.

Er ab, mit dem Vorsatz, weiter mit Firma Rein zu telefonieren, ich bleibe mit dem Vorsatz, weitere Experimente durchzuführen. Es ist in diesen letzten Märztagen eine Kaltfront angesagt, was den Reset vereinfacht.

Zunächst: Warum bindet dieser ASPIEDOS-Treiber sich nicht ein? Offenbar muß die Platte dazu speziell partitioniert werden. Nur dann ist es möglich, sie den Fittichen des BIOS zu entreißen und durch den ASPIEDOS.SYS zu verwalten. Das Partitionieren macht man mit dem AFDISK.EXE. Schön! Die haben an alles gedacht!

Ich rufe das AFDISK.EXE auf. Es sagt, es kann die Platte nicht partitionieren, weil sie durch das BIOS verwaltet wird. Aha, denke ich. Grundformatierung. Das Mittel der Wahl ist das Programm SCSIFMT.EXE. Es sagt nach dem Aufrufen, daß es den Treiber ASPIEDOS.SYS nicht nötig hat. Innerer Jubel: Ich bin auf dem richtigen Weg! - Warum leuchtet die Leuchtdiode beim Formatieren nicht? Warum hört man nichts? Trotzdem: nach einer Viertelstunde oder so ist er fertig. Sagt er. Obwohl er präventiv stundenlanges Formatieren für große Platten angedroht hat. Ich lerne daraus, daß 1.2 Gigabyte nicht als groß gelten.

Dann wieder AFDISK.EXE. Es sagt, es kann die Platte nicht partitionieren, weil sie durch das BIOS verwaltet wird.

Nunja. Ich muß das nicht verstehen. Aber ich wühle mich weiter durch die Dokumentation. Brauche ich das ASPIEDOS.SYS überhaupt? Zwei Platten kann das BIOS doch?

Ja, ich brauche es: Das BIOS kann nämlich nur 1024 Spuren. Meine neue Platte hat aber viel mehr. Und um die zu verwenden, muß man dem BIOS andere Plattenparameter vortäuschen - mehr Köpfe und so. Deshalb habe ich fast 200 Megabyte zuwenig.

Mit der Temperaturabhängigkeit des Reset-Vorganges auf dem SCSI-Bus hat dieser Treiber aber offenbar nichts zu tun. Am nächsten Tag baut der Händler die Platte wieder aus. Garantiefall. Fünf Jahre hat sie. Und keine fünf Tage hat sie gehalten. Kostet einen Tag, bis ich mich auf den verbleibenden 240 Megabyte wieder häuslich eingerichtet habe. Ein bißchen dürftig. Wie der Umzug von einer Wohnung mit 100 Quadratmetern in eine solche mit bloß 20.

Ich muß mich trösten. Mal sehen, was man mit den neuen 36 Megabyte Hauptspeicher anfangen kann. Solange es nur 20 MB waren, hat man den Unterschied zu 16 Megabyte ja kaum gemerkt. Aber jetzt lohnt es sich. Naja, daß man der EISA-Konfiguration mitteilen muß, daß es wirklich 36 sind, haben wir auch erst lernen müssen, aber das zunächst ständig abstürzende Windows hat es ja deutlich gemacht, daß da irgend etwas nicht stimmte. Das System-BIOS weiß zwar, daß 36 Megabyte da sind, verrät es aber dem EISA-Konfigurations-BIOS nicht von selbst, und das Adaptek-BIOS hält sich da vornehm raus.

Das Zauberwort heißt bekanntlich

DEVICE=C:\WINDOWS\HIMEM.SYS /EISA

und ist nicht überall dokumentiert. Wenn die neue Platte wiederkommt, dann könnte ich eine Partition von 512 Megabyte freimachen, den Parameter 'PageOverCommit' auf 20 setzen und mich in einem virtuellen Adreßraum von 512 Megabyte sonnen! Die C'T vom April genommen und den Artikel von I. T. Storm gelesen. Es steht nicht da, daß es nicht geht. Also geht es.

Was ich mit 512 Megabyte anfangen sollte, weiß ich noch nicht. Also schreibe ich jetzt schon mal eine kleine Anwendung, die die Integrität des virtuellen Adreßraumes testet. Blöcke allokieren, Prüfmuster reinschreiben, selbiges wieder lesen. Ganz einfach. Kann jeder.

Nur ich nicht: Nachdem man etwa 170 bis 200 Blöcke a 64 KiloByte allokiert hat, sind einige davon plötzlich read-only. Inspektion des Inhaltes zeigt, daß es sich um Teile des BIOS handelt. Man tut sich eben schwer, etwas in ein ROM hineinzuschreiben. Ob man mit oder ohne Auslagerungsdatei arbeitet, spielt dabei keine Rolle. Aber wenn man den /EISA-Parameter wegläßt, dann ist alles in Ordnung. Man hat eben nur 16 Megabyte Hauptspeicher. Ein bißchen dürftig. Wie der Umzug von einer Wohnung mit 72 Quadratmetern in eine solche mit bloß 32.

(In dem Vergleich entspricht der konventionelle Speicher etwa 1.28 Quadratmeter - die Toilette etwa. Aber ich mag das Wort 'konventionell' in diesem Kontext nicht: Das erinnert an den Gegensatz 'konventionelle Waffen' - 'Kernwaffen'. Aber die PC-Architektur haut mich auch nicht vom Stuhl, wenn man mehr als nur konventionellen Speicher drin hat.)

Die Sache noch mit dem HEAPSPY.EXE von Borland's Pascal 7.0 untersucht. Die Global-Deskriptor-Tabelle sieht gut aus, ebenso die erzeugten Basisadressen. Aber das BIOS ist in einigen der allokierten Blöcke immer noch zu finden. Was lernen wir daraus? Im Enhanced Modus von Windows 3.1 verschiebt sich das BIOS auf Adressen jenseits von $80000000. Neues Kapitel für "PC Intern 4.0".

Das war der Stand Anfang April. Genau derselbe wie der Stand einige Monate und 5500.- früher, denn 240 MB Platte und 20 MB Hauptspeicher hatte ich da auch schon. Ich setzte mich hin, um einen Brief an die C'T-Redaktion zu verfassen. Damit muß ich eine höhere Macht beleidigt haben, denn dann passierte erstmalig die Sache mit dem Knall im Monitor (Am 5. April 1993 um 01:30 Uhr hat EIZO zurückgeschossen. Konventionell.).

Die Zeit vergeht - The story continues. Ich erwarb das MS-DOS 6.0. Letzter Stand der Dinge: Keine der o.a. Probleme konnte gelöst werden. Die Installation von MS-DOS 6.0 dauerte nicht lang, aber fast ein Wochenende verging mit dem Kampf um die CONFIG.SYS und deren richtigem Inhalt. Ich habe gelernt, daß ich den MEMMAKER.EXE vielleicht doch nicht benutzen sollte. Selbst in seinem defensiven Modus machte er mir eine Konfiguration, die das Verwenden von Windows zuverlässig verhinderten. Aber nach dem Reset interaktiv bei der Konfiguration mitmischen zu können ist auch eine gute Idee. Sie kommt nur ein paar Jahre zu spät.

Das DBLSPACE schien ebenfalls eine gute Idee zu sein - insbesondere, da meine große Platte zunächst noch nicht zurück war. Meine beiden Borlands (C++ 3.1 und BP 7.0) haben früher nur 10 MB Platz auf einer 80 MB-Partition gelassen, jetzt sind es 70 MB. Sagt das DBLSPACE. Microsoft gibt aber zu, daß es sich dabei um eine waghalsige Schätzung handeln könnte.

Ich habe Experimente gemacht, die verschiedenen BIOS-Komponenten in verschiedenen Shadowing-Konfigurationen im RAM zu betreiben. Ich war wahrscheinlich auf dem richtigen Wege: Die Anzahl der defekten Blöcke im virtuellen Speicher von Windows konnte drastisch erhöht werden. Ich habe jetzt alle möglichen Kombinationen durchprobiert. Ein makelloser Adreßraum war nicht möglich. Aber ich bekam heraus, daß der defekte Bereich mindestens genau 128 KiloByte lang ist.

Hilfeanruf in der C'T-Redaktion (Fühle mich als Abonnentin Hotline-berechtigt): Ja, das Problem wäre bekannt. Manche BIOS blenden sich ganz oben unter den 16 MByte ein. Sollte wegkonfigurierbar sein, und was ich denn für ein komisches BIOS und für einen komischen Chipsatz hätte. Ich habe es dem Herrn Stiller nicht verraten, weil ich es nicht so genau gewußt habe. Dafür hat er mich schonend drauf vorbereitet, daß dasselbe Problem mir ganz oben unter 4 Gigabyte noch einmal blüht.

Riesenschreck bekommen. Aufgelegt und mich wieder meinem komischen Rechner zugewendet. Spezialanfertigung CONFIG.SYS gemacht: Große RAMDISK bis kurz vor diesem Bereich, ganz kleine genau drauf. Die kleine mit Norton's Diskeditor angesehen. Es sind nicht die obersten 128 kByte aus dem unteren Megabyte, die dahin eingeblendet werden, sondern die obersten 64 kByte - die aber zweimal.

Ich muß das nicht verstehen. Immerhin habe ich jetzt unter Windows einen Adreßraum von 20 Megabyte (MB 17 bis MB 36). Windows besteht darauf, daß es nur 17 Megabyte sind - das dürfte der Smartdrv sein. Immerhin: Jetzt habe ich FAST die Hälfte meines RAMs als realen Adreßraums zur Verfügung, und dazu noch eine Riesenramdisk von etwa 15 MB, die ich eigentlich nicht brauche. Die einzige Situation, die es sinnvoll machte, die Auslagerungsdatei von Windows auf einer Ramdisk anzulegen. Aber sowas macht Windows grundsätzlich nicht.

Neue Überraschung: Dateien, die während der wenigen Tage, wo ich sie hatte, auf der großen Platte gewesen und zurückkopiert worden sind, wiesen EINZELBIT-Fehler auf! Acht Stück, weit voneinander entfernt. Einzelbit-Fehler - das ist niemals ein Überschreiberproblem. Das ist Hardware - entweder, es ist während des Kopierens passiert, als die Speicherkonfiguration noch fälschlicherweise auf 20 MB eingestellt gewesen war - das ist entschuldbar - oder die große Platte war Gelump. Das ist nicht entschuldbar. Wir wußten es nicht. Wenn die Platte wiederkommt, wird sie GEPRÜFT, bis sie die Currie-Temperatur überschreitet. Nahm ich mir vor.

Sie kam auch zurück. Nagelneu - die Firma Rein hatte sich entschlossen, die alte an Quantum zurückzuschicken.

Eingebaut und ausprobiert. Präzisionsgerät: Die Temperaturabhängigkeit war aufs Grad genau diesselbe. Inzwischen war der 7. Mai, und Tage mit weniger als 18.5 Grad werden zunehmend seltener.

Mangels echter Ideen haben wir dann die SCSI-Target-Adressen der beiden Platten vertauscht. Das hats gebracht. Warum - das weiß keiner. Irgendwas mit der Firmware der Platten. Die alte Platte ist wahrscheinlich in Ordnung gewesen (und inzwischen jenseits des Atlantiks angekommen).

Rasch ausprobiert, wieviel virtueller Adressraum denn nun möglich ist. Windows rückt etwa 268 Megabyte freiwillig heraus. Ich werde weiter nachforschen.

Wie wird man DBLSPACE wieder los, wenn man keinen Wert mehr auf komprimierte Partitionen legt? Bei Interdigitalmykose hilft Bifonazol oder, in ganz schlimmen Fällen, Griseofulvin, 500 mg pro Tag. Kontraindikation vorgeschädigte Leber. Bei DOS hilft Neuinstallieren, einmal pro Tag. Kontraindikation vorgeschädigter Geduldsfaden. Inzwischen weiß ich es besser: DBLSPACE.INI löschen. Kommt man nicht gleich drauf, weil das 'Hidden'-Attribut gesetzt ist. Aus welchen gründen auch immer.

Die Einzelbitfehler häuften sich. C'T-Hotline angerufen ('Was hat die denn jetzt schon wieder?'). Herr Schnurrer äußerte eine allgemeine Aversion gegen jede Art von Cache-Programmen. Weil die Bitfehler ohne Cache bei irgendwelchen Kopiervorgängen nie auftraten, habe ich ihm das zunächst geglaubt. Wir haben über weitere Experimente, um der Sache auf den Grund zu gehen, geredet. Habe die vorgeschlagenen weiteren Experimente durchgeführt. Habe festgestellt, daß Norton-Cache ebenfalls Bitfehler erzeugt.

Sollten tatsächlich beide Cacheprogramme in gleicher Weise Symtome schlampiger Programmierung zeigen? Ich kann es nicht glauben. Info aus Nettetal: Smartdrv bei Gigabyteplatten 'geht nicht so richtig'.

Experimentum crucis: Kopieren von Ramdisk zu Ramdisk. Eigentlich habe ich mir nichts dabei gedacht. Aber: Bitfehler! Die Platten waren in Sekundenschnelle rehabilitiert, und Smartdrv und Norton-Cache auch. Speicher kann es auch nicht sein, der hätte sich mit Parity-Fehler beschwert. Ich schloß daraus, daß entweder der Prozessor selbst oder der 256k-Prozessor-Cache der böse Bube sein mußte. Im BIOS den Prozessor-Cache ausgeschaltet: Bitfehler weg. Das System läuft, sogar mit Smartdrv, zuverlässig wie die Münchner S-Bahn im Sommer. Und ungefähr genauso langsam.

C'T-Hotline angerufen. Herr Stiller teilte meinen Verdacht, daß es eigentlich nur der Prozessor-Cache sein könnte. Herr Schnurrer wäre noch nicht vom Essen zurück. Und was ich denn für ein komischen Chipsatz hätte?

Versucht, dem Fachhändler die Identität meines Chipsatzes zu entlocken. Das ist einfach notwendig, wenn ich nochmal die C'T-Hotline anrufen sollte. Der Fachhändler seinerseits versuchte, den Technikern bei Rein diese Information zu entlocken. Diese Techniker ihrerseits versuchen ... Wir werden es noch herausfinden. Schlimmstenfalls steht es auf den Chips drauf. Aber die kann man in meinem Rechner nicht sehen, weil eine andere Karte genau drüber liegt. - Vielleicht habe ich auch gar keinen Chipsatz? Jedenfalls sind wir alle sehr gespannt.

Ach ja, das BIOS. Rein hat eine neue Version geschickt, um das Problem mit dem unter 16M eingeblendeten BIOS zu beheben. Die Version ist tatsächlich neu - die Versionsnummer beweist es. Und unter 16M ist immer noch ein 128k-Loch. Bestimmte Vorschläge von Rein zum Setup liefen darauf hinaus, unter 16M ein ganzes Megabyte aus und woanders (wo eigentlich?) wieder einzublenden. Ich habe den Nutzen davon nicht eingesehen. Windows auch nicht.

Um den ASPIEDOS-Treiber habe ich mich jetzt eine ganze Zeitlang nicht gekümmert. Man soll nicht so kleinlich sein wegen der letzten 200 Megabyte. Neuer Vorschlag von den Rein-Technikern: Die SCSI-Platten dürfen nicht Target-Nummern #0 oder #1 haben. In der Dokumentation steht aber, daß SCSI ID 0 notwendig ist, wenn man davon booten will. Ich bin von jetzt an skeptisch, was Vorschläge aus Nettetal betrifft. Wenn wir es demnächst ausprobieren - meine Gesamt-Sicherung ist auf dem neuesten Stand. Kein Schriftstück, das nicht sofort aus Diskette gerettet wird. Vielleicht sollte ich alles wirklich wichtige gleich auf Diskette bearbeiten?

Wie nützlich eine aktuelle Gesamtsicherung ist, habe ich festgestellt, als ich einmal das HOST-ADAPTER-BIOS spaßeshalber deaktivierte: Es hat keinen Spaß gemacht, das System wieder hinzukriegen.

Neue Info wegen der gelegentlichen Überschläge im Monitor: 'Das ist normal'. Benutzer dieses PCs brauchen eben die Eigenschaft, die man im Waidmannshandwerk als 'schußfest' bezeichnet.

Ich bin wahrscheinlich einfach nicht genug abgehärtet.

Mache ich vielleicht etwas falsch? Glaube ich nicht: Mein alter APPLE ][ hat seit 13 Jahren keine einzige Fehlfunktion gemacht, meine beiden ATARIs nur ganz wenige. Ich mißhandle meinen Rechner nicht, schlage nicht aus die Tastatur ein, wenn etwas nicht geht, füttere nicht mit der Maus, fasse nicht mit fettigen Fingern auf den Bildschirm, halte Lebensmittel von ihm fern - das ist schwierig, in einer Küche - mache regelmäßig Sicherungen von allem, was sich ändert, lerne C++, verwechsele niemals Microfocus und Microsoft und mag weder COBOL noch IBM. Es kann nicht an mir liegen.

Ich höre auch immer rechtzeitig auf, wenn es gefährlich wird: Als ich einmal das OS/2 auf einem Wühltisch in einem Kaufhaus gefunden habe, habe ich sofort mit der Installation aufgehört, als es anfing, mich in Hexadezimal zu bedrohen, mir die Inhalte von Registern mitteilte, von denen ich noch nie etwas gehört hatte (und die mich auch nicht interessierten) und dann den Prozessor stoppte. Ich habe alles wieder rückgängig gemacht! Ich habe sogar mein eigenes, selbstgestricktes Virusschutzprogramm, das mir alles, was sich auf dem Rechner ändert, anzeigt. Habe nie einen Virus gehabt - das ist es auch nicht! Was dann? Sollte ich am Ende mich einmal ernsthaft mit der PC-Architektur beschäftigen? Mit Astrologie und Kaffeesatzlesen?

Für den Preis hätte ich beim Großist um die Ecke 5 PCs bekommen. Davon hätten zu jedem beliebigen Zeitpunkt zwei bis drei funktioniert, und aus den intakten Komponenten der nichtfunktionierenden hätte man sich immer noch einen weiteren funktionierenden Rechner zusammenstellen können. Ich hätte noch eine weitere Küche gebraucht, das Schlafzimmer umwidmen und in den Flur umziehen müssen. Die Heizung wäre weitgehend überflüssig geworden. Besuch hätte instruiert werden müssen, auf welche dieser summenden Kisten man sich nicht setzen darf, und daß sie die Finger von diesen vielen Fernsehern lassen sollen. Da diese Billig-PCs natürlich nicht gewartet werden, hätte ihre Zahl sich im Laufe der Zeit exponentiell veringert, wodurch im 6-Monats-Rhythmus Platz für neue PCs geschaffen worden wäre. Das hätte auch irgendwie funktioniert.

Und vor allen Dingen hätte ich nicht meinen Kollegen immer wieder erklären müssen, warum man soviel Geld für einen PC ausgibt, um diagnostizieren zu können, warum er nicht tut, was er soll, und warum es etwas teurer ist, einen besonderen Geschmack zu haben.

Der eine Kollege, der mir seinerzeit die Adresse jenes Fachhändlers verraten hat, bringt inzwischen nicht mehr so häufig das Thema 'Provision' zur Sprache.

Ich beende die Beschreibung dieses Trauerspiels nicht, bevor ich eine kurze Aufstellung des volkswirtschaftlichen Gesamtschadens gemacht habe:

Ein paar hundert Stunden in den letzten 14 Monaten habe ich Diagnose-Arbeiten gemacht, die mit den branchenüblichen Stundensätzen zwischen 10_000.- und 30_000.- zu berechnen wären.

Abwesenheit einer 25_000.- - Maschine für einen Monat bei vierjähriger Abschreibung: Etwa 500.-

Quantum hat eine wahrscheinlich doch voll funktionsfähige Festplatte im Wert von etwas mehr als 4000.- zurückbekommen - plus den Aufwand, den sie im Werk noch investieren werden, um einen vielleicht nichtvorhandenen Fehler zu suchen.

Der Fachhändler hat inzwischen über 100 Kilometer zurückgelegt und etliche Arbeitstage hier vor Ort investiert.

Die C'T-Hotline habe ich mit diesem Thema insgesamt etwa eine halbe bis eine dreiviertel Stunde belegt - macht also eine Redakteursstunde. Kosten für den Heise-Verlag etwa - naja, das bezahlen ja die Leser.

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal mit diesem Rechner etwas Vernünftiges getan? Und wie bewerten wir das volkswirtschaftlich?

Und was soll ich dem Leser raten: PC von der Stange oder vom Fachhändler? - Kollegin von mir hat einen Billig-386er mit bescheidenen 4 MB und bescheidener 120 MB Platte. War nie was dran kaputt. Auch an ihrem zweiten Monitor nicht.

Nur ihr erster hat bloß eine halbe Stunde gehalten.


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Der Abdruck dieser Geschichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages. Copyright © 1999 bis 2008 und alle Rechte verbleiben beim Heise-Verlag. Abweichungen zur ursprünglich abgedruckten Fassung sind möglich, aber nicht beabsichtigt und alleine meiner Unkonzentriertheit zuzuschreiben. Einige Textstellen, die in der gedruckten Fassung weggelassen worden sind, sind durch eine andere Schrift hervorgehoben worden - sobald ich dazu komme, dieses Manuskript mit der veröffentlichten Fassung zu vergleichen.


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