Ein Vorfall


Josella Simone Playton


Um 22:01 Uhr gab es in der offenen Ortschaft Klein-Karolinenfeld, an der Landstraße zwischen Faistenhaar und Kreuzstraße, einen dumpfen Aufschlag. Woran es gelegen haben könnte, konnte der Fahrer der Wagens mit dem Kennzeichen, das er selber nicht kannte, nicht feststellen. Es war zu dunkel. Er sah seinen Beifahrer an:

"Was war das? Ein Stück Wild?"

"Ich denke, du fährst?" entgegnete der Angesprochene und fuchtelte mit einer Karte herum, "Ich versuche seit zehn Minuten, rauszukriegen, wo wir eigentlich sind."

"Und ich versuche, mit dieser seltsamen Schaltung klarzukommen. Nie wieder nehmen wir einen vollintegrierten Wagen."

'Nehmen' war die Bezeichnung, die der Fahrer verwendete. 'Gestohlen' wäre die korrekte Bezeichnung gewesen. Nicht einmal mehr in der Unterwelt nannte man die Dinge beim Namen. Soweit hatte es der vorbildliche Einfluß unserer Volksvertreter schon gebracht.

Die beiden Männer sahen so aus, wie man sich gemeinhin vorurteilsmäßig professionelle Wagenaufbrecher vorstellt. Weder die Beschreibung ihrer äußeren Erscheinung noch ihres Charakters wären ein Gewinn für diese Geschichte. Es muß genügen, daß sie mit ihrem gestohlenen Wagen zu einer Werkstatt unterwegs waren, wo sie beabsichtigten, das Äußere des Wagens genügend zu verändern, um ihn weitervermitteln zu können. Ebenso waren sie mit jemandem verabredet, der sich auf die kunstvolle 'Bearbeitung' von Wagenpapieren verstand. Schließlich muß ja alles mit rechten Dingen zugehen.

"Es muß Wild gewesen sein." sagte der Fahrer, "wir sind hier doch mitten im Hofoldinger Forst. Sie doch mal nach, Aze."

Aze hieß also der Beifahrer. Bestimmt nicht sein richtiger Name. So heißen üblicherweise die Ganoven in schlechten Filmen. Der Fahrer hieß Gustav. So heißen in Filmen manchmal nette Onkels. Gustav war nie nett.

"Tu ich doch die ganze Zeit. Die paar Häuser da vorne, das ist Kreuzstraße. Da ist eine Kreuzung mit der Straße von Rosenheim nach Holzkirchen, dahinter eine flache Linkskurve. Dann ein Bahnübergang. Hoffentlich ist er auf."

"Spielt keine Rolle. Wir sind schon weit genug." murmelte der Fahrer.

Sie waren nicht weit genug. Zwar hatte ihnen ein technisch versierter Bekannter verraten, wie man den Leitcomputer des Wagens ausschalten konnte, so daß er keinen Einfluß auf die Steuerung mehr nehmen konnte. Das ermöglichte zum Beispiel, jede Geschwindigkeitsbeschränkung zu übertreten.

Sie hatten jedoch nicht den Computer selbst zerstört, und auch seine sensorische Ausrüstung war unbeschädigt. Ebenso die Sende- und Empfangseinrichtungen.

Schon vor dem dumpfen Aufprall, genaugenommen schon am Ortsausgang von Faistenhaar, hatte der Rechner festgestellt, daß der Wagen im Begriff war, die regional festgelegte Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten. Als erstes hatte er dem Fahrer eine Meldung auf den Bildschirm hinter dem Lenkrad geschrieben. Beide hatten es achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Als die Geschwindigkeit sich weiter erhöhte anstatt sich zu erniedrigen, hatte der Computer angefangen, die Drosselklappe des Vergasers zu schließen. Das hatte keine Wirkung, weil die entsprechenden Drähte durchgeschnitten waren. Als nächstes setzte er eine Hydraulikpumpe in Betrieb, um die Bremsen ansprechen zu lassen. Die Pumpe rührte sich jedoch nicht, aus den gleichen Gründen.

Jetzt erst wendete sich der Computer an den regionalen Verkehrsleitrechner für Oberbayern in Neuperlach. Kennzeichen, komprimierte Fahrtschreiberdaten, voraussichtliche weitere Fahrtrichtung. Der Verkehrsleitrechner extrapolierte den weiteren Kurs, leitete die polizeiliche Verfolgung ein und nahm Verbindung mit dem Rechner der Staatsanwaltschaft in München auf. Dort lag bereits zu dem Zeitpunkt, als der dumpfe Aufschlag die beiden Wagendiebe beunruhigte, die Anklage wegen Verkehrsgefährdung vor.

Die Schranke in Kreuzstraße war zu. Um 22:04 Uhr rollten sie vor dem rot-weißen Stahlbalken aus und warteten. Kreuzstraße ist ein Kopfbahnhof der Münchner S-Bahn. S-Bahnen verspäten sich gelegentlich. Deshalb blieb die Schranke noch eine ganze Weile zu.

Um 22:04 geschahen noch weitere Dinge. Streifenwagen verließen sowohl Höhenkirchen-Siegertsbrunn als auch Feldkirchen-Westerham als auch Holzkirchen. Sie hatten alle freie Fahrt. Die Beamten wußten genau, daß die Zielpersonen im Moment vor der geschlossenen Schranke in Kreuzstraße standen. Der Computer des gestohlenen Wagens hatte sie informiert.

Weiterhin war der Computer des gestohlenen Wagens angewiesen worden, von nun an permanent alle Fahrtbewegungen weiterzumelden. Die beiden Insassen merkten von alledem nichts.

Um 22:04 bekam ein nichtsahnender Bürger in München-Pullach einen Anruf. Um 22:05 sah dieser Bürger durch seine Gardinen und stellte fest, daß sein PKW in der Tat nicht mehr vor der Haustür stand. Um 22:06 lag eine zweite Anklage bei dem Rechner der Staatsanwaltschaft in München. Wegen schweren Diebstahls und Sachbeschädigung.

Und um 22:04 Uhr lief Frau Rosemarie Geisenhuber auf die Straße, um zu sehen, wo ihre kleine, achtjährige Tochter Lydia blieb. Sie hatte den Hund noch einmal ums Haus führen sollen.

Das Kind antwortete nicht auf das Rufen. Aber von der Straße her bellte und jaulte der Hund. Mit ein paar Schritten war Frau Geisenhuber an der Straße. Der Hund jaulte und sprang an ihr hoch. Dann sah sie das blutige Bündel. Das Kind hatte sein Gehirn auf dem Asphalt ausgerieben wie ein großes Stück Radiergummi. Der Hund hatte eine blutige Schnauze. Das war um 22:05 Uhr.

Um 22:08 Uhr ging die Schranke endlich auf, kurz nachdem ein fast leerer S-Bahnzug in den Bahnhof von Kreuzstraße eingefahren war. Der Motor des gestohlenen PKW drehte hoch.

"Da kommt jetzt ein Ort namens Sollach." sagte Aze.

"Und?"

"Ich dachte, es interessiert dich."

"Nein."

Aze legte beleidigt die Karte auf seinen Schoß.

"Bevor wir aus dem Wald kommen muß ich pinkeln."

"Ist doch egal, wo, bei dieser Dunkelheit."

"Ich sagte ich muß ..."

"Schon gut." Der Wagen bremste, kurvte in einen Holzweg auf der linken Seite der Straße ein, gerade bevor der Wald aufhörte. In wenigen hundert Metern Entfernung schimmerten einige schwache Lichter der Ortschaft Sollach über die Felder.

Der Fahrer stellte den Motor und das Licht aus.

"Warum das denn?" zischte Aze.

"Ist mir lieber so. Mach schon."

Es war 22:09. Aze lief ein paar Schritte in den Wald. Als er still stand, war er überhaupt nicht mehr zu erkennen.

Der Fahrer Gustav horchte in die Nacht hinein. Waldesrauschen, ab und zu ein Stern zwischen den Wolken, das Rieseln von Aze. Wind kühlt den Schweiß vom Gesicht. Fast romantisch. Irgendwo stieg ein klagender Ruf zum Nachthimmel.

Um 22:09 passierte der Streifenwagen aus Holzkirchen den Bahnübergang Kreuzstraße. Langsam. Die Beamten fluchten: Der Rechner des gestohlenen Wagens sendete nicht mehr. Was weder die Beamten noch die Autodiebe wußten: Bei der Zerstörung der motorischen Kontrollen des Bordcomputers war ein falsches Kabel durchgeschnitten worden. Die Batterie wurde nicht mehr geladen. Zum Starten in Pullach hatte es noch gereicht. Jetzt war sie leer und die Lichtmaschine lief im Moment nicht. Also hatte der Computer keinen Strom.

Um 22:10 setzte Aze sich wieder in den Wagen.

"Soll ich fahren?" Eine ungewohnte Rücksichtnahme.

"Nein." sagte Gustav. Er drehte den Zündschlüssel. Eine Sekunde später war er genauso überrascht wie eine Minute zuvor die Polizeibeamten.

"Warum geht denn das nicht?" schrie er. Er machte die Innenraumbeleuchtung an. Ein müdes Glühwürmchen schwebte über ihren Stirnen. Wenn er den Schlüssel drehte, ging es ganz aus.

Um 22:11 Uhr fing Frau Geisenhuber an, die Reste ihrer Tochter von der Fahrbahn herunterzuräumen. Es war ein alberner Anblick. Jemand, der von trockenem Schluchzen geschüttelt wird, kümmert sich liebevoll um etwas, das wie Schlachtabfälle aussieht. Weit weg, von Faistenhaar her, tauchten Scheinwerfer auf. In der Nähe ging in einem der einsamen Häuser ein Licht an.

Um 22:11 kam der Streifenwagen an der Abzweigung der Straße nach Hohendilching zum Stehen.

"Zum Schluß war er hier ganz in der Nähe," sagte der Beamte neben dem Fahrer. Er nahm das Mikrofon, um sich mit der Zentrale zu besprechen. Die Straße im Lichte der Scheinwerfer vor ihnen schien leer.

Sie war es nicht. Nur 250 Meter weiter parkte der gestohlene Wagen in dem Seitenweg, gedeckt durch das Unterholz.

"Was sind das für Scheinwerfer? Warum bleiben die stehen?" fragte Aze.

"Weiß ich doch nicht! Sei still. Abwarten. Von dort können sie uns nicht sehen. Wahrscheinlich hat sich jemand verfahren. Oder die bumsen da. Lokale Dorfjugend, hahaha."

"Mit Fernlicht? Mitten auf der Straße?" Beide bemühten sich, zu erkennen, was es für eine Art von Kraftfahrzeug war.

Um 22:12 Uhr hielt der Streifenwagen aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn neben Frau Geisenhuber. Die Beamten sprangen heraus. Einer erbrach sich sofort. In einem Zeitalter, das den Verkehrsunfall fast besiegt hatte, waren Verkehrspolizisten solche Anblicke nicht mehr gewöhnt. Er hätte sich jetzt lieber einen anderen Job gewünscht, etwa auf den Bauzaun in Wackersdorf aufzupassen. Er versuchte, sich einzureden, daß dieser Job hier jetzt wichtiger war.

Um 22:13 Uhr redete der eine der Beamten mit der Zentrale, während der andere sich um die Frau kümmerte, die jetzt teilnamslos auf der Straße saß. Sie war mit Blut beschmiert. Die Straße war mit Blut beschmiert. Der Hund roch an den Blutflecken und fing an zu schlecken. Die Besatzung des Streifenwagens an der Abzweigung nach Hohendilching hörte das Funkgespräch mit.

Der Verkehrsrechner in Neuperlach analysierte um 22:14 Uhr noch einmal die Fahrtschreiberdaten des gestohlenen PKW. Es hätte keines Rechners bedurft, um zu erkennen, daß die Geschwindigkeit des gestohlenen PKW um 22:01 um etwa zwei Prozent abgenommen hatte, von einer Sekunde zur anderen. Eine simple Anwendung des Impulssatzes aus der Physik. Der PKW war zu dieser Sekunde am Hause der Geisenhubers in Kleinkarolinenfeld vorbeigefahren. Diese Indizien sprachen für sich.

Um 22:15 lag bei dem Rechner der Staatsanwaltschaft in München eine dritte Anklage. Wegen Mord. In einer Gesellschaft, in der es keinen sachlichen Grund mehr gibt, selbst in die Steuerung eines Fahrzeuges einzugreifen, wird jeder Unfall, der unter menschlicher Fahrzeugkontrolle zustande kommt, automatisch als willkürlicher Tötungsakt interpretiert. Eine Kette von Jahren, in denen es keinen einzigen Verkehrstoten im Lande gegeben hatte, rechtfertigte diese Auffassung.

Der Rechner der Staatsanwaltschaft handelt bei Verbrechen gegen das Leben unverzüglich. Formale Einwände zugunsten des Angeklagten werden weitgehendst berücksichtigt. Der Verteidigungsalgorithmus schöpft alle Rechtsmittel aus.

In diesem Fall jedoch war der Tatbestand klar. Lediglich die Täter waren noch nicht identifiziert worden. Als der Bereitschafts-Hubschrauber um 22:16 Uhr in Holzkirchen startete, war das Urteil schon in der dritten Instanz bestätigt worden. Die Beamten vor Ort wurden ebenfalls informiert. Ihr Status wurde geändert. Bis auf weiteres waren sie keine Verkehrspolizisten mehr. Solange die Täter noch nicht gefaßt waren, erhielten sie alle den Status eines Kriminalpolizisten. Verursachen eines Verkehrsunfalls mit tödlichem Ausgang ist ein kriminelles Delikt. Es gibt keine denkbaren Milderungsgründe.

Ferngesteuert wurde ein spezielles Fach in jedem der Streifenwagen entriegelt. Schulterstütze und Abzugseinrichtungen wurden miteinander verbunden, das Rohr im Widerlager arretiert. Mit entschiedenem Klicken nahmen Magazinschächte die gefüllten Magazine auf. Die Gewehre waren gut geölt und praktisch nie benutzt worden.

Einer der Beamten hatte Angst. Er war in seinen bisherigen vierzehn Dienstjahren noch nie einem Verkehrssünder begegnet, der Menschenleben vernichtet hatte. Was waren das für Leute? Er hielt sich an seiner Waffe fest.

Terroristen, ja. Das kannte man. Hin und wieder ein Sondereinsatz. Aber Tötungen im Straßenverkehr? Dabei hatte es einmal eine Zeit gegeben, in der in diesem Lande eintausend mal mehr Menschen durch den Straßenverkehr umkamen als durch Terroristen. Das merkwürdige war, daß man sich damals über Terroristen sehr viel mehr Sorgen machte als über Verkehrstötungen.

Die Beamten des Streifenwagens an der Abzweigung nach Hohendilching löschten die Scheinwerfer und stiegen aus. Es war 22:17, und die Nacht war sehr tief.

"Erst stehen sie minutenlang da rum, und jetzt machen sie das Licht aus." regte sich Gustav auf.

"Wir sollten machen, das wir hier weg kommen!"

"Wie denn? Nein nein. Jetzt erstmal nicht. Wir stehen hier gut. Außerdem, damit alles umsonst war? Das ist eine feine Maschine! Die will ich ..."

"Sei still!" zischte Aze. Beide horchten in die Nacht hinaus, speziell in Richtung Kreuzstraße, wo der unbeleuchte Wagen noch immer stand. In der Ferne dröhnte ein Hubschrauber. Wahrscheinlich ein ADAC-Hubschrauber, dachte Aze. Die passen auf die Autobahn nach Salzburg auf. Daß die bei dem Wetter noch fliegen können. Wahrscheinlich half dem Piloten auch ein Computer.

"Was ist denn das für ein Licht?" fragte Aze. Er deutete auf eine rotglimmende Taste am Armaturenbrett, die ihm erst jetzt auffiel. Im Gegensatz zur sonstigen Instrumentenbeleuchtung hatte sie auch bei den vergeblichen Startversuchen geglommen.

"Ich weiß nicht. Diese ganze blöde Computertechnik. Man ist richtig entmündigt. Denkst du nicht auch, daß man entmündigt ist? Früher, da war das noch anders! Da konnte man selber das Steuer in die Hand nehmen und auf die Tube drücken! Freie Fahrt für freie Bürger! Das waren noch Zeiten." Gustav streichelte liebevoll das Lenkrad. Der Hubschrauber schien näher zu kommen. Dann driftete das Geräusch wieder ab. Die glimmende Taste hypnotisierte ihn. Komm, drück mich, schien sie zu sagen. Er streckte den Finger aus.

Die ganze Instrumentenbeleuchtung leuchtete auf.

"Bist du verrückt? Wenn das jemand sieht!" Aze legte den Wippschalter wieder um.

"Sei still, keine Panik!" beschwichtigte Gustav. Und nach einer Weile: "Da muß noch irgendeine andere Stromversorgung sein. Vielleicht hat das mit dem Computer zu tun."

"Vielleicht." murmelte Aze. Etwas irritierte ihn. Das Geräusch des Hubschraubers wurde nun definitiv lauter. Und der PKW da hinten auf der Straße ließ den Motor an. Er versuchte, seine Armbanduhr abzulesen. Es war 22:18 Uhr. Er wollte ruhig überlegen, wie sie den Wagen von hier wegbringen konnten. Der andere PKW kam jetzt mit aufgeblendeten Scheinwerfern näher und würde gleich vorbeifahren. Unwahrscheinlich, daß jemanden ein abgestelltes Fahrzeug auf einem Waldweg stören würde.

Kurz vor 22:18 hatte der Computer für wenige Sekunden Strom gehabt. Normalerweise sollte sich der Notstrom selbstständig einschalten, wenn Hauptbatterie und Lichtmaschine keinen Strom mehr lieferten. Aber es waren eben sehr viele Drähte durchgeschnitten worden. So blieb nur die manuelle Einschaltung übrig, die Gustav kurz betätigt hatte. Die funktionierte aber noch.

In diesen wenigen Sekunden hatte der Computer gerade sein Betriebssystem wieder initialisieren kvnnen. Dann hatte er das Logging-Protokoll analysiert und festgestellt, daß er sich in einem Modus der ständigen Fahrtdatenweitergabe zu befinden hatte. Kaum jedoch, daß die ersten paar hundert Bytes die Antenne verlassen hatten, war der Strom schon wieder weggeblieben.

Computer kennen keine Frustration. Schon gar nicht, wenn sie nicht in Betrieb sind.

Polizisten sind schon eher frustriert. Diesesmal aber nicht. Der kurze Sendeimpuls hatte ihnen auf den Meter genau verraten, wo das gesuchte Fahrzeug zu finden war.

"Warum hält denn der an?" wunderten sich Aze, als das fremde Fahrzeug auf der Straße bremste. Schon schwenkte es hinter ihnen in den Waldweg ein. Von einer Sekunde zur anderen befanden sie sich in hellem Scheinwerferlicht. Türen schlugen.

"VERLASSEN SIE DEN WAGEN MIT ERHOBENEN HÄNDEN!" brüllte eine Megaphonstimme aus nächster Nähe. Gustav und Aze sahen sich an. Vielleicht lag es nur an dem grellen Licht, daß sie bleich aussahen. Da knatterten in der Höhe auch schon die Rotorblätter des Hubschraubers, und noch mehr Scheinwerfer wurden auf sie gerichtet. Es war genau 22:19 Uhr.

Um 22:20 Uhr standen Gustav und Aze vor dem geklauten Wagen, Hände aufgelegt, Beine gespreizt. Dreck wirbelte auf, der Hubschrauber schüttelte Nadeln aus den Fichtenkronen. Man hätte kaum verstehen können, wenn jemand normal gesprochen hätte. Das war aber nicht ihr Problem, da ihnen alles, was sie zu tun hatten, mit dem Megaphon mitgeteilt wurde.

Um 22:20 hatten die Beamten vor Ort in Kleinkarolinenfeld Frau Geisenhuber in ihr Haus begleitet. Sie saß teilnahmslos auf einem Sofa. Draußen war die Unfallstelle gesichert. Ein weiteres Fahrzeug zur Bergung der sterblichen Reste der kleinen Lydia war unterwegs.

Der Streifenwagen, der aus Feldkirchen-Westerham unterwegs gewesen war, kehrte um. Er wurde nicht mehr gebraucht.

Ein Geschäftsmann in Pullach wurde informiert, daß sein Wagen gefunden worden war.

Um 22:21 wurden Gustav und Aze im Laufschritt auf den Hubschrauber zugetrieben, der auf dem freien Feld zwischen dem Waldrand und den Höfen von Sollach aufgesetzt hatte. Sekunden später hob er wieder ab. Während des Rückfluges nach Holzkirchen bekamen sie ihre Verhandlungsprotokolle zu lesen. Sie mußten dieselben auch unterschreiben. Es wurde ihnen erläutert, daß ihre Lage durch eine Verweigerung der Unterschrift nicht verbessert werden konnte.

Sie wurden auch darüber befragt, ob sie noch etwas Konkretes für ihre Verteidigung vorbringen konnten. Das war nicht der Fall. Damit wurde das gefällte Urteil endgültig rechtskräftig.

Sie bekamen das abschließende Urteil zu lesen.

Um 22:25 landete der Hubschrauber vor der Justiz-Vollzugsanstalt Holzkirchen. Gustav und Aze wurden mit vorgehaltener Waffe zur Rezeption geführt. Die Rezeption sah aus wie die Schalterhalle einer vornehmen Bank.

Im Zuge eines Strafvollzuges sind viele Dinge zu regeln. Krankenversicherungen. Arbeitgeber sind zu informieren. Der Kontenstand der Rentenversicherung muß korrigiert, Vermögensdinge müssen geregelt werden. Die Konten der Verurteilten mußten mit den Unkosten, die durch die Ermittlungen entstanden waren, belastet werden. Auch andere Schäden wurden beglichen.

Die Beamten und Angestellten der Vollzugsanstalt hatten nicht oft mit solchen Fällen zu tun. Trotzdem wurden diese Dinge effizient erledigt. Für solche Fälle lagen Checklisten bereit. Um 22:38 konnte man sagen, daß an alles gedacht worden war.

Man behandelte sie freundlich und mit einer gewissen Neugier. Man bekam ja schließlich nicht oft Verkehrstöter zu sehen.

Den beiden, Gustav und Aze, wurde jeweils ein Videogespräch von drei Minuten mit den nächsten Verwandten erlaubt. Das war um 22:43 zu Ende.

Ihnen wurde angeboten, mit einem Geistlichen zu sprechen. Beide lehnten ab. Dann wurden sie auf die Unfallstation geführt.

Vor ihnen, auf einem Tisch, der mit frischem weißen Leinen bedeckt war, hatte man die Reste der Lydia Geisenhuber ausgelegt, die gerade eben eingetroffen waren. Sauber, wie in einem anatomischen Institut. Oder bei einem kalten Buffet. Der freundliche, weißbekittelte Herr, der ihnen erläuterte, wie das Mädchen im einzelnen zu Tode gekommen war, war ein Unfallchiurg. Er zeigte ihnen die wesentlichen Organe. Besonders die kaputten. Die gequetschte Niere. Die zerrissenen Muskeln. Die komplizierten Knochenbrüche. Die Gallertreste in den Augenhöhlen. Die Rippe, die Speiseröhre und Luftröhre zugleich durchbohrt hatte. Hautreste vom Schädel mit Haaren. Die blutigen Reste des Kleidchens, das die Lydia anhatte.

Sie durften auch die aufgeschrammte Hirnschale in die Hand nehmen. Es war kaum noch etwas übrig, von dem Gehirn der Lydia. Aze zitterte so, daß er es fast verschüttete. Es war 22:52 Uhr.

Sie wurden in einen weiteren Raum geführt. Zwei Operationstische standen bereit. Sie mußten sich entkleiden. Ein weiterer Chiurg erschien. Er war kein Unfallchiurg. Er beaufsichtigte das Hereinrollen großer Behälter mit dampfendem flüssigem Stickstoff. Die Behälter gehörten einer Organbank.

Sie wurden angewiesen, die Duschkabinen zu benutzen. Das war um 22:54 Uhr. Um 22:57 Uhr waren sie mit dem Duschen fertig. Ihnen wurde befohlen, sich auf die beiden Operationstische zu legen. Sie wußten, daß draußen, vor der Türe, Polizeibeamte standen. Mit durchgeladenen Waffen.

Die Injektionsspritzen hatten dicke Nadeln. Das letzte, was sie sahen, war die Uhr in der Stirnwand des Operationssaals. Sie zeigte 22:59 an.

Sieben Beamte kamen aus dieser Nachtschicht deutlich später zurück als üblich. Ebenso drei Chiurgen, ein Ermittlungsrichter, ein Programmierer bei der Staatsanwaltschaft in München und einer in Neuperlach. Der Pilot des Hubschraubers hatte sowieso Bereitschaftsdienst gehabt. Achtzehn Überstunden wurden abgerechnet.

Die Lydia kam nie wieder irgendwohin zurück.

Der gestohlene PKW stand am nächsten Morgen wieder vor der Tür seines Besitzers. Er wurde noch am selben Tage zur Reparatur gebracht.

Das Herz von Aze war nicht brauchbar, da es starke Koronarverengungen zeigte. Lebern und Nieren mußten von beiden weggeworfen werden, ebenso der Pankreas von Gustav. Keimdrüsen von Verbrechern wurden routinemäßig eingestampft.

Vier Tage später wusch ein Sommerregen die letzten Flecken von der Straße in Kleinkarolinenfeld. Frau Geisenhuber sah nicht zu. Der Hund der Geisenhubers strich ziellos durch die Gärten.

Das gerichtsmedizinische Institut in München erhielt ein neues, interessantes Präparat. Die Gehirne von Gustav und Aze wollten sie aber nicht haben.

Die Süddeutsche Zeitung brachte eine kurze Mitteilung.

Die S-Bahn nach Kreuzstraße hat immer wieder mal Verspätung.


Erstabdruck C'T 9/1989, Seite 282 .. 286
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Der Abdruck dieser Geschichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages. Abweichungen zur ursprünglich abgedruckten Fassung sind möglich, aber nicht beabsichtigt und alleine meiner Unkonzentriertheit zuzuschreiben.

Späterer (1999-12-11) Einschub: Diese Geschichte erschien vor einigen Jahren in der Anthologie "Computer Stories" des Heise-Verlages. Dadurch gingen die Rechte an dieser Geschichte an mich zurück.


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