pragma INTERFACE;


Josella Simone Playton


Der Weg am Schilf entlang ist matschig. Man kann nicht alles haben - wenigstens halten sich die Bären und die großen Raubkatzen von dieser Seite des kleinen Sees fern. Sie mögen den Sumpf nicht. Im Wald muß man schon mehr aufpassen.

Wildenten fliegen auf, fühlen sich gestört. Ich mich auch. Eine Bodenerschütterung. Habe ich die Vögel aufgeschreckt, oder haben sie auch das leichte Schwanken bemerkt? Oder war es eine Sinnestäuschung? Es war immerhin an der Grenze der Wahrnehmbarkeit. Kaum spürbar. Es war, als ob man einige Sekunden betrunken wäre. Aber die Vision einer platzenden Stadt ist sofort gegenwärtig.

Ich fürchte, irgendwann wird man den Abschnitt Modor für das Publikum weitgehend sperren. Freizeitsportler gehören eigentlich auch in den Abschnitt Stanley Park, mit den gepflegten Parkwegen. Jogger sind in Modor zwar nicht verboten, aber auch nicht gern gesehen. Deshalb gibt es hier kaum welche, außer mir.

Vielleicht läßt man mich deshalb in Ruhe. Größere Mengen an Freizeitsportlern im Abschnitt Modor würden mit Sicherheit von einer Einsatzgruppe der Environment Police aufgegriffen und nach Stanley Park gebracht werden. Es lohnt sich nie, mit der Masse zu schwimmen.

Ich verfolge den aufgestiegenen Schwarm, der sich der Stadtachse nähert und dabei erst vor Stanley Park vorbeifliegt, und dann, vor der Stadt, mit ihren hängenden Wolkenkratzern. Solange die Vögel vor den Fensterabschnitten sind, kann man sie kaum sehen, es sei denn, sie fliegen gerade vor der Scheibe des Saturns oder den Ringen, die jede Minute einmal draußen vor den quadratkilometergroßen Fenstern vorbeiziehen.

Eine zu lange Pause stehenzubleiben verstößt zwar gegen den Geist echten Läufertums, aber ich will wissen, ob sich die leichte Bodenerschütterung wiederholt. Zu verletzlich ist die Stadt. Aber ich spüre nichts. Der Boden liegt ruhig, wie auf einem richtigen Planeten. Nur der Himmel zeigt, wie immer, sein stetiges, rotierendes Schauspiel. Nichts deutet Ungewöhnliches an.

Ich weiß nicht, was ich lieber hätte: einen richtigen blauen Himmel, oder dieses, zugegebenermaßen, phantastische Panorama. Dieser gigantische Zylinder, 12 Kilometer lang und zwei Kilometer im Durchmesser, der sich träge in einer Minute um seine Längsachse dreht, um auf seiner Innenfläche gerade Erdschwerkraft zu erzeugen. Der Zylindermantel, aufgeteilt in sechs Längsstreifen, jeder einen Kilometer breit und zwölf Kilometer lang. Abwechselnd ein Fensterstreifen und ein Landschaftsstreifen: Modor, Stanley Park, die Stadt. Modor: Verwildert, urwüchsig, weder land- noch forstwirtschaftlich genutzt. Stanley Park: Spielplätze, Parks, Wanderwege, Sportplätze, Restaurants, Golfplätze, Zoos, Demonstrationsfarmen. Die Stadt: Weitläufige Siedlungsareale, effiziente Verkehrsverbindungen, einige Stadtzentren mit Hochhäusern, Banken und Bürogebäuden. Erinnert etwas an die Erde. Nur die Skyline der hochbebauten Stadtteile ist gewöhnungsbedürftig: Die Wolkenkratzer zeigen natürlich alle radial nach oben, zur Stadtachse. Dadurch sieht es aus gewissen Blickwinkeln immer so aus, als neigen sich die oberen Stockwerke der verschiedenen Hochbauten einander zu.

Nun ja, von den beiden Landschaftsstreifen aus betrachtet hängt die Stadt immer am Himmel und erscheint dadurch sehr wirklichkeitsfern. Was man meint, wenn man sagt: 'Die Stadt', hängt vielleicht davon ab, wo man sich gerade befindet. Draußen im Weltraum meint man immer den ganzen Zylinder. Wenn man sich im Zylinder aufhält, meint man den dritten Landschaftsstreifen, der die Gebäude trägt. Und wenn man sich dort aufhält, dann meint man die hochbebauten Flächen, die Geschäftsviertel. Eines wenigstens muß man den Stadtplanern lassen: Die Wohnviertel sind sehr geschmackvoll entworfen und machen eher den Eindruck einer nur eben dichtbesiedelten Landschaft als einer langweiligen Vorortsiedlung. Komisch. In allen Vorstädten der Erde hatte man sich nicht soviel Mühe gegeben.

Ich lebe gerne hier. Wenn man mal davon absieht, daß niemand in diesem Punkte allzuviele Optionen hat. Es gibt nur zwei derartige Städte, hier am Saturn. Zwar sind weitere Städte geplant und im Bau, auch in Umlaufbahnen um andere Planeten. Und da sind natürlich auch noch die zahllosen Raumstationen, die bedeutend weniger Wohnqualität bieten, manchmal nicht einmal die volle Erdschwerkraft. Noch müssen viele Menschen unter diesen krankmachenden Bedingungen leben.

Aber hier, in den Städten, hat man alles, was man braucht: vom Gedränge in den Geschäftsvierteln bis zur Einsamkeit im Landschaftsstreifen Modor. Sogar die Landverbindungen zwischen den drei Landschaftsstreifen an den beiden Stirnseiten des Zylinders sind idyllisch als Gebirgshänge entworfen. Man kann dort die merkwürdigste Bergtour unternehmen: wird man doch immer leichter, je weiter man sich der Stationsachse nähert, bis hin zur völligen Schwerelosigkeit genau auf der Achse. Natürlich sind diese Orte recht gut von Touristen besucht. Wer das Getümmel nicht mag, steigt am besten vom Stadtstreifen auf zur Achse und steigt dann zu einem der beiden Landschaftsstreifen wieder ab. Die Reaktionen der Pflanzelwelt auf die verminderte Schwerkraft ist sehenswert. Aber Vorsicht! Nach Modor hinunter ist Bergausrüstung erforderlich und es ist stellenweise nicht ganz leicht. Die Felsen sehen völlig echt aus, und der Blick von der Stirnseite über die drei Landschaftsstreifen und über die Fenster bis hinüber zu der anderen Stirnseite ist atemberaubend. Auch wenn man nicht genau weiß, was in diesem Zusammenhang eigentlich 'über' bedeutet.

Ja, ich lebe gerne hier. Gutbezahlte Jobs gibt es genügend, und gelegentliche Ausflüge in den Wildnisstreifen lassen einen vergessen, daß man in einem gigantischen Zylinder eingesperrt ist, der, so groß er auch ist, doch nur ein Metallsplitter auf eine Umlaufbahn um die mächtige Kugel des Saturns darstellt. Wenn ich jetzt, beim Laufen, den Blick längere Zeit auf den Waldboden hefte, dann könnte ich mir einbilden, auf der guten, alten Erde zu sein, so wie ich sie in meiner Jugend noch erlebt habe. Für einen Läufer ist nicht einmal die Corioliskraft fühlbar(, bei der Größe der Station).

Man hat die Ebene des Orbits der Stadt leicht gegen die Ringe des Saturns geneigt. Zweimal bei jedem Umlauf wird die Ringebene durchstoßen, und dann haben die Laserkanonen der Stadt viel zu tun, um Materiebrocken zu zerblasen, die zu groß sind und sich der Stadt mit zu hoher Differenzgeschwindigkeit nähern.

Das sind mächtige, große, rechnergesteuerte Geschütze, die tatsächlich nur für diesen Zweck eingesetzt werden. Seit der Zerstörung der Erde gibt es kein Militär mehr, und keine Waffen. Nicht, weil die Menschheit, oder was von ihr übrig ist, plötzlich Einsicht zeigt, sondern weil militärische Auseinandersetzungen im Weltraum zu gefährlich sind, auch für einen überlegenen Angreifer. Schließlich, wohin soll man denn aussteigen, wenn das eigene Raumschiff zu stark beschädigt ist? Es gibt keinen Fußmarsch mehr, heim nach Haus. Der Weltraum bestraft viele Dummheiten, und Agression ist eine davon.

Jedenfalls, die Geschütze bewahren uns vor einem zu intensiven Kontakt mit den Materiebrocken der Saturnringe. Und sie stützen in nicht unerheblicher Weise auch meinen beruflichen Stolz, da die Steuerprogramme von mir sind, und von einigen Kollegen. Aber was, wenn die Geschütze einen solchen Miniaturfelsen nicht zerstören und durchlassen? Könnte das die Erschütterung von vorhin erklären? Ist die Stadt getroffen worden? Ich kann keine Anzeichen dafür entdecken. Außerdem sind wir im Moment nicht in der Ringebene.

Die Ringe sollten uns nichts tun. Und wenn die Stadt gerade über oder unter der Ringebene ist, dann bieten sich phantastische Ausblicke auf die brodelnden und kreisenden Wolken der Ringe, wie eine gigantische Halbkugel schwebt der Saturn auf der viele Milliarden Quadratkilometer großen Ringfläche, ein unendlich weites, magisches Land unter jenen Wolken durch die doch, ab und zu, ein Stern blinkt. Und das Ganze saust, in jeder Minute einmal, rundherum. Nacheinander kann man durch die drei Fensterstreifen je einen Blick auf dieses Schauspiel werfen.

Zusätzlich ist da noch die Sonne, die etwas gefährlich ist, weil sie ebenfalls in einer Minute je einmal durch sämtliche Fensterstreifen hereinscheint. Man befindet sich meistens ziemlich plötzlich und unerwartet im Sonnenlicht, und manchmal hat man gerade dorthin gesehen, wo sie unvermittelt aufgetaucht ist. Sie ist zwar nicht so hell wie von der Erde aus gesehen, aber ihre scheinbare Fläche ist auch um denselben Faktor kleiner. Es ist immer noch möglich, sich durch Betrachten der Sonne Netzhautschäden zuzuziehen.

Während ich durch lichten Birkenwald laufe - immer noch, wenn auch vergeblich, auf feine, kaum wahrnehmbare Bodenbewegungen achtend - nähere ich mich einem der Fensterstreifen. Ich entschließe mich, mich dort ans Ufer zu setzen. Heute ist der Tag, an dem unsere Stadt an der anderen Stadt andocken soll, wie es alle zwei bis vier Monate geschieht, für im allgemeinen 72 bis 192 Stunden. Weihnachten bis Neujahr, Ostern, ein Termin im Sommer und einer im Herbst. Eben immer, wenn mit starkem Besuchsverkehr zwischen den Städten zu rechnen ist.

Vielleicht kann man etwas von dem Manöver durch die Fensterstreifen sehen, wenn man Glück hat. Das geht allerdings nicht in der Endphase des Manövers. Den Zylinder der anderen Stadt habe ich zum Beispiel heute noch nicht gesehen - vermutlich liegen die beiden Städte schon ausgerichtet und rotieren um eine gemeinsame Längsachse, während sie aufeinander zudriften. Dann ist die andere Stadt für mich hinter der Stirnwand dieser Stadt verborgen und damit unsichtbar, für die gesamte Dauer des Manövers. Man müßte sich schon in den Räumlichkeiten an der Außenseite der Stirnwand aufhalten.

Nach wenigen Minuten sitze ich am Ufer des Fensterstreifens. Auch die Fensterstreifen sind Meisterleistungen durchdachter Ingenieurkunst. Jeder dieser Streifen ist ebenfalls einen Kilometer breit und zwölf Kilometer lang. Die Funktion als Fenster zum freien Raum sollte nicht durch Streben oder Gittergerüste beeinträchtigt werden. Dazu hält der Fensterstreifen, genau wie ein Landschaftsstreifen, den Innendruck der Station von einem fünftel Bar stand. Da kommen bei zwölf Quadratkilometern ganz schöne Kräfte zusammen. Und, da die Fensterstreifen trotz des hochwertigen Werkstoffes immer noch die am meisten verletzlichen Teile der Stadt sind, verformen sie sich bei jeder Torsionsschwingung der ganzen Stadt. Sie dürfen dabei nicht nachgeben oder reißen - eine strenge Anforderung an das nur wenige Dezimeter starke Material.

Die Fenster sind bedeckt durch eine einen Meter starke Wasserschicht. Das hat eine ganze Reihe von Gründen. Schließlich erhöht eine Wasserschicht dieser Dicke den Druck auf die Fenster von 0.2 auf 0.3 Bar. Dafür erhält man jedoch einige Vorteile.

Es kommt kaum noch ultraviolette Strahlung in die Stadt. Wasser ist ein sehr wirksames UV-Filter. Dann erzeugt die kleinste großflächige geometrische Veränderung der Fensterstreifen deutlich sichtbare Tsunamis. Es ist so eine sehr wirksame optische Überwachung der Fenster möglich, und das Wasser dämpft makroskopische Schwingungen der Stadt. Leichte Asymmetrien des Trägheitsmomentes der Stadt, die ein drohendes Torkeln des ganzen Zylinders einleiten könnten, sind an den Fensterseen ebenfalls deutlich zu erkennen, sodaß man Gegenmaßnahmen einleiten kann. Solange die Wassertiefe überall genau einen Meter beträgt, ist alles in Ordnung.

Jetzt aber ist die Wasserfläche makellos und durchsichtig. Allmählich komme ich zu der Ansicht, daß die Bodenerschütterung vorhin eine Sinnestäuschung war. Vielleicht bin ich auf einer glitschigen Stelle ausgeglitten und habe die momentan gestörte Laufdynamik fehlgedeutet. In dieser zerbrechlichen Röhre hat man eben leicht stadtbezogene hypochondrische Befürchtungen. Ich beschließe, nicht mehr daran zu denken.

Es ist doch so vieles in und an der Stadt auf Sicherheit optimiert. Zum Beispiel werden Gegenstände, die auf die Fenster fallen könnten, durch das Wasser wenigstens etwas gebremst. Eine wesentliche Beschädigung ist nicht ganz so wahrscheinlich. Und dann gibt es noch den Effekt, daß kleine Undichtigkeiten an der entsprechenden Stelle der Außenseite der Stadt sich durch die abdampfende Wasserdampfwolke bemerkbar machen, die manchmal auch schon mit bloßem Auge zu sehen ist. Der spektroskopischen Routine-Beobachtung fällt sogar eine Wassermenge im Mikrogrammbereich auf. So werden viele Störungen, schon lange bevor sie bedrohlich werden können, entdeckt und Gegenmaßnahmen eingeleitet.

Es ist im Prinzip erlaubt, die Fenster mit flachen Booten zu befahren - allerdings ist man dann keinen Moment unbeobachtet. Auch jetzt, wo ich hier am Ufer sitze, kann ich sicher sein, daß mich eine ganze Reihe Augen durch scharfe Teleskope ansehen. Die Fenster sind zu verletzlich, durch bösen Willen oder durch Sabotage. Trotzdem, eine Fahrt mit einem Boot auf einem der Fenster gehört zu den phantastischen Erlebnissen, die man sich vorstellen kann. Das Boot schwimmt geradezu im Weltraum, und wenn man etwa in der Mitte eines Fensters ist, dann scheint man sich mehr außerhalb als innerhalb der Station aufzuhalten - alle drei Landschaftsstreifen schweben dann hoch im Himmel, einer davon - der genau gegenüberliegende - genau im Zenith. Man glaubt, in die Sterne zu fallen, oder auf die quirligen Wolkenbänder der Ringe, oder in die Tiefe der farbigen Wirbelstürme auf Saturn.

Ich genieße die Ruhe. Die Verkehrsverbindungen der Stadt sind auf äußerste Lautlosigkeit getrimmt worden, andernfalls würde der Geräuschpegel in dieser 40 Kubikkilometer großen Röhre überall unerträglich sein. Die Spielregel ist ganz einfach: Überall sollen die Stimmen der redenden Menschen und, wo vorhanden, tierische Laute, die beherrschende Geräuschquelle sein. Auf der Erde hätte das völlige Stille bedeutet, wenn man sich nur wenige hundert Meter vom nächsten Menschen entfernt hätte. Die Geräusche hätten sich nach oben verloren. Hier, in der Stadt, nicht. Jedes Geräusch kommt irgendwann irgendwo an, wird reflektiert und ein bißchen absorbiert, kommt wieder irgendwo an, und so weiter. Die etwa eine Millionen Bewohner der Stadt, die sich, in jedem Moment etwa im Freien befinden dürften, erzeugen ständig ein gewisses, raumfüllendes Raunen, das wesenlos aus der Höhe herniederfällt. Die Stimme der Stadt. Vorhanden, allgegenwärtig, aber nicht unangenehm. Die Bewohner, die sich in einem bestimmten Moment in den Industrieetagen unter den Landschaftsstreifen aufhalten, tragen nicht zu diesem Geräuschpegel bei. Von dort ist alles sauber abgeschirmt.

Ich plantsche mit den Füßen im Wasser des Fensters. Da ich den Leuten der technischen Überwachung bekannt bin, dürfte ich sogar schwimmen, oder ins Wasser hinausgehen, was bei einem Meter Wassertiefe leichter ist - mit nackten Füßen kann man das Fenstermaterial nicht beschädigen. Aber nach zwölf Kilometern Lauf bin ich etwas erschöpft. Erschöpft, entspannt, gelassen. Nichts läuft fort. Man hat genug Zeit, wenn man, wie die Bewohner dieser Stadt, nur etwa zwanzig Wochenstunden arbeiten muß. Faktisch eine obere Grenze für wirklich kreative Arbeit.

Jetzt müßte die andere Stadt allmählich eindocken. Früher hat man dazu die Rotation der beiden Städte gestoppt - ein sehr umständliches Manöver. Man muß sämtliche offenen Gewässer auspumpen, um zu verhindern, daß das Wasser frei in der Stadt vagabundieren geht. Auch werden manche Produktionsprozesse durch Schwerelosigkeit gestört, und das Abbremsen und wieder Beschleunigen der Rotation ist für die Stadt eine große mechanische Belastung. Deshalb ist man dazu übergegangen, die beiden Städte genau gleichsinnig rotierend aneinander docken zu lassen.

Das ist natürlich nicht ganz einfach. Ich kenne die Einzelheiten, weil ich an dem Steuersystem ebenfalls mitprogrammiert habe. Die Städte müssen mit genau gleicher Winkelgeschwindigkeit rotieren, und genau die richtige Winkellage zueinander haben. Das hatten sie zwar gehabt, als sie sich das letzte Mal voneinander trennten. Aber die Städte können nicht mit genau konstanter Winkelgeschwindigkeit rotieren, da es allerlei Materieströme in ihnen gibt, die das Trägheitsmoment dauernd verändern. Güter werden transporiert, Menschen bewegen sich, die Luftfeuchtigkeit in der Stadt schwankt, die Wasserschicht auf den Fenstern variiert um einige Millimeter, die Tätigkeit der Laserkanonen hat Drehimpuls zu- und abgeführt, der unterschiedliche Orbit beider Städte bewirkt relativistische Zeitverschiebungen. Man muß die Rotation der Städte also auf alle Fälle wieder aneinander angleichen.

Weil ich an dem System mitgearbeitet habe, weiß ich genau, was jetzt passiert. Die Messaufnehmer nehmen ständig die Entfernung zu gewissen Fixpunkten an der jeweils anderen Stadt auf. Daraus wird die Position der Städte zueinander auf etwa ein tausendstel Millimeter genau bestimmt - etwa die Wellenlänge des verwendeten Laserlichtes. Diese Parameter und ihre Veränderung geben alle Informationen, die man braucht. Der Unterschied zwischen Ist- und Sollposition bestimmt die Größe und Richtung der Korrekturmanöver. Das macht der Teil des Systems, den ich geschrieben habe. Die Manöverbefehle werden dann an einen anderen Rechner gegeben, der die Korrekturtriebwerke direkt ansteuert.

Das war übrigens ein weniger schöner Teil des Projektes, die Verbindung dieser beiden Rechner. Die Triebwerksansteuerung gab es ja schon, in altmodischem FORTRAN auf einer NEC PDP 2022 geschrieben, aber seit langem getestet und im Einsatz, daher zuverläßig. Das Ausprogrammieren der automatischen Durchführung des Kopplungsmanövers haben wir in ADA gemacht. Es war also nötig, stellenweise diese FORTRAN-Routinen zu rufen. Glücklicherweise läßt die Sprache ADA dies zu. Anstatt den Rumpf eines Unterprogrammes hinzuschreiben, schreibt man 'pragma INTERFACE', und dann in Klammern den Namen des Unterprogrammes. Dann weiß der Compiler, daß der Unterprogrammruf aus der ADA-Welt hinausgeht. Eine gute Einrichtung, man braucht nicht alles neu zu programmieren, was es schon gibt.

Allerdings muß man dann schon etwas aufpassen: Die Reihenfolge der Parameter, Übergabe-Mechanismen, und die Datentypen der Parameter werden nicht auf Konsistenz geprüft. Das wäre auch etwas zuviel verlangt: Ein Ada-Compiler müßte dann ja genau wissen, wie jeder Compiler jeder anderen Sprache mit den Parameter-Übergabemechanismen umgeht. Man muß viel Sorgfalt walten lassen, wenn man schon sowas machen muß.

Das System wurde in Simulationen vollständig ausgetestet und wird sich heute das erste Mal im Einsatz bewähren müssen. Die vorhandenen FORTRAN-Steuerprogramme haben wir nicht testen können. Die haben keinen Testmodus vorgesehen, also haben wir sie beim Testen des Ada-Programmes simuliert. Später habe ich erfahren, daß das sowieso schwierig geworden wäre, weil wir zum Testen eine NEC PDP 2018 hätten verwenden müssen, und die hat Einerkomplement-Darstellung. So einen Anachronismus gibt es immer noch, Einerkomplement-Darstellung! Wie gut das die NEC PDP 2022 mit Zweierkomplement-Darstellung ... Mein Gott! Das ist doch dieselbe Baureihe!

Ich habe einen entsetzlichen Gedanken. Wer sagt denn, daß die NEC PDP 2022 nicht auch Einerkomplement-Darstellung hat? Auf alles habe ich geachtet, auf Größe der Parameter, Übergabemechanismus, Typen sowieso, alles, was der Compiler selbst macht, wenn von ADA eine ADA-Routine gerufen wird. Aber Einerkomplement-Darstellung? Auf diese abstruse Idee bin ich nicht gekommen. Aber die 2018 hat Einerkomplementdarstellung, warum die 2022 nicht?

Plötzlich erscheint die ganze Stadt unwirklich. Wie prähistorisch, zum Tode verurteilt, nur zufällig noch lebend. Das leichte Beben von vorhin ist mir wieder deutlichst in Erinnerung. Einerkomplement, Zweierkomplement, was macht das für einen Unterschied? Jeden Unterschied macht es, jeden!

Wir haben zwischen Manöversteuerung (in ADA) und Triebwerkssteuerung (in FORTRAN) nur INTEGER-Zahlen übergeben. Die REAL-Darstellung war unterschiedlich, das wußten wir ja. Also hat rufendes ADA-Programm eine REAL-Zahl in INTEGER-Zahlen zerlegt, diese übergeben, und aufgerufenes FORTRAN-Programm hat sich daraus wieder seine REAL-Zahl gemacht, nach seinem eigenen maschinengegebenen Format. Ganz einfach. Aber was auch als negative INTEGER-Zahl übergeben wird, das ist dann - eins größer oder eins kleiner? Naja, eins von beiden. Ein geringer Unterschied. Nur nicht im Exponenten einer REAL-Zahl. Da ist es der Faktor Sechszehn. Großer Gott. Wenn das stimmt ...

Was kann ich jetzt noch tun? Die beiden Städte müssen in diesem Moment schon lange mit dem Rotationsangleichungsmanöver begonnen haben, ja, nach Zeitplan müssten sie eigentlich praktisch schon fertig sein. Das Andocken muß jede Sekunde erfolgen. Und es ist doch nichts Ungewöhnliches passiert, oder? Also entweder, die 2022 hat Zweierkomplement, dann ist meine Sorge grundlos. Oder sie hat nicht, und es hat zufällig doch funktioniert, weil die numerischen Abweichungen nicht störten. Oder es hat überhaupt nicht funktioniert, und das Manöver ist manuell gefahren worden. Dann lass mich mal wieder in die Firma kommen!

Ich beobachte die großen Fensterstreifen genau. Dort würde man mechanische Störungen zuerst merken. Eine nicht ganz ebene Wasseroberfläche würde das Bild des Saturns, seiner Ringe und Monde, das Bild der Sonne und der Sterne verwischen. Das wäre wahrscheinlich nur der Vorbote von weiteren schweren Störungen. Wesentlich schwerer als das Beben vorhin.

Zum Beispiel, schlimmster Fall: Die Städte versuchen, mit gleich großer, aber entgegengesetzter Winkelgeschwindigkeit aneinander zu koppeln. Unwahrscheinlich - die Leitwarte würde es nicht zulassen. Aber mal angenommen, daß ...

Dann würden sich die Zylinder beider Städte innerhalb von zwanzig Sekunden nach dem automatischen Andocken zur Unbrauchbarkeit verwinden. Innerhalb dieser zwanzig Sekunden würden in beiden Städten alle Fensterstreifen reißen. Im Augenblick würde die explosive Dekompression die Lungen von hunderttausend Menschen beschädigen und zerfetzen. Die meisten davon würden durch ein gigantischen Windstoß aus der Station hinaus ins All gerissen werden. Die Todesursache würde eine Kombination aus schweren inneren Verletzungen, Dehydration, Auskühlung, Sauerstoffmangel und Ultraviolett-Verbrennung sein.

Die Landschaftsstreifen, ohnehin schon verwunden, sind ohne die Fenster nicht stabil. Sie würden sich ausbeulen und knicken. Viele Industriekomplexe, die sich nicht an der Oberfläche der Landschaftsstreifen befinden, würden ebenfalls dekomprimiert werden. Vielleicht, daß viele der Luxus-Wohnungen an der dem All zugewandten Außenseite funktionsfähig bleiben würden - Jene Wohnungen mit den zimmerhohen Panorama-Fenstern ins All und den aparten Terrarien und Aquarien im Wohnzimmer, durch dessen Boden man auch die Sterne sieht, genauso wie in dem zu der Wohnung gehörenden Swimmingpool. Die Außenseite aller drei Landschaftsstreifen ist so genutzt, es müssen Millionen Menschen sein, die so wohnen.

Auch in diesen Wohnungen wäre es mit der gleichbleibenden Schwerkraft vorbei. Die Trümmer der Landschaftsstreifen würden heftig torkeln, die Bewohner dieser Wohnungen würden in ihren eigenen vier Wänden zu blutigen Fleischklumpen zerschlagen werden. Dann nützt ihnen auch eine dezentrale, funktionierende Sauerstoff- und Energie-Versorgung nichts mehr. Wie viele noch ahnen würden, was geschehen ist, wenn die eigenen, vertrauten Wände plötzlich damit beginnen, sie totzuschlagen?

Schwere Konstruktionsteile der Stadt würden sich mit bis zu hundert Metern pro Sekunde - der ehemalige Peripheriegeschwindgkeit der rotierenden Stadt - durch die Trümmerwolke bewegen. Weitere Zerstörungen wären unvermeidlich, heftigste Zusammenstöße. Man hätte, in diesen ersten zwanzig Sekunden, mit drei bis fünf Million Toten zu rechnen. Wahrscheinlich wäre ein Überleben nur in Teilen der Landschaftsstreifen möglich, in einigen großen Gebäudeteilen, in den Resten der Zylinderenden der Stadt. Von diesen Trümmerkomplexen, die noch Leben enthielten, gäbe es aber hunderte. Und alle würden sich in die verschiedensten Richtungen fortbewegen, weg vom Ort der Katastrophe. Alle würden ihren eigenen Orbit um Saturn einschlagen. Und alle würden die Ebene der Saturnringe durchstossen - auf jedem Umlauf zweimal. Ohne den Schutz der Laserkanonen.

Wenn man dem die bescheidenen Rettungsmöglichkeiten gegenüberstellt, die von den anderen Baustellen und Raumschiffen in der Nähe geleistet werden könnte, und die sich sowieso nicht ohne eigene Gefahr dem Ort der Katastrophe nähern könnten - es wäre fast aussichtslos, zu hoffen.

Chaotische Gedanken. Völlig sinnlos, ich kann nichts mehr tun. Einerkomplement, Zweierkomplement. Der Unterschied zwischen Leben und Tod. Wenn ich die Einerkomplement-Darstellung noch nie gemocht habe - jetzt hasse ich sie.

Aber die Welt fährt fort, zu existieren. Habe ich nur eine böse Vision? Ist die Möglichkeit der Einerkomplement-Darstellung von einem anderen Team-Mitglied überprüft worden? Schließlich, wenn man es weiß, dann ist die Korrektur einfach. Man muß bei negativen INTEGER-Zahlen eins rauf- oder runteraddieren. Umgekehrt bei Parametern, die Werte zurückgeben, oder bei Funktionsresultaten. Wie rum genau noch? Kann ich nicht denken? Es ist ja eine einfache Sache. Man muß sie nur machen, und richtig rum.

Und wenn man es macht, ist es nicht aufregend. Es würde nicht einmal in der Projektbesprechung erwähnt werden - wirklich wichtige Dinge werden da ja nie erwähnt. Ich wüßte nicht unbedingt davon.

Ich sehe von der Stirnseite der Stadt kleine, glitzernde Punkte abheben und sich an der Symmetrie-Achse der Stadt enlangtasten. Ausflugsgondeln. Touristen. Die Landschaftsgestaltung in der anderen Stadt ist eine andere. Deshalb gibt es immer viele solcher Veranstaltungen für Leute aus der anderen Stadt, wenn die Städte aneinandergekoppelt sind. Ich brauche einen Moment, bis ich begreife: Die Städte sind gekoppelt. Es ist alles gut gegangen! Es gibt keine Katastrophe. Der Spuk ist vorbei.

Ich lasse mich auf den Rücken fallen, schreie meine Erleichterung zum Himmel, ein irres, hysterisches Lachen. Es gibt nur ein Wort, das dem angemessen ist, was ich jetzt denke, und es ist mir egal, was jemand denkt, der mir jetzt zufällig zuhört:

"Scheiß-Einerkomplement!"

In dieser Sekunde bebt der Boden erneut. Stärker als das erste Mal. Kein Irrtum mehr möglich, keine Sinnestäuschung. Draußen, auf dem Fenster, sehe ich Sterne flackern. Es haben sich Schlieren auf der weiten Wasserfläche gebildet. Tsunamis!

Was soll denn das? Ist das Andock-Manöver denn nicht abgeschlossen? Hat das Programm denn nicht seine Arbeit getan?

Hat es nicht. Ich versuche aufzustehen. Ein neuer Erdstoß wirft mich um. Die Bäume rundum schwanken. Währen ich falle, fällt es mir ein: Der Datenverkehr zwischen den beiden verschiedenen Systemen ist gleich nach dem Andockmanöver noch nicht zu Ende. Die großen Schleusen sollen nicht durch überflüßige Schwerkräfte belastet werden. Unmittelbar bei einem präzisen Andockmanöver werden sie das auch nicht. Aber dann fließt Luft in die Schleusenkammern, und wenig später beginnt der Güter- und Menschentransport. Das dadurch leicht varriierende Trägheitsmoment der aus den beiden Städten bestehenden 27 Kilometer langen Einheit muß aktiv konstant gehalten werden - wie voher auch werden dazu große Wassermengen zwischen verschiedenen Ballasttanks ausgetauscht. Wegen der anderen mechanischen Parameter der beiden Städte zusammen erledigt das ein anderer Programmteil. Aber immer noch die Kombination der beiden verschiedenen Maschinen.

Es handelt sich also im wesentlichen um einen - wenn auch komplexen - Regelalgorithmus. Mir wird es bei der nächsten Bodenbewegung klar: Es handelt sich um klassische Regelschwingungen!

Ich versuche wieder aufzustehen. Niemand außer mir wird die wahre Natur des Fehlers finden, niemand die Regelung ausschalten. Die beiden Städte werden sich jetzt dynamisch immer weiter selbst schädigen. Wie lange brauche ich von hier bis zur Leitwarte?

Viel zu lange. Ich sehe die kilometerlangen Schlieren auf den Fenstern. Auf allen dreien. Ein Wind springt auf: eine globale Verformung der ganzen Stadt bewegt die 12 Kilometer lange und zwei Kilometer dicke Luftsäule! Mit unsicheren Sprüngen laufe ich am Ufer entlang. Es sind noch einige Kilometer bis zum nächsten Einstieg in tiefere Level dieses Landschaftsstreifens.

Da steigt plötzlich Grollen aus der Tiefe auf - Die Triebwerke! Die Leitwarte hat reagiert, sie wollen den Spin der Stadt runterfahren. Hoffentlich machen die beiden Städte das unisono. Ist ein solcher Fall überhaupt vorgesehen?

Es wird einige Zeit dauern. Ich stürze, raffe mich wieder auf. Der Boden schlingert heftiger und heftiger. Kommt denn keiner auf die Idee, die Regelung des Trägheitsmomentes abzustellen?

Ein Blick auf das Fenster, und ich erschrecke: kreuz und quer rasen mächtige Wogen über das Fenster, Gischt verschleiert den Blick auf den Saturn, der draußen immer noch regelmäßig vorbeizieht, das grelle Licht der Sonne bricht sich millionenfach in zahllosen Wassertropfen. Die nächste Woge ist garnicht einmal mehr soweit entfernt. Sie wird mich vom Ufer wegwaschen! Ich muß in den Wald!

Es ist ein Umweg. Normalerweise fährt man den Spin sehr langsam runter, und voher werden alle offenen Gewässer abgepumpt. Aber die Leitwarte reagiert panisch. Sie wissen ja nicht, warum die Städte so geschüttelt werden.

Der Wald ist hier sehr dicht. Zu dicht. Ich muß zuviele Äste beiseitebiegen. Ein neuer Erdstoß. Vor mir splittert eine Fichte. Ich weiche dem hölzernen Bajonet aus, das mir entgegenspringt. Ich fluche, ducke mich. Wieder ein Windstoß, Sturmstärke, kleine Zweige und Dreck fliegen überall. Ist das Fenster schon gerissen? Nein nein, ich kann ja immer noch atmen.

Hoffentlich kommt mir jetzt keine der Raubkatzen in den - als ich das denke, steht auch schon ein Wolf vor mir, knurrend, mit gefletschten Zähnen.

Das Tier ist wahnsinnig vor Angst. Was Wunder. Die Evolution hat ihm wenig Erfahrungen mitgegeben, wie man sich in berstenden Raumstationen verhält. Ich springe zurück, weiche rechtwinklig aus. Glück gehabt, das Tier greift nicht an. Aber ich muß noch mehr Umwege machen.

Zu dem Grollen aus dem Boden gesellt sich ein Donnern aus der Höhe. Irgendwo ist etwas explodiert. Oder ist es schon die Dekompression? Wie lange dauert denn die Abbremsung der Rotation noch? Ich höre Sirenen in weiter Ferne. Außerdem spüre ich, daß ich leichter werde - die Rotationsgeschwindigkeit der Stadt hat schon deutlich abgenommen. Meines Wissens wird es etwa eine halbe Stunde dauern, bis die Stadt bewegungslos liegt. Der Regelalgorithmus für das Trägheitsmoment der Stadt wird schon voher seine Wirkung verlieren. Hoffentlich hält die Stadt so lange.

Da rauscht eine Wasserwoge durch den Wald heran. Kein tröstender Gedanke, daß das zu erwarten war. Hustend und spuckend verliere ich die Orientierung, werde von den Füßen gerissen, irgendwohin. Eine Weile versuche ich, nach oben zu kommen. Es gelingt. Irgendwie bin ich in einem breiten Strom gelandet, der ein Fenster in das andere entleert, quer über den Landschaftsstreifen. Ich sehe nach oben - die anderen beiden Landschaftsstreifen sind auch nicht in einem besseren Zustand. Und einen Moment später fallen mir eingestürzte Wolkenkratzer im Geschäftsviertel auf. Dort steigt Rauch auf - oder runter, so sieht es von hier aus.

Treibende ausgerissene Bäume, Gras. Die Wellen des Stromes bewegen sich träge - das ist so, bei abnehmender Schwerkraft. Physik der Oberflächenschwerewellen. Ich klammere mich an einen Baumstamm. So pflegt man das in Abenteuerromanen zu machen, wenn man in eine Überschwemmung gerät - aber es ist wirklich ganz praktisch.

In der Nähe paddelt ein Bär ohne mich zu beachten. Meinen Wolf von vorhin kann ich nirgends entdecken. Vielleicht hat es ihn längst erwischt. Ertrunken im Orbit um Saturn.

Dafür flattern zahllose desorientierte Vögel durch die Luft. Dann hängt sich mein Baum irgendwo fest, und wenig später befinde ich mich auf einer Treibgutinsel, die wie ein halber Biberdamm aussieht. Das Wasser ist nicht tief, aber die Strömung ist immer noch unangenehm stark und wird es auch bleiben, bis das Bremsmanöver abgeschlossen ist.

Das scheint nun bald der Fall zu sein. Das Grollen der Triebwerke wird leiser. Hat die Leitwarte die Regelschwingungen in den Griff bekommen, oder sind bei der jetzt langsameren Rotation der beiden Städte die Regelschwingungen von selbst erloschen? Wahrscheinlich wird die Leitwarte davon Abstand nehmen, die Städte ganz anzuhalten, weil völlige Schwerelosigkeit alle Aufräumarbeiten erschweren würde. Jetzt drehen sich die Städte einmal in drei Minuten. Das bedeutet ungefähr ein Zehntel Erdschwerkraft. Wenig, aber genug, um sicherzustellen, daß das Wasser wieder dahinfließt, wo es hingehört.

Während der Geräuschpegel allmählich weiter abfällt, überlege ich, wie ich durch die Wasser- und Schlammwüste am besten und am schnellsten zur Leitwarte komme. Überhaupt wäre es am geschicktesten, ein Gebäude aufzusuchen - wenn doch noch eines der gestreßten Fenster reißen sollte, dann habe ich hier draußen keine Chance.

Mir fällt jetzt auf, daß die Fenster ganz schön dreckig sind. Schlamm und Erde, vom Wasser auf seinem Weg über die Landschaftsstreifen mitgenommen. Wieviel kleine Kratzer und Risse werden die Fenster wohl abbekommen haben? Sie werden alle austauschen müssen. Und die sonstigen Schäden. Und der Produktionsausfall. Ob es in der anderen Stadt genauso aussieht?

Da sehe ich die andere Stadt über mir hinter dem Zenitfenster vorbeiziehen. Sie müssen panisch abgekoppelt haben. Nur wenige Sekunden lang ist sie durch die noch halbwegs durchsichtigen Flächen des Fensters zu sehen. Lange genug, um festzustellen: Sie rotiert falsch.

Sie rotiert nicht mehr um die Längsachse, sondern torkelt um alle drei Achsen. Überschlägt sich. Ein dreizehn Kilometer langes Trümmerstück, jetzt vielleicht vierzig Kilometer von uns entfernt. Überschlägt sich immer noch. Ein Schweif von zahlosen Trümmern im All, die in der Sonne gitzern und davontreiben, sich verlieren und auf die weiten Saturnringe zustürzen. Lange Streifen flattern träge von dem torkelnden Zylinder, sehen aus wie klare Verpackungsfolie. Was von den Fenstern übriggeblieben ist.

Vierzig Kilometer entfernt. Die Menschen, die ins All hinausgerissen wurden, die explodierten und dehydrierten Leichen kann man auf die Entfernung nicht mehr sehen.

So, denke ich, sieht also ein Programmierfehler aus. (Vielleicht sogar) mein Programmierfehler. (Ein Programmierfehler, den irgendjemand einmal machen mußte. Ein Programmierfehler, der angelegt war, seit sich jemand das pragma INTERFACE ausgedacht hat.)


Diese Seite wurde das vorletzte Mal um 1999-11-27 00:00:00 +0100 und das letzte Mal um 2008-12-13 23:23:23 +0100 modifiziert


Der Abdruck dieser Geschichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages. Copyright © 1999 bis 2008 und alle Rechte verbleiben beim Heise-Verlag. Abweichungen zur ursprünglich abgedruckten Fassung sind möglich, aber nicht beabsichtigt und alleine meiner Unkonzentriertheit zuzuschreiben.


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