WeltHöhle - Die GranitBeißerinnen



        Josella Simone Playton MacCoil



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        0.1     PROLOG


Die folgenden Ereignisse sind nicht erfunden. Sie entwickelten sich aus einer harmlosen WochenEndWanderung, die eigentlich nur eine Besteigung der ZugSpitze durch das HöllenTal werden sollte. Der 19. August 1995, ein Samstag, ließ zunächst nicht erkennen, daß er meine Frau und mich in die fremdartigste Welt entführen würde, die Menschen je gesehen haben und je sehen werden.

Weil es nicht mehr möglich ist, diese Ereignisse nachzuprüfen oder den Weg, den wir genommen haben, nachzuvollziehen, ist die einzige ÜberLieferung, die ich der NachWelt geben kann, eine minutiöse Erzählung der Ereignisse. Ich glaube, daß es mir dabei am besten gelingt, in der beim Schreiben notwendigen WiederErweckung aller Erinnerungen auch Unwichtiges nicht auszulassen. Die Intensität, mit der sich die Erinnerungen in mein Gedächtnis eingebrannt haben, wird mir dabei helfen. Und wer wollte denn schon beurteilen, welche der dargebotenen Informationen unwichtig sind und welche nicht?

Ich erzähle die gesamten Ereignisse in der grammatischen Form der Gegenwart. Vorwärts-Verweise, etwa von der Form '... das sollte uns noch viel Schwierigkeiten machen', unterlasse ich, da der handelnden Person in der Wirklichkeit auch niemand einen solchen Hinweis gibt. Ich verwende kein Mittel, die Spannung künstlich zu erhöhen. Dort, wo wir uns zeitweise langweilten, werde ich auch die LangeWeile an den Leser weitergeben - warum sollte es dem Leser besser gehen als uns?

Dialoge in der Xonchen-Sprache werden selbstverständlich in Deutsch wiedergegeben. Wo es nicht aus dem Kontext ersichtlich ist, erwähne ich die verwendete Sprache. Wahrscheinlich habe ich aber in der NiederSchrift an vielen Stellen Grammatik und Vollständigkeit des SatzBaues verbessert - niemand redet in der Wirklichkeit druckreif. Die Namen habe ich, so gut es geht, phonetisch korrekt aus dem Xonchen in das Deutsche übertragen.

Die Erzählung meiner rein subjektiven GedankenWelt dient dazu, die Wirkung dieser fremdartigen Umgebung auf ein repräsentatives Gemüt (nämlich auf meines) zu demonstrieren. Ich glaube, es ist überall zu unterscheiden, was objektive Beobachtung und was subjektive Reflektion ist.

Vieles, was wir in der Welt der GranitBeißerinnen gesehen haben, kann nicht beschrieben werden, ohne sich dem Vorwurf des Verfassens von Pornographie oder des Verfassens von Darstellungen der Gewalt auszusetzen. Die RechtsAuffassung unseres Landes verbietet solche Darstellungen. Ich habe mich bemüht, solche Geschehnisse mit klinischer Unparteilichkeit zu schildern, auch wenn ich persönlich in den betreffenden Situationen gelegentlich parteiisch eingenommen oder sonstwie emotional erregt oder aggressiv eingestimmt war. Diese Emotionen werden nur erwähnt, wenn es im ErzählungsKontext absolut notwendig ist.

Ich selber mußte Handlungen durchführen, die mich hier für lange Jahre in das ZuchtHaus bringen würden. Der Leser wird einsehen, daß ich in den betreffenden Situationen gar keine Wahl hatte, etwas anderes zu tun. Trotzdem können Juristen immer noch auf Strafbarkeit erkennen. Da jedoch wird mir die schwere Beweisbarkeit der Ereignisse in dieser Erzählung zur Hilfe kommen. Sollte ich in derartige Schwierigkeiten kommen, dann werde ich alles abstreiten und behaupten, daß die Welt der GranitBeißerinnen ein Produkt meiner Phantasie ist. Für die Zeit unserer Abwesenheit wird mir dann schon eine plausible Begründung einfallen.

Keinesfalls möchte ich erleben, daß irgendwelche Sequenzen der ZensurSchere zum Opfer fallen. Vieles, auch das Ekelhafteste und das Grausamste, was wir gesehen haben, hat Entsprechungen in unserer eigenen Geschichte. Wir sind nicht berufen, über die GranitBeißerinnen zu urteilen. Genausowenig, wie wir irgend etwas verschweigen dürfen. Die GranitBeißerinnen sind eine weitere Manifestation einer möglichen Form der menschlichen Existenz und der menschlichen Gesellschaft. Wir müssen diese Manifestation in allen Einzelheiten zur Kenntnis nehmen, denn auch dieses ist ein BauStein in dem Wissen, das wir über den Menschen überhaupt haben. - Es ist schlimm genug, daß so manche unschöne Einzelheiten unserer eigenen Geschichte im GeschichtsUnterricht, wenn vielleicht auch nicht in der unvoreingenommenen GeschichtsForschung, immer noch und immer wieder unterschlagen wird.

Der Garten des Menschlichen ist groß. Wir haben in einige neue Ecken desselben hineinsehen dürfen, und wir haben dort sehr seltsame Dinge gesehen. Deshalb sind wir noch lange nicht berechtigt, zu entscheiden, wo gejätet werden muß, und wo nicht.

Und damit gar niemand erst in Versuchung kommt, zu jäten, habe ich an einigen wenigen Stellen Orts- und Zeitangaben gezielt gefälscht. So kann ich diese Ecke vor dem Einfluß unserer Zivilisation noch wirksamer zu schützen: Die KolonisationsGeschichte soll sich in der WeltHöhle nicht noch einmal wiederholen.

Die TatSache, daß wir überhaupt noch leben, ist ein großes Privileg. Ich habe keinerlei religiösen Glauben, der mich dazu brächte, für diese im Nachherein recht unwahrscheinliche Tatsache irgendeiner höheren Macht Dank auszusprechen. Andererseits ist da immer dieses diffuse Gefühl, verpflichtet zu sein, unsere Erlebnisse weiterzuvermitteln, weil wir noch am Leben und eben dazu noch in der Lage sind.

Das werde ich jetzt tun.


        ******** 001. Tag: Samstag 1995-08-19 ********



        1.1     WetterWechsel


"Das hat man davon, wenn man sich auf 'OrtsKundige' verläßt! Du und deine 'eben-nur-mal-gucken-Umwege'!"

Die Irene ist ernsthaft sauer. Und ich fühle mich ungerecht behandelt. Was kann ich für das Wetter? So schön, wie es vor kurzem noch war, und jetzt diese WaschKüche.

Der Nebel ist perfekt. Nur Grau, wo man noch vor wenigen Minuten da unten im Tal die HöllenTalAngerHütte hat sehen können. Der Weg nach oben wurde nur wenige Minuten früher unsichtbar, gleichzeitig mit der Sonne. Angefangen hat es mit einer Wolke, die wie eine harmlose Feder am ZugSpitzGipfel hing. Jetzt ist die Wolke überall. Die Idee, sich am Bach, der aus dem HöllenTalFerner kommt, zum Rasten und zum Sonnen niederzulegen, scheint jetzt sehr weit hergeholt. Und damit auch der Grund für unseren Umweg. - Konnte ich wissen, daß das Wetter sich so rasch ändert? Weder der WetterBericht noch die WetterLage heute morgen, auf der HerFahrt, haben dieses vermuten lassen. Garmisch lag im postkartenreifen SonnenSchein, und Ströme von BergWanderern haben sich, gleich uns ohne jeden Argwohn bezüglich der WetterEntwicklung, aus den Zügen ergossen.

"Wir sind nicht in Gefahr," versuche ich ihr zu verkaufen, "weil wir genau wissen, wo wir sind. Wir müssen nur dort hinüber, um den Weg zum Gletscher wiederzufinden."

Komisch, wie das Wort 'Gletscher' automatisch kälter klingt, wenn es tatsächlich kälter geworden ist! Noch vor einer halben Stunde wäre uns die Kühle am HöllenTalFerner gerade recht gewesen.

"Kehren wir dann um?" fragt Irene.

"Das ist eine sehr gute Frage." Ist es auch. Ich glaube zwar kaum, daß die Temperaturen so fallen werden, daß der KletterSteig durch die HöllenTalWand vereist, aber den Weg dahin gar nicht erst zu finden wäre genauso unangenehm.

Und der RückWeg? Noch einmal das Drama, Irene über das 'Brett' zu schleusen? Vielleicht hilft uns da der Nebel, so daß sie den Abgrund unter ihren Füßen auf den kurzen StahlStiften, die aus der steilen Wand herausragen, überhaupt nicht sieht.

Daran, daß wir Schwierigkeiten haben könnten, den Abstieg am Brett überhaupt zu finden, denke ich gar nicht. Wir müssen es finden. Wie sollten wir sonst über diese SteilWände, die das ganze Tal abschließen, nach unten gelangen? Wir sind keine Alpinisten oder technische Kletterer.

Was erwartet uns denn auf dem Weg vorwärts, weiter nach oben? Der KletterSteig durch die HöllenTalWand dauert drei Stunden. Unter guten Bedingungen. Wenn Wetter und Irene nicht mitspielen, dann können daraus auch leicht sechs oder acht Stunden werden. Dann wird es schon bald dunkel, und die letzten Bahnen sind auch schon ins Tal abgefahren. - Wir haben zwar alles mit, Karten, Kompaß und HöhenMesser. Aber trotzdem, unter diesen Bedingungen in die Wand einzusteigen hieße um die eigene LebensErwartung zu pokern.

"Wir kehren um." entscheide ich. Man muß wissen, wann man geschlagen ist.

Wir gehen nach Norden. Das weiß ich ohne Kompaß, da die unebene Fläche des HöllenTalPlatts nach rechts abfällt. Keine Möglichkeit, sich zu verirren. Wir werden erst auf den Bach und dann auf den Weg stoßen.

Der Wind weht heftiger und zerrt an unseren Parkas, die wir jetzt angezogen haben.

Nachdem wir dreißig Minuten über das Geröll gestolpert sind, bleibe ich stehen.

"Wir müßten längst da sein," gebe ich zu, "hast du etwas einem Weg oder einem Bach ähnliches gesehen?"

"Nein." Auch bei Irene bewirkt die Erschöpfung des langen Anstieges bis jetzt eine gewisse WortKargheit. Ich denke daran, daß 'Weg' vielleicht eine übertriebene Bezeichnung ist. 'Pfad' wäre besser. An manchen Stellen, wo es eigentlich klar ist, wo man zweckmäßigerweise gehen sollte, ist überhaupt nichts zu sehen, kein Pfad, keine WegeMarkierung, gar nichts.

"Mmh. Gehen wir weiter. Notfalls können wir bergab gehen und werden über kurz oder lang auf die SteilWände stoßen. Denen können wir dann bis zum Brett folgen."

Kein Kommentar von Irene. Vorschlag angenommen.

Noch ein paar Minuten schält sich eine FelsWand aus dem Nebel.

"Mist. Das müßten die RiffelKöpfe sein. So weit wollten wir aber nicht gehen. Wir MÜSSEN den Weg verpaßt haben."

Wir gehen zurück, etwa den Weg, den wir gekommen sind. Dabei halten wir uns allerdings etwas bergabwärts. Unsere teuer erstiegenen HöhenMeter werden nacheinander wieder verschenkt.

Es dauert wieder eine halbe Stunde bis wir wieder gestoppt werden. Dieses Mal benutze ich den Kompaß. Die FelsWand, die hinter einer GeröllHalde aufsteigt, steht in einer unmöglichen Richtung. So etwas gibt es am ganzen HöllenTalPlatt nicht. Oder stehen wir schon wieder unter den HöllenTalSpitzen? Aber um das ganze Platt überquert zu haben, dazu war die Zeit eigentlich zu kurz.

Das ist vielleicht eine Folge des AbstraktionsVermögens des Menschen. In erster Näherung merkt man sich, zur Orientierung, eine ganz einfache Beschreibung des HöllenTalPlatts: Es ist einfach eine ziemlich steil nach Osten geneigte Fläche, die im Norden, Westen und Süden von steilen FelsWänden umstellt wird. Im westlichen, oberen Teil dieser Fläche liegt der Gletscher, der HöllenTalFerner. Klein zwar, aber seine Spalten sollen immer noch lebensgefährlich tief sein. Was heißt 'lebensgefährlich tief'? Ein Loch von drei Metern Tiefe mit glatten Wänden ist für einen Menschen ohne weitere HilfsMittel eine tödliche Falle.

Nach Osten ist diese Fläche von der steil abfallenden Wand begrenzt, die den Zugang vom unteren HöllenTal versperrt. Nur am NordEnde dieser das ganze Tal durchquerenden Barriere gibt es diese SteigAnlage, die dem Nicht-Kletterer den Zugang zum HöllenTalPlatt ermöglicht, das 'Brett'.

So einfach diese Beschreibung ist, so viele wesentliche Einzelheiten läßt sie aus. Die Rinne, durch die der Bach vom Gletscher fließt. Die Erhebung in der Mitte des Platts, 'Bergl' genannt, die, verglichen mit den umstehenden Gipfeln, absolut unbedeutend ist, aber auch ihre steilen FelsWände hat. In der Lüneburger Heide wäre das 'Bergl' eine absolute Sensation und ein starker TouristenMagnet, so etwa wie der 'HimmelBerg' in Jütland, den AlpenLänder nicht so ohne weiteres als Berg erkennen würden. Zahllose GeröllHalden, EinzelFelsen, Furchen und Gruben, die das ziellose Gehen hier so verlangsamen und die Orientierung bei Nebel schwierig machen.

Wir könnten überall sein. Die FelsWand vor uns, wer weiß, wie hoch sie ist? Sie kann schon wieder nach wenigen Dutzend Metern zu Ende sein.

"Zurück. Wir gehen bergab. Wenn es zu steil wird, dann müssen wir uns nach Norden halten. Einverstanden?"

"Wenn du meinst ..." sagt Irene müde. Kein Wort des Protestes, kein Vorwurf. Sie muß schon sehr müde sein.

Nach einer ViertelStunde ist es wieder vorbei. Nach Osten hin steigt das Gelände plötzlich wieder an, und wieder versperrt uns eine FelsWand den Weg. Ich verstehe die Geographie nicht mehr. Oder ist der Kompaß gestört? Zu allem ÜberFluß fängt es an, leicht zu regnen.

"Wir müssen eine Pause machen. Ich muß die Karte studieren."

Das machen wir. Irene sucht eine Stelle zum Sitzen, findet natürlich keine, weil es inzwischen überall naß ist, und ich versuche die Karte so auszupacken und zu entfalten, daß sie im RegenSchatten meines OberKörpers bleibt. Die Karte, meine ich, nicht Irene. Leider gelingt es nicht, die Karte trocken zu halten, da der böige Wind dafür sorgt, daß es gar keinen definierten RegenSchatten gibt. Mit einem Gegenstand hantieren und ihn dennoch trocken zu halten, das kann man nur in einem windstillen SchnürlRegen zustandebringen.

Eigentlich ist die Erfahrung, daß LandKarten, die man wirklich im Freien benutzt, nach einer gewissen Zeit zerfallen, recht nützlich: Schließlich ist auf diese Weise sichergestellt, daß man nie mit veraltetem KartenMaterial herumläuft. Allerdings veralten Karten auf dem HöllenTalPlatt nur langsam und könnten deshalb lange benutzt werden. Wenn Regen und Wind nicht wären.

Ich stelle fest, daß mir das passiert ist, was mir bei der Orientierung im Freien eigentlich immer passiert: Es hat sich ein zu schnell erfaßtes und deshalb zu stark vereinfachtes Bild der Umgebung in meinem Kopf festgesetzt.

Das HöllenTalPlatt endet nicht nach Osten mit dem SteilAbfall, sondern fast genau nach Norden. Genaugenommen handelt es sich um den östlichen Teil der NordKante. Genau nach Osten liegt eine Wand, hinter der irgendwo das MitterKar ist, eine fast unzugängliche GeröllSchlucht, und dahinter ist dann das MatheisenKar, durch dessen düstere Einsamkeit ein KletterSteig führt. Südöstlich über uns ist die HöllenTalGratHütte. Wie kann man sich nur so vertun!

Ich packe die Karte rasch wieder ein. Mitten durch das HöllenTalPlatt geht ein Falz hindurch, und dort wird die Karte demnächst auseinanderreißen, wenn ich nicht aufpasse. Das ist aber gerade der für uns wichtige Teil der Karte.

Es wird deutlich dunkler. Da es noch mitten am Tag ist, bedeutet das, daß sich über uns weitere WolkenSchichten türmen. Wenn man überhaupt bemerkt, daß die Helligkeit unter einer WolkenSchicht schwankt, dann handelt es sich bereits um erhebliche Faktoren in der physikalisch messbaren Helligkeit. Weil das menschliche WahrnehmungsVermögen sich solchen Veränderungen ganz hervorragend anpaßt, merkt man eine langsame HelligkeitsÄnderung um den Faktor zwei oder fünf im allgemeinen überhaupt nicht. Erst, wenn der HelligkeitsAbfall wesentlich größere Werte erreicht oder sehr rasch passiert, dann fällt es auf. Bei einem Gewitter um die MittagsZeit hatte ich einmal nachgemessen. Es kam als unheimlich dunkle WolkenWand heran, scharf kontrastierend mit dem immer noch hellen SonnenSchein rundherum. Ich hatte den FotoApparat dabei und machte einfach mal einige VergleichsMessungen. Als wir eine ViertelStunde später vollständig drin waren, war die UmgebungsHelligkeit um den Faktor 1200 gefallen! - So etwas sieht von außen, wenn man sich selbst noch im hellen SonnenLicht befindet, natürlich schwarz aus.

Ganz so stark ist der HelligkeitsAbfall jetzt nicht, aber mit etwas mehr Regen werden wir doch noch rechnen müssen.

Um den SteilAbfall sicher zu umgehen müßten wir jetzt zunächst etwas nach Westen gehen, um uns dann später im großen Bogen wieder nach Norden zu bewegen, um dort den Weg wiederzufinden. Ich erläutere Irene diese Strategie.

"Sind wir da nicht schon gewesen? Da war doch auch kein Weg!" Große ErkundungsGänge liegen ihr nicht.

Ich versuche, ihr zu erläutern, wo wir meiner unmaßgeblichen Meinung nach ungefähr gewesen sind, aber außer in dem Gebrauch des Wortes 'unmaßgeblich' stimmt sie mir in nichts zu.

Nun ist der Regen mit den ersten SchneeFlocken vermischt. Es wird unangenehm. Wir sollten so schnell wie möglich das Brett erreichen. Unter der SteigAnlage führt dann ein immer bequemer werdender Weg zur HöllenTalAngerHütte. Dort können wir bleiben, oder auch durch die HöllenTalKlamm absteigen und wieder nach Hause fahren, je nachdem. - Vielleicht, denke ich, sollten wir wirklich in der HöllenTalAngerHütte übernachten. Ich weiß nicht, wie schnell sich heftige RegenFälle dahingehend auswirken, daß man überhaupt nicht mehr trocken durch die Klamm kommt - die HöllenTalKlamm ist für SturzBäche aus unerwarteten Richtungen bei feuchterer WetterLage bekannt.

Zunächst steigen wir parallel zur FelsWand auf, in einer Richtung, die ungefähr südlich sein muß. Ein paar Meter Höhe gewinnen und ein paar Dutzend Meter mehr zwischen uns und dem SteilAbfall zu legen, das kann nicht schaden.

Die Böen fassen uns so hart an, daß wir stellenweise stolpern. Ihre Stärke scheint minütlich zuzunehmen. Das erste Mal denke ich daran, daß wir das Brett erst erreichen, wenn der Wind so stark ist, daß wir uns da nicht mehr festhalten können.

Ich muß häufiger stehen bleiben und auf Irene warten. Der Boden wird weiß, von nassem Schnee, und das Gehen wird immer schwieriger und anstrengender. Die Sicht ist nur wenige Dutzend Meter - wenn man die Augen überhaupt dem Wind und dem fliegenden NaßSchnee aussetzen und woanders hinschauen möchte als auf die eigenen Füße.

"Wollen wir da nicht Unterschlupf suchen und den Sturm abwarten?" ruft Irene und deutet an mir vorbei. Sie muß tatsächlich rufen, so laut heult der Wind schon. Ich folge ihrem Blick. Tatsächlich ist in der FelsWand zu unser Linken eine Nische.

Ist das eine gute Idee? Da wir absteigen, haben wir noch einige Stunden Reserve. Wenn das Unwetter nicht von Dauer ist, dann könnten wir in ein oder zwei Stunden bei gutem Wetter und vielleicht bei guter Sicht weitermarschieren. Und wenn der Schnee bis dahin zwei Meter hoch liegt? BlödSinn, denke ich. Nicht um diese JahresZeit.

Wenigstens kann man sich die Nische einmal ansehen. Ich krabbele, Hände und Füße gebrauchend, die GeröllHalde hinauf. Irene kommt langsam hinter mir her.

Tatsächlich. Die Nische führt tief in den Berg. Der hintere Teil ist trocken, wenn auch eng. Aber vor dem Regen könnten wir beide Schutz finden. Aber ist das noch sinnvoll? Wir sind beide schon ziemlich naß.

Einige der FelsFlächen sehen frisch abgebrochen aus. Vielleicht irre ich mich, aber in ungeprüften FelsHöhlungen Zuflucht zu suchen könnte durchaus nicht ungefährlich sein. Man muß die Gefahr abwägen. UnterKühlung und Erschöpfung sind in den Bergen auch eine reale Gefahr. Ich wäge ab.

Minuten später steht Irene neben mir, dann geht sie auf die Nische zu. Sie hat schon entschieden - das Abwägen war überflüssig. Also warten wir das Unwetter hier ab. Wir machen es uns zwischen den überhängenden FelsWänden der Nische so bequem wie möglich, ich weiter drinnen, Irene vor mir. Sogar die nassen Klamotten können wir aus- und die ReservePullover anziehen. Allerdings bezweifle ich, daß die Luft trocken genug ist, um irgendwelche Textilien nachhaltig zu trocknen. Jedenfalls können wir es hier eine Weile aushalten.

Während Irene eines ihrer AufstiegsBrote auspackt und schweigend zu verzehren beginnt, sehe ich mich um. Da der Ausblick in das wirbelnde Grau da draußen zu deprimierend ist, interessiere ich mich mehr für den hinteren Bereich der Höhle.

Sie scheint kein sichtbares Ende zu haben. Ein Spalt, sechzig Zentimeter an der Basis durchmessend, in KopfHöhe jedoch nur noch dreißig Zentimeter und in drei Meter Höhe zusammenlaufend, der Boden des Spaltes mit Geröll bedeckt und nach hinten, wie der ganze Spalt, ansteigend. Dabei scheint der Spalt sich ein wenig zu verengen. Wie hätte mich so etwas als kleiner Junge fasziniert! Tut es eigentlich immer noch.

"Ich guck es mir mal an!" sage ich, als ich bemerke, daß Irene mein Interesse für die Höhle bemerkt hat, "keine Angst, das Gestein in den nördlichen KalkAlpen ist nicht brüchig! - Kann eine Weile dauern."

Sie sagt nichts, nicht aus Mangel an Opposition, sondern weil sie erschöpft ist. Außerdem kann sie mir durchaus vertrauen. Wenn ich sage, 'der Fels ist nicht brüchig', dann stimmt das. Auf Lanzarote bin ich einmal zu einer KletterTour durch die Risco de Famara aufgebrochen. Nach einigen Stunden ging es mitten in der Wand einfach nicht weiter, obwohl da die Reste eines Weges sein sollten. Alles wegerodiert, und der Fels war zu brüchig. Zuviel Geröll. Keine sicheren Tritte. Also gab ich mich geschlagen und kehrte um. Seither weiß Irene, daß ich keine unnötigen Risiken eingehe. - Was sie nicht weiß ist, daß es mir damals auf Lanzarote einfach zu heiß zum WeiterKlettern war. Dieses Problem haben wir jetzt nicht.

Der Spalt geht tatsächlich weit in den Berg. Fünf Meter hinter unserem RastPlatz wird der Boden steil, ist aber kaum noch mit Geröll und Sand bedeckt. Außerdem ist der Spalt völlig trocken. Nachdem ich ein paar Schritte gestiegen bin, sehe ich den SpaltAusgang und Irene nicht mehr direkt, sondern nur noch etwas verirrtes TagesLicht auf den FelsWänden rundherum und schräg unter mir. Noch ein Schritt, und es ist zu dunkel, um weiterzuklettern. Schade. Man kommt immer noch gut vorwärts, und der Spalt scheint nicht enger zu werden.

In wenigen Sekunden bin ich wieder bei Irene. Für den Notfall haben wir DynamoTaschenLampen mit. Ich packe meine aus und krieche wieder nach hinten. Irene hält sich immer noch mit Kommentaren zurück.


        1.2     Der Einstieg


Die Kletterei im hinteren Teil des Spaltes ist, nach alpinen Maßstäben, einfach. Wäre es anders, dann käme ich auch nicht weiter, weil man ja mit einer Hand dauernd die TaschenLampe betätigen muß.

Als ich meiner Schätzung nach mich sowohl horizontal als auch vertikal zwanzig Meter von Irene und dem HöhlenEingang entfernt habe, wird der Boden plötzlich wieder eben. Die Höhle weitet sich auf über einen Meter und ist groß genug, daß man darinnen stehen kann. Das tut gut nach der Kletterei.

Ohne die TaschenLampe zu betätigen horche ich in die schwarze Stille. Nichts. Kein Sturm, keine Irene - wenn sie jetzt etwas sagen würde. Die SchallWellen laufen sich auf der kurzen Strecke zwischen dem Eingang und hier tot.

Dann betätige ich die TaschenLampe wieder und sehe mich genau um.

Die Höhle ist immer noch nicht zu Ende. Von hier an ist sie aber einfacher zu begehen. Der Boden ist so eben, daß man fast nicht schauen muß, wo man hintritt, auch wenn man gut beraten ist, das denoch zu tun. Die Höhe und die Weite des Spaltes berechtigen fast, von einem Gang zu sprechen. Und dieser Gang geht weiter in das Innere des Berges, jetzt allerdings mit leichtem Gefälle. Sehr vorsichtig, aber ohne Schwierigkeiten gehe ich ihn entlang. Ich will keine Abzweigung übersehen. Aber es gibt auch keine, und bis jetzt könnte ich den Weg schlimmstenfalls auch im Dunkeln zurücklegen, auch wenn der Spalt am Eingang dann sehr schwierig werden dürfte. Aber da ist ja auch noch eine ReserveBirne in der DynamoTaschenLampe.

Überraschenderweise sind die FelsWände trocken. Auch das vereinfacht das VorwärtsKommen, das sonst in eine Rutscherei ausarten würde.

Obwohl der Weg durchaus nicht schwieriger wird, werde ich zunehmend unruhig. Nun müssen es schon hundert Meter sein. Hat man denn eine so große Höhle im ZugSpitzGebiet bis jetzt noch nicht entdeckt? Über hundert Meter vom Eingang entfernt, das heißt ja, daß sich über meinem Haupte schon viele hundert Meter Fels türmen, die jahrmillionenalte, hundertmillionen Tonnen schwere Last der HöllenTalSpitzen.

Zweihundert Meter. Dem Gefälle nach müßte ich jetzt tiefer als der HöhlenEingang sein. Wieviel Zeit ist schon vergangen? Wird Irene schon unruhig? Schließlich hört und sieht sie von mir nichts.

Das Licht der DynamoLampe ist schwach. So richtig gut ausgeleuchtet ist immer nur eine Fläche so groß wie eine Hand. Deshalb muß ich, um mir Übersicht zu verschaffen, hierhin und dorthin leuchten. Da ich das häufiger tue, komme ich nicht allzuschnell vorwärts. Trotzdem habe ich nie erwartet, so leicht und so schnell so tief in den Berg vorzudringen.

Das Gefälle wird stärker. Nicht, daß das hinderlich wäre, denn man muß sowieso aufpassen, wo man hintritt. Andererseits beruhigt mich das auch wieder, denn sonst wäre ich versucht gewesen, an einen künstlichen Gang zu denken. Von einer solchen Anlage hätte man aber etwas wissen müssen. Für eine künstliche Anlage ist aber alles zu unregelmässig. Der Gang, dessen Breite zwischen einem und zwei Meter schwankt, der nie eine Decke hat, sondern sich immer spaltartig in der Höhe verliert, oft wesentlich weiter, als das Licht reicht. Ein Stollen, den man aus dem Fels herausschlägt, sähe doch anders aus. Also jedenfalls kein BergWerksStollen. Auch die Theorie, daß dieses ein Stollen sein könnte, der etwas mit dem Bau der ZugSpitzBahnen zu tun haben könnte, erscheint mir jetzt weit hergeholt, nicht nur, weil die ZugSpitzBahnen von diesem Punkt sehr weit entfernt sind.

Nach einigen weiteren Minuten - ich denke daran, daß ich dringend umkehren muß, weil Irene inzwischen sicher schon ganz schön unruhig wird - fällt die rechte Wand des Spaltes zurück und entfernt sich immer mehr. Gleichzeitig stürzt der Boden in die Tiefe und geht in eine unwegsame Scharte über, die sich da unten in der Dunkelheit verliert. Allerdings stelle ich fest, daß man der linken Wand der Spalte immer noch weiter folgen kann, weil da ein gut begehbarer, etwa einen Meter breiter Sims ist. Das tue ich. Es sieht völlig ungefährlich aus.

Bald bin ich in einer seltsamen Umgebung: Die gegenüberliegende SpaltWand kann ich nicht mehr erkennen. Das Licht reicht da nicht hin. Ebenso scheint der Abgrund vor meinen Füßen grundlos, und nach oben sieht man auch nur undurchdringliche Schwärze. Nur der abschüssige Sims, auf dem ich stehe und die FelsWand, an der er entlangführt, sind sichtbar. Es ist somit völlig unklar, welches die Abmessungen der Höhle, in der ich mich befinde, sind. Ich höre auf, die Lampe zu betätigen und horche.

Absolute Stille. Inzwischen bin ich überzeugt, daß ich hier etwas entdeckt habe, daß die Öffentlichkeit noch beschäftigen wird. Eine neue touristische und geologische Sensation: Die HöllenTalHöhlen!

"Hallo!"

Das Echo kommt von den Wänden zurück, verliert sich nach Sekunden in der Ferne. Vielleicht eine drittel Sekunde bis zum ersten Echo. Heißt das, daß die gegenüberliegende Wand des Spaltes schon 50 Meter von hier entfernt ist? Ich fürchte, eine andere Interpretation bleibt kaum übrig.

Was ist das für eine riesige Höhle? Wo bin ich da reingeraten? Warum haben alle Geologen, die sich je im WetterSteinGebirge herumgetrieben haben, diese Höhle nicht gefunden?

Ich steige noch einige weitere Minuten auf dem Sims ab. Es wird noch steiler, und bald schon muß ich wieder die Hände zu Hilfe nehmen. Gerade, als mein Entschluß reift, sofort umzukehren, sehe ich vor mir im schwachen Licht der Lampe eine ungewöhnlich gerade Linie. Ich komme näher.

Der Sims geht in eine Treppe über!


        1.3     Stufen, Neugier und GlühBirnchen


Es will mir nicht in den Kopf, aber meine Augen sehen es. Eine Treppe. Schmal, sehr schmal. Sechzig Zentimeter. Man schleift beim AbwärtsGehen entweder mit der linken Schulter an der Wand enlang, oder man geht gefährlich nahe auf der äußeren Kante der Treppe. Es sind nur acht Höhenmeter, die man auf diese Weise herabsteigt, dann geht die Treppe wieder in den unbearbeiteten Sims über. Aber wenige Dutzend Meter weiter ist schon wieder eine Treppe, genauso schmal und ausgesetzt. Es scheint, daß nur an solchen Stellen, die anders nicht zu bewältigen sind, eine Treppe aus dem Fels geschlagen wurde.

Nach der vierten Treppe, die über hundert Stufen hatte, ist es sicher: Diese Treppe ist tatsächlich in den Fels hineingearbeitet worden. Entweder wurde der schräge Sims bearbeitet, oder, wo dieser in der Breite nicht ausreichte, ist der Fels ausgehöhlt worden. Man sieht sich an solchen Stellen dicht unter einem Überhang in KopfHöhe - gerade so hoch, daß man nicht geduckt gehen muß.

Die Wand des RiesenSpaltes scheint Biegungen zu machen. Ich weiß meine Richtung nicht mehr. Außer der TaschenLampe habe ich ja nichts mitgenommen - konnte ich wissen, daß hier eine so große Höhle auf mich wartet? Auch ein HöhenMesser wäre jetzt praktisch. Außer dem lahmen Gefühl in meinen KnieMuskeln habe ich keinen Hinweis darauf, wie weit ich schon abgestiegen bin.

Ich müßte eigentlich sofort zu Irene zurück. Was wird sie machen, wenn ich so lange nicht zurückkomme? Werde ich sie überreden können, mit mir noch einmal in diese Höhle vorzustoßen? Wohl kaum. Würden wir später diese Höhle noch einmal wiederfinden können? Diese Höhle, die vor uns offenbar noch niemand gefunden hat? Oder niemand, der auch nachher darüber hat berichten können? Warum wohl hat niemand darüber berichten können? Wann habe ich überhaupt das nächste Mal Zeit, allein oder mit Irene eine BergWanderung zu machen? Wie bringe ich sie dazu, hier einzusteigen? Sollte ich ihr vorher sagen, was ich gefunden habe, oder sollte ich behaupten, der Spalt wäre nach kurzer Zeit zu Ende? Aber wie erkläre ich dann meine lange Abwesenheit?

Ich steige mit energischen, sicheren Schritten weiter ab. Die DynamoTaschenLampe wandert von einer Hand zur anderen. Auch das lahme Gefühl in den Fingern zeigt, wieviel Zeit schon vergangen ist.

Es gibt verschiedene Methoden, die Lampe zu pumpen. Man kann sie so anfassen, daß die Finger die HauptArbeit machen, oder so, daß im wesentlichen der Daumen pumpt. Zusammen mit der Möglichkeit, die Lampe in die jeweils andere Hand zu wechseln oder auch mit beiden Händen gemeinsam zu pumpen, sollte ich eigentlich in der Lage sein, die Lampe stundenlang zu betätigen, wenn notwendig.

Da schält sich ein Vorsprung aus dem Dunkel. Die Treppe ändert ihre Richtung. Während ich bis jetzt beim Absteigen die FelsWand zur Linken hatte, so habe ich sie jetzt zur Rechten. Und, von diesem Vorsprung, der auch nicht viel breiter als etwas mehr als ein Meter ist, nach unten schauend kann ich nichts erkennen. Ebenso bleibt die gegenüberliegende Wand immer noch unsichtbar.

Ich könnte einmal wieder einen EchoVersuch machen, aber irgend etwas hält mich davon zurück, meine Anwesenheit akustisch zu verraten. Das ist natürlich eine ganz dumme Regung. Wer sollte hier schon sein? Und wenn schon, wer sollte mir etwas Böses wollen? Hier gibt es konkrete Gefahren, aber das sind die Gefahren, die man aus dem HochGebirge eben kennt: Verirren, Abstürzen, Erschöpfung. Ich paß schon auf. Und ganz besonders passe ich auf, daß mir die DynamoLampe nicht aus den Händen fällt.

Dann passiert es. Von einer Sekunde zur anderen: Dunkelheit. Die DynamoLampe wird geringfügig leichtgängiger. Die Birne ist hin. Scheiße.

Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Rechts ertaste ich immer noch die vertrauenerweckende Härte der FelsWand.

Sorgsam hocke ich mich auf die Stufen und befühle sie. Man muß die Lampe öffnen. Dabei darf mir auf keinen Fall irgendein EinzelTeil herausspringen. Hier finde ich nichts wieder. Flüchtig denke ich auch daran, daß ich im Dunkeln ganz einfach die Oben-Unten-Orientierung verlieren und bei meinen Reparaturen, ohne es gleich zu bemerken, einfach über den Rand der Treppe hinauskippen könnte. Herwig, denke ich mir, da hast du etwas Dummes gemacht. Niemand hat dich gezwungen, in diese Höhle einzusteigen.

Ich finde eine TreppenStufe, die meinen Ansprüchen an Ebenheit genügt. Während ich beginne, die Lampe auseinanderzunehmen, lehne ich mit dem Kopf am Fels direkt über meinem SitzPlatz. So kann nichts passieren.

Einen Moment finde ich die ErsatzBirne nicht. Als ich sie schließlich doch in die Finger bekomme, überfällt mich ein anderer, panischer Gedanke: Was, wenn ich schon einmal eine kaputte GlühBirne hatte und dann damals diese Birnen einfach vertauscht habe? Ist mir ein solcher Fall in Erinnerung? Ich glaube nicht. Aber ich merke mir doch solche unwichtigen Dinge nicht. Außerdem hätte ich bei nächster Gelegenheit die nun kaputte ErsatzBirne sofort wieder gegen eine funktionsfähige eingetauscht. Wenn nicht irgend etwas dazwischen gekommen wäre. Ist etwas dazwischen gekommen?

Jedenfalls gehe ich erst einmal von einer funktionsfähigen Birne aus. Ich baue die neue Birne ein und stecke die alte in die Tasche. Nachdem die Lampe wieder zusammengebaut ist, halte ich mir die Lampe vor das Gesicht und betätige zögernd den PumpHebel. Ein rotes GlühWürmchen entsteht im Nichts. Sie funktioniert!

Ich leuchte den Platz ab, wo ich gesessen habe. Kein Teil liegengeblieben. Die Tiefe jenseits der Treppe unergründlich wie eh und je. Okay. Bloß zurück. Wenn die zweite GlühBirne versagt, dann sehe ich alt aus.

Dann hole ich die kaputte GlühBirne aus meiner Tasche und lege sie auf eine TreppenStufe, um den Punkt meines weitesten Eindringens in die Höhle zu markieren. Falls ich demnächst hier wieder vorbeikommen sollte.

AufSteigen ist noch einfacher als absteigen. Allerdings bin ich in Gefahr, aus übergroßer Schonung für die GlühBirne die Lampe zuwenig zu pumpen und deshalb zuwenig Licht zu haben. Bloß nicht deshalb einen FehlTritt riskieren! Ich habe doch früher versucht, aus Spaß mit der DynamoLampe ein GlühBirnchen durch ÜberSpannung zum DurchBrennen zu bringen. Es geht nicht. Die Mechanik der Lampe ist dafür einfach nicht geeignet.

Nun, wo ich den doch nun ziemlich bekannten Weg so schnell wie möglich hinter mir bringen will, merke ich erst, wie lang er ist. Als ich im Gang ankomme und die Gefahr des Abstürzens vorerst gebannt ist, ist mir wohler. Trotzdem scheint sich auch der Gang endlos hinzuziehen. Plötzlich höre ich etwas. Ich halte an und lasse die Lampe verlöschen.

"Herwig!"

Es hallt hohl den Gang entlang. Irene! Ruft sie in den Spalt hinein oder ist sie schon eingestiegen?

"Hier! Irene! Bleib, wo du bist!"

Ich haste weiter. Da sehe ich plötzlich einen fernen LichtSchimmer. Sie ist tatsächlich in die Höhle hineingeklettert!

Sekunden später stehe ich neben ihr.

"Herwig! Was hast du dir dabei gedacht? Ist dir was passiert?"

Ich versuche, ihr so schnell wie möglich zu erklären, was ich gefunden habe, schon um weiteren Vorwürfen vorzubeugen. Sie sieht ungläubig drein, soweit man das bei der Beleuchtung erkennen kann.

"Wir müssen nocheinmal hierherkommen, mit besseren Lampen, vielleicht mit einigen anderen zusammen! Jetzt müssen wir erstmal nach Hause!"

"Geht nicht," sagt Irene, "du hast keine Vorstellung davon, wie es draußen aussieht. Das Wetter! Es ist fast ein Meter Schnee gefallen!"

"Soviel, tatsächlich?"

"Ja. Ich weiß nicht, ob wir da durchkommen."

"Und die Sicht?"

"Dichtes SchneeTreiben."

Wir klettern gemeinsam durch den Spalt am HöhlenEingang herab. Sie hat recht: Da draußen ist eine weiße Wüste, und der Schnee fällt immer noch in dichten Flocken, durcheinandergewirbelt von einem kräftigen Wind. HöllenTalPlatt im August! - Irene hat unsere RuckSäcke höher in den Spalt hinaufgezogen, um sie vor der Feuchtigkeit zu schützen.

"Du hast recht. Das sieht übel aus." sage ich, "Ich habe nicht gewußt, daß ich so lange da drinnen war."

"Und was jetzt?"

"Mmh. Mal sehen. Notfalls können wir hier übernachten. MetallFolien für die Wärmedämmung haben wir dabei. Das ist natürlich kein SchlafSack-Ersatz, dazu sind die zu instabil. Zu Futtern haben wir noch für zwei Tage."

Ich sehe Irene an, daß die Aussicht, hier zu übernachten, ihr ganz und gar nicht behagt.

"Vielleicht sollten wir weiter drinnen ..." schlägt sie vor.

Ich denke nach. Wir haben zwei DynamoTaschenLampen, mit insgesamt drei funktionsfähigen Birnchen. Das heißt, daß der Aufenthalt im ersten waagerechten Teil der Höhle ohne Risiko ist. Man müßte sich einfach nur an die völlige Dunkelheit gewöhnen, da man nicht dauernd die Lampe betätigen kann.

Ich sehe die Uhr an: 17 Uhr. Noch knapp dreieinhalb Stunden TagesLicht. Genug, um bei günstigem Wetter von jeder Stelle des Höllentalplatts zu Tale zu gelangen. Aber unter diesen Umständen hätte ich gerne mehr Zeit. Wer weiß, in was für einem Zustand das Brett ist.

"Warum bist du mir überhaupt nachgestiegen?" frage ich. Dumme Frage.

"Weil es so lange gedauert hat! Außerdem war da ein Zug durch den HöhlenEingang, und das kam mir komisch vor."

"Tatsächlich? Ist mir gar nicht aufgefallen!"

Hätte mir aber auffallen sollen. Selbstverständlich ist ein Zug in eine Höhle hinein oder heraus ein Hinweis auf eine größere Ausdehnung der Höhle. Schließlich muß bei einer äußeren LuftDruckÄnderung ja irgendein Ausgleich erfolgen.

"Also, mir ist es unsympathisch, in der Höhle zu übernachten. Wenn uns da etwas passiert, dann findet uns keiner!"

"Du mit deinen Katastrophen! Was soll uns denn im Schlaf schon passieren? - Außerdem ist es hier draußen jetzt kälter."

Sie hat ja recht. Minuten später haben wir aufgepackt und steigen wieder in die Höhle ein.


        1.4     Übernachtung


Wenn man still liegt, kann man das Heulen des Sturmes draußen hören. So eine absolute Sperre gegen akustische Signale sind die ersten paar Dutzend Meter der Höhle nicht.

Bequem ist das Lager auch nicht. Dazu die Dunkelheit. Eigentlich schlafen wir ganz gerne bei diffuser Beleuchtung. Man weiß beim Aufwachen nämlich immer gleich, wo man ist. Aber hier? Hinausstarren in die Dunkelheit, auf die tanzenden Figuren, die die unterreizten Augen und die neuronale Restaktivität im OzipitalLappen erzeugen. Keine optischen Reize. Wie gut, daß der Sturm draußen und Irenes ungleichmäßiger Atem wenigstens einen akustischen ReizHinterGrund erzeugen. Sonst kämen akustische Halluzinationen hinzu.

"Schläfst du?" frage ich so leise, daß es sie nicht aufwecken würde, wenn sie tatsächlich schliefe.

"Nein." murmelt sie verschlafen.

"Dein Kopf drückt eine Arterie auf meinem linken RippenBogen ab."

"Da ist keine Arterie!" erwidert sie.

"Kann sein. Aber du drückst sie trotzdem ab!"

Wir schlichten unsere GliedMaßen neu ein. Dann ist wieder einige Minuten Ruhe. Vielleicht schlafe ich kurz, vielleicht auch nicht. Gedanken kommen und gehen. Wenn sie das in etwas unvorhersehbarerer Weise tun, dann sind es Träume, und man ist dabei, einzuschlafen. Ich sehe Abgründe und träume, zu stolpern. Dabei zucke ich zusammen und bin wieder wach. Irene auch, weil ich bei solchen Gelegenheiten mich kurz und ruckartig bewege.

"Was das wohl ist?" fragt sie.

"Was?"

"Diese Höhle. Wo kommt die her?"

"Weiß ich nicht. Es gibt viele Höhlen auf der Welt. Denk an die KarstHöhlen in Jugoslawien, die teilweise gigantisch ..."

"Ja. Aber KarstHöhlen? Hier?"

"Mmh. Immerhin, heißt dieses Gebiet nicht auch 'Nördliche KalkAlpen'? Geologie müßte man studiert haben, dann wüßte man so etwas."

Da keiner von uns Geologie studiert hat, halten wir wieder eine Weile den Mund. Vielleicht schlafen wir auch. Sowie einer von uns einschläft, fängt der andere an, sich wieder umzulagern.

"Ich kann nicht schlafen!" sagt Irene, als es mir gerade gelungen ist, trotz allem eine relative Tiefe des Schlafes erreicht zu haben. Meine schmerzenden Glieder kehren wieder zurück.

"Wie spät ist es?"

Einer der vier kleinen Knöpfe an meiner ArmBandUhr schaltet eine kleine LeuchtDiode ein. Normalerweise vermeide ich das, weil die LeuchtDiode um GrößenOrdnungen mehr Strom zieht als die Uhr und ihre Anzeige. Jetzt bleibt mir aber kaum etwas anderes übrig.

"Kurz nach 21 Uhr."

"Das ist ja noch früher Abend!"

"Weiß ich. Die Sonne ist draußen aber schon untergegangen!"

Wieder vergehen Minuten, in denen wir versuchen, einzuschlafen. Diesmal gelingt es uns, den als ich das nächste Mal zu klarem Bewußtsein hochkomme, ist es kurz nach MitterNacht. Irene wird gleichzeitig mit mir wach, wie ich an ihren Bewegungen merke.

Der Sturm draußen dröhnt noch hörbarer als zuvor. Ob wir da bei Anbrechen des TagesLichtes durchkommen ist doch sehr zweifelhaft.

"Und es geht wirklich so tief da runter? Wie tief?" fragt Irene, wacher, als es der UhrZeit entspricht.

"Ich hatte keinen HöhenMesser mit. Aber einige hundert Meter werde ich etwa hinuntergestiegen sein. Denke ich."

"Jetzt haben wir einen HöhenMesser!"

"Mmh." bemerke ich. Hört sich so an als ob Irene Interesse an einer weitergehenden Erforschung der Höhle hat, und wenn vielleicht auch nur als eine interessantere Alternative zu unserem unbequemen SchlafPlatz.

Ich spüre einen Hauch, zum wiederholten Male. Die Höhle atmet, wie es ja eigentlich auch sein muß, bei den mit Sicherheit wechselnden LuftDrucken.

"Wir haben nur die zwei DynamoLampen, und die sind nicht besonders hell. Bei meiner ist schon die ErsatzBirne dran, weil die andere kaputt ist. Irgendwie ist mir das zuwenig SicherheitsSpielRaum!" sage ich abwehrend.

"Dann habe ich Neuigkeiten für dich. In der letzten Woche habe ich eine Packung ErsatzBirnen gekauft. Fünf Stück! Allerdings war ich zu faul, sie ganz auszupacken!"

"Das nützt uns gar nichts, wenn die Packung zu Hause ..."

"Ich habe die ganze Packung im RuckSack!"

"Wirklich?"

"Ja. Es war so bequem: Hop und rein damit! Wiegt ja nicht viel."

"Du bist ein GoldMädchen!"

"Weiß ich," sagt sie, "außerdem kann ich nicht schlafen. Vielleicht gibt es da unten irgendwo einen Ausgang aus dem Berg heraus?"

"Glaube ich nicht," sage ich, "das wären dann ja schon zwei Ausgänge dieses HöhlenSystems, die man noch nie entdeckt hätte."

Wieder vergehen Minuten des Schweigens. Hat sie recht, wenn sie noch einmal da runter will? Aber eigentlich will ich ja auch. Lebensmittel reichen für 48 Stunden, dann ist Schluß. Bis dahin müßten wir wieder hier sein, und dann MÜSSEN wir über das Platt nach Hause.

Außerdem: KarstHöhlen und deren Entstehung sind mit fließendem Wasser verbunden. Das muß ja am tiefsten Punkt der Höhle irgendwie raus. Allerdings: selbst, wenn das der Fall ist, dann kann das etwa in Form einer niedrigen Spalte geschehen, die permanent unter Wasser ist, wie die RohrKrümmung in einem Abfluß.

"Wenn wir bis zum Morgen hier liegen, dann sind unsere GliedMaßen durchgebogen und vielleicht unbrauchbar." vermute ich.

"Ja worauf warten wir dann noch?"


        ******** 002. Tag: Sonntag 1995-08-20 ********



        2.1     Wege in der Finsternis


Vor dem Abmarsch gibt's noch einige notwendige Vorbereitungen. Die ErsatzGlühBirnchen verteilen wir gleichmäßig auf beide. Jeder hat drei, und die eine, die in Irenes Lampe ist, bleibt bei Irene.

Dann stelle ich den HöhenMesser und sehe mir noch einmal die Karte an.

"Ich weiß nicht, was wir draußen für ein Wetter haben. Deshalb stelle ich das Ding auf neutrale LuftDruckVerhältnisse, einverstanden?"

Irene hat keine Einwände.

"Danach sind wir 2100 Meter über NN. Mmh. Ziemlich weit oben. Eigentlich sind es etwa nur 1500 Meter LuftLinie zum Brett."

Nachdem wir aufgepackt und unseren LagerPlatz nach liegengelassenen Gegenständen untersucht haben, geht es den mir schon bekannten Weg los. Mir scheint es, als kämen wir rascher vorwärts. Ich zähle meine Schritte mit. Vorsichtige dreißig Zentimeter lange Schritte, davon 1500. Dann sind wir an der Stelle, wo wir seitlich auf dem Sims weitergehen müssen und zu unserer Rechten der Abgrund gähnt. Der HöhenMesser sagt 2000 Meter. Aber nun verlieren wir rasch an Höhe.

Irene geht hinter mir, bleibt zurück. In der Dunkelheit kann ich nicht sehen, wie sie auf den zunehmenden Grad der Gefährlichkeit des Weges reagiert. Ich glaube, ich muß sie beruhigen.

"Solange man konzentriert geht, kann nichts passieren. Der Fels und die Treppen sind überall fest. Und wir haben Zeit."

Beides Aussagen, die man diskutieren könnte. Aber ich muß Irene beruhigen. Und mich.

Es ist 2 Uhr morgens, als ich auf einer TreppenStufe etwas glitzern sehe. Mein durchgebranntes GlühBirnchen. Ich mache Irene darauf aufmerksam. Von nun an ist auch für mich wieder NeuLand.

Wir lassen das GlühBirnchen liegen. Der HöhenMesser zeigt 1800 Meter an.

Wenig später, nach einigen weiteren Kehren der engen Treppe, reichen unsere DynamoTaschenLampen mit vereinten Kräften gerade an die gegenüberliegende SpaltWand. Man kann allerdings nichts Genaues erkennen. Eine FelsWand eben, was sonst. Zum wer weiß wie vielten Male schärfe ich Irene ein, zum Wechsel der DynamoTaschenLampe stehen zu bleiben und erst weiterzugehen, wenn die Schlaufe wieder sicher um das andere HandGelenk liegt. Vielleicht rede ich zuviel, aber hier ohne Licht zu sein ist ein AlpTraum. Diesen möchte ich nicht Wahrheit werden lassen.

Als der HöhenMesser 1700 Meter anzeigt, öffnet sich in der Wand plötzlich eine TunnelHöhle, in die wir hineinmüssen. Von einem Moment zum anderen ist die Gefahr des Absturzes wieder gebannt. Aber dieser Tunnel ist mit Sicherheit künstlich: Sauber herausgehauene TreppenStufen, beidseits der Treppe AbflußRinnen, die aber völlig trocken sind, und in etwas über KopfHöhe eine gewölbte TunnelDecke.

Ständig weht uns ein gleichmäßiger Wind entgegen, wesentlich stärker als der schwache Zug oben am Eingang der Höhle. Das läßt Schlüsse auf weitere Verzweigungen des HöhlenSystems zu.

Einige Male wird der Tunnel durch größere Höhlen unterbrochen, die offenbar beim Bau des Tunnels genutzt wurden, um Arbeit zu sparen. Diese Höhlen sind teilweise weitaus größer als die ReichWeite unserer TaschenLampen.

Der Tunnel ist gut zu begehen, ausgenommen die Strecken in den ZwischenHöhlen, wo man den Weg in dem FelsenGeröll etwas suchen muß. Wir verlieren rasch an Höhe. Als der HöhenMesser bei 1400 Meter angekommen ist, öffnet sich der Tunnel wieder in eine Höhle, deren jenseitige Wände von unseren Lampen nicht mehr erreicht werden kann. Es wird wieder gefährlich: der Weg führt auf einen Grat hinaus. Rechts und links gähnt eine unergründliche, schwarze Tiefe. Nur stellenweise gibt es Stufen, dann wieder windet sich der Weg, als die GratLinie zu steil wird, in engen Kehren nach unten. So kann man sich wenigstens so ab und zu an Felsen abstützen.

1300 Meter. Die GratLinie ist fast senkrecht, und der Weg besteht wieder aus einer Folge von schmalen Simsen und Treppchen.

"Kannst du noch, oder sollen wir eine Rast machen?" frage ich.

"Wo sollen wir den hier rasten?" fragt Irene zurück. Wohl wahr. Wir dürfen uns keine SchwächeAnfälle leisten. Gut, daß wir den ganzen Sommer über in vielen BergWanderungen trainiert haben. Trotzdem, 800 Meter in unbekanntem Gelände absteigen, das machen wir eigentlich nie am Stück.

Ob die große, senkrechte Höhle, an deren Wänden wir absteigen, dieselbe ist wie die erste ganz am Anfang unserer Excursion, können wir nicht sagen. Es ist überhaupt völlig unmöglich, ein geistiges, dreidimensionales Modell der Höhlen, durch die wir kommen, zu entwickeln. Zu viele Windungen und RichtungsÄnderungen, die wir teilweise wegen unserer beschränkten Übersicht gar nicht mitbekommen.

1200 Meter. Unsere FelsWand geht in eine GeröllHalde über. Da liegen Brocken rum, größer als ein Haus. Sie sehen aus, als ob sie jeden Moment kippen könnten. Der Weg führt, gerade noch erkennbar, um einige davon herum. Plötzlich halte ich an: irgendwie hat sich der Felsen vor mir auf dem Boden des Weges bewegt.

"Siehst du das?" frage ich.

"Was?"

"Da vorne. Die abschüssige Platte. Sie hat sich eben gedreht!"

"Quatsch." sagt Irene, "Du mußt dich irren. Hier bewegt sich nichts!" Woher will sie das denn wissen, denke ich.

Wir gehen vorsichtig einige Schritte weiter. Wieder bewegt sich ein Teil der Platte. Der entferntere Teil. Er ist sowieso sehr schwer zu erkennen, weil er irgendwie abgedunkelt ist. Es erinnert mich irgendwie an ...

"Wasser!" ruft Irene. Sie greift einen Stein und wirft ihn, ehe ich etwas sagen kann, nach vorne, in Richtung des hinteren Teils der FelsPlatte. Die WasserFontäne ist beruhigend und beunruhigend zugleich. Sind wir am Ende unseres Weges angekommen?

Nun, wo die aufgeworfenen Wellen die WasserOberFläche deutlich sichtbar machen, ist das Ufer des Sees klar zu erkennen. Wir entscheiden uns, auf dem trockenen Teil der großen FelsPlatte vor uns zu rasten. Wenn Irene den Stein etwas knapper geworfen hätte, dann wäre dieser Teil der FelsPlatte jetzt nicht mehr trocken. Langjährige EheErfahrung hält mich aber davon ab, diesen Vorwurf in Worte zu kleiden - sogar bei echten FehlLeistungen halte ich mich da zurück, nicht nur bei möglichen FehlLeistungen.

4 Uhr morgens. Wir spüren beide Müdigkeit. Essen, trinken, schlafen. Oder sollten wir wieder aufsteigen? Wir könnten um 8 oder 9 Uhr am HöhlenEingang sein, restlos erschöpft, aber dann hätten wir einen ganzen Tag zur Verfügung, um uns über das verschneite Platt zum Brett durchzukämpfen. Jetzt stelle es ich mir sogar machbar vor, über die SteigAnlage abzusteigen, wenn sie völlig vereist sein sollte. Und dann wären wir in nicht einmal einer Stunde bei der HöllenTalAngerHütte!

Diese Hütte ist jetzt etwas höher als unser StandPunkt und wahrscheinlich nicht sehr weit entfernt. Wenn nicht der viele Fels dazwischen wäre ...

Wir machen eine SchlummerPause. Irene legt ihren Kopf in meinen Schoß, und ich lehne mich nach hinten. Eine Weile horche ich in die Dunkelheit hinein, aber hier ist wirklich nichts zu hören. Nicht einmal das gelegentliche Tropfen, das in so vielen Höhlen einen GeräuschHinterGrund bildet.

Wieso ist diese Höhle so trocken?

Die FelsPlatte ist so flach, daß weder wir noch unsere RuckSäcke versehentlich ins Rollen kommen können. Keine Gefahr, jedenfalls nicht von da. Daß die Hölle allerdings über unseren Köpfen offenbar viele hundert Meter hoch ist, und daß Steinchen oder Steine, die von da oben abgehen, uns durchaus schaden könnten, daran denke ich jetzt nicht. Und wenn ich doch daran denke, dann sage ich mir, daß diese Steine vielleicht Millionen Jahre lang Zeit gehabt haben, herunterzufallen. Warum also gerade jetzt?

Dann denke ich daran, daß irgendwann einmal jemand diesen Weg benutzt haben muß. Vor meinem geistigen Auge sehe ich fackeltragende Kolonnen, die mit unbekannter Absicht von hier oder von einem Ort, der noch tiefer im Berg ist, nach oben ziehen. Wer waren sie? Oder sollte es sie noch geben? Quatsch. Es ist nur natürlich, daß man an unterirdische Kolonien von Trollen und Kobolden denkt. So etwas gibt es aber nicht. Unbekannte Völker, mitten im dichtbesiedelten Deutschland, die von uns nichts wissen und von denen wir nichts wissen. Was für eine Vision.

Es kann nicht sein. Dieser Weg ist bestimmt ein archäologisches Relikt. JahrHunderte oder sogar JahrTausende alt. Hier ändert sich wenig. Keine Erosion. Da kann eine SteinTreppe unbeschadet ohne weiteres JahrTausende überstehen.

Was war vor tausend Jahren? Zweitausend? Da unten, bei Garmisch, gab es römische VerkehrsWege. Germanien war teilweise römische Kolonie. Aber es ist nicht überliefert, daß die Römer sich für die Berge interessiert hätten. Genaugenommen ist aus dieser Zeit überhaupt nichts überliefert, was das mögliche Interesse der Menschen an der hochalpinen BergWelt betrifft. Und von Höhlen ist schon gleich gar nichts überliefert.

Nein, es waren auch nicht die Römer. Diese Wege hat jemand ganz anderes gebaut. Da bin ich sicher.

Dann denke ich an meinen alten GeschichtsLehrer. Mit welchen archäologischen Kenntnissen könnte ich jetzt auftrumpfen! - Aber erstens würde er mich sofort über den historischen HinterGrund befragen, und über den weiß ich ja nichts, und zweitens trennt mich ja schon ein DrittelJahrhundert von diesem UnterrichtsGespräch. - Außerdem ist er wahrscheinlich schon tot.

Mit diesen Gedanken schlafe ich ein.


        2.2     WunschDenken


Diesesmal war der Schlaf erholsamer und tiefer. Es ist Mittag, als ich von Irenes unruhigen Bewegungen geweckt werde. Es dauert eine Weile, bis ich weiß, wo ich bin, und welche Anstrengungen uns noch von dem WiederErreichen der Zivilisation trennen.

Das FrühStück / MittagEssen ist umständlich, wegen der DynamoLampen. Wir stellen fest, daß das SeeWasser trinkbar ist. So schonen wir unsere mitgebrachten Vorräte an Getränken.

Ich bin schneller fertig, aber es wird trotzdem 1 Uhr, bis wir wieder abmarschbereit sind.

"Also," frage ich, "rauf oder runter?"

"Weiter natürlich - wenn es noch weiter geht!"

Irene macht ihre Entscheidung vielleicht etwas zu sehr von der Aussicht auf den anstrengenden WiederAnstieg abhängig. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das recht.

"Das heißt aber, daß wir in der nächsten Nacht wieder aufsteigen müßten, wenn wir nichts finden!"

"Daran glaube ich nicht! Wir werden einen Weg hinaus finden." entscheidet Irene. Wishful Thinking. Hoffentlich hat sie recht. Je weiter wir in die Tiefe vorstoßen, desto kräfteraubender wird der WiederAufstieg werden. Inzwischen ist sogar die Wanderung über das HöllenTalPlatt und das Brett der kleinere Teil der noch zu erwartenden Anstrengung.

"Wie gut, das wir Urlaub haben!" meint Irene, als wir losmarschieren, "Sonst müßten wir am Montag blaumachen!"

"Das wäre mir völlig egal. Ich will nur am Leben bleiben," sage ich. Sieht sie vielleicht nicht ein, daß das nicht so restlos gesichert ist?

Wir suchen das SeeUfer ab. Der See ist klein und oval, vielleicht hundert Meter lang und vierzig Meter im DurchMesser. Er hat keinen erkennbaren Zu- oder Abfluß, auch nicht die ausgetrockneten ÜberReste eines solchen. Auch sind nicht die mindesten Spuren von LebeWesen oder anderem organischen Material zu finden. Wir finden den Weg, den wir gekommen sind, und einen zweiten, wo es weitergeht.

Soweit wir es erkennen können, bewegen wir uns jetzt auf dem Grund einer immensen Höhle, die viele hundert Meter hoch und zwischen dreißig und siebzig Meter weit ist. Der HöhlenBoden ist ein Wirrwar von mächtigen, übereinandergetürmten FelsBrocken und würde uns wohl ab und zu komplizierte Klettereien abverlangen, wenn der Weg uns nicht so führen würde, daß wir das immer gerade noch vermeiden. Trotzdem müssen wir häufig die Hände gebrauchen.

Wir passieren zwei weitere Seen. Es kommt mir so vor, als ob diese Höhle in ihrer Richtung in etwa konstant bleibt, aber der Kompaß sagt, daß unsere Richtung zwischen Nord und Ost schwankt. Am frühen NachMittag unterschreiten wir eine Höhe von tausend Meter über dem MeeresSpiegel, und vielleicht eine Stunde später sind wir nur noch 800 Meter hoch.

"Wir sind jetzt auf der Höhe von Hammersbach!" informiere ich Irene. Sie antwortet nicht. Es hört sich an, als hätte sie ihren gesunden MarschRythmus gefunden. Da will ich sie lieber nicht rausbringen.

Dann verengen sich die beiden HöhlenWände, und der Abstieg wird wieder steiler. Es dauert nicht lange, und wir folgen einem Gang, der nicht breiter als etwa einen Meter ist. Schmalere Stellen sind offenbar bearbeitet worden, und häufig gibt es wieder TreppenStücke. Jedenfalls sind wir immer noch auf dem richtigen Weg. Über uns verliert sich der schmale Spalt in dunkler, undurchdringlicher Höhe. Man würde fast erwarten, FlederMäuse zu sehen. Aber natürlich sind wir hier die einzigen Lebewesen. FlederMäuse wären BestandTeil eines Biotops. Und woher sollte dieses in dieser ewigen, trockenen Dunkelheit seine energetischen und materiellen Resourcen bekommen?

Eine Zeitlang marschieren wir kräftig, weil es so gut vorangeht. Wir müssen irgendwo rauskommen. Inzwischen sagt mein HöhenMesser 600 Meter. Das heißt, wir unterschreiten jetzt die MeeresHöhe von München. Auf jeden Fall sind wir schon deutlich tiefer als Garmisch-Partenkirchen.

Dann, vielleicht gegen 17 Uhr, als der HöhenMesser 450 Meter anzeigt, weitet sich unser Gang wieder auf etwa acht Meter DurchMesser. Wir gehen jetzt auf einer Art Wall - rechts und links vor den Wänden gibt es gefährlich tiefe Spalten. Das Ganze sieht so aus, als sei vor Urzeiten die Decke der Höhle auf einer ganzen Strecke eingestürzt, und das, worauf wir gerade gehen, ist der Schutt- und GeröllWall, der von diesem Ereignis erzeugt wurde.

Dann hört unser Weg urplötzlich auf. Vor unseren Füßen öffnet sich ein Abgrund. Kein erkennbarer Abstieg. Wieder kommt ein fühlbarer Zug aus der Tiefe.

Es geht nicht weiter.

"Es muß weitergehen!" sagt Irene. Sie denkt dasselbe wie ich. Einen so großen Aufwand zu treiben, so viele Treppen und Wege anzulegen, das tut man nur, um irgendwo hinzukommen. Niemand legt aufwendig Wege an, um sie im Nichts enden zu lassen. Es sei denn, ein geologisches Ereignis hätte den Weg teilweise zerstört. Ein FelsenBruch, ein HöhlenEinsturz, oder so etwas.

Wir inspizieren unsere Umgebung genau. Die Wände rechts und links von uns können wir mit unseren Lampen gerade noch erreichen. Felsen, sonst nicht.

"Mir kommt es so vor," sagt Irene und deutet nach rechts hinunter, "als ob man da runter kann."

"Aber ob man da runter soll?" zweifele ich.

"Zur anderen Wand kommt man gar nicht mehr hinüber - guck dir mal diesen Spalt neben unserem Weg an! Das braucht man gar nicht erst zu versuchen."

Sie hat recht. Also klettern wir rechts vom Weg runter, auf die HöhlenWand zu. Wir haben mindestens zwölf Meter Höhe verloren, als wir sie erreichen. An zwei oder drei Stellen müssen wir sogar kurze Sprünge wagen, weil auf andere Weise die betreffenden FelsKanten gar nicht zu bewältigen sind, und über eine FelsKante müssen wir uns mit einem umgekehrten KlimmZug herunterlassen, weil erst zwei Meter tiefer wieder ein fester Stand ist. Es geht aber gut, auch bei Irene, die solche KletterEinlagen gar nicht mag. Dann sehen wir uns wieder um.

"Großer Gott!" flüstert Irene. Dann sehe ich es im schwachen Licht der DynamoLampe auch.


        2.3     KletterSteig


Es ist ein KletterSteig, eine Anlage so ähnlich wie das Brett. An der rechten HöhlenWand entlang, weiter in die Richtung, in die wir gehen wollen, ragt alle vierzig Zentimeter eine EisenStange von etwa der gleichen Länge aus der Wand. Jede EisenStange ist etwas tiefer als die vorhergehende, jedenfalls, soweit wir es von unserem StandPunkt aus überblicken können.

Unter den EisenStangen ist nur ein gähnender, schwarzer Abgrund. Und, noch schlimmer: Es gibt kein HalteSeil. Keine HandGriffe, weder künstlich noch natürlich.

Wir waren schon am 'Brett' zu leichtsinnig. Eigentlich seilt man sich an einem KletterSteig mit zwei KarabinerHaken, die mit einem ordentlichen TrageGurt verbunden sind, an. Wenn es kein HandSeil gibt, dann ist das schon eine alpine Sache, und man sollte für eine SeilSicherung auf andere Weise sorgen.

"Das ist der Wahnsinn." sage ich, "Das kann ich nicht. Wie soll man da gleichzeitig die Lampe betätigen können?"

Wir hören beide mit unseren DynamoLampen einen Moment auf. Unsere Finger sind schon gar zu lahm von der stundenlangen Pumperei. Besprechen kann man sich auch im Dunkeln.

"Wir müssen zurück." sagt Irene, "Da geh ich nicht rüber."

"Ich auch nicht. Vielleicht ist es auch gar nicht der richtige Weg. Vielleicht haben wir eine Abzweigung verpaßt?"

"Wie hoch müssen wir?"

"Wir sind etwas über 400 Meter. Der Eingang der Höhle ist auf 2100 Meter. Das sind 1700 Meter HöhenDifferenz."

Es bleibt uns wohl nicht erspart. Selbst das verschneite und vereiste Brett wird einfacher zu bewältigen sein als dies hier.

"Okay," entscheide ich, "je eher wir anfangen, desto eher sind wir wieder zu Hause. Es ist viel zu steigen, aber es ist ja nirgends wirklich schwierig." Wir fangen sofort an, wieder auf die Mitte des Weges hinaufzuklettern. Nachdem ich mich einmal entschieden habe, liegt der Rest unseres Abenteuers zwar als große jedoch absehbare Anstrengung vor uns, und ich fühle beim HinaufKlettern wieder eine Zuversicht, die ich in den letzten Stunden schon vermißt habe.

Das ist schon nach wenigen Metern vorbei.


        2.4     Zurück?


"Wie sind wir eigentlich hier runter gekommen?" frage ich und leuchte die überhängende FelsStufe ab, "Das ist ja über zwei Meter hoch!"

Eine rhetorische Frage. Unser umgekehrter KlimmZug ist mir noch in Erinnerung. Ich probiere es zuerst. Es geht nicht. Dann setze ich meinen RuckSack ab. Irene hält ihn fest.

Es ist eine elendigliche Quälerei, bis ich die Kante mit einem EllenBogen erreiche. Dann noch ein Schwung. Das Knie ist oben. Und noch ein Schwung. Der OberKörper liegt auf der Kante. Geschafft! Irene leuchtet mir unten mit beiden Lampen, aber die OberKante des Felsens liegt im Schatten. Ich kann meinen LiegePlatz nur erfühlen. Schwer atmend bleibe ich liegen.

"Das schaffe ich nie." sagt Irene von unten.

"Dann ziehe ich dich eben rauf."

"Und wer leuchtet so lange? Und wer bringt unsere Rucksäcke hinterher?"

"Die könntest du vorher ..." Ich lasse mir meine Lampe raufgeben und sehe mich um. Verdammt wenig Platz. Und etwas abschüssig. Kein sicherer Stand, jedenfalls, wenn man die Hände nicht zum Festhalten frei hat. Das mit dem Raufziehen ist auch so eine Sache. Zu wenig Platz für uns beide hier oben. Und Irene ist zwar gut in Form, aber auch, wie sagt man, gut im Futter. 82 Kilo, wenn ich mich recht erinnere. Ich kann sie nicht raufziehen. Ich könnte sie höchstens hier und dort unterstützen. Das geht aber auch kaum, wenn man dauernd eine Lampe pumpen muß. - Und wir sind beide erschöpft. Ich habe es eben doch selbst kaum geschafft.

Herwig, sage ich mir, sieh es realistisch. Sie kommt hier nicht rauf. Da kannst du machen was du willst. Jede Hilfe heißt, daß der Helfer auch keine Hand mehr für die Lampe frei hat. Und im Dunkeln dürfen wir hier, so nahe am Abgrund, keine akrobatischen Experimente machen.

"Ich komme wieder runter," sage ich, "es muß einen anderen Weg geben."

Es gibt keinen. Wir suchen alles ab, wo man eventuell aufsteigen könnte. Aber schon dem Spalt zwischen Weg und HöhlenWand weiter in die Richtung zu folgen, aus der wir gekommen sind, ist nicht möglich. Da muß man sich zwischen HöhlenWand und einem FelsBrocken hindurchzwängen - eine vier Meter hohe und ebenso lange, aber nur einen halben Meter durchmessende Spalte. Mitten in dieser Spalte ist plötzlich ein Loch im Boden. Ein grundloses Loch. Ich denke kurz an irgendeine Art von KaminKletterei. Aber das kann Irene ja genausowenig. Und ich eigentlich auch nicht.

Andere AufstiegsMöglichkeiten finden wir nicht. Wir sitzen fest.

"Da haben wir etwas Dummes getan," sage ich, "Ich hätte nie hier runterklettern dürfen. Scheiße."

Ich lasse meine Lampe ausgehen. Irene pumpt gerade nicht. Es ist völlig dunkel.

"So ein weiter Weg," sage ich, "Und dann, kurz vor Schluß, die EinBahnStraße. Ich habe sie nicht erkannt."

Irene legt mir im Dunklen ihre Hand auf meine Hand.

"Laß nur. Ich habe es doch auch nicht gesehen."

Wir umarmen uns im Dunkeln. Schweigend vergeht die Zeit. Was soll man jetzt noch sagen? Daß es einem leid tut, unser schönes, hoffnungsvolles Leben abgebrochen zu haben? Nicht durch eine große Tat, sondern durch eine Tolpatschigkeit?

"Wir ruhen uns jetzt aus," sagt Irene. Ihre Stimme klingt künstlich fest. "Wir ruhen uns jetzt aus. Dann suchen wir noch einmal alle möglichen Aufstiege ab. Wenn nichts geht, dann gehen wir über den Steig da vorne."

"Was? Meinst du das im Ernst?"

"Ja. Oder willst du hier mit mir verhungern oder verdursten? Wer hat denn immer, bei einem KletterSteig gesagt: 'Stell dir das ganze etwa dreißig Zentimeter über dem Boden einer Turnhalle vor. Dann ist es ganz einfach.' Hast du das nicht immer gesagt? Alpiner SchwierigkeitsGrad Eins? Das waren deine Worte, jedenfalls am Brett."

"Ja."

"Siehste. Da vorne, auf diesen Sprossen, kann man sich an die FelsWand anlehnen. Das macht es sogar noch einfacher. Einer geht, der andere leuchtet. Unsere Chancen sind gut. Hier zu bleiben ist aufgeben. Hier rettet uns niemand. Wenn wir weitergehen, dann haben wir vielleicht eine Chance."

Ich sage nichts. Eigentlich sollte ich etwas zu Buche geben. Was ich für eine tapfere Frau habe. Als ob sie klarer nachgedacht hat als ich. Oder ist ihr klarer als mir, daß der RückWeg endgültig versperrt ist? Sie kann diesen KlimmZug an der FelsKante hinter uns nicht machen. Damit kommt sie nicht mehr rauf. Und ich auch nicht. Denn ich bleibe bei ihr. Oder?

"Ich könnte," überlege ich laut, "alleine zurückgehen und Hilfe holen!"

"Und mich hier alleine lassen?"

"Ich komme ja wieder. Mit der BergWacht. Mit Seilen und StrickLeitern."

"Nach Tagen," protestiert Irene, "wenn überhaupt. Du könntest verunglücken oder dich verirren. Wir wüßten überhaupt nichts voneinander. Du könntest den HöhlenEingang nicht wiederfinden. Die BergWacht könnte dir nicht glauben. Und ich sitze hier die ganze Zeit im Dunkeln. Wir könnten uns nicht gegenseitig helfen, wenn etwas passiert."

Ich halte den Mund. Irene hier alleine zurückzulassen, auch mit der festen Absicht, Hilfe zu hohlen, gefällt mir auch nicht.

Okay. Lassen wir es dabei. Wir bleiben zusammen, und die einzige Richtung heißt 'vorwärts'.


        2.5     SchlagLoch im EisenWeg


Die Zeit vergeht. Wir machen Inventur. Unsere LebensMittel reichen mindestens noch einen Tag, die Getränke sogar noch länger. Zwölf belegte Brote, von zwanzig, als wir die Wanderung begannen. Noch zweieinhalb Liter Getränke für jeden. Genug, um die 1700 Meter wieder aufzusteigen und nach Hause zu gehen. Wenn der Weg nicht so gründlich versperrt wäre. Es ist auch noch keine weitere GlühBirne kaputt gegangen.

"Hast du gemerkt, daß es eigentlich ziemlich warm ist? Ich meine, bei dem Wetter draußen?" fragt Irene. Ich erläutere ihr in kurzen Zügen etwas über die geologischen GrundLagen des ErdAufbaus.

"Hier, in MittelEuropa, ist der geothermische Gradient gering. Wir könnten noch viele Kilometer absteigen, dann aber wird es sehr heiß. Allerdings ist das ja kaum zu erwarten. Wenn der HöhenMesser nicht spinnt, sind wir 400 Meter über dem MeeresSpiegel. Also, noch vierhundert Meter tiefer geht es eigentlich nicht mehr. Da muß einfach Wasser sein. Bin neugierig, wo der Weg dann hingeht."

"Heißt das, daß wir bald irgendwo ankommen?"

"Ja, natürlich. So endlos weiter absteigen, wie wir das bisher getan haben, das muß bald ein Ende haben. Im Moment sind wir auf dem Niveau des Inntales. Es ist mir völlig unklar, wieso hier überhaupt noch HohlRäume sind, die nicht völlig mit Wasser gefüllt sind. Das geht eigentlich nur, wenn irgendwo eine Art Abfluß ist."

"Und du meinst," fragt Irene, "daß wir bis zum Inntal marschieren müßten, um diesen Abfluß zu finden?"

"Nicht unbedingt. Abfluß und AusGang, oder sagen wir, das Ende dieses Weges, das sind zwei verschiedene Dinge. Ich nehme an, daß wir irgendwann wieder steigen müssen, ein paar hundert Meter wenigstens."

Das sage ich nur einfach so. Wissen tu ich ja überhaupt nichts. Aber ich muß uns Mut machen.

19 Uhr. Ich schlage Irene vor, daß wir diesen KletterSteig jetzt hinter uns bringen. Wir packen auf.

"Herwig, du mußt mir eins versprechen."

"Was denn?"

"Wenn ich da abstürze, dann gehst du allein zurück. Den Weg, den wir gekommen sind. Allein kannst du es."

"Was redest du da. Du stürzt nicht ab. Ich habe auch nicht die Absicht. Und was sollte ich dagegen dir für einen Vorschlag machen, wenn ich es doch tue?"

"Dann springe ich hinterher."

"Nein. Das tust du nicht. Du mußt dich irgendwie nach draußen durchschlagen. Jemand muß der Welt diese Höhle verraten!"

"Warum?"

Darauf gebe ich keine Antwort. Es gibt keine. Warum sollte die Welt diese Höhle kennen?

Bevor wir losmarschieren, umarmen wir uns lange Zeit. Es ist eigentlich albern, denke ich mir. Der Tod droht dauernd, von allen Seiten, auch im Alltag. Die Katastrophe ist nur einen Schritt entfernt, immer. StraßenVerkehr, Unfall im Haushalt. Der Weg zur Invalidität ist immer kurz. Nur macht man sich meistens keinen großen Gedanken darüber. Was ist also jetzt anders? Daß man keine Hilfe holen kann? Die völlige Machtlosigkeit? Ich sehe vor meinem geistigen Auge Irene abgestürzt, hundert Meter tiefer, schwer verletzt, aber noch bei BewußtSein. Sie schreit, und ich kann nichts tun. Ich kann sie nicht einmal sehen. Eine entsetzliche Vorstellung.

"Irene, stürz nicht ab." sage ich ihr eindringlich ins Ohr. "Konzentriert gehen. Auf jeden Schritt achten. Ruhig atmen. StehenBleiben und abwarten, wenn die Panik kommt. Sicher stehen bleiben. Zwei Füße auf zweien dieser MetallStäbe, da stehst du sicher. Stürz nicht ab!"

Dann gehen wir los.

Ich zuerst. Ein mäßig weiter Schritt bis zum ersten Stab. Kein Problem. Ich prüfe ihn wippend, jederzeit erwartend, daß er brechen könnte. Fühlt sich an wie einbetoniert. Der Rost ist auch nur oberflächlich, wahrscheinlich, weil es hier so trocken ist.

Dann verlagere ich mein Gewicht auf den Stab. Nun geht es unter mir bereits in die Tiefe. Irenes Lampe leuchtet gerade eben ein paar Meter des KletterSteiges aus, mehr nicht.

Ich stehe mit beiden Füßen auf dem ersten Stab. Dann steige ich auf den zweiten hinüber. Er ist genauso fest. Der dritte, der vierte.

ErmessensSpielraum: Man steht sicherer, wenn man die Füsse nicht direkt am Fels aufsetzt, sondern weiter draußen. Vierzig Zentimeter sind ja viel Platz. Andererseits ist dann das Abknickmoment auf die EisenStange größer. Was ist die beste Strategie?

"Es geht ganz gut!" sage ich, und mein heftiger Atem straft meine Worte Lügen.

Dann stelle ich mich fest auf zwei der Stäbe, halte mich mit einer Hand an der FelsWand fest und benutze meine Lampe. Ein kurzes Leuchten in die Tiefe zeigt, daß da kein Grund ist, jedenfalls nicht in ReichWeite der Lampe. Es sind mindestens zehn Meter, es können aber auch zweihundert sein. Dann leuchte ich die Stäbe für Irene aus.

Sie tritt auf die Stäbe hinaus. als ob sie das ganze Leben nichts anderes getan hätte. Tapfere kleine Frau! Auf dieses hat dich die Arbeit in deiner Bank nicht vorbereitet.

Schon nach wenigen Sekunden steht sie neben mir. Jetzt bin ich wieder dran, und sie leuchtet.

Es ist wahr, vom technischen StandPunkt ist es ganz einfach. Vielleicht wäre es noch einfacher, wenn man es vorher etwas geübt hätte. Etwa wenn man das 'Brett' überquert hätte, ohne sich festzuhalten. Aber wer kommt denn auf so eine WahnSinnsIdee? Naja, dann üben wir eben jetzt. Der Weg scheint lang genug zum Üben. Ich steige drei Meter und Irene leuchtet, dann kommt Irene drei Meter hinterher, und ich leuchte. Und so geht es weiter. Schon bald ist der letzte FelsVorsprung, von dem wir ausgegangen sind, jenseits der ReichWeite unserer Lampen. Jetzt ist da nur noch die senkrechte FelsWand und die kleine, zittrige Insel aus Licht, die immer nur wenige SteigStäbe und die Beine von einem von uns beleuchtet.

Ich habe unangenehme Visionen, die ich aber für mich behalte: Was, wenn die Folge der SteigStäbe plötzlich aufhört? Was, wenn plötzlich mehrere SteigStäbe fehlen und eine zu große Lücke lassen? Was, wenn die Wand allmählich überhängend wird, oder die SteigStäbe nach außen abschüssig, oder beides?

Wir klettern weiter. Keine Hand frei, um Uhr oder HöhenMesser anzusehen. Nichts als den Glauben, daß diese Art des Weges ja irgendwann einmal zu Ende sein muß, und daß die Länge des Weges wohl kaum das LeistungsVermögen eines Menschen übersteigen wird.

Eine ganze Weile ist jeder SteigStab deutlich tiefer als der vorhergehende. Dann wieder geht es eine ganze Weile horizontal weiter. Auf einigen Dutzend Metern des Weges kommt die gegenüberliegende HöhlenWand in die ReichWeite unserer Lampen und nähert sich auf zwei Meter, um wenig später wieder in die Unsichtbarkeit zurückzufallen. Hilfreich ist das nicht, und ich überlege, ob es wenigstens beruhigend ist. Eigentlich auch nicht.

Es scheinen Stunden zu sein. Unser VorwärtsSteigen wird routinierter, und ich ermahne - vielleicht in völlig überflüssiger Weise - uns mehrmals zur Konzentration. Selbst in sicherem Gelände ist die abnehmende Konzentration eine Gefahr, wieviel mehr dann hier.

Dann passiert es. Der nächste Stab fühlt sich unter meinen Füssen schwammig an. Ehe ich recht begreife, habe ich instinktiv den Fuß auf den übernächsten Stab gesetzt. Irene stößt einen Schrei aus, aber ich stehe fest, im achtzig-Zentimeter SpreizSchritt. Das geht noch.

Der jetzt unbelastete Stab zwischen meinen Füßen ist nach unten abgeknickt. Direkt am Fels sehe ich die BruchStelle. Und ich habe eine üble Vision: Irene versucht, doch diesen Stab als Tritt zu benutzen. Das darf nicht sein.

"Der muß weg!" sage ich entschlossen, prüfe meinen Stand und trete dann mit dem Fuß, den ich eben noch vertrauensvoll auf diesen Stab setzen wollte, mitten auf denselben. Er bricht ab.

Mit angehaltenem Atem lauschen wir dem Klingen des Stabes, wie er in die Tiefe fällt und immer wieder irgendwo anschlägt. Ich zähle, obwohl das nicht sehr sinnvoll ist: Weiß ich denn, wie stark der Stab tatsächlich in seinem Fall gebremst wird? Weiß ich denn, ob der Stab nicht immer noch fällt, wenn er schon längst nicht mehr in HörWeite ist?

Es dauert lange. Das wiederholte Anschlagen und Klingen wird immer leiser, aber einen definitiven, endgültigen AufSchlag kann ich nicht erkennen. Nach über einer Minute kommen nur noch verirrte Echos zu uns herauf.

Das geht hier verdammt tief hinunter! Das müssen viele hundert Meter sein.

"Man müßte sich die BruchStelle des Stabes genau ansehen." sage ich, "Dann könnte man rauskriegen, ob Guß- oder SchmiedeEisen. Oder gar Stahl. Aber ich kann nicht so richtig hinsehen."

"Laß die Experimente!" zischt Irene. Sie hat ja recht. Andererseits wollte ich durch einige akademisch klingende Überlegungen eine Atmosphäre der Sicherheit verbreiten.

Plötzlich fällt mir eine uralte Geschichte ein. In früher Kindheit. Kollegen meines Vaters, ein Ausflug. Ein Schacht, mehr ein Loch im Boden, altes Bergwerk vermutlich. Fast zwei Meter unter dem Rand ein Stein, der geologisch interessant war - oder aus welchem Grunde auch immer. Der Kollege meines Vaters - ein Herr Litzen oder so ähnlich - wollte den unbedingt haben. In waghalsigem Kriech- und KletterManöver hat er sich über die Kante des SchachtLoches geschoben - und wie entsetzlich tief das war! Für uns Kinder sowieso der bodenlose Abgrund. Seine Frau hat ihn von hinten festgehalten, gleichzeitig keifend und bettelnd. Aber der war stur. Mein Gott, war der stur! Und wir waren starr vor Schreck. Was die Erwachsenen so alles machten - und uns wurde immer alles verboten!

Aber diese Episode war ja nicht so gefährlich. Er hat es überlebt, und vielleicht verzerrt und vergröbert die Erinnerung den Schacht. War es vielleicht nur eine Grube? Nebenbei, es war Tag, und man hätte Hilfe holen können, im schlimmsten Fall. Ich muß ihn noch mal fragen. Wenn wir hier rauskommen, frage ich ihn. Lebt er überhaupt noch? - Es kostet nur einen Anruf, mehr nicht. Warum spricht man nicht häufiger mit seinen ehemaligen Lehrern? Wo man mit ihnen soviel Zeit des Lebens verbracht hat. Wenn sie erst weggestorben sind, dann geht es nicht mehr. - Und wenn man selber weggestorben ist, dann auch nicht. - Paß auf deine Füße auf, Herwig! Konzentrieren!

Ich gehe weiter, dann leuchte ich für Irene. Sie hat mit ihren kürzeren Beinen etwas mehr Schwierigkeiten, außerdem ist sie leicht panisch. Trotzdem gelingt ihr der weite Schritt. Von nun an ist das Fortkommen wieder Routine, soweit man so etwas Routine nennen kann. Das Adrenalin kreist aber noch in unserem Blut, und ich wünsche mir sehnlichst, daß dieser Weg bald zu Ende sein möge.

Nach vielen weiteren Minuten, gerade, als Irene leuchtet und ich steige, sehe ich vorne etwas Graues. Ich sage noch nichts, um keine verfrühten Hoffnungen zu wecken, aber schon, als ich das nächste Mal dran bin, sieht Irene es auch:

"Da ist etwas."

"Seh ich. Sachte. Ich sehe noch nicht, wie es weitergeht."

Im rechten Winkel zu der Wand, an der wir entlangsteigen, trifft eine weitere FelsWand auf die unsere. Dort, wo sie sich treffen, lassen sie einen schmalen Spalt von etwa zehn bis zwanzig Zentimetern, ausgenommen die Stelle, auf die wir uns zubewegen. Dort ist dieser Spalt auf sechzig Zentimeter erweitert, und zwar auf einer Höhe von etwa zwei Metern.

Beim nächsten SteigAbschnitt komme ich auf zwei Meter an das Loch heran, dann zwinge ich mich wieder zur Geduld. Irene folgt die drei Meter nach, während ich unermüdlich die Lampe pumpe. Wie gut, daß wir während dieses WegeAbschnittes keine GlühBirnen wechseln mußten!

Dann steige ich auf das Loch zu. Noch fünf Stäbe, dann vier, dann drei. Ich gehe nicht schneller als sonst, denn die FelsWände, die sich hier treffen, fallen nach wie vor in unergründliche Tiefen ab. Dann stehe ich in dem Loch und leuchte Irene.

"Langsam. Du hast es gleich geschafft. Aber langsam!"

Ihre Hände auf dem Fels zittern, ich sehe es. Meine Position ist nicht zu sicher, da dieser Stollen einen fünfzehn Zentimeter breiten Spalt im Boden und in der Decke hat. Vielleicht zu wenig, um da durchzurutschen, aber man kann natürlich immer noch AusrüstungsGegenstände verlieren.

Als Irene den Stollen betritt - ich trete zwei Schritte zurück - halte ich sie fest. Mir ist auch mulmig.

"Komm hier rüber. Füße darüber. So. Man kann hier überall stehen, aber dieser Spalt da im Boden ist natürlich lästig."

"Ich möchte mich hinlegen!" haucht sie.

"Moment. Stehst du sicher? Gut. Ich gehe mal ein paar Meter diesen Stollen entlang, ob da ein besserer RastPlatz ist."

Gesagt, getan. Es sind fast fünfzig Meter, die der Stollen horizontal zurücklegt. Dann biegt er rechtwinklig nach rechts ab und geht steil nach unten. Der Boden ist wieder eine sauber herausgeschlagene Treppe, ohne Spalt in der Mitte.

Wenig später habe ich die erschöpfte Irene hierhergelotst. Wir sitzen auf den TreppenStufen und ruhen unsere Finger von der langen Pumperei und unsere Körper von dem KletterSteig aus. Das heißt, Dunkelheit. Aber hier kann nichts passieren, außer die gewundene Treppe hinunterzurollen. Ich überwinde mich noch, HöhenMesser und Uhr zu inspizieren. 22 Uhr und 200 Höhenmeter. Wir waren fast drei Stunden in der Wand.

Der RückWeg beginnt, unüberwindlich zu werden. Ich habe Angst. Kommen wir hier je raus, und wie?

Wir müssen jetzt rasten. Aber zum Schlafen ist diese Stelle immer noch zu ungemütlich. Keine genügend große, ebene Fläche. Ich werde noch etwas weitergehen und Irene dann holen, wenn ich etwas besseres finde. Sonst müssen wir uns in dem Stollen irgendwie verkeilen. Aber kann ich Irene alleine lassen, übermüdet, wie sie ist?

Ich nehme ihr das Versprechen ab, bis sechshundert zu zählen, ohne einzuschlafen. Damit habe ich zehn Minuten, in denen ich wenigstens die nächsten Teile des Stollens untersuchen kann.

Ich habe Glück. Schon nach etwa achtzig Stufen und etlichen Windungen des schmalen Stollens finde ich ein horizontales Stück ohne Treppe. Es ist nur etwa 2.5 Meter lang. Aber das reicht. Wenige Minuten später liegen wir bereits da, die Füße in MarschRichtung, die Köpfe und die RuckSäcke in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Käme jetzt jemand des Weges, dann würden wir ein ganz ordentliches Hindernis in diesem Stollen bilden. Aber damit rechnen wir am allerwenigsten.

Unsere Träume sind unruhig, meine jedenfalls, aber Irene wird es nicht anders gehen. Natürlich hängen wir wieder in dieser widerlichen Wand, natürlich stolpern wir und stürzen, fahren unruhig im Schlafe auf, betasten uns gegenseitig und die beiden Wände des Stollens.

Dann liege ich eine Zeitlang wach, bei klarem BewußtSein, die momentane Sicherheit der Situation genießend, aber trotzdem mit Angst: Wie kommen wir hier jemals wieder heraus?

Der Wind geht abwärts, in MarschRichtung. Als wir hier ankamen, ging er in GegenRichtung. Als ich mir darüber physikalische Gedanken mache, schlafe ich wieder ein.


        ******** 003. Tag: Montag 1995-08-21 ********



        3.1     LichtSpuren


Der Schlaf war lang. Es ist 12 Uhr, als sich mein BewußtSein widerwillig in die Wirklichkeit zurückversetzt. Auch Irene schläft noch und läßt sich genauso schwer wecken. Die Anstrengung sitzt noch in unseren Knochen.

MorgenToilette. Das heißt, kein Waschen - womit auch? Aus unseren zwölf belegten Broten werden zehn. Der Hunger wird erst beim Marschieren kommen, das kennen wir schon. Einige TreppenStufen oberhalb unseres LagerPlatzes werden unschön verschmutzt. 'Duftmarke', so nennt man das bei einem Hund. Ob jemals hier jemand vorbeigehen und reintreten wird? - Jedenfalls wird der Duft uns noch eine Weile folgen, da immer noch ein leichter Wind in MarschRichtung weht. Erinnerungen an frühere CampingUrlaube: der Gestank defekter Toiletten und unsachgemäßer AbwasserEntsorgung.

Dann packen wir wieder auf und marschieren weiter, mit schmerzenden Muskeln, verklebt und verschwitzt.

Der Gang geht weiter so in die Tiefe wie schon bisher. Die ständige Änderung der Richtung ist merkwürdig. Wäre nicht eine einfache WendelTreppe einfacher gewesen? Oder ist man, bei der HerausArbeitung des Ganges, dem am leichtesten zu bearbeitenden Gestein gefolgt? Oder wollte man ein ausgeglichenes Gemisch von Rechts- und LinksWendungen herstellen, so daß die Flüssigkeit in den GleichgewichtsGängen gar nicht erst ins Rotieren kommt und so der DrehSchwindel vermieden wird?

Ebenso merkwürdig sind die Wände - ich habe den Eindruck, daß es sich nicht mehr um Kalk handelt - oder was auch immer das normale Material der nördlichen KalkAlpen und auch des ZugSpitzMassives ist. Wann sich das geändert hat, habe ich nicht mitgekriegt, und ich weiß auch nicht, wie man das Gestein nennt, das uns jetzt umgibt. Es scheint sehr hart zu sein.

Es ist 2 Uhr nachmittags, als ich anhalte und Irene den HöhenMesser zeige:

"Sieh her. Fällt's dir auf?"

"Ja. Meereshöhe. Sogar etwas tiefer."

"Ich wette, daß es auf der ganzen Welt keine Höhle gibt, die luftgefüllt ist und die unterhalb des MeeresSpiegels liegt."

"Dann wäre dieses ja die erste."

"Nicht unbedingt. Siehst du, ich habe den HöhenMesser auf durchschnittlichen LuftDruck gestellt - 1020 HektoPascal. Wenn jetzt draußen ein TiefDruckGebiet ist, etwa 980 HektoPascal, dann sind wir schon 200 Meter unter dem MeeresSpiegel. Und umgekehrt, wenn draußen 1060 HektoPascal HochDruck ist, dann sind wir noch 200 Meter drüber. Wir können nichts anderes tun als uns auf den durchschnittlichen LuftDruck zu beziehen."

"Also wissen wir überhaupt nicht, wie tief wir sind?"

"Das würde ich nicht sagen," fahre ich fort, "weil ich nämlich glaube, daß diese große Höhle nur sehr wenig Luft mit der Außenwelt austauscht. Das heißt, daß sich hier ein LuftDruck einstellen müßte, der dem DurchSchnitt des AußenDruckes entspricht, in vergleichbaren MeeresHöhen, versteht sich. Dann, wenn das richtig ist, ist dieser HöhenMesser sehr korrekt, und wir unterschneiden tatsächlich gerade jetzt den MeeresSpiegel."

Irene weiß daraufhin nichts zu sagen, und so marschieren wir weiter.

Um 3 Uhr nachmittags sind es 400 Meter unter dem MeeresSpiegel. Der HöhenMesser zeigt 3600 Meter an, weil seine Skala rundherum gerade viertausend Meter umfaßt. Wahrscheinlich wird er nun irgendwann aufhören, zu funktionieren, oder er geht sogar kaputt, weil er für diesen Druck nicht gebaut wurde. Wir merken von dem ungewöhnlichen Druck noch nichts. Das ist auch nicht zu erwarten, da die Änderung langsam vor sich geht.

Um 3:15 Uhr geht der immer noch abwärts führende Stollen plötzlich in einen horizontalen Stollen über. Das bleibt einige hundert Meter so, ohne daß wir auch nur einen Meter an Höhe verlieren. Dann bleibt plötzlich für einige Dutzend Meter die StollenDecke weg. Das Loch öffnet sich in einen wesentlich größeren Raum. Unsere Lampen finden keinerlei Ziel in der Schwärze über uns.

"Sei mal still," sage ich, "Lampe aus!"

Einen Moment horchen wir mit verhaltenem Atem nach oben. Ist es das Blut in den KopfArterien, oder ist da von ferne wirklich eine Art Rauschen zu hören?

Irene hört nichts, und so marschieren wir weiter. Die Decke des Stollens schließt sich wieder. Dafür geht es wieder bergab, allerdings nicht so steil, daß Stufen erforderlich wären.

Dann ist der Stollen plötzlich zu Ende. Er weitet sich in einem kleinen Raum, und im Boden ist ein etwa einen Meter durchmessendes Loch. Der HöhenMesser zeigt 500 Meter unter dem MeeresSpiegel an.

Wir leuchten den Raum aus. Nichts von Bedeutung, außer vielleicht einigen Nischen in der Wand, die als RuheBänke gedeutet und jedenfalls so benutzt werden können. Das Loch im Boden ist nicht sehr tief, vielleicht einen Meter fünfzig. Ich gebe meine Lampe Irene und setze meinen RuckSack ab. Irene leuchtet mir mit beiden Lampen.

Aus diesem Loch kann ich mich wieder hochziehen, also ist es kein Risiko, mich hinunterzulassen. Wenn ich aufrecht stehe, dann kann ich sogar noch meine EllenBogen auf die Lochkante legen. Dann nehme ich meine Lampe wieder.

Der Boden des Loches ist merkwürdig, in der Mitte höher als am Rand. Als ich mich bücke, um das genauer zu untersuchen, stelle ich fest, daß ich auf einem kleinen Hügel stehe. Dieser Hügel ragt aus einer tieferliegenden Höhle empor, deren Abmessungen ich nicht genau abschätzen kann. Es ist jedenfalls kein Gang, sondern der Raum ist sehr viel größer.

"Tja," sage ich, "es spricht nicht sehr viel dafür, daß es hier weitergeht. Aber woanders geht es auch nicht weiter. Also: gib mir mal die RuckSäcke!"

Eine halbe Minute später stehen wir in der unteren Höhle. Der Hügel könnte künstlich aufgeschüttet sein. Er besteht jedenfalls aus einzelnen FelsBrocken mittlerer Größe. Genau kann man es nicht sagen, und wir finden zunächst auch keinen definierten Weg.

Bald haben wir Klarheit über die Form dieser Höhle. Sie hat etwa einen dreieckigen QuerSchnitt und bildet so einen Tunnel mit zwei schiefen Böden und einer horizontalen Decke, die mehr als zwanzig Meter überspannt. In Richtung nach - ich konsultiere den Kompaß - nach Osten führt der Tunnel abwärts, in der anderen nach oben, ohne deutliche QuerschnittVeränderung. Das Loch, durch das wir gekommen sind, ist sehr nahe am TunnelRand, so daß der kleine, unauffällige Hügel nicht sehr hoch aufgeschüttet werden mußte. Ich sage Irene, daß das auch wieder nach Absicht aussieht.

Wir folgen diesem großen, dreieckigen Tunnel in AbwärtsRichtung. Es läßt sich gut gehen, obwohl der Boden schief ist. Der QuerSchnitt des Tunnels ändert sich jedoch, weitet sich stellenweise auf eine SpannWeite bis zu achtzig Metern auf, an einer Stelle reichen unsere Lampen weder an die Decke noch ist seitlich eine Begrenzung zu sehen. Dann rücken die Wände wieder zusammen. Langsam steilt sich der linke Boden weiter auf, so daß man nur noch auf dem rechten Boden gehen kann, der sich zum Ausgleich abflacht. Jedenfalls ist es deutlich, daß hier ein natürlicher Bruch im Fels als Tunnel verwendet wurde, der kaum bearbeitet wurde, da er überall gut begehbar ist.

Flüchtig denke ich daran, daß wir diesen Tunnel auch in die andere Richtung hätten gehen können. Irgendwie haben wir die Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen, als ob wir uns sicher wären, daß es dort irgendwann einfach nicht mehr weiter geht. Im Prinzip haben wir diese Option auch noch, aber ich glaube nicht, daß wir sie noch nutzen werden. Irene hat das nicht kommentiert, also hat sie es entweder nicht gemerkt, oder sie schätzt diese Möglichkeit auch nicht als erfolgversprechend ein.

Nun weicht die rechte Wand wieder so weit aus, daß sie nicht mehr sichtbar ist, und wenig später ist auch die linke Randung des Tunnels nicht mehr zu sehen. Nur in der Höhe läßt sich noch das Grau der Decke wahrnehmen.

3300 Meter, sagt der HöhenMesser. Also 700 Meter unter dem MeeresSpiegel. Definitiv tiefer als alle Depressionen der ErdOberFläche. Wir nehmen es einfach nur noch zur Kenntnis.

Der Boden wird abschüssig, und als er so steil wird, daß das Klettern wieder die ZurHilfenahme der Hände erfordert, da stoßen wir auch wieder auf einen angelegten Weg. Kaum zu erkennen, aber wenn man ihm folgt, dann ist es wesentlich leichter. Es tauchen FelsSäulen aus der Dunkelheit auf, die wir umrunden. Wir können nicht erkennen, ob diese Säulen in die nun unsichtbare Decke übergehen oder irgendwo da oben enden.

Als wir 800 Meter tief sind, treten wir auf eine ebene FelsFläche hinaus. Zunächst wissen wir nicht, welche Richtung nun angesagt ist, aber dann scheint es klar zu werden, da diese FelsFläche doch leicht gewölbt ist. Offenbar sind rechts und links in einiger Entfernung Abgründe. Wir können geradeaus für eine lange Strecke mit nur geringem Gefälle weitergehen.

"Irgendwie höre ich jetzt auch etwas!" sagt Irene.

"Machen wir einmal eine HorchPause!" stimme ich zu, und wir lassen unsere Lampen verlöschen. Es ist wahr: Da ist in der Ferne ein hohles Rauschen, ganz schwach, an der Grenze der Wahrnehmbarkeit. Aber noch etwas anderes ist da:

"Irene! Siehst du etwas?"

Wir halten immer noch unseren Atem an, als ob man dadurch besser sehen könnte. Ich habe tatsächlich den Eindruck eines grauen Schimmers rundherum, der vielleicht in unserer MarschRichtung noch stärker ist.

"Kann sein," sagt Irene nach einer Weile, "Aber es kann auch eine Täuschung sein."

"Warten wir fünf Minuten, damit unsere Augen sich besser an die Dunkelheit gewöhnen!" schlage ich vor. Für eine volle Dunkeladaption des Auges braucht man, wie jeder HobbyAstronom weiß, eine halbe Stunde. Aber wir wollen es jetzt ja nicht übertreiben, auch wenn wir weniger bräuchten, wegen des trüben Lichtes unserer Lampen.

Da ist definitiv Licht. Aber zu wenig, um etwas von der HöhlenStruktur zu erkennen. Rechts und links grau, vorne vielleicht etwas mehr. Schließlich stimmt auch Irene meiner Beobachtung zu.

"Gehen wir weiter," schlage ich vor, "wenn es tatsächlich von vorne kommt, dann gehen wir ja darauf zu."

Gesagt, getan. Solange wir unsere Lampen pumpen, scheint die Schwärze um uns herum perfekt.

Es liegen wieder hausgroße Felsen auf unserem Weg, die wir umrunden müssen. Dabei wird deutlich, daß in der Tat rechts und links der felsige Boden immer steiler wird und in die Tiefe abstürzt. Es ist, als ob wir auf dem Rücken eines runden Berges gehen.

Schließlich glaube ich trotz Lampe etwas vor uns zu sehen. Wir machen wieder eine DunkelPause.

"Das ist wie TagesLicht!" sagt Irene nach einer Weile.

"Nein, es ist noch zu lichtschwach und deshalb sieht es grau aus. Aber definitiv: Es ist Licht!"

Wir pumpen die Lampen weiter. Das ist immer noch notwendig, um zu gehen. Der Rücken des Berges, auf dem wir gehen, wird steiler, dann geht es wieder eine Weile horizontal dahin. Nun ist der LichtSchimmer dauernd zu sehen, auch während unsere Lampen leuchten.

Wir erreichen eine Tiefe von tausend Meter. Allmählich werden auch die Felsen außerhalb der ReichWeite unserer Lampen sichtbar. Hoch über uns, vielleicht über zweihundert Meter, vielleicht auch nur hundert Meter, vielleicht aber auch viel mehr, sieht man ebenfalls die Umrisse gewaltigender hängender Felsen. Selbst diese schwache Beleuchtung läßt die Dimensionen dieser Höhle deutlich werden.

Dann rückt von links die Wand dieser gigantischen Höhle wieder näher. Der Abgrund zur Linken scheint sich wieder geschlossen zu haben. Bald wird der Boden wieder zusehends schräg. Unangenehm zu gehen, die Gefahr, nach rechts in die Tiefe zu stürzen wird durchaus real.

Dann aber erkenne ich die Linie des Weges, der wieder aus dem Fels herausgearbeitet ist. Das Umgebungslicht hat dazu schon mehr getan als das Licht unserer Lampen.

Der Weg ist steil, aber sehr sauber ausgeführt. Praktisch droht kaum die Gefahr, zu stolpern. Die ganze, gewaltige Höhle macht eine leichte LinksBiegung, und wenig später folgt unser Weg einem sehr steilen Abfall. Die Wände links reichen wieder bis an die HöhlenDecke, von der ich jetzt überzeugt bin, daß sie tatsächlich etwa dreihundert Meter über uns ist.

Ich lasse die DynamoLampe erlahmen. Wie gut das tut! Und die Helligkeit, die sowohl von vorne als auch aus der Tiefe heraufdiffundiert, reicht für den Weg gerade aus.

"Geht das?" fragt Irene.

"GeschmacksSache."

Sie probiert eine Weile rum. Aber schon nach wenigen weiteren hundert Metern halten wir an und packen unsere DynamoTaschenLampen in die RuckSäcke. Zum ZeitungsLesen wäre es vielleicht noch zu dunkel, aber zum Wandern auf ausgebauten Wegen reicht es.

Wirklich irritierend ist bei diesem Licht nur, daß es in seiner Menge aus der Tiefe kommt. Und es ist grau-bläulich. Naja, besser als dunkelrot - das würde an Lava denken lassen.

Wir müssen noch einmal anhalten. Die Temperatur ist inzwischen etwa zwanzig Grad, was wir allerdings nur schätzen können. Jedenfalls verschwinden weitere Pullover im Rucksack.


        3.2     The Bridge of Doom


Um 18 Uhr erreichen wir in 1200 Metern Tiefe ein schwaches Rinnsal, das über den Weg läuft. Wir nutzen die Gelegenheit und ergänzen unsere FlüssigkeitsVorräte. Außerdem trinken wir soviel wie wir können. Erschöpfung durch Dehydration können wir uns nicht leisten.

Wir machen dabei die implizite ArbeitsHypothese, daß das Wasser mikrobiologisch einwandfrei ist. Es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig.

Die FelsWand zur Linken weicht wieder zurück, und bald gehen wir wieder auf einem Grat, dessen ausgesetzteste Stellen wieder durch WegStücke ausgebaut sind. In alle Richtungen kann man jetzt hunderte von Metern weit sehen. Vielleicht sind es sogar Kilometer. Die großen HöhlenAusdehnungen in unserer MarschRichtung sind noch lichterfüllter als die bisherigen, seitlich abbiegenden Höhlen, die gähnende, turmhohe schwarze Löcher sind. Genau dort, wo der Grat uns hinführt, teilt eine gewaltige, berggroße Säule diese HöhlenWelt. Mir ist unklar, wie es dort weitergeht. Aber wir werden es ja bald sehen.

Ich habe den Eindruck, daß, je tiefer wir kommen, desto geräumiger werden diese Höhlen. Vielleicht liegt das aber auch etwas an der Beleuchtung, die jetzt eine weite ÜberSicht ermöglicht.

Der Grat wird wieder steiler, und rechts und links fallen seine Wände in alpinem WahnSinn nach unten. Es gibt wirklich nur diesen einen Weg, ob ausgebaut oder nicht. Ich habe den Eindruck, als ob diese Wände noch weit tiefer als tausend Meter von unserem jetzigen StandPunkt aus abstürzen. Wie tief denn noch?

Als wir um eine Felsnadel auf dem Grat herumgehen - der HöhenMesser zeigt inzwischen eine Tiefe von 1300 Meter an, und ich rechne eigentlich damit, daß er sehr bald kaputt gehen muß, aber er tut's einfach nicht - bleiben wir entsetzt stehen.

"Nicht schon wieder!" flüstert Irene.

Die gewaltige Säule, auf die wir zumarschiert sind, ist gar keine Säule. Sie ist ein gewaltiger Berg, der von der Höhlendecke herunterhängt.

Dieser Berg hat keine Verbindung mit dem Grat, dem wir bisher gefolgt sind. Und dieser Grat ist jetzt auch zu Ende. Etwa fünfzig Meter unter unserem StandPunkt - soweit führt noch der sich abwärts windende Pfad - geht er in eine senkrecht nach unten abfallende FelsWand über. Gelegenheit zum Abstürzen überall.

Vom Ende des Pfades hinüber zum hängenden Berg ist eine weit durchhängende HängeBrücke gespannt. Sie muß etwa zweihundert Meter überwinden. Ihre Konstruktion ist denkbar einfach: Drei Seile. Auf einem geht man, die beiden anderen bilden eine Art Geländer. In Abständen sind diese beiden GeländerSeile mit dem TretSeil durch Streben verbunden.

Ich sehe nicht, wie zuverlässig verhindert wird, daß sich diese Konstruktion zufällig verdrillen könnte, wenn man sie betritt.

Drüben, wo diese Brücke den hängenden Berg trifft, geht es auf dieselbe Art weiter. Die drei Seile bilden eine Folge von kleineren HängeBrücken, auf denen man unter dem hängenden Berg weitergehen kann. Es sieht so aus, als ob man an den AufhängeStellen den Felsen über dem eigenen Haupte berühren kann, dazwischen sich aber aufgrund des DurchHängens der TeilBrücken bis zu einigen Dutzend Metern von dem Fels entfernt. Von unserem StandOrt aus können wir diese Konstruktion über einen Kilometer verfolgen, aber ich sehe nicht, ob sie da hinten schon aufhört.

Unter der Brücke und unter dem hängenden Berg geht es viele hundert Meter in die Tiefe, zwischen den FelsNadeln da unten vielleicht auch tausende von Metern. Ich sehe nichts, wo ein endgültiger Grund ist. Irgendwo da unten kommt auch das Licht her.

Dieses ganze Bild ist so entsetzlich, daß man es nicht sogleich begreifen kann. Wir wissen ja: Wir sind soweit, daß wir nicht mehr hoffen können, auf demselben Weg zurückzukommen. Wir würden es kräftemäßig nicht schaffen, und technisch an einigen Stellen auch nicht. Es gibt nur einen Weg für uns: Vorwärts.

Hier gibt es nur ein Vorwärts: Über die Brücke.

"Sehen wir uns mal den Anfang der Brücke an." sage ich und beginne, das letzte Stück des Pfades abzusteigen.

"Du willst doch nicht etwa darüber?!" fragt Irene. Ich sehe ihr lange in die Augen.

"Ich glaube nicht, daß wir noch eine Wahl haben!"

Zögernd folgt sie mir. Nach wenigen Minuten stehen wir am Anfang der Brücke, von drei Seiten vom Abgrund umgeben.

Hier hat der unbekannte BauMeister einen Platz aus dem Felsen herausgehauen, der so groß ist, daß man da ein Auto abstellen könnte. Wahrscheinlich geschah es zu dem Zweck, die WiderLager der Seile fest in dem Felsen zu verankern. Zweihundet Meter SpannWeite ist eine ganz ordentliche IngenieurLeistung. Immerhin haben wir auf diese Weise die Möglichkeit, hier die Nacht abzuwarten. Ich möchte auf dieser Anlage keinesfalls von der Dunkelheit überrascht werden.

Die Seile selbst sind StahlSeile, gewunden und geflochten aus zahlreichen Litzen. Sie glänzen und zeigen kaum Rostansätze. Die nächsten QuerStreben kann man noch gut erkennen, weil sie etwa alle zehn Meter angewendet wurden. Es handelt sich ebenfalls um Stücke aus StahlSeilen, deren Enden gespleißt und dann um die TrageSeile geflochten worden sind.

Ich lege den RuckSack ab.

"Ich probiere mal ein paar Meter!"

"Mein Gott, Herwig!"

"Keine Angst. Ich komme gleich zurück!"

Die drei Seile bilden etwa ein gleichseitiges Dreieck von 110 Zentimeter KantenLänge. Nein, vielleicht nicht ganz, die beiden HandSeile sind näher beieinander. Diese haben einen DurchMesser von vier Zentimeter, das TretSeil von sieben. Außerdem ist das TretSeil von einigen dünnen Seilen so umwunden, daß sie eine Art Netz bilden, weil man sonst wahrscheinlich Schwierigkeiten mit der Glätte des TretSeils hätte. Es sieht halbwegs vertrauenerweckend aus.

Ich kann nicht feststellen, daß diese SeilBrücke von meinem Gewicht Kenntnis nimmt. Wahrscheinlich ist es so, daß nur eine einfache Konstruktion dieser Art, aus leichten Seilen, Schwierigkeiten macht, weil zum Beispiel das TretSeil die Neigung hat, zur jeweils anderen Seite auszuweichen als das HandSeil. Hier handelt es sich aber um tonnenschwere SeilKonstruktionen.

Ich gehe über dreißig Meter hinaus. Das scheint der schwierigere Teil zu sein, weil man am Anfang einer solchen SeilHängeBrücke immer abwärts geht. Aber die Konstruktion liegt ruhig und mein Fuß steht sicher. Sogar das Umdrehen macht wenig Schwierigkeiten. Meine Augen fokussieren sich so auf meine Füße, daß ich die Tiefe darunter nicht richtig wahrnehme. Eigentlich müßte man sich an sowas gewöhnen - der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Beim ZurückSteigen überlege ich, ob mir die 'Brett'-artige KletterAnlage, über die wir so mühsam gestiegen sind, oder diese Brücke unangenehmer ist.

Bald stehe ich wieder neben Irene. "Es geht," sage ich, "es geht sogar gut. Wir müssen nur ausgeruht sein. Du siehst ja - keine ZwischenPause möglich für die ganze Strecke da, und wer weiß für wieviel mehr noch."

"Wollen wir hier übernachten?" fragt Irene.

"Es ist schon nach 20 Uhr. 1350 Meter tief sind wir hier, nebenbei. Ja. Wahrscheinlich sollten wir das. Obwohl ..."

"Obwohl?"

"Obwohl das Licht mit dem TagesLicht offenbar kaum etwas zu tun hat. Es verändert sich nicht."

"Was ist es dann?" fragt Irene.

"Weiß ich nicht. Ich war noch nie hier!"

Wir setzen uns und lassen die Aussicht auf uns wirken. Da ist ein ständiges, fernes, aber deutliches Rauschen in der Tiefe, und ein leichter, unregelmäßiger Wind flattert uns um unsere Nasen.

"Wir haben jetzt noch sechs belegte Brote, nicht?" überlege ich laut, "Heute hat jeder drei gegessen. Das heißt, morgen gibt's noch voll zu essen, und dann nichts mehr, oder morgen jeder zwei und übermorgen jeder eins, oder in den nächsten drei Tagen jeder eins."

"Ich glaube, das halte ich nicht aus, wenn ich weiß, daß noch etwas da ist." schüttelt Irene den Kopf.

"Also morgen zwei und übermorgen eins?"

"Schon eher."

"Irene, du weißt, wir machen eine Dummheit. Seit Tagen schon. Wir gehen immer weiter, als ob uns am Ziel etwas erwartet! Insbesondere etwas zu essen."

"Wir können doch nicht mehr zurück!"

"Schon richtig. Aber bis vor kurzem haben wir uns doch noch eingebildet, daß wir irgendwie einen anderen Ausgang aus diesem HöhlenSystem erreichen könnten. Irgendwo im Tal. Aber du siehst ja: Es geht immer weiter in die Tiefe. Jetzt schon 1350 Meter unter dem MeeresSpiegel. Das sagt nicht nur der HöhenMesser, das sagen auch unsere Knochen. Also, bis auf die Höhe von Garmisch rauf wären das über zweitausend Meter zu steigen, und bis zum Eingang der Höhle wären es schon 3400 Meter. Ja, und dazu die Schwierigkeiten auf dem Herweg. Es stimmt, wir können nicht mehr zurück. Weder auf das HöllenTalPlatt noch sonstwohin auf die ErdOberFläche."

"Du meinst, wir haben keine Hoffnung mehr?"

"So würde ich das nicht sagen. Kommt drauf an, was uns am Ende dieses Weges erwartet. Wir denken immer - oder ich denke jedenfalls so - daß der gute Zustand dieses Weges darauf hindeutet, daß dieses alles erst in jüngster Zeit erbaut worden ist. Sieh diese Seile an! Wie hat man angefangen, diese Brücke zu bauen? Zunächst gab es ja keine Brücke - wie überwindet man dann diesen Abgrund? Irene, da ist mehr dahinter als sich unsere Geologen und unsere Historiker träumen lassen. Die haben da in jüngster Zeit irgend etwas übersehen. - Oder auch in nicht so jüngster Zeit. Vielleicht gibt es hier wenig Veränderungen. Die trockene Luft - diese Seile können auch Jahrhunderte alt sein. Jahrtausende."

"Ja und?"

"Ich möchte nur, daß wir, daß du genau weißt, auf was für ein zweifelhaftes Unternehmen wir uns da eingelassen haben."

"Ist mir längst klar."

"Und du gehst weiter mit?"

"Was soll ich denn sonst tun? Ich geh mit meinem Mann. Bis zum Ende. Bis ans Ende der Welt, wenn es sein muß! Das habe ich mal dem BürgerMeister in Aying gesagt!"

"Mmhpf. Der war daran ja auch nicht besonders interessiert. - Also dir ist klar, daß wir alles auf eine Karte setzen? Die Karte, daß am Ende des Weges etwas ist, was uns nützt, zu überleben und vielleicht wieder zurückzukommen? Vielleicht ist es aber auch wirklich das Ende der Welt."

"Das ist mir alles klar. Habe ich schon gesagt."

"Gut."

Eine Weile Stille.

"Bei den sechs Broten, die wir noch haben, hast du für heute abend keine mehr eingeplant?" fragt Irene ganz plötzlich.

"Ne. Eigentlich nicht. Sind drei Brote pro Nase für heute denn nicht genug?"

"Ich habe Hunger. Außerdem bin ich glockenwach."

"Willst du damit sagen," frage ich, "daß, wenn während unseres Essens das Licht nicht dunkler wird, wir gleich wagen könnten, diese Brücke zu begehen?"

"Morgens komme ich immer so langsam in Gang!" gibt Irene zu bedenken.

"Das ist ein Argument!"

Das Brot wird ausgepackt, und es gibt eine Mahlzeit. Vielleicht eine HenkersMahlzeit. Allerdings gehen wir davon nicht aus, denn sonst würden wir gleich alles essen was noch da ist.

Während des Essens werfe ich einen Blick auf den HöhenMesser. Immer noch 1350 Meter. Ich habe die Überlegung angestellt, daß wir, während längerer Zeiten des Aufenthaltes an einem Platz eventuelle DruckSchwankungen feststellen können. Wenn ja, dann wissen wir, daß es noch mehr Verbindungen zur Oberfläche geben muß als die, die wir gekommen sind.

Langsame DruckSchwankungen, also langsames Driften der HöhenAnzeige, habe ich noch nie festgestellt. Jetzt sehe ich aber, daß der Zeiger sich ein kleines bißchen bewegt. nach einer Weile fängt er wieder in GegenRichtung an zu kriechen. Dann wieder zurück. Als ob wir unsere Höhe alle paar Minuten um 25 Meter rauf und runter verändern.

Dafür habe ich keine Erklärung. Ich zeige es Irene, aber sie glaubt nicht, eine Bewegung des Zeigers zu sehen. Ich lasse das Thema auf sich beruhen.

"Da waren's nur noch vier!" zitiere ich, als wir nach dem Essen wieder aufpacken. Es ist halb zehn, und es ist kein bißchen dunkler geworden. Also gehen wir. Ich als erster, natürlich.


        3.3     FehlTritt


Es ist schon eine große Erleichterung, nicht dauernd mit der Lampe herumfuchteln zu müssen. Sonst hätten wir, so ähnlich wie auf dem Alptraum-KletterSteig, immer abwechselnd ein paar Meter gehen müssen, während der andere leuchtet.

Ein paarmal halten wir an. Es ist um so leichter, je weniger verkrampft man geht. Und das müssen wir, da wir ja lange gehen müssen.

Ich zwinge mich, in solchen Pausen in die Tiefe zu schauen. Wir müssen uns ja doch dran gewöhnen, so lang, wie diese HängeBrückenFolge sich noch vor uns hinzieht.

"Wir sind um 21 Uhr losmarschiert, nicht?" fragt Irene.

"Halb zehn ungefähr. Warum?"

"Nur so."

Sonst reden wir wenig. Ich habe im Gebirge immer etwas Angst um Irene, weil sie nicht dieselbe motorische Geschicklichkeit hat wie ich. Eine Ungeschicklichkeit, die ich an mir selbst nur bei großer Müdigkeit beobachte, und die dann sehr lästig ist.

Auch zu Hause ist diese marginale Ungeschicklichkeit bei Irene zu beobachten: Sie stolpert leichter, stößt öfter irgendwo an, läßt Dinge fallen. Das darf alles jetzt nicht sein. Ich hoffe, daß sie gerade das Maß an TodesAngst hat, das sie gerade nicht lähmt, aber immer noch jede Bewegung mitdenken läßt. Und ich hoffe natürlich auch, daß ich selbst auch in diesem Bereich des vorsichtfördernden AngstLevels bleibe.

"Weißt du, woran ich gerade denke?" frage ich.

"Nein." sagt Irene hinter mir.

"An meinen Vater. Als er noch im Dienst war, mußte er, wie alle anderen Lehrer auch, SchulAusflüge machen. Einige davon in die Alpen. Er hat immer erzählt, daß das ein AlpTraum ist, auf so viele undisziplinierte, frisch pupertierende Schüler aufpassen zu müssen. Der sollte uns hier sehen! Hier mit einer SchulKlasse entlang! Stell dir das vor!"

"Herwig, laß das!" protestiert Irene, "Wir sind hier. Das reicht mir!"

Sie stellt es sich also nicht vor. Diplomatisch halte ich den Mund.

Der größte Teil der HängeBrücke ist geschafft, es geht wieder steil bergan. Vor uns wölbt sich der hängende Berg. Je näher wir ihm kommen, desto weniger sehen wir von ihm. Einen Teil seiner FelsOberFläche sehen wir schon genau aus der Nähe. Bald schon kann ich die AufHängung der HängeBrücke erkennen.

Es sieht wie große EisenBügel aus, die in den Fels geschlagen worden sind. Diese tragen ein kurzes, gedrungenes, dickes Seil, das die eigentlichen Seile der Brücken trägt. Die EisenBügel werden durch die HalteSeile genau in der Richtung belastet, in der man auch eine Kraft ansetzen müßte, um sie rauszuziehen. Eine widerliche Vorstellung. Aber unser Gewicht ist gering, im Vergleich zum Gewicht der Brücke, und ich nehme an, daß Irene nicht solche mechanischen Betrachtungen macht.

Diese Konstruktion hat schon so lange gehalten, warum sollte sie ausgerechnet jetzt versagen?

Die Folge der kleineren HängeBrücken läßt sich genauso begehen wie die große, und die AufHängeStellen gleichen sich im wesentlichen auch. Ich staune schon darüber, wie gut diese ganze Anlage in Schuß ist. Sogar bei dem sorgfältig überwachten KletterSteig durch die HöllenTalWand kenne ich eine Stelle, an der das HalteSeil mit einem scharfen Knick durch eine ÖsenStange führt und dort immer wieder aufdröselt. Hält jemand hier diese Anlagen in Ordnung? Oder sind sie für die Ewigkeit gebaut worden?

Mir wäre die letzte Version lieber. GegenVerkehr möchte ich hier keinen haben.

Langsam driften Berge, FelsNadeln, Schluchten und Grate unter uns vorbei. Ich schätze, daß wir uns mit etwa einem Kilometer pro Stunde fortbewegen. Vielleicht auch etwas mehr - wir kommen allmählich in Übung.

Der Blick in die Tiefe wird mir immer vertrauter. Deshalb sehe ich auch als erster etwas Neues:

"Da sind Wolken!"

"Wo?"

"Unter uns! Da, in der Schlucht, die so merkwürdig verdrillte Wände hat, etwas vor uns!"

"Da gucke ich jetzt nicht hin." sagt Irene entschlossen.

"Gutgut," sage ich schnell, "ich behalte es im Auge."

"Behalt lieber im Auge, wo du hintrittst!"

"Natürlich."

Das Gespräch stirbt wieder ab. Aber je weiter wir gehen, desto mehr von dieser WolkenFläche wird sichtbar. Entweder, diese Wolken leuchten selbst, oder das Licht kommt aus einer LichtQuelle unter ihnen. Das läßt sich allerdings überhaupt nicht entscheiden.

Der wechselnde Wind wird stärker. Hauptsächlich bläßt er uns von vorne an. Es ist noch nicht so, daß es beim Gehen stört. Aber die Vorstellung, daß der Wind mit SturmesStärke uns von den Seilen herunter blasen könnte, taucht auf. Ich verdränge sie gleich wieder.

Der hängende Berg zieht sich hin. Er muß so groß sein wie eine hier überkopf aufgehängte BenediktenWand. Allerdings ist sein Scheitel runder als diese, und wir verlieren stetig an Höhe. An Stellen, wo wir den 'Abhängen' dieses Berges nahekommen, sehen wir, daß die eigentliche HöhlenDecke noch hunderte von Metern über uns ist. So abwegig ist der Vergleich mit der kopfgestellten BenediktenWand nicht.

Wir nähern uns einer mächtigen FelsSäule, die wirklich die Höhle in ihrer ganzen Höhe durchmißt. Sie verschwindet in den leuchtenden, wogenden Wolken da unten, und nach oben vereinigt sie sich mit der HöhlenDecke. Soweit die nach oben behinderte Sicht durch den hängenden Berg das zu sehen zuläßt.

Der DurchMesser dieser FelsSäule muß wohl bei zwei Kilometer liegen. Eher mehr. Der Rücken des Hängenden Berges muß kurz vor der FelsSäule irgendwo enden.

Es geht träge vorwärts. Nur langsam verändert sich die Rundung des hängenden Berges zu einer mehr gratigen und unregelmäßigen Form. Die Folge der hängenden Brücken führt jetzt seitlich am hängenden Berg entlang. An der Konstruktion ändert sich aber nichts, nur das wir bald zur Linken eine FelsWand des hängenden Berges, die uns begleitet, haben.

An einer Stelle dieser FelsWand folgt uns für einige hundert Meter ein in den Fels geschlagener Gang von der Art, wie wir ihn schon kennen: Vielleicht einen halben Meter breit und zwei Meter hoch. Offenbar wurden bei der Anlage dieses Weges alternative Konstruktionen gesucht und wieder verworfen. Hoffentlich kommt nicht noch eine Strecke, die wieder als KletterSteig ausgeführt ist, ohne Handseil! Im Moment fühle ich mich mit dieser Konstruktion eigentlich ganz wohl.

Dann denke ich daran, daß ich nichts berufen sollte: Die Erbauer der HängeBrücken könnten ja auch auf die Idee gekommen sein, eine HängeBrücke ohne HandSeile auszuführen - wissen wir, ob sie vielleicht ohne jedes SchwindelGefühl waren oder nicht? - Ich verdränge den Gedanken wieder.

Als ich mich zu genau für die Rudimente des anderen Weges in der FelsWand zur Linken interessiere, passiert es. Irgendwie ist das MaschenGeflecht um das Tretseil an der Stelle, wo ich gerade auftrete, so uneben, daß ich einen Moment den Eindruck habe, ich trete asymmetrisch auf das Seil auf. Reflexartig korrigiere ich. Dabei trete ich richtig ins Leere.

Jetzt geht alles sehr schnell. Durch die kurze Drehung des Körpers dreht sich auch der andere Fuß auf dem TretSeil, außerdem fing er gerade an, entlastet zu werden. Ich knicke im Knie ein, was aber der StandFestigkeit nicht im mindesten hilft, und mit den beiden Händen an den HandSeilen kann ich, so mit ausgestreckten Armen, mein Gewicht nicht halten. Der zweite Fuß rutscht auch vom Tretseil runter, allerdings zur anderen Seite. Hinter mir schreit Irene.

Mit aller Wucht falle ich so auf das Tretseil, daß es mir den Hoden in den Arsch rammt. Der Schmerz ist fürchterlich, instinktiv schließe ich die Beine und bemerke gleichzeitig, daß ich dabei bin, mit dem OberKörper links am TretSeil vorbeizufallen. Ein flüchtiger Eindruck der fernen FelsHänge, die da unten irgendwo in die Wolken eintauchen, huscht durch das Bildfeld. Auch meine Arme schließen sich um das TretSeil, während ich nach links unten rotiere.

Der Schmerz am Hoden ist furchtbar. Da kann man sich noch so oft sagen, daß das erstens keine unbedingt lebenswichtigen Organe sind und daß zweitens diese KörperGegend besonders gut heilt. Reflexartig öffnen sich meine Beine wieder, ohne mein Zutun. Und dann hänge ich nur noch mit den OberArmen um das TretSeil.

"Herwig, mein Gott, Herwig!" schreit Irene in den höchsten Tönen.

"Bleib stehen, bleib, wo du bist!" ächze ich. Eigentlich wollte ich schreien, aber ich erreiche nicht meine übliche LautStärke.

"Bleib stehen. Ich halte mich schon." Ob das wohl gelogen ist? Ich habe den Eindruck, daß das TretSeil sich aus meinen Armen herauswinden will. Wenn ich erst mit langen Armen hänge, dann wird es noch schwerer. Oder auch unmöglich. Mein Gott, tun mir die Eier weh. Egal, ist etwas anderes kaputt? Etwas wichtiges? Blaue Flecke habe ich verschiedene, aber die sollten jetzt nicht stören.

Erster Punkt: Ich muß mit den Beinen wieder das TretSeil umschlingen. Wenigstens mit einem. Und das mit dieser Wunde da unten! Ich versuche, zu schwingen. Wie lästig der Rucksack ist - er zieht nach unten.

Ich strampele mit den Beinen, um herauszukriegen, ob die noch funktionieren. Da treten neben dem Hoden starke Sehnen in das Becken ein, die zum Schließen der Oberschenkel notwendig sind. Ganz besonders sind die notwendig, wenn man etwas mit den Schenkeln einklammern will. Die dürfen jetzt unter keinen Umständen beschädigt sein. Allerdings sollte das bei einem Fall aus dieser geringen Höhe auch nicht geschehen sein.

Nach einigen Mühen, die Irene hilflos verfolgt, schaffe ich es. Ich mußte es einfach schaffen - ich kann Irene nicht zumuten, zuzugucken, wie ich mich vergeblich abmühe. Das ist mir völlig klar: sie kann mir nicht helfen. Sie muß sich ja selbst mit wenigstens einer Hand am HandSeil festhalten. Und mit der anderen hat sie zuwenig Kraft. Weit genug bücken dürfte auch nicht in Frage kommen. Sie würde das GleichGewicht verlieren.

Jetzt, wo ich mit einem Bein über dem TretSeil hänge, wünsche ich mir, schlafen zu können, um das alles hier zu vergessen. Egal, weitermachen. Jetzt muß ich mich auf das TretSeil heraufwinden, um dann sofort durch Absenken beider Beine an beiden Seiten des TretSeils ins GleichGewicht zu kommen.

Das HeraufWinden ist schwer. Irene könnte mir dazu einen Fuß vor die Nase stellen, aber leider steht sie auf der falschen Seite. Ist sie überhaupt noch da? Wieder eine Vision: Sie hat irgendwo helfend zugreifen wollen und ist ausgerutscht, stürzt schon längst in die Tiefe, hat jeden Schrei unterdrückt, um mich nicht zu einer Unachtsamkeit zu veranlassen.

"Irene?"

"Ja?"

"Halt dich bloß fest, ich komm schon klar!"

Sie sagt nichts. Ich komme in die gewünschte Lage. Die Dicke des TretSeiles ist da sehr hilfreich. Allerdings denke ich zu spät daran, daß ich durch das zeitweise Verdrillen des Tretseiles um mehrere Dutzend Winkelgrade Irene in die allergrößten Schwierigkeiten bringen könnte. Zum Glück ist das TretSeil so stark, daß es sich nur um sehr viel kleinere WinkelBeträge verwindet. Nun aufsetzen. Dabei werde ich wieder in das labile GleichGewicht kommen, aber das ist für einen Moment notwendig. Unangenehmer ist schon, daß ich meinen Hoden dabei erneut quetschen muß. Trotzdem kann ich aus der sitzenden Stellung mit einem raschen Griff wieder die HandSeile erreichen. Dann stehe ich auf.

"Gottseidank, Herwig, das ..." setzt Irene an.

"Mir tut alles weh," unterbreche ich, "wir müssen weiter, ja? Ich muß mich irgendwo setzen. Mir ist ganz flau."

Das stimmt, aber ich hätte das auch nicht sagen sollen. Was sollte Irene tun, wenn mir hier schlecht wird? Wir können uns hier nicht festhalten, wenn einer von uns die Kontrolle über seinen eigenen Körper vorübergehend einbüßt.

Langsam gehen wir wieder weiter, Schritt für Schritt. Konzentriert. Angst. Um mich, um Irene. Schmerzen - immer noch das Pochen zwischen den Beinen. Trotzdem: Konzentriert gehen!

Um eine Rundung der FelsWand kommend sehen wir die Säule vor uns in ihrer ganzen Größe. Gleichzeitig sehen wir, wie es weitergeht: Eine freihängende Brücke von der Art wie die ganz am Anfang. Nur ist sie noch größer: Wir müssen über dreihundert Meter überwinden und dabei etwa weitere zweihundert HöhenMeter verlieren.

Wir sehen noch etwas anderes. Das heißt, ich sehe es:

"Irene, halt dich fest!" sage ich, mit künstlich fester Stimme, um unsrere Gedanken etwas von unserer Situation abzulenken, "Da unten ist eine Burg oder eine Stadt!"

"Wo?"

"Die Säule vor uns, ganz unten am linken Rand, aus der WolkenDecke hervorragend!"

Es ist schwer zu erkennen, wegen der großen Höhe über der fraglichen Formation. Aber sie kann nicht natürlichen Ursprungs sein. Der aus dieser Höhe kleine, steile Berg ragt neben der mächtigen Säule aus dem Nebel empor. Er trägt auf seinem engen GipfelPlateau Formationen, die sich eigentlich nur als Gebäude und Mauern deuten lassen.

Außerdem wird dieser Berg mit der mächtigen FelsSäule durch einen Grat verbunden, der teilweise nicht aus den Wolken herausragt. Ich bin nicht sicher, aber es sieht so aus, als ob am burgseitigen Teil dieses Grates sich ein FahrWeg herunterwindet.

Zeichen von Bewohnern kann man nicht erkennen. Kein Feuer, kein Rauch, keine Bewegung. Menschen wären aus dieser Entfernung, also einige tausend Meter und so direkt von oben, sowieso nicht auszumachen.

"Meinst du wirklich, das ist eine Stadt?" fragt Irene. Also hat sie sich überwunden und hingeschaut.

"Es sieht jedenfalls so aus. Wie eine Burg oder eine Stadt. Mehr kann ich nicht sagen. Vielleicht, wenn wir näher kommen. Wenn wir über die Brücke da vorne gehen, dann sind wir fast genau über dieser Stadt. Wir werden sehen."

Wir gehen weiter. Nach einigen hundert Metern kommen wir an die diesseitige AufHängung der HängeBrücke, die, bis auf die Stärke ihrer technischen Ausführung, allen bisherigen BrückenAufHängungen gleicht. Am Anfang ist diese Brücke unangenehm steil, weil sie eine so weite Strecke überspannt. Es muß etwa 50 WinkelGrade abwärts gehen. Ich sehe mich nach Irene um. Wirkt sie schon übermüdet?

"Was ist?"

"Geht's noch?"

"Natürlich."

"Es ist steil."

"Das sehe ich auch."

Na, wenn sie meint. Ich trete auf die Brücke hinaus. Die Schmerzen zwischen den Beinen sind jetzt weitgehend abgeflaut. Das ist gut, denn nun wird es doch wieder etwas knifflig. Das TretSeil ist glücklicherweise gut umflochten. Auf einem blanken StahlSeil könnte man hier nicht gehen.

Irene atmet schwer. Eigentlich ein gutes Zeichen. Schlimmer wäre es, wenn sie übermüdet ihren GehStil der Steilheit der Brücke nicht genug anpassen würde. Ich sage deshalb kein Wort.

Dafür vertreibe ich mir die Zeit, auszurechnen, daß mit jedem Schritt, den wir weitergehen, die Steilheit abnimmt. Im Moment ist die Abnahme ungefähr ein WinkelGrad pro vier Meter. Mit jedem Schritt wird es leichter. Die letzten achtzig Meter der Brücke wird es wieder etwas bergauf gehen. KettenLinie - Cosinus Hyperbolicus. Das ist die Form einer hängenden Kette ohne BiegeSteifigkeit, erinnere ich mich. Helfen tut uns das natürlich gar nicht.

Mit unseren kleinen, konzentrierten Schritten kommen wir langsam vorwärts. Es kommt mir wie eine ganze Stunde vor. Wahrscheinlich ist es das auch. Ich habe keine Zeit, die Aussicht nach unten zu begutachten. Endlich trete ich mit rascheren Schritten vom Ende der Brücke runter. Sekunden später läßt Irene sich neben mir zu Boden gleiten.

Es ist eine kleine PlattForm in den Felsen geschlagen worden, so ähnlich wie die, die wir ganz am Anfang der BrückenStrecke gesehen haben. Vielleicht wurde ein natürlicher FelsVorsprung ausgenutzt, denn sonst hätte beim Bau eher eine kleine Höhle entstehen müssen. Sie ist fast genauso groß und hat einen wunderbar ebenen Boden. Gleich hinter ihrer VorderKante geht es aber kilometerweit senkrecht abwärts, und den hängenden Berg, den wir jetzt von einer tieferen Position umfassender sehen können, kann man nur über diese unmöglich steil werdende Brücke erreichen. Vor Tagen noch hätte ich niemandem, der mir Bilder von dieser Gegend gezeigt hätte, abgenommen, daß wir eine solche Konstruktion besteigen würden. Aber vor Tagen hätte ich die Existenz einer solchen Gegend auch überhaupt nicht geglaubt. Tue ich das jetzt? Vielleicht ist das alles nur ein Traum. 'Life is a dream, a little more coherent than most', heißt es, irgendwo. Einen prinzipiellen, objektiven Unterschied im subjektiven Erleben eines Traumes und der Wirklichkeit gibt es nicht. Vielleicht bis auf starke Schmerzen. Schmerzen träumt man eigentlich nicht. Ist mir jedenfalls noch nie passiert. Aber daß wir, wie die WahnSinnigen, immer weiter in diese AlpTraumWelt hinabsteigen, spricht das nicht für einen Traum?

Zeit und HöhenMesser. Der HöhenMesser meint, daß wir 1900 Meter unter dem MeeresSpiegel sind, und die Uhr sagt, daß es 2 Uhr nach MitterNacht ist - also schon Dienstag. Wir sind zeitlich ganz schön aus dem Tritt geraten. Aber wenigstens haben wir ganz ordentlich etwas geschafft.

"Hier übernachten wir!" stelle ich fest. Ich glaube nicht, daß Irene mir eine andere Wahl gelassen hätte. Wir packen uns und unsere Sachen weit von der AußenKante entfernt an die FelsWand. Die unveränderte Beleuchtung hindert uns nicht, eng aneinandergeklammert einzuschlafen. Zuvor jedoch untersuche ich mich auf Verletzungen. Der Hoden scheint geschwollen, aber die gering gewordenen Schmerzen geben Anlaß zu Optimismus. Erst, als ich keine wesentlichen Verletzungen finde, sondern nur Abschürfungen und HautVerfärbungen, bin ich beruhigt genug, um einzuschlafen.

Noch im HalbSchlaf spüre ich, wie Irene immer wieder zusammenzuckt. Der zweite Teil der Wanderung: Die geträumten Abgründe. Und in die fällt man gelegentlich wirklich rein. Wird mir gleich auch so gehen.

Diese Nacht werde ich wahrscheinlich häufiger zusammenzucken.


        ******** 004. Tag: Dienstag 1995-08-22 ********



        4.1     HöllenLeiter


15 Uhr ist es, als ich aufwache. Das muß man dieser Umgebung lassen: Es gibt wenig Störungen. 'Paradiesische Ruhe' würde man es unter anderen Umständen nennen.

Irene schläft noch. Um meine Gedanken von den vier vermutlich etwas vertrockneten belegten Broten, die noch da sind, abzulenken, erkunde ich ein bißchen die Umgebung. Das bringt die Muskeln auch wieder in das Stadium der Brauchbarkeit, nach den 13 Stunden Schlaf auf dem unebenen, felsigen UnterGrund.

Ich habe schnell rausgefunden, wo es weitergeht: eine senkrechte SteigLeiter nach unten. Es handelt sich um genau dieselbe Konstruktion, die in vielen KletterSteigen der Alpen verwendet wird: Massive EisenBügel, die mit ihren beiden Enden in den Fels eingepaßt sind. Diese hier sind etwa dreißig Zentimeter übereinander angeordnet und jeder Bügel ist etwa ebenso breit. Stabil und zuverlässig sieht es ja aus. Aber man hat einige Kilometer Luft unter dem Arsch, das läßt sich nicht wegdiskutieren! Und wieweit diese Leiter in die Tiefe geht, das läßt sich von hier aus auch nicht ausmachen. Das heißt also, daß wir schlimmstenfalls damit rechnen müssen, daß wir einige tausend Meter darauf absteigen müssen, bis zur nächsten Gelegenheit, wo man mit den Händen wieder einmal etwas anderes machen kann als sich irgendwo festzuhalten.

Arme Irene. Wie kann ich es dir nur ersparen? Noch schläft sie und weiß nichts von der neuen AngstTour. Armer Herwig. Dir würde ich es auch gerne ersparen. Wenigstens kann man sich beim EinStieg von oben in die Leiter am TretSeil der Brücke festhalten. Sonst wäre das Turnen über die Kante doch eine sehr wackelige Angelegenheit.

Je nach Länge der Leiter ist da nicht nur die Gefahr, daß die Nerven nicht mehr mitspielen, sondern auch ganz konkret die Möglichkeit, daß die ArmMuskeln nicht mehr mitmachen. Dieselben haben wir zwar in den letzten Tagen des öfteren geübt, aber wie wir uns im LeiterSteigen über hunderte von Metern machen, das wissen wir nicht. Da ist es auch kein Trost, daß eine Leiter wie diese bloß dem alpinen SchwierigkeitsGrad 1 oder noch weniger entspricht.

Die Burg oder die Stadt zeigt aus dieser Perspektive immer noch keine neuen Einzelheiten und auch nicht die Spur von LebeWesen. Allerdings stelle ich etwas anderes fest: als ich etwas in die Weite gucke, vorbei an anderen FelsSäulen ähnlich der, an der wir uns jetzt befinden, weit in die Höhlen hinein, die sich dem Blick um so weiter öffnen, je tiefer wir kommen, stelle ich fest, daß auf einigen der BergGipfel, die gerade aus den Wolken unter uns ragen, dunkelgrüne Flecken zu kleben scheinen, und ebensolche dort, wo die Säulen, die die Höhle der ganzen Höhe nach durchmessen, die Wolken durchstoßen. Sind das Pflanzen? Sind das gar ganze Wälder? Von hier aus kann man den Unterschied noch nicht feststellen. Wir werden jedenfalls noch einige Kilometer an Höhe verlieren müssen, bevor wir das herauskriegen.

Überhaupt, wenn ich die GrößenOrdnungen jetzt richtig zusammenschätze, dann sehe ich von diesem Platz stellenweise fünfzehn oder zwanzig Kilometer weit. Bei einer Höhle von dieser GrößenOrdnung ist natürlich Wetter zu erwarten, thermodynamisch wahrscheinlich in Gang gesetzt durch die Hitze des ErdInnern. Das erklärt zwar noch nicht das permanente Licht, das aus den Wolken oder von darunter kommt, aber ich kann ja nicht erwarten, daß mir alle Erklärungen nur so zufliegen. Daß wir diese Höhle überhaupt jetzt kennen ist ja schon mehr als jeder andere lebende Mensch weiß. Vermutlich.

Wenn wir irgendwann wieder Zeit haben sollten, in Ruhe nachdenken zu können, dann müßte man mal alle Überlieferungen der Menschheit auf Hinweise auf diese Höhle abklopfen.

Irene rührt sich. Ich bleibe ganz still. Sie soll so lange schlafen wie sie nur irgend kann. Das einzige, das ich ihr noch bieten kann.

Der HöhenMesser zeigt immer noch exakt 1900 Meter Tiefe an. Langfristige DruckSchwankungen scheint es nicht zu geben. Aber ein paarmal glaube ich wieder, ein leichtes Schwanken der Nadel zu erkennen, sogar, als ich das Gerät auf den FelsBoden lege.

"Muß ich schon aufstehen?"

"Nein," sage ich zu einer aus nur einem Auge blinzelnden Irene, "mußt du nicht. Wir haben jede Menge Zeit. Schlaf noch."

Sie bringt es aber nicht fertig, wieder einzuschlafen. Bald schon ist sie bei der MorgenToilette. Soweit man ohne Wasser davon reden kann. Es sieht so aus, als ob sie sich ganz absichtlich nicht dafür interessiert, wie es weitergeht, weil ihr UnterBewußtsein oder ihre Erinnerung an das, was wir von der Brücke aus schon gesehen haben, sie davon abhält.

Zwei der belegten Brote werden ohne Diskussionen verspeist. Nur satt werden wir davon nicht. Und es sind nur noch zwei weitere da.

"Was haben wir sonst noch?" frage ich.

"Äpfel sind schon alle weg. Wasser ..."

"Wasser ist genug da," sage ich, "aus dem Bach, an dem wir vorbeigekommen sind. Nahrung wird knapp, das ist es."

Allmählich interessiert sie sich für die Aussicht.

"Ich habe Spuren von PflanzenWuchs da unten gesehen - wahrscheinlich. Vielleicht bekommen wir da etwas zu essen." Mein dünner Versuch, sie aufzumuntern.

"Ich habe aber jetzt Hunger!"

Eigentlich sollte man bei Kräften sein, wenn man einen solchen KletterSteig angeht wie den, der uns gleich erwartet. Und auch zwei Brote im Magen wären noch nicht soviel, daß das ZusammenZiehen von Blut im Gedärm durch die VerdauungsArbeit in anderen KörperTeilen schon Schwierigkeiten durch BlutMangel macht. Ich stelle fest, ich suche schon Argumente, gleich alles aufzuessen.

"Es sind die letzten zwei Brote, Irene!"

"Ich weiß."

Sie sieht die Stelle an der FelsKante an, hinter der der KletterSteig losgeht. Weiß sie das auch?

"Es wird jetzt grauenhaft." sage ich leise.

"Ich weiß."

"Dann," sage ich, "essen wir diese zwei Brote. Wir werden alle Kräfte brauchen."

Während wir, dicht aneinandergedrängt sitzend, diese Brote essen, denke ich an das, was wir auch alles nicht mehr erleben können, wenn dies unsere letzte MahlZeit sein sollte. Mein Büro in der Firma. Unsere Wohnung. Die langen, einsamen WaldLäufe in den Wäldern um Aying. Meine Bücher, die gelesenen und die ungelesenen. Die Münchner S-Bahn. Die Besoffenen vom OktoberFest, über die man in der S-Bahn in manchen JahresZeiten gelegentlich stolpert. Die unabsichtlichen Versprecher in den TagesThemen und die absichtlichen Ausflüchte von direkt und konkret befragten Politikern. Und, und, und. Was so die Welt ausmacht, in der man lebt.

Aber warum solche Gedanken, wir haben doch schon so viel geschafft? War alles andere einfacher? Der erste KletterSteig, bei dem man sich weder mit den Händen festhalten konnte noch genau wußte, wie tief es nun tatsächlich hinuntergeht. Eigentlich war der ja viel schlimmer. Und auf der Brücke hätten wir uns auch keinen SchwächeAnfall leisten können.

Wir laden auf. "Höchstens zehntausend solche Stufen," sage ich, "mehr können es eigentlich sein, weil wir dann auf das Niveau der Wolken da unten kommen. Wahrscheinlich sind es aber viel weniger - die Erbauer müssen eine Physiologie haben, die der unsrigen ähnlich ist. Ewig lange Leitern zu klettern hat ihnen sicher auch Schwierigkeiten gemacht."

"Erzähl mir nichts von zehntausend Stufen!" Irene wird sauer. Das kommt bei ihr häufiger vor, daß sie auf die Konfrontation mit der Wirklichkeit mit versuchter Verdrängung und schlechter Laune reagiert.

Ich lasse das Thema sein und beginne, auf die Leiter zu steigen. Die Aussicht ignoriere ich von nun an. In der Tat, bei den ersten Stufen das TretSeil der Brücke noch als Griff verwenden zu können erleichtert die Sache ungemein. Auch Irene schafft diese Stelle, während ich, unter ihr stehend, ihr Anweisungen gebe.

Wie gut, daß die RuckSäcke nicht mehr ganz so schwer sind wie zu Beginn des AusFluges. Trotzdem versucht ihr Gewicht, uns von der Leiter abzuhebeln. Ich überlege mir, daß man jetzt eigentlich eine MaximierungsAufgabe zu lösen hätte: Die Kraft des FestHaltens an den EisenSprossen gerade eben so groß halten, daß der Griff sich nicht löst und die UnterArmMuskeln nicht durch überflüssig viel Kraft frühzeitig ermüdet werden.

Allerdings lasse ich durch solche Überlegungen mich nicht von einem festen Griff abbringen. Erstens weiß ich, daß ich, wenn sich Zeichen der MuskelErmüdung zeigen sollten, noch ein paar Übungen aus der Zeit meines KraftTrainings kenne, die die Muskeln wieder geschmeidig machen und weitere Belastung ermöglichen. Zweitens habe ich schon erfahren, daß man sich enorm lange festhalten kann, wenn man nur muß. Das war zum Beispiel so, als ich das erste Mal mit einem Kollegen den KletterSteig in der HöllenTalWand durchstiegen habe. Das war damals meine erste richtige ZugSpitz-Besteigung, und ich war der naiven Ansicht, daß mit der Überwindung des 'Bretts' schon alle Schwierigkeiten vorbei waren. Weit gefehlt, die HöllenTalWand erforderte noch einmal drei Stunden konzentrierte KletterArbeit, auf die ich weder psychisch noch körperlich vorbereitet war. Zu dem ZeitPunkt hatte ich schon seit langem kein KraftTraining mehr gemacht, und die ungewohnte Höhe versetzte mich die ganze Zeit in eine Art leichte Panik. Dem Kollegen, mit dem ich wanderte, ging es nicht anders.

Jedenfalls hielt ich mich die ganze Zeit an dem Seil, das den KletterSteig durch die HöllenTalWand in seiner ganzen Länge nach sichert, zu krampfhaft fest. Trotzdem hatte ich bis zum Schluß nicht das Gefühl, wegen zunehmender Erlahmung der ArmMuskeln loslassen zu müssen. Deshalb nehme ich an, daß ich auch jetzt wenigstens drei Stunden diese Leiter hinabsteigen kann. Drei Stunden, alle drei Sekunden eine Sprosse, das macht einen Kilometer HöhenUnterschied. Wenn der KletterSteig allerdings bis dahin nicht zu Ende ist, dann können es auch zehn Stunden werden, bis wir das Niveau der Wolken erreicht haben. Vielleicht wird in den letzten Stunden nur noch die TodesAngst die Kraft zum FestHalten geben. Vielleicht geht's, vielleicht geht's auch nicht.

Und wie lange wird Irene durchhalten?

Während unseres gleichmäßigen Absteigens habe ich Gelegenheit, die EisenBügel genauer zu betrachten. Sie sind aus einem VierKanteisen mit quadratischem QuerSchnitt mit drei Zentimeter KantenLänge gefertigt. Die Enden des Bügels biegen sich erst nach oben und dann in Richtung Fels, in dem sie in einem millimetergenauen Loch eingepaßt sind. Das ist fast das merkwürdigste: Ein genau quadratisches Loch mit drei Zentimetern Durchmesser und wer weiß welcher Tiefe herzustellen ist nicht einfach. Ein rotierender Bohrer kann es nicht gewesen sein, und auch bei genauem Hinsehen gibt es kein Hinweis, daß eigentlich ein größeres Loch gebohrt wurde und dann mit einer Art Beton oder Mörtel der Bügel eingepaßt wurde.

Allerdings kann ich nicht anhalten, weil sonst Irene mir auf die Finger steigt. Das wäre noch auszuhalten, aber ich will nicht, daß sie vor Schreck losläßt.

Wir steigen lange Zeit weiter ab, ohne ein Wort zu sagen. Konzentrieren, auf jede einzelne Sprosse konzentrieren. Die Idee, die Stufen mitzuzählen, habe ich gleich zu Anfang aufgegeben. Ich will mich lieber auf die Kletterei konzentrieren.

Gelegentlich werfe ich einen Blick in die Höhe, an Irene vorbei. Die Brücke ist gegen die vergleichsweise dunkle HöhlenDecke kaum noch zu erkennen, den Hängenden Berg kann man jetzt auch in seiner vollen Länge sehen, wenn man den Kopf weit in den Nacken legt, was ich jetzt nicht tue.

Die Leiter dreht sich, weil wir die Seite einer vorspringenden Kante erreicht haben. An dieser entlang geht es weiter in die Tiefe. Aus den AugenWinkeln sehe ich unter uns irgendeine neue Formation. Ich sehe nicht genau hin, weil ich mein KletterTempo nicht verändern will. Aber es sieht so aus, als ob wir uns von oben einer PlattForm nähern. Wäre das schön, wenn das wahr wäre!

Es ist wahr. Die FelsWand bildet allmählich eine mehrere Meter durchmessende Rinne, die bald schon Zeichen von künstlicher Bearbeitung zeigt. Dann sind wir nur noch hundertfünfzig Meter über der PlattForm.

Jetzt hat auch Irene etwas gemerkt: "Ist da unten etwas?" ruft sie zu mir herunter.

"Ja. Noch zweihundert Meter, dann haben wir es geschafft." Besser etwas übertreiben.

Ein paar Minuten später ist es soweit. Vorsichtig räuspere ich mich, damit Irene sich nicht erschreckt. Inzwischen hat die PlattForm sich zwar zwischen uns und die Tiefe geschoben, aber auch ein Absturz aus einigen Dutzend Metern Höhe auf einen felsigen UnterGrund ist immer noch fatal, auch wenn es nach der Gewöhnung an hundertfache HöhenUnterschiede nicht mehr gefährlich aussieht.

"Noch zwanzig Meter," sage ich, "langsam!"

Fast zwei Minuten später stehe ich auf ebenen FelsBoden. Als Irene neben mir die letzten Sprossen heruntersteigt, zuckt sie einen Moment zusammen, als sie mich hinter ihr bemerkt. Bis vor kurzem hätte ich, um diese relative Position einzunehmen, hinter ihr in der Luft schweben müssen.

"Hinsetzen! Ausruhen!" befehle ich. Das darf ich, weil sie genau das sowieso vorhat. Ich selbst will mich erstmal orientieren.


        4.2     Fahrweg


2400 Meter Tiefe, sagt der HöhenMesser, und einige Minuten vor 19 Uhr, sagt die Uhr. Wir waren etwa zwei Stunden auf der Leiter und haben 500 Meter überwunden.

Die PlattForm ist groß, etwa zehn Meter im DurchMesser, und sie liegt in einer entsprechend großen Höhle, die offenbar genau für diesen Zweck in den Fels geschlagen ist.

Zum Abgrund hin ist sie von einer mit Zinnen bewehrten Mauer begrenzt. Auch diese Mauer ist aus dem Fels herausgearbeitet worden. Sie ist etwa dreißig Zentimeter dick, zwischen den Zinnen dreißig Zentimeter hoch, an den Zinnen sind es sechzig Zentimeter. Sowohl die Zinnen als auch die Lücken dazwischen sind dreißig Zentimeter breit. Allmählich fällt mir auf, daß das Längenmaß dreißig Zentimeter häufig auftaucht - der KletterSteig war auch in ganzzahligen Vielfachen dieser Maße konstruiert. Ich erinnere mich an die alte LängenMaßEinheit 'Fuß'. Das ist ungefähr genauso viel. Ob da ein Zusammenhang ist?

Wenn man vor der Mauer steht und hinaus in die Tiefe schaut, dann ist der KletterSteig, auf dem wir hierher gekommen sind, zur Linken. Zur Rechten öffnet sich in der Wand dieser Höhlung ein Loch von drei Metern Breite und drei Metern Höhe.

"Ein FahrWeg!" sagte ich, "guck es dir an!"

"Na und?" fragt Irene.

"Na und? das heißt, keine Klettereien mehr!"

Das ist jedenfalls eine plausible Vermutung. Der FahrWeg geht allerdings steil nach unten, gerade noch, daß ein FußGänger keine Stufen braucht. Und der Boden ist auch nicht direkt eben zu nennen, was allerdings für einen FußGänger, der aufpaßt, wo er die Füße hinsetzt, wieder ein deutlicher Vorteil ist, weil er immer Stellen finden kann, die weniger abschüssig sind als das durchschnittliche Gefälle des FahrWeges. Mit einem GeländeFahrzeug könnte man diesen Weg durchaus befahren, wenn auch langsam und vorsichtig. Ein normaler PKW würde wohl schon bald auseinanderfallen.

Der FahrWeg führt nicht ins Dunkle. Man sieht in etwa achtzig oder hundert Metern Entfernung ein großes Loch in der FelsWand, das wieder Licht von außen hereinläßt. Dieses Loch ist auch mit einer ZinnenMauer gegen den Abgrund bewehrt. Zweihundert Meter weiter ist noch so ein Loch, und noch weiter hinten läßt ein LichtSchein weitere solche Löcher vermuten. Allerdings kann man soweit nicht mehr sehen, weil der Tunnel des FahrWeges sich biegt. Offenbar ist der Fahrweg ständig in einem Tunnel, der nur wenige Meter von der AußenWand entfernt durch den Fels führt.

Vorsichtig beuge ich mich über die ZinneWand vor der PlattForm. Fast genau unter uns, aber immer noch schwindelerregend tief, sieht man immer noch die Burg. Es sind kaum mehr Einzelheiten sichtbar, und immer noch bewegt sich nichts.

Der VerbindungsGrat zu unserer FelsSäule ist jetzt vollständig unter den Wolken verschwunden, als ob die OberGrenze der Wolken angestiegen ist. Sonst hat sich nichts verändert.

In der Höhe, hinter dem Hängenden Berg, kann man jetzt den Grat erkennen, wo die Brücke begann. Von der Brücke selber ist dort nichts mehr zu sehen - auf die Entfernung heben sich die Seile nicht mehr von dem dunklen, felsigen HinterGrund ab, wenn man nicht genau weiß, wo man hinschauen muß. Was man dafür jetzt allerdings gut überblicken kann ist die endlose Länge des Steilabfalles unter dem GratEnde, wo die Brücke ihren Ausgang nimmt.

"Ich denke, wir werden jetzt rasch vorwärts kommen. Dann finden wir vielleicht auch bald etwas zu essen!" sage ich, um Irene aufzumuntern. Das mit dem 'zu essen finden' ist eine taktische Vermutung. Aber sie wirkt. Irene blickt sich jetzt aufmerksamer um, allerdings noch ohne aufzustehen.

"Das sieht ja aus wie eine Burg!" sagt sie und deutet auf die Zinnen.

"Ja," sage ich, "aber wohl zu einem anderen Zweck. Zinnen auf einer mittelalterlichen Burg, zum Beispiel, waren DeckungsMöglichkeiten für BogenSchützen. Aber wer sollte hier von da draußen angreifen? Da müßte man fliegen können! Und warum sollte man diesen Platz angreifen?"

"Vielleicht können sie fliegen?"

Da hat sie nun auch wieder recht. Was wissen wir über die LebeWesen in dieser UnterWelt? Wir haben ja noch gar keine zu Gesicht bekommen. Vielleicht sollte ich nicht so viele Erklärungen über Dinge, die ich selbst nur mehr oder weniger plausibel vermuten kann, geben - aber die Aussicht, von jetzt an vergleichsweise bequem marschieren zu können heitert mich auf.

"Auf, den reich gedeckten Tischen entgegen - wenn es denn da unten irgendwo welche gibt." Das sage ich nicht ganz selbstlos, weil ich auch schon wieder einen Knoten im Magen spüre. Ich weiß, daß ich viel MagenSäure habe. Das macht sich unangenehm bemerkbar, wenn nichts drin ist im Magen.

Irene steht endlich auf, und wir marschieren los, den Fahrweg hinab. Einen anderen Weg gibt es ja nicht. Aber es ist köstlich, sich bewegen zu können, ohne nicht in jeder Sekunde von einem Absturz in endlose Tiefen bedroht zu sein.

Der FahrWeg ist so, wie er am Anfang ausgesehen hat: steil, holprig, und alle hundert Meter ein drei Meter durchmessendes Loch in der Wand. An diesen Stellen sieht man, daß immer etwa zwei Meter Fels zwischen der Wand des FahrWegTunnels und der AußenWand der FelsSäule sind.

Die LichtMenge, das durch diese Löcher hereinfällt, ist nicht übertrieben reichhaltig. Zwischen den Löchern muß man die Unebenheiten des FahrWeges schon mehr erraten als sehen, und man tut gut daran, nicht durch die Löcher, wenn man eines passiert, hinauszusehen, damit man nicht wieder für einige Dutzend Meter geblendet ist.

Nach vielleicht siebenhundert Metern Marsch kommen wir an eine Kehre, und von da an sind die Öffnungen nicht mehr zur Linken, sondern zur Rechten des FahrWeges. Nach noch einem Kilometer gibt es wieder eine Kehre.

Wir kommen gut voran, abgesehen von gelegentlichem Stolpern in den dunkleren Abschnitten des TunnelFahrWeges zwischen den Fenstern. Dann erreichen wir einen StreckenAbschnitt von einigen hundert Metern, wo der FahrWeg völlig im Freien ist. Auf einer Seite gehen die Felsen senkrecht oder sogar leicht überhängend hoch, und auf der anderen Seite, hinter der Zinnenmauer, senkrecht nach unten.

Um 21 Uhr sind wir in einer Tiefe von 3200 Metern. Wir passieren eine Stelle, wo der FahrWeg sich aus unbekannten Gründen zu einer PlattForm von zehn Metern Breite und vierzig Metern Länge ausweitet. Diese PlattForm ist auch völlig eben. Danach ist der FahrWeg so steil wie vorher.

Mangels anderer Alternativen marschieren wir weiter. Das geht jetzt eigentlich gut und schnell. Um 23 Uhr erreichen wir eine Tiefe von 4000 Metern. Das heißt, der HöhenMesser hat sich jetzt einmal überschlagen. Das muß man in Zukunft beim Ablesen berücksichtigen.


        ******** 005. Tag: Mittwoch 1995-08-23 ********



        5.1     Die Tote Stadt


Mitternacht. 4400 Meter Tiefe. Wir sind an einer längeren, offenen Stelle des FahrWeges angekommen. Nach jetzt fünf Stunden Marsch, in denen wir weitere 2000 Meter abgestiegen sind, haben wir uns eine hungrige RuhePause verdient. Wir setzen uns in die ZinnenLücken der AußenMauer.

Die verlassene Stadt ist jetzt genauer und aus einer besseren Perspektive zu sehen. Der spitze Felsen, auf dem sie steht, dürfte etwa einen DurchMesser von bloß 200 Metern haben, und er befindet sich in einer Entfernung von etwa dreihundert Metern von unserer FelsSäule. Die Gebäude der Stadt oder der Burg sind eng und hoch gebaut, die Gassen zwischen den Gebäuden so schmal, daß man von unserer Position nicht mehr alle einsehen kann.

Die Gebäude haben Fenster, wie man das eigentlich auch erwartet. Allerdings scheinen die Fenster sehr unregelmäßig in die Mauern eingebrochen worden zu sein. Jedenfalls kann man von außerhalb eines Gebäudes nicht auf eine eventuelle systematische StockwerkStruktur schließen.

"Eigentlich," sage ich, "dachte ich daran, diese Burg zu inspizieren. Aber jetzt denke ich, daß wir uns erstmal um etwas zu Futtern kümmern sollten."

Irene nickt Zustimmung.

"Außerdem," fahre ich fort, "haben wir in dem Punkt vielleicht sowieso keine Wahl. Wir gehen dahin, wo dieser Weg uns hinführt."

Irene nickt wieder. Mal sehen, ob wir das noch ein drittes Mal zustande bringen.

"Am besten, wir brechen alsbald wieder auf."

Die Zustimmung fällt dieses Mal nicht so deutlich aus. Eigentlich kann man sagen, daß die Zustimmung sogar ganz ausfällt.

"Irgendwann müssen wir weiter." gebe ich zu bedenken.

"Aber ein paar Minuten können wir doch noch sitzen bleiben!" bittet Irene.

"Natürlich." Solange es nur diese Bitte ist. Die kann man immer noch erfüllen. Aber was ist, wenn sie mich wider besseres Wissen um etwas zu Essen bittet, oder ich sie? Wenn wir uns anschreien, weil wir keine Brote auf der flachen Hand wachsen lassen können? Und wenn wir dann sogar zum Anschreien zu schwach sind?

Egal. Ich habe Vegetation gesehen. Rede ich mir ein. Organische Materie. Irgendwas kann man verdauen, und wenn es Gras, Moos oder BaumRinde ist. Der Mensch ist ein AllesFresser. Wenn es hier Leben gibt, dann werden wir essen. Es ist nur eben die Frage, ob wir eher etwas Giftiges oder etwas Nahrhaftes finden.

Ich erinnere mich an alte Geschichten von Menschen in der ZwangsSituation des Hungers. Fragmente eines alten Liedes kommen mir in den Sinn:


        Man warf das Los, um festzustellen,
        Wen man am besten schlachtete ...

        Das Los fiel auf den kleinen Moses,
        Der fing gleich an mit Ach und Jeh.

Der Mensch, reduziert auf seine Rolle als Kalorien- und Protein-Depot. Eine andere Geschichte von John Wyndham: Survival. Eine hoffnungslose Notsituation auf einem RaumSchiff, das havariert um den Mars kreist. Ich erinnere mich: Als die Rettung nach Jahren eintrifft, ist nur noch eine Frau mit ihrem Baby am Leben. Die Retter finden abgenagte, menschliche Knochen, die durch die Räume des Schiffes treiben ...

Soweit sind wir noch nicht. Hungern kann man wochenlang. Wenn es sein muß. Und wir werden vorher etwas finden.

Die Minuten vergehen. Es ist im Moment völlig windstill. Ich glaube ein paarmal, fernen Donner zu hören, der an- und abschwillt. Außerdem ist da plötzlich ein langgezogener, klagender Schrei, der aus großer Ferne ganz schwach zu uns dringt. Ich sehe Irene an. Hat sie es gehört? Sie läßt es nicht erkennen, und ich horche weiter. Mir ist, als sei da immer ein flacher, fast lautloser HinterGrund von Stimmen, Schreien, Kreischen. Oder ist es in meinen Ohren? Das Blut in den Gefäßen des Kopfes, die aktivierten Neuronen, die die schwächsten Signale auswerten sollen - vielleicht nimmt man dan Signale wahr, die gar nicht da sind, oder Signalem die objektiv die HörSchwelle nicht überschreiten.

Die Pause dauert fast eine Stunde. Um 1 Uhr machen wir uns wieder auf den Weg.

Nun ändert sich etwas. Die bisher über Tausende von Metern völlig steilen Wände der FelsSäule flachen geringfügig ab. Das hat zur Folge, daß von nun an der FahrWeg praktisch ständig nicht mehr in einem Tunnel, sondern außen wie eine normale Straße in den Bergen am Hang geführt wird. Zum Marschieren ist das wegen der besseren Beleuchtung auch angenehmer. Nur an den Kehren des FahrWeges, die wir schon längst nicht mehr mitzählen, sind gelegentlich noch kurze TunnelStücke gebaut worden.

Um 2 Uhr erreichen wir in 4800 Metern Tiefe die Höhe der höchsten Gebäude der Stadt. Die Perspektive, die sich nun von Minute zu Minute ändert, bringt leider keine neuen Erkenntnisse. Immer noch sieht die Stadt völlig tot aus, auch, wenn wir nun und schon seit einiger Zeit das Gefühl haben, beobachtet zu werden. Das hat man in einer solchen Situation wohl immer. Ich erinnere mich an unseren Urlaub auf Lanzarote, wo wir an verlassenen städtebaulichen Projekten vorbeigekommen sind. Da war zum Beispiel das 'Atlante del Sol'-Projekt, ein großer RohBauKomplex an der SüdWestKüste der Insel, der wohl eigentlich einmal eine HotelAnlage werden sollte. Überall sah man Zeichen des Verfalls, aber auch Zeichen einer vorübergehenden Nutzung durch Menschen, die sich in den unteren Räumen eine provisorische Unterkunft gebaut hatten. Wir hatten keine Menschen gesehen. Aber auch dort haben wir uns überall beobachtet gefühlt.

Ich inspiziere den Grat zwischen der Stadt und uns genauer. Der stark gewundene FahrWeg drüben, der ebenfalls an fast senkrechten FelsWänden unter der Stadt gebaut worden ist, verschwindet nach unten in der Wolkenoberfläche. Wir wissen nicht, ob es sich um unseren FahrWeg handelt, oder ob er von dem unserem abzweigt, oder ob es eventuell überhaupt keine Verbindung zwischen unserem und jenem Weg dort gibt. Auf jeden Fall ist der Grat zwischen der Stadt und unserer FelsSäule immer noch weit unter der WolkenOberGrenze - es sieht so aus, als müßte man, um die Stadt zu verlassen, wenigstens fünfhundert HöhenMeter opfern.

Seit geraumer Zeit ist die Stadt nun zu unserer Linken. Es gibt keine Kehren mehr, und so fällt die Stadt allmählich deutlich hinter uns zurück. Jetzt, wo ihre Zinnen und Türme uns um einiges überragen, sieht sie bedrohlicher aus als vorher. Aber es gibt nach wie vor keine Anzeichen irgendeines LebeWesens.


        5.2     NahrungsSuche und ÄtzBeeren


Unser FahrWeg führt uns jetzt also im UhrZeigerSinn um unsere FelsSäule herum. Es ist, als ob wir uns auf ein weißes, wogendes Meer zu bewegen.

Kurz nach 2 Uhr entdecke ich einen dunkelgrünen Fleck am WegesRand.

"Sieh mal!" rufe ich Irene zu, "Was meinst du: ist das Moos? Oder irgendeine Flechte?"

Unsere Kenntnisse in Biologie sind leider nicht so grundlegend, daß wir das beantworten könnten. Aber es ist etwas Lebendes, da bin ich sicher. Schon nach kurzer Zeit mehren sich diese Flechten.

Außerdem hören wir nun definitiv das Kreischen von Vögeln, auch, wenn wir noch keine sehen. Es wird um so lauter, je weiter wir kommen.

Um 2:30 Uhr erreichen wir eine Tiefe von 5000 Metern. Die OberGrenze der Wolken ist erreicht. NebelSchwaden fliegen an uns vorbei, dichter und dichter. Nach einigen Minuten ist die AusSicht verschwunden. Nun könnte dieses eine FahrWeg irgendwo auf der OberFläche der Erde sein, während eines nebeligen Tages.

Die Luft wird feucht. Genaugenommen wird es schwül. Außerdem wird der Felsen immer flacher, und die ArtenVielfalt des PflanzenWuchses nimmt rasch zu. Moose, Grase, gelegentlich sogar kleine Büsche. Dann, als der FelsenBoden in einen erdbedeckten Hang übergeht, sind wir innerhalb weniger Dutzend Meter vollständig in der VegetationsZone. Auch die ZinnenMauer zum AußenHang, die den Weg bis jetzt begleitet hat - seit einigen hundert Metern schon gemauert und nicht mehr aus dem Fels herausgeschlagen - verschwindet. Dafür gibt es jetzt rechts und links des Weges zugewachsene Gräben, und der Weg wird ebener und leichter zu begehen. Er ist jetzt mit SteinPlatten belegt. Wäre er das nicht, dann wäre er wohl auch schon zugewachsen. Zwischen den Ritzen der SteinPlatten drängen sich kraut- und grasartige Pflanzen heraus. Nichts deutet darauf hin, daß dieser Weg häufig benutzt wird. Aber sollte ein solcher Weg trotz dieser SteinPlatten nicht eigentlich wenigstens dann vollständig zuwachsen, wenn er überhaupt nicht benutzt wird?

Wir sehen uns in dem uns nun umgebenden BuschWerk um. Keine Pflanze, die uns bekannt wäre. Büsche, vereinzelte Bäume, Farben und Formen, alles ist fremdartig. Wir sehen uns das alles unter dem Aspekt 'eßbar' oder nicht an. Das ist allerdings bei einer völlig fremden Vegetation schwierig. Das ist ja fast so, als ob man auf einem anderen Kontinent oder sogar auf einem anderen Planeten gelandet wäre.

Die Beleuchtung entspricht jetzt, wo wir uns in Wolken und Nebel befinden, ungefähr einem nebeltrüben Tag auf der ErdOberFläche. Das allgemeine Licht ist also grau. Trotzdem erscheinen die Farben fremdartig, und ich spekuliere darüber, ob in dieser Vegetation statt des Chlorophylls etwas anderes verwendet wird. Wenn sich die BioChemie dieser Pflanzen von der unseren aber deutlich unterscheidet, dann wird es mit der Ernährung schwierig.

Da das knietiefe Dickicht zu beiden Seiten der Straße allmählich unwegsam wird, beschränken wir uns auf die Inspizierung der Pflanzen, die wir von der Straße aus erreichen können. Schließlich findet Irene eine Staude mit pflaumengroßen, roten Beeren. Wir haben schon einige andere Früchte gesehen, die möglicherweise Kalorien versprachen, aber die hatten alle eine unappetitliche Farbe oder eine zähe, ungenießbare Konsistenz. Diese Beeren sind das erste, was nicht schon optisch abstoßend aussieht.

"Wer wagt es?" frage ich. Rhetorische Frage. Ich natürlich. Vorsichtig versuche ich, eine dieser Beeren zu lösen. Dabei platzt sie. Ein klebriger Saft läuft mir über die Finger und ein übler Geruch hüllt uns momentan ein. Das wäre nicht das schlimmste: Der Saft fängt an, auf der Haut wie eine Säure zu brennen.

"Scheiße. Das tut weh. Irene, hilf mir! Nein, faß das nicht an!"

Ich versuche, den Saft an Blättern anderer Pflanzen abzuwischen. Das gelingt, aber das brennende Gefühl verschwindet nicht restlos. Mit viel Speichel kann ich wenigstens wieder die Illusion einer relativen Sauberkeit schaffen. Die HautOberFläche meiner Hände verändert sich nicht. Ich kann nur hoffen, daß das Erlebnis keine bleibenden Folgen hat.


        5.3     Begegnung mit der VorZeit


Wir suchen weiter. Das Gelände wir immer ebener. Zu diesem ZeitPunkt weist nichts mehr darauf hin, daß sich in der Nähe Gelegenheit zu extremen FelsKlettereien bietet. Auf diese können wir aber gut verzichten.

Unsere MarschRichtung ist laut Kompaß ungefähr Nord. Der Weg schlängelt sich, ohne daß zu erkennen wäre, welchen geographischen Hindernissen er ausweicht. Mehr als etwa fünfzig bis hundert Meter des Weges in beiden Richtungen können wir sowieso wegen des Nebels nicht überblicken. Deshalb kommen wir auch ziemlich überraschend an den See. Es ist jetzt 5 Uhr Morgens. Ich denke, wir könnten bald wieder Schlaf vertragen.

Der See scheint kreisrund und flach zu sein. Sein DurchMesser ist annähernd zweihundert Meter, wie wir nur kurzzeitig durch einige NebelLücken sehen können. Die meiste Zeit aber entzieht der treibende Nebel das gegenüberliegende Ufer unseren Blicken. Deshalb ist auch nicht restlos auszuschließen, daß der See nur die Bucht eines größeren Sees sein könnte.

Der Weg folgt dem Ufer für vielleicht fünfzig Meter und verläßt ihn dann wieder.

"TrinkWasser oder nicht?" denke ich laut nach, "Wir haben noch. Wir brauchen kein überflüssiges Risiko einzugehen!"

Irene sagt nichts, und ich gehe erst einmal daran, meine Hände in dem SeeWasser von den letzten Resten des ätzenden BeerenSaftes zu waschen. Dann kühle ich mir die Stirn. Das Wasser ist warm, und ich denke daran, daß man sich hier eventuell etwas länger aufhalten könnte, um wieder zu Kräften zu kommen. Außerdem MÜSSEN wir uns mit der Vegetation weiter vertraut machen, wegen des NahrungsProblems.

Irene hat sich auch an das Ufer gesetzt. Sie zieht Schuhe und Socken aus und stellt ihre Füße ins Wasser. Damit bietet sich für mich an, für einen TrinkWasserTest einige Dutzend Meter weiter am Ufer entlang zu gehen. Die Idee, sich einmal wieder gründlich zu säubern ist aber an sich nicht schlecht.

Irene strammpelt mit den Füßen und erzeugt lautstarkes Platschen. Schaum und Spritzer sehen ganz gewöhnlich aus, wie bei ganz normalem Wasser eben. Wie beruhigend, nach der Erfahrung mit dem BeerenSaft.

Dann rauscht und braust es draußen auf dem See für einige Sekunden auf. Wir verfallen sofort in absolute Bewegungslosigkeit. Im Moment ist der Nebel wieder so dicht, daß die Sicht nicht weiter als fünfzig Meter reicht. Man kann hinter der grauen Wand über dem Wasser nichts, aber auch gar nichts erkennen. Was wir aber gut erkennen können sind die Wellen, die nach wenigen Sekunden aus der Richtung dieses Brausens kommen. Weitaus höhere Wellen als die, die wir hier am Ufer selbst verursacht haben. Das ist überhaupt nicht mehr beruhigend.

"Leise!" flüstere ich. "Das könnte ein großes Tier sein!"

Es rauscht und platscht wieder, wenn auch schwächer. Dann rülpst es. Einen solchen Rülpser habe ich aber noch nie gehört. Ein sonorer Baß, voluminös, laut und langgezogen. In einschlägigen Kreisen und unter anderen Umständen würde man das als 'opernfähig' bezeichnen. Wir sehen uns an.

"Herwig, ich will hier weg!" sagt Irene. Sie zieht schon wieder ihre Socken und Schuhe an.

"Sei leise! Es hat uns vielleicht noch gar nicht bemerkt!" sage ich.

Einen Moment lang wird der Nebel wieder durchlässiger. Fast könnte man wieder eine Blick auf das gegenüberliegende Ufer erhaschen. Aber nur fast. Was ich schemenhaft sehe, und was vorher nicht dagewesen ist, ist eine kleine Insel, neben der ein seltsam gebogener, gedrungener BaumStamm aus dem Wasser ragt. Der obere Teil des BaumStammes ist fast horizontal von der Insel weggebogen. Er hat überall einen konstanten DurchMesser. Dann zieht sich der Nebel wieder zu, ehe ich mehr sehen kann. Ich glaube aber noch erkennen zu können, daß der dicke BaumStamm leicht schwankte.

"Das erinnert mich an etwas. Bist du fertig?" flüstere ich. Laut schwappt das Wasser ans Ufer, nicht nur hier, sondern rund um den See. Eine willkommene GeräuschKulisse, wenn wir uns jetzt davonmachen wollen.

Wir haben aufgepackt und wollen losmarschieren. Dann schlägt Murphy zu: Eine große NebelLücke öffnet den Blick bis auf das gegenüberliegende Ufer. Von einer Sekunde zur anderen sehen wir es und es sieht uns. Wie angenagelt bleiben wir stehen.

"Beweg dich nicht!" flüstere ich. Irene bewegt sich nicht. Ich auch nicht. Das Vieh auch nicht. Noch nicht.

BrontoSaurus. Oder ApatoSaurus. Oder BrachioSaurus. Oder SeismoSaurus. Oder UltraSaurus. Wie im BilderBuch. Oder im LehrBuch für PaläoBiologie. Der größte Teil seines Körpers ist noch unter Wasser. Wir sehen nur den Rücken und den gebogenen Hals. Von uns aus gesehen sieht es nach links, das heißt, es hält wenigstens den Kopf in diese Richtung. Wahrscheinlicher ist aber, daß es kein stereographisches Sehen beherrscht und dafür fast 360 Grad rundherum sehen kann. Die kleinen Augen liegen jedenfalls ziemlich weit seitlich an dem in Vergleich mit dem übrigen Körper kleinen aber absolut gesehen PKW-großen Kopf.

"Es hat uns noch nicht gesehen!" vermute ich. Ob Irene mir glaubt oder nicht weiß ich nicht. Was weiß ich über BrontoSaurier? Nicht viel: So groß und schwer, daß man eine ganze Zeitlang geglaubt hat, daß sie sich entweder die meiste Zeit oder sogar immer in flachem Wasser aufhalten müssen. Aus welchen Gründen diese Meinung revidiert wurde, weiß ich nicht. Er hat eine Art ZweitGehirn im Rücken, wegen der weiten Entfernung zum Kopf. PflanzenFresser. Wahrscheinlich bemerkenswert unintelligent. Vielleicht sind diese Erkenntnisse auch schon wieder überholt. Ich weiß es nicht.

Außerdem ist dieses Vieh hier zu groß, meiner Meinung nach. BrontoSaurier sind groß, aber doch nicht so groß!

"Wenn der Nebel wieder kommt, hauen wir ab!" schlägt Irene vor. Gute Idee. Müßte gleich soweit sein. Vor wenigen Minuten war doch dauernd dichter Nebel.

"Hast du nicht deine Kamera mit?" frage ich leise.

"Du spinnst wohl!"

Jetzt weiß ich es. Na gut, im Moment ist Fotografieren wahrscheinlich nicht mit ihrem GemütsZustand vereinbar, selbst, wenn sie die Kamera mithaben sollte. Wir hätten ja schon einige sensationelle Aufnahmen machen können, von den HängeBrücken, dem langen KletterSteig, der toten Stadt, und jetzt dies hier. All das hat aber nur Sinn, wenn wir jemals zurückkommen sollten. Selbst wenn wir die Kamera mithaben sollten, ich weiß nicht, wo sie verpackt ist.

Also keinen SchnappSchuß von dem Saurier. Schade. Wahrscheinlich ist es völlig ungefährlich. Die einzige Gefahr, die von einem BrontoSaurier oder einem Exemplar einer verwandten Gattung ausgeht ist die, daß er auf einen drauftreten könnte, wenn man ihm zufällig im Wege steht. Jedenfalls beruhige ich mich jetzt innerlich mit dieser AusSage. Oder ist es nur eine Vermutung? Was können die PaläoBiologen schon herausgebracht haben über die VerhaltensWeise von BrontoSauriern? Bloß, weil BrontoSaurus nicht so ein abartig effektives Gebiß wie TyrannoSaurus Rex hat, heißt das noch lange nicht, daß er auch wirklich einen netten Charakter hat. Andererseits - Elefanten sind auch groß, und die haben einen - weitgehend - netten Charakter. Welche Schlüsse sollen wir ziehen?

Der Nebel wird wieder dichter. Wir haben Glück.

"Gleich können wir weiter!" flüstere ich. Da dreht das riesige Tier langsam den Kopf in unsere Richtung. Dort, wo der Hals die WasserLinie trifft, bildet sich eine BugWelle. Es bewegt sich!

Nur einige Sekunden später ist es durch den Nebel unserem Blick wieder entzogen. Aber das Rauschen und Platschen aus der Mitte des Sees deutet an, daß sich der Saurier tatsächlich in Bewegung gesetzt hat. Die Geräusche kommen langsam näher. In welche Richtung sollten wir uns jetzt davon machen? Keiner von uns trifft eine Entscheidung, und so bleiben wir erst einmal stehen. Die Sekunden vergehen.

Dann taucht der Kopf wieder auf, in fünfzig Meter Entfernung und in etwa dreizehn Metern Höhe. Es kommt geradewegs auf uns zu, und es will hier an Land steigen!

Seine Bewegungen und seine Geschwindigkeit sind zäh und langsam. Jeder FußGänger ist schneller, geschweige denn ein Läufer. Wir laufen einige Schritte. Währenddessen sehe ich das Tier über die Schulter an. Es verändert seine MarschRichtung überhaupt nicht.

"Halt an!" rufe ich. Wir sehen beide zu, wie sich das Tier der UferStelle nähert, an der wir eben noch gestanden haben. Immer mehr von seinem Körper hebt sich aus dem Wasser. Ich habe kaum geglaubt, daß das geht, aber es wird tatsächlich noch langsamer!

"Es nimmt uns gar nicht zur Kenntnis!" vermute ich.

Waren wir der Grund, aus dem es diese UferStelle angesteuert hat? Jedenfalls scheint es mit unseren kleinen Positionswechsel intellektuell schon restlos überfordert zu sein. Mühsam steigt es an Land. Seine Schritte frieren zeitlupenartig ein. Der Boden zittert leicht. Dann kommt es zum Stehen. Nur die WellenFronten auf dem See zeigen noch, daß es sich überhaupt bewegt hat.

Es sieht wirklich so aus, wie man sich einen BrontoSaurier gemeinhin vorstellt, nur eben viel größer. Allein der lange Schwanz, den es nach sich zieht, ist groß wie ein GüterWagen der BundesBahn.

"Es muß über hundert Meter lang sein!" schätze ich. Der Kopf pendelt jetzt, wo das Tier fast ganz aus dem Wasser heraus ist, in vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Metern Höhe. Es steht jetzt fest: Die Evolution hat bei dieser Gattung noch einiges an schierer Größe zugelegt. Dann fällt mir etwas auf:

"Irene, siehst du das da unter dem Bauch! Zitzen! Es ist ein Weibchen! Man könnte eventuell an Milch kommen ..."

Ich halte ein. Das ist BlödSinn, was ich gesagt habe: Saurier sind Reptilien, keine SäugeTiere. Sie können keine Zitzen haben. Auch andere, äußere GeschlechtsOrgane sind bei Reptilien unüblich - glaube ich. Oder hat die Evolution hier beides zusammengebracht? Oder ist unser Wissen über die Saurier unvollständig? Schließlich weiß ich, daß es einige Arten gibt, bei denen man sich noch darüber streitet, ob es nicht vielleicht doch WarmBlüter gewesen sein könnten. Vielleicht ist hier alles anders. Vielleicht hat die Evolution hier den Reptilien Eigenschaften gegeben, die sonst nur den SäugeTieren zugeschrieben werden. Außerdem habe ich noch in dumpfer Erinnerung, daß die Saurier mehr mit den Vögeln gemeinsam haben sollen als mit den Reptilien. Ich weiß nicht, wo ich das gelesen habe - es paßt nämlich genauso wenig mit dem zusammen, was wir jetzt sehen: Vögel sind auch keine SäugeTiere. Vielleicht sind diese 'Zitzen' auch irgendwelche HautFalten. Vielleicht ist das Tier bloß fett.

"Und wie willst du da rankommen?" fragt Irene. Ihr ist dieser WiderSpruch zwischen Reptil- und SäugeTierEigenschaften noch nicht aufgefallen.

Recht hat sie. Um das Tier zu melken bräuchte man eine Leiter, um an den Bauch ranzukommen. Eine lange Leiter. Wenn es sich überhaupt um Zitzen handelt, was ja nun überhaupt nicht sicher ist. Und wenn es solange still hält.

Der große Kopf senkt sich. Und senkt sich. Senkt sich immer noch. Dann taucht er in das BuschWerk ein. Selbst, wenn wir der Grund seines Marsches an Land waren, dann hat es uns schon wieder vergessen. Es fängt an, in dem BuschWerk zu äsen. Dabei scheint es ohne allzugroße Präferenzen abzugehen: Es zerkaut alles, was es in das Maul bekommt.

"Es stinkt!" sagt Irene.

"Was erwartest du von einigen hundert Tonnen FrischFleisch ohne besondere HygieneAktivitäten? Vielleicht sind es sogar an die tausend Tonnen."

"Du spinnst." flüstert Irene.

Das Wort 'FrischFleisch' erinnert mich schlagartig wieder an unser HauptProblem: Wir müssen lernen, uns in dieser Umwelt etwas zu Essen zu beschaffen. Wenn SaurierFleisch genießbar ist, dann sind keine hundert Meter von uns entfernt genug LebensMittel für Jahre. Nein, korrigiere ich mich: Von einer Tonne ausgewogener LebensMittel könnten wir beide ein ganzes Jahr leben. Da drüben sind also mehr Kalorien als wir in unserem ganzen Leben verbrauchen könnten. Das heißt, wenn ich meine vegetarischen Gewohnheiten vergesse.

Abenteuerliche Ideen fallen mir ein. Die meisten verwerfe ich gleich wieder. Man könnte zum Beispiel ein Stück Fleisch aus dem SchwanzEnde herausschneiden und sich davonmachen, bevor das Tier reagiert. Aber wer sagt, daß die Haut überhaupt so dünn ist, daß ich mit meinem TaschenMesser bis auf das Fleisch durchschneiden kann?

Man könnte versuchen, das Tier umzuwerfen. Vielleicht kann es sich an Land nicht wieder erheben und ist dann wehrlos. Hört sich auch einfach an. Das würde das Graben einer FallGrube bedeuten, die groß genug sein müßte, daß es sich dort mit eine Fuß verfängt. Also mindestens etwa so groß wie eine Garage. Das können wir nicht.

Im Nebel über uns rauscht etwas vorbei. Wenig später lassen sich zwei größere Vögel auf dem Rücken des Sauriers nieder. Der läßt sich dadurch nicht stören. Die Vögel beginnen sofort, ihm irgend etwas aus seinen HautFalten zu picken. Wahrscheinlich ist das ein ganz normaler Vorgang. Die Vögel wären als Braten auch schon recht. Es muß ja kein ganzer Saurier sein. Wie sich jetzt alle Gedanken ums Essen drehen!

"Wahrscheinlich," sage ich, "könnte man sich diesen Vögeln nähern - die kennen keine Menschen."

"Bis auf die, die diese Wege gebaut haben." stellt Irene fest. Hat sie auch wieder recht. Außerdem sind die Vögel da auf dem SaurierRücken für uns sowieso unerreichbar.

"Am besten, wir gehen weiter." vermute ich.

Wir folgen der Straße, leise auftretend und rückwärts gehend. Langsam steigt die Entfernung zwischen uns und dem RiesenTier. Immer häufiger treiben immer mehr NebelSchwaden zwischen uns und ihm. Dann sind wir seinem Blick entzogen. Wir drehen uns um und gehen normal weiter - unversehrt, aber hungrig und ungewaschen.

"Ich glaube es immer noch nicht." sage ich, "Irene, sage mir, daß ich nicht träume! Weißt du, was das für die Wissenschaft bedeutet, was wir da eben gesehen haben?"

"Ich habe Hunger." sagt die Irene. Ich träume tatsächlich nicht - so, genauso reagiert die Irene, wenn man einem WeltWunder über den Weg gelaufen ist. Egal, welches.

Es dauert nicht lange, bis die Straße einen kleineren See streift. Dort holen wir wenigstens das Waschen nach. Da wir die kleine, vielleicht achtzig Meter durchmessende, flache Pfütze gut übersehen können, sind wir ziemlich sicher, daß nicht plötzlich auch hier ein Reptil auftaucht. Trotzdem wäscht sich nur einer zur Zeit, während der andere am Ufer steht und Augen und Ohren aufsperrt. Aber nichts Beunruhigendes geschieht.

Es ist 6:30 Uhr, früher Mittwoch Morgen. Wir denken allerdings beide ans Schlafen. Gleich nach dem Gedanken ans Essen, versteht sich.

Irene wäscht sich als zweite. Als sie an das Ufer steigt, rutscht sie im UferSchlamm aus.

"Autsch!" ruft sie.

"Na, so hart kann der Boden nicht gewesen sein!" sage ich. Undiplomatisch. Ich sollte eigentlich wissen, daß ich es nicht anzweifeln darf, wenn sie sich weh getan hat.

"Ich bin auf etwas Hartes gefallen!" sagt sie.

"Jedenfalls kannst du dich gleich nochmal abspülen - nicht hier, das Wasser ist jetzt trüb!" bemerke ich und trete näher. Im UferSchlamm, an der Stelle, wo sie hingefallen ist, ist ein länglicher Gegenstand, ein Stein, oder ein Ast, oder auch ein ...

Ich hechte hin. Eine Sekunde später liegt ein betäubter oder toter Fisch an Land. Vielleicht vierzig Zentimeter lang und sechs Zentimeter dick. Nicht viel, aber wenn er genießbar ist?

Er rührt sich. Also hat Irene ihn mit ihrem überraschenden Fall betäubt. Meine heftiger Sprung, um ihn zu fangen, war also unnötig. Aber ich muß dafür sorgen, daß er nicht wieder zu sich kommt: Meine Faust fährt wie ein Hammer auf das Ende, wo ich den Kopf des Fisches vermute. Dann klappe ich mein Messer auf. Im Prinzip bin ich ja Vegetarier. Aber ich bin auch hungrig. Nicht nur im Prinzip, sondern jetzt und unmittelbar. Außerdem haben wir ja ernsthaft versucht, pflanzliche NahrungsMittel zu finden. Es lag nicht an uns, daß es hier sowenig zum Essen gibt! Also lassen wir die Prinzipien erstmal unberücksichtigt.

"Du meinst, man kann ihn essen?" fragt eine hoffnungsvolle Irene, die plötzlich neben mir steht.

"Ich weiß nicht." sage ich, als ich mein Messer in den FischLeib bohre, gleich hinter den Klappen, die die Kiemen sein müssen. Es geht schwer. Auch früher, als ich es mit der vegetarischen LebensWeise nicht so ernst genommen hatte, habe ich nie einen Fisch vernünftig zerlegen können. Auch hier gelingt es mir nur sehr unvollkommen. Es gibt ein RückGrat und Gräten und innere Organe, die ich gleich zur Seite lege. Nach einigen Minuten habe ich einige ordentliche Stücke schieres Fleisch herausgearbeitet. Das ganze wird von einem ordentlichen, eigentlich widerlichen Gestank begleitet.

"Feuer wäre jetzt recht." sage ich.

Irene ist inzwischen mit ihrem Waschen fertig und hat sich wieder angezogen.

"Hast du nicht StreichHölzer mit?" fragt sie.

"Ja. Irgendwo. Aber ob wir hier viel Brennbares finden - die Pflanzen stehen hier alle im Saft, und abgefallene Zweige vermodern schnell."

"Ich geh was suchen!" sagt Irene und geht auf die nächsten Büsche zu.


        5.4     GroßMauls Ende oder die Lust zum Töten


Ich bin bald mit dem Zerlegen des Fisches fertig. Sechs große Stücke, die leidlich frei von Gräten sind und fast nur aus Fleisch bestehen. Ich stehe auf, um Blätter zu suchen, um die Stücke zum Braten darin einzuwickeln.

Halt, denke ich, wenn du hier Fleisch rumliegen läßt, dann wird sich über kurz oder lang ein anderes Tier drumm kümmern. Besser, Irene bringt Blätter mit. Wo ist sie eigentlich? Ich sehe mich um.

Der ruhige See, jetzt mit völlig regloser OberFläche, der Fahrweg, der sich dem Ufer des Sees auf wenige Meter nähert, die sumpfige Stelle an der gegenüberliegenden Seite des Sees, wo vielleicht ein Rinnsal den Zufluß bildet, und überall sonst das dicke Gebüsch, das meistens schon höher ist als ein aufrecht stehender Mensch. Glucksen aus der Richtung der WasserFläche, fernes, verhaltenes Gekreisch von Vögeln, das Säuseln eines leichten LuftZuges an meinen OhrMuscheln. Aber von Irene ist nichts zu hören oder zu sehen. Man müßte wenigstens das Knacken von Ästen hören, ihre Bewegungen im Gebüsch - sie wollte doch Holz sammeln?

"Irene!" rufe ich. Nichts. Nachdem ich das mehrere Male wiederholt habe, lege ich die FischFleischStücke auf den Boden. Mit gezogenem Messer gehe ich auf die Stelle im Dickicht zu, an der Irene verschwunden ist.

Ich finde an einigen Büschen abgebrochene Äste, die anzeigen, daß sie vielleicht an diesen Stellen gewesen ist. Offenbar ist sie weitergegangen, um besseres BrennMaterial zu suchen. Leider hat sie dabei nicht die ganze Zeit Äste abgebrochen. Schon bald weiß ich nicht mehr mit Sicherheit, ob ich nicht vielleicht ihre Spur verloren habe.

Dann glaube ich, meinen geflüsterten Namen zu hören. Es kam von links. Nach einigen Schritten sehe ich schon das StreifenMuster ihres T-Shirts. Es bewegt sich aber nicht. Sie pflückt jedenfalls kein Holz. Ich halte das Messer draußen und versuche, mich so leise wie möglich ihr zu nähern. Ganz lautlos geht das aber nicht, nicht in diesem Dickicht. Sie müßte mich doch kommen hören! Warum dreht sie sich nicht um? Mit einigen schnellen Schritten bin ich bei ihr.

Ein widerliches, hundgroßes, haarloses Monster, das zwei Meter vor der erstarrten Irene steht, reißt ein beeindruckendes Gebiß auf. Das Gebiß ist für ein Tier dieser Größe eigentlich zu groß, aber ich bin sicher, daß es weiß, wie man damit umgeht. Irene steht immer noch vom Schreck gelähmt. Vielleicht hat sie ihre Bewegungslosigkeit bis jetzt vor dem Angriff des Tiers geschützt, ich kann jedenfalls mit einem schnellen Blick bei ihr keine Verletzungen erkennen.

Ich habe die Szene allerdings nicht bewegungslos betreten. Das Tier wendet sich mir zu und geht mich an. Seine Bewegungen sind auffallend langsam.

"Irene, hau ab, es ist nicht schnell!" rufe ich und springe zur Seite. Vielleicht könnte man dem Tier ganz gut ausweichen, aber hier, in dem Gebüsch, ist das schwierig. Monster von vorne, Busch von hinten, links und rechts. Ich habe keine Wahl.

Ich weiß nicht, wo es am verletztlichsten ist. Aber eine KörperStelle, die im allgemeinen nie besonders gut gegen mechanische Einwirkung geschützt ist, bei keinem Tier, präsentiert es mir ja geardezu in obszöner Intimität: seinen Rachen. Zwischen den messerartigen Zähnen, zwischen denen ein zäher Saft niederfließt, ist roter Gaumen oder Teile einer Zunge zu sehen.

Verglichen mit seinen Bewegungen stößt mein Messer sehr schnell zu und ist schon wieder zurück. Das Maul klappt zu als meine Hand schon wieder fast zwei Sekunden lang draußen ist. Mein Messer ist blutig.

Es ist nicht mein Blut. Plötzlich spüre ich etwas, was ich noch nicht kenne: Aggression und die Lust zum Töten. Dieses Tier hat uns angegriffen und damit die moralische Rechfertigung unserer GegenWehr gegeben. Jetzt heißt es: ich oder es.

Ich weiß nicht, was es solange überlegt. Vielleicht ist es über den ungewohnten Schmerz im Maul verblüfft. Oder meint es, der BlutGeschmack im Maul wäre mein Blut. Egal. Präzise führe ich das Messer ein weiteres Mal nach vorne, ins Auge.

Das gelingt. Das Tier scheint überhaupt keine Reflexe zu haben, oder seine Reflexe sind viel zu langsam. Es reißt das Maul auf, wie zu einem SchmerzensSchrei. Erst jetzt fällt mir auf, daß es offenbar keine Stimme hat. Um klare Verhältnisse zu schaffen, steche ich auch in das andere Auge. Dann trete ich an dem Tier vorbei in Richtung Irene.

Der Kampf ist praktisch gewonnen. Es war eigentlich zu leicht. Seine GebißAusstattung ist zwar gefährlich, aber seine Bewegungen waren viel langsamer als man das eigentlich von RaubTieren dieser Größe gewohnt ist. Sonst hätte ich in diesem Kampf schlechte Karten gehabt.

Es dreht sich im Kreise, schnappt ein paarmal ins Leere. Ich positioniere das Messer in der Hand um, mit der Klinge nach unten. Dann stoße ich in seinen Nacken. Beim ersten Mal komme ich kaum durch die zähe, lederartige Haut hindurch, aber ich stoße mehrfach zu. Endlich bricht das Tier zusammen, immer noch ohne einen Laut. Ich knie mich daneben hin und führe einen tiefen Schnitt unter seinem Hals, dort, wo ich seine Kehle vermute. Das ist erfolgreich: diese Wunde schlägt Blasen und röchelt.

Dann gehe ich zu Irene und nehme sie in die Arme. Sie ist in der Tat unverletzt, aber der Schreck sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Schweigend sehen wir uns den TodesKampf des Tieres an.

Jetzt könnte ich mir wieder Mitleid mit der armen, gequälten Kreatur leisten, denke ich. Aber mir ist auch weich in den Knien. Ist es nicht gerechtfertigt, um sich selber mehr Angst zu haben als um den Angreifer?

"Das wird jetzt so bleiben, solange wir hier unten sind, Irene. Hier gibt es bestimmt noch mehr solche Viecher. Geht es wieder?" Sie nickt.

"Dann sammeln wir weiter Holz ein. Ich glaube, Fleisch haben wir jetzt genug!"

Vorher jedoch muß ich wirklich reinen Tisch machen. Die RöchelGeräusche könnten andere RaubTiere herbeilocken. Irgendwie scheint das Tier durch den Schnitt in der Kehle immer noch erfolgreich zu atmen. Ich setze meinen Fuß auf den Hals und trete zu. Erfolgreich: Der KehlKopf, wenn es einen hat, kollabiert mit einem feuchten Knirschen, und das Röcheln hört auf. Nach etwa einer Minute bewegt es sich nicht mehr.

Irene hilft mir, das Tier zurück zum Teich zu schleppen. Dabei versuche ich, es irgendwie in die biologische Klassifizierung einzuordnen, aber das gelingt mir nicht. Schon der Saurier, der so aussah, als wäre er zugleich ein Säugetier, entzöge sich wahrscheinlich schon den KlassifizierungsVersuchen eines jeden Zoologen.

In den nächsten Minuten holen wir gemeinsam Holz - das Holz, das Irene schon abgebrochen hat, und weiteres. Ich fürchte, wir werden Schwierigkeiten haben, ein gutes Feuer zu entzünden, denn das meiste ist relativ feucht. Außerdem versuche ich, dilletantisch das Tier zu zerlegen. Es ist zwar ein unerfreuliches Gemetzel, was ich da anrichte, aber es gelingt mir doch, einige größere MuskelFleischstücke herauszupräparieren, bevor der Rest zu unordentlich aussieht, um noch irgend etwas sauber zu identifizieren oder herauszuschneiden. Dann bauen wir den Haufen aus BrennMaterial.

Die StreichHölzer habe ich nach einigem Suchen in meinem RuckSack gefunden. Diesmal hat meine eigene Bequemlichkeit uns wieder einen großen Vorteil verschafft: Weil ich nie ernsthaft damit gerechnet habe, daß wir auf einer ZugSpitzWanderung StreichHölzer brauchen, hatte ich die Absicht, einfach einige Schachtel zuunterst in meinem RuckSack unterzubringen - für den unwahrscheinlichsten der Fälle. Allerdings hatten wir keine mehr im Hause, und deshalb war ich beim letzten Einkauf gezwungen, ein Paket mit zehn Schachteln mitzunehmen. Beim Packen des RuckSackes war ich zu faul gewesen, das Paket auseinanderzunehmen. Was wiegen schon ein paar StreichHölzer. Aus diesem Grunde haben wir jetzt zehn Schachteln mit insgesamt etwa 400 StreichHölzern!

Das erste, was ich mache ist, diese zehn Schachtel strategisch auf uns beide zu verteilen. Jeder bekommt fünf. Sie sind jetzt nicht mehr unwichtig, vorausgesetzt, es gelingt uns tatsächlich, Feuer zu machen.

Das ist zunächst nicht sicher. Ich suche unter den kleinsten Ästchen diejenigen zusammen, die leidlich trocken aussehen. Damit wird am Fuße des HolzHaufens ein Häufchen von dem am leichtesten brennbaren Material gebaut und in den HauptHaufen hineingedrückt. Als mir die Vorrichtung solide und dicht genug gepackt aussieht, riskiere ich das erste Hölzchen.

Vor meinem geistigen Auge spielt sich dabei immer dieselbe KatastrophenSituation ab: Ein ZündHölzchen nach dem anderen wird verbraucht, ohne daß es gelingt, das feuchte Gestrüpp zum Brennen zu bringen. Deshalb bin ich ziemlich unvorbereitet auf das, was tatsächlich geschieht: Schon mit dem ersten Hölzchen fängt das Holz Feuer. Die Flammen breiten sich ungewohnt rasch in dem Haufen aus. Der hohe FeuchtigkeitsGehalt wirkt sich offenbar lediglich so aus, daß die RauchEntwicklung recht ordentlich ist. Aber bald schon brennt der ganze Haufen.

"Ist ja klar, woran das liegt!" sage ich zu Irene, "Wir sind in fünftausend Meter Tiefe. Das bedeutet etwa einen doppelt so hohen Druck wie auf der ErdOberFläche. Dann ist natürlich die Konzentration von Sauerstoff auch doppelt so hoch. Sieht so aus, als ob das den Nachteil mit dem feuchten BrennMaterial kompensiert!"

Irene interessiert sich weniger für meine grundsätzlichen Erwägungen. Sie legt das Fleisch ins Feuer. Sie hat ja recht. First things first. Wir müssen was in den Magen kriegen. - Hoffentlich fängt das Fleisch nicht ebenso leicht Feuer!

Zunächst ist der Gestank unerträglich. Dann aber, als die FleischStücke heiß genug werden und an der OberFläche bereits verkohlen, wird der Geruch langsam bratenartiger. Irene dreht die Stücke gelegentlich mit einem Stöckchen um, wobei sie häufiger ein neues Stöckchen nehmen muß, weil die alten so schnell Feuer fangen.

Das Feuer sinkt zu einem glühenden Haufen zusammen. Ich muß nachlegen. Dabei experimentiere ich etwas. Es sieht so aus, als ob nur das frische, aus dem lebenden Strauch gebrochene Holz mehr schwelt statt brennt. Wenn es sich aber um ein dickeres Stück handelt, dann verkohlt es über kurz oder lang und kann noch lange als glühendes HolzKohleStück Wärme geben. Die RaucheNtwicklung ist aber in jedem Falle beachtlich.

Das FeuerMachen bedarf hier wohl der Gewöhnung, wegen der größeren LuftDichte und der fremdartigen HolzArten. Bin neugierig, wieviel Gewöhnung man braucht, um dieses Fleich zu verzehren. Ich spieße die Stücke mit meinem Messer auf und ziehe sie zum Rand des Feuers hin. Dann legen wir los: Der Hunger sagt: große Stücke essen, die Vorsicht sagt: kleine Stücke essen, der Geschmack sagt auch: kleine Stücke essen.

Wir essen große Stücke. Ich sage mir: wenn es eine toxische Reaktion geben sollte, dann sollten wir dieselbe noch bei Kräften erleben. Wir sind schließlich erst etwa einen Tag ohne Nahrung. In manchen Gegenden der Welt würde man das noch nicht als Hunger bezeichnen. Mit diesem Argument ist wenigstens die StimmenGleichheit zwischen den Argumenten für viel und für wenig Essen erzielt worden.

Das Fleisch des RaubTieres ist zäh und schmeckt streng, das des Fisches ist zarter und schmeckt seifig. Beides würde man in einem LuxusRestaurant zurückgehen lassen. Das tun wir nicht. Wir hören nicht eher auf, als bis der größte Teil des Fleisches, der weder verbrannt noch roh ist, verschwunden ist. Es ist reichlich viel. Zusätzlich zu der Müdigkeit stellt sich jetzt die BettSchwere ein, wie sie nur der volle Magen bewirkt.

Das ist jetzt aber ein Problem: Oben, in den Felsen, da gab es keine LebeWesen, die unseren Schlaf stören konnten. Das sieht hier anders aus. Rundherum kann ich keinen Platz sehen, wo wir uns so zum Schlafen hinlegen könnten, so daß wir irgendwie im Schutz von irgend etwas liegen.

"Tja, Irene," sage ich, "es ist hart, aber hier können wir nur schichtweise schlafen. Denk an das Viech!" Dabei deute ich auf den Kadaver, der immer noch abseits liegt und uns gelegentlich mit üblen GestankSchwaden einnebelt.

"Es ist jetzt gleich 8 Uhr morgens. Mittwoch morgens. Ich schlage vor, erst schläfst du sechs Stunden, dann ich. Dann marschieren wir weiter!"

Irene scheint sich diesen Aspekt noch gar nicht überlegt zu haben. Aber da ich ihr die erste SchlafSchicht anbiete, ist sie schnell einverstanden.

"Aufräumen tu ich." sage ich. Irene kuschelt sich am Boden hin und ist eingeschlafen, noch ehe sie erfragen kann, was ich eigentlich aufräumen will.

Das ist natürlich klar. Unsere EssensReste und den Kadaver des RaubTieres. Da ich aber sehr schnell merke, daß mir zum Vergraben eine Schaufel oder ein Spaten fehlt, gehe ich zu gezielter UmweltVerschmutzung über: Das Zeug landet alles im Teich. Undeutlich sehe ich Bewegung in dem Wasser: Es kümmern sich bereits irgendwelche Tiere um die LeichenTeile. Aber das GestankProblem ist gelöst.

Jetzt muß ich 'nur noch' gegen die Müdigkeit ankämpfen. Sechs Stunden lang. Ich weiß auch schon wie: Ich gebe dem Pyromanen in mir etwas zum spielen. Das Feuer in Gang halten. Zu etwas anderem reicht es nicht mehr.

Und falls sich doch noch Symptome einer LebensMittelVergiftung einstellen sollten, wird meine Wache noch unterhaltsam. Aber ich bin sogar für gespannt beobachtende Hypochondrie zu müde.


        5.5     WachVergehen


Die letzten Minuten bis 14 Uhr zähle ich ab. Es ist nichts, aber auch gar nichts in diesen sechs Stunden passiert, was einem geholfen hätte, wach zu bleiben. Nur das Feuer habe ich sorgsam gesichert: ständig neuer Material an den Rand der GlutZone legen, das, wenn es erst einmal hinreichend getrocknet ist, in die GlutZone selbst geschoben werden kann. Damit habe ich im Laufe der Zeit einen GlutBerg mit mehr als einem Meter BasisDurchMesser geschaffen, dessen intensive InfraRot- und WärmeStrahlung uns sehr nützlich wäre, wenn hier noch dieselben KälteGrade vorherrschten wie oben, auf dem HöllenTalPlatt, sieben Kilometer über unseren Köpfen.

Seit mehr als sechs Stunden haben wir jetzt eine ganz ordenliche RauchSäule in den Nebel über uns entlassen. Bei klaren SichtBedingungen hätte man den eigenen AufenthaltsOrt viele Kilometer weit im Umkreis verraten. In diesem Nebel natürlich nicht. Obwohl: nicht weit über uns ist ja die OberGrenze dieses Nebels. Ich weiß nicht, wie sich der Rauch da sichtbar macht. Vielleicht wird sich die dunkle RauchSäule wie ein Geschwür von der weißen NebelOberFläche abzeichnen.

Ein paarmal hätte ich Gelegenheit gehabt, Fische in der RandZone des Teiches mit SteinWürfen zu erledigen. Das Platschen hätte Irene aber aufgeweckt, und so habe ich das lieber nicht getan.

Die Uhr zeigt 14:00 Uhr an. Ich gebe ein paar Sekunden zu. Dann wecke ich Irene. Sie kommt schwer zu Bewußtsein. Es ist nicht so sehr die Müdigkeit, sondern eher unsere Lage, die einem mit jedem Wachwerden wieder deutlich werden muß, die Ferne von unseren Lieben und unserem normalen Leben.

Ich gebe ihr mein Messer und erläutere mit ein paar Worten, wie man ohne großen Aufwand auf das Feuer aufpassen kann. Nicht weil wir jetzt unbedingt ein Feuer brauchen, sondern weil sie das Feuer vielleicht genauso zum Spielen braucht, um wach zu bleiben wie ich.


        ******** 006. Tag: Donnerstag 1995-08-24 ********


Es ist nicht Irene, die mich weckt, sondern ich werde von selbst wach. Dabei bemerke ich rasch hintereinander mehrere Dinge: Irene liegt neben mir und schläft auch, das Feuer ist völlig zusammengesunken und erzeugt überhaupt keinen Rauch mehr, und meine Uhr sagt, daß es Mitternacht ist. Die UmgebungsHelligkeit ist wie immer unverändert.

"Sleep on watch. You ought to be shot." stelle ich fest. Irene rührt sich.

"Gut geschlafen?" frage ich bissig.

"Ja." Sie reibt sich die Augen.

"Wir hatten vereinbart, daß erst ich sechs Stunden wach bin, dann du. Ich hatte meine sechs Stunden Wache durchgehalten!"

Rüge erteilt. Irene gibt bar heraus:

"Du hattest vereinbart!"

"Du hattest nicht widersprochen, wie du dich vielleicht erinnern willst!"

"Dann widerspreche ich eben jetzt! Außerdem WAR ich sechs Stunden lang wach. Aber es ist nichts passiert. Deine sechs Stunden und meine sechs Stunden lang nichts! Dann habe ich mich eben entschlossen, noch ein paar Stunden Schlaf drauf zu legen. Wir BRAUCHEN den Schlaf! Du hast ihn auch gebraucht!"

"Und irgend ein Viech, das uns im Schlaf angreift, brauchen wir wohl auch? Irene, wir kennen diese Umwelt nicht! Wir müssen aufpassen! Wir wissen noch nicht, wie man hier am Leben bleibt!"

"Das sind doch Wild-West-Methoden!"

"Was?"

"Dies WacheSchieben! Das hast du bestimmt in irgendwelchen AbenteuerRomanen gelesen. Dein Karl May oder so!"

Sie fängt an, unlogisch zu werden. Ich erhebe meine Stimme:

"Erstens ist das nicht mein Karl May, bloß, weil ich vor dreißig Jahren mal den Winnetou oder so etwas gelesen habe. Zweitens ist das WacheSchieben unter den obwaltenden Umständen ein sinnvolles Verfahren, um uns vor Schaden zu bewahren, ganz gleich, wer in welchen AbenteuerRomanen so etwas zufällig auch beschrieben hat!"

"Unter den obwaltenden Umständen," äfft sie nach. Längst hat sie sich erhoben, weil man so besser streiten kann. "Unter den obwaltenden Umständen, die gar nicht eingetreten wären, wenn du nicht diese verdammte Höhle inspiziert hättest. Wohl auch etwas, was in einem AbenteuerRoman vorkommt!"

"Ja und? Und wenn schon!"

"Wenn du nicht diese Höhle inspiziert hättest, dann säßen wir jetzt nicht hier!"

"Ach ja? Und wie oft habe ich zurückgefragt, ob du wirklich weiter mitgehen willst?"

"Und wann hatte ich da überhaupt eine Wahl?"

"Bis vor den ersten KletterSteig hätten wir die Wahl gehabt! Wir hätten zurückgehen können und am nächsten Tag über das HöllenTalPlatt absteigen können! Wir wären schon längst zu Hause! Und jetzt haben wir nur noch die Wahl, ob wir überleben wollen oder nicht! Und wenn wir das wollen, dann ist es in dieser Umwelt sinnvoll, daß nur einer zur Zeit schläft! Geht das denn nicht in deinen Kopf rein?"

Der Streit geht noch einige Zeit weiter, ohne daß wirklich neue GesichtsPunkte auftauchen - wie das bei einem EheKrach eben so üblich ist. Man hat ja gelernt, zu argumentieren, ohne eigentlich genau mit den Gedanken bei der Sache zu sein. Genaugenommen - wenigstens geht es mir so - muß ich mir bei einem solchen Streit nur darüber klar werden, ob es irgendwann einen versönlichen Ausgang geben soll oder ob ich den Streit noch weiter anheizen möchte. Je nachdem wird etwas schärfer oder etwas weniger scharf formuliert, je nachdem werden weitere kontroverse Punkte herausgearbeitet oder unerwähnt gelassen. Provokation bis Beschwichtigung - das Klavier der innerehelichen KommunikationsSteuerung. Man hat ja darauf zu spielen gelernt!

Im Moment habe ich eigentlich keines der beiden Ziele. Das heißt, ich reagiere 'eskalationsneutral': weder besänftigend noch anheizend. Vielleicht muß Irene wirklich auf diese Weise den Frust loswerden. Den Frust über die Anstrengungen, die Gefahren, die verschwindend geringen Hoffnungen, je wieder nach Hause zu kommen, den Frust über die schlechte ErnährungsSituation und den Frust darüber, daß es nach dem Aufwachen keinen Kaffee gibt. Man kann es ja verstehen. Aber warum äußern sich die Frauen immer in einem Ausbruch von Gekeife? Und ist meine Vorsicht denn wirklich übertrieben? Die Vorstellung, daß einer der hiesigen FleischFresser im Schlafe eine Probe von uns abbeißt ist mir überhaupt nicht angenehm.

Da wir nichts zum FrühStück haben, und da dem Krach eine Periode weiteren Schweigens folgt, marschieren wir nach der MorgenToilette gleich los. Natürlich folgen wir weiterhin dem Fahrweg.

Die KommunikationsFreiheit und die relative Ausgeschlafenheit - da hat Irene recht gehabt, das haben wir wirklich gut gebrauchen können - ermöglichen den leichten Fluß der Gedanken, den Zustand, den ich bei Wanderungen eigentlich liebe. Und meine Gedanken kreisen um diese großen Höhlen und ihre Beschaffenheit.

ErdBebenWellen und die StoßWellen von unterirdischen KernExplosionen haben schon seit vielen JahrZehnten erlaubt, das Innere der Erde genau zu vermessen, die Schichtungen der Gesteine mit ihren wechselnden physikalischen Eigenschaften wie Dichte, Zähigkeit und Temperatur. Höhlen diesen Ausmaßes, mit einem nach KubikKilometern messenden Volumen, vielleicht auch noch viel mehr, und das unter dem Boden einer IndustrieNation, die sollten eigentlich längst entdeckt worden sein. Oder sind die Daten falsch interpretiert worden, weil die Erklärung mit großen HöhlenSystemen einfach nicht glaubhaft war? Man weiß ja, wie der WissenSchaftsBetrieb funktioniert: Nicht mehr die Suche nach der Wahrheit, sondern das Erreichen des nächsten akademischen Grades oder das Anbohren von FörderGeldQuellen, das sind die primären Motivationen des DurchschnittsWissenschaftlers. Wer wird sich denn da mit der Vermutung solch großer HöhlenSysteme leichtfertig lächerlich machen und die eigene akademische Karriere riskieren?

Oder sind die Höhlen bekannt gewesen, und man hat, aus irgendwelchen Gründen, darauf verzichtet, ihre Existenz zu veröffentlichen? Aber aus welchen Gründen?

Neben der Frage, warum diese Höhlen sich der geologischen Forschung bis jetzt entzogen haben, steht natürlich die noch viel wichtigere Frage ihrer Entstehung. Vulkanische Prozesse pflegen, wenn überhaupt, nicht so große Höhlen zu erzeugen, und auch die gewaltigsten KarstHöhlen sind immer noch vergleichsweise mickrig. Auf Lanzarote haben wir Höhlen gesehen, die durch äußerlich erkaltende LavaStröme entstanden sind. Die noch flüssige Lava ist dann unter der Kruste weiter - und später weggeflossen. Darauf wurden diese hohlen Röhren dann von weiteren Ejecta des nahen Vulkanes bedeckt, und so entstanden diese viele Kilometer lange Höhlen. Allerdings gibt es hier keinen Hinweis auf ein analoges Entstehen. Soweit meine bescheidene geologische UrteilsFähigkeit das entscheiden kann.

Was ist mit dem langsamen Driften der KontinentalSchollen gegeneinander: Könnte das im oberen, nicht-plastischen Teil des Erdmantels die Entstehung solcher Höhlen bewirken? Und selbst, wenn diese Erklärung greift, bleibt immer noch die Tatsache, daß MittelEuropa sich NICHT am Rande einer solchen KontinentalScholle befindet.

Dann: Wie ist es mit der Stabilität: Die Festigkeit von Gestein ist nicht beliebig groß. Viel höher, als die größten Berge auf der Erde tatsächlich sind, können sie unter den Bedingungen der ErdSchwere gar nicht sein - sie würden unter ihrem eigenen Gewicht zerfließen. Auf dem Mars etwa, wo die SchwerKraft nur ein Drittel so groß wie auf der Erde ist, können Berge tatsächlich dreimal so hoch werden, wie der Mons Olympicus mit seinen 26 000 HöhenMetern beweist.

Auf jeden Fall haben diese Höhlen eine Größe, die an der Grenze dessen ist, was man mit den normalen Gesteinen überhaupt erreichen kann. Die Gefahr, daß EinStürze vorkommen, ist deshalb durchaus real. Mir drängt sich da das Bild des Hängenden Berges auf, unter dem wir auf der SeilBrücke vorbeigeturnt sind. Was hindert diese gigantische FelsMasse, abzubrechen und herunterzufallen? Und wie lange hängt sie schon so?

Und wiederum: wenn solche Ereignisse in geschichtlicher Zeit eingetreten wären, dann wüßten wir das. Man kann in MittelEuropa nicht einige Milliarden Tonnen Gestein einige Kilometer irgendwo herunterfallen lassen, ohne daß jemand das merkt. Es hätte verheerende ErdBeben zur Folge.

Nein, das Abbrechen solcher GesteinsMengen ist hier ein seltenes Ereignis. Wenigstens ein Trost.

Die Existenz einer belebten Welt hier unten kann ich mir allerdings wenigstens teilweise zusammenreimen und sogar die ständige Beleuchtung. Überall auf der Welt fließt aus dem ErdInnern ein steter Strom von Wärme an die OberFläche. Es handelt sich so größenordnungsmäßig um einige Watt pro QuadratMeter, also etwa ein Prozent von dem, was die senkrecht einfallende Sonne an Energie liefern kann. Das ist nicht ganz wenig, wenn man bedenkt, daß jedes Watt pro QuadratMeter auf einem QuadratKilometer bereits einem MegaWatt entspricht.

Dieser WärmeStrom, der normalerweise für die in der Tiefe zunehmende Temperatur sorgt und der durch den radioaktiven Zerfall von instabilen Isotopen im ganzen ErdKörper erzeugt wird, könnte eine größere Höhle nicht ohne weiteres überwinden, denn eine Höhle bildet eine hervorragende Isolierung. Allerdings bildet sich in einer hinreichend großen Höhle, wenn dort genug Wasser vorhanden ist, ein WetterGeschehen aus, das den WärmeTransport von den tieferen Teilen der Höhle zu den höheren übernehmen kann. Und zumindestens ein WetterGeschehen ist tatsächlich das, was wir um uns herum beobachten.

Und damit komme ich zur letzten Erklärung, die allerdings noch sehr spekulativ ist: Das beständige DämmerLicht in der Höhle, das manchmal direkt in den Wolken oder im Nebel erzeugt zu werden scheint.

Ich nehme an, daß das tatsächlich der Fall ist. In den Wolken finden PhasenWechsel des Wassers zwischen gasförmig und flüssig statt. Was, wenn tatsächlich ein Typ Bakterien oder schwebefähige Algen, auf jeden Fall ein KleinstLebewesen, aus diesem PhasenWechsel Energie gewinnen kann und dabei Licht aussendet? Dieses Licht könnte dann die PhotoSynthese der übrigen PflanzenWelt antreiben, wenn auch nicht mit derselben Produktivität wie das bei uns oben in dem sehr viel helleren SonnenLicht möglich ist. Vielleicht gibt es aus diesem Grunde auch nur KaltBlüter. Jedenfalls haben wir auch bei dem RaubTier kein Zeichen irgendeiner eigenen KörperWärme feststellen können, fällt mir jetzt im nachherein auf.

Aber würde das nicht sehr viel erklären? Der Stand der Evolution, der hinter dem zurückgeblieben ist, was wir auf der ErdOberFläche kennen - auch wenn dieses ein VorUrteil sein mag, aber wir haben den Saurier ja gesehen - und der generell langsame StoffWechsel der LebeWesen hier unten, wie wir es bei dem RaubTier erlebt haben.

Auch diese Hypothese muß ich erst einmal zu den Akten legen. Es gibt ja noch viel mehr Fragen. Zum Beispiel: warum sind diese Höhlen nicht schon längst mit Wasser vollgelaufen? Überall gibt es im Fels WasserAdern. Daß gerade diese Höhlen hermetisch abgeriegelt sein sollte erscheint mir unglaubhaft. Durch eine solche Verbindung zur ErdOberFläche sind wir ja heruntergekommen. Andererseits sind prinzipiell Mechanismen denkbar, die Wasser wieder nach oben befördern, etwa der Geysir-Mechanismus, wie er in jeder KaffeeMaschine angewendet wird.

Dann kann es auch sein, daß diese Höhle einfach zu groß ist, um während geologischer Zeiträume mit Wasser vollgelaufen zu sein.

Das ist natürlich auch eine Frage, die mich brennend interessiert: die nach der Größe der Höhle. Die sich immer mehr weitende Aussicht, als wir uns dem Level der WolkenOberSeite näherten, schien viele Dutzend Kilometer nahezulegen, und unser Weg, der immer noch abwechselnd horizontal und leicht bergab geht, scheint auch auf noch eine noch größere Tiefe hinzuweisen.


        6.1     ObstGarten


Die Vegetation wird dichter und urwaldartiger. Dann aber, um 2 Uhr morgens, in 5200 Meter Tiefe, passieren wir ein Gebiet, in dem dieser Urwald vor langer Zeit gerodet worden scheint. Beidseits des FahrWeges gibt es fußballfeldgroße Gebiete, in denen das Gestrüpp nicht höher als kniehoch ist. Dazwischen stehen isolierte Bäume und wir finden auch niedrige, verfallene und überwachsene Mauern.

"Weißt du, woran mich das erinnert?" frage ich Irene, "an einen verwilderten ObstGarten!"

Das müssen wir uns genau ansehen. Schließlich hatten wir heute noch kein FrühStück.

Auf den ersten Blick sind die meisten Bäume lebensmittelmäßig nicht interessant. Jedenfalls finden wir nichts, was einer Frucht ähnlich sieht. Das wäre vielleicht auch nicht gerade das, was wir suchen - ich erinnere mich noch nur zu gut an die ÄtzFrucht.

Dann aber deutet Irene auf einen vermoderten HolzStapel: "Guck mal! Den hat jemand aufgestapelt! So fällt Holz nicht per Zufall zusammen!"

Sie hat recht. Dieser HolzStapel ist zwar vermodert, aber daß er überhaupt noch existiert heißt ja nichts weiter, als daß vor einem ZeitRaum, den Holz hier zum Vermodern braucht, intelligente Wesen hier waren. Auch die AusWahl des Holzes deutet darauf hin: es handelt sich um astlose HolzPfähle von etwa fünf bis zehn Zentimeter Durchmesser und neunzig Zentimetern Länge.

"Ob das ein Zaun werden sollte?" überlege ich laut. Wir durchsuchen den 'ObstGarten' weiter.

In einer Bucht dieser gerodeten Fläche, die von dem FahrWeg nicht einsehbar ist, finden wir MauerRuinen, die auf ein Gebäude schließen lassen. Sogar FensterHöhlen kann man identifizieren. Die Hütte muß zwei Räume gehabt haben. Von einem Dach ist nichts mehr zu sehen, und die Fläche zwischen den Mauern ist genauso mit niedrigem Gestrüpp bewachsen wie der Boden außerhalb der Ruine. Hier deutet nichts auf eine Benutzung in den letzten Jahren hin.

"Vielleicht vergammelt Holz hier sehr langsam. Oder diese HolzArten vergammeln sehr langsam." versuche ich Irene zu beruhigen, "Vielleicht war schon seit JahrHunderten keiner mehr hier!"

"Langsam vergammeln? Bei diesem feuchten Klima?" zweifelt sie. Wir suchen weiter.

Natürlich, denke ich, ist es plausibel, zu glauben, daß feuchtes Holz hier zumindestens ähnlich schnell vergammelt wie unter denselben Bedingungen auf der ErdOberfläche. Aber mehr als plausibel ist es nicht. Ich weiß nicht, was für Bakterien und MikroLebewesen für das Zersetzen von organischem Material zuständig sind, aber das müssen hier durchaus nicht dieselben sein wie bei uns oben. Weiß man etwas über die BakterienAktivität während der geologischen Epochen, als Saurier die ErdOberfläche unsicher machen? Trias, Jura und Kreide, wie diese ErdZeitalter heißen, hatten ja nicht nur eine andere Fauna, was die GroßLebewesen betrifft. Auch die KleinstLebewesen müssen auf einer anderen EntwicklungsStufe gestanden haben. Wer weiß, vielleicht brauchte damals ein SaurierKadaver Jahrzehnte, um bis auf die Knochen zu skelettieren, und Holz brauchte JahrHunderte, um vollends zu verfallen.

Da fällt mir gleich der Ansatz einer neuen Theorie zum Aussterben dieser Riesenechsen ein: Wenn damals eine so lange Zeit zum Verwesen eines Leichnams nötig war, dann müssen auf der Erdoberfläche mehr tote als lebendige Saurier herumgelegen haben. Ist es der Fortexistenz einer Rasse hinderlich, wenn deren Mitglieder so viele Leichen der eigenen Spezies zu sehen bekommen?

Das wird jetzt zu spekulativ. Es wäre natürlich schon ein ZeitVertreib, sich neue Theorien über das AusSterben der Saurier auszudenken. Aber Irene ist für derartige Diskussionen nicht zu haben, außerdem weiß sie nicht genügend in den NaturWissenschaften Bescheid, und außerdem sind die Saurier ja gar nicht ausgestorben, wie wir jetzt wissen. Hier jedenfalls nicht.

Wir werden ja noch mehr darüber erfahren, wenn wir uns in dieser Höhle länger aufhalten sollten, und die BioSphäre hier tatsächlich genau derjenigen entsprechen sollte, die in vergangenen ErdZeitaltern auf der ErdOberFläche vorhanden war. Was ich nicht glaube. Die Evolution macht nie mehrmals genau die gleichen Erfindungen. Diese BioSphäre ist einmalig.

Jedenfalls gibt es Holz, und irgendjemand verwendet Holz, und dieses Holz vergammelt auch, wenn man es zu lange herumliegen läßt, wenn wir auch nicht wissen, wie schnell, und es gibt weniger Insekten, als man in einem derartig schwülen Klima erwarten würde, und es gibt Saurier und bösartige, kleine, beißfreudige aber langsame Tiere und Beeren mit schnell ätzenden Säften. Ich weiß nicht, ob ein Biologe aus diesen Informationen, die wir schon haben, genauere Schlüsse über diese BioSphäre ziehen könnte.

Es zeigt sich, daß diese gerodeten Flächen noch umfangreicher sind als es zuerst den Anschein hatte. Ich muß darauf achtgeben, daß wir nicht die Orientierung verlieren und jederzeit zum FahrWeg zurückfinden können. Da der FahrWeg immer noch ungefähr nach Norden oder vielleicht auch nach NordOsten tendierend führte und wir den östlichen Teil dieser gerodeten Flächen untersuchen, muß ein Marsch nach Westen uns jederzeit zum FahrWeg zurückbringen. - Hoffentlich geht uns der Kompaß nicht verloren! Bei der gleichmäßigen Beleuchtung aus allen Richtungen ist ein Orientieren auf andere Weise nicht möglich.

Wir finden weitere Stellen, an denen offenbar bearbeitete HolzPfähle liegengelassen worden sind, und auf einer sehr kleinen Lichtung finden wir zwei große, eingegrabene HolzPfähle - fünf oder sechs Meter hoch, zwanzig mal fünf Zentimeter im Querschnitt. Etwa fünfzig Zentimeter unter dem oberen Ende dieser HolzPfähle ist eine Kerbe, die den Querschnitt der Pfähle auf zwanzig mal zweieinhalb Zentimeter reduziert. Weitere Holzpfähle der gleichen GrößenOrdnung liegen auf dem Boden. Wozu das ganze gut sein sollte ist nicht ersichtlich. PfahlBauten? Das Ganze sieht unfertig aus.

Wir entschließen uns, zum FahrWeg zurück zu gehen. Dabei geschieht wenigstens noch etwas erfreuliches: An einem niedrigen, palmwedelartigen Strauch hängen Stauden kleiner, gelblicher Beeren, nicht größer als MaisKörner. Routinemäßig probiere ich. Diese Beeren geben keinen ätzenden Saft von sich, wenn man sie öffnet, sondern lassen erkennen, daß sie aus zwei KeimBlättern aufgebaut sind, wie das auch bei vielen bekannten Früchten der Fall ist. Der Geschmack ist mehlig und neutral. Wir entschließen uns, soviele zu pflücken und in unseren RuckSäcken mitzunehmen, daß, wenn sie sich als eßbar herausstellen sollten, mehr als eine MahlZeit gesichert ist. Das Pflücken geht schnell, weil an einer Staude einige hundert Gramm dieser Beeren hängen. Dann erreichen wir wieder den FahrWeg. Es ist 3 Uhr, und wir marschieren weiter wie bisher. Während wir marschieren, testen wir die Beeren. Sie scheinen zu sättigen und keine toxischen Symptome hervorzurufen. Wenn das wahr ist, dann brauchen wir nur noch häufiger diese Pflanze zu finden, und viele unserer Probleme sind gelöst! Irene tauft die Pflanze 'MaisBeerenBusch'. Na gut. Irgendeinen Namen muß sie ja haben.

Um 4 Uhr erreichen wir eine Tiefe von 5400 Meter. Der Weg biegt langsam nach Osten ab, und die Ebene geht wieder in einen Hang über, der nach Norden in unbekannte Tiefen abfällt. Sowohl der Weg als auch der Hang nehmen an Steilheit zu. Aussicht gibt es leider keine, da wir nach wie vor von dem leuchtenden Nebel eingehüllt werden. Die leichten NieselRegenSchauer nehmen an Häufigkeit zu.

Um 5 Uhr Morgens haben wir 5700 Meter Tiefe erreicht. Der Hang ist nun so steil, daß der Urwald sich gerade eben halten kann. Gelegentlich sind schon wieder Felsen zu sehen, und der Weg läßt an vielen Stellen erkennen, daß tief in den Felsen hineingearbeitet werden mußte, um ihm Platz zu verschaffen.

Dann teilt sich der Weg. Die Abzweigung biegt rechtwinklig nach Norden ab und führt auf einen Grat hinaus. Wie es weitergeht, verbirgt der Nebel. Geradeaus nach Osten geht es so weiter wie bisher.

"Hm." sage ich, "ich möchte zu gerne wissen, wo der Weg hingeht. Dieser Grat sieht so aus, als ob er demnächst zu Ende ist. Vielleicht kann man das nach einigen hundert Metern schon erkennen!"

"Und was bringt uns das?" fragt Irene.

"Alles, was wir in Erfahrung bringen, 'bringt uns etwas'. Und mit je weniger Aufwand wir etwas in Erfahrung bringen, desto besser. Wenn wir nichts besonderes finden, gehen wir hierher zurück und dahin weiter." Dabei deute ich auf den Weg nach Osten.

"Kann ich nicht hier bleiben?" fragt Irene.

"Mir wäre es lieber, wenn wir zusammen blieben."

"Aber ich bin schon wieder müde. Du kannst ja zurückkommen und mich holen, wenn wir wirklich da weiter gehen wollen!"

Sie tendiert eindeutig für den weiteren Weg bergab. Na gut, warum soll ich ihr keine RuhePause gönnen? Immerhin, das Gelände ist für einen GroßSaurier zu steil, und wenn die RaubTierFauna sich durchgehend so langsam bewegt wie wir das gesehen haben, dann kann sie sich leicht vor jedem RaubTier in Sicherheit bringen.

"Okay," sage ich, "Ich gebe mir eine Stunde, ja? Das heißt, nach einer halben Stunde kehre ich um. Wahrscheinlich schon viel früher. Du bleibst hier und paßt nur auf, daß dir nichts passiert."

"Willst du den RuckSack hierlassen?"

"Nicht so gerne. Habe gerne alles dabei. Außerdem wird dann unser ErmüdungsGrad symmetrischer!"


        6.2     Golgatha


Sekunden später bin ich auf dem Weg. Ohne Irene gehe ich einen Schritt rascher. Dabei merke ich, wie sehr die Temperatur zugenommen hat. Ich gerate in Schweiß.

Die Hänge dieses Grates sind schon nach hundert Metern Weges zu steil, um PflanzenWuchs zu ermöglichen. Vor mir und hinter mir scheint sich der Weg auf dem Grat im Nebel zu verlieren. Nachdem der Weg die ersten hundert Meter an Höhe verloren hat, steigt er nun wieder an. Seine Qualität und seine Breite nehmen nun deutlich ab - ein Jeep könnte hier nicht mehr fahren. Ich habe den Eindruck, daß auch dieser Weg erst aus dem Grat herausgearbeitet werden mußte.

Als ich erst zweihundert Meter zurückgelegt habe, schält sich vor mir ein breiter Buckel aus dem Grau, allerdings ein Buckel, dessen Hänge senkrecht abfallen. Das Plateau auf dem Buckel scheint kaum bewachsen. Als ich näher trete, schälen sich geometrische Formen aus dem Nebel. Solide, senkrechte Pfähle, mit waagerechten Querbalken daran, die entfernt aussehen wie ...

Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Ich glaube das nicht, was ich sehe. Welche sonderbaren Umstände haben die 2000 Jahre alten, barbarischen VollstreckungsSitten wieder zum Leben erweckt?

Als Bewohner Bayerns ist man den Anblick von Kruzifixen gewohnt. An einzelstehenden Bäumen findet man sie, und an WegGabelungen. Im Allgemeinen tragen sie ein Bild des Heilandes, und gelegentlich sind auch noch weitere Figuren einer solchen KreuzigungsDarstellung zugeordnet, die ich mangels genauer Kenntnis der Bibel nicht identifizieren kann.

Diese Darstellungen sind Ausdruck der religiösen Gefühle der Menschen und aus der Tradition und dem WerteSystem des Christentums und der Biographie seines Begründers heraus zu verstehen. So nimmt auch niemand daran Anstoß, daß es sich um die Darstellung einer grausamen HinrichtungsMethode handelt. Niemand aus dem europäischen KulturKreis käme auf die Idee, hinter solchen Darstellungen etwa SchadenFreude oder Sadismus zu vermuten. Deshalb haben wir uns an die KreuzigungsDarstellungen gewöhnt, deshalb, und weil man sich sowieso so leicht an alles gewöhnt.

Aber in eine echte Kreuzigung hineinzugeraten ist etwas anderes. Diese Kreuze da vorne sind keine religiösen Darstellungen. Sie sind groß - fünf bis sechs Meter hoch, der QuerBalken ist einen halben Meter unter dem oberen Ende befestigt und über zwei Meter lang, passende Scharten verkeilen die beiden HolzTeile miteinander, Seile verhindern das AuseinanderRutschen.

Die Kadaver - menschliche Kadaver - sind mit Seilen befestigt, wobei die Seile die Zeit besser überstanden haben als die Verurteilten. Diese sind in den verschiedensten Stadien der Mumifizierung oder Verwesung. Einige Leichen sind teilweise schon aus der SeilFesselung herabgefallen. Auf dem Boden des KreuzigungsPlateaus liegen deshalb viele LeichenTeile und noch mehr Knochen, die schon keinerlei WeichTeilReste mehr aufweisen.

Vorsichtig betrete ich das Plateau, mein gezogenes Messer umklammernd. Zwei Vögel fliegen mit schwerem FlügelSchlag von einem der Kreuze weg. Ich betrachte die Hingerichteten genau, zwinge mich dazu. Nicht, daß ich vor den Toten Angst hätte. Aber der Schreck ist mir allgemein in die Glieder geschossen, und dabei ist es ein gutes HeilMittel, eine Waffe in der Hand zu halten. Außerdem besteht ja auch die Möglichkeit, einem lebenden Wesen zu begegnen. Obwohl ich nicht weiß, wie ich mich gegenüber einem ganzen HinrichtungsKommando wehren sollte.

Das Plateau ist nach allen Seiten von steil anfallenden Wänden begrenzt. Der Weg ist damit zu Ende. Ich kann mit einem Blick übersehen, daß ich hier der einzig Lebende bin. Trotzdem suche ich das ganze Plateau ab.

Es sind elf stehende VollstreckungsKreuze. Davon sind zwei unbenutzt. Auf einem Haufen an der Seite liegen weitere sieben Kreuze gestapelt, außerdem liegen da etliche HolzPfähle durcheinander, die vielleicht einmal BestandTeil eines VollstreckungsKreuzes waren. Weiterhin liegen am Rande des Plateaus, achtlos auf einem Haufen, SeilStücke verschiedener Länge.

Dann gehe ich den Rand des nur etwa 50 Meter durchmessenden Plateaus ab. Ich habe den Verdacht, daß man gelegentlich, wenn hier zuviele LeichenTeile rumliegen, das Zeug einfach alles in die Tiefe wirft. Es weist nichts darauf hin, aber dafür finde ich einen Pfad, genau gegenüber der Stelle, an der ich das Plateau vom GratWege aus betreten habe. Dieser Pfad windet sich abenteuerlich die senkrechte NordWand hinunter. Die Bewohner dieser Welt scheinen ihren Spaß an höhenschwindelfähigen Situationen zu haben. Ich lasse meinen Blick noch einmal über das ganze Plateau gleiten - Naja, HöhenSchwindel ist offenbar nicht das einzige, woran sie Spaß haben.

Jedenfalls habe ich alles gesehen. Deshalb mache ich mich wieder auf den RückWeg. Es dauert keine zwei Minuten, bis ich wieder an der WegGabel bin, an der Irene auf mich wartet.

"So schnell?" wundert sie sich. Mit knappen Worten erzähle ich ihr, was ich gesehen habe.

"Wenn du es nicht glaubst, dann gehen wir nochmal zusammen hin und sehen es uns an! Es ist nicht weit!" beende ich meinen Bericht. Sie beschließt, mir lieber zu glauben.

"Aber was nun?" fragt sie ratlos.

"Ich weiß nicht." sage ich, genauso ratlos. "Und schon gar nicht weiß ich, womit man diese Leute so auf die Palme bringt, daß sie einen auf diese Weise bestrafen. Wenn wir ihnen begegnen sollten, dann müssen wir verdammt vorsichtig sein. Übrigens, erinnerst du dich an die großen HolzPfähle im 'Obstgarten'? Das müssen auch VollstreckungsKreuze gewesen sein. Wesentlich ältere."

Nach einigen weiteren Erörterungen, die absolut keine neuen GesichtsPunkte bringen, setzen wir unseren Weg fort. Was bleibt uns auch sonst übrig?

Wir marschieren schweigend. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Wahrscheinlich denkt Irene an ähnliches wie ich: Die vielen Methoden, mit denen diese Welt uns ans Leben kann: Abstürzen, Verhungern, vergiftet werden, gefressen werden, hingerichtet werden, was noch? An AltersSchwäche sterben, wenn wir hier nicht mehr rauskommen sollten. Der Vollständigkeit halber. - An LangeWeile sterben ist eher unwahrscheinlich.

Der Hang wird immer steiler, und auch der steile FahrWeg belastet unsere Knie nicht unerheblich. Um 7 Uhr unterschreiten wir eine Tiefe von 6000 Metern. Der Weg windet sich jetzt an einer senkrechten Wand ohne Vegetation herunter. Erstmalig werden wieder kurze WegStücke im Tunnel geführt, so wie wir das schon kennen. Das ist uns durchaus angenehm, da wir immer häufiger von plötzlichen, warmen Schauern durchtränkt werden. Unsere ganze Ausrüstung ist schon feucht, und wenn diese RegenHäufigkeit so bleibt, dann wird die Feuchtigkeit den letzten Winkel unserer RuckSäcke erreichen.

Nur wird der Hang allmählich überhängend, was sich zunächst darin äußert, daß wir wieder seltener von RegenTropfen erreicht werden. Aber überall dort, wo der Weg noch außen am Felsen entlang führt, wo er also in Form einer großen Rille aus dem Felsen herausgearbeitet worden ist, kann man nur Zentimeter neben einem grauwirbelnden Abgrund gehen - es gelingt nicht mehr, die FelsWände unterhalb des Weges und unterhalb des eigenen StandPunktes zu sehen. Da geht es einfach in die Tiefe, senkrecht hinunter in den Nebel hinein.

Der Winkel der ÜberHangNeigung überschreitet 45 Grad. Als wir um eine Biegung herumgehen, stehe wir vor einer neuen AlpTraumKonstruktion: Der Weg geht wieder in eine HängeBrückenKonstruktion über.

Diesmal jedoch ist die Konstruktion für die Benutzung durch Wagen entworfen. Man stelle sich stabile HolzPlanken vor, vierzig bis fünfzig Zentimeter breit und fünf Zentimeter dick. Davon jeweils zwei parallel, im Abstand der Räder eines gewöhnlichen PKWs. In Abständen von etwa acht Metern gibt es eine QuerPlanke, die diese beiden FahrSpuren in konstantem Abstand hält.

Diese ganze Spur ist nach Art einer HängeBrücke an Seilen aufgehängt. Allerdings führen diese Seile vom Rand der FahrSpur nicht senkrecht nach oben wie bei einer gewöhnlichen HängeBrücke, sondern in einem Winkel von wechselnd 30 bis 45 Grad nach außen. Dabei enden diese TrageSeile entweder an massiven EisenKrampen, die in die FelsDecke geschlagen worden sind, oder sie sind mit einem dicken TrageSeil verbunden, das einen weiten Abstand überspannt und seinerseits dann um so fester mit dem Felsen verbunden ist.

Die verwendeten Seile sind nicht aus Stahl, so wie bei der SeilBrücke, die wir schon überwunden haben. Wahrscheinlich wegen der Feuchtigkeit. Die ganze Anlage macht einen intakten und gewarteten Eindruck - da habe ich schon Schlimmeres erlebt, etwa in Schottland auf der Insel Skye: Das war eine SeilBrücke, aus der Fetzen von SeilStücken und ganze Planken heraushingen. Das ist hier überhaupt nicht der Fall.

Ich lese UhrZeit und HöhenMesser ab. Es ist 8 Uhr, und wir sind in 6200 Meter Tiefe.

"Müssen wir da hinüber?" fragt Irene.

"Ja. Aber wir können durchaus eine Pause machen. Wir sind schon acht Stunden unterwegs. Allerdings weiß ich nicht, wo wir uns hier verstecken können, wenn jemand kommt."

"Ich bin noch nicht müde. Aber Pause ist okay!" strahlt Irene mich an. Also entschieden: Wir machen eine Pause.


        6.3     HängeStraße


Es ist eigentlich nicht gefährlich. Die Planken sind nie besonders steil, und fünfzig Zentimeter Breite ist eigentlich ausreichend, um sicher darauf zu gehen. Die TrageSeile sind allerdings außerhalb der ReichWeite der Hände - Festhalten geht nicht. Und die FahrSpuren zu wechseln ist auf den nur zwanzig Zentimeter breiten AbstandHaltern, deren Festigkeit wir auch nicht kennen, nicht anzuraten, und auf den TrageSeilen, die unter beiden FahrPlanken durchgeführt sind, trauen wir uns auch nicht zu balancieren. Wir sind ja keine SeilTänzer. Springen kommt auch nicht in Frage. Wir benutzen deshalb beide die linke FahrSpur und sind damit für die gesamte Länge der Brücke darauf festgelegt.

Die eine Stunde Pause, in der wir den größten Teil unseres MaisBeerenVorrates verfuttert haben, hat uns gut getan. Das ist auch notwendig, denn jetzt ist Konzentration angesagt.

Die Brücke schwankt kaum merkbar, während wir auf ihr gehen. Der weit überhängende Felshang entwickelt sich jedoch bald zu einer unebenen FelsDecke. Eine merkwürdige Landschaft: FelsenEbene im Nebel, nur eben auf dem Kopf stehend.

Die Brücke - oder der HängeWeg, oder wie man sonst noch eine solche Konstruktion nennen mag, man müßte sich wirklich mal weitere Bezeichnungen ausdenken - ist lang, und langsam verlieren wir weiter an Höhe. Der Weg schlängelt sich um alle größeren Unebenheiten der Felsdecke herum, jeder konstruktiven BrückenBauHerausforderung, die man nicht unbedingt annehmen muß, ausweichend. Ich sehe selten auf den HöhenMesser, denn ich möchte ihn auch nicht verlieren: Was uns hier aus der Hand fällt, das sehen wir nie wieder, wenn es nicht zufällig auf der Planke liegenbleibt. Gefährlicher: In einer ReflexBewegung, um den Gegenstand aufzufangen, könnte man das Gleichgewicht verlieren.

Um 10 Uhr haben wir eine Tiefe von 6350 Metern erreicht, um 11 Uhr sind es 6500 Meter. Phantastisch: Diese Brücke zieht sich schon etwa acht Kilometer hin! Allmählich bedauern wir, daß wir vorher keine ausgedehntere Pause gemacht haben.

Dann geschieht endlich etwas Neues: Wir erreichen eine Abzweigung. In rechtem Winkel zu unserem Weg zweigt eine HängeBrücke gleicher Bauart von unserem Kurs ab. Noch innerhalb der SichtWeite, die der dünne Nebel uns läßt, sehen wir, daß der Abstand zwischen den Planken des abzweigenden Weges und der FelsDecke geringer werden. Wir entschließen uns, dem nachzugehen.

"Hoffentlich nicht wieder eine HinrichtungsStätte!" sagt Irene.

"Wohl kaum. Der ganze Weg ist doch eine HinrichtungsStätte: Man braucht die Delinquenten ja nur runterzuschubsen!"

"Du hast eine perverse Phantasie!"

"Ich denke nur an das naheliegende!" wehre ich mich, "auch für eine paranoid grausame Gesellschaft gilt, daß unnötige Anstrengungen vermieden werden. Wenn also irgendjemand den Aufwand tätigt und die Delinquenten bis zu der KreuzigungsStätte bringt, die ich gesehen habe, dann ist es ziemlich sicher, daß hier nichts dergleichen geschieht!"

"Ausgenommen den Fall, daß hier die HinrichtungsStätten so häufig sind wie bei uns die StraßenSchilder." erwidert sie. Ich weiß darauf nichts zu sagen. Hat es nicht auch in MittelEuropa Zeiten gegeben, in denen der Galgen am DorfAusgang ein vertrauter Anblick war?

Wir brauchen dem abweigenden Weg nicht lange zu folgen, um herauszukriegen, worum es sich handelt: Als die Planken der FelsDecke näherkommen, öffnet sich dort ein drei Meter breites und vielleicht siebzig Meter langes Loch. In diesem Loch steigen die Planken über das Niveau der FelsDecke an. Wenig später stehen wir in einer Höhle, die nur spärlich durch das Licht, das durch das längliche Loch von unten hereindringt, erleuchtet wird. Für eine weitergehende Erforschung dieser Höhle müßten wir unsere DynamoLampen auspacken.

Doch das ist wohl unnötig. Ich sehe, worum es sich handeln könnte:

"Eine StraßenMeisterei!" sage ich und deute auf die Materialien, die auf dem FelsBoden, der im Durchschnitt nicht mehr als ein Meter dick zu sein scheint, aufgestapelt sind: HolzPlanken, SeilRollen und zackige, schwere MetallTeile.

"Wir könnten uns jetzt vielleicht mit Seilen versehen!" überlege ich laut.

"Wenn du glaubst, daß ich jetzt anfange, noch eine SeilRolle zu schleppen, dann hast du dich geschnitten!" protestiert Irene.

"Schon gut! Behalten wir die Idee im HinterKopf - für den RückWeg."

Wenn wir überhaupt jemals wieder hier vorbeikommen, füge ich im Stillen hinzu, aber ich behalte es für mich. Wir verlassen die StraßenMeisterei oder die BrückenMeisterei-Höhle wieder und folgen wenig später wieder unserem gewohnten Weg, der HängeBrücke entlang.

Zu spät denke ich daran, daß ich mir die MetallTeile hätte genauer ansehen müssen - GußEisen, oder SchmiedeEisen, oder gar Stahl? Korrodiert oder nicht? Es ist immer mein Fehler, nicht genau genug zu beobachten. Und gerade hier sollten wir alles in Erfahrung bringen, was man durch bloßes Beobachten erfahren kann. Wer weiß, wann es uns nützlich sein kann. Aber dann habe ich auch gleich wieder die Beruhigung für mein Gewissen: Es war in dem Loch ja sowieso zu dunkel.

"Ist der Wind nicht stärker geworden?" fragt Irene nach einer Weile schweigenden Marschierens.

"Hmh. Weiß nicht." Ich habe tatsächlich nicht darauf geachtet, auch darauf nicht. Aber jetzt, wo Irene es sagt, kommt es mir auch so vor. Allerdings ist bei der schwülen Hitze jeder Luftzug angenehm.

Die Brücke macht Geräusche. Als wir losgingen, war nur gelegentlich das Knarren von Seilen zu hören, das von Knoten ausging oder von den Stellen, wo die Planken von den Seilen getragen werden. Die Konstruktion ist so stabil, daß unser Gewicht praktisch keine Rolle spielt. Jetzt aber gehen von der gesamten Länge der Brücke Geräusche aus, die an ein altes SegelSchiff erinnern, das in einem leichten Wind an der AnkerKette schwoit. Ein SegelSchiff ist nie ganz ruhig, und jetzt ist es die Brücke auch nicht. Aber das Geräusch ist nicht beunruhigend. Bei dieser Bauart ist eine ständige GeräuschKulisse zu erwarten.

Nun aber, einmal darauf aufmerksam gemacht, achte ich ständig darauf. Der vorherrschende Wind kommt von links, bei unserer etwa östlichen MarschRichtung heißt das, er kommt von Norden. Aber da der Nebel in keiner Richtung eine Sicht von mehr als hundert bis zweihundert Metern zuläßt, sind irgendwelche WetterBeobachtungen nicht möglich - abgesehen davon, daß ich sowieso Schwierigkeiten hätte, WetterErscheinungen unter den Bedingungen dieser Höhle zu interpretieren oder gar vorauszusagen.

Trotz der schlechten Sicht scheint allerdings gelegentlich das Grau unter uns dunkler als das Grau in horizontalen Richtungen. Ob wir uns einer UnterGrenze der Wolken nähern? Ich inspiziere mal wieder Uhr und HöhenMesser: 12 Uhr und 6700 Meter Tiefe.

Wir hätten nichts dagegen, allmählich wieder festen Grund unter die Füße zu bekommen.

Eine weitere halbe Stunde später ist dieser Wunsch sehr ausgeprägt geworden: Der Wind hat so zugenommen, daß die FahrPlanken deutlich schwanken. Wir sind noch nicht in echter Gefahr, solange wir konzentriert gehen, aber auch eine geringe UnfallWahrscheinlichkeit multipliziert mit einem hinreichend großen Zeitraum bedeutet eine sehr konkrete Bedrohung.

Die Geräusche der Brücke sind sehr laut geworden. Der Wind pfeift um die Seile, Knarren und Quietschen scheint von jedem Knoten und von jeder Verbindung auszugehen, manchmal zucken die Planken unter den Füßen, als ob irgendwo in der SeilVerspannung ein Knoten nachgelassen hat.

Ich spiele häufiger mit dem Gedanken, umzukehren und in der BrückenMeisterei Schutz vor dem Wind zu suchen. Wahrscheinlich überlegt Irene ähnliches, auch wenn sie nichts sagt. Aber bis dahin zurückzugehen, das ist inzwischen auch schon wieder eine ganz ordentliche WegStrecke. Wahrscheinlich würden wir es tun, wenn es sich nur um wenige hundert Meter handelte.

Unter unseren Füßen ziehen dunkle Flecken vorbei. Ab und zu scheinen da richtige Lücken in den Wolken aufzureißen, und ich habe kurz und undeutlich Eindrücke von Landschaften genau unter uns: Bewaldete Höhen, ein mäandernder Fluß, einzelne Bäume, alles sehr, sehr weit weg, also tief unter uns. Einige Kilometer mindestens. Wenn mich meine Augen nicht täuschen, dann ist die ganze Höhle, zusammen mit den 7000 Metern Tiefe, die wir bald erreichen werden, größenordnungsmäßig zehn Kilometer tief! - Ich kann es nicht glauben.

Und wieder mache ich überschlagsmäßige Statik-Berechnungen. Eine kilometerweite FelsDecke gibt es nirgendwo anders auf der Welt. Ich denke an die BrückenMeisterei: Ob man bei deren Bau daran gedacht hat, daß der Fels an der Stelle von ZugKräfteFeldern durchsetzt sein muß, die man durch die Auskerbung dieser Höhle lokal verstärkt?

Durch einige dieser flüchtigen WolkenLücken sehe ich, daß in unserer MarschRichtung sich aus den mittelgebirgsartigen Bergen unter uns höhere Berge herausheben, die von alpinen Felsenzonen gekrönt werden. Einer davon, in MarschRichtung, ist so hoch, daß ich seinen Gipfel überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen habe.


        6.4     WeltHöhle


Schon eine ViertelStunde später weiß ich, warum: Dieser Berg geht in eine Säule über, die sich offenbar mit der FelsDecke, unter der wir entlangmarschieren, verbindet. Ich kann das immer deutlicher sehen, weil wir allmählich die 7000 Meter Tiefe erreichen und um 13 Uhr unterschreiten. Als die WolkenFetzen uns auch die Sicht seitlich nicht mehr versperren, weitet sich die Aussicht innerhalb weniger Minuten ins Gewaltige aus:

Wir stehen in der Tat einige tausend Meter über einer MittelGebirgsLandschaft, deren Berge aus dieser Perspektive flach aussehen, obwohl auch dort relative HöhenUnterschiede bis an die tausend Meter und mehr vorkommen mögen. Schräg unter und hinter uns windet sich ein großer Strom durch teilweise steile Täler. An anderen Stellen durchfließt er aber auch SchwemmLand - Täler mit ebenem Grund. Die Landschaft ist jedenfall sehr abwechselungsreich, von lieblich bis wild und unbegehbar.

Vor uns nehmen die Berge alpine Formen an, und einige gehen in Säulen über, von denen die, die genau in MarschRichtung liegt, sich offensichtlich mit unserer FelsDecke verbindet. Die anderen Säulen verschwinden in der WolkenDecke.

Doch zwischen den Säulen kann man in die Ferne sehen - weit in die Ferne. Ich habe den Eindruck, daß es in einigen Richtungen hunderte von Kilometern sind. Überall gibt es diese Säulen, die vom Boden einer gemäßigteren Landschaft bis in die Wolken aufsteigen. In größeren Abständen zu diesen Säulen tendiert die Landschaft zu Mäßigung.

Links von uns, im Norden, liegt ein See, dessen jenseitige Ufer wir nicht sehen können. Der Fluß, der fast unter uns liegt, fließt dorthin, und es sind vielleicht zwanzig bis dreißig Kilometer bis zu dessem diesseitigen Ufer. Dieser See schlängelt sich, Kilometer breit, für Dutzende von Kilometern zwischen den HochGebirgs- und SäulenZonen dahin, soweit die Sicht reicht.

Rechts von uns, im Süden, scheint die Lanschaft durchgehend dichter bewachsen - man hat den Eindruck, als ob der Dschungel für Dutzende von Kilometern keine einzige Lichtung hat, wenn man von den HochGebirgsZonen in der Nähe der Säulen absieht. Auch nach Süden ist nirgens ein endgültiges Ende der Höhle zu sehen, aber in vielleicht zehn bis fünfzehn Kilometern Entfernung versperrt eine tiefliegende WolkenSchicht den weiteren Blick auf die Landschaft darunter. Von dort an bis in verschwimmende Fernen sieht man nur die gewaltigen FelsSäulen, die aus der unteren WolkenSchicht hervorragen und in der WolkenSchicht über uns verschwinden. Gelegentlich sind auch vereinzelte BergGipfel zu sehen, die diese untere WolkenSchicht durchstoßen.

Die WolkenSchicht über uns, die wir jetzt durchwandert haben, scheint sich umfassend und lückenlos über diese gesamte Welt zu erstrecken. Da sie sich knapp über unserer Höhe befindet, haben wir den Eindruck, uns in der Nähe der Decke einer immensen Halle zu befinden. Aber wenigstens sieht diese WolkenDecke, von unten betrachtet, wie eine gewöhnliche, hochliegende WolkenDecke an der ErdoberFläche aus. An einigen Stellen hängen Schleier aus dieser WolkenSchicht, die wir unschwer als Regenschauer identifizieren. Nicht alle erreichen den Boden, dafür sind an vielen Stellen über dem Boden treibende, weiße NebelFetzen zu beobachten. Mit einem Blick sieht man, daß das DurchschnittsWetter überall feucht und schwülwarm ist.

Interessant ist auch, daß die Beleuchtung nicht überall gleich stark ist. Im Norden, über dem See, liegt wesentlich mehr Licht als dort, wo wir uns befinden. Man hat fast den Eindruck, als ob, an einer unserer Sicht durch einige der Säulen entzogenen Stelle die Sonne durch die Wolken bricht. Aber das ist natürlich nur eine Illusion - wir haben uns in den letzten Tagen an die geringe BeleuchtungsStärke so gewöhnt, so daß uns leichte HelligkeitVariationen schon viel mehr auffallen müssen. Wenn meine Hypothese von der geothermischen EnergieVersorgung des WetterSystems in diesen Höhlen richtig ist, dann kann nirgends eine größere LeuchtDichte als ein oder höchstens einige Watt pro QuadratMeter herrschen.

Vor uns, die SäulenGruppe, auf die wir zumarschieren, hinter uns, in größerer Entfernung, eine SäulenGruppe, aus deren Richtung wir kommen. Das muß ungefähr unter der Gegend sein, die wir in dieser Unterwelt als erste betreten haben. Das heißt aber auch, daß manche dieser Säulen eine Höhe von vollen zehn Kilometern haben, bei einem DurchMesser von einem bis drei Kilometern.

Irene hat wie ich angehalten. Dieses Bild muß man erst einmal verdauen, auch, wenn man dauernd damit beschäftigt ist, das GleichGewicht zu behalten.

"Ich glaube es nicht," sagt sie, "ich glaube es einfach nicht!"

"Was soll ich erst sagen," entgegne ich, und versuche, die Situation ins Komische zu ziehen: "ich weiß, daß so eine Welt nicht existieren kann! Nach allem, was Geologie und Physik sagen, gibt es das hier einfach nicht!"

Geologie und Physik und GesteinsKunde und Statik. Wie sollen Höhen und lichte Weiten mit Abmessungen, die mehr an zehn als an einem Kilometer liegen, stabil sein, wenn das 'BauMaterial' gewöhnlicher Fels ist? Höhlen im KubikKilometerBereich war ich noch bereit zu akzeptieren. Das war das äußerste. Aber das hier?

"Irene, was wir hier sehen, ist so groß wie ganz OberBayern! Ach was, größer!"

Läßt sie diesen Gedanken auf sich wirken? Von Füssen bis Altötting, von Bozen bis IngolStadt, die gesamte bayrische Landschaft steht und stand schon immer über einer urweltlichen Landschaft, die man sich in der kühnsten Phantasie nicht ausdenken kann. Wer weiß? Vielleicht gehen die Höhlen noch viel weiter als wir es hier sehen können? Ist vielleicht ganz Europa unterhöhlt? Aber es gibt doch auch in Europa an vielen Orten ÖlBohrungen und BergWerke! Wenn diese Höhlen tatsächlich so ausgedehnt sind, dann hätte man sie doch längst per Zufall entdecken müssen!

Wir gehen wieder weiter. Zwar wird der Wind nicht mehr stärker, aber irgendwann müssen wir uns ausruhen. Ich nehme an, daß wir an der Säule, auf die wir uns zubewegen, absteigen können. Es sind vielleicht noch etwa zwei Kilometer, und die FelsDecke über uns senkt sich dorthin deutlich ab. Sie scheint fast einen Kilometer breit zu sein, bevor sie rechts und links wieder in den Wolken verschwindet, und hinter uns ist sie hinter der WolkenSchicht, aus der wir gerade gekommen sind, auch nicht mehr zu sehen.

Der hängende FahrWeg steuert die linke Seite der nächsten Säule an. Diese ist unregelmäßig geformt, wie wir im NäherKommen bemerken. Der Weg nähert sich der SäulenWand in spitzem Winkel, wobei die FelsenDecke zusehends von der Horizontalität abweicht. Wahrscheinlich wird sich die BauForm des Weges bald wieder ändern. Hoffentlich. Wir haben, nach über dreizehn Stunden Marsch, eine Pause nötig.

Ein Vorsprung, oder ein Grat, oder eine Falte oder wie immer man diesen VorSprung der Säule nennen will schiebt sich langsam an unserer Rechten vorbei. Aus schwindelerregendem steilen Winkel sehen wir in die FelsWände hinunter. Dabei habe ich plötzlich den Eindruck, als ob sich da unten etwas bewegt. Aber ich sage nichts, weil ich glaube, mich geirrt zu haben. Wozu Irene beunruhigen. Oder mich selbst.

Dann jedoch sehen wir, daß wir demnächst eine Abzweigung erreichen werden. Nach rechts, von unserem hängenden FahrWeg abzweigend, führt eine weitere HängeBrücke. Diese besteht aber nur aus Seilen und ist wohl kaum für Fahrzeuge brauchbar. Die Konstruktion kennen wir schon: Ein dickes TretSeil und zwei HandSeile, gelegentlich mit kurzen SeilStücken miteinander verbunden und immer mit einem hängenden Bogen von fünfzig bis hundert Metern auf den SäulenGrat zuführend. Das SeilMaterial ist das gleiche wie bei unserem FahrWeg.

"Halt mal an," sage ich. Ich muß mal genauer hinschauen.

Die abzweigende SeilBrücke scheint dort, wo sie die SäulenWand erreicht, in einen abwärts führenden KletterSteig überzugehen. Das ist so ungefähr fünfhundert Meter zu unserer Rechten der Fall. Der KletterSteig wird ab und zu tatsächlich durch PfadStücke unterbrochen. Kaum glaubhaft, daß in der steilen Wand immer noch Stellen sind, wo man sich ohne technische HilfsMittel kletternd bewegen kann. Das wird durch die Unregelmäßikeit der Wand bewirkt, es gibt genauso viele Stellen, wo ÜberHänge einem Kletterer unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen würden. Deshalb ist der Weg abwärts eine wechselnde Folge von KletterSteigen und ungesicherten PfadStücken.

Dabei, der Tradition von allem folgend, was wir schon gesehen haben, ist es für das WegLassen jeder Sicherung ausreichend, wenn man irgendwelche Griffe hat, an denen man sich sicher halten kann, auch, wenn man einen Kilometer Luft unter dem Hintern hat. In den Alpen würde man so etwas noch nicht 'gesicherter KletterSteig' nennen.

Ich folge mit meinem Blick den Pfad abwärts, was nicht ganz einfach ist, weil er sich an vielen Stellen kaum vom Fels rechts oder links des Weges unterscheidet. Aber dann sehe ich es: Menschen!


        6.5     GefangenNahme


Ich versuche, Irene drauf aufmerksam zu machen. Sie sind vielleicht etwas mehr als tausend Meter unter uns, und wenn man eine Weile hinsieht, dann stellt man fest, daß sie aufwärts klettern. Es handelt sich um etwa acht oder zehn Menschen. Weitere Einzelheiten kann man nicht erkennen. Wir halten uns nicht damit auf, sie zu zählen:

"Die werden die WegAbzweigung da vorne erreichen!" zeige ich Irene, "also, in welche Richtung machen wir uns davon?"

Überflüssige Frage. Zurück hieße, dem elendiglich langen HängeFahrWeg wieder für Stunden zu folgen. Außerdem wird das genau die Richtung sein, die diese Leute auch einschlagen werden, weil ihre generelle Richtung ja nach oben ist. Wir aber werden, wenn wir dem FahrWeg weiter wie bisher folgen, an Höhe verlieren.

Beim WeiterGehen legen wir einen Schritt zu, obwohl das eigentlich unnötig ist. In dem Gelände, das die Gruppe da unten noch zu durchqueren hat, kann man nur sehr langsam vorwärts kommen. Es wird noch Stunden dauern, bis sie diesen Fahrweg an der Abzweigung betreten, die wir nach wenigen Minuten wieder hinter uns lassen.

Allerdings ist es möglich, daß sie uns schon gesehen haben. Auch wenn sie aus der Ferne keine Einzelheiten erkennen können, wissen wir denn, ob eventuell aus irgendeinem Grund sich hier im Moment gar keine Menschen aufhalten können, so daß wir uns sofort verdächtig machen? Ich denke an die verlassene Stadt. Ein verbotenes Gebiet? Ein Gebiet, das nur Auserwählte betreten dürfen? Eventuell, um die Bewohner des TiefLandes, das wir jetzt so weit um uns herum sehen, davon abzuhalten, zur ErdoberFläche zu gelangen? - Eine Hypothese von vielen.

Unser HängeFahrWeg nähert sich der Säule. Die FelsDecke wird sehr uneben und unregelmäßig. Eine große, gewölbeartige Einbuchtung muß mit einer mehr als hundert Meter überspannenden Brücke überwunden werden. Der Fels ist für ein paar Minuten wieder einige hundert Meter über unseren Köpfen und bildet einen Dom. Unsere Stimmen hallen, wenn wir nach oben sprechen, und sie verfliegen ins Leere, wenn wir das nach unten tun. Aber die Brücke ist sauber und vertrauenerweckend ausgeführt: sie schwankt nicht mehr als der bisherige FahrWeg. Dann nähern wir uns einer Stelle, wo der FahrWeg in einen FelsenBogen hineinführt, ein natürliches Portal, gewissermaßen.

Tatsächlich. Wir haben es geschafft. Der Weg geht wieder in einen aus dem Felsen gearbeiteten Fahrweg über. Sein Gefälle ist vielleicht 15 Grad, und wir können die kletternden Menschen von hier aus nicht mehr sehen. Es ist 14:30 Uhr, und der HöhenMesser nähert sich der zweiten Umrundung der Skala. Umgerechnet sagt er, daß wir uns in 7300 Meter Tiefe befinden.

Der FahrWeg hat sogar den Luxus einer RandMauer. Die SicherheitsZunahme der Vorwärtsbewegung von einem Moment zum anderen ist fast berauschend. Soviel Grund, uns einem FreudenTaumel hinzugeben, haben wir natürlich nicht: Der Hunger meldet sich schon wieder ganz dringlich, und wir haben nichts mehr, außerdem machen sich mehr als 14 Stunden Marsch in unseren Beinen deutlich bemerkbar. Wegen des Hungers möchte ich an Ort und Stelle keine Rast oder gar SchlafensPause einlegen, außerdem habe ich das Gefühl, daß hier schon häufiger mit Menschen - oder was für Wesen diese Gegend auch immer bewohnen - zu rechnen ist. Der RückWeg ist uns ja schon versperrt, wenn wir diese Begegnung vermeiden wollen.

Da der FahrWeg wesentlich steiler als der Hängende Weg ist, verlieren wir nun rasch weiter an Höhe: Um 15 Uhr sind wir in 7600 Metern Tiefe, und um 16 Uhr sind es 8100. Der HöhenMesser geht in seine dritte Runde.

Der Weg ist die meiste Zeit rillenartig in den Fels hineingearbeitet, nur gelegentlich durch kurze TunnelStücke unterbrochen. Wir zählen bis 16 Uhr insgesamt sechs Kehren. Erst nach 16 Uhr, als wir die 8000 Meter unterschritten haben, wird der Hang weniger steil, und bald zeigen sich auch wieder VegetationsReste: Farne, Mose, allerlei Gebüsch. Immer noch tief unter uns das undurchdringliche Grün eines dampfenden Dschungels, an einer Stelle so durchbrochen, als ob eine schmale, aber sehr tiefe Schlucht parallel zu unserer Straße läuft.

Und es ist verdammt schwül und warm. Ich schätze, daß es 27 Grad bei hoher LuftFeuchtigkeit sind. Selbst die gelegentlichen RegenSchauer bringen kaum eine Kühlung, aber es ist natürlich besser als nichts.

Ich rechne damit, daß es bald möglich ist, den Weg zur NahrungsSuche und zum Finden eines SchlafPlatzes zu verlassen. Noch ist das zu sehr mit Kletterei verbunden.

Dann höre ich das Klirren von Metall auf Stein. Es muß hinter der nächsten Biegung sein, die in etwa achtzig Metern Entfernung vor uns den weiteren Verlauf des Weges unseren Blicken entzieht.

"Irene, da hinauf!" flüstere ich heftig. Irene erschrickt. Sie hat nichts gehört, aber meine Reaktion sagt ja deutlich genug, was uns droht.

Wir können uns einen guten Aufstieg nicht mehr aussuchen. Eine geriffelte Scharte ermöglicht uns, innerhalb weniger Sekunden eine Höhe von vielleicht sieben Metern über dem Boden der Straße zu erreichen. Aber da ist nur ein Sims, der so schmal ist, daß er uns unmöglich vollständig vor den Blicken von der Straße schützen kann. Außerdem ist kaum Platz für uns beide. Wir kauern uns hin so gut es eben geht. Da sind noch einige Sträucher, die sich an dem abschüssigen Fels festhalten. Wenn diese etwas größer wären, dann wäre das jetzt sehr nützlich.

Die letzten Steinchen, die wir losgetreten haben, kommen endlich auf der Straße zur Ruhe.

"Sei leise!" flüstere ich, "beweg dich nicht mehr!"

Wir bewegen uns nicht mehr. So gut es eben geht. Unser Halt ist nicht besonders sicher. Hoffentlich muß keiner niesen oder husten.

Wir liegen zueinander gewandt auf dem Sims, so daß wir uns sehen können. Meine BlickRichtung ist wegabwärts, also dahin, von wo der Laut gekommen ist, Irene sieht in die GegenRichtung.

Und dann kommen sie um die WegBiegung. Es ist eine größere Gruppe als die, die wir vorhin von weitem den KletterSteig haben hinaufsteigen sehen. Es dauert eine ganze Weile, bis alle in Sicht sind.

Es sind Menschen wie wir, äußerlich wenigstens. Also wenigstens keine Monster. Allerdings war das eigentlich schon durch die LeichenReste an der KreuzigungsStätte klar. Aber abgesehen davon, daß wir und diese Gruppe zur selben Spezies gehören, machen diese etwa vierzig Menschen einen seltsamen, fast theatralischen und fremdartigen Eindruck.

Die Hälfte sind Frauen. Jung, hochgewachsen, selbstbewußt daherschreitend, trotz der Steigung. Sie sind durchtrainiert, in besserer körperlicher Verfassung als wir das aus unserer eigenen Umgebung von Frauen gleichen Alters gewohnt sind. Der routinierte FreizeitSportler hat einen Blick für solche sportmedizinischen Einschätzungen.

Die Kleidung ist seltsam: Eine Art Minirock aus LederStreifen, zusammengehalten durch einen stabilen LederGürtel, an dem noch allerlei AusrüstungsGegenstände hängen. Außerdem trägt jede Frau ein Schwert und einen Bogen.

Die OberkörperBekleidung besteht aus einer LederWeste, die roh und stabil geschneidert ist. Sie ist nicht schließbar, was Einblicke auf die Brüste dieser Frauen ermöglicht. Von UnterWäsche scheinen sie nicht viel zu halten. Das ist umso merkwürdiger, weil innerhalb dieser Westen offenbar noch weitere Gegenstände getragen werden - Messer oder so etwas. Das muß doch scheuern. Aber ich kann nichts genaueres erkennen.

Diese offenherzige Bekleidung scheint aber nicht dazu gedacht zu sein, attraktiv oder gar erotisch zu wirken. Dazu ist der Schnitt zu primitiv. Auch bewegen sich diese Frauen nicht so, wie man es erwarten würde, wenn sie darauf aus wären, die Aufmerksamkeit von Männern auf sich zu ziehen, also etwa hüfteschwingend und was dergleichen mehr. Keinerlei erotische Ausstrahlung. Ihr Schritt ist energisch und selbstbewußt, fast möchte man sagen, militärisch gedrillt. Allerdings impliziert dieses Wort die Vorstellung von GleichSchritt. Im GleichSchritt gehen sie nicht.

Ich erinnere mich an eine Verfilmung des Romanes 'Slave Girl of Gor', in dem die HauptDarstellerinnen in einer konzeptuellen Mischung von ReizWäsche und KampfAusrüstung durch die glühende Sonne der Wüste liefen. Das war zwar recht nett anzusehen, aber völlig unrealistisch. Die VölkerKunde zeigt, daß sich die Menschen südlicher Länder vor der Sonne nach Möglichkeit schützen, durch Kleidung und Aufenthalt im Schatten. Das 'SonnenBaden' ist eine europäische Erfindung, die immer noch geübt wird, weil dermatologische Erkenntnisse es eben schwer haben, sich durchzusetzen. Ein wehrhaftes WüstenVolk würde niemals rumlaufen wie die Mädchen in den bekannten MännerMagazinen. Das UltraviolettProblem haben diese Frauen da unten aber nicht, sondern schon eher das SchweißProblem. Das erklärt vielleicht die Menge der freien HautFläche.

Und ob sie genauso, wie sie jetzt sind, in einen Kampf ziehen würden, bleibt dahingestellt. Soviel freie Haut macht verletzlich. Andererseits ist es sinnvoll, sich zum Marschieren anders zu kleiden als zum Kämpfen. Was kann man schon durch den ersten Blick so in Erfahrung bringen?

Auch die Männer gehen nicht im GleichSchritt. Sie sind ganz genauso gekleidet wie die Frauen, tragen aber weder Schwert noch Bogen. Dafür schleppen sie allerhand andere Ausrüstung, und man sieht eigentlich mit einem Blick, daß sie wesentlich mehr zu schleppen haben als die Frauen. Einige tragen gemeinsam lange Spieße, an denen weiteres Gepäck aufgehängt ist.

Der Schritt der Männer unterscheidet sich von denen der Frauen. Sie sind zwar auch alle durchweg gesund und durchtrainiert, aber sie gehen lustlos. Außerdem reden sie nicht, während einige der Frauen miteinander Gespräche führen. Dadurch ist ihre Aufmerksamkeit gebunden, und wir können guter Hoffnung sein, daß niemand auf die Idee kommt, hochzublicken.

Auf jeden Fall ist auf den ersten Blick klar, wer in dieser Gruppe das Sagen hat. Ich habe sogar den Eindruck, daß die Männer von den Frauen nicht nur wie Untergebene, sondern schon eher wie TrageTiere behandelt werden.

Während die Gruppe näher kommt, habe ich Gelegenheit, meine Beobachtungen zu vertiefen. Ich stelle fest, daß auch die Schuhe aus gewundenen LederStreifen gefertigt sind, und die meisten GepäckStücke. Viele davon werden wie ein RuckSack getragen und sind ähnlich geschnitten wie ein uns gewohnter RuckSack.

Die Haut dieser Menschen ist weder blaß noch gebräunt - etwa so wie die eines MittelEuropäers, der gelegentlich aber nicht allzu häufig ins Freie kommt. Woher in dieser lichtarmen Umwelt eine Pigmentierung kommt, weiß ich nicht.

Beide, Männer und Frauen, sind durchgeschwitzt und dreckig, und zwar ganz ordentlich, wenn man das sogar von hier aus sehen kann. Damit ist der Zweck dieser offenherzigen Kleidung eigentlich sicher: Mit gutem WirkungsGrad schwitzen können, möglichst viel Haut dem direkten LuftKontakt aussetzen.

Die Haare sind mehrheitlich dunkel oder brünett. Der Schnitt ist bei Männern und Frauen gleich: schulterlang und horizontal abgeschnitten, der Pony über den AugenBrauen ist ebenfalls horizontal abgeschnitten. Es macht ein bißchen einen indianischen Eindruck, aber das kommt nur daher, da man in WildwestFilmen Indianer eben mit so einem HaarSchnitt herumlaufen sieht. Einige der Männer, aber keine einzige der Frauen haben ihr Haar zu einem PferdeSchwanz zusammengebunden.

Bei dem Anblick der Bögen kommt einem der Gedanke an Amazonen, und ich versuche, herauszufinden, ob eine der Frauen eine amputierte Brust hat. Das ist natürlich Blödsinn, wie jede BogenSchützin weiß, man kann einen Bogen sehr gut handhaben, wenn man Brüste hat. Es ist auch nirgends der Fall, bei keiner der Frauen. - Komisch, daß einem immer diese alten Legenden einfallen.

Nun sind sie praktisch schon unter dem Platz, wo wir uns so notdürftig verstecken. Noch hat niemand aufgeblickt, und mit jeder Sekunde wird der Winkel zwischen der durchschnittlichen BlickRichtung der Gruppe und der Richtung auf uns zu größer. Es sieht so aus, als ob diese Begegnung noch glimpflich verläuft.

Nun muß ich allmählich den Kopf drehen, um die Gruppe zu verfolgen, während sie in Irenes Blickfeld gerät. Vorsichtig tue ich das. Ich will wissen, ob nicht jemand nach oben blickt, uns sieht und das zunächst für sich behält. - Jetzt ist die Gruppe schon etwa vierzig Meter straßeaufwärts von dem Punkt, wo wir die Straße verlassen mußten. Wegen der starken Steigung der Straße sind sie auch etwa in unserer Höhe. FelsVorsprünge und Gebüsch verdecken uns immer besser. Wir können aufatmen.

Da hören wir Schreie. Haben sie uns entdeckt? Ich versuche zu erkennen, was los ist.

"Sie wollen den Vogel!" flüstert Irene. Dann sehe ich ihn auch: Querab zur Straße ist ein großer Vogel mit einer SpannWeite von fast drei Metern aufgetaucht. Von dieser Sorte haben wir schon mehrere gesehen - sie gleiten schweigend über die Hänge und suchen Beute - wie Bussarde oder andere uns bekannte RaubVögel. Diese Vögel haben sich bis jetzt nicht für uns interessiert und wir nicht für sie.

Offenbar hat man sich in dieser Gruppe entschlossen, den Vogel abzuschießen. Ich sehe die Pfeile nicht, aber der Vogel macht im Fluge einen heftigen Ruck, dann noch einen. Danach geht er in steilem GleitFlug auf die Straße nieder - genau unter uns.

"Scheiße!" flüstere ich. Jetzt kann man nur noch hoffen, daß sie den Vogel überhaupt nicht wollten, sondern nur aus Spaß auf ihn geschossen haben. Die Hoffnung hält nur eine Sekunde. Dann kommen zwei der Männer gelaufen, eine der Frauen folgt ihnen gemessenen Schrittes.

Die beiden palavern unter unserem Standort lautstark, während die Frau sich darauf beschränkt, kurze Anweisungen zu geben. Einer der Männer deutet mit seinen Fingern eine Linie in der Luft - vielleicht will er die FlugBahn des Vogels nachzeigen, oder auf ein mögliches Nest hindeuten, oder was weiß ich. Jedenfalls führt seine Gestik dazu, daß er einen Moment in unsere Richtung zeigt und blickt. Ich fühle einen Knoten im Bauch. Dann läßt der Mann seine Hand sinken und sieht uns mit einem Ausdruck der Verwunderung und eines momentanen Erschreckens genau an: Entdeckt!

Er sagt nur ein Wort, und die beiden anderen blicken auch in unsere Richtung. Im Augenblick hat die Frau ihren Bogen auf uns angelegt.

Irenes Hände werden in den meinen feucht. Oder sind es meine, die feucht werden? Da waren schon so viele Umstände auf dieser Reise, wo wir ums Leben hätten kommen können. Jetzt kann dieser Pfeil jede Sekunde die BogenSehne verlassen, und einer von uns hat das Ding in der Kehle oder im Herzen oder im Gehirn. Ich bin sicher, die Frau kann zielen.

Sie hat ein paarmal etwas laut gerufen. Wir hören schnelle LaufSchritte aus der Richtung der Gruppe. Ihre Sprints sind schnell und sehenswert. Jedenfalls sehen wir hier keine Spur des langsamen Metabolismus, der andere Spezies in dieser Unterwelt in ihren Bewegungen so verlangsamt hat. Alle kommen, jedenfalls alle Frauen. Einige haben schon im Laufen auf uns angelegt. Nach wenigen Sekunden stehen sie alle auf der Straße unter uns, und zwanzig Pfeile sind auf uns angelegt. Die Männer kommen hinterher, wenn auch wesentlich langsamer. Das Kämpfen ist ihre Sache nicht. Ich nehme an, daß sie auch gar keine Waffen tragen dürfen.

Eine der Frauen, offenbar die, die die Gruppe anführt, ruft uns in scharfem Ton etwas in einer fremden Sprache zu.

"Wir müssen jetzt langsam herunterklettern und jede schnelle Bewegung vermeiden!" sage ich zu Irene. Ich sehe, daß ihr Tränen in den Augen stehen. "Nicht doch," sage ich, "soweit ist es noch nicht!"

Mit einer Hand streiche ich ihr über die Wange. Von unten kommt ein häßliches Lachen herauf, dann wird der Befehl von eben wiederholt.

Langsam klettern wir runter, ich zuerst. Jetzt erst merken wir, was für eine unwegsame Stelle wir in unserer Panik hinaufgewetzt sind. Auf halbem Wege finde ich keinen Tritt und komme nicht weiter. Wieder lacht eine weibliche Stimme. Ich muß einen uneleganten umgekehrten KlimmZug machen. Den letzten halben Meter muß ich mich fallen lassen. Dann stehe ich auf der Straße. Als ich mich umdrehe, sehe ich gerade in die Spitze eines Schwertes vor meiner Kehle. Die Frau, die es hält, blickt mir äußerst humorlos in die Augen. Ich wage nicht, mich umzudrehen, um zu sehen, wie Irene diese schwierige Stelle meistert. Ich kann ihr nicht helfen.

Dafür habe ich Gelegenheit, die SchwertKlinge genau zu betrachten, da ich ja noch nicht unter AltersWeitsichtigkeit leide. Die Klinge ist aus Stahl oder hartem, geschmiedeten Eisen. Sie ist stellenweise schartig und weist SchleifSpuren auf, überall. Dieses Schwert ist schon so lange im Gebrauch, daß es wiederholt geschärft werden mußte. Und ich sehe, wie routiniert das Schwert der Frau in der Hand liegt. Damit geht sie so häufig um wie wir mit der FernBedienung für den Fernseher.

Ein Wimmern über meinem Kopf. Ich höre meinen Namen. Aber da ist ja dieses Schwert vor meinem Hals. Dann gibt die GruppenAnführerin einen erneuten Befehl, und zwei der Männer springen wie die Wiesel die Wand hinauf. Wenig später steht Irene neben mir, unverletzt. Auch ihr wird ein Schwert unter die Kehle gehalten. Aber wenigstens zielt niemand mehr mit einem Bogen auf uns - die könnten zu leicht losgehen.

Die Anführerin tritt vor Irene und fragt sie etwas.

"Du mußt irgend etwas sagen, damit sie merken, daß wir nicht dieselbe Sprache ..."

Der Tritt in den Bauch nimmt mir die Luft weg. Ich liege auf dem Boden und krümme mich. Trotz der Schmerzen ist mir immer noch bewußt, wie unwürdig diese Situation ist, aber jeder Gedanke an Haltung geht mir ab. Nur der Schmerz soll aufhören. Jedenfalls war die Lektion klar: Ab jetzt rede ich nur noch, wenn ich gefragt bin.

Es dauert zwei Minuten, bis ich wieder Luft holen kann. Bis dahin haben unsere Bewacherinnen gemerkt, daß wir nicht ihre Sprache sprechen. Die weitere Kommunikation geht mit schnellen und im Allgemeinen deutlichen Gesten vor sich. Wenn immer wir etwas nicht begreifen oder nicht schnell genug begreifen, gibt es wieder Schläge oder Tritte. Allerdings habe ich den Eindruck, daß ich wesentlich mehr Schläge kassiere als Irene. Außerdem dürfen die Männer offenbar keine Hand an Irene legen, während mir jeder eine reinhauen kann, der Lust dazu verspürt.

Wir müssen unsere RuckSäcke ablegen und uns splitternackt ausziehen. Sie befühlen unsere Muskeln. Das NaseRümpfen ist nicht sehr schmeichelhaft. Über Irene lassen sie sich in einer Weise aus, daß deutlich wird, daß sie über ihr ÜberGewicht reden. Sie merkt es. Ich kann es ihr nicht ersparen. Aber ich vermeide jede Geste des Trostes - unsere Bewacherinnen wollen keine Kommunikation zwischen uns. Das ist uns schon klar geworden.

Kleidung und Ausrüstung wird durchwühlt. Dabei stelle ich fest, daß unsere Bewacherinnen noch nie eine DynamoLampe, StreichHölzer, eine digitale ArmbandUhr oder eine LandKarte gesehen haben. Unsere ReserveKleidungsstücke - Pullover etc. - werden offenbar als solche erkannt. Ich vermute, daß sie rauskriegen wollen, ob wir Waffen bei uns tragen. Als sie sehen, daß das nicht der Fall ist, - mein zusammengeklapptes TaschenMesser erkennen sie nicht als Messer - dürfen wir uns wieder anziehen und unsere Sachen zusammenräumen. Während wir das tun, diskutieren die Frauen. Die Männer halten den Mund.

Niemand mehr hat jetzt eine Waffe auf uns gerichtet. Sind wir, schwach und wehrlos, wie wir sind, jetzt ganz unwichtig geworden? Jedenfalls nicht unwichtig genug, um uns sofort laufen zu lassen.

Sie beraten wohl, was sie mit uns tun sollen. Die Anführerin trifft relativ schnell eine Entscheidung. Irene und ich müssen unser Gepäck wieder vollständig aufpacken. Die Gruppe teilt sich. Drei Frauen und drei Männer werden für uns abgestellt. Dann machen sich die restlichen 34 Mitglieder der Gruppe wieder auf den Weg in der ursprünglichen Richtung. Uns wird bedeutet, die Straße abwärts zu gehen, also in die Richtung, in die wir vorher auch schon gegangen waren.


        6.6     GeschwindMarsch


Wir legen ein rasches Tempo vor, rascher, als wir es vorher alleine durchgehalten hatten. Mir macht es nicht allzuviel aus, abgesehen von der Hitze, die bei dieser MarschGeschwindigkeit rasch zu starken SchweißAusbruch führt. Aber Irene wird das nicht lange durchhalten können.

Irene und ich gehen in der Mitte, rechts und links jeweils eine der Frauen. Die dritte, offenbar die, die die KleinGruppe anführt, geht hinter uns, die drei Männer kommen als letzte. Niemand paßt auf sie auf, obwohl sie ganz offensichtlich die Subalternen sind. Sie kommen nicht auf die Idee, irgendwelchen Ungehorsam zu zeigen. Gut dressiert, so kommen sie mir vor. Vielleicht seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden strikten Gehorsam gewöhnt.

Die Frauen haben ihre Schwerter wieder in die Scheide zurückgesteckt. Wir werden wohl für völlig ungefährlich gehalten. Allerdings haben wir immer noch nicht die Erlaubnis, miteinander zu reden. Irene hat bei dem Tempo auch gar nicht genug Atem dazu übrig. Ich würde ihr gerne bedeuten, den körperlichen ZusammenBruch schon zu spielen, bevor er wirklich eintritt, aber ich habe keine Möglichkeit dazu. Vielleicht kommt sie von selbst auf die Idee.

Die Frau rechts von mir versucht wieder, mit mir zu reden, dann die andere Frau mit Irene. Zwecklos. Nicht mal die SprachenKlasse wird deutlich - weder slavisch noch romanisch noch skandinavisch noch chinesisch. Eine völlig andere Welt, sprachlich, ein WortBrei ohne erkennbare SilbenStruktur.

Da habe ich eine Idee. Es ist ja so naheliegend: Ich spreche die Frau neben mir an, tue so, als wolle ich mich verständlich machen, rede aber mit Irene. Mal sehen, ob sie darauf reinfallen.

"Irene, lass nicht erkennen, daß ich jetzt zu dir spreche!" sage ich laut zu der Frau neben mir, die mich zum wiederholten Male etwas gefragt hat. Dabei gestikuliere ich mit den Händen. Sie schüttelt den Kopf, weil sie nichts versteht. Irene läßt sich nichts anmerken.

"Irene, versuche, jetzt langsam Schwäche zu zeigen, damit sie langsamer gehen oder uns zu essen geben! Vielleicht ist auch hinken ganz nützlich!" Dabei male ich der Frau neben mir, die interessiert zusieht, eine LandKarte von Afrika in die Luft.

"Hier gelten Frauen mehr. Sieht jedenfalls so aus. Du hast da bessere Chancen als ich!" Mehrfach deute ich energische auf die Stelle, wo Nairobi liegt, und mache das, was ich für ein bedeutsames Gesicht halte.

Aus den AugenWinkeln sehe ich, daß Irene anfängt, zu hinken und zu stolpern. Außerdem hält sie sich den Bauch. Hoffentlich übertreibt sie nicht.

Die Frau neben mir sieht meinen Erläuterungen genau zu. Sie weiß nicht, ob sie etwas von meinen Gesten versteht, und vielleicht ist sie sich auch im Unklaren darüber, ob sie so tun sollte, als ob sie etwas versteht. Sie wechselt mit den anderen ein paar Worte. Ich wüßte ganz gerne, was sie nun verstanden zu haben glaubt.

Der Einfall war gut. Nachdem wir eine Weile so weitermarschiert sind, und Irene mehrfach zurückgeblieben ist, wobei sie jedesmal mit groben Worten wieder vorwärtsgetrieben wurde, halten wir endlich an. Die drei Männer werden herbeigewunken. Sie schleppen, wie in der HauptGruppe, das ganze Gepäck. Mit LebensMitteln.

Wenig später hat jeder von uns fettige Fladen in der Hand, wir und unsere Bewacherinnen. Wahrscheinlich eine Art Brot. Es schmeckt beißend - man schätzt hier wohl scharfgewürztes. Aber es sättigt, und wir müssen eine Zeitlang nicht so rennen. Auch wenn es völlig überflüssig ist, diese MahlZeit im Stehen einzunehmen.

Unsere Bewacher essen Fleisch, das in ebensolchen Fladen eingepackt ist wie wir sie bekommen haben. Was es für Fleisch ist kann ich nicht erkennen. Es sieht ganz gewöhnlich aus.

Dann kreist eine Flasche. Ich bereite mich seelisch auf ein schlimmstenfalls übelschmeckendes Getränk vor, aber es ist nur Wasser. Die Abneigung, mit mir fremden Leuten aus derselben Flasche zu trinken, muß ich wohl oder übel überwinden. Und ich gebe mir Mühe, mir keinerlei Ekel anmerken zu lassen. Sonst kriege ich beim nächsten Male vielleicht nichts.

Danach marschieren wir weiter. Keine zehn Minuten hat der Aufenthalt gedauert.

"Irene, es ist an dir, das Tempo runterzusetzen!" versuche ich der Frau neben mir klar zu machen, wobei ich Madagaskar in die Luft male. Sie ist nicht mehr interessiert, weil sie es ja doch nicht versteht. Irene fängt aber alsbald wieder mit dem Stolpern an. Nachdem das eine ViertelStunde so weitergegangen ist, sagt die Anführerin etwas, und alle marschieren plötzlich langsamer.

Ich kann ein Grinsen kaum unterdrücken. Wir sind von einer Übermacht, gegen die wir keinerlei Chancen haben, festgenommen worden. Und schon haben wir zwei Dinge erreicht: gemäßigtes MarschTempo und einen leidlich vollen Bauch.

Allmählich fange ich an, wieder mit Vertrauen in die Zukunft zu sehen.

Hoffentlich brauchen diese Leute auch gelegentlich Schlaf.


        6.7     Erschöpfung


Unsere FestNahme war kurz vor 17 Uhr, und seit circa 17:30 Uhr marschieren wir mit unseren Bewachern weiter zu Tale. Die Uhr kann ich schon häufiger ablesen, aber scheint nicht möglich, meinen HöhenMesser auszupacken. Noch nicht. Man schätzt uns als harmlos ein, und da werden wir wohl bald wieder sogar selbst an unser Gepäck dürfen. Jedenfalls zeugt es nicht von viel Phantasie seitens unserer Bewacherinnen, daß sie uns unsere RuckSäcke selber tragen lassen. Wir könnten ja Waffen dabei haben, die sie nicht als solche erkennen, gefährlichere Waffen als mein unscheinbares TaschenMesser, oder andere gefährliche Gegenstände.

Den HöhenMesser habe ich in der HosenTasche, und als ich bis 18 Uhr mehrmals ungehindert auf meine ArmbandUhr schauen konnte, riskiere ich es und ziehe ihn langsam heraus und lese ihn ab. Niemand hindert mich daran.

Wir sind schon 8900 Meter tief - Folge unseres raschen MarschTempos. Achtzehn Stunden sind wir jetzt fast ununterbrochen auf den Beinen. Irene geht es sehr schlecht, und unsere Bewacherinnen nehmen glücklicherweise im Tempo darauf Rücksicht. Trotzdem sind wir reif für eine gehörige Portion Schlaf.

Der FahrWeg schlängelt sich immer noch an FelsWänden zu Tale. Inzwischen sind wir aber in die BasisBezirke der Säule gekommen, wo sie in alpine VorGebirge übergeht. Das heißt, die geometrische Beschreibung unseres Weges kann man nicht mehr so einfach charakterisieren wie man es tut, wenn man etwa behauptet, wir bewegen uns im Zickzack an der Wand eines senkrecht stehenden Zylinders hinunter. Inzwischen ist die Topographie der Berge um uns herum so, wie man es von den oberirdischen HochGebirgen kennt, und der Weg ist sehr abwechselungsreich. Mal führt er auf Graten, mal am Boden von HochTälern, gelegentlich über Schluchten, SchuttKare und GeröllHalden. Schwere Stellen sind zusätzlich mit MauerWerk oder sogar kleinen Brücken gesichert, auch roh ausgehauene TunnelAbschnitte kommen immer mal wieder vor. Wo immer Pflanzen sich festhalten können, gibt es welche, sogar Bäume, und in allen Tälern gehen rauschende WildBäche zu Tale. Die Temperatur muß um die dreißig Grad sein, eher mehr, und es ist ungemütlich schwül.

Über uns wird allmählich, da wir uns von der ideal gedachten Wand der Säule immer weiter entfernen, die ganze Säule bis in die Wolken in ihrer vollen Wuchtigkeit sichtbar.

"Herwig, ich kann nicht mehr!" ächzt Irene. Sie hat recht. Ich versuche, gestikulierend unseren Bewacherinnen etwas klarzumachen. Dabei versuche ich, in Gesten die Tätigkeit des Schlafens anzudeuten, immer damit rechnend, daß man mir gleich wieder eine reinhaut. Ich zeige mehrmals auf Irene, um anzudeuten, daß es nicht um mich geht.

Unsere Bewacherinnen bereden sich. Sie kommen offenbar zu einem Entschluß. Allerdings haben sie nicht die Güte, uns das Ergebnis mitzuteilen, außer daß eine von ihnen kurz in WegRichtung deutet. Heißt daß, daß wir bald eine Pause machen, sowie wir einen geeigneten Platz erreichen, oder heißt das, daß wir weitergehen?

"Ich glaube, wir halten gleich ... Uaaah!" sage ich zu Irene. Die Frau neben mir hat mir wieder einen Schlag in den Bauch verpaßt. Das tun sie offenbar besonders gerne. Diesmal ist er nicht so stark, daß ich zusammenbreche, sondern nur gerade so, daß ich begreifen soll, daß ich den Mund zu halten habe. Sie stößt mich dann noch einmal vorwärts, als ob ich Anstalten gemacht hätte, nicht mehr weiterzugehen. Wenn ich die Wahl hätte, täte ich das auch nicht mehr.

Wir schleppen uns weiter. Mir tun inzwischen alle Knie- und FußGelenke weh. Außerdem habe ich die gewisse KurzAtmigkeit, die ich von langen DauerLäufen kenne, Zeichen, daß der StoffWechsel nicht mehr im Gleichgewicht ist, daß das Glykogen in den Muskeln weitgehend abgebaut ist und daß der Körper in ineffizienter Weise versucht, Fett zu verbrennen. Davon stirbt man nicht, und es ist auch nicht direkt ungesund. Aber man ist dann schon weit von der eigenen LeistungsHöhe entfernt.

Irene geht es bestimmt nicht besser, eher schlechter. Daß sie überhaupt noch gehen kann, wundert mich. Es ist häufig so, daß sie bei Wanderungen Stunden braucht, um in Gang zu kommen. Dann aber, wenn das MarschTempo nicht zu hoch ist, hält sie viele weitere Stunden durch. Das hat sie ja auch in den letzten Tagen bewiesen. Heute ist das Maß allerdings randvoll.

Wir kommen in einigen Kehren in ein scharf und tief eingeschnittenes Tal, das auf seinem Grunde ebene Flächen hat. Erstmals sind wir von großen UrwaldBäumen umgeben, und zahllose Tiere lassen ihre Stimmen ertönen. Ein BergBach nimmt hier gemäßigtere Formen an und verliert sich, neben der Straße, zwischen den BaumStämmen. Ich sehe, daß ohne die Straße ein Fortkommen in dem UnterHolz nicht oder mit BuschMesser nur schwer möglich wäre.


        6.8     ZwangsSpiele


Dann wird der Bach wieder sichtbar und weitet sich zu einem Teich. Zwischen Straße und Teich ist ein kleines, ebenes Areal. 'BergWiese' würde man es nicht nennen, weil es von unbekanntem Gestrüpp bewachsen wird, aber es macht ungefähr einen Eindruck wie eine BergWiese. Unsere Bewacherinnen bleiben stehen. Irene sackt zusammen. Ich fange sie auf, so gut es geht, immer unter der Gefahr, gleich wieder Prügel zu beziehen. Da das nicht geschieht, lege ich sie hin. Sie schläft rasch ein. Ihr Atem geht sehr flach.

Unsere Bewacherinnen kümmern sich nicht allzusehr um uns. Eigentlich gar nicht. Da sie sich alle niederlassen, lege ich mich auch hin, neben Irene. Das paßt einer der Frauen aber nicht. Ich werde zu einem Platz gewiesen, der mindestens fünf Meter von Irene entfernt ist. Dann läßt sie mich wieder in Frieden.

Ich sehe noch, daß sie wieder etwas aus ihrem Gepäck auspacken und zu essen anfangen. Als ich meine, daß ich ohne weiteres einschlafen kann, weil wir tatsächlich eine längere Rast machen, passiert noch etwas merkwürdiges: Den drei Männern wird etwas befohlen. Sie ziehen sich aus und gehen sofort in den Teich, allerdings ohne besondere Begeisterung. Der, der am langsamsten reagiert, bekommt einen Tritt, der ihn mit Schwung in das Wasser schickt. Ob sie uns auch so rüde zum Waschen zwingen? Ich habe im Moment überhaupt keine Lust dazu. Gerade noch, daß ich vor dem Einschlafen Uhr und HöhenMesser ablese: 20 Uhr und 9700 Meter Tiefe. Dann schlafe ich ein.

Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Ich wache davon auf, daß etwas vor sich geht. Aber es hört sich nicht so an, als ob man uns wecken will. Deshalb ist mein erster Gedanke auch, weiterzuschlafen, besonders auch, weil ich Irenes vertrautes Schnarchen höre. Sie schläft wie ein Stein. Soll sie.

Ich blinzele mit den Augen, um rauszukriegen, was mich beunruhigt hat.

Zwei der Männer schlafen gegenüber am WaldRand. Der dritte ist gerade geweckt worden. Er sieht darüber nicht sehr glücklich aus, aber er fügt sich den Weisungen einer unserer Bewacherinnen. Die zweite schläft, und die dritte hantiert irgend etwas mit ihrem Bogen. Ob sie noch wach sind, oder schon wieder, weiß ich nicht. Ich will nicht zu erkennen geben, daß ich selbst gerade wach bin - weiß ich denn, ob sie dann wieder auf die Idee kommen, daß wir schon in der Lage sein könnten, weiterzumarschieren?

Dem Mann wird etwas befohlen. Er zögert, dann sehe ich, daß die Frau ihm das Schwert an die Kehle setzt, mehr in einer flüchtigen Geste als in einer ernsthaft gemeinten Bedrohung. Daraufhin zieht er sich sofort aus und legt sich mit dem Rücken auf dem Boden.

Die Frau geht einige Schritte zur Seite und nimmt einen Brotfladen, den sie abgelegt hat, wieder auf. Während die auf demselben rumkaut, setzt sie sich dem Mann auf die Unterschenkel und fängt an, ihn mit einer Hand zu onanieren. Dabei hat sie ihr Schwert neben sich in GriffWeite gelegt.

Der Mann gerät sofort in ein Stadium deutlicher sexueller Erregung. Er greift mit seinen Händen an ihre Brüste, bekommt aber sofort eins auf die Finger. Sie sagt etwas in scharfem Ton, und darauf hin läßt er es bleiben.

Nun setzt sie sich weiter nach vorne und führt sich seinen Penis ein. Dazu hebt sie ihren Rock oder LendenSchurz aus LederStreifen lediglich hoch - wie ich dachte, UnterWäsche kennen sie nicht. Dann reitet sie genau auf seiner Mitte, er sauber eingeführt, aber ohne daß sie dabei mit dem Essen aufhört. Die ganze Zeit habe ich den Eindruck, daß ihr das Essen wichtiger ist.

Die andere Frau, die immer noch mit dem Bogen hantiert, interessiert das SchauSpiel gar nicht. Ich bin mir immer noch nicht über den Grad der Freiwilligkeit bei dem Mann klar - es hat so wie eine routinemäßige Vergewaltigung ausgesehen, oder wie 'Erfüllung von ehelichen Pflichten', was so ziemlich das gleiche ist.

Allmählich werden ihre Bewegungen schneller. Offenbar zeigt ihr der Mann nicht genug Einsatz, denn sie schimpft ärgerlich auf ihn ein, während sie auf ihm auf- und niederschwingt. Deutlich: Der Mann ist Werkzeug ihrer Lust, notwendige NebenSache. Naja, denke ich, ein bißchen wird er ja auch davon haben.

Jetzt hat die Frau irgend etwas der anderen Frau zugerufen, denn diese steht auf, legt den Bogen hin und geht zu den beiden rüber. Auch sie macht den Eindruck, als sei sie so ein SchauSpiel gewohnt.

Sie kniet neben den beiden kopulierenden, legt das störende Schwert weiter weg und faßt unter den HinterKopf des Mannes, der dann in ihrer rechte Hand liegt. Die linke Hand legt sie auf sein Gesicht. Ich begreife: sie hält ihm mit Daumen und ZeigeFinger die Nase zu und mit der HandFläche den Mund. So kann der Mann nicht atmen! Dann dreht sie seinen Kopf so in den Nacken, daß er die auf ihm reitende Frau nicht sehen kann. Dabei gelingt es mir, in die Augen des Mannes zu sehen: Ich kann schwören - der hat eine TodesAngst.

So bleiben sie eine Weile sitzen: die eine reitet, die andere dichtet ab. Dann beginnen allmählich die krampfhaften LuftholBewegungen des Mannes, als er beginnt, zu ersticken. Ich begreife den Sinn der Übung: seine heftiger werdenden Bewegungen verschaffen der auf ihm sitzenden Frau die mechanischen Reize, die sie haben will. Sie hört zwar immer noch nicht auf, dabei zu futtern, aber sie lehnt sich mit WohlGefallen etwas weiter zurück, während sie von den heftigen Bewegungen des Mannes immer wieder hochgeschleudert wird. Sie vermeidet es jedoch geschickt, von ihm heruntergeschleudert zu werden oder ihn herausgleiten zu lassen - er bleibt wie von einem SchraubStock gefaßt zwischen ihren Schenkeln eingeklemmt.

Dann bekommt sie endlich ihren Orgasmus, zwar ohne besondere akustische Ergüsse, aber doch deutlich genug. Als sie wieder aufhört, heftiger zu atmen, sagt sie zu ihrer Assistentin etwas. Die gibt Mund und Nase des Mannes wieder frei. Ehe der jedoch einigermaßen Luft holen kann, hat sie einen StellungsWechsel gemacht: Sie rutscht weiter nach vorne und setzt sich auf sein Gesicht. Man sieht keine Einzelheiten, aber es gibt furzende und ächzende und keuchende Geräusche. Es ist offenbar so, daß der Mann mit aller Gewalt Luft holen muß, und dabei ihre äußeren GeschlechtsTeile mit seinen AtemBemühungen massiert, ob er will oder nicht. Ihr macht das deutlichen Spaß. Dem Mann vermutlich weniger.

Das ist nach zwei Minuten auch vorbei. Beide stehen auf, und der Mann bleibt liegen - unbeachtet wie ein Stück Dreck. Er ist so fertig, daß er sich zunächst gar nicht bewegt geschweige denn versucht, sich anzuziehen.

Dann merkt eine der Frauen, daß ich, durch die Augen blinzelnd, das alles mit angesehen habe. Sie lacht und sagt zu der anderen etwas, und beide kommen näher. Mich durchschießt ein heilloser Schreck.

Aber das schlimmste tritt nicht ein. Ich bin nicht Opfer einer solchen Vergewaltigung, aber sie führen mir noch eine vor. Vorher legen sie eines der Schwerter vor mich hin, so, daß es mit der Spitze auf meinen Bauch zeigt. Es liegt so, daß es von ihnen jederzeit ergriffen werden kann. Dann kommt das ganze Spiel noch einmal, jetzt mit vertauschten Rollen und einem von den beiden übrigen Männern, die jetzt beide aufgewacht sind. Ich sehe, daß der, den sie nicht auswählen, relativ gleichgültig dem ganzen Geschehen zusieht und sich schon vor dem ersten Höhepunkt der früheren Assistentin, die jetzt die Reiterin ist, abwendet und zum Schlafen hinlegt. Als ob er das auch jeden Tag sieht.

Ich habe den Eindruck, daß die Erstickung des Mannes diesmal wesentlich weiter getrieben wird. Ob das eine Demonstration ist oder ob sie erst loslassen, wenn es ihm und der jeweiligen Reiterin gekommen ist, kann ich nicht sagen. Jedenfalls sehe ich diesmal alles aus nächster Nähe, und außerdem wird diesmal nicht dabei gegessen.

Als das SchauSpiel zu Ende ist, geht die eine Frau zu ihrem Bogen zurück, der ebenfalls restlos erschöpfte Mann bleibt reglos liegen, und die andere Frau fährt mit ihrer Mahlzeit fort. Ich werde als Zuschauer schnell wieder uninteressant. Sie interessieren sich nicht einmal dafür, ob ich beeindruckt, erschreckt oder gar selber erregt bin. Schon nach Minuten ist es so, als wäre nichts gewesen. Beide solcherart geschändeten Männer haben sich auf ihre SchlafStellen zurückgezogen, so, als wäre nichts weiter passiert als eine nächtliche RuheStörung, die etwa ein in das Lager eindringendes Tier verursacht hätte.

Wenigstens ist die SchlafPeriode noch nicht zu Ende - aus der ständig gegenwärtigen Beleuchtung kann man ja keinen Hinweis darüber entnehmen. Es scheinen sich jetzt alle fürs Schlafen entschieden zu haben. Irene hat von dem ganzen SchauSpiel nichts gemerkt.

Ich stelle noch fest, daß man das Schwert wieder aus meiner ReichWeite entfernt hat. Vielleicht hat mich selbst nichts weiter vor dieser Vergewaltigung geschützt als meine relative Ungewaschenheit und meine Erschöpfung, die ihnen vor dem SchlafenGehen ja aufgefallen sein muß. Jedenfalls kann ich mir jetzt einen Reim darauf machen, daß die drei Männer so unsanft zum Baden geschickt worden sind. Aber bevor ich noch weitere Betrachtungen über die unterschiedlichen MoralBegriffe dieser Menschen anstellen kann, schlafe ich schon wieder ein.


        ******** 007. Tag: Freitag 1995-08-25 ********



        7.1     Urwald


Es ist 4 Uhr morgens, als ich geweckt werde. Naja, ungefähr acht Stunden Schlaf sollten reichen, aber es könnten trotzdem mehr sein. Irene ist schon geweckt worden, und ihr fällt es genauso schwer.

Mit deutlichen Gesten werden wir in den Teich zum Waschen geschickt. Das ist im Prinzip eine gute Idee, aber ich überlege mir, ob da andere HinterGedanken sein mögen. Die Szenen von der letzten SchlafPeriode habe ich noch deutlich vor Augen.

Als wir uns tropfnaß wieder anziehen - abtrocknen lohnt bei den vorherrschenden Temperaturen nicht - packen unsere Bewacher schon wieder auf. Mist. FrühStück ist nicht vorgesehen. Wenn Irenes Blicke töten könnten, dann würden unsere Bewacher jetzt in sechs blitzenden DonnerSchlägen unter FunkenSprühen vergehen.

Wir folgen dem Tale weiter. Das Gefälle der Straße ist nicht mehr stark, und unsere Knie bedanken sich dafür. Allerdings sind unsere Bewacherinnen wieder der Meinung, daß wir ein stärkeres MarschTempo anschlagen könnten. Und das ohne FrühStück!

Der Urwald wird so dicht und hoch, daß sich die Kronen der Bäume immer häufiger über der Straße schließen. Deshalb bekommen wir auch von den zurückweichenden BergHängen rechts und links immer weniger zu sehen.

So um 6 Uhr unterschreiten wir eine Tiefe von 10000 Meter. Als ich den HöhenMesser abgelesen habe, teile ich Irene das mit, indem ich der immer noch rechts neben mir marschierenden Frau diese Mitteilung mache. Diese nimmt mir ganz überraschend den HöhenMesser aus der Hand und betrachtet ihn während des Gehens genau.

Soviel FeinMechanik in den Händen dieser Barbaren! In Gedanken nehme ich Abschied von meinem MeßInstrument. Jetzt schüttelt sie das Gerät. Fehlt nur noch, daß sie darauf beißt. Das tut sie aber nicht, sondern sie gibt es der Frau hinter ihr, die nach kurzer Betrachtung das Ding an die Frau links neben Irene weitergibt. Die kann sich auch keinen Reim aus diesem Ding machen, und ich bekomme es wieder zurück. Es ist, äußerlich wenigstens, unversehrt. Der Zeiger steht immer noch auf 2000 Meter MeeresHöhe, wie vorher.

Den drei Männern, die brav hinterhertrotteln, den HöhenMesser zu zeigen, auf diese Idee kommt keine der drei Frauen. Aber von denen scheint sich auch keiner dafür zu interessieren.

Bei dieser Inspektion des HöhenMessers haben die Frauen wieder ein paar Worte miteinander gewechselt. Bei dieser Gelegenheit versuche ich, ihre Namen herauszukriegen, Worte, die sie häufiger verwenden, insbesondere, wenn sie anfangen, sich anzureden. Das ist schwer, bei dieser fremdartigen Sprache. Immerhin meine ich, daß die Frau hinter mir, die das Kommando führt, häufiger mit 'Chrechat' angeredet wird. 'Chbesmoi' könnte die neben mir heißen, und 'Chechmirch' die links neben Irene. Vielleicht sind das aber auch Titel. Noch kann ich das gar nicht sagen.

Ich will es einmal probieren. Ich drehe mich rechts herum nach hinten und sehe die Anführerin an. Rechts herum, weil ich nicht will, daß sie meinen, ich will mit Irene sprechen.

"Chrechat, wir haben Hunger!" sage ich und mache unmißverständliche Gesten in Richtung meines Magens. Das nächste, was ich spüre, ist ein Schlag in die Nieren. Fast glaube ich, daß mir die Wirbel in der WirbelSäule auseinander hüpfen. In der nächsten Sekunde liege ich am Boden, und 'Chrechat' ist dabei, mir die Kehle einzutreten. Sie ist sehr wütend und schreit den ganzen Wald zusammen. Sogar die anderen stehen wie erstarrt, besonders die drei Männer. Ich muß irgend etwas ganz Falsches gesagt oder gemacht haben.

Dann gibt es eine MeinungsVerschiedenheit. Die Frau, die zu meiner Rechten ging, muß zu meinen Gunsten interveniert haben. Vielleicht weist sie nur ganz sachlich darauf hin, daß alles, was ich gesagt oder angedeutet haben kann, nicht ernstgenommen werden darf, weil wir ja nicht die Sprache dieser Welt beherrschen. Offenbar hat sie Erfolg, denn die Anführerin hört auf, mich zu treten.

Ich darf wieder aufstehen, und wenige Augenblicke später marschieren wir wieder weiter, als ob nichts vorgefallen wäre. Zusätzlich zu meinem Magen tun mir jetzt allerdings noch einige weitere KörperTeile weh.

Um 7 Uhr passiert etwas Komisches. Einer der Männer wird nach vorne gerufen, und die Anführerin gibt ihm mit ein paar Worten ihr Schwert. Der Mann freut sich wie ein Kind und rennt voraus. Bald ist er im Wald vor uns verschwunden.

Nach kurzer Zeit schon ist er wieder da, über der Schulter die Leiche eines schäferhundgroßen Tieres schleppend. Das Tier wird so rasch zerteilt, daß ich keinerlei zoologische Beobachtungen machen kann. Dann gibt der Mann mit einer völlig unangemessenen DemutsGebärde das Schwert zurück. Naja, was immer hier 'angemessen' bedeutet. Die drei Männer, die uns begleiten, haben sowenig SelbstBewußtsein, daß sie schon fast identisch aussehen. Ich könnte jedenfalls nicht genau sagen, welche beiden von den dreien gestern Nacht vergewaltigt wurden.

Nur die größten und am einfachsten herauszuschneidenden Stücke schieren Fleisches werden verwendet. Der Rest des Kadavers fliegt einfach in den Wald. Dann bekommt jeder ein Stück Fleisch. Auch Irene. Nur ich nicht. Das ist wohl meine Rechnung für das, was ich vorhin gesagt habe.

Alle hauen ihre Zähne in die blutigen Stücke. Alle außer Irene. Das liegt nicht an der GeräuschKulisse aus sechsfachem Schmatzen und Kauen und Schlucken und Rülpsen. Der Hunger würde alles reintreiben, auch dieses unappetitliche Fleisch unter dieser unappetitlichen BegleitMusik.

Nein, Irene hat etwas anderes vor. Sie versucht, ihr FleischStück der Länge nach zu zerreißen, so, wie es die FaserRichtung der Muskeln eigentlich zulassen müßte. Aber rohes Fleisch ist zäh, und es gelingt ihr nicht. Da gibt sie mir das ganze Stück.

Die schmatzende GeräuschKulisse verstummt, als sei die interne SchmelzSicherung eines HiFi-Verstärkers durchgebrannt. Irene hat sich jetzt gegen den demonstrierten Willen der Anführerin gestellt. Was soll daraus werden?

Wie ein Automat fange ich an, das FleischStück zu zerreißen. Dabei bespritze ich mich und Irene mit Blut, aber es gelingt. Dann gebe ich die Hälfte Irene zurück. Jede Sekunde erwarte ich eine Tritt oder einen Schlag.

Aber in dieser Welt können sich Frauen auch als Gefangene mehr leisten als Männer. Es gibt eine hämische Bemerkung der Anführerin, wonach alle in einem pflichtschuldigen Tonfall lachen. Aber als dann weitergegessen wird, nehme ich an, daß wir es auch dürfen.

Arme Irene, denke ich: Du hast dir jetzt vielleicht eine Feindin gemacht.

Der Marsch verläuft von nun an zunächst ereignislos. Die Straße verliert nur noch wenig an Höhe, was der HöhenMesser immer noch registriert. Zeitweise stehen die Urwälder rechts und links in Wasser, und die Straße verläuft auf einem aufgeschütteten Damm. Das bewahrt uns jedoch nicht davor, gelegentlich auch schlammige Stellen zu passieren, und zweimal müssen wir eine Furt überqueren. Wir sauen uns im Laufe der Zeit ganz schön ein.

Einmal zischt die Frau neben Irene etwas, und momentan gehen alle fast lautlos und langsam. Wir natürlich auch, es wird schon seinen Grund haben, wenn unsere Bewacher Besorgnis zeigen. Dabei sieht der Wald rundherum so aus wie immer.

Wir kommen allerdings innerhalb von fünfzig Metern an einen verlandeten Weiher an der rechten Seite der Straße. Einige mächtige BaumLeichen in den sumpfigen WasserResten würden auch über diesen Weiher jedes Fortkommen erschweren. Unsere Bewacher spähen sorgfältig zur jenseitigen Seite des Weihers.

Ich kann nichts erkennen. Aber da muß etwas sein, denn erst, als wir diese Stelle hundert Meter hinter uns gelassen haben, werden die Schritte wieder fester.

Bald darauf kommen wir an einer Lichtung vorbei, die nicht viel größer ist als das alte SaurierSkelett, das sie fast zur Gänze ausfüllt. Das SaurierSkelett - es muß sich wohl auch um einen Bronto der Größe, wie wir ihn schon gesehen haben, handeln - liegt aber schon so lange da, daß es von Menschen vorübergehend zweckentfremdet wurde: Die RückenWirbel, die etwa in drei Metern Höhe über dem Boden von den Rippen rechts und links getragen werden, sind mit Lederstreifen an denselben befestigt. Auf diese Weise fällt der ehemalige Torso des Sauriers nicht auseinander. Zwischen einigen der Wirbel flattern Reste von LederPlanen, und auf dem Boden zwischen den Rippen gibt es einen innen geschwärzten SteinRing.

Eine FeuerStelle. Naja, daß unsere Bewacher Feuer kennen müssen ist eigentlich klar. Wie will man ohne Feuer Schwerter schmieden? Dieses Skelett hat also eine Zeitlang als provisorische Behausung gedient. Warum nicht. Die pure Größe dieser Tiere erlaubt eine ganze Menge Verwendungen, die wir in der Land- und Vieh-Wirtschaft gar nicht kennen.

Innerhalb der nächsten paar Stunden führt die Straße zwar immer vorwiegend durch dichten Urwald, aber zweimal passieren wir größere Lichtungen oder Rodungen. Auf beiden stehen am WegesRand die Ruinen von lange verlassenen SteinHäusern. Die Dächer fehlen, die Mauern sind teilweise eingestürzt und bewachsen, was auf den Feldern, wenn es welche sind, gewachsen ist, ist nicht mehr zu erkennen. Teilweise gehen die Rodungen kontinuierlich in den Urwald über. Unsere Begleiter interessieren die ÜberReste dieser Dörfer nicht.

Auf einer weiteren, kleineren aber wohldefinierten Lichtung stehen achtzehn neue, unbeschädigte VollstreckungsKreuze, die aber keine Verurteilten tragen. Auch hier marschieren wir vorbei, ohne daß unsere Begleiter irgendeine erkennbare Reaktion zeigen. Als ob sie verlassene und verfallene Dörfer und HinrichtungsStätten jeden Tag sehen.

Um 12 Uhr kommen wir an einen breiten, flachen Fluß. Breite SteinStrände weisen darauf hin, daß dieser Fluß zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich viel Wasser führt. Wir haben eine Tiefe von 10450 Metern erreicht, und von nun an folgen wir diesem Fluß auf diesen SteinStränden. Der FahrWeg schien am Ufer des Flußes zu enden. Das ist merkwürdig. Allerdings gab es auf den letzten Kilometern der Straße Abzweigungen, die wir nicht genommen haben, außerdem ist es möglich, daß der Weg auf der anderen Seite des Flußes weitergeht. Das werden wir nun nicht erfahren.

Auf diesem SchwemmLand ist wieder der Blick nach oben ungehindert, der auf der Straße immer nur durch gelegentliche BaumLücken möglich war. Ich versuche, mich zu orientieren. Der Anblick der Säulen aus dieser Perspektive ist ungewohnt. Wenn man behaupten möchte, daß der Anblick aus anderer Perspektive, zum Beispiel von oben, als gewohnt zu bezeichnen ist.

Die beiden nächsten Säulen sind flußaufwärts von uns und voneinander etwa zehn Kilometer entfernt. Das sind aber wahrscheinlich nicht die Säulen, zwischen denen wir auf der HängeBrücke gegangen sind, weil ich nichts von der FelsDecke zwischen ihnen finden kann. Vielleicht hat sich auch die UnterGrenze der Wolken abgesenkt, so daß man diese nicht sehen kann.

Ebensowenig weiß ich, ob dies der Fluß ist, den wir von oben, von der Hängenden Straße aus, gesehen haben. Das SchwemmGebiet zu beiden Seiten des Flußes müßte mir doch aufgefallen sein? - manchmal wäre ein photographisches Gedächtnis schon sinnvoll.

Ich habe nicht allzuviel Muße, mich in die Betrachtung des 'Himmels' zu versenken, weil der Marsch in dem FlußGeröll eine üble Stolperei ist. Man muß aufpassen, wo man hintritt, um nicht mit dem Fuß umzuknicken. Die Bänder in meinen Füßen sind zwar durch das LaufTraining sehr stabil, aber trotzdem könnten sie beim hundertsten Umknicken überdehnt werden oder gar reißen. Invalidität kann ich jetzt gar nicht brauchen.


        7.2     Der SaurierFänger


Weil wir mehr vor die Füße als woandershin schauen, sehen wir das Schiff auch ziemlich spät, als die Masten sich schon deutlich vor dem grauen Himmel vor uns abzeichnen. Es ist noch einige Kilometer von uns entfernt, und als wir näher kommen, wird es wieder unsichtbar, weil Nebel aufzieht und das Schiff schneller erreicht als wir. Die Orientierung wird schwierig: Offenbar ist der breite Fluß in einen noch größeren, noch breiteren eingemündet, und die Urwälder an den beiden Ufern scheinen einen Kilometer voneinander und viele hundert Meter von uns entfernt.

Ein seltsames Bild: Weil der Nebel nur eine flache Schicht am Boden bildet, werden die UrwaldBäume am Ufer unsichtbar. Hebt man den Blick aber etwas, dann sieht man noch die oberen Teile der nächsten Säulen. Ein unheimliches Bild. Wenn wir nicht wüßten, wie wir hierhergekommen sind, dann wäre das eine AlptraumLandschaft.

Ich kenne da ein Spiel, was ich mit Irene manchmal spiele: Augen zu, sich einbilden, daß die Erinnerung der letzten zwei Jahre, oder fünf Jahre oder zehn Jahre nicht mehr da ist, und Augen auf. Frage: wo sind wir jetzt? Sicher ein interessantes Spiel, nicht nur, weil wir die Amnesie nur für eine Woche spielen müssen. Auf welche Lösungen wir kämen, wenn wir uns erfolgreich vormachten, nicht zu wissen, wie wir hierhergekommen sind, daß wäre es wirklich interessant. Ob man sich bei dieser Kulisse überhaupt eine solche Amnesie vormachen kann?

Dann tauchen endlich, um 13:30 Uhr, über dem Nebel vor uns die Masten wieder auf. Das Schiff ist in unmittelbarer Nähe. Ich frage mich, wie ein so großes Schiff auf so flachem Wasser schwimmen kann. Der Fluß ist zwar breit, aber eben weil er breit ist, ist er nirgends so tief, als daß man nicht stehen könnte. Jedenfalls gilt das hier, wo der Fluß keine Berge durchbrechen muß.

Dann sehe ich: Das Schiff ist ein Floß, ein riesiges, besegeltes Floß. Von der SegelSchiffFahrtsKunst reichlich unbeleckt erkenne ich also nur weniges auf Anhieb: Drei oder vier Masten, bis neunzig Meter hoch, mit einer Anzahl Rahen. RahSegler nennt man das normalerweise. Hier stehen die Masten aber nicht auf einem SchiffsRumpf, sondern auf einem massiven, fünfundsiebzig Meter langen und fünfundzwanzig Meter breitem Floß. Außerdem ist da ein langer BugSpriet, der so groß wie ein nach vorne geneigter Mast ist. Auf diesem Floß gibt es eine Reihe von AufBauten, ohne daß allerdings ein klares Designprinzip zu erkennen wäre. Zwischen den Masten und den Rahen spannt sich eine Menge SeilWerk. Ich sehe Wanten, die so aussehen wie richtige Wanten auf richtigen SegelSchiffen. Bei dem Zweck des meisten anderen zahlreichen und unübersichtlichen SeilGutes muß ich aber passen.

Einige Gestalten sind auf Deck zu sehen. Alles Männer. Sie machen im Moment keinen übertrieben arbeitsamen Eindruck. Einige sind mit AusbesserungsArbeiten beschäftigt, andere stehen nur so rum. Ihren Gesichtern ist anzusehen, daß sie uns mit einem Gemisch aus Neugier und Abneigung entgegensehen - so, als bedeute die Ankunft einer solchen Gruppe etwas Unangenehmes - nämlich Arbeit.

Irgendjemand muß eine Meldung über unser Ankommen weitergegeben haben. Plötzlich erschallt eine kommandogewöhnte Stimme. Eine weibliche Stimme, natürlich.

Wir stehen am FlußRand, also dort, wo das Geröll mit Wasser überspült zu werden beginnt. Das Schiff ist etwa fünfzig Meter weiter draußen. Erst dort ist das Wasser tief genug. Unsere Bewacherinnen warten auf etwas.

Es geschieht auch etwas: Sechs oder sieben Mann der Mannschaft bauen routiniert eine FlachWasserBrücke auf, oder eine GangWay, wenn man es so nennen will, ohne sich daran zu stören, daß es sich um mehrere Stücke handelt, die nacheinander im Wasser zwischen dem Schiff und uns aufgestellt werden. Mit dieser Konstruktion, das sehe ich, läßt sich in flachem Wasser eine trockene Verbindung zu einem Schiff schaffen, das auch sehr weit draußen liegen kann. Es ist sogar möglich, diese Brücke Stück für Stück aufzubauen, ohne sich naß zu machen. Wenn man allerdings, so, wie es jetzt geschieht, die einzelnen Stücke durch das Wasser watend zusammensetzt, dann kann man an der gesamten Länge der GangwayBrücke gleichzeitig bauen.

Es dauert keine zwei Minuten, bis die Brücke fertig ist. Wahrscheinlich wäre sie aufgebaut geblieben, wenn man an Bord des Schiffes damit gerechnet hätte, daß jemand ausgerechnet jetzt das Schiff betreten will.

Wir gehen im GänseMarsch über die schwankenden Planken: Erst unsere drei Bewacherinnen, dann Irene, dann ich, dann die drei Männer.


        7.3     Cherkrochj


Dort sehe ich zum erstenmal die Frau, die so aussieht und sich so gebärdet, als hätte sie hier zu sagen. Unsere Bewacherinnen reden in einem TonFall mit ihr, die einen etwas an die alten BundesWehr-Zeiten erinnert: Meldung machen, schnell und präzise und ohne überflüssiges.

Die Frau, die wohl Kommandantin des Floßes ist, hört sich alles mit unbewegtem Gesicht an. Sie ist etwa vierzig, verglichen mit allen Frauen, die wir bis jetzt gesehen haben, ungewöhnlich blond, und hat tief eingeschnittene Linien im Gesicht. Ein grausamer Zug um die MundWinkel. Ihre Kleidung unterscheidet sich nicht von der Kleidung der anderen, sichtbare RangAbzeichen können wir auch bei ihr nicht erkennen. Solche Dinge sind in kleinen Gruppen, wo jeder jeden oder jede jede kennt wohl unnötig.

Die Kommandantin hat Narben auf beiden OberArmen und auf dem Bauch. Die deutlichen NarbenWülste lassen vermuten, daß die Verletzungen sehr tief waren, oder daß die Kunst der Behandlung von Wunden hier nicht bekannt ist. Ihre Figur ist sonst makellos, so wie bei allen hier, wenn man davon absieht, daß alle Frauen, die wir bis jetzt gesehen haben, über breite Schultern verfügen, auch und gerade die Kommandantin. Ob es sich um eine KonstitutionsEigenschaft handelt, die allen Menschen hier eigen ist, oder ob die Frauen, bedingt durch andere Art von körperlicher Ertüchtigung, im Durchschnitt über bessere SchulterMuskulatur verfügen als die Männer kann ich noch nicht sagen. Der Unterschied zwischen typisch weiblicher und typisch männlicher Figur, wie wir ihn kennen und wie wir an ihn gewöhnt sind, ist hier jedenfalls überhaupt nicht ausgeprägt, um nicht zu sagen, nicht existent.

Natürlich gibt es Unterschiede. Unterschiede in der Haltung. Wir hatten ja schon auf dem Herweg genug Gelegenheit, dieses genau zu betrachten und zu vergleichen. Die Frauen halten sich aufrecht. Der FührungsAnspruch und die GehorsamsErwartung ist ihnen auf einen Kilometer Entfernung anzusehen. Sie strahlen Aggression und SelbstBewußtsein aus. Diese Kommandantin besonders - sie ist eine Inkarnation der Arroganz.

Die Männer gehen hingegen irgendwie geduckt, auch wenn sie, anatomisch gesehen, aufrecht stehen. Ihre ganze Haltung ist servil, ängstlich, abwartend. Auch wenn sie über viel durch harte Arbeit gewonnene MuskelKraft verfügen, wirken sie schwach.

Die Kommandantin tritt vor uns hin. Sie mustert uns beide. Dann fragt sie Irene in scharfem Ton etwas. Irene antwortet nicht, weil sie ja nichts versteht. Ich erwarte schon, daß sie sofort Schläge bezieht, aber das ist nicht der Fall. Eine weibliche Gefangene ist etwas ganz anderes als ein männlicher Gefangener.

Dann wird Irene abgeführt, nachdem sich die Kommandantin mit einigen anderen Frauen - vielleicht ihren Offizieren - beraten hat. Wir sind getrennt.

Wie um den unterschiedlichen Wert von Mann und Frau noch weiter zu verdeutlichen, kümmert sich niemand um mich. Ich stehe einfach auf Deck. Was sie mit Irene machen ist offenbar wesentlich wichtiger.

Fast zehn Minuten lang werde ich vollkommen ignoriert. Ich habe Gelegenheit, das Floß genauer zu betrachten, Gerüche und Geräusche aufzunehmen. Mitglieder der Mannschaft hetzen an mir vorbei, außer gelegentlichen gedämpft neugierigen Blicken interessieren sie sich nicht für mich.

Das Floß scheint ganz sacht zu schwanken. Die Verbindung zwischen der GangwayBrücke, die nicht abgebaut wird, und dem Floß knarrt in langsamen Rhythmus. Auch aus der Takelage hört man das Reiben von Seilen gegen Seilen und Seilen auf Holz und Holz gegen Holz. Ich stelle fest, daß das HauptKonstruktionsMittel des Floßes Seile und Holz sind. Vielleicht eine sehr stabile, beschädigungstolerante Konstruktion. Aber ich kann das ja nicht beurteilen. Jedenfalls sind etliche MannschaftsMitglieder damit beschäftigt, SeilVerbindungen zu verstärken und zu reparieren.

Es riecht nach kalten FeuerStellen und organischen Abfällen. Einige Balken an Deck zeigen Verfärbungen, als seien sie wiederholt von färbenden Flüssigkeiten getränkt worden. Und über mir, in der Takelage, unter den weit ausladenden untersten Rahen, gibt es Konstruktionen, von denen ich annehme, daß es nichts mit der Besegelung zu tun hat. Das sind Kräne. Dieses Floß transportiert etwas, was nur mit beträchtlichem Aufwand an Bord gebracht werden kann. Aber was?

Das große Floß trägt eine ganze Reihe von AufBauten, die an BlockHäuser, Holzhütten oder kleinen FabrikHallen erinnern. Das können nicht alles MannschaftsUnterkünfte sein. Aber was ist es dann?


        7.4     Die SchiffsKüche


Da baut sich plötzlich ein Mann vor mir auf. Schmuddelig und schmierig, vielleicht fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt, untersetzt und übergewichtig, aber unverkennbar muskulös. Er hat schon eine gut ausgebildete Glatze und er erinnert mich ein bißchen an einen SchankWirt. Er weist auf die Tür eines der heckwärtigen BlockHäuser.

Es ist KüchenDienst. Nachdem mir der Mann eine Ecke zugewiesen hat, wo ich meinen RuckSack abladen kann, deutet er mir mit Gesten an, was ich zu tun habe. Das Innere dieser Hütte hat sich tatsächlich als Küche entpuppt, allerdings mit einem beträchtlichem Inventar an KüchenGerät. Ein GroßTeil davon starrt vor Dreck - angetrockneten und teilweise verwesten SpeiseResten. Entsprechend ist der Geruch. Wenn ich nicht ganz genau wüßte, daß organischer Gestank kaum toxisch ist, dann müßte ich jetzt um meine Gesundheit fürchten.

Immerhin, die Tatsache, daß ich überhaupt diese Geräte sauber machen soll beweist ProblemBewußtsein. Es ist halt das AbwaschProblem, das wir, Irene und ich, zuhause erst durch Anschaffung einer WaschMaschine gelöst haben. Der Abwasch - der natürliche Feind des Menschen und gleichzeitig nur in seiner Gegenwart existenzfähig - ein widerliches Biest!

Vorübergehend fällt mir der Thomas Mugridge aus dem 'Seewolf' von Jack London ein. Der Erzähler wird dort in einer ähnlichen Situation durch den Koch Mugridge erniedrigt, geschlagen und mit Arbeit überlastet. Der Mann, der mich hier einweist, scheint aber nicht aus demselben Holz geschnitzt zu sein. Eher scheint er diese Einweisung so schnell wie möglich hinter sich bringen zu wollen. Er zeigt mir einen Haufen genauso schmutziger Tücher, die ich zum SauberMachen benutzen soll. Dann, als er sieht, wie ich anfange, Pfannen und Messer mit diesen DreckTüchern zu reiben, verzieht er sich.

Die Schinderei durch einen Thomas Mugridge bleibt mir erspart. Nur wird das Geschirr nicht sauber. Es handelt sich um teils recht große Messer, Spieße, Töpfe und Pfannen, weiterhin Teller und fast normales Besteck. Essen unsere Gastgeber mit Messer und Gabel? Gabeln kann ich keine finden.

Die sonstige Einrichtung des Raumes ist die einer Küche. An der Wand stehen Regale und ZubereitungsTische, in der Mitte des Raumes ein zweieinhalb Meter durchmessendes und eineinhalb Meter hohes rundes Gemäuer, das bei näherem Hinsehen doch aus Holz ist. Seitliche Öffnungen unten und ein Grillrost, der die kreisrunde Öffnung oben abdeckt, zeigen, daß es sich um einen großen Ofen handelt, der jetzt nicht in Betrieb ist. Durch den geschwärzten RauchAbzug in der Decke könnte ein Mann hindurchklettern.

Auch auf dem OfenRost liegt dreckiges Geschirr, einfach überall, wo es nicht hingehört. Ein SauStall! Was Irene wohl zu dieser Küche sagen würde?

Mit den DreckTüchern kann ich die FettSchmiere höchstens verreiben und neuverteilen. Ich brauche wenigstens Wasser. Ein WaschMittel wäre nicht schlecht, aber man kann nicht alles haben. Wasser gibt es draußen. Das Floß schwimmt schließlich in demselben.

Mit drei oder vier Tüchern über der Schulter und einem Stapel Teller und kleinerer Pfannen verlasse ich die Küche und trete an die BordWand. Wer immer auf Deck steht, sieht mich mit Interesse an.

Die WasserOberFläche ist etwa fünfzig Zentimeter unter dem Niveau des Deckes. Die Tücher auszuwaschen ist auch in einer unangenehmen ZwangsHaltung kaum möglich. Ich muß selbst ins Wasser. Während ich über die BordWand steige, spüre ich die Blicke aller, die auf Deck etwas zu tun haben, im Nacken. Wenn sie jetzt annehmen, daß ich ausreißen will, dann wird sich mir wahrscheinlich gleich ein Pfeil in den Nacken bohren.

Das Wasser ist wirklich flach. Es geht mir gerade bis zur Brust. Ich könnte ohne Schwierigkeiten das zu waschende Geschirr vom Floß runternehmen, wenn da nicht eine leichte Strömung wäre. Diese drückt mich so zur Seite weg, daß ich mich eigentlich dauernd festhalten muß. Es ist also nicht ganz einfach.

Ohne WaschMittel kriege ich den allerletzten FettFilm nicht weg. Aber es gelingt mir in den folgenden Stunden, nicht nur den deutlich sichtbaren Schmutz von allem Gerät zu entfernen, sondern sogar etwas wie gezieltes AufRäumen in der Küche zustande zu bringen. Außerdem, da ich jedes Gerät genau ansehen muß, gewinne ich allmählich Klarheit über den Zweck des Floßes: Diese Beile und diese großen Messer dienen nicht dazu, MahlZeiten für die FloßBesatzung zuzubereiten. Wahrscheinlich sind sie versehentlich in die Küche gelangt. Das Schiff ist vermutlich eine Art FischereiBetrieb, oder ein BasisSchiff für JagdUnternehmen. Ich sehe zwar nirgends FleischVorräte, aber ich habe ja auch noch lange nicht in alle AufBauten hineingesehen.

Die ganze Zeit habe ich den Eindruck, daß ich alleine arbeite. Eine ganze Handvoll Männer sieht mir zu, und zwei oder drei fahren lediglich dann mit ihrer eigenen Beschäftigung fort, wenn sich eine Frau an Deck blicken läßt. Danach stellen sie ihre Tätigkeit schnell wieder ein. Geredet wird kaum etwas.

Einmal kommt eine Frau auf Deck, die einen der Männer zu sich winkt. Sie setzt sich auf eine KabelRolle und zwingt den Kopf des Mannes unter ihren Rock zwischen ihre Beine. Niemand beachtet das mit mehr als einem flüchtigen Blick. Dann aber, als sie sich zurücklehnt, sieht sie mich mit meinem Geschirr neben der BordWand hantieren. Sie richtet sich sofort wieder auf, stößt den Mann wieder weg und stellt sich zu den anderen, gaffenden Männern - mit einem gewissen Abstand - und gafft ebenfalls. Nach einigen Minuten verschwindet sie wieder. Daß sie eben einen der Männer zu sexuellen Diensten befohlen hat und damit offenbar nicht fertig geworden ist hat sie schon wieder völlig vergessen. Der Fremde, der da KüchenDienst macht, war offenbar viel interessanter!

Ein paarmal glaube ich aus einem der Räume im ersten Stock des BrückenAufbaus Irenes Stimme zu erkennen. Das könnte sein, denn sie ist in die Richtung abgeführt worden. Ihre SprachMelodie ist seltsam, aber es ist eindeutig Irenes Stimme, dann wieder unterbrochen von anderen weiblichen Stimmen. Verhör? SprachUnterricht? SprachUnterricht wäre das Plausibelste, was mir einfällt. Sonst kann man ja kaum etwas aus uns herausholen. Wenigstens wird sie im Moment nicht mißhandelt.

Der Mann, der mich eingewiesen hat, läßt sich erst nach zwei Stunden wieder blicken. Er sieht mir mindestens fünf Minuten zu, denkt vermutlich intensiv nach und sagt nichts. Dann verschwindet er wieder.

Während des Putzens finde ich ein FleischStück, das noch relativ neu erscheint. Jemand hat schon hineingebissen, es dann aber wieder zur Seite gelegt. Ich schneide die BißKante ab und esse den Rest. Das ist das erste Fleisch, was anständig schmeckt, so, wie normales SchweineFleisch. Ob es SaurierFleisch ist?

So um 18 Uhr bin ich mit SauberMachen fertig. Ich lasse mich in der mir zugewiesenen Ecke nieder und versuche, zu schlafen. Das gelingt - eine Zeitlang. Dann werde ich wieder von meinem 'Thomas Mugridge' geweckt. Ich bin inzwischen sicher, daß er die Rolle eines Kochs spielt. Der Vergleich mit einem SchankWirt war also gar nicht so falsch. Er ist wohl froh, daß er Assistenz bekommen hat, wenn er sich das auch nicht so anmerken läßt wie jener Thomas Mugridge auf der GHOST.

Mein ArbeitsTag ist also immer noch nicht zu Ende. Er nimmt einige der großen HackMesser von den Halterungen, wo ich sie so sorgsam und der Größe nach sortiert aufgehängt habe und führt mich in einen anschließenden Raum, den ich noch nicht betreten habe.

Da stehen vier große, stabile Tische aus massiven Holz. Außerdem stinkt es ganz ekelhaft nach Verwesung. Ihn scheint das aber nicht zu stören. Er öffnet große WandSchränke und winkt mich heran. Als ich nähertrete, wird mir schlecht. Die Knie geben nach, und ich muß mich an einem Tisch festhalten. 'Mugridge', der Koch, sieht mich verwundert an.


        7.5     MenschenFleisch und KochRezepte


Es sind Leichen. Tote Menschen. Über- und nebeneinander gestapelt. Alles Männer in den besten Jahren. Der Anblick erinnert mich an FilmAufnahmen von der Befreiung der KonzentrationsLager, dem Öffnen der ersten GasKammern. Diese Menschen wurden jedoch nicht 'zweckfrei' umgebracht. Ich begreife: Das ist ein Teil des SchiffsProviants.

Unsere 'Gastgeber' sind MenschenFresser.

MenschenFresser. Was für ein billiges Wort. Das klingt nach AbenteuerRomanen ohne Anspruch. Freigegeben von 14 bis 18. MenschenFressen ist weniger schlimm als bumsen. Das ist erst ab AltersStufe 16 oder 18 freigegeben. Die MitArbeiter der BundesfilmPrüfstelle waren wohl noch nie bei MenschenFressern zu Gast.

Wie in Trance nehme ich nun wahr, was geschieht, wie ein Träumender handle ich, wo ich zum Handeln aufgefordert werde. 'Mugridge' deutet mir an, ihm dabei zu helfen, zwei der Leichen aus den Schränken zu nehmen und auf zwei Tische zu legen.

Ich sehe, daß die Leichen bereits ausgeweidet sind. Ein großer Schnitt im Bauch. 'Mugridge', der Koch, öffnet bei einer der Leichen diesen Schnitt mit den Händen, drückt die WundRänder auseinander und holt einen großen Stein heraus. Er behandelt diesen Stein, als ob er das wertvollste an der Leiche wäre. Er öffnet einen weiteren Schrank, und legt den Stein auf viele ähnliche.

Steinsalz? Zum Konservieren der Leichen? Ich weiß nicht. Als 'Mugridge' mich auffordert, bei der anderen Leiche dasselbe zu machen, muß ich auf den Boden kotzen. Der Koch steht dabei, als ob er nicht versteht, was ich eigentlich habe oder warum ich mich so anstelle.

Er besteht nicht darauf, daß ich weitermache. Wahrscheinlich muß er über meine Reaktion erst mit einer Vorgesetzten sprechen. Ich werde wieder in den anderen Raum zu meiner Ecke zurückgebracht. Dann läßt er mich in Ruhe. Nicht einmal den unschönen Fleck, den ich auf dem FußBoden verursacht habe, läßt er mich wegmachen. Er stört ihn überhaupt nicht.

Die Geräusche aus dem NebenRaum ermöglichen allerdings, daß man den FortSchritt bei der Zubereitung der Leichen gut genug verfolgen kann.

Ich kann nicht schlafen. Nicht, weil kein Bett da ist. Das haben wir auf dieser Reise ja schon gelernt: Ohne das auszukommen. Aber dieser routinemässige Kannibalismus - so routinemäßig, wie wir in Bayern, ach was, in der ganzen Welt, das Fleisch von Tieren essen, oder Milch und Käse.

Ich erinnere mich auch, daß das FleischStück, das ich da vorhin gefunden habe, endlich wie richtiges Fleisch geschmeckt hat.

Jetzt weiß ich, was ich da gegessen habe.


        7.6     Der Ofen und das Fleisch


Ich weiß nicht, wie lange ich gesessen und in der Dämmerung des KüchenRaumes gegrübelt habe. Der Koch kommt rüber und macht sich an dem GrillOfen zu schaffen. Er spricht mich zunächst nicht an, bis das Feuer einigermaßen brennt. Dann bedeutet er mir, durch weiteres NachLegen von Holz dafür zu sorgen, daß der Ofen seine volle Leistung erreicht. Dann verschwindet er wieder. Lustlos und widerstrebend komme ich seiner Aufforderung nach. Was da gebraten werden soll, ist ja klar.

Der SchornStein, der sich über dem Abzug befinden muß, scheint länger zu sein. Ich habe ihn von draußen zwar nicht gesehen, aber das heißt nichts. In dem TakelagenGewirr habe ich ja fast überhaupt nichts wiedererkannt. Jedenfalls ist der Zug nach kurzer Zeit ganz ordentlich, und das Feuer brennt mit steigender Hitze. Der Raum wird dabei durch den Zug des SchornSteins gut durchlüftet. Ein Wind kommt durch die offenstehende Tür von draußen. Dafür bin ich dankbar, da es in diesem Raum ungemütlich warm ist - wärmer als die AußenTemperatur, die ohnehin schon ständig etwas über dreißig Grad beträgt.

Der Stoß des bereitliegenden BrennHolzes ist gut getrocknet, und so entstehen weniger und heißere SchwelGase, die dann alle gleich mitverbrennen. Ich sehe, daß das Feuer ungewöhnlich heiß brennt: Es tut in den Augen weh, glühende HolzKohleStücke direkt anzusehen. Ja, natürlich: Wir sind in 10500 Meter Tiefe. Da ist der Druck etwa der vierfache AtmosphärenDruck. Vierfacher SauerstoffPartialdruck. Da muß Feuer schon deutlich anders brennen. Zwar wird dann auch die vierfache Menge StickStoff miterhitzt - immer unter der Annahme, daß der StickstoffGehalt dieser Luft derselbe ist wie bei uns oben - aber wahrscheinlich wirkt sich das größere SauerstoffAngebot bei der Verbrennung deutlicher aus.

Ich habe zuviel nachgelegt. FlammenSpitzen schießen durch den EisenRost. So kann man kein Fleisch darauf legen. Was mache ich jetzt?

Es ist mir schon vorher aufgefallen, daß der Ofen aus Holz ist. Eine schwere, schwer brennbare Holzart, vielleicht ein Holz mit einem hohen MineralGehalt. Die InnenWände des Ofens sind fast steinartig eingeröstet. Wahrscheinlich eine stabile, bewährte Konstruktion. Aber nicht für zu heftige Feuer gedacht. Denn nun beginnen die OfenWände stellenweise zu qualmen. Ich sehe vor meinem geistigen Auge schon das Schiff in Flammen aufgehen.

Der Koch betritt den Raum wieder, beide Arme voller FleischStücke. Er ist über das heftige Feuer nicht besonders beunruhigt. Er wirft das Fleisch auf den glühenden Rost, wo es bei der Berührung mit den glühenden Stangen laut aufzischt, und kümmert sich dann um den Ofen selbst. Ein paar Griffe an den seitlichen FeuerungsÖffnungen. Jetzt erst sehe ich, daß da DrosselungsKlappen vorhanden sind. Hätte ich auch selber drauf kommen können.

Bevor der Koch rausgeht, nimmt er eine lange Zange vom Haken und bedeutet mir, das Fleisch regelmäßig zu wenden. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als genau das zu tun.

Ich kann nicht erkennen, woher die einzelnen FleischStücke kommen. Die größeren Muskeln sind in mehrere Stücke zerhackt, Sehnen und größere Gefäße sind entfernt worden. Die weiteren FleischStücke, die der Koch in wenigen Minuten bringt, sind genauso zubereitet. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dann würde ich nicht auf die Idee kommen, daß es sich um MenschenFleisch handelt.

Das Fett fällt in das Feuer, es qualmt. Vielleicht wende ich die FleischStücke häufiger, als es notwendig ist. Ich will, ich muß meine Sache gut machen - sonst ende ich auch auf diesem Rost. Und das sähe ganz genauso aus wie es jetzt aussieht. MenschenFleisch ist von dem Fleisch der Tiere, die wir selber als Nahrung zu uns nehmen, kaum zu unterscheiden. Für mich als Vegetarier sowieso nicht.

Die Vorstellung, daß Irene oder ich auf einem solchen Rost enden könnten, ohne daß jemals unsere Bekannten und Verwandten etwas über unseren Verbleib oder unser Schicksal erfahren würden, erscheint mir schrecklich. Natürlich weiß ich, daß, im großen Lauf der WeltGeschichte, unser Leben nicht wichtiger ist als das der Menschen, die da vor mir auf dem Feuer brutzeln. Aber das ist eine Abstraktion. Realität ist: Ich will am Leben bleiben, und ich will, daß Irene am Leben bleibt.

Wir müssen flexibel sein. Wenn es zum Überleben notwendig ist, geschlachtete Menschen zum Essen zuzubereiten, dann werde ich das tun. Wenn es notwendig ist, bei Hinrichtungen zu assistieren, wenn es notwendig ist, der Kommandantin zu Diensten zu sein - zu welchen Diensten auch immer - dann werde ich das tun. Das ist hier kein RechtsStaat. Hier gibt es keine BerufungsInstanz. Moralische GrundWerte müssen jetzt erst einmal zur Seite gestellt werden.

Was glauben wir, was wir da oben für Probleme haben! ParteiSpenden, getürkte Gutachten über die Sicherheit von KernKraftWerken, AbtreibungsDiskussion. Was noch? Wann wird es hier etwas geben, was unserem RechtsStaat und unserer Demokratie nur annähernd entspricht? Wieviel Zeit braucht es, in den meisten dieser Köpfe solche Ideen reifen zu lassen? Jetzt heißt das Geschäft erst einmal 'Überleben'. Ohne rechtsstaatliche Hilfen.

Fast werde ich bei diesem Gedanken etwas stolz. Ein bißchen gesellschaftlichen FortSchritt haben wir doch zustande gebracht, da oben, in den alten, dekadenten europäischen Ländern! Verglichen mit den Verhältnissen hier.

Und der Koch betritt wieder den Raum und wirft weiteres Fleisch auf den Rost, und ich wende brav das Fleisch. Was für eine Laufbahn. Herwig. Diplom der Physik. Fünfzehn Jahre BerufsErfahrung im Schreiben systemnaher Software. Ein paar FachArtikel in renommierten ZeitSchriften. Auch ein paar S-F-Geschichtchen. Jetzt Schlachter und KüchenGehilfe. Wird demnächt lernen, einen Menschen fachgerecht zu zerlegen.

Herwig, wie weit hast du es gebracht!

Es ist vielleicht 21 Uhr, als der größte Teil des Fleisches gar ist. Unter Anleitung des Koches verteile ich die Stücke auf etwa zwanzig Teller. Ist das die Anzahl der derzeitige Besatzung des Schiffes?


        7.7     Bedienung bei Tisch


Es gibt noch ein paar pflanzliche Beilagen, aber nach meinen Vorstellungen nicht übertrieben viel. Einen so großen Teil der eigenen Nahrung als Fleisch zu sich zu nehmen gibt Grund zu medizinischen Bedenken, egal, um welches Fleisch es sich nun handelt. Aber die Abwesenheit medizinischer GrundKenntnisse kann ich unseren GastGebern schon gar nicht vorwerfen. In diesem Punkte sind sie mit den meisten unserer zivilisierter ZeitGenossen in bester Gesellschaft, wie weltweit Hunderte von Millionen oder sogar Milliarden Raucher beweisen, oder den ähnlich hohen ProzentSatz von Menschen, die nicht einmal über rudimentäre ernährungsphysiologische Kenntnisse verfügen.

Wenigstens versuche ich, mir das AusSehen des wurzelartigen Gemüses zu merken, für den Fall, daß wir es einmal in freier Natur suchen und wiedererkennen müssen. Ich wünschte, ich könnte den Koch darüber befragen.

In dem Raum über uns ist Getrappel. Dem Koch folgend verlasse ich die Küche, jeder von uns vier Teller balancierend. Eine steile Treppe bringt uns zu einem langen MehrzweckRaum, der etwa in der Mitte des Schiffes liegt. In diesem Raum sind lange Tische aufgestellt. Alle essen zusammen, SchiffsLeitung und Mannschaft. Die Mannschaft, also im wesentlichen Männer, sitzen von der Kommandantin am weitesten entfernt. An diesem Ende der Tafel wird auch geschwiegen. Wenn die Kommandantin und ihre Offiziere miteinander reden, dann haben alle anderen FunkStille.

Natürlich wird das weibliche Ende der Tafel zuerst bedient. Jetzt erst sehe ich, daß Irene neben der Kommandantin sitzt. Sie starrt vor sich hin, blickt gar nicht auf und hat mich noch nicht gesehen.

Der Koch und ich werden praktisch ignoriert, so, wie das bei dem BedienungsPersonal in Restaurants auch bei uns üblich ist. Nur vom unteren Ende der Tafel werden ein paar neugierige Blicke auf den Fremden geworfen, aber wer an Bord etwas darstellt, der täte sich nie dazu herablassen, sich auch nur in Spuren so etwas wie vulgäre Neugier anmerken zu lassen. Schließlich hat man die Situation ja in der Hand, auch wenn da so ein unerklärlicher Fremder auftaucht.

Wir flitzen mehrfach zwischen Küche und KantinenRaum rauf und runter. Der Koch überläßt mir die weitere Verteilung der FleischTeller alleine, nachdem jetzt dafür gesorgt worden ist, daß die SchiffsFührung die besten Stücke bekommen hat, und kümmert sich um Getränke.

Die ArbeitsTeilung ist nicht sehr geschickt. Zwei Leute brauchen eine ganze Weile, um alle Esser an einer zwanzigköpfigen Tafel zu versorgen. Wer schon hat, ißt und trinkt sofort, wer noch nicht hat, wagt nicht, zu protestieren. Das Getränk, das der Koch in blechernen Bechern serviert, könnte eine Art Wein sein, oder Bier. Es riecht nach beidem, aber ich habe das Gefühl, daß gar kein Alkohol drin ist. Die Männer bekommen Wasser.

Ich habe den Eindruck, daß diese formale Tafel unüblich ist, aber ich weiß nicht, was mich auf diesen Gedanken bringt.

Irene ißt mechanisch. Die geistesabwesende Art, wie sie ißt, verrät mir, daß sie über Einiges nachdenkt, nicht aber über ihr Essen. Also weiß sie noch gar nicht, was sie da ißt, denn das wäre ihr anzumerken - so gut kenne ich meine Frau. Sie hat mich auch immer noch nicht bemerkt.

Während ich arbeite, verfolgt die Kommandantin mich nun doch mit ihrem Blick. Nicht, daß sie mich anspricht - das wäre unter ihrer Würde. Aber man merkt ihr an: Sie möchte alles an Bord und in ihrem EinflußBereich unter ihrer Kontrolle haben. Von Irene hat sie noch nicht allzuviel erfahren - wenn sie tatsächlich SprachUnterricht machen, dann ist da in diesen wenigen Stunden nicht viel rausgekommen. Habe ich doch auch kaum wiedererkennbare Ausdrücke aufgeschnappt, bis jetzt. Ein Jammer, daß die neuronalen GrundLagen des Erlernens einer Sprache nur in den ersten LebensJahren so gut sind.

Das Gelage ist lang, und es wird tatsächlich alles Fleisch aufgegessen. Der Koch beschäftigt mich wieder mit SauberMachen. Wie wohl der tägliche Rhythmus aussieht? Wir sind um 4 Uhr heut morgen wach geworden, jetzt wird es 23 Uhr. Mir reichts. Ich versuche, dem Koch das klarzumachen. Er zuckt mit den Schultern und geht raus. Heißt das, daß ich schlafen darf?

Es heißt das. Als er wieder reinkommt, bringt er mir eine geflochtene Matte mit. Ich breite sie im Augenblick in meiner Ecke aus. Er interveniert nicht, als ich mich niederlege.

Allerdings hat er weiter in der Küche zu tun. Wenn ich nicht so hundemüde wäre, würde mich das gelegentliche Scheppern vom Schlafen abhalten. Irgendwann muß er doch auch schlafen? Wann ist denn nun die SchlafPeriode? Aus der gleichmäßigen AußenBeleuchtung kann man ja überhaupt nichts erkennen.

Kein Thomas Mugridge, denke ich im EinSchlafen. Er schikaniert nicht und akzeptiert FremdArtigkeit. Und doch hackt er Menschen auseinander, weil er es schon immer getan hat. Seine Welt, diese Welt: Darinnen kann man Menschen eben essen. Er hat diese Welt genauso vorgefunden, wie alle anderen auf diesem Schiff. Sollte ich mich in der Beurteilung dieser Menschen zurückhalten? Was täten denn wir, wenn wir in diese Welt hineingeboren wären?

Mit dem Gedanken an Irene und ob sie wohl auch endlich schlafen darf, schlafe ich selbst ein.


        ******** 008. Tag: Samstag 1995-08-26 ********



        8.1     Erinnerungen auf der MastSpitze


10 Uhr morgens, sagt meine digitale ArmbandUhr. Ich bin von selbst wach geworden. Kein Wecken. Aber schmerzende Glieder - die geflochtene Matte ist fast genauso hart wie der Boden.

Irgendwo schnarcht jemand. Ich bin alleine in der Küche. Das Feuer im Ofen ist ausgegangen, und draußen geht ein gleichmäßiger Regen. Leise stehe ich auf und trete vor die Tür der Küche.

Dicker Nebel. Schwül. Ich bin schnell naßgeregnet, aber es ist wie eine warme Dusche. Ich sehe auf. Sogar die Masten verschwinden im Nebel.

Hält denn niemand Wache? Leise gehe ich auf und ab. Tatsächlich. Niemand paßt auf das Schiff auf, niemand auf uns. Wenn ich Irene wiederfände, dann könnten wir eventuell abhauen!

Blitzartig baut sich in meinem Kopf ein Plan auf, ein machbarer Plan: Derselbe Weg zurück, vorher an LebensMitteln einpacken, was wir in die Finger bekommen können, vielleicht noch ein paar Seile stehlen. Würde das funktionieren? Die RuckSäcke hat man uns ja nicht weggenommen, und den Weg würden wir wohl finden, das traue ich mir schon zu: Flußaufwärts, über das FlußGeröll, in den richtigen SeitenFluß hinein, dann die WaldStraße. Diese über vielleicht einige Dutzend Kilometer, an den verlassenen Dörfern vorbei, der unbenutzten HinrichtungsStätte und der verfallenen Hütte aus einem SaurierSkelett, in die Berge rauf, der VergewaltigungsTeich, danach bald schon an der Säule hoch. Der Platz unserer GefangenNahme. Die Hängende Straße. Dann, die KreuzigungsStätte. Der verfallene ObstGarten. Der Kleine See und der SaurierSee. Aus den Wolken raus, auf die verlassene Stadt zu, aber links halten. Die sich windende Straße hinauf, in die Wand der nächsten Säule. Nach langem Anstieg, auch durch viele TunnelStücke an dem nun senkrecht werdenden Hang der Säule, der Platz am Ende der Straße. Dann der KletterSteig, elendiglich lang, elendiglich hoch, elendiglich luftig. Dann der WiderlagerPlatz mitten in der Wand der Säule, hinauf auf die SeilBrücke. Unter dem Hängenden Berg vorbei, wo ich fast abgestürzt wäre. Tausende Meter unter uns, bis zur WolkenObergrenze, und darunter noch einmal fünftausend Meter, wie wir jetzt wissen.

Hinter dem Hängenden Berg noch einmal eine lange SeilBrücke. Dann, der Grat. Weiterer Anstieg. Die Höhlen würden dunkler. Zeit, die DynamoLampen auszupacken. Der große, dreieckige Tunnel. Der SteinHaufen unter dem Loch in der Decke, dann, der Gang, horizontal, Treppen, sich windend. Irgendwann dann der bodenlose, stundenlange KletterSteig, die EisenStäbe über der schwarzen Tiefe. Einer fehlt, erinnere ich mich.

Am Ende des KletterSteiges die Stelle, die wir nicht mehr in GegenRichtung überwinden konnten. Da müßten wir uns etwas einfallen lassen - vielleicht etwas Geeignetes mitnehmen. Das müssen wir uns aber hier schon überlegen. Wenn wir aber diese Stelle überwinden könnten: Weitere GeröllHalden, irgendwo noch ein kleiner Teich, Grate, Wege in Tunneln und an SteilWänden, alles in finsterster Nacht. Dann die Stelle, wo das GlühBirnchen liegt. Wir hätten es dann fast geschafft. Bald darauf schließt sich der Abgrund, nur noch ein leicht steigender Stollen, keine AbsturzGefahr mehr, am Ende ein kurzer, steiler Abstieg, noch ein paar Meter, und wir stünden im Freien, auf dem HöllentalPlatt der ZugSpitze! Irene, die AußenWelt da oben gibt es wirklich, ich habe es doch die ganze Zeit gesagt! So schlecht kann das Wetter gar nicht sein, daß es uns dann noch zurückhielte, einen kleinen Kilometer über das Platt, die SteigAnlage 'Das Brett', ein paar KletterSteige. Wege, immer bequemer, dann, die HöllentalangerHütte, wieder unter Menschen, die sich wie Menschen benehmen! Wir könnten essen und übernachten, wir könnten sogar noch weiter, durch die Klamm, runter nach Hammersbach, nach Garmisch, Hotel oder BundesBahn, heim nach München, heim nach Hause! - Vielleicht könnte man sogar diese unmenschliche Welt vergessen, die überall nur zehn Kilometer unter unseren Füßen liegt. Vielleicht sagen wir niemandem etwas, dann bleibt es unser Geheimnis! Vielleicht ist es dann irgendwann gar nicht mehr wahr!

Es knarrt oben im MastWerk. Da ist doch jemand. Oder? Ich kann nicht erkennen, wo genau, und ob ich beobachtet werde. Aber was solls - diese RiesenwegesStrecke zurück, die ich mir jetzt in Gedanken vergegenwärtigt habe - das ist ein guter Bewacher. Abschreckung genug. Ob es andere Wege nach oben gibt? Oder ist es unser Schicksal, hier zu bleiben, ich erstmal als KüchenJunge, Irene als - ich weiß nicht was sie mit ihr vorhaben. Vielleicht wissen unsere Bewacher selbst nicht, was sie mit uns vorhaben.

Das Wasser des Flusses, obwohl in Strömung begriffen, ist ölig glatt, gerippelt durch die zahllosen RegenTropfen. Unbewacht steht die GangwayBrücke. Schon das Ende der Brücke, am Ufer, ist nicht mehr zu sehen. Sie könnte auf ein unendliches, flaches Meer hinausführen.

Beim weiteren UmherWandern auf dem Floß finde ich starke Winden, offenbar dazu geeignet, schwere Gegenstände an Bord zu ziehen. Das Heck des Floßes ist dazu wie ein Stück abschüssiger Straße ausgebildet, die im Wasser verschwindet. Aber ich sehe auch, daß man diese Geometrie des HeckTeiles bei Bedarf ändern kann. In regengeschützten HalterungsKästen stehen schwere Beile und überproportional große Schwerter bereit. Das ist kein KüchenBesteck, denke ich mir. Damit hackt man auf größeres ein. Ist dies ein FangSchiff? Ein WalFänger? Nein, ob es hier Wale gibt, wissen wir nicht. Aber vielleicht ist es ein SaurierFangschiff? Oder ein AufbereitungsSchiff?

Ich rechne etwas nach: Einen Saurier von hundert Tonnen an Bord zu bringen, im Ganzen oder in Stücken, würde bei der Größe des Floßes den Tiefgang nur um fünf bis sechs Zentimeter erhöhen. Es könnte immer noch in flachen FlußGewässern operieren.

Ich schleiche weiter. An den Stellen, wo ich es am wenigsten erwarte, höre ich die Geräusche schlafender Menschen - leichtes Atmen bis rasselndes Schnarchen. Von einem der höheren Räume, der vorne isoliert in das MastWerk eingepaßt ist wie ein wuchtiger JagdHochsitz, höre ich ein rhythmische Knarren. Die Frequenz läßt auf GeschlechtsVerkehr oder Masturbation mit heftiger Bewegung schließen. Es gibt aber keine LautÄußerungen wie heftigeres Atmen oder gar Schreie. Diszipliniert, oder routiniert, oder leidenschaftslos? Egal, es geht mich nichts an. Ich sehe mich weiter um.

Alle schlafen in geschlossenen Räumen, niemand auf Deck, im Regen. Dabei ist der Regen so warm, daß er vielleicht nicht einmal den Schlaf stören oder verhindern würde. Alles GewöhnungsSache.

An der BordWand zieht sich durchgehend, bis auf den achteren Teil, eine baumstarke Leiste entlang, zu niedrig für ein Geländer, aber man kann darauf sitzen, und es gibt stabile, hölzerne DoppelPoller, die entweder dafür gut sind, das Schiff mit Seilen an einem Kai zu befestigen, oder die auch Ruder aufnehmen könnten. Oder beides. Ich habe allerdings noch nichts einem Ruder ähnliches gefunden, wenn man von den größeren Messern und BreitSchwertern absieht, die aber fürs Rudern wohl zu schwer und zu rostanfällig sind.

Der BugSpriet des Floßes ist so lang wie ein richtiger Mast, also mindestens so lang wie das Floß selbst. Er bildet mit der WasserOberfläche einen Winkel von dreißig Grad, so daß seine Spitze vierzig Meter über dem Wasser ist. Das ganze Schiff muß mit dem BugSpriet zusammen eine Länge von 150 Metern haben. Auch der BugSpriet trägt Rahen, genauso weit ausladend wie die Rahen der HauptMasten, die alle weit über die BordWand hinausragen. Wahrscheinlich kann man eine große Menge SegelTuch setzen, um auch schwachen Wind auszunutzen. Aber ich bezweifle, daß es die Takelage zuläßt, Höhe am Wind zu gewinnen. Bei reinem Wind von achtern würde jedoch ein solcherart stark besegelter BugSpriet das Schiff in seiner FahrtRichtung stabilisieren.

Der Regen läßt nach, aber träge ziehen tiefhängende Wolken vorbei. Es ist dunkler als gewöhnlich. Die WolkenDecke über uns scheint nicht, so wie die permanente WolkenDecke einige Kilometer über unseren Köpfen, ständig Licht zu generieren. Es sind ganz normale RegenWolken.

Da der Regen abnimmt, nimmt auch die Sicht etwas zu. Ob man aus den Masten weiter sehen kann? Ich begutachte die Wanten. Sie sehen gut besteigbar aus. Inzwischen bin ich wieder zu der Ansicht gekommen, daß das Knarren in den höheren Teilen des MastWerkes und der Takelage nicht darauf zurückzuführen ist, daß sich dort jemand aufhält. Dazu sind diese Geräusche räumlich und zeitlich zu zufällig verteilt. Was hält mich dann noch davon ab, einmal hinaufzuklettern?

Bis jetzt habe ich nur einmal in meinem Leben die Wanten und den Mast eines richtigen SegelSchiffes bestiegen. Das war bei dem Urlaub auf Lanzarote vor fünf Jahren. Dort gab es einen Nachbau des Schiffes, mit dem Magellan 1521 auf der Suche nach einem FahrWeg nach Indien die MagellanStraße entdeckt hatte, die 'Marea Errota'. Die Erbauer holten das Geld für den SchiffsBau wieder herein, indem sie täglich Touristen von der HauptStadt Arrecife zu einer Bucht am SüdEnde von Lanzarote, den 'Punta del Papagayo' transportierten und dort den Passagieren fast zwei Stunden lang Gelegenheit gaben, von Bord des Schiffes aus zu baden. Dabei wurde das SegelSchiff mit einem Motor angetrieben, um Personal zu sparen.

Mir hatte damals das überfüllte Schiff wenig gefallen, und dann wurde auch noch zu allem Überfluß von den Veranstaltern eine überzogene PiratenKlamotte abgezogen: Jeder Passagier wurde fotografiert, während ein 'Pirat' ihm einen GummiSäbel unter den Hals hielt. Am Ende der Fahrt, vor der Landung in Arrecife, mußte jeder für sein inzwischen entwickeltes und vergrößertes Bild 1000 Peseten hinlegen. Das war das 'piratische' an der Fahrt. Außerdem gab es noch an Bord eine Wahl der 'Miss Pirat 1990' und dergleichen Unfug mehr.

Ich hatte damals jedenfalls die Schnauze voll. Bevor wir in dieser Bucht ankerten, betrachtete ich die Wanten des vorderen Mastes. Sie waren in einem ausgezeichneten Zustand. Viel besser als die Wanten des GroßMastes.

Das Schiff lag ruhig, die Besatzung kümmerte sich um die Unterhaltung der zahlenden Passagiere. Ich nahm die Gelegenheit wahr und schwang mich in die Wanten. Zwei bis drei Meter über dem Deck machte ich zunächst eine Pause, um von diesem Standort einen RundBlick mit der Videokamera zu filmen. Niemand behinderte mich oder versuchte, mich zurückzuholen.

Dann stieg ich weiter, bis dicht unter das KrähenNest, das sich etwas über der Rah des VorderMasts befand. Die Höhe über Deck war vielleicht zehn oder fünfzehn Meter. Immer noch machte niemand Anstalten, mich herunterzuholen. Ich klemmte meine EllenbogenGelenke so zwischen die hier dicht beieinanderliegenden Wanten ein, daß ich kaum herunterfallen konnte. So war ein gefahrloses VideoFilmen möglich.

Ich habe diese Situation damals sehr genossen. Der Atlantik, die subtropischen Strände von Lanzarote, im Süden Fuerteventura, davor die Silhouette von Lobos, das alles unter strahlend blauen Himmel und einer brennenden Sonne, so, wie Magellan sie auch erfahren haben muß, und all die anderen frühen Pioniere der SeeFahrt, zu der Zeit, als es noch große, unbekannte Weiten auf dem Planeten gab, und wo jede Fahrt in die Ferne Abenteuer versprach. Das ist heute vorbei. Jedenfalls auf der OberFläche der Erde.

Die Touristen unter mir waren weit weg, fast konnte man sie ignorieren. Mir war bewußt, daß ich, wenigstens einmal in meinem Leben, in einer Situation war, die in der alten Zeit der großen SegelSchiffe viele Menschen mehr oder weniger freiwillig erfahren mußten. Die Ahnung einer Einheit mit allen, die jemals von einem SchiffsMast Ausschau halten mußten, auf noch unbekannte Gestade zum Beispiel, von denen noch alle möglichen Überraschungen ausgehen konnten.

Das Abenteuer war Spiel. Mehr kann jemand, der keine Ambitionen zum Abenteurer oder zum Hobby-SeeFahrer hat, in seinem Leben nicht erwarten. Irene, die sich da unten auf dem Deck sonnte, und die ich erst mehrfach anrufen mußte, bis sie endlich nach oben sah, konnte meinen Empfindungen nicht folgen, und ich konnte sie ihr später auch nicht vermitteln. Die SehnSucht nach dem Abenteuer, in früher Kindheit durch mancherlei spannende Bücher gepflanzt, läßt auch einen erwachsenen Mann nie ganz los. Bis er selbst tatsächlich in ein solches hineingerät. Dann könnte man sich schöneres vorstellen als diesen Streß.

Das kleine Abenteuer begann damals erst, was ich noch nicht wußte. Die BadePause in jener Bucht war zu Ende, und das Schiff ging auf HeimatKurs, nach Arrecife. Ich machte keine Anstalten, herunterzuklettern.

Nachdem der SteuerMann gesehen hatte, daß ich wohl nicht willig war, meinen AussichtsPunkt aufzugeben, begann er, einen harten Kurs gegen die Wellen des Atlantik zu steuern. Jetzt, den WindSchatten der Bucht verlassend, war das Schiff den PassatWinden voll ausgesetzt.

In weiser VorausSicht hatte ich die VideoKamera schon wieder in der BereitschaftsTasche verstaut. Das war gut so, denn ich brauchte meine Hände, um mich festzuhalten. Denn nun versuchte das Schiff, mich herunterzuschleudern.

Durch den langen HebelArm des Mastes war ich jeder Bewegung des Schiffes viel mehr ausgesetzt als die Passagiere unten auf Deck. Mit Armen und Beinen verklammerte ich mich in den Wanten. Dann war keine Gefahr mehr dabei, aber ich schwankte zwischen dem Stolz, die See wie ein SturmVogel auszureiten und doch vor dem Gischt, der die Passagiere da unten durchnäßte, geschützt zu sein, und der Furcht, daß mir bis Arrecife vielleicht die Kräfte ausgehen könnten. Dabei war es zu jenem Zeitpunkt erst einige Wochen her, daß ich mit einem Kollegen das erste Mal in meinem Leben die ZugSpitze durch das HöllenTal bestiegen hatte - Jener AufstiegsWeg also, an dem unser jetziges Abenteuer jetzt vor einer Woche seinen Anfang genommen hatte, und von dem ich damals noch nichts ahnte - ich wußte also, daß ich mich durchaus über Stunden hinweg irgendwo festhalten konnte. Und auf dem Mast war die Kamera vor SalzWasser absolut sicher.

Ich erinnerte mich an eine Sequenz aus dem 'SeeWolf' von Jack London, in der der Erzähler Humphrey van Weyden ebenfalls in den Mast hinaufgeschickt wurde, allerdings zu einem noch höheren Punkt, mehr als zwanzig Meter über dem Deck. Er sollte dort nach den ausgesetzten RobbenfängerBooten des Schiffes Ausschau halten. Zudem geriet das Schiff just zu dem ZeitPunkt in einen Taifun, und der arme Hump wurde hin- und hergeschleudert, der Orkan versuchte, ihn vom Mast zu blasen und das Schiff war mehrfach dicht vor dem Kentern.

Jack London verwendete in seinen Erzählungen autobiographische Elemente. Wenn er eine solche Situation beschrieb, dann kann man sicher sein, daß er es entweder selbst erlebt oder wenigstens mit eigenen Augen gesehen hat. Wenn ein Mensch solche Bedingungen aushalten kann, was sollte ich mich dann beschweren, wenn das Schiff ein bißchen in dieser leichten Brise ins Schaukeln geriet? - Auch mit diesen Gedanken versuchte ich damals, mich zu beruhigen und die aufkommende Panik zu vertreiben.

Dann allerdings trat ich nach einer halben Stunde doch den Abstieg an, für jeden Schritt eine BewegungsPause des Schiffes nützend. Immerhin hatte ich LandRatte doch ein gewisses EinfühlungsVermögen in die Bewegungen des Schiffes bekommen, um das beurteilen zu können.

Als ich unten ankam, klatschten einige der Passagiere, denen nicht selbst schlecht war, Beifall. Dafür wurde mir alsbald schlecht. Seltsam: da oben auf dem Mast hatte ich nicht die Spur von SeeKrankheit: Das einzige UnwohlSein rührte aus der kühlen Überlegung her, daß, in Prinzip, sich mein Griff irgendwann lockern und ich heruntergeschleudert werden konnte.

Dieser 2. Oktober des Jahres 1990 sollte mir noch lange in Erinnerung bleiben, wie alle Erlebnisse, die die physische Existenz auch nur marginal bedrohen. Und deshalb denke ich jetzt, wo ich mit den Gedanken spiele, in die Takelage aufzusteigen, an diese lange zurückliegenden Erlebnisse. Die Höhe lockt mich wieder. Und dieses Schiff liegt ganz ruhig. Verglichen mit dem, was wir beim Abstieg in die UnterWelt erlebt haben, sind diese Masten sowieso nur ein KinderSpiel.

Niemand beobachtet mich - die Gelegenheit ist günstig. Mit sicheren Griffen beginne ich den Anstieg.

Schnell bin ich über dem Niveau des HauptGebäudes des Schiffes, das sich zweistöckig fast über die gesamte Länge des Schiffes erstreckt. Dort, wo der GroßMast das Dach dieses Gebäudes durchstößt, sitzt ein zimmergroßer Aufbau als dritte Etage auf, ein Raum mit großen, scheibenlosen Fenstern. Die Brücke? Dieser isolierte Raum wird in seiner Höhe über dem Deck noch von zwei RaumKomplexen vorne und achtern übertroffen, die, im Falle des achtern Gebäudes, gerade mit ihrer Bodenecke das HauptGebäude des Floßes berühren, während der Boden des vorderen Gebäudes etwa 15 Meter über dem Deck ist. Dann gibt es am GroßMast in 25 Metern Höhe noch ein überdachtes KrähenNest, das aber nicht mehr durch Treppen, sondern nur durch Kletterei durch die Takelage zu erreichen ist, so, wie ich es jetzt mache. Das scheint mir an geschlossenen Räumlichkeiten alles zu sein.

Während ich weiter an Höhe gewinne, habe ich Gelegenheit, mir die MastKonstruktion ganz genau anzusehen. Es handelt sich nicht um die Stämme einzelner riesiger Bäume, sondern es sind eine Unzahl schlanker, gerader, fünf bis zwölf Meter langer Hölzer miteinander verleimt worden. Zusätzlich ist der gesamte Mast mit ausgewalztem TauWerk straff umwickelt, was wohl zusätzliche Stabilität verleihen soll. Das gleiche gilt für die Rahen, deren unterste von Ende bis Ende über fünfzig Meter lang sein müssen.

Die höheren KrähenNester sind weit ausladend. Mastnah ist immer ein DurchStieg, durch den man es gefahrlos besteigen kann. Von dort nehmen dann weitere Wanten für die höheren Teile des Mastes ihren Anfang.

Schließlich bin ich im letzten Abschnitt. Die anderen Masten sind schon zu Ende - der GroßMast überragt sie alle um mindestens zwölf Meter. Die letzte Rah. Unter mir sind die Abgrenzungen des Floßes zwischen all den Seilen und Hölzern der Takelage kaum noch zu erkennen. Was ich erkenne, ist weit weg. Das bekannte Gefühl, daß man beim RunterFallen eventuell das Schiff verfehlen würde, stellt sich ein, auch wenn der Verstand noch so genau ausrechnen kann, daß man sich aus dieser Höhe wahrscheinlich nicht einmal mit aller Kraft beim Sprunge so heftig abstoßen kann, daß man das Floß verfehlt.

Dann habe ich die obere Befestigung der obersten Wanten in den Händen. Der Mast ist zu Ende. Fahnen gibt es hier nicht, es gibt auch keine Vorrichtung, um welche aufzuhängen. Dafür einige Rollen, über die Seile mit mir unbekanntem Zweck laufen, und über dem ganzen eine WetterAbdeckung, auf der man beidseits des Mastes sitzen kann. Diese beiden, stabilen SitzBretter haben die fünfzehn Zentimeter durchmessende Spitze des Mastes wie ein kleines Tischchen zwischen sich. Es ist etwas schwierig, da rauf zu kommen, weil die Wanten schon tiefer enden, aber es gelingt mir. Jetzt erst, wo ich die MastSpitze in Händen halte und mein Kopf der höchste Punkt des Schiffes ist, kann ich mich umsehen.

Es ist ein ganz leichtes Schwanken zu bemerken. Dieses ist natürlich auch der Platz, wo man das am allerdeutlichsten merken muß. Wenn das Floß in Fahrt ist, dann dürfte es hier ungemütlich sein, selbst bei leichtem und stetigen Wind.

Die RegenWolken haben sich während meines AufStieges nicht verzogen, und da Murphys Gesetze ja universelle Gültigkeit haben, fängt es jetzt wieder an zu regnen. Als ob das Holz nicht schon glitschig genug wäre!

Man kann gerade eben bis zu den Ufern des Flußes blicken. Der Wald zeigt sich wie eine dunkelgraue Bank, die oben und unten von hellerem Grau umrandet wird. Das ist alles. Noch während ich beobachte, verschwimmt der Unterschied zwischen Wald und FlußGeröll und Himmel immer mehr. Jedenfalls kann ich nicht die Topographie des Flußes stromaufwärts und stromabwärts erkennen, was ich mir eigentlich erhofft habe.

Es könnte sein, daß ich den RegenWolken jetzt näher bin als der WasserOberfläche. Einen genauen AnhaltsPunkt dafür gibt es nicht. Und wahrscheinlich ist die UnterGrenze der RegenWolken auch viel zu wenig definiert, als daß man da mit gutem Gewissen genaue EntfernungsBehauptungen anstellen könnte.

Das Wasser direkt um das Schiff herum ist auch kaum von dem Ufer, das jetzt wieder im Nebel verschwindet, zu unterscheiden. Ich brauche auch eine ganze Weile, bis ich die GangwayBrücke ausmache. Während ich beobachte, verschwindet sie auch. Der Regen wird stärker. Die grobflockigen Wolken, die am Schiff und um mich herum vorbeiziehen, lassen wie üblich bei solcher WetterLage kaum erkennen, ob es sich um statistische Schwankungen der RegenDichte, die wie Wolken aussehen, handelt, oder um Wolken oder NebelFetzen selber. Naja, das ist ja auch ein akademischer Unterschied.

Wenn nicht gerade jemand intensiv nach oben guckt oder gar heraufklettert, ist die MastSpitze jetzt ein gutes Versteck. Sollte ich eine Weile hier oben bleiben? Auf jeden Fall ist es angenehmer als die KüchenArbeit. Man würde unten annehmen, daß ich mich davon gemacht habe. Würde Irene darunter leiden? Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube nicht, daß eine Frau, auch wenn es eine Gefangene ist, hier für irgend etwas zur Rechenschaft gezogen werden könnte, was ein Mann ausgefressen hat. Immerhin ein Trost während des Aufenthaltes in dieser Welt: Solange man mir nichts tut, wird man Irene auch nichts tun. Hoffe ich.

Die größere Gefahr, denke ich mir, wäre nur die, daß Irene glaubt, ich wäre geflohen, und versucht, mir zu folgen. Ich kann sie unmöglich alleine den RückWeg antreten lassen. Nicht diesen RückWeg. Das schafft sie nicht.

Im Moment könnte ich eventuell gerade noch wahrnehmen, wenn sich da unten jemand über die GangwayBrücke fortmachen will. So undeutlich, wie sie zu sehen ist, aber etwas sich bewegendes ist immer noch leichter auszumachen. Da kann ich gut noch etwas hierbleiben, auch wenn die Aussicht nicht übertrieben gut ist. Wenigstens habe ich dann nicht das Gefühl, daß ich, aussichtsmäßig, etwas erlebe, was Irene nicht erlebt. Was wäre denn, wenn ich sie hier raufgeschleppt hätte? 'Was? Das ist alles?' würde sie sagen, an der Grenze der Eingeschnapptheit, und alle Erklärungen würden ihr nicht die Faszination dieser kleinen Welt nahebringen, die durch die Höhe und den Nebel und die Gefahr des Abstürzens gebildet wird.

Es ist ohnehin merkwürdig genug, daß das subjektive Erleben dieses bescheidenen HöhenerlEbnisses sich offenbar gar nicht geändert hat. Sollte man nicht annehmen, daß unser mehr als schwindelerregender Abstieg in die UnterWelt ein ständiges seelisches Trauma hinterlassen hat, eine nicht zu überwindende HöhenFurcht? Oder sollte man im GegenTeil annehmen, daß wir nun gegen jede Art von HöhenSchwindel abgehärtet sind? Nichts von beiden ist der Fall. War unser Abstieg so abenteuerlich, daß das BewußtSein sich weigert, diesen Erinnerungen mehr Bedeutung als den Erinnerungen an einen AlpTraum zuzuordnen? Oder ist es unser Alter, daß die starke EinPrägung von existenzbedrohenden Erlebnissen schon nicht mehr zuläßt? Vielleicht ein Vorteil, daß man nicht mehr durch eine Gefahr hypnotisiert wird, so daß keine Panik eintritt.

Bei der ZugspitzBesteigung vor fünf Jahren ist mir das auch aufgefallen. Sowohl auf dem Brett - damals das erste Mal - als auch nachher in der HöllenTalwand hatte ich die Hosen gestrichen voll. Keinen Nerv, die Aussicht zu bewundern, nicht einmal, als wir schon auf der Irmer Scharte angekommen waren. Angst, wenn auch keine Panik. Jeder Griff hat gesessen. Der KletterSteig ist schließlich sorgfältig verbaut. Man kann sich überall festhalten. Kaum, daß wir dann oben waren, auf den AussichtsPlattformen des Münchner Hauses, da versank das Erlebnis hinter mir ins Akademische. Ob es meinem Kollegen auch so ging, weiß ich nicht. Er hat mir später erzählt, daß er mehr Probleme mit WasserBlasen an den Füßen hatte. Das wiederum ist ein Problem, mit dem ich nie zu tun habe.

Jedenfalls genieße ich meinen AussichtsPunkt ohne Aussicht. Kein Ärger, keine Arbeit, keine Termine. Abgesehen vom Hunger, der sich allmählich meldet. Ganz perfekt können die Bedingungen ja nie sein. Egal, ich bleibe noch etwas hier.

Auf dem Floß geht jemand über Deck. Ich kann nichts erkennen, und derjenige mich wohl auch nicht. Sekunden später Geräusche eines TreppeBesteigens, dann UmeinanderRäumens von irgendwelchen Gegenständen. Die nehmen hier nicht sehr viel Rücksicht darauf, daß jemand noch schlafen könnte! Oder vielleicht ist auch die WachPeriode angebrochen. Das muß ich noch genauer herausfinden, wie die Wach- und SchlafPerioden auf dem Schiff liegen und wodurch sie synchronisiert werden.

Wieder Schritte, allerdings sehr gedämpfte. Es ist immer noch nur eine einzelne Person. Als ich aber ein ganz leichtes Vibrieren in meiner SitzFläche spüre, kommt mir die Idee, daß jemand dabei sein könnte, in die Takelage aufzusteigen. Ich sehe genauer runter.

In der Tat. Jemand steigt zu mir herauf. Ausgerechnet auf den GroßMast, auf dem ich sitze!


        8.2     Charmion


Es ist eine Frau, wie sich unschwer erkennen läßt. Sie kommt nicht herauf, weil ich hier oben sitze - dann würde sie wohl häufiger während des Steigens nach oben schauen. Sie schaut aber überhaupt nicht nach oben. Sie steigt, als ob sie das jeden Tag macht.

Sie ist völlig nackt und unbewaffnet, trägt allerdings eine SeilRolle über der Schulter und einige LederRiemen am Körper. Keine Ahnung, wozu das Ganze gut sein soll.

Erst, als sie das letzte KrähenNest, etwa zwölf Meter unter meinem StandPunkt, betritt, erblickt sie mich, weil sie einen Moment lang nach oben blicken muß, während sie sich durch das enge Loch am Mast hochzieht. Sie erstarrt augenblicklich. Sekundenlang liegen unsere Blicke ineinander.

Ich habe sie noch nicht gesehen. Sie ist jung, jedenfalls viel jünger als die Kommandantin. Auch lassen ihre GesichtsZüge nicht Härte und EntschlußKraft und Arroganz und unbedingte GehorsamsErwartung erwarten, wie ich es bei der Kommandantin gesehen habe, und auch nicht das gewisse Maß an Verachtung, das ich gesehen habe, als die Kommandantin mich flüchtig gemustert hat. Sie ist so jung, daß ihre GesichtsZüge noch völlig ungeformt sind, wie bei vielen Mädchen im Alter zwischen 16 und 20. Das muß auch ungefähr ihr Alter sein. Naja, vielleicht ein bißchen älter. 22 oder so. Es gibt da doch einige Linien in ihrem Gesicht.

Angst zeigt sie keine. Entweder begreift sie nicht, daß eine Konfrontation zwischen uns für sie ungünstig ausgehen könnte, da sie im Moment nicht bewaffnet ist - warum hätte sie auch eine Waffe beim Besteigen des GroßMastes mitnehmen sollen? - oder sie hat eine Ausbildung in NahkampfTechniken, die ihr jetzt Sicherheit gibt. Oder sie kommt gar nicht auf die Idee, daß ein Mann es wagen könnte, die Hand gegen sie zu erheben. Alles nur Vermutung. Was weiß ich schon von einer Welt, in der alle Frauen mit Schwertern rumrennen und sie vielleicht sogar mit ins Bett nehmen?

Sie steigt weiter, wobei sie die Wanten auf der anderen MastSeite benutzt. Einige Sekunden später schwingt sie sich auf das Sitzbrett mir gegenüber, wo sie sich, wie ich selbst, rittlings niederläßt. Sie hat sich offenbar entschlossen, ihren ArbeitsVerpflichtungen wie geplant ohne Verzögerung nachzukommen. Das ist übrigens überraschend: Das erste Mal, daß ich eine Frau in der Unterwelt manuelle Arbeiten verrichten sehe!

Sie sagt ein paar Worte zu mir, schweigt dann aber. Wahrscheinlich hat sie schon erfahren, daß Fremde an Bord sind, die nur eine unverständliche, fremde Sprache sprechen. Aus demselben Grund kann ich leider auch keine Unterhaltung anfangen, um weiteres über unsere GastGeber in Erfahrung zu bringen.

Ein animalischer Duft steigt mir in die Nase. Die strenge Ausdünstung unserer GastGeber kriege ich jetzt, bei dieser Nähe, natürlich ungeschwächt ab. Ich lasse mir nichts anmerken, aber wenn man in unserer Welt da oben etwa einem Kollegen mit einer so starken Ausdünstung begegnete, dann müßte man schon aus purer SelbstVerteidigung die Sprache einmal ganz diplomatisch auf den Gebrauch von Wasser und Seife bringen. Bei unserer GastGebern ist dieser KörperGeruch aber ganz normal. Natürlich laufen wir selber in der letzten Zeit auch nicht gerade duftfrei herum, aber diese strenge Aura haben wir noch lange nicht erreicht.

So ganz gleich beginnt sie mit ihrer Arbeit denn doch nicht. Da wir beide rittlings auf den kurzen SitzBrettern zu beiden Seiten der MastSpitze sitzen, so, das wir jeweils die MastSpitze selbst zwischen den Schenkeln haben, kommen sich unsere Knie und die unteren OberSchenkel in die Quere. Man müßte etwas zurückrutschen, aber dazu ist der Sitz zu kurz und der FallWeg bis hinunter zum Deck zu lang.

Die Angst, oder sagen wir mal, die Besorgnis muß wohl in meinem Gesicht deutlich geworden sein. Sie läßt sich nichts anmerken, weder Angst noch Mißbilligung, auch gönnt sie sich nicht die Spur eines Lächelns. Da für unsere vier Beine einfach nicht genug Platz ist, faßt sie einen raschen Entschluß. Sie klemmt mit ihren OberSchenkeln die meinen ein, ihre UnterSchenkel drücken meine UnterSchenkel gegen die WiderLager der WantenBefestigung unter unserem SitzPlatz, so fest, daß es weh tut. Dadurch sitzen wir jetzt zweifellos sehr sicher, aber die Stellung ist leicht, sagen wir, anrüchig. Unsere vier OberSchenkel bilden eine Raute um das fünfzehn Zentimeter durchmessende obere Ende des GroßMastes, und unsere OberKörper sind sich deshalb auch sehr nahe. Genaugenommen so nahe, daß ihr Busen meine Brust berührt.

Das ist ihr zu nahe. Nicht, weil sie etwas gegen mich hat, sondern weil sie mit dem dicken Seil, das sie immer noch auf der Schulter trägt, irgend etwas anfangen will. Die LederRiemen, deren Zweck ich nicht erkennen kann, behält sie umgehängt. Einige führen zwischen ihren Busen durch und nehmen weit weniger Platz weg als diese.

Überhaupt, als langjähriger Playboy-Leser kann ich Figur und Busen dieses Mädchens wohl klassifizierend und begutachtend einordnen. Das ist absolutes GardeMaß, und ihre Figur ist perfekt, soweit ich das aus dieser perspektivisch verzerrenden Nähe erkennen kann. Sie sieht sehr gut aus, besser als alle, die ich bisher auf diesem Schiff gesehen habe.

Ihr Gesicht ist aus dieser Nähe aber eigentlich noch faszinierender. Nicht, weil man darinnen etwas lesen könnte - es ist, wie gesagt, noch jung, fast glatt und noch nichts hat darinnen seine Spuren hinterlassen. Es ist nahezu nichtssagend. Ein hübsches Mädchen eben. Aber ich bin mir bewußt, daß dieses Mädchen in einer verglichen mit der meinen so fremdartigen Welt aufgewachsen ist, und vermöge ihrer Jugend wahrscheinlich noch nicht allzuviel über das Leben und wie es woanders sein könnte, nachgedacht hat, so daß die Welt, die sie gesehen und begriffen hat, mit der Welt, die in meinem Kopf ein Abbild hinterlassen hat, absolut nichts gemein hat. Wir haben dieselbe Physis - das ist alles, was uns gemeinsam ist. Schon die Eßgewohnheiten sind unterschiedlich - ich muß mir wieder vergegenwärtigen, daß man hier nichts dabei findet, Menschen zu essen!

Ihre Augen sind grau-grün, ihr Haar dunkel-brünett und wirr - so wie Haare eben kurz nach dem AufStehen liegen. Das Fehlen von jeder Art von Kosmetik macht ihr Gesicht erst recht anziehend.

Sie drückt mit einer Hand gegen meinen OberKörper, als ob sie mich vom Mast schubsen will. Obwohl sie meine Schenkel wie ein SchraubStock eingeklammert hat, addiere ich selbst noch einen erheblichen SchenkelDruck hinzu. Es ist nicht zu erkennen, ob meine Angst sie amüsiert. Sie hat jedenfalls den Platz, den sie braucht, und fängt an, das Ende des Taus, das sie mitgebracht hat, aufzudröseln. Das nennt man, glaube ich, ein 'Tau spleißen'. Man sollte wirklich mehr FachWörter aus der SeeFahrt oder der SegelSchifffahrt beherrschen. Ich werde daran denken, wenn wir das nächste Mal eine BergTour unternehmen.

Erstaunlich, daß man ihren Fingern die Folgen dieser Arbeit nicht ansieht. Andererseits macht sie es routiniert und schnell. Ich versuche, meinen OberKörper wieder etwas aufzurichten, aber wenn der Platz zwischen ihrem Busen und meiner Brust zu eng wird, dann drückt sie mich sofort, ohne Lächeln und ohne Mißbilligung, wieder ein paar Zentimeter zurück. Das schräge Sitzen ist etwas anstrengend. Sie selbst lehnt sich übrigens nicht nach hinten.

Jetzt fällt mir erst auf, wie heiß ihre OberSchenkel sind. Auch, als eben ihr Busen meine Brust berührt hat, habe ich die Wärme gespürt. Ihre Haut ist überall feucht von einem dünnen SchweißFilm, und wenn ich selber nicht dauernd schwitzte, dann hätten ihre Busen jetzt ein paar Flecken auf meinem T-Shirt hinterlassen. Hat sie Fieber? Wieso geht jemand mit Fieber in die Takelage? Andererseits, sie sieht völlig gesund aus. Könnte es sein, daß die KörperTemperatur der Menschen hier höher ist? Bis jetzt habe ich ja noch keinen so intensiv berührt. - Daß meine Nähe dieser jungen Frau das Blut anheizen könnte, so weit geht meine Einbildung nun doch nicht. Man sollte bei realistischen ErklärungsVersuchen bleiben!

Sie ist mit ihrem Tau fertig. Ich darf mich wieder aufrichten. Das BewußtSein der langen FallStrecke hinter meinem Rücken bis zum harten Deck nimmt wieder ab, aber nicht viel.

Sie sagt wieder etwas, sieht mich an. Mit aufrechtem OberKörper sind wir uns ganz nahe, und ich spüre wieder ihren Busen. Tatsächlich, stelle ich fest, deutlich höhere KörperTemperatur.

Aber die klinische Unparteilichkeit meiner BeobachtungsGabe hat gelitten. Dieses Mädchen ist so aufregend und sie ist mir aufregend nahe. Die Art, wie sie das Seil und die LederRiemen trägt, unterstreicht ihre Nacktheit und ihre Weiblichkeit. Das kompensiert sogar ihren Geruch. Sicher ist sie ohne Absicht nackt hier heraufgekommen, und sie übt auch jetzt nicht all die Allüren, von denen unsere weiblichen ZeitGenossinnen meinen, daß man damit einen Mann aufregen kann. Im Moment sitzt sie einfach da, mir gegenüber, und sieht mir in die Augen, aus nächster Entfernung. Solange sie nicht mit dem Seil herumhantiert, stört es sie gar nicht, daß ihr Busen auf meiner Brust aufliegt. Genaugenommen habe ich den Eindruck, es ist ihr völlig gleichgültig. Ich habe den Eindruck, wenn sie etwas von mir will, dann lediglich das, daß ich ihr sage, was ich hier oben zu suchen habe. Das kann ich ihr leider nicht sagen, und so bin ich uninteressant.

Junges Mädchen, etwas unter zwanzig, älterer Mann in den mittleren Vierzigern. Die bekannte Konstellation. Zweiter Frühling, endlose Quelle für AffairenGeschichten und Witze. Traf bis jetzt nicht auf mich zu und wird auch nicht zutreffen. Ich habe Irene noch nie betrogen und werde sie auch nicht betrügen. Gewiß, es kommt immer mal wieder vor, daß man eine andere Frau begehrt. Das sind die Instinkte, das kann man nicht wegleugnen. Aber solange nicht die Tat folgt gibt es keinen Grund zum Vorwurf. Solange die Triebe nicht das Kommando über den Verstand übernehmen, ist da auch keine Gefahr.

Gewiß, nach so vielen EheJahren ist die Leidenschaft abgeflaut. Die sogenannten 'ehelichen Pflichten', welch fürchterliches Wort, wurden in der PrioritätenListe immer weiter nach unten gedrängt, und deshalb immer seltener. Naja, und in der letzten Woche hatten wir daran auch nicht gedacht. Gut. Kein Vorwurf. Ich mache keinen, und ich akzeptiere auch keinen an meine Adresse. Wenigstens ist der Vorteil eines abgeflauten LiebesLebens, daß die unbedingte Treue und die unbedingte Verlässlichkeit leicht fallen. Mir und Irene. Die intensive Versuchung ist jedenfalls noch nie in mein Leben getreten.

Dieses jetzt ist ja auch keine Versuchung. Kann man nicht sagen. Wir haben wenig Platz auf der GroßmastSpitze, das ist alles. Unten, auf Deck, da hätten wir schon gebührenden Abstand voneinander gehalten. Sicher. Das sind die SpielRegeln hier an Bord.

Aber wer überwacht die SpielRegeln? Was heißt überhaupt Spiel? Das Mädchen findet den fremden, schweigsamen Onkel auf der MastSpitze, der etwa doppelt so alt sein muß wie sie. Neugierig wäre sie schon, aber der sagt ja nichts. Und wegschicken kann man ihn auch nicht, weil er ja nichts versteht und weil er offenbar Angst hat, vor der Höhe oder vor ihr, vielleicht kann sie das nicht einmal unterscheiden.

Sie hat sicher noch etwas zu tun. Aber noch zögert sie, sieht mich an. Stur, möchte man fast sagen. Mir fallen die Vergewaltigungen ein, die ich gesehen habe. Sie ist in diesem Geiste aufgewachsen. Sie würde sich holen, was sie haben will, wenn sie es will. Vielleicht habe ich die Wahl, ob treu oder nicht, schon gar nicht mehr. So, wie sich die Frauen hier das holen, was sie für ihr Recht halten, bin ich dann da noch sicher? Die Musik in meinen Lenden sagt, ich wäre nicht abgeneigt, aber noch bin ich, verdammt noch mal, in erster Linie treuer EheMann.

Da passiert etwas Merkwürdiges, und es passiert sehr schnell. Sie nimmt meine Hände, mit denen ich mich bis jetzt an der kreisrunden Fläche der MastSpitze festgehalten habe. Sie sagt wieder irgend etwas Unverständliches. Ihr HändeDruck hat ungewöhnlich viel Kraft. Dann führt sie, bei gleichzeitiger Lockerung ihres SchenkelDruckes, meine Hände zwischen ihre Beine an ihren Sitz heran. Dabei hebt sie sich selber einige Zentimeter, um Platz für meine Hände zu schaffen. Der Sinn der Übung ist einfach der, daß sie mich veranlassen möchte, mich besser festzuhalten, da sie sich offenbar fortbegeben möchte. Ich soll nicht abstürzen. Dieser Fremde geht ja offenbar mit zwei linken Beinen in der Takelage spazieren, so muß sie denken.

Also eigentlich eine sachliche, ganz unerrotische Angelegenheit. Aber wie sieht das von außen aus, wenn jetzt zum Beispiel eine Kamera neben der MastSpitze uns aufnähme? Manchmal mache ich eben solche GedankenSpiele: Was würde die Kamera jetzt aufnehmen? Ich fasse mit beiden Händen zwischen die Beine des Mädchens, und weil sie ihren OberKörper anhebt und ich den meinen etwas krümme, komme ich mit meinem Mund in ihre direkte Nähe, dicht über ihrem Busen, streife ihn sogar. Das ist Zufall, unsere Anatomie und der beengte Platz erzwingen das so. Aber das wäre es, was die Kamera aufnähme, und jeder Zuseher würde da so seine Schlüsse draus ziehen. Täte ich ja auch. Als Zuschauer wäre ich brennend neugierig darauf, was und wie sie es auf der MastSpitze treiben werden!

Nichts wird getrieben. In der nächsten Sekunde ist sie weg, hängt unter dem Sitz, auf dem sie eben noch gesessen hat und an dem ich mich jetzt festhalte. Mit einem Schwung hängt sie plötzlich an dem Seil, das von dieser MastSpitze aus schräg runter zum KrähenNest des nächsten Mastes geht. Sie sichert sich mit ihren LederRiemen, eine Schlaufe um das Seil, und eine weitere um die MastSpitze. Dazu sind die also gut, denke ich, und deshalb durfte ich mich nicht länger an der MastSpitze selbst festhalten: sie mußte eine LederSchlaufe drüberlegen. Dann ist sie wieder auf dem GroßMast, unter mir, und befestigt dort irgendwie ihr Seil.

In den folgenden Minuten führt sie allerlei Akrobatik vor, wobei sie ständig ihre SicherungsRiemen umordnet und an neuen Stellen neu einschlauft. Das Ergebnis ihres Tuns ist, daß sich von dieser MastSpitze zu Spitze des nächsten Mastes ein neues Seil spannt. Also einfache ErweiterungsArbeiten an der Takelage des Schiffes. Ist das für einen Mann eine zu komplizierte Aufgabe? Oder eine zu verantwortungsvolle?

Die LederRiemen dienen dabei gelegentlich als explizit benutzte KletterHilfe. So routiniert, wie sie durch die Takelage huscht, habe ich nicht den Eindruck, daß sie auf eine Sicherung Wert legt. Sie vertraut voll auf ihren sicheren Griff und ihren festen, zielgenauen Tritt. Sollte sie daneben treten, dann werden, wahrscheinlich jedenfalls, schnellste Reflexe ihr wieder Halt verschaffen. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, daß in der ganzen Zeit, in der ich ihr zusehe, ihr auch nur eine einzige Unsicherheit passiert.

Für sie ist die Bewegung in der Höhe wie für uns das aufrechte Gehen. Da haben wir ja auch keine Angst, umzufallen, obwohl ein Umfallen ohne jede reflektorische GegenBewegung den Kopf eines Menschen ja auch mit etwa 20 Kilometern pro Stunde auf den Boden knallen lassen würde - genug, um sich auf hartem Boden oder bei scharfen GegenStänden ernsthaft oder gar tödlich zu verletzen. Aber wir haben das AufrechtGehen ein ganzes Leben lang geübt. Wie sollten wir Angst davor haben? Da gibt es ja auch gewisse amerikanische IndianerStämme, fällt mir ein, die gerne im HochBau beschäftigt werden, weil sie angeblich absolut schwindelfrei sind. Das muß bei unseren GastGebern noch sehr viel stärker ausgeprägt sein.

Solange das Mädchen arbeitet, sehe ich ihr fasziniert zu. Weniger wegen ihres AusSehens, sondern wegen ihrer zirkusreifen Darbietungen. Wenn man ihr zusieht, dann könnte man fast auf die Idee kommen, das HerumTurnen auf Seilen und Stangen achtzig Meter über dem Boden sei völlig ungefährlich. Ich erliege dieser Illusion natürlich nicht, aber wenn man schon in früher Kindheit die Erwachsenen so sorglos mit der Höhe umgehen sieht, dann wird das seinen Zweck nicht verfehlen.

Außerdem fällt mir beim Zusehen auf, daß sie außer ihren perfekten Proportionen noch einiges zu bieten hat. Da sind auch eindrucksvolle Muskeln und Sehnen, zwar nicht so deutlich wie bei einem männlichen BodyBuilder, aber doch um einiges mehr als es bei uns oben der DurchschnittsMann vorzeigen kann. Irgendwie kann der weibliche Körper Muskeln besser verstecken - vermutlich wegen der dickeren subkutanen FettSchicht. Aber selbst wenn ich nicht genau hinsehe - einiges, was das Mädchen vorführt, könnte man mit dem Begriff 'einarmiger KlimmZug' umschreiben.

Das kann nicht einmal ich.

Als das Mädchen wieder nach unten klettert, würdigt sie mich keines Blickes. Was immer ich mir über diese Situation einbilden könnte, Wahrheit ist und bleibt: Ich war ihr beim Arbeiten im Wege. Wie nett von ihr, daß sie mich nicht einfach heruntergeworfen hat. Doch dann denke ich, daß ich mir auch darauf nichts einbilden sollte: Wenn ich vom Mast falle, könnte da unten ja jemand oder etwas zu Schaden kommen und das Deck verschmutzt werden.

Das hat sie wohl vermeiden wollen.


        8.3     KüchenDienst


Es ist 1 Uhr, als ich vom GroßMast heruntersteige. Inzwischen muß die WachPeriode wieder angefangen haben, denn es sind mehrere Leute an Deck. Ich werde beobachtet, wie ich die letzten paar Dutzend Meter bis zum Deck zurücklege, aber niemand scheint sich drüber zu wundern. Ich rechne eigentlich jede Sekunde damit, daß der Koch mich wieder für KüchenDienste einspannt. Nach der alten, erfolgreichen Strategie 'Geh nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst' begebe ich mich aufs VorSchiff um mich dort einfach hinzusetzen. Dabei kommt mir das Mädchen von der MastSpitze entgegen, diesmal in der üblichen Kleidung. Sie trägt auch kein Seil oder anderes WerkZeug, außerdem scheint sie mich überhaupt nicht zu erkennen.

Ob ich Irene finde? Allmählich wäre ein BeobachtungsAustausch schon interessant: Offenbar haben unsere GastGeber sich mit ihr ja viel intensiver beschäftigt. Dann erwische ich mich dabei, daß ich mir im Geiste zurechtlege, was und wie ich ihr das erzähle, was ich auf der MastSpitze erlebt habe. Und ob ich es ihr überhaupt erzähle. Herwig, lass das sein! Du wandelst auf gefährlichem Pflaster!

Mittschiffs fuchtelt eine der Frauen - es ist nicht die Kommandantin und auch nicht mein Mädchen von der MastSpitze - winkend mit ihrem Schwert herum, während sie mich ansieht. Es hilft nichts - diese Geste übersehen zu haben kann ich nicht behaupten.

Zwanzig Sekunden später stehe ich wieder in der Küche des Kochs, und die Frau verschwindet. ArbeitsAnfang. Ich soll in die SpeiseKammer gehen.

Die nächsten zwei Stunden werden unangenehm. Ich muß Leichen zerlegen. Der Koch hat wohl Anweisungen bekommen, den Fremden in alle Aspekte des KüchenDienstes einzuweihen, ob der das will oder nicht. Der Koch scheint ja ein umgänglicher Mensch zu sein, aber er hinterfragt Befehle, die er bekommen hat, nicht. Wenn der Fremde MuskelFleisch von Sehnen trennen soll, dann wird das so gemacht.

Er führt mir sämtliche Schnitte vor, da er mangels gemeinsamer Sprache nichts erklären kann, er an einer Hälfte einer Leiche, ich an der anderen Hälfte. Manchmal führt er meine Hand. Ich habe keine Wahl als die, mitzumachen und mich möglichst geschickt dabei anzustellen und mich so schnell wie möglich an diese Arbeit zu gewöhnen. Schließlich will ich leben. Außerdem: müssen MedizinStudenten in ihrem Studium nicht auch Leichen sezieren? Diese Arbeit haben so viele vor mir gemacht, dann kann ich das auch tun. Aber es fällt schwer, gleichzeitig konzentriert zu arbeiten und mir Entschuldigungen auszudenken, die vor mir selbst Bestand haben.

Hoffentlich kommt nicht ausgerechnet jetzt Irene rein und sieht mich bei der Tätigkeit, Menschen zu zerschneiden! Auf die Dauer werde ich es ihr wohl nicht verheimlichen können, aber ich muß es ihr langsam beibringen.

Meine AnatomieKenntnisse werden jedenfalls in diesen zwei Stunden anschaulich erweitert. Nachdem eine Leiche zerlegt worden ist, fahren wir mit der weiteren Zubereitung fort. Kopf und Knochen werden in einen bereitstehenden Eimer geworfen - das fliegt später einfach über Bord, wie ich weiß - und das Fleisch sieht zusehends anonymer aus. Das heißt, jetzt könnte es auch vom Schwein stammen. Das macht die Arbeit etwas leichter.

Der Koch hat Sympathie, obwohl er es kaum zeigt. Er sieht, daß mir diese Arbeit schwerfällt, wenn er wohl auch immer noch nicht versteht, warum. Oder, wer weiß, vielleicht versteht er es ja doch: Es soll ja Menschen geben, die auch nicht den Beruf eines Schlachters ergreifen können, weil ihnen die Tötung von lebendigen Wesen auch bei Tieren nur über große innere Widerstände oder überhaupt nicht möglich ist.

Ich sinniere vor mich hin, während ich wieder einmal damit beschäftigt bin, das Fleisch auf dem Ofen zu wenden. Es fällt mir auf, daß die Ernährung der UnterWeltler, jedenfalls, nachdem, was ich bis jetzt gesehen habe, sehr einseitig ist. Nur Fleisch, wenig pflanzliche Beilagen und Getränke, das geht ja nicht lange gut. Allerdings sind mir in der SpeiseKammer auch leere Regale aufgefallen, die nicht für die Aufnahme von Gegenständen von der Größe eines Menschen geeignet sind. Vielleicht, so hoffe ich, sind alle alternativen NahrungsMittel gerade dabei, zu Ende zu gehen, und es muß gespart werden. Aber ich glaube nicht so recht daran: Auf diesem Schiff, wo die Disziplin mit dem Schwert unterstützt wird, da leistet sich doch niemand von den LadeOffizieren oder vom verantwortlichen KüchenPersonal eine solche FehlPlanung.

Während ich am Ofen allmählich meine Fassung zurückgewinne, platzt plötzlich mein Mädchen von der MastSpitze herein. Sie ruft den Koch, der grade wieder in der SpeiseKammer ist, mit einigen kurzen, scharfen Worten herein. Den TonFall hätte ich ihr nicht zugetraut. Aber es ist, wie ich dachte: Als Kind dieser Kultur hat sie den normalen UmgangsTon mit Männer schon längst in Fleisch und Blut übernommen: Befehl und Gehorsam. Der Koch antwortet irgend etwas, und sie bedeutet mir, mitzukommen.

Sie geht voran. Sie trägt jetzt ein Schwert, stelle ich fest. Normalerweise tragen die Frauen auf dem Schiff ihre Waffen nicht dauernd spazieren. Aber jetzt ist es etwas anderes. Sie macht den Eindruck eines Offiziers, der einen Gefangenen zum Verhör bringt.

Wenn ich ihre Sprache könnte, denke ich mir, dann müßte ich sie aber mal darauf hinweisen, daß man in solchen Fällen besser hinter dem Gefangenen geht - ich könnte doch jetzt kehrt machen und abhauen oder sie angreifen! Oder ist sie sich ihrer Reflexe auch für diesen Fall so sicher?

Wir steigen die Wanten zum vorderen MastHaus hinauf. Sie wieder voran. Dabei ist sie auf den Wanten einige Sekunden genau über mir, und wenn ich nach oben sehe, dann kann ich ihr gut unter den StreifenRock schauen. Der Einblick gewährt klinische Details: UnterWäsche ist noch nicht erfunden worden. Dieser Verdacht wird allmählich zur Gewißheit.

Bevor ich mir überlegt habe, ob man den kurzen Einblick genießen sollte, ist der AugenBlick auch schon wieder vorbei. Außerdem sind solche Gedanken einem verheirateten Mann nicht angemessen. Wir steigen über eine Art Veranda, die um das ganze MastHaus herumgeht, und betreten dann den InnenRaum.

Irene ist da, die Kommandantin, und zwei weitere Frauen. Sie sitzen an einem Tisch, den ich in diesem MastHaus eigentlich nicht erwartet habe. Warum, weiß ich auch nicht.

Die Kommandantin bedeutet mir, Platz zu nehmen. Dann nickt sie Irene zu. Mein MastMädchen baut sich an der Tür auf, Arme verschränkt. Sie hat, um in unseren SprachGebrauch zu verfallen, offenbar einen der unteren oder mittleren DienstGrade.

"Gut, daß du noch da bist!" sagt Irene. Sie wirkt übermüdet.

"Wo soll ich denn sonst sein?"

"Sie haben mir erst vor kurzem gesagt, daß du hier arbeitest!"

"Gesagt? Seit wann sprichst du denn ..."

"Darum bin ich hier. Seit ich an Bord bin, versuchen sie, mir diese Sprache beizubringen. Rund um die Uhr."

"Das ist noch kein Tag!"

"Ja. Aber ich habe es wenigstens geschafft, ihnen klarzumachen, daß du im SprachenLernen besser bist!"

"Und?"

"Jetzt lernst du mit. Ob du willst, oder nicht. Das wird Streß, sage ich dir!"

"Meinst du, ich hätte bis jetzt keinen Streß gehabt?"

"Was denn?"

"Später. Hast du geschlafen?"

"Fünf Stunden."

"So siehst du auch aus!" sage ich ihr, "Wir müssen ihnen klarmachen, daß das der Schnelligkeit des Lernens nicht förderlich ist! Das ist doch die alte, überholte ArbeitGeber-Argumentation: Doppelt soviel Zeit bringt doppelt soviel Ergebniss! Damit wollen sie immer ..."

"Herwig, jetzt nicht!" unterbricht Irene. Sie nickt der Kommandantin zu. Diese steht auf und verläßt den Raum. Die beiden anderen Frauen haben offenbar den LehrAuftrag. Und der Unterricht fängt sofort an, oder, für Irene, er geht weiter. Die beiden Frauen dürften in den mittleren dreißiger Jahren sein und unterscheiden sich in nichts von ihren gleichaltrigen GeschlechtsGenossinnen auf dem Schiff. Ob und was sie besonders für SprachUnterricht qualifiziert, das wissen wir nicht.

Mein Mädchen vom Mast bleibt an der Tür. Allerdings, jetzt, wo die Kommandantin das MastHaus verlassen hat, nimmt sie sich die Freiheit, sich anzulehnen. Aus dem Fenster heraus kann sie ja jederzeit sehen, ob jemand das MastHaus betreten will.

Es ist mir eine gewisse Beruhigung, daß die übliche ArbeitsMoral, wie man sie in allen Armeen der Welt antrifft, auch hier zu beobachten ist: Wenn Vorgesetzte nicht in der Nähe sind, dann kann man WachAufgaben 'optimieren'. So etwas steht in den WachVorschriften nie drin, jedenfalls nicht unter dieser Bezeichnung.


        8.4     SprachUnterricht


Der Unterricht ist anstrengend, nicht nur wegen der Hitze und dem völlig neuen Stoff, der völlig fremdartigen Sprache. Ich habe den Eindruck, daß unsere GastGeber wollen, daß wir so schnell wie möglich ihre Sprache lernen. Nun ja, dagegen habe ich nichts. Tatsache ist aber, daß eine Sprache in unserem Alter den Weg in den eigenen Kopf wesentlich langsamer findet als das noch vor zwanzig Jahren der Fall war, oder gar in früher Kindheit.

Wenn Irene behauptet, daß ich für Sprachen begabt bin, dann irrt sie sich. Ich bin für Sprachen überhaupt nicht begabt. Eine lange Reihe schlechter Zensuren in Deutsch, Englisch und Latein belegen das. Schon auf der Schule wußte ich: Nur die NaturWissenschaften sind dein Fach. Etwas anderes brauchst du gar nicht erst zu versuchen.

Aber schon damals galt der GrundSatz, daß man, wenn man etwa Physik studieren will, am besten fließend Englisch spricht. Das war damals und ist noch heute WeltSprache der NaturWissenschaften. Und ich wußte: Englisch pauken, wenn du es mitten im Studium ganz plötzlich und ganz dringend brauchst, das ist deine Sache nicht. FleißArbeit sowieso nicht. Es gibt nur eine Chance: Du mußt das Englisch können. Und da die Schule es in sechs SchulJahren nicht geschafft hat, genug Englisch in deinen Kopf hineinzubekommen, mußt du dir etwas anderes einfallen lassen.

Und mir fiel etwas ein. Als in der elften Klasse Englisch wegfiel, stellte ich meinen Eltern eine Forderung: Wenn überhaupt noch Literatur als GeburtsTags- oder WeihnachtsGeschenke, dann, bitte, nur in Englisch! Ebenso kaufte ich selbst kein deutsches Buch mehr, wo dies nicht unbedingt erforderlich war.

Ich konnte kein Englisch, aber ich tat so, als ob ich es könnte. Ich las von nun an alles mögliche nur noch in Englisch.

WörterBuch in ReichWeite, natürlich. Aber auch da mußte ich noch eine Erfindung machen: WörterBuch nur, wenn unbedingt notwendig. Wenn das Verständnis eines Textes an einem einzigen Wort hängt, sonst nicht. Sonst hält das NachSchlagen viel zu lange auf.

Am Anfang war es noch etwas schwer. Aber bis zum Abitur war ich durch. In der AnfangsZeit des Studiums war ich soweit, daß, wenn man mich bei einer Lektüre unterbrach und mir den weiteren Blick auf dieselbe verwehrte, ich nicht mehr unbedingt sagen konnte, in welcher Sprache ich gerade gelesen hatte. Zehn Jahre nach jenem Entschluß konnte ich Englisch genauso fließend lesen und schreiben wie Deutsch. Mit dem Hören und Sprechen war es wegen mangelnder Übung etwas schwieriger, aber immer noch weit besser, als wenn ich nach der SchulZeit nie wieder ein englisches Buch angefaßt hätte. Und meine Prognose bezüglich der Nützlichkeit der Sprache erwies sich als richtig: Auf alles, was ich in Schule oder Studium gelernt hatte, hätte ich notfalls verzichten können. Auf Englisch nicht.

Das Experiment wollte ich noch einmal mit einer anderen Sprache und demselben Rezept wiederholen. Hatten wir doch bei der BundesLuftwaffe einen halbjährlichen RussischKurs gemacht, dessen LernErgebnis mehreren SchulJahren RussischUnterricht entsprachen. Das müßte ausbaubar sein. War die Gelegenheit nicht günstig? Der Versuch ist etwa zehn Jahre her. In Osteuropa und in der SowjetUnion kündigten sich Umwälzungen an, die einige Jahre später auch tatsächlich eintreten sollten. Ich ließ mir die Prawda direkt aus Moskau kommen.

Es war zu spät. Mein Russisch war noch nicht gut genug, um zwischen den Zeilen lesen zu können, und der damalige Stil der Prawda war auch nicht geeignet, direkt ein Interesse beim Leser zu wecken. Selbst die im WortLaut abgedruckten Gorbatschov-Reden waren für mich Anfänger eigentlich zu schwer und zu umfangreich. Ich arbeitete mich durch keine einzige vollständig durch. ZeitMangel und andere Interessen nahmen den RussischLernen zusätzliche Resourcen weg, und anders als Englisch, das mit fast jedem InteressenGebiet gekoppelt werden kann, weil es entsprechende Literatur gibt, konnte ich mir Russisch nichts anderes anfangen als Prawda-Lesen, und die Werke einiger russischer Autoren, die ich mir beschafft hatte.

Es war zu spät. FehlSchlag. Russisch habe ich nicht mehr geschafft. Und so ließ ich die Finger schließlich ganz davon.

Und nun, noch einmal zehn Jahre später, das Lernen einer neuen Sprache, die auch nicht die entfernteste Verwandtschaft mit bekannten Sprachen hat, und das in kurzer Zeit! Eine HerausForderung, die ich wohl nicht angenommen hätte, hätte man nicht jetzt die Entscheidung für uns getroffen. Mir ist klar, daß es für uns am besten ist, wenn wir unseren Geist für die neue Sprache und die damit implizierte DenkWeise weit öffnen. Um so weiter werden wir kommen. Und wir brauchen die Sprache, wenn wir jemals von diesen Menschen etwas Kooperation haben wollen!

Die Zeit vergeht rasch, während wir die ersten Substantive für die Dinge des täglichen Lebens absorbieren, und die ersten Verben für die alltäglichsten Verrichtungen. Von der Grammatik begreifen wir an diesem ersten Tag noch nicht einmal eine Spur. Aber etwas anderes begreife ich schon nach diesen wenigen Stunden: Ich habe drei verschiedene Wörter für 'bumsen' gelernt, aber kein einziges für 'Liebe'. Einige Wörter, die 'Frau', 'Mädchen' oder 'Mensch' bedeutet, aber keines für 'Mann'. Sprachlich können wir gegen Beginn der SchlafPeriode schon 'töten' und 'hinrichten', aber nicht 'helfen' und 'heilen'. Wir wissen das Wort für 'Schwert', aber nicht das Wort für 'Brot'.

Mir schwirrt der Kopf vor den vielen neuen Begriffen. Ich habe ein bißchen die Besorgnis, daß diese Sprache unsere DenkWeise verändern könnte, weil jede Sprache auch eine Denkweise impliziert. So, wie man beim Erlernen eines Eskimo-Dialektes angeblich schon bald ein Dutzend Wörter für 'Schnee' gelernt hätte und deshalb besser über den Bau eines Iglus sprechen und denken kann als über einen WüstenMarsch, so werden wir hier durch diese Sprache mit dieser fremden LebensWeise mit all ihren unschönen Aspekten vertrauter.

Endlich können wir, so um 24 Uhr, zum Essen gehen. Drei Stunden später als das, was meine Uhr gestern angezeigt hat. Das läßt darauf schließen, daß hier eine TagesLänge von 27 Stunden gepflegt wird. Naja, das geht ja noch.

Beim Essen, das wieder fast nur aus Fleisch besteht, fällt mir wieder ein, was das für ein Fleisch ist. Aber ich sage es Irene nicht, erwähne lediglich, daß alle andersartigen Vorräte knapp sind. Sie braucht ihre Nahrung genauso wie ich. Ich glaube kaum, daß man uns hier eine vegetarische ExtraWurst braten wird.

Wenigstens wird mich das Erlernen der Sprache fortan vor dem KüchenDienst retten.

Noch etwas fällt mir ein: Vor genau einer Woche waren wir in der Höhle am HöllentalPlatt wieder aufgewacht, nach unseren ungemütlichen ersten SchlafVersuchen. In Kürze, vor einer Woche, würden wir ins Innere der Höhle aufbrechen. Die Excursion auf eigene Faust hatte ich ja schon hinter mir. Hätte ich da schon eine Ahnung von dem habe sollen, was uns erwartet?

Wir hätten den TagesAnbruch abgewartet und wären über das HöllentalPlatt und übers Brett nach Hause gegangen, um jeden Preis!

Die SitzOrdnung beim Essen ist diesmal etwas anders: Irene sitzt wieder zur Linken der Kommandantin, die zwei Frauen, Chechmon und Chrwerjat, unsere SprachLehrerinnen, daneben, und ich gegenüber, an der rechten Seite der Kommandantin, ein wahrscheinlich nach den schiffsinternen HierarchieMaßstäben unerhörter Vorgang. Die Frauen rechts neben mir reagieren auch reflexartig etwa so, als wären sie gezwungen, die Anwesenheit eines Schimpansen bei Tische zu dulden. Allerdings muß man genau hinsehen, um es zu merken. Die Kommandantin läßt sich überhaupt nichts anmerken, und die beiden SprachLehrerinnen haben sich an unsere Gegenwart gewöhnt.

Wahrscheinlich wird beabsichtigt, durch das TischGespräch den SprachUnterricht fortzusetzen, und vielleicht schon etwas Informationen aus uns herauszuholen. Wie soll das gehen, nach wenigen Stunden Unterricht! Unser Gespräch bewegt sich also auf dem Niveau: 'Das ist ein Teller ... Was ist das? ... das ist ein Messer' und so weiter. Die Kommandantin hört scheinbar gleichgültig zu. Ich habe aber den Eindruck, daß sie aufmerksamer zuhört, wenn ich mit Irene ein paar Worte in Deutsch wechsele. Woran wir aber nicht gehindert werden.

Mein Mädchen von der MastSpitze nimmt einige Zeit weiter unten an der Tafel Platz. Da sie die letzte ist, die vom weiblichen Teil der SchiffsBesatzung hereinkommt, nimmt die Kommandantin die Gelegenheit wahr, alle mit Namen vorzustellen. Das jedenfalls begreifen wir, wenn wir auch sonst nichts verstehen. Mein MastMädchen heißt Charmion, und die Kommandantin nennt sich selbst Cherkrochj. Die drei Frauen, die uns hierhergebracht haben, heißen, wie wir schon gehört haben, Chrechat, Chbesmoi und Chechmirch. Die anderen Namen kann ich mir noch nicht merken. Mein Versuch, die Namen nachzusprechen, bewirkt zurückhaltende Belustigung - nur 'Charmion' geling mir offenbar fehlerfrei.

Wir haben schon während des SprachUnterrichtes festgestellt, daß wir noch lange nicht in der Lage sind, EigenNamen fehlerlos auszusprechen. Auch mit dem Behalten dieser ZungenBrecher wird es wohl so seine Schwierigkeiten haben.

Von den Männern unten an der Tafel ist keiner der Erwähnung wert. Sie existieren einfach nicht. Inventar. Das Gesinde, gewissermaßen.

Da richtig sinnvolle Informationen aus uns nicht herauszuholen sind, geht das Gespräch nach einer Weile an uns vorbei. Wir verstehen, wenn schnell gesprochen wird, überhaupt nichts, und wir haben auch selbstverständlich FunkStille. Deshalb essen wir schweigend weiter. Gerade, daß wir in einigen Pausen auch ein paar Worte miteinander wechseln dürfen. Ich spüre genau: Das wird nur geduldet.

"Wenigstens ist das Fleisch nicht schlecht!" sagt Irene, und nickt unserer GastGeberin diplomatisch zu, "Gut", sagt sie in der hiesigen Sprache, auf das Fleisch deutend. Die Kommandantin sieht ausdruckslos zurück.

Ich sage nichts. Niemandem wäre damit geholfen.


        ******** 009. Tag: Sonntag 1995-08-27 ********



        9.1     Das MastHaus


Wir sind, nach mitteleuropäischer Zeit, um 2 Uhr nachts ins Bett gekommen. Ich muß meine SchlafMatte holen, die mir der Koch gegeben hat, und wir beide, Irene und ich, schlafen in dem vorderen MastHaus. Quartiert man uns dort ein, damit wir schwerer fliehen können? Soviel Mühe hat man sich mit der Bewachung doch bis jetzt auch nicht gegeben.

Für Irene ist das auch neu - in der letzten 'Nacht' hat sie im SpeiseSaal schlafen müssen, in dem Geruch kalter SpeiseReste. Wenn ich das gewußt hätte, dann hätte ich leicht zu ihr kommen können.

Was die Toilette betrifft, so tun wir das, was alle anderen auch tun: Man geht schwimmen. Vom Schiff aus gesehen strömungsabwärts entledigt man sich der eigenen StoffwechselProdukte. Dann schwimmt man den selbsthergestellten braunen Bojen wieder in Richtung des Schiffes stromaufwärts davon. Waschen und Scheissen in einem 'AufWasch' - so einfach ist das.

Die beiden SprachLehrerinnen rollen ebenfalls SchlafMatten aus. Chechmon und Chrwerjat haben von nun an offenbar den Auftrag, uns keine Stunde mehr alleine zu lassen, nicht einmal mehr beim Schlafen. Sprachlernpsychologisch vielleicht sehr geschickt, aber eigentlich möchte ich mit meiner Frau mal wieder alleine sein. Demonstrativ schieben wir unsere SchlafMatten aneinander, und zwar so weit wie möglich von Chechmon und Chrwerjat entfernt.

Irenes Matte ist sauberer als meine.

"Der Koch hat mir wohl die dreckigste gegeben, die er finden konnte!" beschwere ich mich.

"Dann kommst du eben mit auf meine!" schlägt Irene vor.

"Gute Idee. Hoffentlich lassen die uns!" sage ich und deute kurz in Richtung von Chechmon und Chrwerjat, die unsere Tätigkeiten interessiert verfolgen. Als Irene und ich sich zusammen hinlegen, lachen sie kurz amüsiert auf, als ich es wage, Irene zu umarmen und an mich zu drücken. Wir ignorieren sie. Sie uns auch. Hörbar. Und sichtbar, als ich kurz rübersehe. Sie haben sich ebenfalls ohne Umstände hingelegt, sich gegenseitig umarmend. Eine Parodie auf uns?

"Lesbisch," sage ich zu Irene, "Was dürfen die hier froh sein, daß es noch kein AIDS hier unten gibt."

"Da weiß ich mehr. Die sind nicht nur lesbisch!" stellt Irene fest.

"Du hast etwas gesehen!"

"Hier sieht man das ja dauernd!"

"Ja. Ein Paradies für Spanner. Aber für vielseitig interessierte Spanner. - Ich bin müde. Üben wir uns in Toleranz und schlafen!"


        9.2     BordLeben


So tun wir's. Es ist 11 Uhr, als wir nach einer wie mir scheint traumlosen Nacht geweckt werden. Von Chechmon, die, noch völlig nackend, so, wie sie geschlafen hat, gleich wieder in der hiesigen Sprache unbefangen auf uns einredet. Gelegenheit genug, zu versuchen, die Übersetzungen so wesentlicher Begriffe wie 'AusSchlafen', 'FrühStück', 'Waschen', 'ZähnePutzen', 'MorgenToilette' und 'Kaffee' in Erfahrung zu bringen. Das gelingt zwar nicht für alle nützlichen Begriffe, aber wir kriegen unser FrühStück. Kaltes Fleisch und irgendein KrautZeug. Es ist zum Kotzen. Das KrautZeug ist zwar wenig, aber ich denke, es gelingt mir, meine Präferenz dafür klarzumachen.

Ich kriege sogar die Bezeichnung für diese Pflanze raus, was mir aber vielleicht nicht allzuviel nützt, weil ich nicht weiß, wie diese Pflanze in Wirklichkeit aussieht. Chechmon bringt es bei diesem Thema fertig, den Unterschied der Begriffe 'viel' und 'wenig' zu vermitteln. Könnte das ein Hinweis darauf sein, daß die relative Knappheit pflanzlicher LebensMittel nur eine vorübergehende Erscheinung an Bord des Schiffes ist?

Chrwerjat ist nicht anwesend, und Chechmon führt unsere SprachAusbildung alleine weiter, während der MorgenToilette und während des Essens. Danach ist SchiffsRundgang angesagt. Wir bekommen allerlei Begriffe aus der Floß- und SchiffsBautechnik verpaßt. Glaube kaum, daß wir alles behalten können, jedenfalls nicht so schnell. Dazwischen immer wieder TrivialKonversation in praktischen Beispielen: 'Was ist ...', und 'Das ist ein ...', und 'Gehe zu ...', und 'Nimm den ...', und 'Ich nehme den ...' und so weiter.

Die Sprache heißt Xonchen, oder Xonchen-Sprache, oder Xonchen-Dialekt. Ich glaube herauszuhören, daß es noch mehr Sprachen gibt. Wie groß ist denn die UnterWelt noch? Wie groß muß eine Welt sein, damit mehrere UmgangsSprachen sich nebeneinander halten können?

Weitere Wörter. Wir lernen 'See' und 'Berg' und 'Säule'. Sicher, das, was wir in der Architektur unter Säule verstehen, muß hier ein anderes Wort haben. Diese gewaltigen FelsSäulen, die die Unterwelt der Vertikale nach durchmessen, die kennen wir in der oberirdischen Geologie ja gar nicht.

Und weiter geht es. Wiederholungen und Neues. Meteorologische Begriffe, Waffen, KörperTeile. Völlig unverständlich sind Begriffe, die sich auf soziale Strukturen beziehen. Ob 'Familie', 'Volk', oder 'Gruppe', das hat hier alles eine andere Bedeutung, und wir kriegen nicht heraus, was die einzelnen Worte nun genau bedeuten sollen.

Kinder können in den ersten Jahren Dutzende von Wörtern an jedem Tag neu lernen. Beneidenswerte Eigenschaft. Und eine gute Investition. Kaum ein formales Wissen bleibt länger im Gebrauch als die ersten Worte, die man lernt. Die flexiblen Synapsen der Kinder lernen die Eigenschaften der Welt schnell. Deshalb rutschen ja auch so schnell verdrehte Vorstellungen in die BewußtseinsWelt der Kinder. Wie sollten sie nachprüfen, was auf sie einstürmt? War es nicht so, daß wir in früher Kindheit oft mit Begriffen unbefangen umgingen, die wir noch gar nicht oder nicht richtig verstanden hatten? Ich erinnere mich, daß ich als kleiner Junge mir unter dem Wort 'Insel' etwas vorstellte, was man vielleicht passender als 'schwimmende Insel' beschreiben würde. Dann glaubte ich noch eine ganze Weile, der Boden fiele an der Küste einer Insel steil wie eine Wand ins Meer, senkrecht nach unten, bis in alle Tiefen. Erst ein NordseeUrlaub hatte dann das Konzept 'Insel' in meinem Kopf der Realität etwas nähergebracht, und natürlich mein Vater, der ein Geographie-Lehrer war.

Genauso werden wir jetzt Fehler machen. Wo es nicht um die konkreten Gegenstände des täglichen Lebens geht, werden wir Dinge falsch verstehen. Wie zum Beispiel bei den sozialen Strukturen. Wie wird das erst bei den absolut subjektiven Begriffen sein! 'Gut', 'Schlecht', 'Liebe', 'Ehre', 'Pflicht', und 'Recht' und 'Unrecht'. Soweit sind wir noch lange nicht.

Immerhin, eine Sprache lernt man nur durch Gebrauch. Und Chechmon weiß das, wenn auch vielleicht nur intuitiv. Wir reden dauernd. Immer erklärt sie etwas, fragt uns, wie und ob wir es verstanden haben, und dann müssen wir erklären, mit einem auch immer größer werdenden Grammatik-Reservoir. Grammatische Begriffe wie 'Subjekt', 'Prädikat', 'Objekt', 'Adverb' und so weiter kann sie natürlich nicht vermitteln. Die Grammatik bleibt Sache des Zuhörens, am Beispiel Lernens und immer wieder des NachMachens. Vielleicht, ja sicher entgehen uns feinere, grammatiktransportierte Bedeutungen, solche Dinge wie etwa die Aspekte im Russischen, die auch schon von Fortgeschrittenen immer wieder falsch gemacht werden. Aber ich habe früher bei einigen Urlauben in England immer wieder die Erfahrung gemacht: Sowie die anderen merken, daß man Ausländer ist, machen sie einem vieles leichter, übersehen manchen Fauxpas, den man immer wieder macht, helfen, wo der WortSchatz und die Eloquenz nicht hinreichen. Später, als mein Englisch nahezu fließend war, habe ich es manchmal für gut befunden, ein schlechteres Englisch zu sprechen als unbedingt notwendig. Und schon wird das Genuschel auf der GegenSeite klarer! Vielleicht wird uns dieser Trick hier auch noch helfen, sowie wir erst etwas mehr können. Das wird aber noch eine ganze Zeit dauern.

Die grammatischen Konzepte sind auf jeden Fall - grob gesehen - ähnlich den unseren. Da ist natürlich die PrimärErfahrung eines jeden Menschen: Es gibt Dinge, die handeln wie Menschen, Tiere, NaturGewalten, es gibt die Handlungen selbst, und die Dinge, mit denen etwas geschieht. So etwas führt automatisch zu einer Subjekt-Verb-Objekt Konstruktion, oder wenigstens etwas ähnlichem. Und daß die durch den direkten, körperlichen Kontakt mit der physischen Welt bedingte Unterscheidung zwischen lustvoll und schmerzend als gut und schlecht in die Sprache Eingang gefunden hat, das war ja auch klar. Trotz aller Unterschiede, das ist wieder vertraut.

Und da das Handeln als Konzept in der Xonchen-Sprache vorhanden ist, findet sich auch die Zeit in der Grammatik wieder, den Handeln beschreibt zeitlich ablaufende Veränderungen. Weiterhin gibt es Begriffe der räumlichen Anordnung, die allerdings, ganz anders als bei uns, in den Verben mit untergebracht sind. Zeit und Raum werden in diesem Sinne in der Grammatik der Xonchen-Sprache gleich behandelt. Das ist sehr schwer zu begreifen, zu behalten und zu verwenden, wenn man es nicht gewöhnt ist. Kann man es aber, dann stellt sich wieder heraus, daß die räumlichen Konzepte und und dadurch bedingten DenkWeisen sich kaum von unseren unterscheiden.

So würden etwa die deutschen Sätze 'Sie schreit hier', und 'Sie schreit dort', und 'Sie schreit dort oben', und 'Sie schreit dort unten', und 'Sie schreit an einem Ort, wo ich es jetzt nicht hören kann' alle in der Xonchen-Sprache mit 'Sie schreit' übersetzt werden. Aber in allen Fällen würde das Verb 'schreien' anders konjugiert werden.

Um 19 Uhr - uns schwirrt inzwischen der Kopf - bemerken wir eine Unruhe auf Deck. Die RegenWolken haben sich inzwischen angehoben. Es ist zwar immer noch ziemlich dunkel, aber es regnet nicht mehr. Wir können das FlußGeröll bis zum Ufer überblicken. Jemand hat flußaufwärts etwas entdeckt. Chechmon nutzt die Gelegenheit, uns EntfernungsBegriffe beizubringen. Ich habe das Gefühl, es geht nichts mehr rein in meinen Kopf! Aber immerhin sehe ich drei Gestalten, die noch mehr als einen Kilometer entfernt über das Geröll auf uns zugehen.

Offenbar wird zur Zeit niemand erwartet oder zurückerwartet, ebensowenig wie zu dem ZeitPunkt, als wir auf das Floß gebracht wurden. Einen Moment beschleicht mich eine unsinnige Hoffnung: Jemand hat nach uns die Höhle auf dem HöllentalPlatt gefunden, ist wie wir eingestiegen, hat wie wir den ganzen Weg nach unten zurückgelegt und ist jetzt wie wir in die Hände der hiesigen Menschen geraten. Würde das unsere Chancen verbessern?

Es kann nicht sein. Der Zufall wäre zu groß. Gab es denn Hinweise, daß der HöhlenEingang erst in jüngerer Zeit zugänglich oder überhaupt eröffnet wurde? Ich glaube nein. Die Idee haben wir doch oben schon gehabt. Da war kein entsprechender Hinweis. Aber ich erinnere mich nicht mehr so genau.

Als die drei näherkommen, sehe ich, daß es sich um zwei Frauen und um einen Mann handelt. Als sie noch näher kommen, sehe ich, daß dem Manne die Hände gefesselt worden sind.

Es gibt nur einige kurze WortWechsel, als die kleine Gruppe das Floß erreicht. Der Mann wird in die oberen Räume geführt. Kurz danach ist keine Frau mehr auf Deck zu sehen, während der männliche Teil der SchiffsBesatzung mit RoutineArbeiten oder Nichtstun beschäftigt ist. Auch Chechmon ist verschwunden. Wir können uns geistig ausruhen.

Irene läßt sich auf dem RelingBalken nieder. "Was der wohl ausgefressen hat?" fragt sie.

"Weiß nicht. Feigheit. Ungehorsam."

"Feigheit? Vor wem? Ob die hier Feinde haben?"

"Ne. Ich glaube immer noch, daß dieses Schiff im wesentlichen der LebensmittelBeschaffung dient. Ein SaurierFleisch Fang Transport ZubereitungsSchiff. Jedenfalls hat Chechmon das auch angedeutet, nach allem, was ich verstanden habe."

"Ich habe fast nichts verstanden, schon gar nicht von diesem technischen Zeug!"

"Das kommt schon noch!" beruhige ich sie und denke laut weiter: "Aber ein FehlVerhalten bei der SaurierJagd, das mit 'Feigheit' bezeichnet werden könnte, kommt mir unwahrscheinlich vor. Du weißt doch noch, wie träge das Vieh war, das wir gesehen haben!"

Dann halte ich den Mund. Nicht nur, weil mir nichts Gescheiteres einfällt, sondern weil aus dem Raum im OberGeschoß, wohin sie den Mann abgeführt haben, ein markerschütternder Schrei dringt. Wenig später schon wieder. Dazwischen hört man Gerede, fragende, bohrende Stimmen - alle weiblich - und eine keuchende, antwortende Stimme.

Ich setze mich neben Irene. Man muß die Gelegenheit nutzen, unbeobachtet miteinander zu sprechen.

"Was hast du bis jetzt herausgekriegt?" frage ich sie. Es ist, wie ich dachte. Die VergewaltigungsSzene während des Marsches hierher hat sie zwar verschlafen, aber inzwischen hat sie auch genug gesehen, um zu wissen, daß Männer hier die UnterMenschen sind, ArbeitsVieh und MasturbationsAssistenten. EinrichtungsGegenstände eben. Entbehrlich, wenn notwendig. Während sie mir ihren Wissensstand erläutert, hören wir weitere Schreie. Dazwischen ein schreckliches Geräusch, gedämpft durch die Wände zwischen jenem Mann und uns: Es ist, als ob etwas mit schlürfendem Geräusch zerquetscht wird. Genau interpretieren kann ich es nicht.

"Jedenfalls wollte ich dich bei mir haben, so, wie die mit ihren Männern umgehen!" endet Irene, "und auch deshalb habe ich versucht, dich als SprachlernGenie darzustellen, so gut es eben ging!"

Der Mann röchelt nur noch. Der Koch verläßt in diesem Augenblick seine Küche. Er wirft uns keinen Blick zu, sondern geht nach oben.

"Weißt du, was er jetzt vorhat?" frage ich Irene.

"Nein."

Ich kläre sie über den kannibalistischen Aspekt der sozialen Struktur unserer GastGeber auf.

"Es sind alles Männer," ende ich, "ich weiß nicht, ob sie auch Frauen essen. Ich glaube, du bist auf jeden Fall sicher. Jedenfalls vor dem Schicksal!"

Irene ist schockiert, aber nicht von Panik überwältigt. "Und ich habe es für irgendein Fleisch ..."

"Ja, ich weiß. Wir haben es beide schon gegessen. Streng genommen gehören wir dazu!"

Ich versuche noch, ihr etwas die GewissensBisse abzunehmen, falls sie welche bekommen sollte. Schließlich, wo man keine Wahl hat, wie man handelt, da hat man auch keine Verantwortung. In erster Linie sind Menschen ÜberlebensMaschinen, von der Evolution in diesem Sinne und in keinem anderen geformt. Nach dem Prinzip Überleben richten wir jetzt unser Verhalten aus.

Und was heißt überhaupt Kannibalismus? Was ist denn unser medizinischer Fortschritt in Sachen OrganVerpflanzung anderes als Kannibalismus? Der Unterschied ist doch nur, daß in dem einen Falle der VerdauungsMechanismus eines Menschen bei der Aufnahme von KörperTeilen eines anderen Menschen beteiligt ist, in dem anderen nicht. Außerdem verdienen bei einer OrganTransplantation Ärzte und KrankenHäuser Geld. Es sichert ArbeitsPlätze. Da muß wohl der Unterschied in der ethischen Bewertung zwischen OrganTransplantation und Kannibalismus herkommen. Warum die Schlachterei-Innungen noch nicht auf die Idee gekommen sind, den BestattungsUnternehmen eine Umwidmung der sterblichen Überreste Verstorbener nahezulegen und ihre Dienste anzubieten?

Irene scheint die neuen Informationen aber nicht allzuschwer zu nehmen. Wir horchen weiter.

Der Mann da oben ist jetzt still. Andere Stimmen unterhalten sich in normalem GesprächsTon. Nach einer Weile fährt Irene fort:

"Weißt du, was das Komische ist? Als ich gesehen habe, wie die mit den Männern umspringen, da habe ich gedacht, es ist bis zum Kannibalismus nicht mehr weit. Was hindert sie denn noch daran."

"Nun siehst du es."

"Trotzdem - es ist unwürdig."

"Ja."

Oben gehen Türen auf. Chechmon ist eine der ersten, die heraustritt und wieder zu uns hinunterkommt. Gleich dahinter kommt der Koch.

Er hat die Leiche des Gefolterten geschultert. Als ob nichts besonderes vorgefallen wäre, trägt er sie die Treppe runter und verschwindet in der Küche.

"Spätestens jetzt hättest du es erfahren!" sage ich zu Irene.

"Was er wohl getan hat?" sagt sie noch.

Wir kommen nicht mehr dazu, weitere Vermutungen auszutauschen. Chechmon hat sich wieder zu uns gesellt. Der SprachUntericht geht weiter.

Sie macht eine Bemerkung, aus der zu entnehmen ist, daß es sich bei dem Manne um einen 'Jaklinjefjek' handelt. Als ob damit alles erklärt ist.

Jedenfalls gibt es kein weiteres Wort der Erklärung.

Und bis meine Uhr Montag morgen, 5 Uhr anzeigt, geht unser SprachenLernen weiter. Als wir uns wieder zum Schlafen legen, überlege ich, ob der KüchenDienst nicht angenehmer war.


        ******** 010. Tag: Montag 1995-08-28 ********



        10.1    Militaria


Etwa 14 Uhr ist es, als wir geweckt werden. Der Unterricht geht sofort in die nächste Runde, während der MorgenToilette, während des hastig runtergeschlungenen FrühStückes, und dann erst richtig intensiv. Diesmal ist Chrwerjat dran. Chechmon darf sich ausruhen oder etwas anderes tun. Wir nicht. Ich habe jetzt den Eindruck, daß wir die einzigen auf dem Schiff sind, die dauernd arbeiten müssen.

Chrwerjat hat Bilder und KohleStifte mitgebracht. Es gibt hier also Papier. Hartes, steifes, pergamentartiges zwar, aber es erfüllt seinen Zweck. Außerdem muß das Papier in dieser feuchtschwülen Welt ja haltbar sein, und das merkt man dem Papier an.

Die Bilder zeigen militärische Themen: Waffen, KampfAufstellungen, Strategien, Logistik. Alles Themen, die Gelegenheit für viele neue Worte geben. Meistens militärische Begriffe.

Mir fällt sofort auf, daß sie sich nicht um GeheimHaltung bemühen, so, wie es bei allen Armeen der Welt üblich ist. Entweder rechnen sie nicht damit, daß wir irgendjemandem etwas verraten könnten, oder das, was wir erfahren, ist AllgemeinGut, sowohl unter unserer GastGebern als auch deren Feinden, die es ja auch geben muß. Darüber hinaus kriegen wir nicht viel raus. Ich habe den Verdacht, daß es sich um nicht viel mehr als StammesFehden handeln könnte. Aber das ist keine Entwarnung - auch solche Auseinandersetzungen können mörderisch sein.

Schwert, Messer, Pfeil und Bogen, das ist tatsächlich ihr WaffenArsenal. Aus der Beschreibung einer größeren PfeilAbschußVorrichtung, die eher einer Harpune ähnelt, entnehmen wir, daß es sich dabei mehr um eine JagdWaffe handelt, wie überhaupt die Jagd und der Krieg bei unseren GastGebern sehr viel gemeinsam haben.

Das Pulver haben sie noch nicht erfunden, und andere pyrotechnische Methoden finden auch keine Anwendung. Die Verwendung des Feuers beschränkt sich auf die Zubereitung von LebensMitteln und auf die SchmiedeKunst, wobei die SchmiedeKunst ausschließlich zur Herstellung von SchneidWerkzeugen dient. Schon den Nagel scheinen sie nicht zu kennen - SeilVerbindungen sind zuverlässiger. Wir kennen ja auch schon mehrere Worte für Seile, deren semantische Unterschiede die Dicke, die Festigkeit, das FlechtMuster, die Elastizität und das Material kennzeichnen. Da ist die deutsche Sprache mit 'Faden', 'Schnur', 'Seil', Trosse' und 'Tau' wesentlich ärmer dran. Andere Wörter fallen mir im Moment nicht ein.

Ich versuche, in Erfahrung zu bringen, ob sie den Bumerang kennen. In erster Linie will ich damit testen, inwieweit ich mich schon verständlich machen kann. Ich zeichne eine Folge von Bildern, die einen BumerangWerfer zeigen. Als Chrwerjat begreift, was ich ihr da klarmachen will, scheint sie ärgerlich zu werden: Ein Holz, das man wirft und das zurückkehrt - wo gibt es denn sowas! Was will der Fremde ihr denn für Märchen erzählen!

Das wollte ich wissen. Den Bumerang kennen sie also nicht.

Im weiteren Verlauf des SprachUnterrichtes wird nicht deutlich, ob unsere GastGeber eine Schrift kennen. Es sieht so aus, als sollen wir darüber nichts wissen, oder es wird nicht für so wichtig gehalten, daß wir darüber etwas wissen sollten. Vielleicht ist Lesen und Schreiben hier eine GeheimWissenschaft? Andererseits, wer so etwas wie technische Pläne zeichnen kann, der sollte auch eine Art Schrift kennen.

In einer Pause inspiziere ich den Inhalt meiner eigenen BriefTasche, um mir selbst die Boten einer anderen Welt vorzuführen: PersonalAusweis, FirmenAusweis, BibliotheksAusweis, EuroschecKarte, einige GeldScheine und einige Münzen. Die Welt, an die ich mich zu erinnern glaube, gibt es doch. Das ändert aber nichts an ihrer Unerreichbarkeit. Ich stecke meine BriefTasche wieder ein.

Irene sieht, was ich mache, und schüttelt den Kopf. Dann verlege ich mich darauf, mir Haare aus der Nase auszuzupfen. Irene sieht auch das und schüttelt schon wieder den Kopf - eine Idee energischer. Ich erinnere mich an einen Vorfall kurz nach unserer EheSchließung: Sie hatte gemeint, Haare in der Nase sähen unhygienisch aus. Ich hatte auch damals gehorsam mit dem Zupfen begonnen. Sie meinte dann, das wäre erst recht unhygienisch. Und schon war der Streit da. - Also lasse ich es auch jetzt.

Und der SprachUnterricht zieht sich hin.


        ******** 011. Tag: Dienstag 1995-08-29 ********


7:20 Uhr am DienstagMorgen. Chrwerjat wirft für heute das HandTuch. Sie hat offenbar den Auftrag, mit uns intensivst und lange zusammenzuarbeiten, aber die Anstrengung, ein paar Wörter in die Köpfe dieser begriffsstutzigen Fremden hineinzubringen sieht man ihr an. Sie trollt sich, und da Chechmon sich nicht blicken läßt, schließen wir daraus, daß wir, vor Beginn der nächsten SchlafPeriode, noch etwas FreiZeit haben.

Weil der Unterricht in die Zeit des gemeinsamen AbendEssens hineingereicht hat, nehme ich automatisch an, daß unsere Anwesenheit dabei nicht unbedingt erforderlich ist. Chrwerjat hätte so etwas ja wissen müssen. Vielleicht kann man sich woanders etwas zum Essen beschaffen. Ich habe da so meine Idee.

Trotz meiner momentanen Aversion gegen die Xonchen-Sprache probiere ich ihren Gebrauch aus, indem ich den Koch nach einigen der Kräutern frage, deren Namen ich gelernt habe. Zu meiner besonderen Überraschung bekomme ich genug für uns beide. Wir müssen also gar nicht an der allgemeinen Tafel Platz nehmen, um etwas zu essen zu bekommen. Auch habe ich nicht den Eindruck, daß der Koch mir gram ist, weil er nun wieder seine KüchenArbeit ganz alleine machen muß. Vielleicht ist das eine Solidarität in der unterprivilegierten Klasse!


        11.1    Charmions Schwert


Während wir auf dem RelingsBalken sitzen und unser zwar nicht übertrieben reichhaltiges, dafür aber fleischloses Mahl genießen, sehen wir plötzlich die Kommandantin den NiederGang vom OberGeschoß herunterkommen. Charmion, das Mädchen von Mast, folgt ihr. Kaum sind sie unten angekommen, beginnt ein Anschiß, der sich gewaschen hat.

Unsere Xonchen-Kenntnisse reichen nicht aus, auch nur einen BruchTeil der Vorwürfe mitzubekommen, die Charmion über sich ergehen lassen muß. Aber der TonFall ist deutlich genug. Keine sachliche Rüge, wie sie bei meinem ArbeitGeber immer noch wenigstens gelegentlich gepflegt wird. Nein, Cherkrochj macht Charmion nach allen Regeln der Kunst nieder. Diese Darbietung, wenn man sie isoliert sehen würde, ließe nicht vermuten, daß Frauen per definitionem auf einer anderen, höheren sozialen Stufe stehen als Männer. Aber wahrscheinlich ist es so, daß ein Mann, der sich dasselbe zuschulden hat kommen lassen wie Charmion, was immer es ist, schon längst seinen Weg in die VorratsKammer der Küche gefunden hätte.

Ich habe die Befürchtung, daß es vielleicht etwas mit uns zu tun haben könnte. Aber das ist wohl nicht der Fall. Als die Kommandantin den NiederGang wieder nach oben geht, sieht sie uns auf der Reling sitzen, ohne eine Reaktion zu zeigen.

Charmion bleibt einen Moment da stehen, wo sie gerade steht. Dann geht sie nach achtern. Deshalb können wir ihr Gesicht nicht erkennen, und ich weiß nicht, wie sehr sie getroffen wurde. Als sie wenig später wieder nach vorne geht, muß sie an uns vorbei. Ihr GesichtsAusdruck ist gleichgültig. Uns nimmt sie gar nicht zur Kenntnis.

Als sie an uns vorbeigeht, fallen dunkle Tropfen an Deck und ziehen in das Holz ein. Erst denke ich, daß sie eine ungewöhnlich starke MonatsBlutung haben könnte, und das Fehlen von UnterWäsche würde ja alles weitere erklären. Aber die wahre Ursache klingt wie ein WortSpiel: Es ist die Scheide ihres Schwertes, die da tropft. Sie muß das Schwert gerade eben blutig in dieselbe hineingesteckt haben. Hat sie ihre Frustration mit einer kurzen adhoc-Hinrichtung kompensiert? Und wir haben nicht einmal etwas gehört!

Wir widerstehen unserer Neugier, achtern nachzusehen, wessen Blut so schnell und lautlos vergossen wurde. Fast will ich glauben, daß sie nur auf FleischVorräte eingeschlagen hat, so, wie unsereiner manchmal mit der Faust auf den Tisch schlägt.

Da die SchlafPeriode beginnt, verziehen wir uns wieder in das vordere MastHaus. Gut geraten, denn wenig später sieht Charmion nach, ob wir tatsächlich dort sind. Sie geht gleich wieder. Niemand macht sich mehr die Mühe, uns häufiger als sporadisch zu kontrollieren.

Jetzt bin ich eigentlich auch ganz glücklich, daß sie geht. Hätte ich nachsehen sollen? Die Ungewißheit, wer weshalb hingerichtet wurde, und ob, ist am schlimmsten. Wie leicht kann man diese Regeln übertreten, wenn man sie nicht kennt! Vielleicht reicht es aus, nicht am gemeinsamen AbendEssen teilzunehmen. Nun, dieses Vergehen war es jedenfalls nicht. Wir leben ja noch.

Bevor wir einschlafen - heute haben wir das MastHaus für uns alleine - fällt mir noch auf, daß Charmion beim ÜberPrüfen unserer Anwesenheit keine BlutSpur hinterlassen hat. Sie muß ihr Schwert wieder gesäubert haben. Naja, immerhin war sie aufgebracht genug, daß sie es nicht gleich nach der Hinrichtung, wenn es eine solche war, getan hat.

Und dann kommt mir der Gedanke, daß sie uns absichtlich das bluttriefende Schwert hat sehen lassen. Machen wir mal folgende Hypothese: Sie hat gesehen, daß wir Zeugen ihres Anschisses waren. Um das Gesicht nicht ganz zu verlieren, ging sie nach hinten und hat ihr Schwert blutig gemacht. Mit dem blutigen Schwert in der Scheide ist sie dann so an uns vorbeimarschiert, daß wir das Blut sehen mußten. Danach wurden Schwert und Scheide schnellstmöglich gesäubert.

Ich erläutere Irene meine Vermutungen. "Hältst du das für möglich?" frage ich.

"Nein. Eigentlich nicht. Soviel Aufwand für uns? Das glaube ich nicht! - Die hat es nicht nötig, uns zu imponieren."

"Aber es paßt nicht zusammen," überlege ich weiter, "entweder, man hält seine Sachen prinzipiell sauber - dann hätte sie ihr Schwert gleich gereinigt, oder man ist in dieser Hinsicht nachlässig - dann hätte ihr Schwert eben noch blutig sein müssen!"

"Oder das Blut ist inzwischen angetrocknet." schlägt Irene vor. Recht hat sie. Wir können überhaupt keine AusSagen mit Sicherheit treffen.

Im Schlaf werde ich von meinen alten Lehrern gepeinigt. Sogar Mathematik- und PhysikLehrer versuchen, uns über die Xonchen-Sprache auszufragen. Irene, die ich in meiner SchulZeit noch gar nicht gekannt habe, ist bei mir und muß eine Hausarbeit über SchmiedeKunst anfertigen. Alle Quellen sind in der Xonchen-Sprache verfaßt und wir verstehen sie nicht. Irgendwann komme ich dann im Traum auf die Idee, daß es ein Traum sein muß, und danach schlafe ich ruhiger.


        11.2    SchiffsAlarm


Um 17 Uhr wachen wir auf. Es ist draußen wieder unruhiger geworden, weil die WachPeriode beginnt. Dafür sind unsere SprachLehrerinnen noch nicht eingetrudelt. Kann mir denken, warum: Ihr anfänglicher Eifer ist inzwischen auch schon abgekühlt.

MorgenToilette und FrühStück sind problemlos. Der Koch händigt mir wieder Kräuter und Gemüse aus. Ich versuche, ihn zu fragen, was gestern abend passiert ist. Aber entweder weiß er es nicht, oder meine Beherrschung des Xonchen-WortSchatzes ist noch so unausgereift, daß er nichts versteht.

Dann laufen wir der Kommandantin Cherkrochj über den Weg, oder sie uns, wie man es sehen will. Ich nicke gemessen - weiß ich, welche BegrüßungsForm angemessen ist, oder welche schon als unverschämt gilt? Sie scheint uns zu ignorieren. Aber nur zwei Minuten später sind Chechmon und Chrwerjat wieder bei uns. Ob da wohl ein Zusammenhang ist? Jedenfalls geht der Streß weiter, fast sieben Stunden lang. Dann, nach Mitteleuropäischer Zeit um Mitternacht, schreit jemand oben in der Takelage. Danach wird es unruhig auf dem Schiff.

Irgend etwas scheint sich dem Schiff zu nähern, danach zu urteilen, wie die Mitglieder der Besatzung plötzlich flußaufwärts in die Ferne schauen.

Plötzlich sind alle bewaffnet, sogar die Männer.


        ******** 012. Tag: Mittwoch 1995-08-30 ********



        12.1    TyrannoSaurus Rex


Auch Chechmon und Chrwerjat haben plötzlich etwas anderes zu tun, und es stellt sich offenbar jetzt erst heraus, daß niemand geplant hat, wo wir jetzt bleiben sollen. Sie bedeuten uns, uns in das kleine MastHaus mittschiffs zurückzuziehen. Das gefällt mir, weil es mit über 25 Metern über Deck der höchste Raum ist.

Irene gefallen schon die Wanten in das vordere MastHaus nicht so besonders, und dieses kleine MastHaus ist noch einmal zehn Meter höher. Aber nach dem, was wir schon durchgemacht haben, ist das nur eine periphere Überlegung. Ich habe jedenfalls den Eindruck, daß wir da oben sicherer sind als auf Deck.

Noch während wir klettern, spüre ich ein Zittern in den Wanten, das nicht von unseren KletterBewegungen herkommt. Unter uns platscht es mehrfach. Ich sehe, daß die Gangway-Brücke abgebaut wird. Schnell, sehr schnell. Alle sind in Hast. Dann erreichen wir das MastHaus. Wir sind die einzigen. Der AusGuck muß noch weiter oben im MastWerk sein.

Wie gut, daß das Wetter heute klarer ist. Man kann weit flußaufwärts sehen. Irgendwo dahinten ist etwas, was das ganze Schiff in Aufregung versetzt. Wieder spüre ich ein Zittern im Boden.

"Das Schiff bewegt sich!" sage ich zu Irene. Es stimmt: Die Enden der Rahen driften langsam vor der Kulisse der fernen Säulen entlang. Sie müssen das Schiff mit MuskelKraft bewegen, denn es sind ja keinerlei Segel gesetzt. Wahrscheinlich verwenden sie eine Art FlaschenZug, um die AnkerSeile an den Enden des Schiffes zu spannen und auf diese Weise das Schiff zu bewegen. Ich kann aber nichts erkennen.

Unten, auf Deck, werden Waffen zusammengesetzt und in Stellung gebracht. Es handelt sich um große, armbrustartige HarpunierGeräte. Eine ganze Seite des Schiffes wird damit besetzt. Außerdem wird das Schiff mit TreibAnkerketten so im Fluß, quer zur Strömung, festgelegt, daß man es schnell wenden und ausrichten kann, indem die AnkerKetten rechts oder links ausgelassen oder wieder angezogen werden. Das ist wohl nicht die stabilste Lage, wie wir jetzt merken - das Schiff schwankt deutlich. Vorher lag es völlig ruhig längs der Strömung und näher am Ufer.

Das Ganze scheint nicht unerwartet zu sein. Es ist zwar Unruhe unter der Besatzung, aber keine Panik. Sie haben auf das, was jetzt kommt, gewartet. Und sie haben das auch schon oft getan.

Jetzt sehe ich endlich etwas. Es ist noch etliche Kilometer weit weg und sieht auf den ersten Blick aus wie ein rollender, grauer Ball, der aber sehr groß sein muß, wenn man ihn über diese Entfernung sieht. Dann verändert er seine Form. Er richtet sich auf.

"Großer Gott!" sage ich.

Irene erkennt es auch: "Kommt das hierher?"

"Glaube ja. Alles andere macht doch kein Sinn!"

"Das ist aber nicht so einer, wie wir ihn schon gesehen haben!" sagt Irene.

Allerdings nicht. Nicht BrontoSaurus phlegmaticus. Auch kein MaiaSaurus oder BrachioSaurus. Dies hier ist TyrannoSaurus Rex Horribilis. Oder wie immer die exakte Bezeichnung lautet - ich kenne mich in der Klassifikation der Saurier nicht aus. Aber das kann ich schon erkennen, daß es eine ganz andere KörperForm hat als ein BrontoSaurus, und daß es sich sehr schnell bewegt.

"Hoffentlich trauen sich unsere GastGeber nicht zuviel zu!" meine ich. Dann erläutere ich Irene, was ich jetzt zu wissen glaube: Daß es sich bei diesem Schiff um ein JagdSchiff handelte, das schien mir ja schon klar. Aber die ganze Zeit bis jetzt hatte ich die Vorstellung, daß irgendwo ein Saurier erlegt wird und auf irgendeine Weise, vielleicht mit kleineren Flößen, hierhergebracht wird. Daß es das geschickteste sein könnte, den Saurier lebend zu veranlassen, hierherzukommen und erst von Bord des Schiffes aus bekämpft zu werden, auf die Idee bin ich noch nicht gekommen. Jetzt bin ich aber sicher, daß es so ist: Der Saurier wird entweder hierhergelockt oder hierhergetrieben. Da es sich um ein Exemplar handelt, das dem TyrannoSaurus wenigstens ähnelt, nehme ich an, daß eher die 'hierher locken' Theorie zutrifft. Das entspricht dem Temperament, das man dieser oben an der OberFläche der Erde längst ausgestorbenen Spezies unterstellt.

Das Tier kommt rasch näher. Es scheint die meiste Zeit im flachen FlußWasser zu laufen, denn man kann bis hierher den Schaum und die BugWelle sehen, die es aufwühlt. Wieder beschleicht mich der Verdacht, daß die Evolution bei den Sauriern den GrößenWuchs noch etwas weiter vorangetrieben hat als es seinerzeit an der ErdOberfläche der Fall war. Jedenfalls ist dieses große SegelFloß mit dem Saurier verglichen eine recht zerbrechliche Angelegenheit.


        12.2    Die JagdRuderinnen


Es hätte mich interessiert, wie sie das Tier locken. Ich bin sicher, es kann schneller laufen als ein Mensch. Vorneweg laufen geht also nicht. Dann aber erkenne ich es: Es ist ein Boot, lang und schmal, länger als ein Achter. Vielleicht sechzehn Menschen sind darinnen. Und sie rudern um ihr Leben.

Einen Moment beschleicht mich eine Achtung. Da gehört schon etwas dazu, erst dieses Tier aufzustöbern, vielleicht in den Bergen, weitab vom Fluß, dann bis zum Fluß zu locken, wo schon ein Boot bereit liegt, daß dann die weitere KöderFahrt übernehmen soll. Es muß eine große, koordinierte Aktion sein. Ich glaube kaum, daß das Boot diese hohe Geschwindigkeit über Dutzende von Kilometern durchgehalten hat. Wenn sie den Saurier auf diese Weise locken, dann haben sich wahrscheinlich verschiedene Boote abgelöst. Oder? Wer weiß, nachdem, was ein MenschenLeben hier wert ist, sind vielleicht ganze BootsBesatzungen geopfert worden!

Sie sind noch zu weit weg, ich kann ihre Gesichter nicht erkenne. Aber schon aus ihren Bewegungen geht hervor, daß sie alles an Anstrengung aufbringen, was sie können.

Trotzdem: Der Abstand des Bootes von dem Saurier veringert sich!

Jetzt ist es weniger als einen Kilometer zwischen dem Saurier und uns. Gedämpfte Befehle von unten. Das Schiff bewegt sich wieder. Alle Harpunen sind gespannt. Man hört bereits das Stampfen des RiesenTieres und seinen schnaubenden Atem - auf die Entfernung!

800 Meter. Das Boot noch 600 Meter. Ich glaube, zu erkennen, daß es nur mit Frauen besetzt ist. Und sie ziehen ihre Ruder tief durch, schnell und schnell und schnell. Wehe, sie setzen jetzt auf einer UnTiefe auf! Der Saurier wäre im AugenBlick über ihnen.

Ich erwische mich dabei, daß ich ihnen den Daumen drücke, ihnen, unsern Bewachern! Dabei bin ich natürlich durchaus egoistisch. Boot und Saurier bewegen sich genau auf das Schiff zu. Wenn das Vieh nicht gestoppt wird, wenn der Besatzung das nicht gelingt, dann ist hier in einer Minute Sekunden alles KleinHolz!

"Wir hätten vom Schiff runter sollen!" murmele ich, als ob der herantrabende FleischKoloß uns hören könnte.

"Das fällt dir jetzt erst ein?" fragt Irene.

"Ist es dir eingefallen?"

Es bleibt keine Zeit zum Streiten. Der Boden des MastHauses zittert - die Erschütterungen des AufTretens des Sauriers finden ihren Weg durch den Boden und durch das Wasser, in dem das Floß schwimmt, bis hierher!

Er muß über vierzig Kilometer pro Stunde schnell sein. Wahrscheinlich kann er sich noch wesentlich schneller bewegen, aber er hat schon viele Kilometer hinter sich und ist auch restlos erschöpft. Dazu sein vergleichsweise langsamer Metabolismus, wie er allen Tieren hier eigen ist. Wie sie ihn wohl so gereizt haben, daß er diese ganze Strecke die Verfolgung des Bootes nicht aufgegeben hat? Und wie viel Erfahrung und Training stecken in diesem RuderBoot? Ich habe den Eindruck, daß es schneller ist als ein gewöhnlicher Achter bei olympischen WettKämpfen.

400 Meter der Saurier, 300 Meter das Boot. Es wird sehr knapp. Das Boot zielt haarscharf am Schiff vorbei. Sie werden rechts passieren, wenn alles gut geht. Wenn nicht, dann können sie sich immer noch in Sicherheit bringen, während der Saurier mit dem Schiff kolidiert.

200 Meter. Weitere Befehle von unten. Es werden normale Pfeile in Richtung seiner Augen abgeschossen. Einige Sekunden lang scheinen alle BesatzungsMitglieder ausschließlich damit beschäftigt zu sein. Dann springen alle an die schweren HarpunenGeschütze.

Der Boden zittert immer heftiger.

150 Meter der Saurier, 100 Meter das Boot. Ein lautes Kommando von unten. Der Boden zuckt mehrfach, als die HarpunenGeschütze ihre schweren Projektile dem vorzeitlichen Ungeheuer entgegenschleudern.

100 Meter der Saurier. Vier Sekunden seit dem Abfeuern der Harpunen. Hat ihn das überhaupt nicht beeindruckt?

Er richtet sich im Laufen auf. Großer Gott, er erreicht genau die Höhe des mittleren MastHauses! Jetzt sehe ich die blutenden Augen, nur noch zerfetzte Höhlen, der Rachen öffnet sich zu einem Schrei - Wut oder Schmerz, was weiß ich. Es ist blind, aber das nützt uns nichts, denn es läuft immer noch genau auf uns zu!

"Irene, die andere Seite! An die andere Seite!" brülle ich, aber Irene hat schon kapiert. Während der SaurierKopf sich auf das MastHaus zubewegt, versuchen wir, uns an der gegenüberliegenden Wand, an den FensterStreben des MastHauses, irgendwie festzuklammern. Kaum, daß wir diese im Griff haben, schlägt der Kopf des Sauriers wie ein RiesenHammer in das MastHaus hinein.


        12.3    SchiffsSchlag


Was unter uns auf Deck los ist, davon haben wir keine Vorstellung. Die FensterStreben werden uns fast aus den Armen gerissen, aber der Halt erfüllt seinen Zweck. Das SchiffsHaus unten und viele der tiefliegenden Rahen fangen die HauptWucht der Kollision auf. Überall splittert Holz und reißen Taue. Von unten dringen SchmerzensSchreie herauf. Eine Wolke von üblem Gestank hüllt uns einen Moment lang ein - aus einem seit Jahren oder Jahrzehnten nicht gereinigten SaurierMaul.

Das MastHaus ist halb zerstört, und rundherum und unter uns hört man immer noch berstendes Holz. Dazwischen das Brüllen des Sauriers und weitere Varianten des atemberaubenden Gestankes. Das ganze Schiff liegt etwa vierzig Grad schief, was uns daran hindert, aus dem halben MastHaus herauszurutschen. Der Saurier hat das Schiff fast umgeworfen! Nur langsam richtet es sich wieder auf. Durch das Loch im Boden sehen wir ein gespenstisches Schauspiel:

Der hintere Teil des Körpers des Sauriers ist irgendwie unter das Floß geraten, daß sich durch den AufPrall schräg gelegt hat. Der vordere Teil mit Hals und jetzt auch mit dem Kopf liegt auf dem Deck und in den eingedrückten Teilen des DeckHauses. Dadurch wird das Schiff gleichzeitig wieder zurück in die Waagerechte gedrückt, kann diese aber nicht ganz erreichen.

Die BesatzungsMitglieder springen mit dem Mut von Löwen auf dem immer noch lebenden Tier herum. Ich kann Charmion erkennen, die sich als erste vorne am Hals zu schaffen macht. Sie drischt mit ihrem Schwert auf eine Stelle unter den KinnLaden ein, wo vermutlich wichtige Arterien in den Kopf hinaufführen. Da bäumt sich Hals und Kopf wieder auf, und sie wird heruntergeschleudert. Ich kann nicht erkennen, wohin.

Der blinde Kopf fährt unter uns in das MastWerk, und wieder zittert das ganze Schiff, als wolle es uns abwerfen. Der Mast dröhnt wie ein angeschlagenes, riesiges BambusRohr. Als ich das nächste Mal einen Blick nach unten werfe, ist die Kommandantin selbst dabei, die Stelle zu bearbeiten, an der Charmion angefangen hat. Sie wird von Blut überströmt.

Auch Charmion taucht wieder auf. Sie und noch weitere zwei Frauen kümmern sich darum, dem lebenden Tier den Kopf vom Rumpfe abzutrennen. Es scheint ihnen egal, daß sie vor Blut triefen. Es ist ja nicht ihr eigenes Blut.

Allmählich hat das Tier Angst und Schmerzen. Es begreift, daß es ihm ans Leben geht, und es kann ja nichts mehr sehen. Sein Brüllen ist ohrenbetäubend, der ganze Körper windet sich. Wieder schaukelt das Floß wie im Sturm. Das klare Wasser rund um das Floß ist längst zu einem roten Strom geworden, und der Gestank ist unerträglich. Zum KörperGeruch des Sauriers kommen jetzt auch noch die AusDünstungen aus seinem Inneren, die aus zahllosen Wunden abdampfen.

So schwer wie der Saurier das Schiff auch getroffen hat, er hat vor dieser fabrikmäßigen TötungsMaschine keine Chance. Jeder da unten weiß, wo er schneiden muß. Kaum eine macht das zum ersten Mal. Um das ruinierte Schiff kümmert man sich später.

Und mit welcher Präzision! Ich weiß nicht, ob es Absicht ist oder nicht, aber als eine kleine Gruppe einen tiefen Einschnitt am RückGrat macht, wirft ein Krampf den Körper des Sauriers so herum, daß der hintere Teil sich wieder unter dem Floß herauszieht. Mit einer schwungvollen Bewegung richtet sich das Floß wieder vollständig auf, und wir werden dabei fast aus dem halboffenen MastHaus herausgeschleudert.

Das Brüllen wird schwächer. Als ich es wieder wage, nach unten zu sehen, arbeitet schon jemand an den NackenWirbeln des Sauriers. Seine NervenVerbindungen zum Körper werden fachmännisch durchtrennt. Die Frau, die das macht, schwebt dabei in LebensGefahr, wie alle da unten, aber sie ist Meisterin in dieser Form der KampfChirurgie. Das Tier schnappt immer noch mit dem Maul, blind und hilflos. Dann stellt auch das bißchen Gehirn, über das er verfügt, wegen Blut- und SauerstoffMangel seinen Dienst ein. Es ist vollbracht.


        12.4    SchlachtFest


Unten, auf dem Schiff, bricht keinerlei Jubel oder etwas ähnliches aus. Es hat niemand ernsthaft bezweifelt, daß man das Tier besiegen würde. Aber nun gibt es eine Menge Arbeit, auch, weil das Schiff so schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Man arbeitet einfach weiter. Die Tötung des Tieres geht in seine Zerlegung über. Außerdem teilt die Kommandantin schon die ersten ReparaturTrupps ein.

Jetzt erst kommt das Boot von der anderen Seite heran. Langsam und zögernd. Es sind tatsächlich sechzehn Frauen, und sie sind restlos erschöpft. Fix und fertig. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie wieder mit zugreifen können.

"Sieh mal," sage ich zu Irene, "Im vorderen MastHaus wäre uns nichts passiert! Es ist unbeschädigt!"

"Es ist uns doch auch nichts passiert!" stellt Irene fest.

"Das ist glatter Zufall!" sage ich und zeige mit einer HandBewegung auf den Teil des MastHauses, der so gut wie verschwunden ist.

"Jedenfalls machen wir mal einen StandortWechsel. Hier stehen wir nur im Wege, wenn sie anfangen, es hier zu reparieren."


        12.5    ReparaturTermin


Vom vorderen MastHaus können wir die Ereignisse gut verfolgen, ohne daß man uns stört und ohne daß wir jemanden stören. Jedenfalls sind Chechmon und Chrwerjat auch im ArbeitsEinsatz, und das erlaubt uns, uns auch und ganz besonders vom SprachUnterricht zu erholen. Ohnehin ist es ein Unfug, zu glauben, daß bei einer Tätigkeit wie dem Erlernen einer Sprache 16 Stunden pro Tag das doppelte Ergebnis von 8 Stunden pro Tag bringen. Das ist bei keiner geistigen Tätigkeit der Fall. Trotzdem wird das Vorliegen von so einfachen, linearen Zusammenhängen weithin für gegeben gehalten. Man braucht sich ja nur die Argumentation der ArbeitGeber und die der Gewerkschaften anzuhören. Wo immer sie im Gegensatz sind - der Glaube an die Proportionalität zwischen ArbeitsZeit und ArbeitsErgebnis eint sie.

Allerdings - wenn schon in einer IndustrieNation mit einem hohen Anteil an geistiger Arbeit die allertollsten Vereinfachungen in diesen Ansichten das Feld beherrschen, dann wird das hier erst recht der Fall sein. Wir sehen ja, welche Art von Arbeit die Menschen hier kennen: Schiffe reparieren und Saurier zerlegen. Wer damit täglich konfrontiert ist, der wird annehmen, daß in anderen identifizierbaren und benennbaren ArbeitsVorgängen ähnlich lineare Verhältnisse zwischen zeitlichem Aufwand und Ergebnis vorliegen. Da brauche ich mich gar nicht auf eine Diskussion einzulassen - wenn man einmal davon absieht, daß unser bisheriges Wissen über die Xonchen-Sprache eine Diskussion sowieso ausschließt.

Schon bald wird mir klar, daß das Schiff weniger schwer beschädigt ist als ich zunächst angenommen habe. Die Masten stehen noch, und der floßartige Rumpf ist unbeschädigt. Die AufBauten sind eingedrückt, eine ganze Menge Rahen sind zu Bruch gegangen und haben aus der ganzen unteren Takelage ein heilloses Wirrwarr gemacht. Und natürlich unser MastHaus mittschiffs. Das sieht traurig aus.

Aber so routiniert, wie da unten bereits an den DecksAufbauten gearbeitet wird, so schnell wird vermutlich der gesamte Schaden behoben werden. Ein weiterer Grund für den begrenzten Schaden liegt wahrscheinlich auch darin, daß es keine Nägel gibt - die vorherrschende VerbindungsMethode in dieser SchiffsKonstruktion ist das Seil. Solch eine Verbindung kann viel StoßEnergie absorbieren und ist danach immer noch leidlich einsatzfähig. Wo Holz nicht zersplittert ist, reicht oft das Nachziehen von SeilVerbindungen aus - es ist nicht einmal weiteres Holz- oder SeilMaterial notwendig. Dazu kommt, daß ein Floß nicht leckschlagen kann. Allmählich kommt mir der Gedanke, daß diese SchiffsKonstruktion für die SaurierJagd ideal ist.

Außerdem merkt man, daß jetzt die SchiffsBesatzung um weitere 16 Personen verstärkt wurde. Und jeder arbeitet: Mit dem Hammer, mit der Säge, mit dem FleischMesser. Schon sind große FleischStücke vom Kadaver des Sauriers abgezogen und verschwinden im DecksHaus. Wie das wohl haltbar gemacht wird?

Die einzigen, die nicht arbeiten, sind wir. Ich überrede Irene dazu, etwas vom Fenster des MastHauses zurückzutreten, damit man nicht so deutlich sieht, daß wir uns auf die Rolle des Zuschauers beschränken.

Unsere RuckSäcke, die wir im Moment im vorderen MastHaus aufbewahren, sind unbeschädigt, wie ich jetzt feststelle. Das wäre vielleicht nicht mehr der Fall, wenn sie irgendwo da unten im DecksHaus aufbewahrt worden wären. Aber seitdem wir SprachUnterricht machen müssen, ist dieses MastHaus offenbar zu unserem permanenten AufenthaltsOrt bestimmt worden, und so sind unsere Sachen eben auch hierher gebracht worden. Daß das MastHaus sich zwar vorübergehend schräg gelegt hat, hat den RuckSäcken nicht geschadet. Allerdings müssen wohl einige der Tische und Bänke repariert werden - alle sind an die dem AufPrall des Sauriers gegenüberliegende Seite gerutscht. Also, in hohen SeeGang darf dieses Floß nicht kommen, denke ich mir. Dafür scheint nichts auf dem Schiff eingerichtet.

Aber vielleicht gibt es in dieser Welt ja auch keinen hohen SeeGang.

Im Laufe der folgenden Stunden kommen in Abständen einige weitere Gruppen an Bord. Wir können sie von unserem StandPunkt schon lange vor ihrem EinTreffen sehen. Der AusGuck im Mast über uns wahrscheinlich auch. Wenn er noch da ist und nicht unten mit anpacken muß. Jedenfalls werden die Ankömmlinge nicht angekündigt, und sie lösen, als sie an Bord kommen, keinerlei Überraschungen oder Unruhe aus. Wahrscheinlich waren sie organisatorisch irgendwo an der SaurierJagd beteiligt.

Vielleicht, überlege ich, gibt es ja auch mehrere solcher Schiffe, so daß es möglich ist, mit nur wenig Personal von jedem einen zahlenmäßig hinreichend starken Trupp aufzustellen, der nacheinander Saurier vor die Harpunen eines jeden einzelnen Schiffes treibt. - Aber das ist natürlich nur eine Hypothese.

Während der Saurier allmählich bis auf das Skelett zerlegt und immer mehr Fleisch in das DecksHaus gebracht wird, verlassen auch einige Gruppen das Schiff wieder. Vielleicht sollen sie Holz für die SchiffsReparatur holen, vielleicht die Vorräte an pflanzlicher Nahrung aufstocken, vielleicht gehören sie auch gar nicht an Bord. Ich weiß nicht. Ich kann nicht alles wissen. Und im Moment stellen wir vielleicht lieber keine Fragen.

Unter dem Strich aber nimmt die Mannschaft zahlenmäßig zu. Wir müssen befürchten, daß wir bald nicht mehr alleine in diesem Raume sind. Wenigstens Chechmon und Chrwerjat werden sich wieder hier einquartieren.

Das dauert aber. Mehr als einmal habe ich den Eindruck, daß Charmion, die jetzt nur noch mit ZimmermannsArbeiten im MastWerk beschäftigt ist, kurz zu uns heraufblickt, als ob sie kontrollieren will, ob wir noch da sind. Da dies der Fall ist, sind wir nicht mehr weiter interessant.

"Komisch," sage ich, "erst lassen sie einen arbeiten, und dann, wenn wirklich alle Hände gebraucht werden, dann lassen sie einen in Ruhe. Paßt auch nicht zusammen."

"Die Kommandantin hat eben entsprechende Anweisungen gegeben!" vermutet Irene, "und niemand wagt GegenVorschläge."

Ich rechne den Beginn der SchlafPeriode hoch. Gestern war es 8 Uhr, bei einem 27-Stunden-Tag müßte es heute 11 Uhr werden. Noch ein paar Stunden Lärm auf dem Schiff. Naja, wenn es nur das ist.

Die Rechnung scheint zu stimmen. Schon kurz nach 9 Uhr nimmt der Lärm ab. Von dem Saurier ist nur noch der entfleischte Kadaver übrig. Es sieht nicht so aus, als wäre beabsichtigt, diese Reste irgendwie zu beseitigen. Das Skelett, in und an dem noch viele Reste von Eingeweiden und BindeGewebe hängen, bleibt da, wo es ist. Es ist sehr großzügig ausgenommen worden, so daß es sich bei dem, was bald in Fäulnis übergehen wird, noch um viele Dutzend Tonnen handelt. Wenn wir dann noch hier sind, dann wird der Gestank noch um einiges schlimmer.

So kurz vor 10 Uhr scheint man sich im SpeiseRaum im ersten Stock zu versammeln. Wir wagen es und gehen auch hin. "Vielleicht gibt es jetzt ja SaurierFleisch statt MenschenFleisch!" erkläre ich Irene.

Der SpeiseRaum ist recht voll. Wir wissen nicht, wo wir uns hinsetzen sollen. Viele BesatzungsMitglieder, die jetzt erst an Bord gekommen sind, sehen uns neugierig an. Manche versuchen auch, mit uns zu reden, allerdings mit wenig Erfolg.

Plötzlich steht Chechmon vor uns. Sie macht uns klar, daß wir hier verschwinden sollen. Sie bringt uns persönlich in das MastHaus zurück. Wahrscheinlich ist ihr das befohlen worden, jedenfalls entnehmen wir das ihren Erklärungen.

Wir sehen schon einer hungrigen Nacht entgegen, aber schon nach kurzer Zeit wird uns Essen gebracht. Es ist wieder gemischt vegetarisch und Fleisch. Aber dieses Fleisch ist wenigstens kein MenschenFleisch. Es ist unglaublich zäh, sehr bitter und streng im Geschmack, aber genießbar. Und es ist wirklich echtes SaurierFleisch!

Ich leihe mir ein Messer von Chechmon aus, weil ich nicht will, daß sie das TaschenMesser als Messer erkennt. Als Chechmon sieht, daß wir das Messer zum Zerschneiden des Fleisches verwenden, scheint sie amüsiert. Während wir unsere kleinen Bissen einschieben, haut sie ihre Zähne ohne große Umstände in die FleischStücke. Sie hat da keinerlei Schwierigkeiten. Wer das beißen kann, der muß auch Holz zerbeißen können!

Es wären fast ideale Verhältnisse, wenn jetzt Chechmon auch noch weggehen würde. Das tut sie nicht. Der SprachUnterricht geht beim und nach dem Essen weiter.

Immerhin erfahren wir auf diese Weise einiges. Offenbar gibt es nur dieses eine Schiff, das an der Aktion beteiligt ist, und einige der Menschen, die an der Jagd teilgenommen haben, gehören nicht zur ständigen Besatzung, sondern leben hier irgendwo im Busch. Was sie als GegenLeistung für ihre TeilNahme bekommen haben, sagt Chechmon nicht.

Was das Anlocken des Sauriers berifft, so scheint man einen DuftStoff pflanzlicher Herkunft verwendet zu haben. Chechmon erklärt, daß dieser Stoff auf manche Saurier eine so starke Wirkung hat, daß man sie damit zur Raserei bringen kann. Man kann zum Beispiel Saurier dazu bringen, eine FelsWand herunterzustürzen. Das wurde früher auch so gemacht. Dann stellt sich aber das Problem des Abtransportes von diesen immensen FleischMengen. Deshalb gibt es diese FangSchiffe, eine Neuerung, die sich erst vor vierzig Generationen durchgesetzt hatte.

Vierzig Generationen, habe ich das richtig verstanden? Das sind 800 bis 1000 Jahre unserer ZeitRechnung. Dann ändert sich hier aber nicht sehr viel. - Ob diese Angaben wirklich präzise und zuverlässig sind? Daß bei solchen Überlieferungen in jeder Generation die Angabe der vergangenen Generationen um eins hochgezählt wird, kann ich nicht recht glauben. Wie wenig zuverlässig solche ZahlenAngaben sein können, kann man ja an den biblischen AltersAngaben im Alten Testament ablesen.

Wir erfahren noch einige weitere Informationen. Unsere GastGeber nennen sich, als Kollektivbezeichnung, 'SteinBeißer', wobei unklar ist, ob sich diese Bezeichnung nur auf eine Sippe oder auf ein ganzes Volk bezieht, wo immer hier der Unterschied sein mag. Sie erwähnen andere VolksStämme, die auch 'SteinBeißer' heißen. Aber es gibt hier soviele Worte für die verschiedenen GesteinsArten, daß man erst sorgsam durch Vergleich herausfinden muß, was nun als 'GranitBeißer', oder als 'BasaltBeißer' oder als 'GneisBeißer' zu bezeichnen ist.

Ich denke an die BeißKraft unserer GastGeber. Ob die Bezeichnung 'GranitBeißer' mehr als eine symbolische Bezeichnung ist?

Dann erzählt Chechmon von noch anderen VolksStämmen, aber ihre Erzählungen werden unklar, nicht nur wegen der Sprache, sondern auch wegen dem legendenartigen Charakter ihrer Erzählungen. Ob diese ausgestorben sind oder ob man sie einfach nicht zu Gesicht bekommt wird nicht deutlich. Dann wieder glaube ich, daß sie von den Erbauern 'toter Städte' spricht, und 'von denen da oben'. Diese Hinweise elektrisieren mich. Sind am Ende sogar die Menschen der Erde gemeint? Oder welche, die von den Menschen an der OberFläche abstammen? Die hier eingewandert sind? Ich denke an die tote Stadt, an der wir vorbei gekommen sind. Was für Geheimnisse sind dort? Chechmon weiß jedenfalls auch nichts genaues, soviel wird mir klar.

Schade, daß gerade solche Themen bei unseren beschränkten SprachKenntnissen soviel schwieriger sind. Jedenfalls geht die Zeit wie im Fluge vorbei, und kurz nach 11 Uhr legt Chechmon sich hin. Endlich ist die SchlafPeriode da, und wir tun das auch. Waschen entfällt: Das Wasser um das Schiff herum ist noch zu sehr durch den Kadaver des Sauriers verschmutzt.

"Wir gleichen unseren hygienischen Standard allmählich dem unserer GastGeber an!" sage ich im EinSchlafen zu Irene. Sie findet das nicht lustig. Gut. Dann habe ich es auch nicht lustig zu finden.


        12.6    KreuzFahrt


Schon vor dem geschätzten Termin des Endes der SchlafPeriode um 20 Uhr werden wir wieder wach, weil es draußen laut wird. Der SprachUnterricht geht sofort weiter, selbst während wir uns in dem vermutlich immer noch nicht ganz sauberen FlußWasser waschen. Einiges kriegen wir aber doch so nebenbei mit.

Die Besatzung war während der SchlafPeriode nicht ganz untätig. Ohne daß wir es gemerkt haben, ist das Schiff um einige hundert Meter flußabwärts versetzt worden, und es liegt auch wieder längs der Strömung. Damit sind in dem Wasser zwar immer noch die Exsudate der SaurierLeiche vorhanden, sie haben sich aber etwas mehr im FlußWasser verteilt. Und der Gestank ist nicht mehr ganz so schlimm.

Auf der Leiche des Sauriers haben sich zahllose Vögel niedergelassen. Dieser Kadaver wird wahrscheinlich noch die NahrungsBilanz ganzer Schwärme günstig beeinflußen. Das ist eben der Lauf der Natur.

Auf den ersten Blick scheint das Schiff wieder vollständig repariert. Allerdings turnen immer noch eine ganze Reihe BesatzungsMitglieder in der Takelage herum, und es ist nicht zu übersehen: Charmion ist dabei, und sie hat die Aufsicht. Auch im Vergleich zu all den anderen scheint sie diejenige zu sein, die am virtuosesten in den Seilen herumklettert.

Sogar das hohe MastHaus mittschiffs ist mittlerweile wieder repariert worden. Das muß während der SchlafPeriode passiert sein, denn vorher war es definitiv noch demoliert.

Chechmon blickt kurz auf, als Chrwerjat das MastHaus betritt. Ablösung. Nicht für uns, versteht sich, sondern für Chechmon.

Sie hat auch eine Neuigkeit: In wenigen Stunden werden wir ablegen. Wohin, das erzählt sie uns nicht.

Irene und ich sehen uns an: wenn dieses Schiff ablegt, dann beginnt eine ganz neue Phase in unserem Abenteuer: Dann können wir aus eigener Kraft überhaupt nicht mehr zurück. Schließlich können wir nicht auf dem Wasser schreiten. Wenn wir zurückwollen, dann müßten wir das jetzt bald in die Wege leiten. Während Chechmon und Chrwerjat miteinander reden, erläutere ich Irene diesen GesichtsPunkt.

"Die lassen uns doch nicht weg!" meint sie.

"Natürlich nicht. Das enthebt uns der Notwendigkeit einer sofortigen Entscheidung. Aber ich möchte, daß du weißt, was es bedeutet, wenn wir ablegen!"

"Ich bin ja nicht blöd!"

Das ist ein Argument. Chechmon geht jetzt, und Chrwerjat setzt den Unterricht fort. Wir müssen später reden.

Was wollen wir wirklich? Darüber müssen wir uns sowieso klar werden. Lassen wir mal die ganz großen Schwierigkeiten des Weges zurück in unsere Welt aus den Betrachtungen weg. Denn denen könnten ähnlichen Schwierigkeiten gegenüberstehen, die uns hier noch blühen - wir haben ja schon eine Ahnung von dem Charakter dieser Leute.

Also, völlig unbeteiligt: Hierbleiben oder nach Hause?

Nach Hause: Eintöniger Beruf, der nicht die Spur einer Karriere zuläßt. Die Bürokratie meines ArbeitGebers schränkt Produktivität und ArbeitsFortschritt auf das Niveau eines sozialistischen Landes ein. Auch wenn der ArbeitsPlatz leidlich sicher ist, die wirklich interessanten Dinge spielen sich außerhalb der DienstZeit ab. Innovation, technisch interessante Dinge, HerausForderungen - bei dem ArbeitGeber: nein.

Und welches sind die Dinge außerhalb der ArbeitsZeit: Eine Welt, die nach dem Abflauen des großen Ost-West GegenSatzes instabiler statt stabiler geworden ist, die Tag für Tag mehr in dem Dreck ihrer HumanFertilität versinkt. Der große, unwahrscheinliche Krieg ist durch zahllose, schmutzige, kleine Kriege ersetzt worden, Kriege, die wirklich stattfinden. Es gibt Anzeichen, daß die Religionen in Form vieler Sekten immer mehr Macht übernehmen und den RückSchritt in das MittelAlter bereits eingeläutet haben. Der Glaube, daß der FortSchritt in den NaturWissenschaften automatisch eine entsprechende Klarheit in den Köpfen der Menschheit schaffen würde, ist längst zerbrochen. Die Flexibilität des menschlichen Geistes ist unglaublich - es gibt keine Ideologie, die so abstrus wäre, daß sie nicht immer noch ihre Anhänger fände.

Es ist schon viele Jahre her, als ich mit einem Schock begriffen hatte, daß das Licht der Aufklärung nur wenige erreicht. Schön, das sind einige mehr als in den Jahrhunderten zuvor. Eine technische Zivilisation erzwingt eben eine objektive DenkMethode in die Köpfe wenigstens einiger. Aber das dürfen sehr wenige sein - erstaunlich wenige. Ich habe Beispiele gesehen, von Physikern, die die SchöpfungsGeschichte wörtlich genommen haben, von Ingenieuren, die dem WiedergeburtsGlauben anhingen, von Biologen, die Darwin für einen Satan hielten. Das gibt es heute noch!

Was ist da noch in unserer Welt? Sowohl Irenes als auch meine Eltern leben noch, aber in einem ihren hohen Alter entsprechend schlechten GesundheitsZustand. PflegeFälle stehen uns wahrscheinlich ins Haus, schlimmstenfalls vier. Das ist egoistisch gedacht, aber nichtdestoweniger wahr: Das kann uns noch die gesamte FinanzPlanung für die Zukunft oder die gesamte FreiZeit ruinieren. Vielleicht sogar beides. Es wird ihnen nicht schlechter gehen, wenn wir nicht wieder auftauchen, denn dann muß die Allgemeinheit einspringen. Eine Allgemeinheit, die wir guten Gewissens in die Pflicht nehmen können, schließlich haben wir sie durch unsere SozialAbgaben lange genug gesponsort. Gehen wir in unsere Welt zurück, dann werden wir die Last des Alters dreimal tragen: einmal haben wir sie schon über unsere SozialAbgaben getragen, dann durch die direkte Beteiligung an der Pflege unserer VorGeneration, und irgendwann werden wir auch selbst alt. Dann werden wir mit uns selbst beschäftigt sein.

Es ist zynisch, aber vor diesem drohenden, vielleicht unvermeidlichen Schicksal hat unser Abenteuer einen neuen Ausweg geöffnet. Nämlich hierbleiben.

Denken wir das mal durch. Hierbleiben? Daß wir hier in einer Art MittelAlter gelandet sind, ist klar. Die Flexibilität des Geistes, seine AufnahmeBereitschaft für den größten BlödSinn ist hier natürlich genauso ausgeprägt. Und das Licht der Aufklärung hat hier noch niemanden erreicht. Damit müssen wir jedenfalls rechnen. Hier werde ich auch ewig vermöge meiner GeschlechtsZugehörigkeit zu einer unterprivilegierten Klasse gehören. Da sollte ich mir gar keine Illusionen machen.

Aber dafür erscheint diese Welt sauber weil dünnbesiedelt. Viele Probleme, die wir in unserer technischen Zivilisation da oben haben, haben die GranitBeißer nicht, nicht weil sie einsichtiger wären, sondern weil sie nur einen winzigen Teil des sie umgebenden Biotopes darstellen. Das ist offenbar auch ein permanenter Zustand, denn diese Welt mit Menschen zu überschwemmen, das ist in einigen Dutzend Generationen leicht möglich. Es ist aber noch nicht geschehen, obwohl schon genügend Generationen hier geboren wurden.

In dieser Welt würden wir eventuell Nischen finden, weitab von dem Leben und Treiben der GranitBeißer.

Und wie sieht die Bilanz für Irene aus? Ihr Beruf oben, in ihrer Bank, ist genauso streßbehaftet. Dazu kommt noch, daß in unserer Gesellschaft Frauen doch immer noch eine Art Neger sind. In der Bank läßt man sie das häufig genug spüren.

Hier ist sie Mitglied des privilegierten Geschlechtes. Sie könnte es zu etwas bringen. Vielleicht nicht nur sie, vielleicht wir beide. Wir haben ja auch einiges zu bieten. Was wissen die hier alles nicht, was man ihnen beibringen könnte. Bumerang, das Beispiel hatten wir ja schon. Was noch?

Medizinische Erkenntnisse. Sollten wir das tun? Wie war es denn oben, in unserer Welt? Bei den InfektionsKrankheiten, und nur da, hat die Medizin ihre großen Erfolge erzielt, teils mit Antibiotika, teils mit der Erfindung der Hygiene. Was haben wir damit erreicht? Die Aufhebung der natürlichen Beschränkung der BevölkerungsDichte. Wo die Menschen dicht beieinander leben ist das WeiterGeben von InfektionsKrankheiten wesentlich wahrscheinlicher. Aber mit einer guten ärztlichen Versorgung und Wasser und Seife für jeden hält man die Krankheit zurück. Dann gewinnen Testes und Uterus das Rennen. Eine Zeitlang, bis die Welt völlig ruiniert ist.

Nun ja, vielleicht trifft hier dieser Aspekt nicht zu. Vielleicht halten die GranitBeißer ihre eigene Zahl ja mit dem Schwert gering, vielleicht über den Umweg über andere VolksStämme, die es genauso halten. Postnatale GeburtenKontrolle auf Gegenseitigkeit: der StammesKonflikt.

Hierzubleiben hieße, da mitzumachen. Tricks zu verraten, mit denen man in solchen Auseinandersetzungen erfolgreicher sein kann als der NachbarStamm. Tricks zu verraten, mit denen man Krankheiten vermeiden kann. Alles gute, gute Tricks. Wir könnten die Lawine lostreten! Muß das, darf das sein?

Lassen wir mal die ethischen Erwägungen ganz egoistisch beiseite, denn die Folgen unseres HierBleibens, wenn es denn tatsächlich so weitreichende Folgen hätte, würden im Laufe unserer LebensZeit noch nicht deutlich werden. Also: wollen wir hierbleiben?

Wir wissen immer noch zuwenig über diese Welt. Wir wissen sowenig, wie ein Außerirdischer, der auf der Erde gerade mitten unter den Touristen auf der Marea Errota landet. Was soll er aus dem, was er da um sich sieht, schließen? Die Menschen verbringen ihre Zeit damit, in der Sonne liegend ultraviolettgenerierte Melanome zu kultivieren und gelegentlich durch einen Sprung in eine salzige Flüssigkeit ihre Allergien aufzufrischen. Nicht sehr repräsentativ.

Ich weiß nicht, was wir tun sollen. Ich muß mit Irene drüber reden. Jetzt geht's nicht, wegen des SprachUnterrichts. Später mal. Wir müssen auch noch mehr über diese Welt in Erfahrung bringen.

Chrwerjat merkt, daß ich geistesabwesend bin, und befragt mich intensivst, während sie in ihrem BildMaterial wühlt. Ich muß alle möglichen Dinge benennen. Dösen ist bei diesem Unterricht nicht drin.


        ******** 013. Tag: Donnerstag 1995-08-31 ********


Als meine Uhr Mitternacht anzeigt - jetzt vier Stunden nach Ende der SchlafPeriode, es wird noch einige Tage dauern, bis wir wieder 'im Tritt' mit der OberWelt sind, obwohl das völlig belanglos ist - ändern sich die SchiffsGeräusche. Auf Deck macht man sich wieder mit den TreibAnkern zu schaffen.

Ich versuche, das Unterrichtsgespräch wieder auf das Schiff und auf die nächste Planung zu bringen. Das gelingt, und Chrwerjat zeigt uns vom Fenster aus einige weitere konstruktive Einzelheiten des Schiffes. So können wir die weiteren Manöver gut verfolgen.

Das Schiff dreht sich. Wenn eine Art Sonne schiene, dann wäre das sehr auffällig, weil sich die Richtung der SonnenEinstrahlung ständig änderte. So sieht man aber nur die Landschaft langsam um das Schiff herumdriften. Das Ziel des Manövers ist, wie Chrwerjat erklärt, die Mitte des Stromes zu erreichen und dann stromabwärts zu driften. Dazu werden noch keine Segel gebraucht.

Während Chrwerjat redet, beobachte ich Charmion, die hoch über uns in der Takelage beschäftigt ist. Sie führt immer noch einen kleinen Trupp an, der letzte Hand an die Besegelung legt.

Ich frage Chrwerjat, warum nur ein Teil der Rahen Segel trägt, nicht erst seit dem ZusammenStoß mit dem Saurier - das war schon vorher so. Chrwerjat meint, daß noch mehr SegelMaterial im DecksHaus liegt. Erst, wenn man es wirklich braucht, wird es herausgeholt.

Das Schiff hat die StromMitte erreicht. Nur mit den TreibAnkern wird es zunächst in der gewünschten Richtung gehalten, später werden dann diese eingeholt und von da an werden Ruder verwendet. Das reicht, um das schwere Schiff zu steuern: Hier, in der Mitte des über einen Kilometer breiten und immer noch flachen Stromes, gibt es kaum Wirbel, die das Schiff wieder aus der Richtung drehen könnten.

Über einen Kilometer Geröll auf beiden Seiten des Flusses, die UrwaldRänder sind drei bis vier Kilometer weit auseinander, schon bald hinter diesen FlußNiederungen steigen MittelGebirge aus dem Urwald auf, die schnell in HochGebirge und die Säulen übergehen. Jetzt, wo wir uns ständig schneller bewegen, als es zu Fuß möglich war, gewinnt das Panorama an Plastizität. Die gigantische Größe der Höhle wird fühlbar, und wenn wir es nicht genau wüßten, dann kämmen wir nie auf die Idee, daß über den hohen Wolken irgendwo noch eine HöhlenDecke ist.

Ich konsultiere meinen Kompaß. Wir bewegen uns nach Norden. Chrwerjat sieht, daß ich diesen seltsamen Gegenstand in der Hand halte, sagt aber nichts. Es interessiert sie nicht.

Unsere DriftGeschwindigkeit muß so knapp unter zehn Kilometern pro Stunde liegen. Langsamer als mein DauerlaufTempo, aber schneller als die Geschwindigkeit, die wir bepackt zu Fuß einhalten könnten.

Ich überlege, ob dies der Fluß ist, den wir von oben, von der Hängenden Straße aus, unter uns gesehen haben. Die Richtung stimmt ungefähr, aber dieser Fluß ist mit seinen UferZonen eigentlich zu breit. Vielleicht ist er es, vielleicht auch nicht. Diese HöhlenWelt scheint mir um so weitläufiger und verzweigter zu werden, je weiter wir kommen.

Nach etwa dreieinhalb Stunden, so um 4 Uhr morgens, weichen die Ufer noch weiter von uns zurück, und der Fluß wird tiefer. Wir sehen den FlußBoden nicht mehr. Wir sind auf einem möglicherweise tiefen See angekommen. Und es gibt keine Strömung mehr, die uns forttreibt.

Zur Linken, im Westen, tritt eine Säule mit ihren VorGebirgen nahe an den See heran, und ein Berg, der wie ein Zahn oder besser wie ein senkrecht stehender BootsKörper aussieht, neigt sich mit einer überhängenden FelsWand, die tausend Meter hoch sein mag, über den See.

Weiter im Norden treten noch häufiger Berge nahe an den See heran, immer wieder von Tälern und vielleicht von SeitenArmen des Sees getrennt. Kein Hinweis, wo dieser See enden könnte.

Das ist wieder ein geologischer Hinweis. Der See ist überall tief. Das FlußBett kann nur über sehr lange Zeit durch SchwemmVorgänge so breit angeschwemmt sein, wie es jetzt der Fall ist, denn der eigentliche FelsenUntergrund liegt wohl auch tiefer. Das handelt sich dann aber mindestens um GrößenOrdnungen von hunderttausend Jahren.

"Warum setzen wir jetzt nicht Segel?" frage ich im Xonchen-Dialekt.

"GegenWind." sagt Chrwerjat. Das heißt, sie sagt eine Variation des Wortes für 'Wind'. Das kann jetzt eigentlich nur 'GegenWind' bedeuten. Wieder ein Wort gelernt.

Ohne Steuerung treibt das Schiff mitten auf den See hinaus. Als wir von dem ungefähren Ort der FlußEinmündung mehr als einen Kilometer entfernt sind, scheinen wir uns überhaupt nicht mehr zu bewegen. Auch unter der Mannschaft des Schiffes kehrt Ruhe ein. Bis auf Charmion, die immer noch aktiv ist: Sie beginnt mit ihren Leuten, weitere Segel aus dem DecksHaus hervorzuholen und an den noch leeren Rahen zu befestigen. Chrwerjat hat recht gehabt.

"Es wird ein schwacher Wind kommen!" sagt sie. Wenigstens dem Sinn nach.

Das dauert aber noch einige Zeit. Es wäre recht langweilig, wenn wir nicht permanent mit SprachUnterricht mißhandelt würden. Stunde um Stunde.

So um 12 Uhr herum gelingt es Irene, Chrwerjat unsere geistige und körperliche Erschöpfung klar zu machen. Die Hitze ist brütend, und der schwache Gegenwind ist völlig abgestorben. Das SeeWasser wird zusehends einem Spiegel ähnlicher, oder flüssigem Blei, wie ein bekanntes Klischee sagt.


        13.1    GeheimdienstSchwimmen


Wir versuchen, die Erlaubnis zum Schwimmen zu erhalten. Auch aus hygienischen Gründen. Chrwerjat hat nichts dagegen. Sie geht sogar mit. Mist. Da wird der SprachUnterricht im Wasser wohl weitergehen.

Wir haben in den letzten Stunden gelegentlich auch schon andere MannschaftsMitglieder beim Schwimmen beobachtet. Aber der große VolksSport scheint das Schwimmen nicht zu sein. Naja, die Leute haben ein Recht darauf, rumzugammeln, nach der anstrengenden SchiffsReparatur und dem Zerlegen des Sauriers. Außerdem leben sie ja dauernd hier, während wir noch ein bißchen den touristischen Blick für die Umwelt haben.

Es ist eine WohlTat, einmal die verschwitzten Klamotten vom Leibe zu reißen. Als wir im Wasser einige Dutzend Meter von dem Schiff entfernt sind, beginnt Chrwerjat mit der Erläuterung einiger LebensFormen in diesen Seen. Uns wird schnell klar, daß es auch FischSaurier geben muß, ihrer Beschreibung nach. Das hätte sie eigentlich vorher erzählen können. Ich frage sie, ob sie nicht Angst davor hat. Sie meint, daß es auf dem Schiff einige Frauen gibt, die für die Bedrohung durch FischSaurier einen siebten Sinn hätten. Solange die Kommandantin nicht anordnet, wieder die HarpunierGeräte auf Deck zu installieren, solange könnten wir uns völlig sicher fühlen.

Außerdem, sagt sie, um uns herumschwimmend und ihren überlegenen SchwimmStil demonstrierend, ist das Schiff für die Begegnung mit FischSauriern gerüstet.

"Das Schiff vielleicht, aber wir nicht!" sage ich zu Irene, die in meiner Nähe paddelt.

Während wir uns im Wasser tummeln, steigt plötzlich ein großer Teil der Besatzung in die Takelage auf, aufgescheucht durch einen Befehl, den wir nicht gehört haben. Wenig später entfalten sich die ersten Segel. Sie hängen alle schlaff herunter, aber die bloße Menge des Tuches, das da gesetzt wird, ist eindrucksvoll.

Chrwerjat beruhigt uns. Mit Wind ist erst in den nächsten Stunden zu rechnen. Es ist nicht so, daß wir jetzt panisch wieder zurück auf das Schiff müssen. Angenehme Vorstellung, die mir erst jetzt klar wird: Ein plötzlicher Wind treibt das Schiff schneller davon als wir hinterherschwimmen können, und dann tauchen die FischSaurier auf.

Ich habe noch nicht erfragt, ob die FischSaurier Vegetarier sind.

Immerhin, Chrwerjat ist bei uns, und ich nehme nicht an, daß sie selbstmordgefährdet ist. - Das ist natürlich, bei diesen Menschen, schon wieder eine weitgehend hypothetische Annahme über ihre MotivationsStruktur: Vielleicht macht sie gerade eine private MutProbe, ohne uns das vorher mitzuteilen!

In dem glatten Wasser machen wir ein paar WettKämpfe von der Art, wie ich sie mit Irene im HotelPool in Lanzarote erfunden habe: 'GeheimdienstSchwimmen'. Das heißt nur, so schnell wie möglich zu schwimmen, aber auch absolut lautlos. Das ist nicht ganz einfach - dort, wo die SchulterMuskeln die WasserFläche durchstoßen, bilden sich zu leicht glucksende Wellen. Als Chrwerjat begriffen hat, worum es geht, schwimmt sie uns mit Leichtigkeit davon. Wieder dreimal schneller als wir. Und absolut lautlos. Wieder etwas für unser SelbstBewußtsein.

Man könnte in diesem warmen Wasser stundenlang schwimmen. Chrwerjat weiß zu berichten, daß die Tiefe hunderte von Metern bis stellenweise einige Kilometer betragen muß - wenn ich ihre Angaben richtig interpretiere. Woher sie das weiß? Lotungen, natürlich. Ist doch Routine, in der SeeFahrt. Ach so.

Ich schlage vor, etwas weiter rauszuschwimmen, weg von dem Gebrabbel, das man immer noch vom Schiff hört. Die Mannschaft sammelt sich zum Essen. Etwas weiter vom Schiff entfernt müßte es jetzt völlig still sein.

Irene will nicht. Sie will auch nicht, daß ich soweit rausschwimme, aber da Chrwerjat keine Einwände hat, schwimme ich. Den EheKrach machen wir dann später. Als ich mich ab und zu umsehe, kann ich Irene und Chrwerjat, die die Balken des Schiffes wieder besteigen, gut erkennen.

Ich schwimme nach Norden, also in die Richtung, in der der See sich in unbekannte Weite fortsetzt. Im Osten ist er von Urwald gesäumt, im Westen fällt die riesige, überhängende FelsWand steil in den See ab - man denkt manchmal, sie müßte jeden Moment umkippen.

Einmal sehe ich, schon aus vierhundert Metern Entfernung, wie Chrwerjat von der Kommandantin aufgehalten wird. Sie sehen beide in meine Richtung, dann gehen beide ihrer Wege. Vielleicht hat die Kommandantin sich erkundigt, was ich hier draußen mache.

Es wird tatsächlich völlig still. Kaum, daß noch Geräusche vom Schiff herüberdriften. Ab und zu ein fernes Kreischen. Feinere Geräusche aus dem Urwald rundherum dringen auch nicht bis hierher. Die richtige Atmosphäre zum Meditieren, zum Erfassen des Ganzen, von einem Ende der Welt bis zum anderen. Eine Welt, deren Teil jenseits dieser Höhlen für uns unwirklicher geworden ist, die wir jedoch in uns tragen, denn sie hat uns, mich und Irene, ja zu dem gemacht, was wir sind.

Irgendwo da über uns, da ist jetzt OberBayern. Eschelohe, oder der HerzogStand, oder schon Murnau, oder sind wir sogar noch weiter nördlich? Wir können ja nur schätzen. Unter München sind wir wohl noch nicht, aber vielleicht unter dem Starnberger See, oder unter WolfratsHausen, oder unter HolzKirchen. Etwa elf Kilometer nur. Wenn man es horizontal durchläuft, dann sind elf Kilometer ein Klacks. Eine Stunde für mich, kaum weniger - ich war nie ein schneller Läufer. Was ist eine Stunde verglichen mit den nun schon elf Tagen, die wir bis hierher gebraucht haben? Oder für diese Leute, die von unserer Welt überhaupt nichts wissen? Jedenfalls werde ich da noch nachbohren, sowie ich die Sprache besser kann.

Und dieser trügerische Himmel, der nicht die Kälte des WeltRaumes abschirmt, sondern eine HöhlenDecke. Eine gigantische HöhlenDecke. Jedesmal, wenn man sich das klarmacht, beschleicht einen ein leichtes Grausen. Gewiß, man kann auch auf der OberFläche der Erde von fallenden Steinen getroffen werden - Meteore, oder DachZiegel vom nächsten Gebäude. Aber daß ein Teil einer HöhlenDecke einbricht, das scheint doch immer noch wahrscheinlicher. Besonders einer HöhlenDecke, die so weite Räume überspannt. Was verbirgt diese WolkenDecke? Vielleicht einen Hängenden Berg, so, wie wir ihn gesehen haben, aber wesentlich weniger fest mit der HöhlenDecke verbunden? Eine Milliarde Tonnen Granit, reif zum RunterFallen?

Es ist ein Kilometer bis zum Schiff. Mein 'GeheimdienstSchwimmen' ist perfekt. Es ist nicht ein Laut zu hören. Wenn die auf dem Schiff nicht wüßten, daß ich hier bin, dann wäre es jetzt schon unwahrscheinlich, daß sie mich entdeckten. So allerdings werden mir ständig ein paar Augen folgen.

Das Schiff sieht jetzt merkwürdig aus. Die hohe und breite Besegelung gibt ihm den Eindruck einer behäbigen Tante. Dann, der flache FloßRumpf, so ganz anders als der SchiffsRumpf, den man sich bei dem Wort 'Clipper' vorstellt. Als ob das Gewicht der Segel den Rumpf plattgedrückt hat.

Schön ist es nicht. Mein ästhetisches Empfinden ist von anderen SchiffsAnsichten geformt. Aber das ist für mich nur GewöhnungsSache, und für die Menschen hier Sache einer technischen Evolution. Da waren am Anfang eben nur Flöße, die immer größer geworden sind, die Idee, den Wind als AntriebsKraft zu benutzen, und dann eine sich immer weiter verbessernde SegelTechnik, die offenbar für vorherrschende schwache Winde gut geeignet ist. Für starke Winde, das sieht man mit einem Blick, ist dieses Schiff eine hoffnungslose FehlKonstruktion.

Aber was heißt FehlKonstruktion? Das Schwimmen in flachen FlußGewässern, die schweren und dann doch nicht so schweren Beschädigungen nach dem Kampf mit dem Saurier - wie wäre denn da ein Schiff mit der mir bekannten, klassischen Bauweise fertiggeworden? - Ein Floß ist etwas einfaches, und das kann man überall reparieren.

Auch die technische Evolution entwickelt das, was gebraucht wird - genau wie die biologische. Vielleicht mit Ausnahme großer Konzerne, die es sich leisten können, am Markt vorbeizuproduzieren. Aber ich bin schon wieder dabei, über meinen ArbeitGeber nachzudenken. Der ist jetzt weit weg. Hier unten gibt es keine Konzerne. Hoffe ich.


        13.2    Berührung aus der Tiefe


Etwas streift mein SchienBein. Vielleicht ein harmloser, kleiner Fisch. Vielleicht auch nicht. Ich erinnere mich noch gut, was Chrwerjat über die FischSaurier erzählt hat. Ich sollte zurück. Irene wird schon unruhig werden.

Langsam und lautlos bewege ich mich wieder auf das Schiff zu. Die Berührung wiederholt sich nicht. Aber die Ruhe zum Meditieren will nicht mehr aufkommen. Wieder ein NachTeil der Welt hier unten: Man muß dauernd auf der Hut sein. Wenn eine Welt nicht gezähmt und domestiziert ist, dann muß man mit allen daraus folgenden Konsequenzen leben.

Als ich zwanzig Minuten später an Bord steige, sind einige schwere HarpunierGeräte aufgebaut und bemannt. Die glänzenden Spitzen zeigen nach Norden, dahin, wo ich geschwommen bin. Irene ist sofort bei mir und erzählt mir, daß die Waffen aufgestellt wurden, als ich am weitesten draußen war. Aber erst im MastHaus erfahre ich von Chrwerjat genaueres: Als ich am weitesten draußen war, hat der Ausguck etwas zwischen mir und dem Schiff gesehen. Was es auch war, es ist nicht an die OberFläche gekommen, aber es war groß.

"Wie gut, daß du immer soweit davon weg warst!" sagt Irene als wir uns so um 14 Uhr zum Schlafen hinlegen.

Ich verschweige die Berührung, die ich unter Wasser gespürt habe. Es reicht aus, wenn ich einen weiteren AlpTraum gelernt habe.

Und dann denke ich daran, daß es auch bei uns da oben Tiere gibt, die die schwächsten Wirbel und Erschütterungen im Wasser erfühlen können. In einem völlig stillen See habe ich wahrscheinlich vergleichsweise weitreichende Wirbel erzeugt. Irgendwas mußte da ankommen und nachsehen, was da im Wasser herumzappelt. Herwig, denke ich mir, da hast du etwas Dummes gemacht. Das ist nicht dein Verdienst, daß du noch lebst.


        ******** 014. Tag: Freitag 1995-09-01 ********



        14.1    Das Leben der GranitBeißerinnen


Bald nach dem AufStehen um 23 Uhr fängt der September an. Jedenfalls sagt das meine Uhr. Das hat jetzt für uns natürlich überhaupt keine Bedeutung, aber es führt uns wieder klar vor Augen, wie lange wir schon hier unten sind. Wir haben aber nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, weil gleich nach dem FrühStück, heute im GemeinschaftsRaum im oberen DecksHaus, der SprachUnterricht wieder anfängt. Gerade noch, daß wir ein paar Blicke auf die immer noch schlaffen Segel werfen können. Das Schiff schwimmt auch noch ungefähr da, wo es vor der SchlafPeriode war. Vielleicht, daß es sich in den letzten paar Stunden ein paarmal um seine senkrechte Achse gedreht hat oder ein paar hundert Meter hierhin oder dorthin gedriftet ist. Auch die HarpunierGeräte sind immer noch aufgebaut, aber keiner kümmert sich um sie.

Dieser ganze Tag verläuft ereignislos. Fatalistisch wartet man auf das Aufkommen von Wind aus der richtigen Richtung. Fatalistisch läßt man den Gestank auf sich einwirken, der immer deutlicher aus dem DecksHaus dringt. Ich hatte angenommen, die vielen Dutzend oder fast hundert Tonnen SaurierFleisch wären irgendwie haltbar gemacht worden - ich dachte an das SteinSalz, das sie auch in den MenschenLeichen verwenden. Ich befrage Chechmon, die heute wieder dran ist, SprachUnterricht zu geben, darüber. Sie meint, SaurierFleisch wird nicht so schnell schlecht wie MenschenFleisch, und man kann es dann immer noch essen.

Unsere Beschwerden bezüglich dieses Geruches kann sie nicht teilen. Naja, denke ich, ohne es auszusprechen, bei dem hier üblichen Hygiene-Standard kein Wunder. Jeder und jede unser GastGeber hat da eine eigene strenge GeruchsAura. Vielleicht verhindert es PilzInfektionen, wenn man die selbstausgeschwitzte MilchSäure auf der Haut zergären oder antrocknen läßt. Aber dieser vielkomponentige Gestank ist bei dieser WindStille unerträglich, und wir baden an diesem Tag wenigstens zweimal, immer in der Nähe des Schiffes.

Die SexSpiele, die ständig auf Deck ablaufen, werden allmählich lästig. Wir haben ja im Laufe unseres Aufenthaltes gelernt, daß es erstens nicht anstößig ist, bei sowas interessiert zuzusehen, und daß es allmählich ziemlich langweilig wird, wenn dauernd irgendwo in der Nähe gebumst und geleckt und gefummelt und gelutscht wird. Man nimmt es schließlich gar nicht mehr zur Kenntnis. Lediglich die GeräuschsKulisse, die dabei erzeugt wird, ist manchmal störend. Und das ist jetzt sehr häufig der Fall, denn auch die erzwungene Untätigkeit liegt wie ein impliziter TagesBefehl auf dem Schiff. Es ist alles repariert, nur wenige Leute sind notwendig, den Betrieb logistisch aufrechtzuerhalten, die anderen sind einfach nur da und langweilen sich.

Ich habe längst gemerkt, daß sie es hier nicht mit der Monogamie haben. Das war eigentlich auch nicht zu erwarten. Der Sex spielt eine ganz andere gesellschaftliche Rolle als bei uns. So, wie es bei uns üblich ist, in Gesellschaft zerkleinertes organisches Material in ein kleines Loch im Gesicht zu stopfen, in einer schleimigen Höhle mit harten AusWüchsen weiter zu zerkleinern und schließlich herunterzuschlucken, so ist hier die gemeinsame LustErzeugung in allen denkbaren Variationen üblich. Das ist wirklich, objektiv betrachtet, beides eine biologische Routine-Funktion. Lediglich unsere Erziehung diktiert, welche dieser Funktionen öffentlich sein darf und welche nicht. Lediglich die evolutionären Zufälle der geschichtlichen gesellschaftlichen Entwicklung haben das eine VerhaltensMuster für uns und das andere für die hier ausgewählt.

Ich habe unglaubliche Szenen gesehen. Da war zum Beispiel eine Frau, die im VorSchiff genußvoll auf einem flach mit dem Rücken am Boden liegenden Manne ritt - es war übrigens vom Koch, dessen Pflichten sich damit also nachweislich nicht nur auf seine Küche erstrecken. Das erstaunliche war, daß sie gleichzeitig dabei war, zwei SeeLeute, die etwas an einem der HarpunierGeräte richteten, in einem gekonnten KasernenhofTon anzubrüllen. Das Gespräch war zu schnell, so daß ich nichts verstanden habe. Die Frau wurde immer wütender, hörte aber keinen Moment auf, auf dem Penis des Koches auf und abzugleiten. Das schien allen Beteiligten völlig normal und alltäglich vorzukommen. Höchstens der Anschiß erweckte bei den Umstehenden ein gewisses Interesse - nicht die Kopulation. Mir blieb der Vorfall nur deshalb in Erinnerung, weil die Frau plötzlich aufsprang und gemeinsam mit den beiden Männern an dem HarpunenwurfGerät zu arbeiten begann, ohne das Keifen einzustellen. Der Koch war vergessen. Er lag mit seinem erigierten Prügel da und sah einen Moment verdutzt drein. Das Bild war bemerkenswert albern - einen Moment dachte ich an ein gestrandetes U-Boot mit einem verbogenen Periskop, oder an des Kaisers entlassene SonnenUhr. Dann zuckte er mit den Achseln, stand auf, richtete seinen LederRock und trollte sich in seine Küche.

Ich hoffe, daß seine Erektion abgenommen hat, bis er seinen heißen Ofen nahe genug gekommen war.

Als ich wenige Sekunden später das MastHaus wieder betreten habe, habe ich den Vorfall schon wieder vergessen.

Später am Tag stelle ich einmal fest, daß es jemand hoch oben in der Takelage treibt. Ich kann es nicht erkennen, aber Charmion scheint dabei zu sein. Die Sache wäre vielleicht unter artistischen oder akrobatischen GesichtsPunkten sehenswert, aber dazu müßte ich auch hinaufsteigen, und dazu besteht kein Anlaß. Außerdem möchte ich Charmion nicht beim Bumsen zusehen - obwohl es natürlich überhaupt keine Rolle spielt, was ich sehe und was nicht.

Jedenfalls habe ich bei diesem sexuellen Durcheinander ständig die latente Befürchtung, daß Irene oder ich zwangspartizipiert werden könnten. Das ist allerdings noch nicht vorgekommen. Nicht einmal AnnäherungsVersuche, sofern man hier solche Nuancen kennt, hat es bis jetzt gegeben. Ich weiß nicht, warum.

Entweder, wir sind als Fremde tabu, oder es gibt einen entsprechenden Befehl der Kommandantin, oder unser KörperGeruch ist einfach nicht attraktiv genug. Wenn es das letztere ist, dann brauchen wir nur zu vermeiden, uns das Waschen abzugewöhnen. - Ich halte die Fehlender-KörperGeruch-Theorie fast für am plausibelsten, denn daß das Limbische System GeruchsInformationen leicht und direkt als emotionelle Färbungen in das BewußtSein einprägen kann, das ist aus der Neurologie bekannt. Dann sind die hauptsächlichen sexuellen Signale in dieser Welt tatsächlich Gerüche, so, wie es bei vielen Tieren und beim Menschen in der VorZeit auch der Fall war. Das würde auch erklären, warum optische sexuelle Reize praktisch nicht vorhanden sind und auch nicht absichtlich erzeugt werden, und da, wo sie für meinen Geschmack doch vorhanden sind, wie etwa der aufregende KörperBau von Charmion, von den anderen einfach nicht wahrgenommen werden.

Dann kennen unsere GastGeber möglicherweise nicht einmal den Begriff der menschlichen Schönheit, oder der optischen sexuellen Attraktivität, jedenfalls nicht so wie wir. Vielleicht ist 'Schönheit' für sie ein Begriff in der Welt der Gerüche.

Andere soziale Parameter, die sich bei einer Anzahl Menschen, die unter beengten Bedingungen zusammenhausen müssen, deutlich verändern, kann ich nicht feststellen. So zum Beispiel fehlen Brutalität und Streit unter GleichGestellten, während Schikanen, die die HierarchieLeiter heruntergereicht werden, dauernd vorkommen. Es scheint auch CliquenBildung zu geben, allerdings mehr unter den Frauen, wärend die Männer, die an Bord die unterste Klasse darstellen, mehr eine Art dumpfe Solidarität aller üben. Vielleicht sind diese Beobachtungen nicht unbedingt richtig. Sowie wir die Sprache erst besser können, werde ich mehr herausfinden.

Heute erfahren wir einiges aus der Sagen- und LegendenWelt dieses Volkes. Ich halte das als Thema eines SprachUnterrichtes natürlich nicht für besonders geschickt, weil da viel Stoff vorkommt, der zum wirklichen Leben einen geringen Bezug hat. Aber das kann sich ja vielleicht noch ändern, und ich vermeide Kritik. Außerdem sind diese Geschichten nicht uninteressant.

Die Sagen sind dem Inhalt nach dem SagenGut und den Märchen der Menschen ähnlich. Natürlich spiegeln sich die sozialen Verhältnisse dieser Welt wieder. Die handelnden Personen sind immer Frauen, die Heldin und die ganz Bösen. Männer spielen eine StatistenRolle, so wie in unseren Märchen Pferde oder die Bäume eines dunklen, unheimlichen Waldes. Auch wenn mal, in diesen Erzählungen, ein Mann die allerschlimmsten Untaten begeht - es steht immer der Wille einer Frau, der AntiHeldin dahinter. Wenn diese am 'guten Ende' endlich zur Strecke gebracht wird, dann wird manchmal gar nicht erwähnt, ob die derart als WerkZeug benutzten Männer auch eine Strafe bekommen. 'Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie und ihre Freundinnen noch heute.' Genauso endet mindestens eine dieser Erzählungen.

Wie muß das auf die kleinen Jungen dieser Welt wirken, wenn sie schon in aller Frühe erfahren, daß sie zum unwichtigen Teil der Welt gehören!

Ein paar weitere Hinweise sind interessant. In einem der Märchen mit einer eigentlichen belanglosen Handlung wird von einem Berg gesprochen, der vom Himmel fällt. Dieser Berg bleibt in einem See liegen und wird von da an von einer Art RaubRitterin als eine Art StützPunkt genutzt. Es wird sogar eine Burg darauf gebaut.

Ich unterbreche und frage, ob das wirklich vorkommt: das ein Berg vom Himmel fällt. Das könnte ein Hinweis auf tatsächlich vorkommende Einstürze in diesen Höhlen sein!

Chechmon meint, daß das nicht so sei. Gewiß gibt es Berge auf Inseln, aber wie alle geographischen Dinge existieren diese von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Ja, ändere sich den auf dieser Welt überhaupt nichts, will ich wissen.

Nein, natürlich nicht. Das sei wider die Natur der Dinge. Und kleine, lokale Änderungen wie Überschwemmungen oder Stürme zählen nicht. Das ist eben der große Plan.

Aha. Finsterstes MittelAlter. Sie wissen überhaupt nichts über ihre Welt. Bevor Chechmon mit ihren Geschichten fortfährt, versuche ich, so gut es geht, über die leuchtenden Wolken über uns und was darüber ist zu sprechen. Was ich aus Chechmon rauskriege läuft daraus hinaus, daß man glaubt, daß da oben, in gigantischer Höhe, das Dach der Welt, eine FelsenDecke ist - das ist ja auch richtig - und daß dieser Felsen, in dem sich die ganze Welt einbettet, in alle Richtungen unendlich weit ausdehnt - das ist falsch. Da hört also die VorstellungsWelt dieser Menschen auf.

Wir versuchen, den Märchen weiter zu folgen, so gut es eben geht. Ohne daß Chechmon es merkt, ist das meine Methode, diese Menschen einer PsychoAnalyse zu unterwerfen.

Es gibt zum Beispiel den klaren Unterschied zwischen gut und böse, auch wenn mit diesen Begriffen ganz andere Dinge belegt werden als dies nach unseren MoralVorstellungen der Fall ist. Gut und böse, die Attribute, die unser physisch existierendes Ich den Dingen in der Welt vermöge der Kategorien Lust und Schmerz zuerkennen muß, um herauszukriegen, was gut für das ÜberLeben ist, und was nicht. Es hätte mich sehr gewundert, wenn das anders gewesen wäre.

Der sexuelle Symbolismus, der in vielen unserer Märchen zu finden ist, glänzt durch völlige Abwesenheit. Wo es in der Handlung notwendig ist, werden sexuelle Handlungen beschrieben, aber immer mit weniger Begeisterung als zum Beispiel KampfSzenen, die ja viel spannender sind. Die Altäglichkeit und generelle Verfügbarkeit von Sexualität und sexuellen Diensten hat die Stellung der Sexualität als wesentliches Element der menschlichen ErfahrungsWelt zerstört oder nie entstehen lassen. Dieses ist eine asexuelle Welt. Es gibt keine knisternde Erotik, es gibt keine jugendliche Verliebtheit, es gibt keine künstlerischen Darstellungen der körperlichen Liebe. Es gibt überhaupt keine Liebe, weder diejenige mit sexueller Komponente noch in irgend einem anderen Sinne. Es gibt auch keine schwüle Pornographie, um die es nicht schade ist. Alles Symptome einer ganz fremdartigen, eigentlich sogar sexualfeindlichen und lieblosen Welt. Das wird mir jetzt erst klar.

Ich muß bei Gelegenheit mal mit Irene drüber sprechen. Aber ich fürchte, sie wird mehr die vordergründigen Dinge sehen, die allgegenwärtige Bumserei. Was die philosophischen Grundlagen des menschlichen Seins betrifft, da haben wir sehr unterschiedliche Meinungen, und manchmal gehen solche Diskussionen auch über die Grenzen ihres AbstraktionsVermögens hinaus.

Was mich jetzt noch interessiert: Diese umfassende und immerwährende Bumserei muß doch jede Menge Schwangerschaften zur Folge haben. Andererseits habe ich noch keine Schwangere gesehen. Wie kommt das? Dürfen Schwangere vielleicht nicht auf ein solches Schiff?

Diese Frage muß ich zurückstellen. Viel reflektieren kann ich sowieso nicht, weil der SprachUnterricht meine gesamte Aufmerksamkeit erfordert.

Noch ein anderer Hinweis, der zweimal in den Märchen auftaucht. Das eine ist ein permanenter Regen, der mitten auf einem See niedergeht, und das andere ist ein Bach, der aus Regionen jenseits der Wolken kommt. In beiden Fällen wird davon gesprochen, daß es sich um SalzWasser handelt.

In einer weiteren TextStelle wird der feurige Eingang zu einer noch tieferliegenden UnterWelt behandelt. Vulkanismus? Vulkane in diesen Höhlen?

An wieder einer anderen Stelle wird von einem grellen, immerwährenden Licht über den höchsten Wolken gesprochen. Die Sonne? Ich kann es nicht genau sagen, da ich den Erzählungen kaum folgen kann. Das Konzept von bitterer Kälte kommt auch vor, und von Gewässern, auf denen man gehen kann. Alte Erinnerungen an die OberWelt, an den Winter und an vereiste Flüsse?

Der Drache, der in unseren Märchen vorkommt, hat hier natürlich auch seine ExistenzBerechtigung. Allerdings ist es in den meisten Fällen der alltägliche Saurier, den jeder kennt. Nur in einem Fall wird auch von FeuerSpeien gesprochen, aber davon abgesehen spielt der hiesige Drache im Märchen eine ähnliche NebenRolle wie in unseren Märchen Pferde.

Stunde um Stunde vergeht, während wir anhand der hiesigen LegendenWelt weiter in die Sprache einsteigen. Es ist 13 Uhr, als ich plötzlich einen schwachen LuftHauch spüre, der durch die Fenster des MastHauses streicht. Gleichzeitig beginnt es, überall im MastWerk zu knarren, und schlaff flattern die gesetzten SegelBahnen.

Wegen der Segel kann ich kaum aus einem Fenster etwas von der UferLandschaft sehen, geschweige denn, ob sie sich relativ zu uns bewegt. Aber ich habe mich wohl nicht geirrt.

"Wind!" sagt Irene, die es auch gemerkt hat. Chechmon nickt, aber wir fahren mit dem SprachUnterricht fort, obwohl ich jetzt gerne das Manövrieren beobachtet hätte, und das Vorbeiziehen der UferLandschaft. Wenigstens kühlt der LuftHauch so ab und zu die Stirn. Bald wird auch der allgegenwärtige Gestank an Bord schwächer.

Erst um 16 Uhr, eine Stunde vor dem SchlafenGehen, können wir nach unten auf das Deck und ans Ufer sehen.

Der Wind ist so schwach geblieben, wie er am Anfang war. Von 'geblähten Segeln' kann keine Rede sein. Flüchtig betrachtet hängen die Segel immer noch genauso runter wie naße BetTücher auf einer Leine. Aber die große GesamtFläche der Segel bewirkt doch immerhin eine schwache Geschwindigkeit von vielleicht etwas mehr als einem viertel Meter pro Sekunde, also einem Kilometer pro Stunde. Das ist wesentlich weniger als die DriftGeschwindigkeit den breiten Fluß hinunter. Für einen FußGänger wäre es anstrengend, so langsam zu gehen.

Wir haben also seit 13 Uhr erst drei KiloMeter zurückgelegt. Der Berg, der westlich vom SüdEnde dieses Sees von Süden gesehen so sehr an ein großes, halbes Boot erinnert hatte und dessen Deck diese tausend Meter hohe, überhängende FelsWand über dem SeeUfer gebildet hatte, ist noch zu sehen, auch wenn er aus dieser Perspektive mit einem Boot keine Ähnlichkeit mehr hat. Zum Norden hin hat er sehr flache Hänge, die ein einfaches Besteigen des Grates versprechen. Es muß leicht möglich sein, die 'BootsSpitze' zu erreichen und von dort die tausend Meter in den See hinunter zu spucken.

Das Schiff ist so langsam, daß sich die UferLandschaft zu beiden Seiten kaum bewegt. Auch scheint die SchiffsSteuerung unter diesen Umständen keine besonderen Anforderungen zu stellen. Die Verteilung der Segel auf dem Schiff bewirkt, daß sich der Bug aus dem Wind in die GegenRichtung bewegt, und dann, bei symmetrischer Einstellung der Segel, das Schiff genau in WindRichtung getrieben wird. Um zu steuern, müssen die Rahen zusätzlich zur Bedienung des Ruders gedreht werden, dabei ist aber, sagt mir mein mechanisches VorstellungsVermögen, nur eine geringe seitliche Drift möglich. Dann dürften dem Schiff lediglich eine geringe Auswahl an Kursen, vielleicht jeweils 20 oder 30 Grad zur Rechten oder zur Linken möglich sein. Keinesfalls ist es möglich, Höhe am Wind zu gewinnen, es sei denn, sie haben hier noch einige Tricks auf Lager, von denen ich nichts weiß.


        14.2    Demonstration


Plötzlich, nachdem wir schon ein paarmal die SchiffsSeite gewechselt haben, um die UferLandschaft auf beiden Seiten zu sehen, merke ich, daß die Kommandantin Cherkrochj oben auf dem BackBord-NiederGang vom oberen Geschoß des DecksHauses steht und uns schon eine ganze Weile beobachtet. Sie kommt jetzt herunter und geht auf uns zu.

"Sprache gut?" fragt sie. Ich hätte das sogar verstanden, wenn sie es grammatisch etwas elaborierter formuliert hätte. Vielleicht ist sie in demselben FehlUrteil befangen, das bei uns auch viele Menschen haben: Wenn man mit einem Ausländer spricht, dann muß man die eigene Sprache der Beherrschung der Sprache des Angesprochenen anpassen. Das ist natürlich Quatsch - wie soll der Angesprochene dann seine Beherrschung der deutschen Sprache weiter ausbauen? Im GegenTeil, man muß in solchen Fällen ganz besonders korrekt sprechen. Einfacher SatzBau natürlich, aber kein Gebabbel wie das von Zweijährigen. Für das Sprechen mit Kindern gilt ganz genau das gleiche. Und jetzt mit uns? - Vielleicht aber kann ich noch gar nicht darüber urteilen, was in der Xonchen-Sprache verhunzte Grammatik ist und was nicht, und ich tue Cherkrochj mit meiner nicht ausgesprochenen Vermutung unrecht.

"Sprache schwer!" sage ich in meinem freundlichsten Ton. Zu spät fällt mir ein, daß Irene hätte antworten müssen.

Cherkrochj schweigt einen Moment, sieht mich indifferent an, dann winkt sie jemanden heran. Es ist Charmion. Sie sagt ihr irgend etwas, und Charmion verschwindet wieder.

"Ihr müßt lernen!" sagt sie, überflüssigerweise. Was denkt sie denn, was wir die ganze Zeit tun? Charmion kommt wieder. Ein Mann der Besatzung, der mir bisher nicht besonders aufgefallen ist, begleitet sie.

"Ihr müßt lernen!" wiederholt die Kommandantin. Dann gibt sie Charmion einen Wink.

Charmion packt den Mann im Nacken. Er wehrt sich nicht. Aber er hat Angst. Von einem Moment zum anderen ist seine Stirn mit Schweiß bedeckt. Was geht vor?

Der Mann wird in die Knie gedrückt. Charmion fesselt ihm die UnterArme hinter seinem Rücken parallel zusammen. Das muß schmerzhaft sein, aber sie nimmt keine Rücksicht darauf, ob sie vielleicht seine SchulterGelenke disloziert. Danach bindet sie auch seine Beine zusammen. Dann nimmt sie ihn an seinen Beinen und tritt an den Rand des Floßes. Unsanft schleifen OberKörper und Kopf über die DecksBalken. Vierzig Zentimeter tiefer ist der WasserSpiegel.

Dann läßt Charmion den Mann mit dem Kopf bis zu den Schultern ins Wasser hängen. Sehr langsam. Es dauert dreißig Sekunden, bis der WasserSpiegel die Augen des Mannes erreicht, eine Minute, bis gerade eben die NasenLöcher unter Wasser geraten.

Der Mann wehrt sich, er windet und biegt sich, versucht, wenigstens noch durch den Mund Luft zu kriegen. Dann befindet sich auch der Mund unter Wasser, und die Bewegungen des Mannes werden heftiger.

Charmion hat Übung, es ist, als ob sie das nicht zum ersten Male macht. Ausdruckslos sieht sie zu, wie der Mann unter Wasser zu gurgeln und zu röcheln anfängt.

Die Kommandantin führt uns eine MaßRegelung oder Bestrafung oder Hinrichtung vor. Mit was für einer Absicht bloß? Muß sie ihre KommandoGewalt demonstrieren? Ist ihr Ego tatsächlich so unterentwickelt, daß sie das ab und zu nötig hat? Ein Zug ihres Charakters, denn sie mit vielen Menschen auf der ErdOberfläche, die FührungsPositionen erreicht haben, gemeinsam hat. Was sie natürlich nicht sympathischer macht.

Das SchauSpiel dauert einige Minuten. Erst, als die TodesKrämpfe schwächer werden, holt Charmion auf ein Wort von Cherkrochj den Mann wieder heraus. Er wird mit dem Rücken auf das Deck gelegt. Niemand macht Anstalten, an ihm irgendwelche WiederbelebungsTechniken anzuwenden.

Sehe ich einen triumphierenden Zug im Gesicht der Kommandantin? Der Ausdruck von Charmion ist ausdruckslos, als sie auf das Opfer runtersieht. Vielleicht ist da eine Spur von Bedauern, vielleicht auch nicht. Vielleicht möchte ich da nur eine Spur von Bedauern sehen. Ich glaube, meine Charmion, die Frau mit dem bemerkenswertesten KörperBau auf diesem Schiff, ist genauso ein ArschLoch wie all die anderen.

Der Mann hat noch nicht fertiggelitten. Als er verstärkt röchelt und spukt und prustet und hustet, als er versucht, in das Leben zurückzukommen und seine Lungen vom Wasser zu befreien, hat die Kommandantin einen weiteren Einfall. Sie legt plötzlich ihr Schwert und ihren LederstreifenRock ab.

Charmion setzt sich, ohne daß die Kommandantin ihr sagt, was gemacht werden soll, auf die Beine des Mannes, klemmt diese mit ihren Schenkeln ein und hält seinen Rumpf mit den Händen fest. War das, was jetzt kommt, doch vorher abgesprochen? Die Kommandantin setzt sich, mit dem Rücken zu Charmion, mit ihrem GeschlechtsTeil so auf sein Gesicht, daß sie zwischen ihren Beinen dessen Augen sehen kann. Sie rutscht hin und her, bis ihre äußeren GeschlechtsTeile Mund und Nase des Mannes möglichst gut abdecken. Der Arme kriegt schon wieder keine Luft. Seine Versuche, dieses dennoch zu erreichen, müssen ihr die mechanischen Reize geben, die sie haben will. Wenn das das ist, was sie im Moment haben will: Ich habe den Eindruck, daß sie mehr an den Leiden des Mannes interessiert ist. Ekelhaft. Und wir stehen dabei und können nichts tun, trauen es uns nicht, sagen nicht einmal etwas.

Warum wehrt er sich nicht? Warum beißt er ihr nicht in die Klitoris oder etwas ähnliches? Dann wird ihm wahrscheinlich gleich der Kopf abgeschlagen, aber das geht wenigstens schnell. So muß er in dieser unwürdigen Position zum zweiten Male qualvoll ersticken, während Cherkrochj ihm interessiert in die Augen sieht, auf seinem Gesicht etwas vor- und zurückgleitend. Hinter ihr hält Charmion ungerührt einfach fest, verhindert alle heftigen Bewegungen. Obszöne schmatzende oder schlürfende Geräusche dringen zwischen den Beinen der Kommandantin hervor.

Wird sie auch diesmal rechtzeitig aufhören? Es sieht nicht so aus. Sie blickt dem Sterbenden mit klinischem Interesse die ganze Zeit in die Augen. Entweder kann der sich nicht wehren, oder seine ganze Erziehung läßt keinen Gedanken an die paar Methoden, mit denen er sich noch wehren könnte, nicht zu.

Nach ein paar Minuten ist es vorbei. Die Kommandantin Cherkrochj befühlt seine Schläfen, ob er wirklich tot ist. Dann macht sie ein letztes Experiment:

Sie drückt ihre Schenkel mit aller Kraft zusammen. Die Sehnen in den Beinen der Kommandantin treten hervor wie unter der Haut gespannte StahlSeile. Einige Sekunden passiert nichts, dann verformt sich der Kopf des Mannes mit deutlichem Krachen. Die Kommandantin läßt ab. Blut kommt aus den Ohren des Mannes, dann auch aus den AugenLider. Der Kopf bleibt verformt.

Beide Frauen stehen auf. Die Kommandantin tritt vor Irene hin. Auf mich wirft sie keinen Blick.

"Müssen Sprache gut lernen! Müssen Sprache schnell lernen!"

Dann legt sie ihren LederstreifenRock und ihr Schwert wieder an und tritt ab, geht nach oben, zum gemeinsamen Speisen. Sie überläßt es Charmion, sich um die Leiche zu kümmern.

Mir ist schlecht. Irene wahrscheinlich auch. Ich nehme meine Xonchen-Kenntnisse zusammen:

"Charmion! Warum das?"

Charmion sieht mich einen Moment lang an, sagt dann aber nichts. Ihr GesichtsAusdruck, den sie in Ansätzen geformt hatte, könnte etwa interpretiert werden als pure Abweisung einer so weit hergeholten Frage, als Rüge, daß ein Mann ihr überhaupt Fragen zu stellen wagt, dazu noch Fragen über das Verhalten der Kommandantin. Als einfaches, männliches BesatzungsMitglied wäre ich für diese Frage wahrscheinlich schon schwer bestraft worden.

Charmion verschwindet mit der Leiche über der Schulter in Richtung SpeiseKammer. Wahrscheinlich hätte sie diese Arbeit einem Manne der Besatzung überlassen, wenn sie ihr zu mühsam oder zu ekelhaft gewesen wäre. Aber sie macht etwas alltägliches: sie bringt eine Leiche eines BesatzungsMitgliedes in der Küche vorbei. Eben mal so - es ist der Mühe nicht wert, damit jemanden anderen zu beaufzutragen.

Was hat dieser Mann getan? Oder hat er nichts getan, und an ihm hat die Kommandantin nur ihre absolute Macht an Bord demonstriert? Einer Laune folgend? Und dieser Mann war einfach dran?

An diesem Abend nehmen wir nicht an dem GemeinschaftsEssen teil. Der Appetit ist mir vergangen. Wir reden auch kaum. Es gibt ja nichts zu kommentieren. Die machen das hier eben so. Wir müssen das einfach zur Kenntnis nehmen.

Wir finden erst spät Schlaf. Vielleicht liegt das auch an den gelegentlichen LachSalven, die aus dem DecksHaus zu uns herüberdringen.

Lauter weibliche Stimmen.


        ******** 015. Tag: Samstag 1995-09-02 ********



        15.1    ZahlenSysteme


2 Uhr morgens. Die alltägliche Routine. Ein kurzes Bad, seitlich am Schiff, daß immer noch mit geringer Geschwindigkeit vorwärtsgetrieben wird, dann holen wir uns in der Küche etwas zu essen.

Während der SchlafPeriode haben wir vielleicht ein Dutzend Kilometer zurückgelegt, und wir wissen nicht mehr, ob das Schiff vielleicht einen SeitenArm hineingefahren ist oder sonstige Umwege gemacht hat. Jedenfalls sind keine der LandMarken von gestern wiederzuerkennen. Sicher, die großen Säulen sind über viele Dutzend Kilometer weit zu sehen, aber bei den sich ständig verändernden BlickWinkeln und der Vielzahl der Säulen, Berge, Buchten und Windungen des Sees habe ich die ÜberSicht verloren. Die Richtung ist laut Kompaß NordNordOst. Ob wir während der SchlafPeriode andere FahrtRichtungen hatten, weiß ich nicht. Unser Standort relativ zum HöhlenEingang auf dem HöllentalPlatt wird immer unsicherer.

Chechmon ist wieder dran. Chechmon und Chrwerjat wechseln sich also nicht jeden Tag ab. Kann mir auch egal sein, wie sie das unter sich regeln. Oder wie es ihnen vorgeschrieben wird.

Bald, nachdem wir angefangen haben, kommt heraus, daß Chechmon die Hinrichtung gestern gesehen hat. Ich frage, was der Grund war.

"Cherkrochj wollte es so." sagt sie. Ihr Mund verzieht sich, als ob sie MißMut über diese Frage ausdrücken will. Als sie das aber ein paarmal häufiger macht, glaube ich eher daran, daß sie sich mit der Zunge SpeiseReste zwischen den Zähnen herauszutzelt.

"Aber warum?"

"Was?"

"Aber warum? Was hat der Mann getan?"

"Was soll er getan haben?"

"Ist er nicht für irgend etwas ..." ich suche das Wort für 'Strafe' und finde es nicht, "Ist er nicht für irgend etwas getötet worden, was er falsch gemacht hat?"

"Das weiß ich nicht. Ich glaube, nicht." sagt Chechmon, "Cherkrochj wollte das. Das ist alles."

Ich bin nicht zufrieden:

"Aber der Mann konnte doch arbeiten! Warum tötet man jemanden, den man vielleicht noch braucht?"

Was Chechmon darauf antwortet, kann ich wieder nur zum Teil verstehen. Es scheint darauf hinauszulaufen, daß jetzt nur noch das SaurierFleisch irgendwohin gebracht wird. Dabei sind nicht mehr alle BesatzungsMitglieder nötig. Oder die männlichen BesatzungsMitglieder sind als Proviant jetzt nützlicher als als ArbeitsKräfte.

"Ich glaube," sage ich zu Irene in deutsch, "die haben hier kein RentenProblem!"

"Was?" fragt Chechmon auf Xonchen.

"Ich glaube, in eurem Volk wird niemand alt!" formuliere ich in derselben Sprache.

"Doch. Manche." Dann wechselt sie das Thema. Heute ist wieder Geographie dran. Das ist wenigstens interessant und lenkt von anderen Gedanken ab.

LängenMaße hatten wir ja schon. Deshalb können wir die Erklärungen über die Entfernungen einiger Orte voneinander durchaus verstehen. Wenn ich nicht ganz das Rechnen verlernt habe, dann ist da oft von GrößenOrdnungen in den hunderten oder sogar tausenden von KiloMetern die Rede! Solche großen Entfernungen kommen insbesondere auch zustande, wenn man sich auf den Weg entlang bestimmter Täler oder Seen bezieht. Den Begriff 'Enfernung nach LuftLinie' verwendet man hier nicht. Na klar: Nicht einmal ein Vogel kann hier auf geradem Wege von einem Ort zum anderen gelangen. Berge, Säulen, oder die Abgrenzungen der Höhlen stehen dem entgegen.

Nun heißt das nicht, daß wir uns in einem Gebiet befinden, dessen Abmessungen man sich als eine Fläche vorzustellen hat, die in allen horizontalen Dimensionen einige tausend KiloMeter mißt. Es ist eher so, daß diese Höhlen langgestreckte Systeme bilden, vielfach verzweigt, vom Grunde bis zur HöhlenDecke fünf bis neun Kilometer, und in der Breite im Allgemeinen zwanzig bis sechzig Kilometer. Manchmal kommt man dann in BenennungsSchwierigkeiten. Ein sechzig Kilometer breiten Abschnitt der Höhle kann man ohne weiteres dann auch als 'Abzweigung' bezeichnen.

Chechmon versucht, uns eine Karte aufzuzeichnen. Es sieht aus wie eine Demonstration fraktaler Geometrie. Während wir gewohnt sind, in die Umrisse von Kontinenten immer irgendwelche vereinfachenden Formen hineinzuabstrahieren, will mir das bei diesem HöhlenVerhau nicht gelingen.

Die Säulen zum Beispiel. Während viele Säulen, die wir von hier aus sehen, als zwei bis drei Kilometer dicke und fast zehn Kilometer hohe SteinGiganten beschrieben werden können, die die HöhlenDecke der Welt der GranitBeißer tragen, gibt es nahe den Begrenzungen der Höhlen gedrungene Säulen mit wesentlich größerem DurchMesser. Dann wird es schwierig, zu entscheiden, ob man noch von einer Säule oder schon von einer kilometerweiten HöhlenSchlinge sprechen will.

Dann gibt es auch schlankere Säulen. Ab und zu sehen wir solche vom Schiff aus. Da kommt es dann vor, daß sie ihre tragende Funktion verloren haben und - vielleicht vor Millionen von Jahren - abgebrochen sind. Es ist dann ein in etwa zylindrischer Berg übriggeblieben, der unter Umständen noch acht Kilometer hoch sein kann, ein Berg, der über der leuchtenden Wolkendecke eine dunkle, unzugängliche Insel bildet, die in die noch dunklere Welt der hängenden Schluchten der HöhlenDecke hineinragt.

Immerhin wird damit jetzt eines deutlich: Auch wenn diese Höhlen extrem weitläufig sind, so ist unter einem zufällig unter der OberFläche der Erde herausgesuchtem Punkt mit größerer Wahrscheinlichkeit keine Höhle. Sollte es so sein, daß alles, was zum Beispiel BergBau interessant macht, wie EisenErze oder KohlenFlöze, nur da vorkommen, wo keine Höhle ist? Wie da ein geologischer ZusammenHang sein soll ist mir allerdings völlig unklar.

Es wäre jetzt günstig, wenn ich auch Geologie studiert hätte - obwohl ich den Verdacht habe, daß mir auch dann durchaus nicht auf alle Fragen eine plausible Antwort einfallen würde.

Der See, auf dem wir fahren, ist Teil eines immensen SeeSystems, auf dem man offenbar überall hinkommt. Es gibt in vereinzelten Abzweigungen auch kleinere, isolierte und höher gelegene Seen, aber das ist die Ausnahme. Dieser vielverzweigte Ozean ist umfassend. Die Flüsse, die manche Höhlen durchfließen, haben ebenfalls erstaunliche Abmessungen. Der Fluß, auf dem das Schiff den Saurier geschlachtet hat, ist durchaus nicht der größte.

Die Welt der GranitBeißer ist noch nicht vollständig von diesen selbst erforscht. In allen Richtungen setzen sich HöhlenSysteme fort, die Chechmon nicht nur deshalb nicht mehr zeichnet, weil das Pergament zu Ende ist, sondern weil sie darüber nichts weiß. Gibt es dort keine Menschen mehr? Oder sind dort andere Stämme? Sollte der ganze Planet untertunnelt sein? Oder nur alle KontinentalSchelfe? Ich kann es nicht herausfinden. Der Umriß des Gebietes, das sie gezeichnet hat, entspricht keiner bekannten Form, und wahrscheinlich ist diese grobe Karte auch nicht maßstäblich gezeichnet. Das jedenfalls scheint sicher, denn manche Entfernungsangaben von Chechmon widersprechen sich einfach, und manchmal operiert sie auch mit solchen Begriffen wie 'TagesReisen'. Noch unexakter geht es nicht. TagesReisen womit? Zu Fuß? Zu Schiff? Mit wieviel Wind? Ich frage Chechmon, aber ich fürchte, es gelingt mir nicht, die logischen Feinheiten der eigentlich notwendigen Präzisierungen deutlich zu machen. Manchmal sieht sie mich an, als ob ich bekloppt wäre.

Und sie zutzelt immer noch. Wenn mein Xonchen schon besser wäre, würde ich versuchen, ihr zu erlären, was ein ZahnStocher ist.

Chechmon erzählt etwas über Geysire und Vulkanismus. Aha. Das gibt es also auch. Es scheint aber eine seltene Erscheinung zu sein. Warum nicht, in Bayern findet man auch nicht an jeder StraßenEcke einen Vulkan.

Sie erwähnt Städte. Oder sind es nur Dörfer? Oder Burgen? Ich frage, wieviele Menschen dort leben. Es sind in jeder dieser Orte höchstens einige tausend. Chechmon ist sich aber auch nicht sicher, außerdem scheinen sie ein seltsames ZahlenSystem zu haben, das gar nicht geeignet ist, große Zahlen auszudrücken. Es ist unwichtig, zu wissen, wieviel Menschen in einer Stadt wohnen, weil es immer gleich viele sind. Was kann man schon mit diesem Wissen anfangen? - Eine Stadt hat eine gewisse wirtschaftliche oder politische Bedeutung, die man kennt, weil man es schon als Kind so gelernt hat, und so bleibt es ja auch. Es gibt kaum Veränderungen.

Einige der Städte zeichnet sie sehr unexakt in die Karte ein. Danach müßten diese Städte im Wasser des Sees liegen. Ich sage aber nichts.

Auch Zahlen kommen heute dran. Das ist in jedem SprachUnterricht wichtig, und wir greifen das Thema wohl deshalb auf, weil Chechmon Schwierigkeiten hatte, uns die Anzahl der EinWohner in jenen Städten anzudeuten.

Es wird mir sehr rasch klar, daß die Chechmon-Menschen noch kein StellenSystem kennen, daß sie aber dicht davor sind, ein auf der Fünf basierendes ZahlenSystem zu entwickeln. Es gibt ZahlWorte für Eins, Zwei, Drei, Vier und Fünf. Das sind also MengenAngaben, die man mit einem Blick erfassen und die man mit den Fingern einer Hand andeuten kann. Schon 'Sechs' hat kein eigenes Wort mehr, man sagt 'Fünf plus Eins', manchmal auch 'Zwei mal Drei'. Die KombinationsMöglichkeiten 'Zwei plus Vier' und 'Drei plus Drei' werden zwar auch verstanden, sind aber unüblich. Nach Möglichkeit werden Zahlen aus reinen AdditionsAusdrücken oder reinen MultiplikationsAusdrücken zusammengesetzt, vorzugsweise das, was am kürzesten ist, und dann am liebsten, wenn alle Zahlen gleich groß sind. Die GranitBeißer, oder wenigstens Chechmon, haben aber eine Abneigung gegen zu komplizierte Ausdrücke.

'125' Ist zum Beispiel eine gebräuchliche Zahl, weil es 5 * 5 * 5 ist, ebenso '625', dann '3125' und so weiter. Potenzen von fünf sind also die MeilenSteine ihrer Arithmetik. Aber schon über '124' zu sprechen oder '126', das macht ihnen Mühe. '100' geht noch, weil es als 4 * 5 * 5 darstellbar ist. Das gilt für die GranitBeißer aber schon als krumme Zahl.

Chechmon verläßt das Thema wieder. Es macht ihr Mühe. Das verstehe ich. Bei der Methodik würde mir die numerische Mathematik auch Mühe machen.

Es ist 14 Uhr, als Chechmon von Charmion, die ohne sich irgendwie anzumelden einfach so das MastHaus betritt, gerufen wird. Danach sind wir plötzlich alleine.

"Endlich." sagt Irene.

"Gehen wir runter, um die Gegend anzusehen?" frage ich.

"Sieht doch immer gleich aus - na gut."


        15.2    Charmions Saurier


Als wir zum HauptDeck hinuntersteigen, sehen wir überraschend viel Betrieb. Die HarpunierGeräte werden wieder aufgebaut. Die Stimme der Kommandantin Cherkrochj ist nicht zu überhören. Etliche der männlichen BesatzungsMitglieder steigen in die Takelage auf.

Der See ist enger geworden. Beide Ufer sind noch jeweils fünfhundert Meter entfernt. Als wir in FahrtRichtung schauen, sehen wir, daß die Ufer noch weiter aufeinander zurücken, außerdem steigen die Berge beiderseits stärker an und die direkt in das Wasser abfallenden BergHänge werden immer steiler. Der undurchdringliche Dschungel verhindert, daß man Felsen sieht, aber weiter oben ragen vereinzelte FelsNasen aus dem Urwald heraus. Diese UferHänge zu erklettern würde schon Schwierigkeiten machen, für uns jedenfalls.

Außerdem wird das Wetter schlechter. Es ist dunkler geworden, und der Grund ist eine tiefhängende WolkenDecke. NebelFetzen liegen auf dem Wasser, und obwohl das Ufer langsam näher kommt, verschwindet es gelegentlich hinter weißgrauen Schleiern.

Die Stimmen des Urwaldes, die uns auch näherkommen, klingen hohl und dünn, irgendwie unheilvoll. Das ist natürlich nur eine Einbildung. Das macht sicher die Dunkelheit.

Jetzt fällt es mir stärker als sonst auf, wie ich das klare SonnenLicht vermisse. Immer nur der gleichmäßig bedeckte, trübe Himmel, die WolkenDecke, hinter der keine Sonne leuchtet sondern drohende Felsen vom Himmel hängen, gnädig hinter den Wolken verborgen. Genauso vermisse ich die Nacht. Immer das ewig gleiche trübe Tageslicht. Wie lange braucht man, sich daran zu gewöhnen? - Ich überlege, ob ich jemals etwas von ernsthaften psychologischen Wirkungen ständigen TagesLichtes gehört habe, wie man es oben auf der ErdOberfläche etwa jenseits der PolarKreise haben kann. Ich kann mich aber nicht erinnern. Einziges Resultat ist, daß bei dem bloßen Gedanken an PolarGebiete mir diese Welt gleich noch einmal so schwül vorkommt.

Der See, der allmählich flußähnlich eng wird, windet sich, und bald schon kann man weder in FahrtRichtung noch nach dort, wo wir herkommen, weiter als einige hundert Meter sehen. Nun fallen schon nackte Felsen aus großen Höhen senkrecht bis an die WasserLinie ab, dazwischen ist immer noch ein reichlicher Bewuchs, der sich an den steilen Hängen festkrallt, jede FelsRitze und jede noch so kleine nichtsenkrechte Fläche ausnutzend. Die schluchtartige VerEngung des Tales sorgt zusätzlich dafür, daß es noch dunkler wird als es ohnehin schon ist.

Die Segel an den unteren Rahen werden eingeholt. Warum? Sind sie eine unerwünschte SichtBehinderung, oder will man die Geschwindigkeit absichtlich drosseln?

Als das Ufer sich an beiden Seiten auf weniger als hundert Meter genähert hat, überfällt mich die unangenehme Vorstellung, daß, wenn diese Schlucht noch enger wird, wir möglichen Angriffen aus dem UferUrwald schutzlos ausgeliefert sein könnten. Man kann aus großer Höhe Steine auf das Schiff werfen, und bald schon wird man sich an Lianen vom Ufer auf das Schiff herauf schwingen könne.

Irene würde mich schon wieder als professionellen SchwarzSeher oder Katastrophen-Heini bezeichnen, wenn ich solche Überlegungen laut aussprechen würde. Das verstehe ich nun wieder nicht. Ich erkenne solche strategisch ungünstigen Situationen, und ich bilde mir ein, daß alle anderen das auch tun. Bin ich da voreingenommen? Aber das Verhalten unserer GastGeber läßt doch darauf schließen, daß nicht nur ich Befürchtungen habe, oder?

Haben unsere GastGeber denn wirklich ähnliche Befürchtungen? Warum sonst wohl die HarpunenGeräte? Sie zielen alle auf den UferUrwald. Und als ich merke, daß auch die Männer wieder Schwerter tragen, schlage ich Irene vor, wieder in das MastHaus zu hinaufzusteigen. Jetzt kann man von dort auch mehr sehen, weil weniger Segel die Sicht versperren.

Jedenfalls sind die Schwierigkeiten, die man erwartet, wohl weniger seemännischer Natur. Wo sollten diese Schwierigkeiten auch herkommen? Der Wind ist lau, und es gibt kein Hinweis auf eine Strömung, trotz der starken VerEngung des Tales.

Eine unheimliche, gespannte Stille legt sich auf das Schiff. Chechmon hätte uns ruhig etwas verraten können, wenn eine unangenehme Situation bevorsteht, und welche. Jetzt steht sie unten neben einem der HarpunierGeräte: Keine SprachLehrerin mehr, sondern eine kampfbereite Amazone. Wie alle hier: ich sehe, daß sie auch alle anders gehen: gespannt und wachsam wie ein Leopard auf der Jagd. Es ist einer der seltenen Momente, wo ich die meisten weiblichen Mitglieder der Besatzung tatsächlich schön finde. Es ist aber keine weibliche Schönheit, sondern die bedrohliche, funktionelle Schönheit der RaubTiere. Vielleicht ist das ein Klischee - genausogut könnte man von der funktionellen Effizienz der erfahrenen berufsmäßigen Killer reden.

15 Uhr. Die verbleibende WasserStraße hat einen DurchMesser von nur noch achtzig Metern. Dreimal die Breite des Schiffes. Rechts und links noch zehn Meter zwischen den äußersten Enden der Rahen und den Felsen. Man muß verdammt genau steuern. Immer noch wechseln steile Felsen mit Rudimenten von Bewuchs ab, aber man kann nicht mehr von einem durchgehenden Urwald sprechen. Nach oben scheinen diese FelsWände mindestens tausend Meter hoch anzusteigen, vielleicht auch viel mehr - man kann es aus dieser Perspektive nicht erkennen. Wahrscheinlich ist das Wasser hier ähnlich tief. Dann ist es klar, daß eine starke Strömung an dieser Stelle unwahrscheinlich ist.

Weitere Segel werden eingeholt. Das Steuern muß sehr schwierig sein. Zwei Männer der Besatzung sind jeweils auf die Enden der breitesten Rahen geklettert. Sie rufen gelegentlich leise der Frau am Steuer etwas zu. Ob die überhaupt noch eine RuderWirkung hat? Bei dieser geringen Geschwindigkeit? - Immer, wenn auf der Brücke das Ruder gewirbelt wird, versuche ich, genau aufzupassen, ob ich eine deutliche resultierende BewegungsÄnderung des Schiffes wahrnehmen kann. Das gelingt mir aber nicht.

Wie Felsen stehen die Mitglieder der Besatzung da unten neben ihren HarpunierGeräten, Frauen wie Männer gleichermaßen. Überflüssige Bewegungen werden vermieden. Es sind alle an Deck. Sogar der Koch hat nicht in seiner Küche zu tun.

16 Uhr. Wir durchfahren eine Stelle der Schlucht, auf die der dunkle Schatten eine gewaltigen FelsNase fällt, die weit über uns irgendwann abgebrochen ist und sich dann in fünfhundert Metern Höhe zwischen den SchluchtWänden verkeilt hat. Ich erinnere mich an ähnliche Steine, die die PartnachKlamm überbrückten - oder war es die Klamm bei ObersDorf, oder die HöllentalKlamm? Hier handelt es sich aber um einen Felsen, der, nach kurzer ÜberschlagsRechnung, zwei Millionen Tonnen schwer sein könnte. Es gibt keinen AnhaltsPunkt, um herauszufinden, wie lange der Felsen da oben schon eingeklemmt ist. Jedenfalls scheint niemand der Besatzung besonders beunruhigt zu sein - sie erwarten eine Gefahr aus ganz anderer Richtung.

Dabei ist eine Klamm kein sicherer AufenthaltsOrt. Ist es nicht erst fünf Jahre her, daß ein großer ErdRutsch die PartnachKlamm versperrt hat, mitten im Sommer? - Ich wollte es mir immer noch einmal ansehen. Ob ich jemals noch dazu komme? Hätten wir es doch am 19. August getan! Die PartnachKlamm besuchen heißt die HöllentalKlamm nicht besuchen, und das heißt, nicht die ZugSpitze über das HöllenTal besteigen, und das heißt, nicht den EinStieg in diese Welt gefunden haben!

Bald darauf fahren wir an gewaltigen Löchern in den FelsWänden vorbei - Grotten und Höhlen. Weit über uns scheinen sich die SchluchtWände gelegentlich zu berühren, und es ist sehr dämmerig. Trotzdem sehen wir auf einem VorSprung am EinGang einer der Höhlen große Knochen- und WirbelReste. Ein Schädel mit schwer durchschaubarer Anatomie, groß wie ein kleiner LKW, glotzt uns aus leeren AugenHöhlen an.

"Wie der wohl hierherkam?" frage ich Irene. Sie sagt nichts. Ich suche die FelsWände nach Anzeichen von NistGelegen von Vögeln ab, finde aber nichts definitives. Nichts, was ein Laie wie ich eindeutig als Nest erkennen würde. Ein FelsenLoch mit einem Nest, vielleicht mit Jungen darin, das sähe doch gleich viel harmloser aus. Aber dieses ist wohl keine beliebte NistGegend, und so scheint in jedem uneinsehbaren Winkel eine Bedrohung zu lauern.

Es ist seltsam, daß in diesem Momenten der gemeinsamen Gefahr SympathieGefühle unseren GastGebern gegenüber entstehen. Da sie im Moment auf der Hut sind, sich und das Schiff vor einer Gefahr zu schützen, schützen sie natürlich auch uns.

Einmal gibt es eine kurze Aufregung auf dem Schiff, als links querab, dicht unter der FelsWand, das Wasser sich schwallartig aufbäumt und die entstehende Welle wenige Sekunden später das Schiff erreicht. Sogar wir hier oben spüren das Schwanken des Schiffes. Sonst passiert aber nichts.

"Da war was." sagt Irene. Gut beobachtet. Wenn wir nun nur noch wüßten, was es war, dann wäre uns wohler. Oder vielleicht auch unwohler.

Weitere Minuten verstreichen in völliger Ereignislosigkeit. Es fängt an, zu regnen. Niemand da unten nimmt sichtbar davon Kenntnis. Niemand verläßt seinen Posten.

So um 17 Uhr gibt es plötzlich ein schnarrendes Geräusch vom VorderDeck. Wir springen an die vorderen Fenster, denn wir haben uns mehr auf die beiden Ufer konzentriert.

Eine Harpune ist nach vorne abgeschossen worden. Wir sehen die keilförmig auseinanderlaufenden Wellen - schon kurz vor dem Schiff ist die Harpune in das Wasser eingetaucht. Hastig aber konzentriert legen die Harpuniererinnen ein neues Geschoß ein und spannen das Gerät wieder.

Auf was die Harpuniere geschossen haben, haben wir natürlich nicht mitgekriegt. Ein paar leise Kommandos von unten, geflüsterte Meldungen. Lautlos gleitet das Schiff auf den Bereich des Wassers zu, der eben noch von der Harpune geteilt wurde.

Da entsteht etwa hundertfünzig Meter vor dem Schiff auf dem Wasser ein dunkler Fleck. Er breitet sich aus, während wir langsam darauf zugleiten.

Da unten ist eine schnelle Bewegung. Es ist Charmion. Sie rennt nach vorne und beginnt, mit atemberaubender Gelenkigkeit, den BugSpriet zu besteigen. Es dauert nur Sekunden, scheint es, und sie hockt auf der Spitze des BugSprietes, turmhoch über dem Wasser, mehr als doppelt so hoch wie wir in unserem MastHaus.

Und der dunkle Fleck driftet immer näher.

Eine zweite Harpune verläßt das Gerät, diesmal in noch steilerem EintauchWinkel. Ich habe keine Ahnung, was die da bei dieser Dunkelheit noch erkennen können. Vielleicht haben die GranitBeißer wegen der geringeren LichtMenge in dieser Welt von der Evolution bessere und empfindlichere Augen bekommen? - Ich nehme mir vor, irgendwann einmal auf ihre PupillenGrößen zu achten.

Bald müßte der dunkle Fleck sich unter der Spitze des BugSprietes befinden. Was Charmion wohl vorhat? Ich kann gerade eben erkennen, daß sie bis zu den Zähnen bewaffnet ist. Ein Schwert hat sie in der Hand, ein zweites hat sie noch umgegurtet, dazu verschiedene Messer in ihren Gürteln.

Zunächst passiert nichts Spektakuläres. Als der Fleck unter ihr ist, springt Charmion. Lange drei Sekunden dauert der Fall, dann schlägt sie auf das Wasser auf und ist im Augenblick verschwunden. Mit über hundert Kilometern pro Stunde hat sie die WasserOberfläche durchschlagen, rechne ich nach.

Die Fontäne, die sie hinterlassen hat, fällt in sich zusammen. Kreisförmige Wellen laufen auseinander, flachen immer weiter ab, verlieren sich. Das Schiff schiebt sich weiter vorwärts. Es ist so still, daß niemand auf dem Schiff unbemerkt furzen könnte.

Dann erreichen wir den dunklen Fleck, der schon fünfzehn Meter DurchMesser hat, mit dem Bug. Es passiert nichts, als das gefärbte Wasser beidseits vom Schiff vorbeizieht.

Wo Charmion wohl bleibt?

Plötzlich: Blasen, rechts und links von Schiff. Mehr Blasen. Und ein Schlag, der uns in die Knie schickt. Als ob eine riesige Faust von unten in das Schiff geboxt hat.

Es bricht rechts durch die WasserOberfläche. Aus irgendeinem Grunde hatten wir es links erwartet. Rechts ist die FelsWand etwas näher, und weil die Überhangigkeit der rechten SchluchtSeite im Moment größer ist, ist es da auch dunkler. So können wir kaum Einzelheiten erkennen.

Es brüllt markerschütternd, mit einer Stimme, die eigentlich nicht zum Brüllen geschaffen ist. Das Echo hallt zwischen den FelsWänden hin und her, es muß Dutzende von KiloMetern weit zu hören sein. Im AugenBlick begreife ich: Es ist groß und stark, aber es ist nicht gefährlich. Nicht von sich aus. Es hat diesen Kampf nicht gesucht. Es ist vom Schiff aufgespürt worden.

Bei dem AufBäumen über das Wasser hätte es fast wieder die Takelage an der rechten SchiffsSeite ruiniert. Haarscharf hat es mit seinem Hals und seinem Kopf die weitausladenden Rahen verfehlt. Hals und Kopf schlagen wieder auf dem Wasser auf - es gibt einen Knall wie GeschützDonner. Kaum, daß man das Schnarren der HarpunenGeschütze vom HauptDeck herauf hört.

Aber diese tun ihre Arbeit. Und nicht nur die. An dem Ende, was ich für den Kopf halte, blitzt etwas. Ein schwingendes Schwert. Charmion sitzt dort, hat irgendwie Halt gewonnen, mitten an diesem Kopf, den sie wohl unter Wasser gefunden haben muß. Wie sie das wohl geschafft hat? Eine Lösung ist: Sie hat sich in die Augen hineingeschnitten und hat nun einen festen Stand in einer der ungewöhnlich großen AugenHöhlen. Während man vom Schiff versucht, das Tier mit den Harpunen zu erledigen, ist sie immer noch dabei, lebenswichtige Organe am Kopf zu zerstören.

Ich glaube, ich kann ihren GedankenGängen folgen: Wenn sie in einer AugenHöhle Fuß gefaßt hat, dann schneidet sie sich von der Orbita aus weiter bis in das Gehirn vor. Scheußlich und grausam. Aber mutig. Alle Achtung. Für so eine Tat erschien sie mir aus irgendeinem Grunde doch zu naiv. Wie oft werden wir hier noch Menschen falsch einschätzen?

Der Kopf schlägt noch mehrere Male auf das Wasser. Glatter Zufall, daß das Schiff nicht getroffen wurde. Aber wie will Charmion dabei unverletzt bleiben? Die Schläge sind stark genug, um einiges kaputt zu machen, auf dem Schiff und bei demjenigen, der sich irgendwie am Kopf des Tieres festklammert. Sie muß phantastische Reflexe haben.

Der Kampf ist schnell vorüber. Vielleicht war meine Vorstellung von dem, was Charmion da macht, richtig. Der ganze AufRuhr dauert keine Minute. Das Schreien des Tieres trifft einem im tiefsten Inneren. Diese Kreatur hat Angst und furchtbare Schmerzen. Es wird es leiser, röchelt erschöpft, läßt den Kopf mit der blutenden AugenHöhle ins Wasser sinken. Letzte FlossenBewegungen in dem Element, daß ihm Heimat und Geborgenheit war, vielleicht ein letzter Blick mit dem gesunden Auge. Dann liegt das Tier längsseits und ist mausetot. Charmion zieht sich aus dem Wasser heraus und schwingt sich über die BalkenReeling auf das Schiff. Sie atmet noch heftig, und einen Moment sehen ihre blutigen Brüste so aus, als ob dort aus einer scheußlichen Verletzung innere Organe nach außen drängen. Grauenhafter Gedanke.

Sofort beginnt, wie vor einigen Tagen im breiten Fluß, das ZerLegen. Wir gehen runter auf Deck, um soviel wie möglich zu sehen. Da der größte Teil des Tieres unter Wasser liegt, können wir seinen KörperBau nicht erkennen, und die Mannschaft sorgt dafür, daß auch bald gar nichts mehr zu erkennen sein wird. Schon werden große, noch dampfende FleischStreifen an Bord geschleppt. Wieder werden die DecksBalken von Blut getränkt. Es muß sich um eine Art FischSaurier handeln, aber dieses wird wohl eine Vermutung bleiben.

Charmion steht blutüberströmt da und spricht ganz ruhig mit Cherkrochj. Das Wasser hat nicht alles Blut abgewaschen, oder sie ist tatsächlich selber verletzt. Die Anstrengung ist ihr nicht mehr anzusehen, und sie sieht auch eigentlich nicht so aus, als ob sie Schmerzen hat.

"Sag ihr mal etwas nettes, wie mutig sie war!" sage ich zu Irene, weil ich wissen will, ob sie auf solche Bemerkungen anders reagiert, wenn eine Frau sie macht, auch, wenn es sich um eine Gefangene handelt.

"Das tue ich nicht!" zischt Irene zurück, "das kannst du selber machen!"

"Also gut, dann nicht." Es ist nicht rauszukriegen, ob Irene unter einer Spur von EiferSucht leidet, oder ob sie Mitleid mit dem FischSaurier hat.

Weil wir doch überall im Wege stehen, und weil es wieder ordentlich zu stinken beginnt, ziehen wir uns wieder in das MastHaus zurück. Da sehen wir genug, insbesondere auch deshalb, weil die Schlucht sich über uns wieder weiter öffnet und mehr Licht herunterläßt.

SprachUnterricht wird es heute wohl nicht mehr geben. Aber die drei Stunden bis zur Beginn der SchlafPeriode wird uns nicht mehr langweilig, weil wir ungestört die SchluchtLandschaft betrachten und die Arbeit unten auf Deck verfolgen können.

Tatsächlich gelingt es der Mannschaft, den größten Teil des Fleisches bis 20 Uhr abzubauen. Die HarpunierGeräte bleiben derweil aufgebaut, aber die Wachsamkeit läßt nach. Das bestätigt meinen Verdacht: Man hatte nicht davor Angst, daß es zu der Begegnung mit einem FischSaurier kommen wird.

Man hatte Angst, daß diese Begegnung nicht zustande kommen könnte.

Es ist jetzt soviel Fleisch an Bord, daß sogar auf dem Deck mannshohe Stapel geschichtet wurden, notdürftig von Planen verdeckt, die rasch mit Blut durchtränkt sind, welches dann allmählich gerinnt. Im DecksHaus ist kein Platz mehr, auch sind Teile des GemeinschaftsRaumes ebenfalls zu LagerHallen umfunktioniert worden.

Als der Rest des Kadavers freigegeben wird und hinter dem Schiff versinkt, können wir uns endlich hinlegen, weil nun zu erwarten ist, daß es endlich auf dem Schiff still genug werden wird.

Trotzdem liege ich noch eine ganze Weile wach. Die SchmerzensSchreie des FischSauriers hallen immer noch in meinen Ohren nach.

Der TyrannoSaurus war mir egal: das war eine KampfMaschine. Der war ja nicht ganz unschuldig, was das Suchen einer Konfrontation betrifft. An ihm hat die Evolution die fleischgewordene Aggression ausprobiert.

Dieser hier aber hat nicht sterben und nicht töten wollen. Es war eine friedliche Kreatur. So, wie auch der BrontoSaurus, den wir ganz am Anfang gesehen haben, nur eine dumme und gutmütige Kreatur war.

Ein Angriff auf ein Wesen wird nicht nur deshalb eine HeldenTat, denke ich, weil es bloß vermöge seiner Größe gefährlich ist. Aber dann wieder: was weiß ich, wie dringend die GranitBeißer das Fleisch brauchen? Und jedes zusätzliche Kilo SaurierFleisch, das sie essen, bedeutet ein Kilo weniger an MenschenFleisch, da sie dann nicht mehr essen müssen.

Ich bin zu müde, weiter ethische Fragen in Kopf herumzuwälzen. Dann fällt mir aber noch, im EinSchlafen, ein, daß wir den HöhlenEingang auf dem HöllentalPlatt jetzt vor genau zwei Wochen entdeckt haben. Erst? Schon? Diese Welt da oben ist jetzt so weit weg. Herwig, hättest du je geglaubt, daß du einmal einen getöteten Saurier bedauerst?


        ******** 016. Tag: Sonntag 1995-09-03 ********



        16.1    JagdTechniken


Aufwachen um 5 Uhr, normale TagesRoutine. Während wir geschlafen haben, hat das Schiff die Schlucht wieder verlassen, und der See ist jetzt wieder so breit, wie er vorher war.

So um 6 Uhr läßt Chrwerjat sich blicken, die es nicht übertrieben eilig hat, mit dem SprachUnterricht zu beginnen. So ist es ziemlich leicht, das Thema auf den Saurier von gestern zu bringen.

Chrwerjat fand den Vorfall nicht besonders aufregend. Das machen sie immer, wenn sie von der SaurierJagd zurückkommen und diese Schlucht durchfahren, sagt sie. Da bis zum ZielHafen keine schwierigen Manöver mehr zu erwarten sind, kann man ohne weiteres noch mehr Fleisch an Bord nehmen, wenn das Schiff nicht ausgelastet ist. Da diese FischSaurier - sie verwendet deren Namen, aber ich kann ihn mir nicht merken - sehr scheu sind und sich vor einem Schiff in Sicherheit bringen, muß man sie gezielt aufstöbern und zwingen, an die OberFläche zu kommen, damit man sie bekämpfen kann.

Woran hat man gemerkt, daß an genau der Stelle ein FischSaurier unter der WasserOberfläche trieb? Ragten Teile seines Körpers aus dem Wasser heraus? Wir hatten ja nichts dergleichen gesehen.

Nein, antwortet Chrwerjat, das Tier ist schon gescheit genug, in große Tiefe abzusinken und dort das VorbeiZiehen dieses Schiffes abzuwarten. Es ist nämlich sehr scheu.

Aber ein Tier dieser Größe hat einen ganz ordentlichen GrundUmsatz, auch wenn der GrundUmsatz pro KiloGramm KörperGewicht bei allen Tieren in der Welt der GranitBeißer wesentlich geringer ist als an der ErdOberfläche, und Saurier ohnehin keinen übertrieben heiß brennenden Metabolismus haben. Aber ein paar KiloWatt kommen da schon zusammen. Nicht daß Chrwerjat den Begriff 'KiloWatt' verwendet, aber sie vergleicht die Erzeugung von KörperWärme des Sauriers mit der Erzeugung von KörperWärme bei Menschen. Da kann ich es ungefähr ausrechnen.

Diese Wärme erzeugt einen AufwärtsStrom im Wasser, der sich an der OberFläche teilt und nach allen Seiten auseinander driftet. An kleinen, treibenden Gegenständen auf der WasserOberfläche - BlattStücke, Blasen - kann man es erkennen, wenn man das lange genug geübt hat.

Außerdem hat sich das Tier noch einige Zeit vorher, als das Schiff noch nicht in Sicht war, bewegt, und die Reste der verwirbelten Strömungen kann eine geschulte Beobachterin auch erkennen.

Deshalb sahen mehrere Menschen an Bord relativ genau, wo das Tier sein mußte. Lediglich die Tiefe war sehr unsicher. Aber da gab es ErfahrungsWerte. Und so war es möglich, schon mit dem ersten Schuß das Tier zu verletzen.

Dann bestand aber noch die Gefahr, daß das Tier sich unter Wasser davonmachen würde. Es ist also notwendig, dem Saurier sehr schwere Verletzungen beizubringen, und das gelingt mit der wiederholten Harpunierung auch nicht immer. Und da kommt Charmion in das Spiel. Sie ist unter Wasser sehr gewandt, schon seit frühester Jugend. Sogar unter den GranitBeißern sind ihre Fähigkeiten ungewöhnlich. Jeder andere hätte sich schon bei dem Sprung aus vierzig Metern Höhe verletzt, ganz besonders, wenn man dann auch noch Waffen mit sich führt. Aber danach noch in einige Dutzend Meter vorzustoßen, den Saurier zu finden, sein KopfEnde zu finden und dann dort, unter Wasser und kaum etwas sehend, die ersten tiefen Schnitte in das Gesicht zu setzen, das kann nicht jeder!

Wir erfahren jetzt auch, daß Charmion dieses Abenteuer praktisch unverletzt hinter sich gebracht hat. Daß sie bis auf ein Messer dabei alle Waffen verloren hat, spielt keine Rolle - das SaurierFleisch ist mehr wert. Einen Moment habe ich den Gedanken an diese Schwerter und Messer, die jetzt in der Schlucht irgendwo auf dem tiefsten Grunde liegen - viel weiter von jeder möglichen archäologischen Entdeckung entfernt als es Gegenstände aus den Kulturen auf der ErdOberfläche jemals sein können. Nicht weit davon entfernt wird jetzt der Kadaver des Sauriers liegen, wenn nicht das RestFleisch an den Knochen, eine Zeitlang aufgetrieben durch VerwesungsGase, den Kadaver noch einige Zeit am Schwimmen halten. Nein, was da passiert ist, wird durch archäologisches Vorgehen niemals ermittelt werden können. In unserem Kopf ist die einzige Spur dieser Ereignisse. Wir müssen diese Erzählung nach Hause bringen. Ob wir es jemals schaffen werden?

Wir hören Chrwerjat weiter zu. Das Thema schwenkt auf JagdStrategien. Nicht uninteressant, aber daß wir jemals an SaurierJagden teilnehmen werden ist unwahrscheinlich. Immerhin, es gibt eine ganze Menge Methoden, mit denen man mit wenig Aufwand diese großen und wenigstens zum Teil gefährlichen Tiere zur Strecke bringen kann. Das Attraktive an der Jagd von Sauriern ist, daß man erstens damit auf einen Schlag eine große Menge von LebensMitteln erhält, und daß zweitens das Fleisch von Sauriern sich auch ohne weitere Behandlung sehr lange hält. Daß es sehr strenge schmeckt, das stört die GranitBeißer nicht besonders.

Das wäre ein interessanter Hinweis an unsere Paläobiologen: Der geringe GrundUmsatz pro KiloGramm KörperGewicht bei diesen Tieren bewirkt ja auch, daß so alle interzellularen Vorgänge langsamer ablaufen, unter anderem auch die immunologischen Vorgänge, die beim lebenden Organismus den Angriff der MikroOrganismen abwenden. Also muß die Zusammensetzung der intrazellularen Flüssigkeit schon von sich aus so beschaffen sein, daß MikroOrganismen dort wenig Chancen haben.

Was das nun wirklich ist, was im Blute von Sauriern kreist und was sie davor beschützt, bei lebendigem Leibe zu verfaulen, das weiß ich nicht. Ich weiß ja nicht einmal, wie es sich damit bei den Reptilien, die wir auf der ErdOberfläche kennen, verhält, denn die haben ja auch einen geringeren GrundUmsatz als die WarmBlüter.

Es ist immer dasselbe. Immer wieder stößt man an die Grenzen seines eigenen Wissens. Immer wieder gibt es Grund, zu bedauern, daß man nicht öfter über den Zaun der Wissenschaft geschaut hat, die man zufällig studiert hat. Und immer wieder begegnet man Menschen, in unserer Welt da oben, meine ich, die es tatsächlich für ausreichend halten, in seinem ganzen Leben nur in einem Fach eine gewisse Expertise zu erreichen. Dabei sind die wesentlichen Kenntnisse einer Wissenschaft, jedenfalls bei den NaturWissenschaften, häufig überraschend wenig umfangreich, jedenfalls da, wo sie grundlegend und gut verstanden sind.

Niemand würde ernsthaft verlangen, daß der durchschnittliche Nicht-Biologe jedes BlütenBlatt klassifizieren kann. Aber die Prinzipien der Molekuarbiologie, die Rolle der DNS, und den Bergiff der Evolution, das muß man einfach kennen! Niemand würde ernsthaft von dem Nicht-Mediziner verlangen, alle anatomischen Einzelheiten des Menschen zu kennen. Aber daß GrundKenntnisse des menschlichen StoffWechsels, der Funktion des VerdauungsTraktes und des KreisLaufes notwendig sind, halte ich fast für selbstverständlich. Und doch begegnet man immer wieder Menschen, die unter dem Begriff 'Erkältung' eine wohldefinierte Krankheit vermuten, ohne auch nur rudimentär Einzelheiten über InfektionsWege und VirenGruppen zu wissen. Ja, der normale MitBürger geht mit seinem Körper so um wie ein AutoBesitzer, der seinen Wagen mit SalzWasser wäscht und gelegentlich der TankFüllung Honig zusetzt.

Es ist ja noch spaßiger. Gerade über medizinische Zusammenhänge reden die am allerausdauernsten, die am allerwenigsten davon verstehen. Das scheint eine allgemeine Erscheinung zu sein: Auch das Wetter ist ein beliebtes AllerweltsThema, obwohl nur eine verschwindend geringe Minderheit der Bevölkerung eine Ahnung vom Funktionieren einer Zyklone hat oder die elementaren Vorgänge in einem Gewitter beschreiben kann. Und genauso symptomatisch ist es, daß sich wesentlich mehr Menschen für Astrologie interessieren als für Astronomie - wo doch die Astronomie als Wissenschaft einen ganz wesentlichen Vorteil hat: Der Gegenstand dieser Wissenschaft Astronomie existiert wirklich!

Also, ich brauche mich jedenfalls nicht zu schämen, wenn ich die Einzelheiten des StoffWechsels eines Reptils nicht kenne. Außerdem bleibt abzuwarten, ob hier, bei den GranitBeißern, die AllgemeinBildung, die jeder von ihnen im Prinzip haben könnte, auch vorhanden ist. Dazu muß ich allerdings erst einmal die Grenzen des Wissens dieser Menschen herausfinden. Hier im SprachUnterricht erfahren wir ja schon viel. Aber wenn ich daran denke, wie unsicher Chechmon mit dem Rechnen war - da muß es Leute geben, die das besser können. Denn wie baut man ohne einige ingenieurmäßige Kenntnisse ein solches Schiff, oder eine HarpunierEinrichtung?

Chrwerjat ist heute mißmutig und überhaupt nicht in Form. Irene flüstert mir irgendwann einmal zu, daß das daran liegen könnte, daß sie heute ihre Tage hat. Woher sie das wissen will weiß ich nicht. Vielleicht haben Frauen einen Riecher für den Zustand anderer Frauen. Einen Riecher im übertragenen Sinne, versteht sich. Denn etwas gezielt zu riechen ist bei dem GestanksKonzert an Bord für unsereinen nicht möglich.

Die Segel sind wieder vollständig gesetzt, und so können wir unsere weitere Fahrt vom MastHaus aus nicht verfolgen. Nichts, was den SprachUnterricht stören würde. Deshalb machen wir ununterbrochen weiter bis um 21 Uhr. Dann haben wir alle keine Lust mehr.


        16.2    Die SäulenWaldSee


Als wir nach dem AbendEssen, das wir wieder nicht mit den anderen zusammen, sondern alleine im MastHaus eingenommen haben, noch etwas unten auf Deck stehen, sehen wir, daß sich die Landschaft wieder verändert hat: Der See ist jetzt immens breit. In allen Richtungen sind wir weiter als fünfzehn Kilometer von den endgültigen Begrenzungen des Sees entfernt. Natürlich sind überall, im Abstand von einigen Kilometern untereinander, gebirgige Inseln, die sich um eine Säule gebildet haben. Die HöhlenDecke ist also nicht über mehr als dreißig KiloMeter freitragend, sondern wie bisher höchstens über SpannWeiten von um die acht bis zehn KiloMeter.

Der ganze See macht den Eindruck eines gigantischen Waldes, in dem die BaumStämme, die Säulen, in einer NebelSchicht in geringer Höhe verschwinden, bevor sie sich in Ästen verzweigen. das Auge versucht immer, bekannte Interpretationen zu finden. Aber die AusMaße dieser Höhle sind unverkennbar. Das Schiff bewegt sich inzwischen mit vielleicht zwei KiloMetern pro Stunde, weil der Wind etwas zugenommen hat. Und trotzdem muß man sehr genau hinsehen, wenn man erkennen will, wie sich ferne Berge und Säulen langsam vor dem HinterGrund verschieben.

Die Lethargie an Bord hat zugenommen. Wir haben von Chrwerjat gehört, daß sich ein Mann während des letzten Kampfes mit dem FischSaurier schwer verletzt haben soll. Sie hat aber nicht gesagt, wie schwer, und wir sehen auch niemanden, der Anzeichen einer solchen Verletzung hat. Ich nehme fast mit Sicherheit an, daß dieser Mann die Standard-Behandlung für schwerverletzte Männer erhalten hat: Er liegt bestimmt schon in der SpeiseKammer. Wer weiß, vielleicht machen sie es mit allen so: Auf dem ganzen Schiff gibt es nur gesunde Menschen. Keine Behinderungen, keine Schwäche durch hohes Alter oder chronische Krankheiten. Allerdings will ich da keine voreiligen Schlüsse ziehen. Schließlich, wenn eine außerirdische Expedition ausgerechnet im Gebiet einer BundeswehrKaserne landet, werden sie auch nicht gleich auf die Idee kommen, festzustellen, daß alle Menschen, die älter als zwanzig sind, fast ausnahmslos irgendwie beseitigt werden.

Um 23 Uhr gehen wir schlafen. Der Wind frischt weiter auf, und das Knarren in der Takelage erinnert an romatische SeefahrerAbenteuer, die man nie selbst erlebt hat.

Erlebt man so etwas selbst, wie wir es jetzt tun, dann ist es nicht romantisch.


        ******** 017. Tag: Montag 1995-09-04 ********



        17.1    Verhör


Aufwachen um 8 Uhr, aber keine normale TagesRoutine: Als wir gerade eben das FrühStück hinter uns haben, betritt Chechmon das MastHaus. Leider ist sie nicht alleine, die Kommandantin Cherkrochj kommt gleich hinter ihr.

Cherkrochj macht den Eindruck, als ob sie gerade eben aufgestanden ist. Sie hat nur ihren LederstreifenRock an und das obligate Schwert umgegürtet. Ob sie aus Nachlässigkeit, oder wegen der Hitze, oder um die Gefangenen, denen das offenbar peinlich ist, zu beeindrucken, so barbusig herumläuft, kann ich nicht herausfinden. Vielleicht hat sie sich auch überhaupt nichts dabei gedacht. Ich denke mir jetzt auch nichts dabei, denn sie ist bestimmt nicht gekommen, um über KleiderOrdnung zu diskutieren.

Sie deutet an, daß wir uns in der Mitte des MastHauses auf dem Boden gegenübersetzen. Drei Plätze bleiben frei. Also kommt noch jemand. Es dauert eine Zeit, in der niemand spricht. Dann betritt Chrwerjat den Raum, gefolgt von Charmion, dann Chrechat, die bei der JagdGruppe war, die uns gefangengenommen hat. Als endlich alle Platz genommen haben, eröffnet Cherkrochj das Gespräch:

"Wie kommt ihr mit der Sprache voran?" Sie sieht Irene an.

Irene sagt nichts. Während sie noch an der Antwort herumformuliert, springe ich ein:

"Die Sprache ist schwer. Aber es geht."

Pause. Cherkrochj verbirgt ihr Mißfallen nicht. Auch die nächste Frage richtet sie an Irene:

"Wie lange dauert es?"

Irene antwortet nicht, und ich auch nicht, weil mir jetzt einfällt, daß wir kein Wort für 'Jahr' haben. Hier unten gibt es kein Jahr.

"Fünf mal fünf mal fünf Tage." sage ich nach einer Weile. Bei der intensiven LernMethode ist das wohl ungefähr richtig. Jetzt, erst nach einigen wenigen Tagen schon gute Kenntnisse zu erwarten ist natürlich naiv, auch wenn, ob absichtlich oder nicht, die Methode von Chrwerjat und Chechmon schon recht brauchbar ist: Wir lernen ja all die neuen Begriffe gleichzeitig mit dem VertrautWerden mit dieser neuen Umwelt.

"Nicht gut." sagt Cherkrochj. Sie denkt nach und spielt dabei mit ihrer eigenen BrustWarze. Sie läßt einen Finger ein paarmal um dieselbe kreisen, und als sie sich aufgerichtet hat, drückt sie sie wieder wie einen KlingelKnopf in den Busen hinein. Ein paarmal wiederholt sie das Spiel. Niemand scheint das besonders zu interessieren, und wir hüten uns, uns irgendein Erstaunen anmerken zu lassen. Hatte Chrwerjat nicht erst vor zwei oder drei Tagen während des Unterrichtes ebenso gedankenverloren angefangen, sich zu mastubieren, damit aber sofort aufgehört, als sie unsere erstaunten Blicke bemerkte?

"Nicht gut." wiederholt Cherkrochj. Sie ist wohl intelligent genug, zu wissen, daß es manche Vorgänge gibt, die man nicht beliebig beschleunigen kann. Damit weiß sie immerhin mehr als so mancher Manager in gewissen IndustrieBetrieben bei uns da oben.

"Woher kommen?"

Sie erwartet wohl schon, daß ich antworte. Soll ich mir irgend etwas ausdenken? Ich weiß schon, wenn ich mir irgendeine PhantasieGeschichte ausdenke, dann bin ich lange daran gebunden, und es könnte sehr schwierig werden, die Geschichte in sich konsistent zu halten. Besser, man erzählt die Wahrheit, wenn nicht unbedingt etwas anderes erforderlich ist. Die Wahrheit ist automatisch in sich konsistent. Der Spruch 'Lügen haben kurze Beine' ist nämlich gar kein moralischer Imperativ. Er ist eine Aussage, die ein Informatiker sich ausgedacht haben könnte: Es ist schwer, sich große, formale Systeme so auf Anhieb widerspruchsfrei auszudenken. Große, formale Systeme meint in diesem ZusammenHang eine ausgedachte Geschichte. Deshalb habe ich mich auch nie in meiner FreiZeit-SchriftStellerei an Romane gewagt, nur an KurzGeschichten - es wäre zu peinlich, wenn man gewisse wesentliche Fakten während des Schreibens eines Romanes vergißt, wenn zum Beispiel Personen wieder auftreten, die bereits ums Leben gekommen sind.

Irene kennt diese Vorsicht und diese Überlegungen nicht. Manchmal kriege ich von ihr sehr elaborierte Anweisungen, wer von unserer Verwandschaft was aus unserem PrivatBereich wissen darf. Wenn dieses Netz solcher Anweisungen zu kompliziert wird, dann passieren mir natürlich Fehler, und dann gibt es natürlich EheKrach. Und dann hilft mir einer meiner philosphischen GrundHaltungen gar nichts mehr: Es ist dem Menschen nicht bestimmt, seine Zeit mit EheKrach zu vertun. Das liegt vielleicht daran, daß sich Philosophie und Ehe sowieso nicht so besonders gut vertragen.

Okay - da ich im Moment hauptsächlich antworte, wird sie nicht anfangen können, Cherkrochj irgendwelche ausgedachten Dinge aufzutischen. Wir bleiben bei der Wahrheit.

"Wir kommen von der Welt ganz oben." sage ich.

Cherkrochj versteht das nicht:

"Wo oben?"

"Hoch oben, über diesen Höhlen, über den höchsten Säulen, über der HöhlenDecke!"

"Das ist unmöglich."

"Wieso? Wir kommen von da. Es ist möglich!"

"Da ist nur Stein. Wie könntet ihr in Gestein leben?"

"Nein. Da ist Luft und Wasser und Berge, wie hier!"

"Andere Höhlen?"

"Nein, da ist ..." wie soll man ihr das erklären? "... da ist eine Höhle ohne Begrenzung, ohne Decke."

"Nein. Das gibt es nicht." Cherkrochj ist sich ziemlich sicher.

"Das gibt es doch." sage ich bestimmt, "Die Welt ist da oben nicht zu Ende. Unsere Welt ist groß und weit."

"Größer als diese Welt?"

"Natürlich. Viel größer."

"Unsinn." Cherkrochj ist verärgert. "Jeder weiß das: Die Welt ist nur stabil, weil sie in alle Richtungen aus Stein besteht - der Stein der Schöpfung. Es gibt nur diese Höhlen. Noch größere Höhlen würden einstürzen. Jeder weiß das. Auch mehrere solche Höhlen nebeneinander würden einstürzen. Deshalb ist dieses die WeltHöhle, weil sie die einzige Höhle ist, die existiert. Alles andere wäre eine Beleidigung des ewigen WeltGesteins. Diese WeltHöhle ist die einzige, und sie ist ewig."

So oder so ähnlich drückt sie es aus. Der alte GegenSatz zwischen einem zu engen WeltBild, das der Wirklichkeit nicht entspricht, und der Wirklichkeit.

"Ewig ist nichts," wage ich mich vor, "auch nicht bei uns da oben."

"Ihr kommt von den Gebieten hinter der Welt. Oder ihr kommt von den Toten Städten." stellt Cherkrochj fest, "Eine andere Möglichkeit gibt es nicht."

Wieder die Toten Städte, die wir auch schon so bezeichnet haben. Mal sehen, ob wir da weiter kommen:

"Wir haben eine Tote Stadt gesehen," erkläre ich, "als wir in diese Welt abstiegen. Sie sind in der Tat tot, aber wir haben nichts damit zu tun. Unsere Welt liegt weit über diesen Toten Städten."

Cherkrochj blickt mich böse an. Wer weiß, was ihr als nächstes einfällt.

"Wir haben einen Weg in Eure Welt gefunden - einen verlorenen Weg. Es ging durch dunkle HöhlenGänge in die Tiefe, dann kam das Licht, und dann mußten wir über SeilBrücken, die so hoch über den Wolken waren wie wir jetzt darunter sind!"

Fahre ich fort. Hoffentlich war die Grammatik richtig genug. Cherkrochj holt Luft, um etwas zu erwidern, aber Chrwerjat fällt ihr in das Wort:

"Das stimmt, Kommandantin. Es gibt Überlieferungen über geheime Wege, auf denen man weit über die Toten Städte hinaus gelangen kann - bei einigen Städten, nicht bei allen. Wohin diese Wege führen ist nicht bekannt. Diese hier können von diesen Wegen nichts wissen - ich habe es ihnen nicht erzählt. Sie müssen selbst dort gewesen sein!"

Wieder Schweigen. Dann:

"Wie sind sie genau heruntergekommen?"

Chrechat antwortet kurz für uns. Wahrscheinlich beschreibt sie den Ort, wo wir gefangen genommen wurden, und den Weg zum Schiff. Komisch, daß sie das nicht ganz am Anfang getan hat, als wir auf das Schiff gebracht wurden. Oder sie frischt diese Information in Cherkrochjs Gedächtnis wieder auf.

Danach komme ich dran. Den Weg von der toten Stadt zum Ort unserer FestNahme kann ich recht gut wiedergeben, und Cherkrochj scheint ungefähr zu wissen, wovon die Rede ist. Die Hängende Straße ist ihr bekannt, entweder aus eigener Anschauung oder von HörenSagen. Auch den HinrichtungsPlatz mit den Kreuzen kennt sie. Aber jenseits der Abzweigung des FahrWeges zur Toten Stadt weiß sie nichts mehr - den Weg, den wir gekommen sind, kennt sie nicht, obwohl es sich ja noch, bis weit in die SäulenWand hinein, um einen gut ausgebauten FahrWeg gehandelt hat. Erst hoch oben in der Säule begann der KletterSteig, oder er endete dort, je nachdem auf welche MarschRichtung man sich bezieht. Eigentlich komisch, denn es waren ja nirgends, meiner Erinnerung nach, Vorkehrungen getroffen worden, um den Weg selbst oder eine seiner Abzweigungen irgendwie zu verbergen.

Ich habe den Eindruck, daß diese Gebiete, die über den Wolken liegen, für die GranitBeißer tabu sind, warum auch immer. Cherkrochj gibt mir darüber keine Auskunft: Sie ist es, die fragt, nicht wir.

Ich muß noch Einzelheiten der KletterSteige und der SeilBrücken beschreiben. Besonders das Material der SeilBrücke, diese StahlSeile, verwundert sie: Aus Eisen macht man Schwerter und keine Seile. Wie sollte das denn gehen? Und warum rosten diese Seile nicht, wie unbenutzte Schwerter?

Bei der Beschreibung der noch höher gelegenen Teile unseres HerWeges fällt mir auf, daß sie nicht danach fragt, wie wir uns trotz der Dunkelheit orientiert haben. Wahrscheinlich hat sie es nicht begriffen, denn wer in diesem ständig gleichbleibenden DämmerLicht lebt, dem ist der Begriff der Dunkelheit, jedenfalls im Freien, vielleicht völlig fremd.

Es geht Cherkrochj nicht gleich auf, daß man im Dunkeln ein OrientierungsProblem haben könnte. Aber Charmion ist fixer. Sie fragt nach. Ich packe meine DynamoLampe aus und führe sie vor.

Damit erwecke ich endlich echtes Erstaunen. Das Licht ist zwar schwach, aber das einzige künstliche Licht, das man hier kennt, ist Feuer. Deshalb erstaunt es alle Anwesenden, daß man sich nicht verbrennt, wenn man vorne auf den Reflektor der Lampe faßt.

Jeder will es ausprobieren. Cherkrochj äußert sich zwar einmal abfällig über die geringe LichtStärke, aber sie ist dennoch beeindruckt. Und als sie die Lampe pumpt, wie ich es ihr zeige, habe ich ein ungutes Gefühl: Hoffentlich wendet sie nicht zuviel Kraft an. Dann ist die Lampe hin, und unsere Möglichkeiten, nach hause zu kommen, wären noch weiter eingeschränkt.

"Gibt es solche Geräte in eurer Welt, Kommandantin?" frage ich.

"Nein."

"Glaubst du dann, daß wir aus einer anderen Welt kommen?"

Sie zuckt mit den Schultern. Immerhin, sie geniert sich nicht, ihr Erstaunen einzugestehen.

"Dieses ist nur eine schwache Lampe. Wir haben da oben bessere. Manche sind so hell, daß sie die Augen ausbrennen, wenn man hineinsieht, so hell, daß sie alles weitaus heller machen als das Licht hier!"

"Das glaube ich nicht." stellt Cherkrochj fest, aber es klingt nicht überzeugt.

"Welchen Grund hätten wir, dich zu belügen, Kommandantin?" frage ich.

Das weiß sie auch nicht. Sie bricht das Gespräch ab. Vielleicht will sie noch abwarten, bis unsere Kenntnisse dieser Sprache noch besser geworden ist. Sonst kommt es zu leicht zu MißVerständnissen.

Die DynamoLampe händigt sie mir wieder aus. Ob sie mir meine Erleichterung ansieht? Ein anderes Szenario, das mir auch noch eingefallen ist, ist dieses: Sie behält die Lampe. Aber vielleicht hat sie Angst vor Feuer, oder vor Dingen, die sie nicht versteht, und deshalb möchte sie, daß der OriginalBesitzer weiter auf diesen seltsamen Gegenstand aufpaßt.

Als Cherkrochj, Charmion und Chrechat gegangen sind, fahren Chechmon und Chrwerjat gemeinsam mit dem SprachUnterricht fort. Wir erfahren recht schnell, daß es noch weitere Interviews oder Verhöre oder wie immer man es nennen will, geben wird. Deshalb werden wir jetzt, in Rahmen des SprachUnterrichtes, auch unsere eigene Welt beschreiben müssen, damit dann genügend Worte zur Verfügung stehen.

Es stellt sich aber schon sehr bald heraus, daß es für viele Dinge in unserer Zivilisation in der Xonchen-Sprache gar keine Wörter gibt. Chrwerjat läßt sich zum Beispiel noch einmal die DynamoLampe zeigen, um sich erklären zu lassen, wie sie funktioniert. Das geht völlig schief. Wie hätte man einen Menschen des MittelAlters solche Konzepte wie Spannung, Strom, Widerstand und elektromagnetische Induktion erklären sollen? Gehen doch die meisten ZeitGenossen in unserer Welt da oben mit solchen Dingen nur vermöge Gewöhnung so unbefangen um, nicht vermöge eines weitergehenden Verständnisses für technische oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge. Gewöhnung an elektrisches Licht kann man mit einer DynamoLampe aber nicht erzeugen.

Auch andere Dinge greifen sie wieder auf. Beide geben sich Mühe. Aber das Konzept einer unbegrenzt weiten Höhle ist zu schwer für sie. Sie erzählen uns, daß kleine Kinder, bevor sie lernen, daß hinter den ewigen, leuchtenden Wolken eine dunkle HöhlenDecke ist, manchmal Vorstellungen von einem unendlich weit ausgedehnten Raum entwickeln. Aber das gibt sich natürlich, wenn sie erst älter werden und in der Welt Bescheid wissen.

Wenn ihre Phantasie gekappt worden ist, denke ich mir. Schade. Wird bei den Kindern in dieser Welt die Phantasie auch als so unerwünscht und nutzlos angesehen wie bei uns?

In aller Bescheidenheit unterlasse ich es dann, zu versuchen, Astronomie und GravitationsGesetz zu erläutern. Gerade noch, daß ich glaubhaft machen kann, daß bei uns die Hälfte der Zeit ein grelles Licht am Himmel steht. Das glauben sie wahrscheinlich nur deshalb, weil in einigen ihrer Sagen, die sie uns erzählt haben, solche Hinweise vorkommen.


        ******** 018. Tag: Dienstag 1995-09-05 ********



        18.1    KüchenGespräche


Nach unserer Zeit um MitterNacht ist der SprachUnterricht wieder zu Ende, für heute. Zwei Stunden vor Beginn der SchlafPeriode können wir wieder an Deck gehen.

Das Bild ist immer noch ähnlich dem, wie wir es vor siebenundzwanzig Stunden gesehen haben. Der See ist immer noch groß, obwohl wir im Verlaufe des letzten Tages zwischen fünfundzwanzig und fünfzig Kilometer zurückgelegt haben müssen, vielleicht sogar noch mehr. Der Wind war wechselnd, zwischen schwach und sehr schwach. Genaues kann man also nicht sagen.

Eine Säule, die wir in einigen KiloMetern Entfernung dwars backbord sehen, ist irgendwann in grauer VorZeit in der Mitte abgebrochen. Sie reicht bis dicht unter die WolkenDecke. Das abgebrochene Stück liegt einige Kilometer entfernt im See, ein vier Kilometer langer und zwei Kilometer durchmessender Zylinder, der etwa zur Hälfte unter Wasser liegt. Seine Rundung ist dicht mit Urwald bewachsen, und nur die StirnFlächen weisen steilste, zerrissene und überhängende Felsen auf. Aber auch das noch stehende TeilStück ist oben, viereinhalb bis fünf KiloMeter über dem See, dicht mit Urwald bewachsen. Die Unregelmässigkeiten der BruchStelle bilden da oben ein kleines, unzugängliches MiniaturGebirge, eine kleine, abgeschlossene und unzugängliche Welt von drei QuadratKilometern.

SteuerBord vorraus gibt es eine gedrungene Säule, die mindestens dreieinhalb KiloMeter dick sein muß. Schon unter der permanenten WolkenDecke weitet sich diese Säule auf sechs KiloMeter aus, bevor sie in der weißgrauen Schicht verschwindet. Ist das schon die richtige HöhlenDecke, die an der Stelle dort eben sehr niedrig ist? Oder gibt es dort geologische Strukturen auf halber Höhe, so wie dort, wo wir abgestiegen sind?

Diese dicke Säule fällt fast ohne VorGebirge in das Wasser ab. Aus dieser Entfernung kann man nur einen dünnen, mehrfach unterbrochenen Streifen Vegetation rund um diese Säule sehen - ein kleines Biotop für sich.

Allmählich denke ich, daß es in dieser Höhle, der 'WeltHöhle', wie die GranitBeißer sagen, viele solcher abgeschiedenen Enklaven gibt, wo niemand hinkommt, solange die Welt so dünn besiedelt ist wie jetzt.

Als Irene und ich zum VorSchiff gehen, um die Landschaft genau in FahrtRichtung zu betrachten, finden wir dort Charmion, ganz alleine. Sie sitzt auf einer Kiste und blickt starr auf die See vor uns. Sie hat uns wohl bemerkt, aber sie sieht sich nicht um. Von Gefangenen kann ja keine Gefahr ausgehen, selbst, wenn sie ihr im Rücken stehen. Oder wer weiß, vielleicht vertraut sie ihren Reflexen so, daß sie es für unmöglich hält, jemand, oder wenigstens wir, könnten sie von hinten plötzlich angreifen oder ihr sonstwie gefährlich werden?

Irene ist sofort negativ eingestimmt, aber ich würde ganz gerne versuchen, ein Gespräch anzufangen. Vielleicht bekommt man etwas heraus. Aber Irene ist sauer. Charmion hat ihr zuviel Sexappeal.

"Ein Vorschlag zur Güte," sage ich, "du sprichst mit ihr, und ich gehe in die Küche und rede ein bißchen mit dem Koch. Ich muß uns sowieso noch etwas zu essen holen. Einverstanden?"

Irene ist einverstanden, und ich trolle mich.

Der Koch ist mit den üblichen Vorbereitungen beschäftigt. Er hat alle Hände voll zu tun, und ich biete an, ihm beim Umdrehen des Fleisches auf dem Ofen zu helfen, so, wie ich es schon getan habe. Ich weiß natürlich, daß es sich bei dem Fleisch wenigstens zum Teil um MenschenFleisch handelt, aber jetzt ist nicht die Zeit für Pietät.

Ich probiere ein paar einfache Sätzchen aus. Wir wechseln ein paar Worte über das Wetter, und ich erfahre, daß wesentlich stärkere Winde sehr selten sind, jedenfalls hier. Allerdings gibt der Koch zu, daß der Wind im Moment sogar außergewöhnlich schwach ist.

Ich versuche, herauszukriegen, ob es auf diesen Meeren so etwas wie Stürme gibt, dieser Versuch scheitert aber ganz kläglich wegen meinem beschränkten WortSchatz: Der Koch hat nicht die Spur einer Idee, wovon ich rede.

"Was bekommt man dafür, als Koch auf diesem Schiff zu fahren?" frage ich dann.

Baßes Erstaunen. Das Konzept einer materiellen Entlohnung hat er aus meiner Frage heraus zwar schon begriffen, und das auch überraschend schnell, aber daß er selbst dafür etwas kriegen könnte, das scheint ihm sehr weit hergeholt.

Er erzählt, daß er als Koch mitfahren darf, obwohl er eigentlich für die SeeFahrt schon zu alt ist. Früher hat er als Matrose vor dem Mast gearbeitet, schon als er ein kleiner Junge war. Es ist der Beruf, den er gelernt hat und den er liebt. Und als Koch zu fahren ist immer noch besser als an Land arbeiten zu müssen, als HolzFäller oder als Schlachter oder auch als Koch in einem der Paläste von Grom, oder gar als Bettler auf der Straße zu vegetieren.

"Grom?" frage ich.

"Die Stadt Grom."

"Ich denke, wir fahren nach ... ich weiß nicht, aber ich glaube, mir wurde ein anderer Name genannt." überlege ich, während ich das Fleisch drehe. Der Koch ist über die Gelegenheit zu einem Schwätzchen sichtlich erfreut, im Moment steht er mit verschränkten Unterarmen da, während nur ich arbeite. Daß ihm jemand freiwillig hilft, und sei es auch nur für einen kurzen Moment, das hat er noch nie erlebt, glaube ich.

"Grom hat viele Namen. Ich kenne nicht alle. Sie heißt auch 'Stadt der Funken', und sie hat fast fünf mal fünf mal fünf mal fünf mal fünf Einwohner. Die größte Stadt der Welt."

So, denke ich, fünf hoch fünf. Das sind 3125. Da ist Aying bei München größer.

"Wieso 'Stadt der Funken'?" frage ich.

"Grom liegt teilweise auf einem Berg, der aus Kristallen aufgebaut ist. Wenn man von See her ein starkes Licht erzeugt, etwa mit einem großen Feuer, dann sieht der Felsen, auf dem Grom liegt, wie eine Kaskade von Funken aus, besonders, wenn es wegen schlechten Wetters dunkel ist."

Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden. Worte für 'Kristall' und 'Kaskade' haben wir im SprachUnterricht noch nicht gehabt.

"Weißt du, was mit uns in Grom geschieht?" frage ich.

"Nein. Warum sollte mir jemand das mitteilen?"

"Seid ihr denn nicht neugierig, wenn Fremde an Bord kommen?"

"Doch, schon. Aber wenn wir dumme Fragen stellen, dann bestrafen uns die Herrinnen furchtbar."

"Mit 'uns' meinst du alle Männer an Bord?"

"Ja, natürlich!"

"Und warum laßt ihr euch das gefallen?"

Das versteht er nun überhaupt nicht. Über so schwierige Fragen will er wohl nicht reden. Plötzlich hat er es sehr eilig, anzufangen, die MahlZeiten zuzubereiten, und ich ziehe mit meiner Portion GrünZeug in Richtung vorderes MastHaus ab.

"Was hast du herausgefunden?" frage ich Irene, als wir uns im MastHaus treffen.

"Nicht viel. Wir sind Gefangene. Das hat diese Charmion mir deutlicher gesagt als ich das jemals vorher hier gehört habe. Und wo wir hingebracht werden, will sie mir nicht sagen."

"Wir werden nach Grom gebracht!" werde ich meine Neuigkeiten los, "Der Koch war gesprächiger!"

"Aha. Und was ist Grom?"

Ich erzähle ihr alles, was ich weiß. Ist ja nicht viel. Und wie lange es noch dauert, bis wir dort sind, weiß ich auch nicht.

"Und warum werden wir nach Grom gebracht?"

"So gesprächig war der Koch nun nicht. - Was hat das Mädchen noch gesagt?" frage ich.

"Nichts. Sich mit einer Gefangenen zu unterhalten war wohl unter ihrer Würde! Sie hat sich dann sofort verzogen."

"Naja. Jedenfalls geben sie sich mit uns Mühe," fasse ich zusammen, "mit dem SprachenLernen und so. Da werden wir sobald wohl nicht in ihren KochTöpfen landen."

"Aber wir werden jetzt in der Falle landen." bestimmt Irene, "Herwig, du bist jetzt müd."

Aha. Da kann man nichts machen.


        18.2    Fjorde, Wracks und Landschaften, NamensRegeln und Medizin


Etwa um 11 Uhr an demselben Tag stehen wir wieder auf. Der See ist wieder zu einer nur noch einige KiloMeter breiten WasserFläche geworden, die an beiden Seiten von Bergen umrandet ist. Wie groß der ausgedehnte 'SäulenWaldsee', wie ich ihn für mich getauft habe, nun wirklich gewesen ist, das kann ich nur höchst ungenau erraten. Die Karte, die Chechmon im SprachUnterricht gezeichnet hat, ist da auch nicht von Nutzen - darauf ist dieser See gar nicht zu identifizieren!

So gegen 12 Uhr nimmt die Steilheit und Höhe der Berge an beiden Seiten wieder zu, während der DurchMesser des Sees auf einige hundert Meter abnimmt. Die Umgebung sieht jetzt norwegischen Fjorden sehr ähnlich, insbesondere auch deshalb, weil die FelsWände rundherum an vielen Stellen unseres FahrtWeges den Blick auf die Säulen völlig verstellen. Dann kann man sich wirklich im Geiranger-Fjord bei bedecktem Himmel glauben. Allerdings sind diese FelsWände hier um einiges höher.

Ich habe den Eindruck, daß wir durch ein Gebiet fahren, das aus einer HochEbene besteht, die etwa zweieinhalb Kilometer über dem WasserSpiegel liegt und die durch diesen Fjord und seine Abzweigungen geteilt ist. 'HochEbene' ist natürlich ein relativer Ausdruck, es handelt sich, von der Welt da oben aus gesehen, um einen acht Kilometer tief liegenden HöhlenGrund. Aber unser StandPunkt ist jetzt hier unten, und damit heißt es 'HochEbene', basta.

Die Wände des Fjordes sind natürlich nicht geometrisch vollkommen, wie man sich das als Kind im SchulUnterricht manchmal naiverweise vorstellt, wenn der Lehrer von dem U-förmigen Profil eines Norwegen-Fjordes erzählt. Da sind viele Kanten, VorSprünge und Abzweigungen, die Breite der WasserStraße schwankt dauernd zwischen einigen hundert Metern und auch mehreren KiloMetern. Die Abzweigenden Fjorde sehen genauso aus, alle steil und wild und unzugänglich, und nach welchen GesichtsPunkten das Schiff in welche Abzweigung gesteuert wird, bleibt uns verborgen.

Da gibt es entlegene Hänge auf halber Höhe der FelsWand, die an ihrem unteren Ende direkt in einen senkrechten SteilAbfall übergehen, und die weit oben, schwer zu erkennen, sich in irgendwelchen nebeldurchwogten Spalten verlieren, die klettertechnisch genauso abenteuerlich sind wie eine senkrechte Wand. Diese Hänge zu erreichen würde solche KletterAnlagen erfordern, wie wir sie erlebt haben - so häufig sind diese KletterAnlagen nun aber auch nicht. Und die bloße Vorstellung, irgendwie in diesen HochHang verschlagen worden zu sein und dann überlegen zu müssen, wie man da wieder rauskommt, gibt diesen angenehmen Kitzel in der MagenGrube, der Vorbote des HöhenSchwindels, der noch nicht direkt die eigene Person bedroht. So ähnlich wie auf der MastSpitze, vor einigen Tagen.

Solche abenteuerlichen Plätze sehen wir dauernd, immer wieder in neuen Kombinationen, in immer wieder neuen Variationen der Unzugänglichkeit. Das Auge wird müde und wendet sich innerlich ab von dem ÜberMaß dieser Landschaft. Es ist zu viel. Zu viel auf einmal. Wenn man in einem Büro in München sitzt und dort seine Arbeit tut, dann mag man sich nach wilden BergTälern sehnen, hier ist man dankbar, wenn man irgendwo eine Formation sieht, auf der man stehen kann, eine wenn auch noch so kleine waagerechte Fläche!

Das erste Mal habe ich diesen Landschafts-ÜbersättigungsEffekt auf einer RadTour erfahren, die ich kurz nach meinem Studium von Deutschland aus in das schottische HochLand unternommen habe. Die ganze Zeit, vom SeeHafen Harwich aus bis zum Erreichen SchottLands, etwa bei Gretna Green, habe ich die vielbefahrenen 'Trunk-Roads' zum Teufel gewünscht, vierzehn Tage lang habe ich die schottischen Berge herbeigesehnt. Und dann kam ich in die Southern Uplands, und mit einem Male hatte ich meine Berge. Alle paar hundert Meter ein neuer BlickWinkel, Steigungen und Gefälle, die einen RadFahrer sehr viel intensiver mit einer Landschaft verbinden als einen PKW-Fahrer, WildBäche und FlußNiederungen und Berge und natürlich immer wieder neue RegenSchauer - wer im August noch nach SchottLand fährt, darf nicht wasserlöslich sein. Und der August 1979 soll in SchottLand nicht einmal besonders regnerisch gewesen sein.

Nach ein paar Tagen hatte ich jedenfalls auf eine merkwürdige Art die Nase voll. Nicht vom Regen - die zwei Wochen davor war ich in SüdEngland ja auch schon gegen das Wetter immunisiert worden. Es waren die kahlen Berge selbst, die mir seltsam zuwider waren, wie sehr ich mich auch vorher angestrengt hatte, sie zu erreichen. Jetzt ist es hier dasselbe. Landschaften in verschiedensten Variationen hatten wir in den letzten zwei Wochen satt. Aber es geht immer weiter, und immer noch fällt der Natur ein neues Gemälde ein, daß wir so zuvor noch nicht gesehen haben, und immer umfangreicher wird die Menge der neuen Landschaften, die man memorieren könnte - und auch memorieren müßte, wenn wir je alleine zurückfinden wollten - und die, der bloßen Menge der angebotenen Bilder wegen nicht mehr memorierbar ist. Sicher, die ersten Blicke auf diese Welt, die Blicke von der SeilBrücke aus und vielleicht die vom Abstieg auf dem KletterSteig aus, die werden uns im Gedächtnis bleiben, solange wir leben. Wir hatten auch genügend Angst, und Angst treibt Erinnerungen in den Schädel. Jeder Neurologe kann erklären, warum das so ist.

Aber dann blieben wir in der fremden Welt, und wie aus unserer eigenen Welt bleibt uns nicht alles im Gedächtnis, was man je gesehen und erlebt hat. Wenn das so wäre, welche abendfüllenden Filme könnten wir jederzeit im Geiste aufrufen!

Aber es ist gut, daß es so ist, und daß wir nicht in unseren Erinnerungen ertrinken können. Die meiste neuronale Arbeit beim Wahrnehmen dient nur dazu, Informationen wegzuschmeißen und nur das relevante zu behalten - ein unermeßlich kleiner Ausschnitt der Welt. Die Gemälde bleiben nicht. Es sei denn, das Spiel der Gene hätte einen gerade dazu mit besonderer Begabung versehen. Der Künstler, oder auch der Eidetiker, beide an entgegengesetzten Enden des MethodikSpektrums der Wahrnehmung von Umwelt. Beide müssen für ihre Begabung - vielleicht - mit anderen Beschränkungen des Geistes bezahlen.

Vielleicht sind wir dummen, untalentierten DurchschnittsMenschen, die sich nicht einmal eine Reihe schöner Bilder merken können, eben deshalb in der Lage, die ÜberSicht darüber zu behalten, wo wir sind und was wir sind. Die Kunst der Abstraktion ist keine Gabe, sondern eine Behinderung. Wir müssen abstrahieren, ich muß es jedenfalls, um überhaupt etwas in meinen Kopf hineinzukriegen. Manchmal gelingt das, meistens nicht.

Und mit dieser supertouristikreifen Vorführung gelingt es überhaupt nicht mehr. Ich fürchte, ich muß den AugenBlick leben und erleben. Denn es wird nichts bleiben.

Nicht das erste Mal, daß ich daran denke, daß es mich vielleicht nur deshalb in die NaturWissenschaften verschlagen hat, weil ich mit der Gabe oder der Behinderung durch gutes AbstraktionsVermögen geschlagen worden bin: Außer Mathematik und Physik mit ihrem großen formalen Kontext und ihrem kleinen FaktenBestand geht keine Wissenschaft in meinen Kopf hinein. Schon gar keine humanistische.

Der Kompaß belegt, daß wir unsere Richtung jetzt sehr häufig ändern. Die Winde in diesem Tal sind unregelmäßig, aber die Kommandantin weiß, wo sie am ehesten in die gewünschte Richtung wehen. Die Rahen werden häufig bewegt, und es stehen immer zwei Frauen im RuderHaus auf dem DecksHaus. Meistens ist Cherkrochj eine davon.

Chrwerjat ist sehr spät zum SprachUnterricht erschienen, und sie scheint auch wenig Lust zu haben. Ich bringe es fertig, ihr vorzuschlagen, daß wir unsere Studien auf dem VorSchiff, auf der Seite auf dem ReelingsBalken sitzend, weiterführen. Dann können wir gleichzeitig die Gegend sehen und stehen doch niemandem im Wege.

Chrwerjat läßt sich überzeugen. So vergehen die nächsten Stunden auf eine Weise, die ich mir schon viel eher gefallen lasse. Unangenehm nur, daß man dauernd den Blick der Kommandantin im Nacken spürt.

Namen sind heute dran, Namen in der Gesellschaft der GranitBeißer. Man soll ja nicht glauben, daß das eine einfache Sache ist. Schon im Englischen sind Namen eine Wissenschaft für sich. Alle sonst gültigen Regeln für die AusSprache gelten für englische EigenNamen höchstens zufällig.

Im Xonchen-Dialekt ist es schlimmer. Wo sonst kommt es vor, daß sich Namen mit der TagesZeit ändern? Das ist, als würden wir dieselbe Person mit 'Guten Morgen Günther' und acht Stunden später mit 'Guten Abend, Klaus' begrüßen! Ein Konzept, das wirklich gewöhnungsbedürftig ist.

Naja, vielleicht nicht ganz. Daß wir in unserem Lande ganz genau denselben TatBestand auch mit sehr unterschiedlichen Begriffen belegen, ganz besonders in der Politik, das ist uns ja auch schon in Fleisch und Blut übergegangen. Aber in der XonchenSprache ist die tagesperiodische Veränderbarkeit von Namen eine Eigenschaft der Sprache.

Zum Glück gilt das nicht für alle Namen. Und es gibt wenigstens ein paar Regeln, die man sich merken kann.

Die Namen von Frauen fangen allermeistens mit 'Ch ...' an. Danach kommt oft eine für uns ungewohnte Menge an weiteren Konsonanten, bis endlich mal ein Vokal das Ganze in den Bereich der AusSprechbarkeit bringt. 'Charmion' und 'Chbesmoi' sind da schon Ausnahmen, weil in beiden Namen sogar zwei Vokale hintereinander vorkommen.

Ich frage nach den NamensRegeln für die Namen der Männer. Chrwerjat sieht mich überrascht an: Männer haben keine Namen, erfahre ich! Behauptet sie jedenfalls. Oder sie weiß es nicht besser.

Ich stelle sofort klar, daß ich einen Namen habe, und daß ich wünsche, daß der auch gebraucht wird, wenn es notwendig ist. Das scheint für Chrwerjat sehr fremdartig zu sein. Ein Mann, der auf etwas besteht, was wir als 'bürgerliches Recht' bezeichnen würden. Dazu noch ein Mann, der im Moment den Status eines Gefangenen hat, und der deshalb in der SchiffsHierarchie eigentlich ganz zum Schluß kommen sollte.

Wir erzählen einiges über die Namen in unserer Welt. Damit ernten wir aber auch nur Erstaunen. Daß bei einer EheSchließung ein Partner den NachNamen des anderen übernehmen kann, wenn er will, versteht sie schon deshalb nicht, weil ihr der Begriff 'Ehe' völlig fremd ist. Das hat bei den GranitBeißern keine Entsprechung, jedenfalls eine Ehe zwischen Mann und Frau. Das hieße ja, zwei völlig unterschiedliche Wesen gleichberechtigt, auf gleicher AugenHöhe und irgendwie gleichartig zu einem Ganzen zu machen - nein, das will ihr nicht in den Kopf. Vielleicht glaubt sie uns auch nicht.

Ich sehe schon, es sind nicht nur Dinge aus Technik und NaturWissenschaft, über die wir hier kaum etwas erzählen können.

Irene ist die erste, die das Wrack sieht. Es ist ungefähr 16 Uhr, und wir sind nach wie vor in dem FjordSystem. Der Fjord ist zur Zeit achthundert Meter breit, und er wird in der Mitte von einem steilen Felsen geteilt, der sich wie eine riesige RückenFlosse aus dem Wasser hebt. Etwa fünfhundert Meter lang und zweihundert Meter hoch, dafür aber nur sechzig bis achtzig Meter breit. Die steilen Hänge sind dicht bewachsen, aber es dürfte trotzdem nicht ganz einfach sein, da herumzuklettern.

Vorne, auf der uns zugewandten Kante dieses FelsGrates, sitzt auf der aus dem Wasser steigenden FelsKante ein Schiff auf, daß der Größe und der Bauart nach dem unseren sehr ähnlich ist. Beim NäherKommen zeigen sich jedoch die Unterschiede.

Das Schiff ist alt, sehr alt. Alles ist von Moosen und Farnen und SchlingPflanzen bewachsen, der massive FloßBoden, der über den FelsGrat geknickt erscheint, ist überhaupt nicht zu sehen. Bei genaueren HinSehen merkt man dann aber, daß der FelsGrat den Boden des Schiffes an einigen Stellen regelrecht durchspießt.

Das MastWerk ist beschädigt, einige Rahen gebrochen, von allen hängen nur noch Fetzen der Segel herunter, und die meisten Seile des stehenden und laufenden Gutes sind verschwunden. Die AufBauten machen eher den Eindruck eines buschbewachsenen Hügels denn den eines Gebäudes.

Chrwerjat weiß etwas über das Schiff. Es war auch ein SaurierjagdSchiff, das im Einsatz zerstört wurde. Man hatte ein sehr großes Tier, also wahrscheinlich eine Art FischSaurier, mit angeleinten Harpunen mehrfach angeschossen, aber die Verletzungen waren nicht schwer genug und es handelte sich wohl auch um ein sehr starkes Tier. Es hat mit dem Schiff übel mitgespielt, erst durch kilometerlange SchleifJagden, während denen es nicht gelang, die Seile zu kappen, und dann durch AufSetzen des Schiffes auf diesen FelsenGrat. Dann erst gelang es, genügend HarpunenSeile zu kappen, so daß die letzten zwei Harpunen aus dem Fleische des Tieres ausrissen und es freikam.

Wahrscheinlich hat es überlebt. Das Schiff nicht. Mit einem Blick war festzustellen, daß es nie wieder mit vernünftigem Aufwand flottzumachen war, schon gar nicht unter diesen Umständen und mit sovielen Verletzten an Bord. So wartete man ein zweites Schiff derselben Gruppe ab, um sich an Bord nehmen zu lassen.

Ich frage nach, wie lange das her ist, aber wie immer sind solche Angaben bemerkenswert ungenau. Schade, daß hier das Jahr als Zeiteinheit unbekannt ist.

Unser Schiff kommt dem Wrack im VorbeiFahren auf fünfzig Meter nahe. Aus der Nähe scheint es noch mehr von dem intensiven Bewuchs in eine Art natürliche Insel verwandelt worden zu sein als aus größerem Abstand, wo man wenigstens noch die SchiffsUmrisse als Ganzes erfassen kann. Ich überlege, ob ich mir die Position des Schiffes einprägen sollte, um eventuell einmal um eine NotUnterkunft zu wissen. Aber den Gedanken lasse ich schnell wieder fallen. Eine Unterkunft ist in dieser tropischen Welt nicht das dringendste, was man braucht, und warum sollten wir bei der Größe dieser Welt ausgerechnet hier auf dieses Wrack angewiesen sein? Außerdem dürfte das Innere der RestAufbauten des Schiffes eine ungemütliche feuchte Höhle sein, und so wie ich die GranitBeißer einschätze, haben sie ihre Toten und Verletzten einfach da dringelassen. Nene, hier haben wir nichts zu suchen, denke ich, als das Wrack allmählich hinter unserem Schiff zurückfällt. Eine Weile noch treiben wir an der 'FlossenInsel' entlang vorbei, und dann hat der Fjord wieder seinen vorherigen DurchMesser.

Aber nicht mehr lange. So ab 18 Uhr bemerken wir eine der himmelhohen Säulen, die sehr dicht hinter den SteilWänden des Fjordes aufragt. Nach einigen Windungen haben wir sie plötzlich direkt vor uns. Die Säule grenzt tatsächlich ohne jedes VorGebirge direkt an den Fjord. Es ist 19 Uhr, als das Schiff nur zweihundert Meter von ihrer senkrechten Wand entfernt entlangfährt, und wir müssen den Kopf weit in den Nacken legen, um die fünftausend HöhenMeter der SäulenWand zu überblicken.

Wie schon an allen vorhergehenden FelsWänden gibt es keinen Hinweis auf menschliche Tätigkeit - keinen KletterSteig, keinen ausgehauenen Weg, nichts. Das Schiff befindet sich in einem bevölkerungsmäßigen NiemandsLand.

Ich frage Chrwerjat danach, aber sie meint, daß sie uns das schon erklärt hat. Sie hat uns auf der Karte die größten Städte gezeigt, dann gibt es noch einige kleinere Ansiedlungen, aber das Land dazwischen ist unbewohnt. Wenn ich mir so etwas wie Gebiete, die landwirtschaftlich genutzt werden, vorgestellt habe, dann ist das jedenfalls insofern falsch, daß solche Nutzungen nicht auf landschaftsbildend großen Flächen gemacht werden. Die Fruchtbarkeit der Umwelt ermöglicht, alles, was man an pflanzlicher Nahrung braucht, im Urwald zu sammeln, und die HauptNahrungsquelle ist eben Fleisch, und das wird eben mit Schiffen wie diesem hier gefangen.

Dann versuche ich, Chrwerjat klarzumachen, daß wir dann doch etwas viel Fleisch für eine Stadt von bloß dreitausend Menschen transportieren - so groß sollte Grom doch sein, wenn ich mich richtig erinnere?

Chrwerjat ist sich nicht sicher. Für das Fleisch gibt es weitere Abnehmer, außerdem wird es nicht nur als LebensMittel verwendet. Aber wozu noch, das sagt sie nicht. Vielleicht weiß sie es nicht, oder der LehrStoff ist einfach noch nicht dran.

So um 22 Uhr entfernt der Fjord sich wieder von der Säule. Drei Stunden lang sind wir dem Unfang der Säule gefolgt, wenn auch mit unserer geringen Geschwindigkeit, und trotzdem haben wir nur einen kleinen Teil ihres Umfanges umfahren - vielleicht ein Drittel. Auch aus dieser Nähe ist es mir nicht gelungen, irgendeinen Hinweis auf das geologische Entstehen der Formation 'Säule' zu erhalten. Es wird mir auch weiterhin schwerfallen, denn jede Erklärung dieser Struktur müßte auch erklären, warum solche Formationen auf der ErdOberfläche unbekannt sind, und warum diese WeltHöhle überhaupt existiert.

Eigentlich erwarte ich schon die ganze Zeit, daß Cherkrochj sich mal wieder die Zeit zu einem Verhör nimmt. Vielleicht hat sie aber, solange der Fjord sich noch so windet, zuviel mit der Steuerung des Schiffes zu tun. Eigentlich sollte man so etwas delegieren können, denke ich mir. Oder verdaut sie noch die letzten Informationen, die wir ihr gegeben haben? Oder noch wahrscheinlicher: Nach einem Tag SprachUnterricht erstatten Chechmon und Chrwerjat am abend Bericht. Das wäre das einfachste. Beim SprachUnterricht reden wir ja über alles mögliche.

Irgendwann teile ich Irene diesen meinen Verdacht mit, aber sie sagt, das wäre ihr auch schon eingefallen. Wenn ich jetzt auf die Idee käme, sie zu fragen, warum sie mir ihren Verdacht nicht mitgeteilt hat, dann hätten wir sogleich wieder einen wunderschönen Krach, wahrscheinlich zur königlichen Belustigung von Chrwerjat.

Aber Irene ist unkonzentriert, ich sehe es ihr an. Da ich mich mit der Xonchen-Sprache leichter tue, gerät sie bei dem UnterrichtsGespräch automatisch ins HinterTreffen, wodurch ich wieder mehr Gelegenheit zu Reden habe und so weiter. Ein TeufelsKreis. Ganz einschlafen kann sie nicht, denn dazu nimmt Chrwerjat sie zu oft dran.

Ich versuche, etwas über die medizinischen Fähigkeiten der GranitBeißer zu erfahren. Ich stelle sehr schnell fest: Das sieht ja ganz finster aus.

Das sie es mit der Hygiene nicht besonders haben, das sieht - und riecht - man ja dauernd. Allerdings hatten sie offenbar auch das Glück, noch nicht von Epidemien heimgesucht zu werden. Das wird schlicht und einfach an der geringen BevölkerungsDichte liegen.

Aber es gibt ja noch andere Wege in die Krankheit. Es scheint, daß man sich im Allgemeinen auf die SelbstheilungsFähigkeit des menschlichen Körpers verläßt, wobei es wenigstens bekannt ist, daß Ruhe und EntLastung etwa gebrochener GliedMaßen schon sinnvoll ist. Sie wissen um das Legen von Verbänden - um Blutungen zu stillen, nicht etwa wegen der Asepsis, und sie kennen das TrainingsPrinzip, was mich bei der körperlichen Tüchtigkeit, die ich hier auf dem Schiff vorfinde, nicht wundert. Da gibt es aber einen interessanten Irrtum: Chrwerjat erklärt uns, daß das TrainingsPrinzip, also die körperliche Ertüchtigung durch Sport und andere körperliche Belastung, bei Männern nicht oder nur sehr schlecht funktioniert. Sie glaubt offenbar fest daran.

Wenn bei den GranitBeißern nicht ganz andere genetische Verhältnisse vorliegen als bei uns, dann ist das ein kultureller Irrtum. Was Wunder, im Ansatz, nur mit vertauschten Rollen der Geschlechter, glaubt man bei uns oben ja das gleiche.

Ich bleibe weiter beim thematischen Kontext und frage noch nach der Versorgung der alten Menschen. Das scheint Chrwerjat wieder nicht zu verstehen. Jeder sorgt für sich, bis er oder sie umfällt, na und? Das Konzept langen Siechtums kennen sie nicht. Wer nicht für sich sorgen kann, der verhungert eben, oder er geht betteln, was in der Welt der GranitBeißer aber wohl nicht sehr vielversprechend ist. Man muß sich eben irgendwie durchschlagen. Man kann den Gesunden und Jungen doch nicht zumuten, die Alten auch noch durchzufüttern. Allerdings, so Chrwerjat, gibt es Leute, die genügend Mittel angesammelt haben, um auch eine ganze Zeit des körperlichen Siechtums überleben zu können, und manchmal werden solche Leute ja auch wieder gesund.

Die Vorstellung, im Alter anderen zur Last zu fallen, findet sie beschämend.

KrankenHäuser? Gibt es wohl nicht, denn sonst hätte ich mehr Erfolg, ihr diesen Begriff klarzumachen.

Welche Krankheiten und KrankheitsBilder die GranitBeißer kennen? Die Frage ist auch sehr wenig ergiebig. Entweder, ein GranitBeißer wird durch eine Verletzung krank. Daran denkt jeder GranitBeißer zuerst, wenn sie oder er das Wort, das dem Begriff 'Krankheit' entspricht, hört. Oder es handelt sich um etwas anderes. Dann unterscheidet man 'UnwohlSein' oder 'krank'. Das hängt davon ab, ob man es ohne Hilfe, die es hier nicht gibt, überlebt.

Ich seh schon: Medizinische Tricks werden wir den GranitBeißern nicht verraten können. Höchstens Hygiene gegen Seuchen. Aber so etwas kennen sie hier nicht. Hoffentlich, denke ich, haben wir selbst nichts dergleichen mitgebracht.

Dann bringe ich das Gespräch auf die FortpflanzungsMedizin. Gynäkologie. Diese Art von Krankheiten, die Geburt von Kindern nämlich, werden die GranitBeißer ja kaum vermeiden können. Ich versuche, rauszukriegen, was sie darüber wissen.

Tabus, darüber zu reden, scheint es keine zu geben, oder sie sind so subtil, daß sie mir entgehen. Daß zwischen GeschlechtsVerkehr und dem Entstehen von Schwangerschaft ein kausaler Zusammenhang ist, wissen sie. Das ist nicht selbstverständlich, denn es gibt primitive Völker, die das nicht wissen.

VerhütungsMethoden sind jedoch unbekannt, und Chrwerjat sieht auch nicht ein, wozu das gut sein soll. Allerdings scheint es AbtreibungsMethoden zu geben, die auch häufig und unproblematisch zu praktizieren sind, wenn eine Schwangerschaft einmal ganz ungelegen sein sollte. Wie sie es machen, erzählt Chrwerjat nicht, weil sie es entweder nicht weiß, oder weil sie annimmt, daß jeder weiß, wie man das macht.

Bei dem Thema kommt auch heraus, daß es doch eine soziale Einrichtung gibt: die Allgemeinheit kümmert sich um schwangere Frauen, solange diese das nicht selbst können. Wie das institutionalisiert worden ist, finde ich nicht heraus, weil mir dazu zu viele Worte fehlen. Jedenfalls sind auf dem Schiff nicht deshalb keine Schwangeren vorhanden, weil das etwas sehr seltenes ist. Es ist, im Gegenteil, sehr häufig, was eigentlich auch nicht weiter verwunderlich ist. Außerdem wird weder Schwangerschaft noch WochenBett als Krankheitsbild angesehen, ja, nach den Beschreibungen von Chrwerjat scheint es ein WochenBett in dem Sinne nicht zu geben. Die GranitBeißer-Frauen tun sich mit dem Gebären offenbar viel leichter. Aha. Doch ein evolutionierter genetischer Unterschied?

Wahrscheinlich ja. Denn auch die Menstruation sieht etwas anders aus als bei uns da oben. Die Periode ist auch 28 Tage lang, allerdings handelt es sich um die hiesigen Tage von 27 Stunden. Das sind nach unserer Rechnung also etwa 31 Tage. Die üblichen MenstruationsBeschwerden sind wesentlich weniger ausgeprägt als bei uns und werden nicht einmal unter dem Begriff 'UnwohlSein' geführt. Das einzige äußere KennZeichen sind gelegentlich schwache Blutungen und ganz leichte Schwankungen in der LeistungsFähigkeit der betroffenen Frau. Wenn die Menstruation sich mit sowenig Symptomen zeigt, dann ist es mir unklar, woher die GranitBeißer überhaupt die PeriodenLänge so genau wissen. Naja, man kann an sich selber ja auch ein ganz leichtes Unwohlsein noch feststellen.

Daß die EmpfängnisBereitschaft je nach PhasenLage zum MenstruationsZyklus schwankt ist Chrwerjat unbekannt. Sie glaubt es auch nicht, als ich es ihr zu erklären versuche. Das würde einen hauptberuflichen Gynäkologen, der in der Forschung tätig ist, sicher brennend interessieren. Besonders die nächste MitTeilung, die Chrwerjat mir noch zu verkaufen sucht: Während der ersten SchwangerschaftsMonate sollen auch noch MonatsBlutungen vorkommen, die dann erst gegen Ende der Schwangerschaft vollkommen verschwinden.

Jetzt wünschte ich, ich hätte meinen Harrison hier: 'Principles of Internal Medicine'. Meine medizinischen Kenntnisse reichen nicht aus, solche Mitteilungen in Bausch und Bogen einfach unglaubwürdig zu finden. Andererseits gibt es für Chrwerjat keinen Grund, uns da etwas vorzumachen. Keinen Grund, den ich mir im Moment vorstellen kann. Ich habe unklare Vorstellungen: Ein Eierstock, der noch arbeiten kann, wenn schon ein Fötus da ist, ich weiß nicht - vielleicht eine Abkapselung durch eine stabile FruchtBlase. Was für medizinische Komplikationen gibt es, wenn im vierten Monat noch eine weitere Zeugung stattfindet? - Wahrscheinlich habe ich irgend etwas falsch verstanden.

Die in einigen primitiven Völkern beobachtbare Abstufung der Frau als 'unrein' ist hier natürlich wegen der geringen Symptomatik der Menstruation völlig unbekannt.

Eine VaterBindung des Kindes, ja, den Begriff 'Vater' gibt es nicht, was bei den SexualGewohnheiten der GranitBeißer auch nicht weiter verwundert. Ich finde heraus, daß auch über VerErbung fast nichts bekannt ist, ebenso ist die eigentliche biologische Funktion des GeschlechtsVerkehrs als ZeugungsAkt in Details unbekannt. Das AllgemeinWissen sagt, auf rein empirischer Basis: Wenn eine Frau GeschlechtsVerkehr mit einem Mann hat, dann kann sie eben Kinder bekommen. Weitere bekannte funktionelle Zusammenhänge gibt es nicht.

Freimütig gibt Chrwerjat zu, daß viele Kinder nach der Geburt wegen Abnormitäten beseitigt werden. Nur bei den besten und stärksten und gesündesten macht man sich überhaupt die Mühe, dieselben durchzubringen. Das paßt zu euch, denke ich mir, enthalte mich aber jeder wertenden Bemerkung.

Ich versuche noch, herauszukriegen, ob die HöherStellung der weiblichen Form der Species Mensch etwas mit der Fähigkeit der Frau zum Gebären zu tun hat - eine EinStellung, die es ja auch bei einigen primitiven Völkern bei uns noch gibt. Die Antworten sind nicht klar. Es ist herauszuinterpretieren 'Frauen können gebären, weil sie die höherwertige Form des Menschen sind', und 'Frauen sind die höherwertige Form des Menschen, weil sie, unter anderem, auch gebären können', und 'Frauen sind sowieso die höherwertige Form des Menschen'. Die letzte Auffassung scheint bei den GranitBeißern AllgemeinGut zu sein. Aber niemand macht sich darüber besonders viele Gedanken. Es ist eben selbstverständlich.

Jetzt hätte ich noch gerne etwas über das AufWachsen von Kindern gewußt, und über eventuelle SchulEinrichtungen, aber Chrwerjat beendet den Unterricht für heute, kurz, nachdem meine Uhr MitterNacht in Bayern angezeigt hat. Wir haben jetzt, bis zu Beginn der SchlafPeriode um 5 Uhr, ungewöhnlich viel Zeit.

Ich habe den Verdacht, daß Chrwerjat unmittelbar zu Cherkrochj rennt, um ihr alles das, was wir an Informationen während des UnterrichtsGespräches über uns herausgelassen haben, zu berichten. Wer weiß, was sie richtig verstanden hat und was nicht. Wer weiß, was uns schadet oder nützt.

Wenigstens habe ich den Eindruck, daß uns diese intensive Form des SprachUnterrichtes schon in den wenigen Tagen etwas gebracht hat.


        ******** 019. Tag: Mittwoch 1995-09-06 ********



        19.1    Charmions Beleidigung


Weil wir nichts besseres zu tun haben, gehen wir auf dem Schiff spazieren. Niemand hindert uns daran. Die FjordLandschaft zieht unverändert an uns vorbei, und wieder und immer wieder nimmt das Schiff eine neue Abzweigung. Es gibt keine Möglichkeit, darüber noch die ÜberSicht zu behalten.

Ein warmer NieselRegen hat eingesetzt, der wegen seiner Wärme nicht im mindesten stört. Es ist, durch eine tiefliegende WolkenSchicht, unwesentlich dunkler geworden. Auch geringe HelligkeitsSchwankungen fallen uns jetzt auf, weil es große HelligkeitsSchwankungen nicht gibt. Ich habe auch den Eindruck, daß das Leben und Treiben an Bord sofort einen etwas langsameren Rhythmus einschlägt. Vielleicht ein ähnlicher Effekt wie die Affinität der meisten Menschen bei uns oben zu sogenannten schönen Wetter, was seltsamerweise immer mit SonnenSchein gleichgesetzt wird.

Dieser Begriff des 'Schönen Wetters' tauchte bis jetzt im SprachUnterricht nicht auf. Vielleicht ist er auch völlig unbekannt, da bei den vorherrschenden Temperaturen LebensVorgänge und tägliche Aktivitäten durch Regen nicht beeinflußt werden, es sein denn, es geht um die FernSicht.

In diesem Punkte denke ich ähnlich wie die GranitBeißer. Wenn sie tatsächlich so denken, denn ob sie den Begriff 'Schönheit einer Landschaft' kennen weiß ich auch nicht. Wasser, in jeder ErscheinungsForm, macht für mich eine Landschaft erst interessant. Als fließendes oder stehendes Gewässer sowieso, aber auch in Form von Regen, Nebel und Bewölkung. Dieselbe Landschaft kann die verschiedensten Gesichter annehmen, während der blaue Himmel der PostkartenIndustrie eigentlich immer gleich aussieht. Das ist einer der Gründe, warum es mich früher in den Ferien immer nach SchottLand gezogen hat. Auch diese WeltHöhle tät mich als Landschaft an sich schon reizen. Allerdings wäre eine touristische InfraStruktur nicht schlecht. So etwas gibt es hier aber nicht. Keine klimatisierten KreuzfahrtSchiffe.

Eine Bucht zieht am Ufer vorbei, eine langgezogene, wenige zehntausend QuadratMeter große, bewaldete Fläche am Fuße senkrechter FelsWände. Diese Fläche ist nur über das Wasser mit einem Boot zu erreichen. Sie muß irgendwann einmal jemandem eine Heimat geboten haben, denn mitten aus dem grünen Gebüsch, schon etwas höher am Hang, wo er anfängt, in die steilen FelsWände überzugehen, sehe ich etwas, das einer Mauer ähnelt. Sogar FensterHöhlen glaube ich zu erkennen, allerdings von beiden Seiten durchwachsen, und da ist auch ein aufgeschütteter Sockel vor diesen MauerResten. Ein weiterer Einfluß von Menschen auf den Boden und die PflanzenWelt dieser entlegenen Parzelle ist jedenfalls mit einem Blick nicht festzustellen.

Ich zeige es Irene, aber sie ist nicht unbedingt überzeugt, daß da etwas ist. Es ist auch niemand in der Nähe, den man fragen könnte. Mit dem weiteren FortTreiben des Schiffes verdecken wieder Bäume das, was wir glauben, gesehen zu haben. Oder was ich glaube, gesehen zu haben.

Sind wir Zeugen einer vor langer Zeit gescheiterten Existenz gewesen? Oder, es muß sich ja nicht um eine gescheiterte Existenz gehandelt haben, jemand kann dort sein ganzes Leben verbracht haben, praktisch abgeschnitten von dem Rest der Welt der GranitBeißer. Eine dünn besiedelte und über weite Strecken unbesiedelte Welt bietet Platz für viele ganz persönliche LebensLäufe. Eine private Hölle oder ein privater Himmel - vielleicht kann man ihn hier finden. Sollte man danach suchen?

Was ist, wenn man alt und krank wird, dann eingesperrt und abgesondert vom Treiben der ganzen restlichen Welt? Ist es besser, den LebensAbend, vielleicht in Schmerzen, isoliert in der Wildniss zu verbringen, an die man durch den Verfall der eigenen Kräfte sowieso schon unwiederruflich gebunden ist? Oder ist es besser, in unseren AltenHeimen, PflegeHeimen und KrankenHäusern auf den Tod zu warten? Ist es besser, durch WeltAbgeschiedenheit von all den Menschen, die man jemals gekannt und geliebt oder auch nicht geliebt hat, für immer getrennt zu sein, oder ist es besser, diese im Alter noch gelegentlich zu sehen, auch wenn die Unterschiedlichkeit der LebensUmstände bereits bewirken, daß man eigentlich doch in verschiedenen Welten lebt, auch wenn man noch dieselben Räume betreten kann? Ist die Trennung durch geographische Entlegenheit eine Gnade oder ein Fluch? Und wie kann man herausfinden, ob es eine Gnade oder ein Fluch ist, solange man noch die Wahl zwischen diesen Alternativen hat?

Ich weiß es nicht. Ich versuche mir gelegentlich vorzustellen, welche unangenehmen Umstände einem im Alter das Leben zur Hölle machen könnten, und was man jetzt dagegen unternehmen könnte. Jetzt, wo es uns in die Welt der GranitBeißer verschlagen hat, gibt es auch dafür neue Perspektiven, und alte verschwinden dafür. Wenn es uns bestimmt ist, hier zu bleiben, werden wir sicher nicht als letztes im Leben den SchriftZug 'SIEMENS' auf einer Apparatur in der IntensivStation sehen. Aber vielleicht sehen wir, wie jemand anderes unserem TodesKampf interessiert zusieht oder ihn noch beschleunigt und uns auf den Weg hilft, weil es sonst doch gar so langsam geht, und wir den jungen Leuten im Wege sind. - Oder gar niemand ist Zeuge unserer letzten Stunden. Kommt drauf an - ob und wie wir hierbleiben. Kann ich das, soll ich das, will ich das?

Irene stößt mich an. Der Anblick der mutmaßlichen MauerReste hat mich in schwermütige Gedanken gestoßen - dann nehme ich manchmal nichts mehr um mich herum wahr. Dabei habe ich früher in SchottLand und in Irland häufig HausRuinen gesehen, und schon damals dachte ich immer an die Schicksale von Menschen, die mit diesen Ruinen verflochten waren. Schicksale, so viele Schicksale: Hundert Milliarden, seit es Menschen gibt, haben die Erde bevölkert, und alle davon bis auf die sieben Milliarden, die noch am Leben sind, haben es schon hinter sich. Hundert Milliarden persönliche Interpretationen des Lebens. Hundert Milliarden mal die Summe von LebensErfahrungen. Muß das nicht ein immenser Schatz sein? Oder sind die ähnlichen Erfahrungen, die jeder Mensch mit seinen persönlichen Variationen durchmacht, redundant? Wem nützt, wer sammelt diese Leben? Was bleibt von ihnen übrig? Was wird davon weitergegeben? Kann ein einzelner daran überhaupt teilhaben? Wenn all diese hundert Milliarden zu mir reden könnten, zu mir, der das Privileg des Noch-Am-Leben-Seins noch genießt, was wäre die Quintessenz ihres Redens? Müßten sie sehr lange reden, um diese Quintessenz weiterzugeben, oder wäre in ein paar Sätzen schon alles gesagt?

Ich weiß es nicht. Es muß keine Quintessenz der persönlichen Wahrheiten geben. Und wenn doch, dann ist es vielleicht die: Mach dir und den anderen LebeWesen im Universum, die deinen Weg kreuzen, eine schöne Zeit. Wenn deine Zeit dann gekommen ist, dann sage Lebewohl. Du mußt nichts hinterlassen. Was du hinterlassen könntest, die, die nach dir kommen, werden es schon selbst herausfinden. Das ist der natürliche Gang der Dinge. Du bist, wie jeder andere, ein Wesen des ÜberGangs, ein Faden der Evolution. Du hast gelebt, und das war schon deine ganze wesentliche Pflicht.

Vielleicht. Okay. Nehmen wir mal an, daß das das einfache ist, was ich zu tun habe: Mir und den anderen eine schöne Zeit zu machen. Da wäre Irene als erste unter meiner Obhut. Sie ist mir, von allen hier Anwesenden, bisher noch am meisten 'über den Weg gelaufen'. Meine Mittel, ihr jetzt und hier eine schöne Zeit zu machen, sind natürlich beschränkt. Aber ich kann sie wenigstens jetzt in den Arm nehmen und ihr die flüchtige Illusion einer Sicherheit vermitteln, die ich selbst nicht habe. Genau das tue ich, während wir vom SchiffsRand auf die jetzt wieder weglosen SteilWände am Ufer sehen. Irene schmiegt sich automatisch an mich.

Hinter uns ein mißbilligendes Zischen oder ZungenSchnalzen. Ich drehe mich um.

Charmion geht gerade vorbei, sieht mich und Irene so nahe zusammen. Sie war die Urheberin dieses Geräusches. Spöttisch, fast grinsend, sieht sie mich an.

Manchmal könnte ich ihr eine klempnern, so mitten in die Fresse. Aber das wäre für mich ungesund, denn Charmion hat ein Schwert und ich habe keins.

"Das ist meine Frau!" sage ich zu ihr im Xonchen-Dialekt, wobei ich jedes Wort betone. Auch die Interpretierbarkeit von 'meine' als PossesivPronomen, die ich normalerweise in diesem Kontext nicht schätze, lasse ich mit allen Facetten der Ausschließlichkeit durchblicken.

Ein Anflug von Zorn ist im Gesicht Charmions zu sehen, aber sie beherrscht sich. Sekunden später ist sie im DecksHaus verschwunden. Jedenfalls hat sie begriffen.

Habe ich jetzt eine KriegsErklärung losgelassen?


        19.2    DienstVergehen


Die wenigen Stunden bis 5 Uhr morgens, die Zeit zum SchlafenGehen, verbringen wir dann nicht mehr in Freien, weil aus dem schwachen NieselRegen ein schwerer LandRegen wird. Außerdem scheint die Temperatur noch zu steigen, so daß man auch noch schwitzt, wenn man völlig durchnäßt ist. Man glaubt, daß die Luft zu dick zum Atmen ist, auch wenn der Verstand einem sagt, daß bei dem hohen PartialDruck des SauerStoffes hier das GegenTeil der Fall sein müßte.

Die Dunkelheit nimmt zu, soweit, daß die UferSicht schlecht wird. Zusätzlich behindern die RegenSchleier und NebelSchwaden die Sicht. Ich habe nicht den Eindruck, daß das die beiden Frauen im mittleren MastHaus besonders aufregt. Aber natürlich kann ich ihre GesichtsZüge nicht mehr deutlich erkennen. Und so stehen wir in unserem vorderen MastHaus, auf die FensterKanten gelehnt, und schauen in den Regen hinaus. Die Geräusche des Regens löschen alle anderen Geräusche an Bord aus.

Das Trommeln auf dem Dach veranlaßt mich, nach undichten Stellen zu suchen. Aber vergeblich - wasserdichte Dächer können die GranitBeißer bauen, und das aus keinen anderen BauStoffen als Holz und Seilen.

Es ist kurz vor 5 Uhr morgens, als plötzlich Charmion sich auf dem Deck unter uns zeigt. Sie ist vollständig nackt bis auf ihren SchwertGürtel. Mit kraftvollen und entschlossenen Griffen steigt sie die Wanten zu unserem MastHaus hinauf. Wenige Sekunden später steht sie in unserem Raum.

Sie zeigt auf mich.

"Mitkommen." sagt sie.

"Warum?" frage ich. Statt einer Antwort zeigt sie nur auf ihre Muschi. Außerdem zieht sie ihr Schwert, hält es aber gesenkt.

Irene steht wie vom Blitz gerührt. Ich kann es ihr nicht zumuten, jetzt mit Charmion mitzugehen, Schwert oder nicht. Jedenfalls weiß ich, wie ich uns das eingebrockt habe.

"Weiß Cherkrochj davon?" frage ich.

"Nein. Mitkommen." Aha. Solche Dinge müssen wohl nicht durch die Hierarchie abgesegnet werden.

"Cherkrochj hat es verboten." sage ich. Jedenfalls kann ich diese Behauptung einmal versuchen.

Wenn Charmion unsicher ist, dann läßt die es sich nicht anmerken.

"Mitkommen!" wiederholt sie, etwas lauter.

"Gut." sage ich und gehe zur Tür. Ich muß Irene so nicht in die Augen sehen.

An der Tür spiele ich den Kavalier, obwohl die GranitBeißerinnen diesen Begriff nicht kennen. Ich halte Charmion die Tür auf. Wie selbstverstänglich geht sie durch. Dabei nehme ich ihr das Schwert aus der Hand. Es geht entsetzlich einfach und fast automatisch. Ein Reflex. Mit einem Sprung bin ich wieder im Inneren des MastHauses.

Endlich ist in dem zwar hübschen aber meistens recht ausdruckslosen Gesicht von Charmion etwas zu sehen: pure Überraschung. Auch sie ist im AugenBlick wieder mitten im Raum. Die Tür fällt zu.

"Gib das her!" sagt sie in einem befehlsgewohnten Ton.

Ich hole mit dem Schwert aus. Es liegt gut in der Hand.

"Nein." sage ich, und: "Setzen. Sofort!"

Ich muß daran denken, daß diese Frau praktisch im EinzelKampf einen Saurier mit dem Schwert getötet hat, und das unter schwersten Bedingungen, unter Wasser, und praktisch ohne etwas zu sehen. Ich muß damit rechnen, daß sie jetzt noch gefährlich ist, jetzt, wo ich das Schwert habe und sie nicht.

"Setzen!" wiederhole ich. Sie gehorcht. Ich schiele zum Fenster raus, auf das mittlere MastHaus. Von dort könnte man zwar durch die Fenster unseres MastHauses hier hereinsehen, aber wegen der Dunkelheit und wegen des Nebels hat man da noch nichts gemerkt. Vielleicht habe ich Glück.

Ich kniee mich hin, so, daß ich vom mittleren MastHaus nicht gesehen werden kann, auch, wenn die SichtBedingungen plötzlich besser werden sollten. Aber das Schwert halte ich immer noch zum Zuschlagen bereit.

Irene steht fassungslos daneben. Ich kann es ihr nicht verdenken. Wenn mir die Situation jetzt entgleitet, dann kann sich das für uns in Sekunden zur Katastrophe entwickeln. Unsere Erfahrungen im AusTausch von Gewalt Mann gegen Mann, oder besser, Mann gegen Frau sind beschränkt.

Ich habe eine Idee:

"Wieso hast du mir dieses Schwert gegeben?"

Charmion sagt nichts.

"Wieso hast du mir dieses Schwert gegeben?" wiederhole ich, "Was wird Cherkrochj dazu sagen? Wieso gibst du Gefangenen Waffen? Weißt du, was mit dir geschieht, wenn das herauskommt?"

Allmählich begreift Charmion, daß sie sich selbst dadurch, daß sie sich von mir ihr Schwert hat entwenden lassen, in eine unangenehme Situation gebracht hat. Ich weiß natürlich nicht, ob das ÜberLassen von Waffen an Gefangene hier ein ähnlich schlimmes 'DienstVergehen' bedeutet wie es etwa bei den Armeen bei uns der Fall ist. Aber ich halte es für wahrscheinlich. Auf diese Karte muß ich alles setzen.

Charmions Körper glänzt, entweder immer noch vom Regen draußen, oder jetzt auch von Schweiß, der neu hinzugekommen ist. Überall an ihr rinnen Tropfen herunter oder fallen ab, wie an ihren Busen oder unter ihrem Kinn.

"Umdrehen," sage ich, "nein, nicht aufstehen. Nur umdrehen, andere Richtung gucken."

Sie gehorcht. Ich halte das Schwert weiter schlagbereit.

"Du hast dich von einem Mann überrumpeln lassen. Was macht man bei euch mit solchen Leuten?" frage ich.

Sie schweigt.

"Antworte!" sage ich, etwas lauter, Irene würde, während eines EheKraches, diesen Tonfall schon mit 'Schreien' bezeichnen.

"Man - tötet sie." gibt Charmion nach einer Weile zu.

"Aha. Man tötet sie. - Nicht bewegen! Und warum tötet man sie?"

"Weil sie den Befehl nicht befolgt haben."

"Den Befehl von Cherkrochj?"

"Ja."

"Den Befehl, auf uns aufzupassen?"

"Ja."

"Und du wolltest, bloß zum persönlichen Spaß, mit mir schlafen, obwohl du wissen mußtest, daß dadurch diese Wachsamkeit deutlich beeinträchtigt ist?"

Das hat mich jetzt einiges an Phantasie bezüglich der Xonchen-Sprache gekostet.

"Ja." sagt Charmion nur.

"So. Höre zu." fahre ich fort, "In unserer Welt ist so etwas nicht üblich. In unserer Welt bezeichnet man das, was du eben vorhattest, mit Vergewaltigung, Nötigung, WachVergehen, Nachlässigkeit im Dienst. Habe ich etwas vergessen?"

Sie schweigt.

"Dann höre jetzt noch genauer zu. Es ist in unserer Welt nicht üblich, gleich jedes derartiges Vergehen mit dem Schwert abzuurteilen. Wir sperren solche Leute wie dich lediglich ein. Hast du das verstanden?"

"Ja."

"Aber ich will euch nicht unsere Methoden der sozialen EthikErzwingung nahelegen - ihr würdet es doch nur lustig finden. Paß auf. Es bleibt unter uns. Ich verrate Cherkrochj nicht, daß du so versagt hast, und du gehst sofort wieder hier weg. Du läßt dir nichts anmerken. Hast du das verstanden?"

"Ja."

"Dann steh auf und dreh dich um."

Sie tut es. Dabei erinnert sie mich an ein kleines Mädchen, daß im SchulUnterricht eine Zeitlang in der EselsEcke gestanden hat und sich nun wieder zu den anderen setzen darf.

"Hier. Nimm dein Schwert. Und geh."

Ich drehe das Schwert um, fasse es an der Klinge an und reiche es ihr, mit dem Griff zuerst. Zögernd nimmt sie es. Nun sind die Karten wieder schlechter für uns gemischt, wenn sie nicht einsieht, daß das Schwert ihr nichts nützt. Sie müßte uns beide umbringen, um die Information ihres Versagens geheimzuhalten. Dann hätte sie aber die völlig unnötige Tötung der zwei Gefangenen zu erklären, von denen Cherkrochj ja noch einiges in Erfahrung bringen wollte.

"Geh jetzt," wiederhole ich, "und wenn du noch einmal kommst, zieh dir etwas an."

Das ist natürlich völlig unnötig und hier unüblich - wer nackt rumrennen will, der wird nicht daran gehindert. Aber eben deshalb ist diese Anweisung noch ein Schlag auf ihr SelbstBewußtsein.

Charmion steckt das Schwert in die Scheide, langsam, so, als ob sie immer noch dabei ist, zu überlegen, ob sie nicht vielleicht doch besser damit auf uns eindreschen sollte.

"Mach es dir selbst, wenn du es so nötig hast!" empfehle ich, mit einer deutlichen Geste, damit sie auch ja mitkriegt, was ich meine.

Sie geht nicht darauf ein sondern dreht sich um und trollt sich, wie ein geschlagener Hund.

Als ich, nachdem Charmion verschwunden ist, Irene ansehe, ist sie sichtbar in Schweiß gebadet.

"Du bist wahnsinnig," sagt sie, "die hätte uns umbringen können!"

"Das hätte sie." stelle ich fest. "Du hast schon gemerkt, daß sie mich sexuell mißbrauchen wollte?"

"Und warum bist du nicht mitgegangen?"

"Weil ich ein treuer EheMann bin!" Und weil ich es nicht mag, so herumgeschubst zu werden, denke ich mir, aber ich sage es nicht.

"Außerdem," fahre ich fort, "wenn wir erst einmal anfangen, JEDEM Wunsch unserer GastGeber nachzugeben, dann gibt es bald überhaupt nichts mehr, wovor man sicher ist."

"Aber wenn es die Chefin selbst gewesen wäre," sagt Irene, "dann hättest du dich nicht wehren können!"

"Vielleicht, vielleicht auch nicht," sage ich zweifelnd, "aber bei der würde ich bestimmt keinen hochkriegen. Und das Risiko, daß sich jemand ihr versagt, das wird sie nicht eingehen wollen. Du weißt ja, wie sie hier mit Versagern umgehen."

"Und bei Charmion hättest du ..." forscht Irene weiter, aber ich sehe ein, daß es Zeit ist, das Thema zu stoppen:

"Ja, vielleicht. Aber jetzt werde ich erstmal bei meiner Frau!"

Und so geschieht es. Zeit wird es, unser Schicksal mal durch kleine SpielEinlagen aufzuhellen. Ein absolut aussichtsloses Abenteuer ist ja nun überhaupt kein Grund, das eheliche LiebesLeben völlig einzustellen. Das passiert schon durch den beruflichen Alltag genug.

Daß dabei der Irene oder mir diese oder jene, sagen wir mal, grammatikalisch exakt, eindeutig interpretierbare Interjektion entschlüpft, stört mich dabei durchaus nicht. Vielleicht hört man es draußen. Vielleicht hört auch Charmion es.

Das wäre ein weiterer Schlag auf das SelbstBewußtsein meines Mädchens vom Mast.

Allerdings, und das sage ich Irene nicht, habe ich, während wir uns da in dem Regen-durchrauschten HalbDunkel des MastHauses lieben, durchaus erotische Vorstellungen, die Charmion betreffen. Ich kann überhaupt nichts dagegen machen. Die neuronale Aktivierung der Sexualität verlangt nach Abwechslung. Der neue SexualPartner, der andere SexualPartner, der wird aus denselben Gründen gesucht - und häufig gefunden - aus dem wir auch nicht immer über demselben Witz lachen können. Der Cortex braucht diese Erkennungsarbeit, die kleine neuronale Explosion des Verstehens der Pointe eines Witzes oder des Erkennens eines neuen SexualPartners. Wir sind eben so gemacht, und so drängen diese Vorstellungen sich eben auf, völlig ohne unser Dazutun. Man weiß, daß das bei beiden Geschlechtern der Fall ist. Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben.

Aber auch kein Grund, bei anderen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen.


        19.3    Casabones


14 Uhr. Wecken, Wasch-Schwimmen, FrühStück in der Küche abholen, dann kommt auch schon Chechmon.

Das Wetter ist immer noch so wie gestern, immer noch DauerRegen, wenn auch schwächer, immer noch etwas dunkler als normal. Wir bleiben also bei dem SprachUnterricht im MastHaus.

Von dem Vorfall mit Charmion ist offenbar nichts bemerkt worden. Das ist gut so, denn sonst müßten wir befürchten, daß weitere MachtProben dieser Art versucht würden - vielleicht von Cherkrochj selbst.

Diese scheint sich aber nur indirekt für unser Schicksal zu interessieren. Wie interessiert sie zuhört, wenn Chechmon oder Chrwerjat von den Dingen, die wir während des SprachUnterrichtes erzählen, das wissen wir ja nicht.

Heute erfahren wir wieder etwas über SozialStrukturen. Diesmal geht es um die Hierarchien an Bord.

Es ist so, wie ich es erwartet habe: Die Frauen haben die Aufgaben der SeeOffiziere, die Männer die der Mannschaft. Ganz einfach. Kein Mann wird Kommandant oder Kapitän, und keine Frau wird jemals das Deck scheuern. Manuelle Arbeiten werden von Frauen nur gemacht, wenn sie anspruchsvoll sind.

Bevor wir bei diesem Thema weiter nachfragen können, ruckt das Schiff so, daß es uns von den Beinen gerissen hätte, wenn wir nicht schon gesessen hätten. Wir springen ans Fenster.

Unten sehen verschiedene Mitglieder der Besatzung rund um das Schiff herum in das Wasser. Es ist aber nichts zu sehen. Auch sind die HarpunenGeschütze nicht aufgebaut, es hat also niemand eine Begegnung mit etwa einem FischSaurier erwartet.

Chechmon sagt, daß es höchstwahrscheinlich ein FischSaurier war. Im Allgemeinen stoßen die nicht versehentlich ein Schiff an. Aber die kurzzeitige Verwechselung mit einem ArtGenossen kommt immer mal wieder vor. Es sei nichts ernstes. Die großen SeeSchlangen, von denen man weiß, daß sie sich sogar Menschen von einem Schiff herunterschnappen, und die gelegentlich auch ein Schiff zerschlagen, um an den Inhalt heranzukommen, die hätten auch schon längst angegriffen.

"Warum sind die HarpunierGeräte nicht aufgebaut, wenn so etwas zu befürchten ist?" frage ich.

"Weil es regnet. Die StahlSpitzen würden rosten." ist Chechmons Antwort.

"Und was passiert, wenn so ein Tier angreift?"

Das kommt drauf an, sagt Chechmon. Viele Tote, schwere Beschädigungen am Schiff. Die beste Strategie in solchen Fällen ist es, einige der auf dem Deck aufgeschichteten Stapel von SaurierFleisch in das Wasser zu schieben. Dann kann so ein Tier unter Umständen abgelenkt werden, und man kann den Rest der Ladung nach Hause bringen.

Welche Spezies sich hinter der Bezeichnung 'SeeSchlange' nun wirklich verbirgt, das finden wir nicht heraus. Irgendeine agressivere Art von FischSaurier, wahrscheinlich.

Wegen dieses Vorfalles sehen wir häufiger zum Fenster hinaus. Das Wetter wird noch etwas besser, und die Ufer flachen sich zusehends ab. Die FjordRegion scheint vorbei zu sein. Der See weitet sich wieder. Bald sind die Ufer wieder einige KiloMeter weit entfernt, und die Entfernung nimmt zu. Der Wind hat etwas aufgefrischt, und ich schätze, daß wir glatte zwei StundenKilometer machen.

Chechmon klärt uns darüber auf, daß wir in etwa elf Stunden Casabones erreichen werden.

"Casabones?" frage ich.

Wir erfahren, daß es sich um eine GefängnisInsel für Sklaven handelt. Diese Insel sei absolut ausbruchssicher. Dann verlassen wir das Thema wieder, obwohl ich neugierig geworden bin: Casabones - das klingt bedrohlich. Dabei ist es ein unechter Effekt. Casabones, das ist 'Casa', spanisch, für 'Haus', und 'Bones', englisch, für Knochen. Wahrlich ein passender Name für eine GefängnisInsel! Aber die Xonchen-Sprache hat keinerlei linguistische Verwandtschaft zu Spanisch oder Englisch. Die Ähnlichkeit ist rein zufällig, die Assoziationen mit dem Graf von Monte Christo und anderen Geschichten existieren nur in meinem Kopf.

Außerdem ist nicht ganz klar geworden, ob nun die ganze Insel Casabones heißt, oder ob das nur der Name für eine Art Fort zur Bewachung, das dort sein soll, ist. Wir werden es später genauer erfahren, denke ich.

Chechmon wiederholt die unregelmäßigen Verben - die meisten Verben in den XonchenSprache sind unregelmäßig - und wiederholt kauen wir die Wörter durch, deren AusSprache uns zu schaffen macht - das sind auch die meisten.

Auch wenn wir schon leidlich einiges in der XonchenSprache verstehen, bis wir sie akzentfrei sprechen können, da dürften noch viele Jahre ins Land gehen.

Bis meine Uhr MitterNacht anzeigt, hetzt uns Chechmon unbarmherzig durch langweiligste grammatische Einzelheiten. Keinen Moment können wir uns entspannen, dauernd müssen wir selbst Beispiele formulieren.

Dann endlich ruft draußen jemand, und Chechmon bricht den Unterricht ab. Sie sagt, das Casabones in Sicht ist, und daß wir in vier Stunden dort anlegen werden.


        ******** 020. Tag: Donnerstag 1995-09-07 ********


Wir gehen auf das Deck hinunter. Dort ist noch keine größere Hektik wegen der bevorstehenden Landung auf Casabones ausgebrochen, so daß mir unklar ist, warum Chechmon den Unterricht so schnell hat abbrechen müssen.

Am Fuße der Wanten, die vom vorderen MastHaus herunterführen, und die wir jetzt heruntersteigen, steht Charmion mit einige Frauen der Mannschaft. Sie reden irgend etwas miteinander. Als Charmion uns kommen sieht, sagt sie zu den anderen etwas, und die ganze Gruppe begibt sich ohne Hast in das DecksHaus.

Wahrscheinlich ist es Charmion unangenehm, uns zu sehen und von uns gesehen zu werden. Vielleicht sinnt sie auch auf Vergeltung. Ich fürchte, ich muß in der nächsten Zeit wachsam sein. Wahrscheinlich wäre es kein WeltUntergang, von dem stinkenden Mädchen vergewaltigt zu werden, aber es besteht ja die Gefahr, daß sie sich zur Sanierung ihres SelbstBewußtseins etwas Schlimmeres ausdenkt.

Es hat zu regnen aufgehört, und die Sicht ist wieder weit geworden. Wir sind wieder auf einem so großen See, wie wir ihn schon mal durchfahren haben. Damals habe ich ihn 'SäulenWaldsee' getauft, da muß ich mir, trotz mancher Ähnlichkeiten, diesmal einen neuen Namen einfallen lassen.

Bevor wir das MastHaus verlassen haben, habe ich noch kurz einen Blick auf den Kompaß geworfen und mich davon überzeugt, daß wir immer noch in Richtung NordNordOst fahren. Jede andere Richtung hätte ich auch geglaubt, und ich muß auch jede andere Richtung prinzipiell für möglich halten - immerhin könnten ja ErzLager das ErdMagnetfeld hier so verformen, daß kaum noch eine Relation zur Richtung der MagnetNadel an der OberFläche der Erde vorhanden ist.

Westlich von uns ist ein dunkles Gebiet. Dort ist die Decke der WeltHöhle so niedrig, daß sich darunter nicht die leuchtenden WolkenSchicht ausbilden kann. Dieses Gebiet fängt in vielleicht zwölf KiloMetern Entfernung an, wieweit es sich hinter dieser Dunkelheit fortsetzt, weiß ich nicht. Die Säulen, die dort die HöhlenDecke tragen, haben vom WasserSpiegel aus gerechnet nur eine Höhe von vier oder fünf KiloMetern.

Im Osten setzt der See sich, soweit man sehen kann, unverändert fort. Erst in zwanzig KiloMetern Entfernung sind GebirgsHänge zu sehen, die dort ununterbrochenes Land vermuten lassen.

"Wo Casabones wohl ist?" fragt Irene.

"Da wir dorthin fahren, müßte es im Norden sein. Gehen wir auf das VorSchiff, vielleicht können wir es von dort aus sehen." schlage ich vor.

Wir können es in der Tat sehen, weil uns vom VorSchiff keine Segel mehr die Sicht versperren. Es gibt keinen Zweifel, daß das, was wie ein mächtiger Pilz in vier KiloMetern Entfernung drohend vor uns aufragt, Casabones sein muß.

Es ist eine Säule. Eine gigantische, abgebrochene Säule. Unten, an der Basis, muß sie einen DurchMesser von etwa drei KiloMetern haben. Ohne jedes VorGebirge ragt sie aus dem Wasser auf.

Etwa einen KiloMeter über der WasserOberfläche beginnt der DurchMesser der Säule zuzunehmen und erreicht in zwei KiloMetern Höhe vielleicht vier KiloMeter. In drei KiloMetern Höhe sind es fünf, in vier Kilometern Höhe sind es sieben, und in knapp fünf KiloMetern Höhe etwa zehn KiloMeter DurchMesser.

Dort oben ist, deutlich sichtbar, die Säule rundherum abgebrochen. Dort ist einfach eine Kante, die gelegentlich in der leuchtenden WolkenDecke, und an einigen Stellen darunter ist. Hinter und über dieser Kante ist Land. Wie es aussieht, ob es bergig oder flach ist, können wir aus dieser Perspektive nicht erkennen. Ebenso ist es nicht möglich, zu sehen, ob es dort noch eine RestSäule bis zur HöhlenDecke gibt. Wenn nicht, dann ist dieser über 45 Grad überhängende ÜberHang in der Tat ein absolutes FluchtHindernis.

Rund um die Säule herum, in etwa vier KiloMetern Entfernung von ihrer WasserLinie, gibt es bergige und felsige Inseln, die an norwegische Schären erinnern. Einige zeigen Berge, die bis zu 500 Meter hoch sein mögen, andere sind bloße Riffe. Nur wenige sind stellenweise von Urwald bewachsen. Sie alle umgeben den großen, pilzförmigen Berg in einem Ring, der etwa zehn bis vierzehn KiloMeter DurchMesser hat. Es handelt sich wahrscheinlich um Reste des Abbruches der Säule. Oben, vom Rande des Pilzes, würde man diese felsigen Inseln gerade unter sich sehen.

Von der WasserLinie dieses Pilzes sind wir noch acht KiloMeter entfernt, und von dem FelseninselRing noch drei bis vier KiloMeter. Noch sehen wir nicht, welchen Weg das Schiff durch die FelsenInseln einschlagen wird.

Aber die Eignung dieses PilzBerges als absolutes Gefängnis ist evident. Ohne technische HilfsMittel sind diese kilometerweiten ÜberHänge völlig unbezwingbar. Wie man da wohl hinaufkommt? Stollen im Inneren, oder KletterAnlagen, oder wieder Hängende Straßen? Irgendwie muß es ja möglich sein.

"Da kommt niemand runter!" spricht Irene meine Gedanken aus.

"Außer mit FallSchirmen." stelle ich fest.

"Die haben sie nicht." sagt Irene.

"Noch nicht." sage ich cryptisch. Wenn ich an die SegelTechnik denke, die sie hier haben, und an die höhere LuftDichte, dann ist ja die Idee eines FallSchirmes gar nicht soweit hergeholt. Theoretisch wenigstens.

Irene sieht mich fragend an. Aber ich kann nicht weiter reden, weil Chrwerjat zu uns kommt.

Wir beginnen sofort mit ihr ein Gespräch. Das ist unverfänglich, weil es sich um die logische Fortsetzung von SprachUntericht handelt. Auf diese Weise erfahren wir weiteres von Casabones.

Ein Teil unserer Ladung ist für Casabones bestimmt, und zwar hauptsächlich für das BewachungsPersonal. Die Gefangenen können sich von dem, was das Land auf dem Pilz hergibt, weitgehend selbst versorgen.

Das BewachungsPersonal ist nicht sehr zahlreich. Es handelt sich um einige Dutzend, während die Anzahl der Gefangenen da oben auf dem Pilz einige Tausend sein muß. Genau weiß Chrwerjat es auch nicht.

Was das für Gefangene sind? Hauptsächlich Männer, viele von fremden Völkern. Von diesen sind auch Frauen dort interniert - wahrscheinlich. Sicher ist es nicht. StrafGefangene weniger, da die GranitBeißer ja die Neigung haben, StrafTaten sofort mit dem Schwert zu ahnden. Deshalb ist der Begriff des StrafGefangenen an sich unbekannt. Ich habe den Eindruck, daß es sich um ein Reservoir von ArbeitsKräften handelt, also Sklaven, vielleicht auch solche Gefangenen, für die man eine Art LöseGeld erpressen kann, und solche Menschen, für die in der Welt der GranitBeißer einfach kein Platz ist.

Wie kommt man da hoch, will ich wissen. Chrwerjat erzählt, daß wir zunächst in einer Bucht einer Insel des SchärenRinges anlegen werden. Dort ist ein Fort, wo sich das BewachungsPersonal aufhält.

Dort gibt es auch einige kleinere SegelFlöße, mit denen man die WasserLinie des PilzBerges Casabones selbst erreichen kann. Da gibt es nur an einer einzigen Stelle einen KletterSteig. Nach der Beschreibung scheint es so ein KletterSteig zu sein, wie wir ihn zum Schluß benutzt haben, als wir auf das Niveau der Toten Stadt abstiegen. Aber die Beschreibung ist ungenau - ich habe den Eindruck, daß Chrwerjat noch nicht selbst dort war und sich auf andere Quellen verläßt.

Auf diesem KletterSteig kann man dreitausend HöhenMeter an der Wand des Pilzes überwinden. Zum Schluß ist das, wegen der überhängenden Neigung der FelsWand, ganz schön schwierig - jedenfalls stelle ich mir das so vor. Ob es irgendwelche Möglichkeiten gibt, sich zwischendurch auszuruhen, erfahre ich nicht. Chrwerjat weiß nichts davon. Was sie noch weiß ist, daß in dreitausend Metern Höhe eine schmale Hängende Straße um den ganzen Berg herumführt - mehr ein hängender Weg. Dieser Weg hat eine Länge von 15 KiloMetern, weil der Pilz dort schon einen DurchMesser von 5 KiloMetern hat. Er dient dazu, alle überhängenden Flächen des Pilzes zu inspizieren, ob nicht irgendwo heimlich ein weiterer Hängender Weg durch Gefangene gebaut wird. Allerdings sind die Gefangenen noch nie auf die Idee gekommen, ein solch aufwendiges Unternehmen zu ihrer Flucht in die Wege zu leiten. Jedenfalls ist nichts dergleichen bekannt geworden.

Der weitere Weg nach oben, auf die OberFläche des Pilzes, ist ein Stollen, der mit vielerlei SperrEinrichtungen gesichert ist. Einzelheiten weiß Chrwerjat nicht, auch nichts von AusSehen und Größe des Forts an der Stelle, wo dieser Stollen die OberFläche des Pilzes erreicht.

Jedenfalls sei eine Flucht von diesem Berg völlig unmöglich, belehrt sie mich. Ein Sprung von der Kante würde nach fünf KiloMetern Fall auf das Wasser oder auf die Felsen absolut tödlich sein. Ein Seil von der nötigen Länge und Haltbarkeit könnten sich die Gefangenen mit ihren Mitteln nicht herstellen. Und außerdem werde der Berg ja ständig ganz genau beobachtet.

Ich beobachte den Berg jetzt auch ganz genau, weil ich den Hängenden Weg rund um den Pilz herum sehen will. Aber es scheint sich um eine sehr sparsame Einrichtung zu handeln. Ich kann nichts finden. Vielleicht, wenn wir näher dran sind.

Ein unangenehmer Gedanke beschleicht mich: Sollen wir da auch hin? Schließlich sind wir Gefangene. Logisch wäre es. Andererseits hatte ich den Eindruck, daß die Kommandantin uns nach Grom bringen will.

Wir werden es abwarten müssen.


        20.1    Anschiß


Während wir mit Chrwerjat sprechen, taucht Charmion auf dem VorSchiff auf. Sie ist, zur Abwechslung, vollständig angezogen, und sie trägt nicht nur ein Schwert, sondern auf völlig überflüssigerweise einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen. Ich sehe ihr die schlechte Laune deutlich an. Sie möchte uns irgendwie ärgern, weiß aber noch nicht, wie. Vielleicht sollte man ihr zuvor kommen. Aber wie?

Da Charmion sich nicht direkt an uns herantraut, sucht sie sich ein anderes Opfer. Sie entdeckt es auch sogleich - nicht weit von uns entfernt ist ein Mann der Besatzung dabei, einige Rollen TauWerk auseinander zu sortieren und als saubere Rollen aufzustapeln. Diese Taue haben sich bei irgendwelchen DecksArbeiten gründlich verheddert, und der Mann hat Mühe, diese Seile zu entflechten. Plötzlich steckt zwischen seinen Händen ein Pfeil in dem ungeordneten SeilHaufen.

Charmion schultert den Bogen wieder und tritt vor den Mann, der in Bewegungslosigkeit verfallen ist.

"Was ist denn das für ein DreckHaufen?" fragt sie.

Der Mann setzt mit Erklärungen an, wieso die Taue sich verheddert haben, aber Charmion läßt ihn nicht ausreden. Ich trete näher heran, um mir das anzuhören, und Irene und Chrwerjat folgen mir.

Charmion nimmt eine der sauber aufgerollten Rollen auf und rollt sie mit einem Schwung quer über das Deck.

Die Rolle kommt nicht weit, bevor sie sich völlig zerlegt. Aber weit genug: Cherkrochj hat soeben, vom seitlichen Niedergang des oberen Geschoßes des DecksHauses komment, das Deck betreten. Die Reste der TauRolle zerlegt sich genau vor ihren Füßen. Sie fällt deshalb zwar nicht hin, aber sie ist gezwungen, still zu stehen. Stirnrunzelnd sieht sie in die Richtung, aus der die Rolle gekommen ist. Dort hat Charmion inzwischen gemerkt, daß sie fast der Kommandantin etwas auf den Fuß geworfen hat.

Cherkrochj tritt näher:

"Was soll das?" fragt sie.

"Dieser Mann," erklärt Charmion, "verknotet Seile bis zur Unbrauchbarkeit."

"Dann soll er es aufräumen." entscheidet Cherkrochj kurz und will sich abwenden. Charmion zieht den Pfeil aus dem KuddelMuddel aus verknoteten Tauen und zieht dem Manne einen Schlag über den Rücken:

"Los. AufRäumen!" befiehlt sie.

Jetzt reicht es mir. Mal sehen, ob wir die Hierarchen dieses Schiffes noch etwas gegeneinander aufbringen können.

"Kommandantin," sage ich laut und vernehmlich im Xonchen-Dialekt, "diese Frau ist dabei, diesen Mann an seiner Arbeit zu hindern. Muß das sein?"

Eisiges Schweigen. Jeder in HörWeite hat aufgehört zu arbeiten. Etwas ungeheuerliches ist passiert. Ein Mann hat eine Frau kritisiert. Was wird jetzt geschehen? Wird der Kritiker sofort erschlagen? Ich bin mir ziemlich sicher, daß mir das Schicksal erspart bleibt.

"Kommandantin," fahre ich fort, "die DienstAuffassung der Charmion ist überhaupt etwas merkwürdig. Charmion, gibt es da nicht etwas, was Sie erzählen wollen?"

Es gibt in der Xonchen-Sprach nicht die Anrede 'Sie'. Förmlichkeit ist eine Sache des TonFalls. Denn habe ich wohl deutlich genug hingekriegt.

Das Schwert der Charmion ist blitzschnell draußen. Ein schwirrender, glänzender Bogen in der Luft, dann ein funkenziehendes Klirren nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Charmions Schwert zerspringt, die BruchStücke schwirren gefährlich durch die Luft, aber keiner von uns wird getroffen.

Cherkrochj hat den Hieb von Charmion, der mich in zwei Teile zerteilen sollte, gerade noch gestoppt. Viel hat aber nicht mehr gefehlt. Mir wird schlecht, als mir das klar wird.

"Bist du denn wahnsinnig?" höre ich Irenes atemlos flüsternde Stimme. Sie wird sofort von dem schneidenden Ton der Stimme Cherkrochjs unterbrochen:

"Wenn jemand die Gefangenen tötet, dann bin ich es. Verstanden?"

Charmion hat verstanden. Sie läßt den nutzlos gewordenen SchwertGriff fallen.

Cherkrochj wendet sich an mich: "Was ist passiert?"

Trotz meiner weichen Knie schildere ich in möglichst entschlossenen Worten den Vorfall von gestern abend. Ich mache die Tölpelhaftigkeit, mit der sich Charmion das Schwert hat abnehmen lassen, besonders deutlich. Charmion steht dabei und sagt kein Wort.

"Habe ich irgend etwas vergessen, ungenau oder verfälscht gesagt?" frage ich zum Schluß, mich direkt an Charmion wendend. Sie schüttelt den Kopf. Sie denkt vielleicht daran, zu leugnen. Aber da ist noch Irene, die Zeuge des ganzen VorFalles war. Und Irene ist auch eine Frau und damit glaubwürdig. Es stände ungünstig für sie.

Cherkrochj überlegt. Eine schwierige Situation. Man kann nicht einfach einen Offizier vor allen MannschaftsDienstgraden heruntermachen, ohne die Disziplin zu gefährden. Aber die Sache mit dem entwendeten Schwert kann man auch nicht so einfach auf sich beruhen lassen.

"Was ist mit diesen Seilen?" fragt sie. Ich erkläre kurz, was ich beobachtet habe.

"Es stimmt, was er sagt." pflichtet Chrwerjat bei. Auch Irene nickt. Der Mann ist rehabilitiert, Charmion steht doppelt überführt da.

"Räum die Seile auf!" befiehlt Cherkrochj dem Mann, und zu Charmion: "Du kommst mit."

Dann gehen sie. Was wird das jetzt? Anschiß unter vier Augen?

Wir gehen wieder weiter nach vorne auf das VorSchiff, auch um den Mann von unserer Gegenwart zu befreien. Ob ihm klar ist, wie nahe er am Tod war oder vielleicht noch ist?

"Was passiert mit ihr?" frage ich Chrwerjat.

Sie weiß es nicht. Solche VorFälle wie diese eben sind noch nicht vorgekommen. Außerdem wird eine MaßRegelung und die daraus resultierenden Folgen nicht unbedingt jedem mitgeteilt. Deshalb bleiben uns nur fruchtlose MutMaßungen.


        20.2    SchärenNavigation


Um 2 Uhr morgens sind wir im SchärenGebiet. Ich muß Cherkrochj bewundern, wie sie die engen DurchFahrten mit diesem schwer zu manövrierenden Schiff schafft. Eine Strandung wäre bei dem schwachen Wind zwar nicht unbedingt gefährlich, aber unter ungünstigen Umständen könnte es aufwendig werden, das Schiff wieder flott zu kriegen.

Wir bleiben auf dem VorSchiff, auch Chrwerjat, die, wenn auch jetzt nicht mehr sehr konzentriert, den SprachUnterricht fortsetzt. Es ist mehr eine Art Smalltalk. Das erfüllt natürlich auch den Zweck. Und unserer weiterer Aufenthalt auf dem VorSchiff sollte uns allen viel Ärger ersparen.

Während wir nämlich müßig die vorbeiziehenden Inseln betrachten, fällt mir, auf der relativ breiten DurchFahrt, die wir im Moment befahren, ein DoppelWirbel auf, vielleicht dreihundert Meter vor dem Schiff. Und wir fahren genau drauf zu! Cherkrochj sieht es nicht, da stehen ihr Segel im Wege, und der AusGuck sitzt im Moment wohl auch auf den Augen, denn er oder sie meldet nichts, obwohl es aus dem KrähenNest doch noch viel deutlicher zu sehen sein muß. Irre ich mich?

Ich springe zur Seite, so, daß Cherkrochj mich vom mittleren MastHaus aus sieht. Mit wilden Gebärden versuche ich ihr, klarzumachen, daß sie nicht weiter geradeaus fahren darf.

"Links, links!" rufe ich im Xonchen-Dialekt. Da ist noch genug Platz zwischen der Untiefe und dem Ufer der nächsten Insel. Rechts wäre auch noch Platz, aber das Xonchen-Wort für 'rechts' ist wesentlich schwerer auszusprechen, außerdem kann ich Wörter, die nur noch aus Konsonanten bestehen, nicht laut schreien. Wer das nicht glaubt, sollte das Alphabet nehmen, alle Vokale herausstreichen, die restlichen Konsonanten gut durchmischen und über das Thema vor dreitausend Leuten eine Rede halten.

Cherkrochj hat verstanden und folgt mir: Das Schiff schwenkt träge herum. Wenig später zieht die Untiefe an unserer rechten Seite vorbei, deutlich zu erkennen. Auch Cherkrochj muß jetzt sehen, daß ich recht hatte.

Der AusGuck wird hörbar herunterbefohlen, und jemand anderes steigt hinauf.

"Sieh mal!" sage ich zu Irene, "wer ist denn das?!" Rhetorische Frage. Es war Charmion, die als AusGuck kurzfristig eingeteilt worden war und die die Untiefe nicht gemeldet hat.

"Jetzt muß sie sich warm anziehen." sagt Irene befriedigt.

"Ja. Jetzt ist sie reif. Zuviel in zu kurzer Zeit." denke ich laut nach, "Aber ich will nicht, daß sie getötet wird!"

"Warum denn nicht?" fragt Irene verwundert, "Sie gefällt dir wohl?"

"Mag sein, daß mein UnterBewußtsein auf ihr bloßes AusSehen fliegt. Aber sie ist eine völlig unerotische Erscheinung, wenn man sie näher kennt." stelle ich achselzuckend fest, "Aber auf was ich hinaus will ist etwas anderes. Die macht Fehler. Die wird noch mehr Fehler machen. Zu impulsiv. Zuviele Entscheidungen aus einer augenblicklichen Laune heraus. Wir brauchen sie deshalb als KontrastProgramm zu uns selbst. Das ist für uns ein GlücksFall. Deshalb darf sie nicht sterben."

Irene zweifelt daran, aber ich mache mich auf den Weg ins mittlere MastHaus. Ich muß die Kommandantin sprechen.


        20.3    Beförderung


Cherkrochj scheint zuerst ungehalten, als ich zu ihr ins MastHaus trete. Meine Bitte, Charmion nicht zu bestrafen, versetzt sie jedoch in baßes Erstaunen.

Während sie dennoch konzentriert den Weg durch die Inseln weitersteuert, schickt sie die Frau an ihrer Seite - sie heißt, glaube ich, Chibargch und ist mir noch nicht besonders aufgefallen - weg, um Charmion zu holen. Eine Weile sagen wir nichts, und ich versuche, die teilweise abgedeckte Mechanik der Übertragung für die RuderWirkung zu verstehen. Es scheint sich um einen SeilZug zu handeln, was eigentlich naheliegend ist. Ich muß irgendwann einmal nachsehen, wo dieser SeilZug zwischen diesem RuderHaus und dem Ruder verläuft.

"In Ihrer Welt sind Männer anders." stellt Cherkrochj fest. Es war mehr eine Frage.

"Ja." sage ich, "Es gibt kaum gesellschaftliche Unterschiede zwischen Mann und Frau. Früher wurden Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt, aber das hat sich im Laufe der Zeit gegeben."

Das ist eine grobe VerEinfachung, was ich ihr damit erzähle, aber wir wollen jetzt keine Erbsen zählen. Außerdem ist jetzt nicht der Platz für ausgedehnte gesellschaftspolitische Erläuterungen.

"Tatsächlich?" fragt Cherkrochj. Sie läßt nicht erkennen, ob sie mir glaubt oder nicht. Sie schweigt wieder eine Weile.

"Sie wissen, daß wir immer noch nicht überzeugt sind, daß es Ihre Welt wirklich gibt, so, wie Sie es erzählen. Andererseits - alles, was sie darüber erzählen, ist so vollständig in sich schlüssig. Sie können es sich nicht alles ausgedacht haben!"

"Doch, das kann ich schon!" entgegne ich, und krame dann weiter alle meine Xonchen-Kenntnisse zusammen: "Wir haben professionelle GeschichtenErzähler. Man nennt sie SchriftSteller, weil sie ihre Geschichten aufschreiben. Dabei müssen diese Geschichten in sich stimmig sein, damit man nicht sofort merkt, daß es sich um eine Geschichte handelt. Und mit so einer Geschichte denkt sich ein SchriftSteller ja immer eine Welt aus. Die muß stimmen. Die muß möglich sein. Also, wenn ich es darauf anlegte, dann könnte ich mir schon eine Welt ausdenken."

"Sie sind SchriftSteller?"

"Nein, wieso?"

"Weil Sie von sich selbst behaupten, daß sie sich eine Welt ausdenken können, wenn sie es nur versuchten."

"Ich habe mal Geschichten geschrieben, das ist richtig. Aber ich verdiene meinen LebensUnterhalt nicht mit der SchriftStellerei."

"Aha."

Ob es das Konzept 'den LebensUnterhalt verdienen' bei den GranitBeißern so überhaupt gibt, und ob ich es in der Xonchen-Sprache überhaupt richtig ausgedrückt habe, erfahre ich nicht. Es ist immer wieder dieselbe Beobachtung: Zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen kann man auch bei guter Kenntnis aller beteiligten Sprachen kaum Konzepte vermitteln, ohne daß sie bei dem bloßen Versuch eine Änderung erfahren. Zu sehr reflektiert eine Sprache Kultur und Mentalität der Menschen, die sie benutzen. Sogar zwischen Deutsch und Englisch gibt es solche feinen Unterschiede, die einem aber erst nach langern Jahren auffallen. Man merkt es immer dann, wenn man versucht, eine komplexe ArgumentationsKette, die man in der einen Sprache schon oft dargestellt hat, auch in der anderen Sprache zu machen. Plötzlich geht es nicht mehr. Es hakt. Nicht, weil einem die Worte fehlen, sondern weil die der Sprache eigenen semantischen GrundMuster nicht mehr mitmachen. Und die semantischen Unterschiede zwischen Deutsch und Xonchen sind viel größer als die zwischen Deutsch und Englisch.

Chibargch betritt wieder das mittlere MastHaus. Charmion folgt ihr. Sie steht mit gesenktem aber trotzigem Blick da. Bissig. Unterdrückte AngriffsLust. Ich spüre die aggressive Vitalität dieser Frau.

"Charmion," sagt Cherkrochj, "dieser Mann hat sich für dich eingesetzt. Verstehst du das?"

Charmion sagt nichts.

"Möchten Sie sie haben?" fragt Cherkrochj mich schließlich.

"Als was?"

"Als Gespielin?"

Ich ahne, was Cherkrochj meint. Charmion weiß es. Sie wird rot vor Scham. Einem Mann als subordinierte Gespielin angedient zu werden ist für eine Frau in dieser Welt offenbar eine schlimme Schmach. Der Begriff 'Gespielin' ist an sich stigmatisiert. Ein Mann kann 'Gespiel' sein, aber nicht eine Frau. Eine Frau entscheidet, wann und mit wem 'gespielt' wird, nicht der Mann. Das ist die kulturelle Gepflogenheit.

"Nein. Ich will sie nicht. Ich habe meine Frau!" Die Musik in meinen Lenden sagt jetzt zwar etwas anderes, aber das spielt keine Rolle. Sexuelles Verlangen flackert immer und überall planlos auf. Das beweist überhaupt nichts.

"Ich habe auch nicht angenommen, daß es das ist." stellt Cherkrochj fest. Sie überlegt eine Weile, während sie immer noch konzentriert am SteuerRad dreht. Dann:

"Ich habe folgendes beschlossen. Dieser Mann, Herwig - so heißen Sie doch? - tritt in die Pflichten und Stellung von Charmion an Bord ein. Charmion wird ihm als persönlicher Berater zugeordnet. Sie werden vorne und achtern mit Cherwig angeredet - das ist für unsere Zungen leichter. Chibargch, machen Sie das auf dem Schiff bekannt!"

Sie nickt mir zu: "Zufrieden?"

"Aber ich verstehe nichts von den Dingen an Bord, weil ich ..."

"Charmion wird es ihnen beibringen. Sie gehorcht Ihnen ab jetzt. Ach ja, Charmion: Bringen Sie ihm ein Schwert aus der ZeugKammer. Sein Schwert!"

Charmion tritt ab, und ich habe auch das Gefühl, daß ich entlassen bin. Ich nicke Cherkrochj kurz zu, bevor ich gehe, aber sie sieht gar nicht in meine Richtung. Wenn sie eine Unterredung beendet, dann ist das der Förmlichkeit genug.

"Wie war es denn?" fragt Irene, als ich wieder auf dem VorSchiff bei ihr bin.


        20.4    SchwertÜbergabe


"Du wirst es nicht glauben!" sage ich.

"Was?"

"Schau mal dahin!" Ich zeige auf Charmion, die auf uns zukommt. Sie selbst trägt nur einen SchwertGurt mit leerer Scheide, weil ihr Schwert zerschlagen ist. Aber in beiden Händen trägt sie ein glänzendes, neues Schwert. Sie stellt sich vor mich hin und überreicht es mir. Dabei hat sie einen GesichtsAusdruck, der zwischen Trotz und Ausdruckslosigkeit und EingeschnapptSein schwankt.

"Ich bin befördert. Das ist der Punkt." sage ich zu Irene.

"Zu was?"

"Zu dem, was Charmion vorher war."

"Und was ist das genau?"

"Das herauszufinden wird jetzt meine erste AufGabe sein. Ich glaube, so eine Art untergeordneter SeeOffizier, verantwortlich für einige technische Dinge an Bord, und vielleicht Mädchen für alles. Gefangene vorführen und so."

"Und wie willst du das schaffen?"

"Mit Hilfe meines besonderen, persönlichen Beraters!" stelle ich fest.

"Also ich glaube nicht, daß ich dir da viel helfen kann."

"Du bist sowieso mein persönlicher Berater!" sage ich zu Irene, "Aber ich habe jetzt noch einen bekommen." Dabei deute ich auf Charmion, die abwartend vor uns steht.

"Ach du gute Güte."

"Nicht 'gute Güte'. 'Cherwig' genügt. Ich darf jetzt einen Namen tragen. Ganz offiziell. Cherkrochj hat ihn ein bißchen ins unaussprechliche verwandelt, damit sie ihn hier aussprechen können!"

Ich habe jetzt Gelegenheit, mir das Schwert genauer anzusehen. Bisher ist mir, auch wenn ich kein FachMann für Schwerter bin, schon aufgefallen, daß es verschiedene SchwertTypen gibt. Ich habe leicht gebogene Schwerter gesehen, die vielleicht dem entsprechen, was man sich unter einem 'Samurai-Schwert' oder einem 'Takana-Schwert' vorstellt. Diese Art von Schwertern hat an ihrer Klinge nur eine geschliffene Schneide.

Dieses aber ist ein Schwert mit gerader, breiterer, zweischneidiger Klinge. Die Schneiden scheinen von gleicher Qualität zu sein. Griff, HandSchutz und Klinge sind, so wie es aussieht, aus einem Stück, so daß die Form des Schwertes an ein Kreuz erinnert, wenn man die Klinge senkrecht nach unten hält. Es gibt an Griff und HandSchutz keinerlei Verzierungen und Schnörkel. Es handelt sich um ein rein 'nützlichen', schmucklosen Gegenstand. Die Enden des HandSchutzes und das Ende des Griffes sind knaufartig verdickt. Damit läßt sich das Schwert sicher fassen, und der HandSchutz kann wohl das AbGleiten einer gegnerischen Klinge auf den eigenen Körper zu verhindern.

Daß es verschiedene BauFormen von Schwertern gibt kommt mir seltsam vor. Soweit ich weiß, hat sich in allen Kulturen auf der ErdOberfläche jeweils immer nur eine Form durchgesetzt. Vielleicht fußt die SchwertSchmiedekunst in dieser Welt auf verschiedenen VorBildern?

Die Klinge ist so scharf, daß man sofort weiß, daß es sich nicht um ein SpielZeug handelt. Ich muß zugestehen, daß mich ein merkwürdiges Gefühl der Kraft durchströmt, als ich das Schwert in der Hand wiege.

Aber wohin damit? Etwas hilflos hantiere ich mit dem Schwert herum. Ich bräuchte so einen SchwertGürtel mit Scheide, wie Charmion ihn trägt.

"Wo kriegt man das?" frage ich Charmion in Xonchen.

Sie gürtet sich wortlos ihren eigenen SchwertGürtel ab und legt ihn mir an. Bei ihrer Berührung durchschauert es mich. Daran ändert auch ihr Geruch nichts, der mich zwingt, nur auszuatmen, solange sie mir näher als einen Meter ist. Das Schwert ist schwer in die Scheide einzuführen. Ich habe den Verdacht, daß beides nicht zusammengehört, und daß diese Scheide für schmalere Schwerter gemacht wurde.

Aber Charmion knotet noch verschiedene Schnüre an der SchwertScheide um. Dieses Futeral scheint für verschiedene SchwertTypen verstellbar zu sein, vermute ich. Nach nur wenigen Sekunden Arbeit prüft sie es, indem sie das Schwert noch einmal halb herauszieht. Und siehe da: das Schwert gleitet wie geölt heraus und hinein.

Nun hängt das Schwert sicher an meiner Seite, als wärs ein Teil von mir. Und Charmion steht vor mir. Ohne ihre Waffen wirkt sie fast nackt, so sehr haben wir uns daran gewöhnt, daß die Frauen hier Tag und Nacht bewaffnet rumlaufen.

Ich deute auf die ReelingBalken:

"Charmion, ich möchte, daß du mir erzählst, was du von morgens bis abends machst. Okay?"

Sie nickt und folgt uns. Aber ihr Gang ist anders als früher. Sie wirkt irgendwie gebrochen. Daß sie einem Mann gehorchen muß, das muß für sie eine fürchterliche Strafe sein.

Irgendwie bin ich skeptisch, daß sie diesen Zustand lange dulden wird.

"Sind wir denn jetzt noch Gefangene?" fragt Irene auf Xonchen interessiert. Es ist nicht klar, ob sie mich, Charmion, oder Chrwerjat anspricht.

"Ich fürchte, ja. Nur die AufgabenVerteilung hat sich geändert." antworte ich. Und zu Chrwerjat:

"Wir brauchen wahrscheinlich noch deine Unterstützung, wenn Charmion mich jetzt in ihr ArbeitsGebiet einführt. Ist das in Ordnung?"

Es ist in Ordnung. Auch Chrwerjat ist von der plötzlichen Wendung der Dinge überrascht. Wahrscheinlich sind alle hier von Cherkrochj plötzliche EinFälle gewöhnt. Ich erinnere mich noch genau an den Mann, den sie erst vor wenigen Tagen für nichts und wieder nichts hingerichtet hat. Daß ich mich jetzt in ihrem WohlWollen sonnen darf, das hat überhaupt nichts zu sagen. Das kann morgen schon ganz anders sein. Heute schon, vielleicht.

Das Schiff hat die WasserFläche zwischen dem SchärenRing und der WasserLinie des PilzBerges erreicht. Der Überhang des gigantischen Felsens reicht jetzt weit über unseren StandPunkt hinaus. Während wir mit Charmion reden, treibt das Schiff an den Inseln des SchärenRinges entlang, wobei es nahezu quer zum Wind fahren muß. Das ist natürlich bei seiner BauWeise unmöglich. Es kann, bei dieser RumpfForm, keine Höhe am Wind gewinnen. Wenn es in eine Bucht hineinmanövrieren muß, dann werden wir wahrscheinlich rudern müssen.

Jedenfalls wird noch einige Zeit vergehen, bis wir die Insel mit dem Fort im SchärenRing erreichen.

Charmion ist in der Tat nur ein kleines, wenn auch kompetentes Licht an Bord, erfahren wir. Sie ist eine der jüngsten an Bord und hat eine einflußreiche Mutter in Grom. Das allerdings hilft ihr hier wenig, solange sie bei Cherkrochj in Ungnade gefallen ist.

Ihre technischen AufGaben an Bord beziehen sich auf die AufSicht über Arbeiten an der Takelage und der Besegelung. Eigentlich ist sie für alles nautische Gerät an Bord verantwortlich, aber der FloßRumpf erfordert nicht viel Aufmerksamkeit und Wartung.

Charmion ist früher einmal in bestimmten, soweit ich verstehe sportlichen WettKämpfen besonders hervorgetreten. Dabei hat sie sich eine Reputation als SchwertKämpferin und KampfSchwimmerin erworben. Dann verstehe ich natürlich gut, wie entsetzlich blamabel es für sie war, sich von mir das Schwert abnehmen zu lassen. Und wie gefährlich der VorFall für mich war: Wenn sie etwas aufmerksamer gewesen wäre, dann wäre mir das KunstStück nicht gelungen. Wieder einmal die alte Lektion: Niemals einen Gegner unterschätzen. Ich bin sicher, diese ÜberRumpelung wird ihr auch nie wieder passieren.

Dieses Angreifen des Sauriers unter Wasser vor einigen Tagen in der Schlucht, so erklärt sie, war für sie völlig ungefährlich. Man muß nur aufpassen, daß man nicht zwischen den Körper des Sauriers und das Schiff gerät, oder zwischen Saurier und FelsWand. Letzteres war bei der Breite und Tiefe der Schlucht sowieso unwahrscheinlich, und für ersteres muß man eben aufpassen, daß man unter Wasser nicht die Orientierung verliert. Sowie man in der AugenHöhle des Tieres einen festen Halt gefunden hat, muß man schnell arbeiten, weil der Saurier in seinen TodesKrämpfen ohne weiteres noch den eigenen Kopf zerschlagen kann, und natürlich alles, was da dran hängt. Aber ganz ohne Risiko, sagt Charmion, kann man nicht einmal eine EidEchse fangen. Jedenfalls sah sie die ganze Angelegenheit mehr als einen Sport an, wenn auch einen sehr nützlichen Sport, denn auf diese Weise hatte man ja einen zweiten Saurier erlegt.

Ich sehe ihr an, daß sie zwischen dem Wunsch, mir manche Dinge zu verschweigen und dem strikten Befehl, mir alles zu sagen, schwankt. In ihrem Alter - es müssen etwa 22 Jahre sein, finde ich heraus - sieht man manche Dinge noch so strikt, hat noch so sichere AusSagen über die Welt, über das, was recht ist und was nicht. Daß sie jetzt einen Gefangenen männlichen Geschlechtes als Vorgesetzten bekommen hat, ist ihr gar nicht recht. Aber ich frage weiter.

Nautische Dinge. Navigation. SegelTechnik. ManövrierTechnik. Ich frage sie, wie man mit einem SegelSchiff Höhe am Wind gewinnt.

Sie sieht mich an, als ob ich bekloppt wäre. Höhe am Wind? Das Konzept habe ich ihr schon klar gemacht. Höhe am Wind gewinnen heißt, ein Schiff gegen den Wind zu steuern. Das geht nicht. Man wartet ab, bis der Wind in die gewünschte Richtung weht, und bloß, weil das in den letzten Tagen meistens der Fall war, sollten wir nicht denken, daß das die Regel ist. Ein großer Teil der SegelKunst sei doch der, zu entscheiden, wann und wie lange man vor Anker liegen muß, um auf günstigen Wind zu warten, und das Wetter zu beobachten, um herauszufinden, wann das so weit sein wird. In anderen Gebieten hingegen gibt es vorherrschende Winde, die sich sehr selten ändern, und die man eben kennen muß. Wenn man einige solche 'WindStraßen' kennt, dann kann man diese auch sehr gut in eine feste KursPlanung mit einbeziehen.

Ich bin kein Segler. Aber so ein paar rudimentäre physikalische TatSachen über das Segeln habe ich schon begriffen. Mal sehen, ob ich es ihr begreiflich machen kann.

Zunächst frage ich sie über die unterschiedliche Steuerbarkeit eines SegelFloßes wie diesem in Abhängigkeit von der Ladung aus. Chrwerjat und Irene beschränken sich auf das Zuhören.

Charmion weiß, wie jeder, zu dessen regelmäßigen Pflichten die RuderWache gehört, daß ein tiefliegendes Schiff bei gleichem Wind und gleicher Besegelung langsamer ist als ein leeres. Aber sie weiß auch, daß der WinkelBereich der möglichen Kurse etwas größer ist.

Ich frage sie, ob sie wohl eine Idee hat, woher das kommen könnte.

Ihre Erläuterungen sind unklar, aber es geht wenigstens daraus hervor, daß sie die Ursache in der verschieden tief eintauchenden BordWand vermutet.

Damit liegt sie ja gar nicht so falsch. Ich frage Chrwerjat, ob sie mir das Papier holen kann, das wir beim SprachUnterricht benutzen.

"Irene," sage ich zu meiner Frau in Deutsch, "das ist der nächste Schritt am Aufbau unserer Reputation. Du bist nicht vertraut mit der Segelei, nicht wahr?"

Irene verneint es, und in wenigen Worten erkläre ich ihr, was ich vorhabe.

Es ist schön, wenn man gelegentlich sogar die bewundernden Blicke der eigenen EheFrau auf sich ruhen fühlt. Meistens wird man ja innerehelich nur kritisiert, wie jeder EheMann bestätigen kann.

Chrwerjat kommt zurück und gibt mir das ZeichenZeug. Sie ist auch neugierig, das sehe ich ihr an.

Ich komme gleich zur Sache. StrömungsDiagramme um einen Körper, um erst einmal das Konzept meiner zeichnerischen Darstellung zu erläutern. Charmion und Chrwerjat begreifen das ohne weiteres. Solche Darstellungen einer Strömung mit einem Feld von Pfeilen haben sie zwar noch nie so gesehen, aber jemandem mit technischen Verständnis sind solche Graphiken sehr schnell eingängig. Ich vermute sogar, daß sie schneller begreifen als Irene. Warum auch nicht, die Konstruktion und FunktionsWeise von Segelschiffen hat nie zu Irenes beruflichen AufGaben oder privaten Interessen gehört.

Nun stelle ich Segel dar. Gerade Anströmung, schräge Anströmung, resultierende KraftVektoren. Die beiden GranitBeißer-Frauen nicken. Kein Problem.

Ein Schiff drunter, quer zum Wind, die RahSegel werden fast tangential angeströmt. KraftVektor nach vorne. Gut? Gut. Das Schiff bewegt sich fast senkrecht zum Wind. Aber nur fast, denn Masten und AufBauten haben auch noch einen WindWiderstand. Es gelingt nicht, einen resultierenden KraftVektor zu erzeugen, der mit der WindRichtung einen Winkel von neunzig oder mehr Grad bildet, selbst, wenn das Schiff nur noch aus SegelFläche bestände.

Nun setze ich meinen Kiel unter das Schiff. Ich beschreibe ihn einfach als eine Art 'hartes Segel' unter Wasser. Geht natürlich nur in tiefem Wasser.

Was passiert? Das Schiff könnte nur unter großem KraftAufwand in seitlicher Richtung getrieben werden. Wenn man jetzt den Bug des Schiffes noch einige Dutzend Grad in den Wind dreht, und wenn man die Rahen so dreht, daß der KraftVektor mit der SchiffsAchse einen Winkel bildet, der kleiner als neunzig Grad sein muß, dann erhält man eine Bewegung in Richtung der SchiffsAchse. Die Kraft auf den Kiel und die Kraft auf die Segel summieren sich zu einem KraftVektor, der mit der WindRichtung einen Winkel von mehr als neunzig Grad bildet. - Die WindKraft allein kann es nicht. Aber zusammen mit der durch den Kiel erzeugten Kraft geht es.

Ich sehe es den beiden Frauen an. Es dämmert. Sie beginnen zu begreifen.

Der Rest ist Manöver. Auf dem letzten Blatt zeichne ich Kurse ein. Wie kreuzt man gegen den Wind? Natürlich kann man mit der Methode nicht genau gegen den Wind fahren. Aber man will ja von einem Ort zum anderen kommen, und ob man dies in einer ZickZack-Linie tut, oder auf geradem Wege, ist relativ gleichgültig, solange man überhaupt dahin kommt wo man hinkommen will.

Es hagelt EinWände. So ein Kiel, fragt Chrwerjat, der wäre doch in flachem Gewässer sehr störend? Dieses Schiff muß häufig flache Gewässer befahren.

Natürlich, erkläre ich ihr. Ein Schiff wie dieses bräuchte einen Kiel, den man entfernen kann. Ich demonstriere es mit meinem Schwert. Raufziehen - Kiel ist weg - runterlassen - Kiel ist wieder da. Wie es der Zufall will nennt man solche Kiele in der Segelei auch 'Schwerter', und ich führe bei der Gelegenheit dieses neue FachWort für diesen Zweck ein.

Für einige Minuten hat Charmion vergessen, daß sie gedemütigt worden ist und noch immer gedemütigt wird. Sie diskutiert mit Chrwerjat die Implikationen dieses Konzeptes, und bei der Gelegenheit erfahre ich, wie schnell man in der Xonchen-Sprache sprechen kann. Sie fragen mich alle möglichen Dinge, Fragen, die man unter den hiesigen Bedingungen erst experimentell ermitteln müßte: Aus welchem Material baut man so ein Schwert? Wie groß muß es sein? Mit welcher Mechanik kann man es herauf- und herunterlassen? Geht das bei einem SegelSchiff jeder Größe? Was ist, wenn in einer engen WasserStraße zu wenig Platz zum Kreuzen ist?

Plötzlich ertönt ein KommandoTon vom mittleren MastHaus. Cherkrochj hat die Erregung der kleinen Gruppe auf dem VorSchiff bemerkt. Sie muß mal wieder beweisen, wer die Chefin ist. Es ist, wie ich dachte: Das Licht ihres WohlWollens kann sich jede Sekunde verdunkeln.

Wir sind in der Nähe des Forts angekommen. Aber wie zur Demonstration der GegenWind-Problematik kann das Schiff nicht in die Bucht des Fort einfahren, weil es dazu nach Süden fahren müßte. Wir müssen also sehr weit draußen vor der Insel, auf der das Fort ist, ankern. Dazu müssen auch die Segel eingeholt werden. Das ist die Pflicht des SegelWartes.

Und das bin ich.

"Charmion!" sage ich, leise und dringend zu ihr, "Was muß ich jetzt tun?"

In der Euphorie über die neuen Möglichkeiten hat sie fast vergessen, daß sie mir gram ist. Sie sagt mir vor. Ich rufe auf Xonchen das Äquivalent "Alle Mann an Deck!", und dann schicke ich sie alle nach oben. Es geht problemlos - die Männer verstehen ihre Arbeit. Aber es dauert natürlich eine ganze Weile, bis diese große Menge SegelTuch eingerollt worden ist.

Niemand nimmt daran Anstoß, daß ich die Kommandos erteile. Die Nachricht von meiner Beförderung muß längst überall an Bord umgelaufen sein. Ich kann aber nicht erkennen, wie diese Nachricht allgemein aufgenommen worden ist.

Derweil haben wir Gelegenheit, die Insel des SchärenRinges, auf der das Fort sein soll, genau anzusehen. Wir sind vielleicht achthundert Meter von ihrem Ufer entfernt, und es sind kaum Einzelheiten zu erkennen. Zwei SteinTürme ragen hinter einem niedrigen FelsRücken hervor, und rechts und links von diesen Türmen sieht man einige BaumSpitzen. Die SteinTürme haben dunkle Fenster - oder SchießScharten? - und ein HolzDach. Niemand ist zu sehen. Das ist nicht genug, die Größe und BauForm dieses BauWerkes abschätzen zu können.

Hinter einer LandZunge der Insel ist MastWerk zu sehen. Da ankern Schiffe, die dem unserem ähnlich sind, wenn auch kleiner.

Das alles, und wir selber, werden überragt von dem gewaltigen Schirm der GefängnisInsel. Die Beleuchtung fällt hier jetzt diffus schräg ein, denn von den FelsWänden der GefängnisInsel und ihren Überhängen über uns geht natürlich kein Licht aus.

"Was passiert jetzt?" frage ich Chrwerjat.

"Sie werden mit einem der Schiffe kommen und Fleisch an Bord nehmen."

"Ach so."

Chrwerjat hat noch einen Hinweis:

"Diese LadeGeschäfte werden vom DecksOffizier überwacht und geleitet."

"Und wer ist das?"

Chrwerjat und Charmion sehen mich seltsam an. Und da weiß ich, wer es ist.


        20.5    Defloration


Ich lasse mich von Charmion instruieren, was da zu tun ist. Es sieht so aus, als ob das Fleisch einfach von einem Schiff auf das andere rübergetragen wird. Der LadeOffizier hüben muß darauf achten, daß durch die Entladung keine Asymmetrie in der LastVerteilung entsteht, und drüben, auf dem anderen Schiff, wird jemand genauso aufpassen, daß es symmetrisch beladen wird.

Das ist zwar einfach, sagt Charmion, aber verantwortungsvoll. Man kann ohne weiteres dieses Schiff zum Kentern bringen, indem man nur die Ladung an einer Seite abräumt. Aber Cherkrochj, so belehrt sie mich, legt natürlich nicht nur Wert darauf, daß das Schiff nicht kentert. Nein, die Masten sollen bis zum Schluß und die ganze Zeit des LadeGeschäftes über kerzengrade stehen. Ein kränkendes Schiff, wie sieht denn das aus? Das ist keine Empfehlung für die Kommandantin.

Wir haben noch einige Zeit, bis das andere Schiff ankommen wird. Ich gehe mit Charmion ins DecksHaus, in die LagerRäume. Im WehGehen sehe ich, daß Irene und Chrwerjat miteinander reden. Irgendwie fällt mir das Wort 'Klatsch' ein. Reichen Irenes SprachKenntnisse dazu schon? Na wenn schon, auch das erfüllt ja für das SprachenLernen seinen Zweck.

Die Diskussion über die Kunst, mit einem SegelSchiff Höhe am Wind zu gewinnen, ist jetzt schon wieder vergessen. Das FleischVerladen ist dringender.

Ein immenser Gestank empfängt mich im ersten LagerRaum, der durch eine der seitliche Türen im DecksHaus, durch die ich noch nie geschaut habe, erreichbar ist. Er ist bis zur Decke mit den FleischFladen der beiden Saurier gefüllt. Nur in der Mitte lassen die StapelHalden einen schmalen Gang frei, kaum fünfzig ZentiMeter im DurchMesser. Ich glaube, nicht mehr atmen zu können, aber Charmion macht der Geruch offenbar nichts aus. Sie geht vor mir in diesen schmalen Gang hinein und ich folge ihr. Wir müssen vorher unsere Schwerter zur Seite legen, weil der Gang so eng ist. Hinter uns fällt die Tür wieder zu - als ob die frische Luft sich absichtlich von diesem Raum fernhielte! Es ist dämmrig, weil kaum Licht durch die Tür und die Ritzen in der Wand hereinkommt.

"Können sich die Träger hier überhaupt noch bewegen?" frage ich. Wahrscheinlich ist das das Problem der Träger, die wir einteilen werden. Aber wenn die sich gegenseitig auf die Füße treten, dann wird das LadeGeschäft dadurch auch nicht schneller.

Charmion dreht sich plötzlich um, tritt einen Schritt zurück und drängt sich mit einer flinken Bewegung zwischen mich und die Wand aus Fleisch hinter ihr. Wir sind eingeklemmt, jeder mit dem Rücken zur einer Wand, wir Brust an Brust und Bauch an Bauch und Schenkel an Schenkel.

"Was soll d..." frage ich und blicke Charmion aus nächster Nähe in die Augen. Ich spüre die Hitze ihres Körpers überall, die hohe KörperTemperatur der GranitBeißer, die einem natürlich nur bei direktem KörperKontakt wie jetzt auffällt.

Sie ist kaum wiederzuerkennen. Das ist Gier, würde ich sagen, oder Verlangen. Sie will und sie weiß, daß sie will, und sie weiß, daß sie wird. Sie ist überall naßgeschwitzt, ihre Haare sehen ungewaschen und verfilzt aus, aus dieser Nähe noch mehr, aber der Gestank in diesem Raum überdeckt jede ihrer eigenen AusDünstungen.

Ihre LederJacke ist weit geöffnet, hat aber bei der Enge nicht die Möglichkeit, ihr vollständig von den Schultern zu rutschen. Ihr Busen mit den vollständig erigierten Warzen wölbt sich gegen mich, nimmt mir fast den Atem, wenn der Gestank das nicht sowieso schon täte. Sie biegt die LederStreifen ihres Rockes nach oben und presst ihr nacktes, naßes und heißes Geschlecht an meines, nachdem sie mit überraschender FingerFertigkeit herausgefunden hat, wie sich der ReißVerschluß meiner Jeans öffnen läßt.

"Ich kann dir alles zeigen, ja? Willst du hier hineinfließen?"

Ich weiß nicht, ob sie meine neuen Pflichten als LadeOffizier meint oder ihren Körper, den sie mir zeigen will. Letzteres ist eher unwahrscheinlich, denn gesehen habe ich an ihr schon alles. Vielleicht heißt zeigen 'fühlen lassen'? Plötzlich nehme ich, trotz des Gestanks in diesem Raum, den Duft ihrer Bereitschaft wahr.

Es geht zu schnell, ich habe nicht die Spur der Möglichkeit einer GegenWehr. Das muß dir passieren, denke ich noch, aber es passiert schneller, als ich es denken kann. Ihre geschickten Finger fummeln mich in sie hinein, kaum, daß ich die notwendige Erregung zustandegebracht habe, und ich bekomme einen Eindruck von ihrer hohen KörperkernTemperatur. Es ist kaum zum AusHalten. Sie reißt die Schenkel hoch und wird, wie ein KaminKletterer, nur von mir und der Wand hinter ihr gehalten. Naja, eine etwas merkwürdige Art von KaminKletterei. Sie teilt sich, immer weiter, und sie umgibt mich, sie zieht mich tief in sich hinein, so, als wolle sie mir den MittelPunkt der Welt zeigen, den heißen MittelPunkt der Welt, der da irgendwo in ihrem Körper und sonst nirgendwo ist. Ich wehre mich immer noch gegen die Vorstellung, daß er da tatsächlich sein könnte. Aber jetzt ist er tatsächlich dort, denn was ich mir vorstelle und was jetzt geschieht, das entscheide ich nicht mehr rational.

"Es wird gut. Ich mache alles. Du sagst, was du willst, und ich mache alles, ja?"

Wieder diese DoppelBedeutung. Sie reitet wild auf und ab, hält sich aber geschickt in der richtigen Position. Als ob sie viel Übung darinnen hat, sich in dieser Stellung, hier, in den FleischLagerräumen, so nehmen zu lassen. Der Rhythmus ist wie der Rhythmus der Welt, der Wellen und der UrwaldTrommeln, und diese Trommeln hallen überall in uns wieder und ich bin dem wirklichen MittelPunkt der Welt jetzt und hier in dem schönen Körper dieser MenschenFresserin so ganz nahe.

Sie bekommt ihren Orgasmus. Und dann noch einen. Und noch einen. Oder ist es ein einziger, der nur solange dauert? Ich weiß es nicht. Ich brauche wenig dazu zu tun, obwohl ich natürlich nicht ganz unbeteiligt bin. Aber die notwendige Mechanik geht von ihr aus. Ich spüre, wie ich in ihr irgendwo anstoße, und wie es sich darinnen bewegt, pulsiert und saugt, wie der heiße ErdKern fünftausend KiloMeter unter uns es auch tut, und ich bin wie ein Pflug, der ihr Fleisch aufwühlt, nicht, daß ihre Organe Schaden daran nähmen, denn dieser Pflug muß diese Furche kneten und kneten.

Irgendwann komme ich dann auch, obwohl ich mich, im Vergleich zu ihrem Einsatz, fast noch als Unbeteiligten bezeichnen würde. Nein, das ist nicht richtig - das Stadium der NichtBeteiligung habe ich schon lange hinter mir gelassen. Ich will in sie hinein, und die Welt explodiert in diesem einen Willen. Einen Moment ist der Gestank rundherum vergessen. Und dann kommt sie noch einmal, und nocheinmal, und nocheinmal. Es gurgelt in meinem Hoden, wie es dort noch nie gegurgelt hat, und dann tut es mir weh, und es ist Freude und die Freude fließt von mir zu ihr und von ihr zu mir und immer fort und hin und her.

Endlich ist sie fertig. Mit flinken Fingern bringt sie unsere Klamotten in Ordnung. Gute Logistik. Nach wenigen weiteren Sekunden ist, als ob nichts gewesen wäre. Die Welt kann wieder in senkrecht und waagerecht eingeteilt werden, und es gibt wieder festen Boden, um darauf zu schreiten.

Sie beginnt übergangslos, weitere Erläuterungen zum bevorstehenden LadeGeschäft abzugeben. Ihre Stimme ist fester und selbstbewußter als noch vor wenigen Minuten. Sie hat ihren Sieg gehabt.

Ich kann mich nicht auf das konzentrieren, was sie sagt. Ich habe das erste mal meine Frau betrogen. Und es hat mir Spaß gemacht. Zwecklos, das zu leugnen - ich pflege meine BewegGründe sowieso immer zu analysieren. Mich selbst kann ich kaum belügen. Andere können das - ich nicht. - Ich habe meinen Spaß gehabt, und das war Teil ihres Sieges.

Daß ich dieser Situation kaum entkommen konnte, entschuldigt das etwas? Und ist es überhaupt wahr? Was hätte sie denn machen können, wenn ich mich entschieden genug gewehrt hätte? Einen Offizier des Schiffes, auf dem zur Zeit das WohlWollen der Kommandantin liegt, hätte sie kaum umbringen können.

Aber sie ist stärker als ich. Sie hätte mich auf jeden Fall zwingen können. Irgendwann hätte ich schon mitgemacht, das hat die Natur schon so eingerichtet. Und welche Möglichkeiten habe ich jetzt? Zur Kommandantin rennen und mich über eine Vergewaltigung beschweren?

Unmöglich. Ausheulen ist nicht, bei niemandem. Und Charmion hat das vorher gewußt.

Ich begreife, daß die Karten im MachtSpiel auf dem Schiff recht unübersichtlich gemischt sind. Irene hatte von dem Moment an keine Chance mehr, nicht betrogen zu werden, als ich Charmion das Schwert wegnahm. Ja, vorher noch, die Würfel waren schon vorher gefallen: Als Charmion sich entschloß, ins MastHaus zu uns zu kommen und mich zu zwingen, mit ihr mitzukommen und mit ihr zu schlafen.

Nein, korrigiere ich mich, noch früher: Als ich Irene auf dem FloßRand in die Arme genommen hatte und der vorbeikommenden Charmion sagte 'Das ist meine Frau.' Von da an war es entschieden. Da wurde der Pfeil abgeschossen, der unsere Ehe zerstören sollte. Von mir.

Aber noch ist unsere Ehe nicht zerstört. Noch weiß Irene nichts. Und Charmion wird nichts sagen. Wenn ich auch nichts sage, dann ist es, als wäre nichts geschehen. Irene gegenüber das humanste. Eigentlich.

Allerdings setze ich mit meinem Schweigen gewissermaßen meine UnterSchrift unter den SeitenSprung. Dadurch sanktioniere ich ihn und spreche Charmion frei.

Und Herwig, sage ich mir, gib dich da keiner Täuschung hin: Du weißt, daß Charmion das wieder machen wird, sowie ihr der Sinn danach steht. Es hat ihr gefallen, es hat dir gefallen. Die Illusion, die du dir machen wolltest, daß du nicht daran schuld bist, hätte fast funktioniert. Aber nur fast. Ein Dümmerer als du hätte sich selbst problemlos hinter das Licht führen können.

Ich sehe Charmion an, während sie weiterdoziert. Sie redet geschäftsmäßig. Nichts mehr von dem gefräßigen, kleinen Mädchen, das eben noch unbedingt etwas in ihre Vagina stecken wollte, koste es, was es wolle. Sie weiß, daß sie mich in der Hand hat. Sie kann es immer wieder tun, solange niemand zusieht.

Ihre BrustWarzen stehen immer noch in der Stellung 'unternehmungslustig'. So können wir den LagerRaum noch nicht verlassen. Irene würde es sehen. Sie sieht sowas: Früher hat sie auf einigen Wanderungen immer behauptet, von jeder Frau, die uns zufällig entgegenkam, sofort zu wissen, vor wie langer Zeit diese das letzte Mal gebumst hatte. Ob das stimmte, weiß ich nicht - man kann es sehr schwer nachprüfen. Aber bei Charmion sähe auch ein Laie wie ich deutlich genug, was Sache ist oder vor kurzem Sache war.

Und doch, abgesehen von dieser 'lokal imponierenden peripheren DurchblutungsSteigerung', wie die Mediziner das ungefähr auszudrücken pflegen, wirkt sie wieder unerotisch. Das fettig verlockte Haar fällt mir wieder auf, der durchgehende SchweißFilm, der ihren Körper und jetzt auch Teile von meinem bedeckt. Der MundGeruch, der nur hier drinnen von dem FleischGestank überdeckt wird. Die katzenhafte Gewandheit, die Bewegungen, die nicht Erotik ausdrücken, sondern die gefährliche Geschmeidigkeit einer RaubKatze, wie das Klischee so schön sagt. Es ist nirgends richtiger als hier. Dieser Körper, erinnere ich nur zu deutlich, ist nur der äußeren Form nach Playmate-verdächtig. Sie ißt MenschenFleisch, sie bekämpft Saurier im EinzelKampf, sie turnt gelegentlich völlig schwindelfrei im MastWerk herum, und gelegentlich vergewaltigt sie eben auch. Das ist eine Sache von vielen. Vielleicht für sie nicht einmal die wichtigste.

Wenigstens, denke ich mir, ist sie im Moment nicht darauf aus, mich physisch zu vernichten. Solche Launen kommen bei den GranitBeißern ja vor. Bei allen.

Später am Tag erfahren wir, daß das Schiff heute noch nicht kommen wird, sondern erst nach der nächsten SchlafPeriode. Solange wird das Schiff hier vor Anker liegenbleiben. Deshalb ziehen Irene und ich uns um 8 Uhr zum Schlafen in unser MastHaus zurück.

Irene erzählt vor dem EinSchlafen noch eine ganze Weile einige Belanglosigkeiten aus dem SchiffsKlatsch. Mein Eindruck vorhin war also gar nicht so unrichtig, aber ich höre nicht hin. Ich denke an Charmion. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich den Schweiß zwischen ihren Busen herunterlaufen, bis zu ihrem Nabel und immer weiter. Es ist unerotisch, eigentlich abstoßend, aber die Erregung steigt doch wieder auf. Irene merkt zum Glück nichts davon. Sie hat die PrivatAngelegenheiten von Chrwerjat noch nicht restlos durchkommentiert.

Ihr gefällt der soziale AufStieg. Vielleicht, denkt sie laut nach, ergeben sich doch irgendwann für uns Chancen, wieder nach Hause, wieder in die OberWelt zu kommen.

Vielleicht.


        20.6    MarschBefehl


Um 17 Uhr wachen wir wie geplant auf. Abgesehen davon, daß das Schiff vor Anker liegt, beginnt der Tag mit seiner üblichen Routine. Sogar Chrwerjat kommt kurz nach 18 Uhr, um mit dem SprachUnterricht fortzufahren.

Während des morgendlichen Waschens sehe ich Charmion untätig an Deck herumstehen. Alle Niedergeschlagenheit ist von ihr gewichen. Wenn man sie ansieht, dann käme man nicht auf die Idee, daß sie gestern degraduiert worden ist. Was solls, mir sieht man meine 'Degraduierung' auch nicht an.

Soweit ich weiß, habe ich jetzt keine dringenden Pflichten in meiner neuen Stellung und kann deshalb auch an dem SprachUnterricht teilnehmen. Ich befrage Chrwerjat darüber, aber sie weiß auch nichts Gegenteiliges. Solange das andere Schiff nicht kommt, gibt es nichts zu tun.

Mit dem SprachUnterricht kommen wir nicht weit. Charmion betritt ganz unvermutet das MastHaus. Sie trägt wieder ein Schwert, was immer das bedeuten mag.

Cherkrochj hat neue Pläne, und diese werden uns mitgeteilt. Weil es auf der Fahrt einige Opfer gegeben hat - einige davon schon, bevor wir festgenommen wurden, denn die SaurierJagd ist schließlich nie ungefährlich - ist Cherkrochj auf die Idee gekommen, einige Gefangene von der GefängnisInsel Casabones als Besatzung mitzunehmen. Sie hat diesen Wunsch der FortBesatzung hinübersignalisieren lassen, und von dort ist die Genehmigung eingetroffen. Allerdings müssen wir uns die Leute selbst holen. Zu diesem Zweck hat sie eine Gruppe zusammengestellt: Ich, Charmion, Chrwerjat, Chechmirch und Chmerm.

Ich habe die Führung, Charmion ist angeblich ortskundig, Chrwerjat geht mit wegen eventueller SprachProbleme und weil sie auch eine ganz ordentliche SchwertKämpferin ist, Chechmirch hat Haare auf den Zähnen und VerhandlungsGeschick, was bei den GranitBeißern vielleicht das gleiche ist, und Chmerm ist bis jetzt ganz unauffällig gewesen. Ein paarmal habe ich sie RuderWache gehen sehen, und sie ist fast so jung wie Charmion, ein Mädchen mit einer knabenhaften Figur und kaum angeborener Agressivität. Warum sie mitgeht, weiß ich nicht, aber es sollen wohl insgesamt fünfe sein.

Charmion ist ungewöhnlich gut gelaunt. Eigentlich das erste Mal, daß man ihr unter Zeugen die gute Laune ansieht. Vielleicht aber ist das Unternehmen auch nur nach ihrem Geschmack.

Wir sollen zehn Männer besorgen, sonst nichts. Ganz so viele werden nicht gebraucht, aber ich weiß, warum wir ein paar mehr mitbringen sollen: Einige werden wahrscheinlich zur EinSchüchterung der anderen wegen irgendwelcher Kleinigkeiten in den ersten Tagen auf dem Schiff ganz fürchterlich bestraft werden und dabei möglicherweise ihr Leben verlieren. Allmählich kenne ich die GedankenGänge der GranitBeißer.

Eines der Schiffe vom Fort ist zu uns unterwegs, aber es wird, nachdem Fleisch übernommen worden ist, nicht zum Fort zurückfahren, sondern mit uns an Bord zum Einstieg der GefängnisInsel segeln.

Ich frage, ob Irene mitkommen soll, aber Charmion sagt, wenn Cherkrochj das beschlossen hätte, dann hätte sie es gesagt.

Ich sehe Chrwerjat an, daß ihr die neue Entwicklung der Dinge auch nicht paßt, aber sie fügt sich. Irene ist erschrocken. Bisher waren wir noch nicht ernsthaft getrennt worden.

"Ich bringe das in Ordnung!" sage ich zu ihr. Ich hatte bei meiner letzten UnterRedung mit Cherkrochj ja den Eindruck, daß sie Argumenten durchaus zugänglich ist. Sofort stehe ich auf und verlasse mit Charmion das MastHaus.

Während ich die Wanten herunterklettere, sehe ich vor der Insel mit dem Fort bereits das Schiff, das seinen AnkerPlatz in der Bucht verlassen hat und jetzt vollständig sichtbar ist. Es hat nur wenige Segel gesetzt, aber die sechshundert Meter, die es noch von uns entfernt ist, wird es schnell schaffen.

Ich finde Cherkrochj im großen GemeinschaftsSaal. Sie steht mit zwei weiteren Frauen über Papiere gebeugt. Als sie mich kommen sieht, leistet sie sich eine Spur eines Lächelns.

"Das ist schön, Cherwig, daß Sie so schnell kommen. Manche SchiffsOffiziere lassen sich wesentlich länger bitten!"

Ich sehe nicht zur Seite, aber ich denke, daß dieser Hieb Charmion galt.

"Ja, natürlich komme ich. Ich wollte fragen, ob meine Frau uns auf diesem Unternehmen begleiten kann!"

"Warum?"

"Weil wir zusammengehören. Wir sind zusammen ein besseres Team!"

"Aber Ihre - Frau - ist hier an Bord bestens untergebracht!"

"Sie will aber bei mir sein!"

"Wieso? Der Weg da hinauf ist anstrengend. Sie kann die Zeit weiter zum Erlernen unserer Sprache nutzen. Sie hat es nötig."

"Ja, ich weiß, aber ..."

"Außerdem ist sie zu fett."

"Wie bitte?" Ich glaube, mich verhört zu haben. Ich vergesse immer wieder, wie wenig diplomatisch diese Menschen sind.

"Zu fett. Zu schwer. Sie schafft den Weg hinauf nicht!"

"Meine Frau," sage ich mit scharfer Stimme, "ist nicht zu fett. Vielleicht ein bißchen übergewichtig, aber nicht fett. Und den Weg hier hinunter in diese Welt hat sie auch geschafft, also wird sie auch da hinauf gehen können!"

"Sie bleibt hier!" sagt Cherkrochj mit kalter Stimme.

"Der Weg hier herrunter war weiter als alles, was jemand von eurem Volk jemals vollbracht hat!"

"Sie bleibt hier!"

"Aber sie kann doch ..." Ich breche ab, weil ich sehe, wie Cherkrochj ihre Hand an den Griff ihres Schwertes legt. Sie sagt nichts, und ich halte auch meinen Mund. Hilflos sehe ich zur Seite. Charmion steht neben mir, mit einem maskenhaft ausdruckslosen Gesicht.

Flüchtig denke ich daran, daß ich auch ganz beiläufig mein Schwert greifen könnte. Aber ich fürchte, daß das, was mir einmal bei Charmion mit einem ÜberraschungsEffekt so glänzend gelungen ist, sich kaum wiederholen läßt. Hier sind alle flinker mit der Waffe als ich. Da sollte ich mich in gar keine Illusionen versteigen.


        20.7    EinKleidung und Trennung


"Und nun, Cherwig," fährt Cherkrochj nach einer Weile fort, "reden wir über die Einzelheiten."

In wenigen Minuten erzählt sie mir alles, was ich über das Unternehmen und den Weg auf den PilzBerg hinauf wissen muß. Charmion hört stumm zu, aber ich bin sicher, sie merkt sich ebenfalls alle Anweisungen. Ich erfahre, daß sie den Weg auch schon kennt, deshalb besprechen wir den Weg auch nicht in Einzelheiten. Was soll es, eigentlich ist es ja wirklich ein einfaches Unternehmen: Wir gehen rauf, ins OberFort, auf der OberFläche des PilzBerges, und die FortBesatzung wird uns eine Kollektion von zehn Männern ausliefern. Die bringen wir wieder runter. Cherkrochj schlägt vor, elf oder zwölf mitzunehmen und gleich zu Anfang die überzähligen hinzurichten. Das macht auf die anderen Eindruck, und wir werden sie ohne Schwierigkeiten runterbringen können. Das kleine Schiff wird solange am AnlegePlatz zum EinStieg warten, und jemand aus der FortBesatzung wird sich derweil um die EntLadung des Fleisches kümmern, entweder gleich oder später. Auch um den Transport des Fleisches auf den PilzBerg brauchen wir uns nicht zu kümmern - es reicht aus, der Besatzung im OberFort mitzuteilen, daß an der AnlegeStellen Fleisch zum Abholen bereitliegt. Jemand wird es holen.

Die Methode, die Gefangenen zum leichteren Transport einzuschüchtern gefällt mir nicht. Aber sie scheint so selbstverständlich zu sein, daß jede GegenArgumentation wahrscheinlich auf Unverständnis stößt. Man könnte mal probieren, ob man MenschenLeben schützen könnte, indem man diese Methode der EinschüchterungsHinrichtungen ad absurdum führt. Ein einfaches RechenBeispiel. Wenn man in einem Monat 10 Prozent der Gefangenen hinrichten muß, um den Gehorsam der anderen sicherzustellen, dann läßt sich die Rechnung leicht fortführen. Nach einem Monat bleiben 90 Prozent übrig, nach zwei Monaten 81 Prozent, nach dreien etwa 73 Prozent, nach vieren sind es nur noch 66 Prozent. Nach einem Jahr müßten es um die 28 Prozent sein, nach zwei Jahren ist von anfänglich 12 Gefangenen nur noch einer am Leben, nach vier Jahren von anfänglich 157 Gefangenen nur noch einer. Keine sehr effiziente Methode der GefangenenBewachung.

Aber Cherkrochj gibt mir nicht die Zeit, noch weitere Erläuterungen meinerseits vorzubringen. Wir sind schon fertig, und sie wendet sich wieder ihren Karten zu.

Ich hätte gerne mit Irene gesprochen, aber das andere Schiff hat schon längsseits beigedreht, und man ist dabei, beide Schiffe mit Planken und Seilen zu verbinden. Zumindest pro Forma muß ich das LadeGeschäft beaufsichtigen.

Glücklicherweise zeigt es sich, daß die Männer - natürlich sind es nur Männer, die zu den schmutzigen Arbeiten eingeteilt sind - das nicht zum ersten Male machen. Ich beobachte die Masten, um Anzeichen einer beginnenden Neigung zu sehen und dann mit Weisungen in den EntladeVorgang einzugreifen. Aber die Männer holen die FleischFladen aus allen LagerStätten gleichzeitig, und das Schiff bleibt automatisch ausgetrimmt. Schnell stelle ich fest, daß es ausreicht, 'hoheitsvoll' auf Deck auf- und abzugehen und dem LadeGeschäft interessiert zuzusehen.

Charmion ist bei mir und geht auch hoheitsvoll auf und ab. Mir kommt die Idee, daß sie vermeiden will, daß es für jemanden, der noch nicht Bescheid weiß, so aussehen könnte, als sei sie tatsächlich degradiert.

Soll sie. Mir ist egal, was die Männer denken. Aber ich muß Irene sprechen, schnell. Solange die Gefahr besteht, daß Cherkrochj aus irgendeiner unvermuteten Richtung dem LadeGeschäft zuschaut - und die Gefahr besteht immer - kann ich hier nicht weg.

"Kannst du mal Irene holen?" frage ich Charmion. Sie guckt verständnislos.

"Bitte!" setze ich hinzu. Ein Wort, das ich erst sehr spät in der Xonchen-Sprache gefunden habe. Es wird nicht sehr häufig gebraucht.

Charmion geht. Es ist 20 Uhr. Erst? Es ist schon wieder soviel passiert, seit dem AufWachen. Sie bringt Irene. Und Irene bringt meinen RuckSack. Charmion verschwindet wieder. Warum, weiß ich nicht, aber es ist mir recht.

"Warum das denn?" frage ich sie.

"Ich habe ihn dir gepackt, weil sie gesagt hat, daß ihr unmittelbar nach dem VerLaden wegfahrt!"

"Aber ich komme doch wieder, der RuckSack kann doch hier bleiben!" entgegne ich.

"Hat sich hier schon mal etwas nach unseren Plänen gerichtet? Wir haben doch unser Schicksal schon längst nicht mehr in der Hand!" sagt sie.

"Aber Cherkrochj hat gesagt, wir sollen da raufgehen, die Gefangenen holen, und dann gleich wieder runterkommen!"

"Ja, das sagt sie heute! Und was sagt sie morgen?"

Darauf weiß ich auch nichts zu sagen. Charmion kommt wieder. Sie war in der ZeugKammer. Den Stapel, den sie in den Armen trägt, erkenne ich erst mit dem zweiten Blick.

"Ich soll das doch wohl nicht anziehen!" protestiere ich auf Xonchen.

"Cherkrochj will es so." stellt Charmion ganz trocken fest. Hilflos sehe ich mich um. Niemand nimmt von uns Notiz.

"Sofort." sagt Charmion, und nach einer Pause " ... sagt Cherkrochj."

"Vielleicht ist es besser so." überlegt Irene. Deine Hose hat schon mehrere Löcher. Das Schwert scheuert da links alles auf, und dreckig und durchgeschwitzt ist sie auch. Dieses LederZeug ist stabiler."

"Und was soll ich mit meinen Sachen machen?"

"Die gibst du mir. Ich bleibe ja hier."

So beginne ich, mich auf der Stelle auszuziehen. Niemand nimmt davon Notiz, aber Charmion ist unruhig. Das LadeGeschäft ist bald fertig. Vielleicht haben wir nicht mehr viel Zeit vor dem Abfahren.

Als ich den LederstreifenRock anlegen will, schüttelt Charmion energisch den Kopf.

"Die UnterHose auch." vermutet Irene.

"Aber dann scheuere ich mir an dem Zeug doch die Eier ab!"

"Die anderen halten es auch aus." sagt Irene. Charmion würde sich drastischer ausdrücken oder schallend lachen. Aber noch können wir privat reden, solange wir die deutsche Sprache benutzen.

Charmion sagt die ganze Zeit nichts. Auch wenn sie dem Gespräch nicht folgen kann, so übersetzt unsere Mimik ihr vieles. Jetzt ist sie es, die ganz alleine hoheitsvoll überwacht, wie ich mich aller KleidungsReste unserer Zivilisation entledige und diesen seltsamen Rock und den albernen Wams anlege.

Ich gebe Irene Hose und T-Shirt: "Paß auf die BriefTasche auf, die ist hinten in der GesäßTasche!"

Irene will mir den RuckSack geben, aber Charmion schüttelt wieder den Kopf.

"Ich glaube, du mußt alle meine Sachen hier behalten!" vermute ich.

Ich trete einen Schritt zurück und sehe an mir herunter. Das LederZeug ist hart und reibt auf der bloßen Haut. Hoffentlich ändert sich das noch.

"Wie einer von denen!" stellt Irene fest, "Aber echt!"

Ich sehe mich um. Die meisten Männer sind verschwunden oder inzwischen mit anderen Arbeiten beschäftigt. Das Verladen ist beendet, der Mast steht immer noch senkrecht. Viel dazu getan habe ich nicht. Chmerm ist schon drüben auf dem anderen Schiff, Chrwerjat redet in einiger Entfernung mit Cherkrochj, wo Chechmirch ist weiß ich nicht, und Charmion steht wartend da. Vom MastHaus des anderen Schiffes sehen zwei Frauen neugierig herüber. Die Planken, auf denen die Träger hin und her marschiert sind, werden schon weggetragen, und die Seile losgemacht.

"Sie warten!" sage ich.

"Ja, sie warten." sagt Irene.

"Ist ja nur für einige Tage," sage ich, "es wird schon alles nach Plan gehen."

"Und wenn nicht?"

"Dann - wir werden hier bekannt sein. Wir finden uns schon wieder. Und dir als Frau tun sie sowieso nichts." Ich überlege. "Wenn wir ganz getrennt werden sollten, dann gehen wir nach Grom, alle beide, irgendwie. Alleine kommen wir aus dieser Welt nie wieder raus. Denk daran! Wir gehen nach Grom, und dann wissen wir schon mehr. Dann planen wir unsere Flucht!"

Cherkrochj ruft irgend etwas ungeduldiges, und ich drücke meine Frau an mich. Charmion sieht interessiert zu.

"Wir gehen nach Grom!" flüstert sie mir ins Ohr, "Und dann gehen wir nach Hause. Irgendwann. Wir schaffen es schon. Wie du sagst. Herwig! Wir sind doch die allergrößten! Wir schaffen es schon! Lass dich nicht unterkriegen. Auch nicht von dieser Charmion. Paß auf dich auf! Wir gehen nach Hause."

Jemand haut mir auf die Schulter. Es ist Charmion. Sie deutet auf das andere Schiff. Da ist bereits ein halber Meter Wasser zwischen den beiden BordWänden. Ich reiße mich von Irene los. Gerade noch. Mit einem Sprung sind wir rüber, Charmion und ich, und Chechmirch muß auch im letzten Moment aufgetaucht und rübergesprungen sein.

"Das solltest du auch mitnehmen!" sagt Charmion und drückt mir einen Beutel mit einigen Riemen in die Hand, "Ich trage nicht zwei davon!"

"Was ist das?"

"MarschVerpflegung."

So stehe ich nun da: Ein TrageGurt für ein Schwert und das Schwert selbst an meiner Seite, ein komischer LederstreifenRock und so eine Art LederBolero. Dazu ein Beutel, der sich vom ergonomischen StandPunkt wesentlich schlechter tragen läßt als mein RuckSack. Das ist alles, was ich jetzt noch an materiellen Gütern habe. Nach außen ein Bewohner dieser Welt. Nur in meinem Kopf ist noch ein Echo der Welt da oben, der Welt, die mich 45 Jahre alt gemacht und solange geformt hat. Dieses Echo eines bis jetzt 45-jährigen Lebens wird stark genug sein, mich für den Rest meines Lebens, wie lange das hier auch noch dauern mag, zu einem Fremden in der Welt der GranitBeißer zu machen, egal, wie ich gerade aussehe.

Da ist allerdings noch meine digitale ArmBandUhr, die mich hier als Fremdling auszeichnet. Allerdings nur für jemanden, der weiß, was das ist. Da einige der GranitBeißerinnen auch metallene Ringe tragen, hält man das für eine Art Schmuck. Es hat sich, bisher jedenfalls, kaum jemand genau für die Uhr interessiert. Sie zeigt gerade 20:15 Uhr an, und ich hoffe, daß ich mir diese Zeit nicht für den Rest meines Lebens merken muß, weil ich jetzt Irene das letzte Mal sehe.

Sie steht drüben, hinter der BalkenReeling, auf dem anderen Schiff. Sie hält meinen RuckSack, meine Klamotten liegen vor ihr auf dem Boden. Wie ein Kind, dem etwas weggenommen worden ist, das sie über alles in der Welt behalten wollte. Sieben Meter zwischen uns, zehn Meter, zwanzig Meter. Die Segel sind schon gesetzt worden.

"Irene, zeig's Ihnen! Erfinde das Geld, mach in Grom eine Bank auf!" rufe ich. Notstrategie, oder LebensInhalt für den Rest ihres Lebens, falls wir uns nicht wiedersehen sollten?

Vierzig Meter. Noch kann ich sie als Irene erkennen, als meine Frau. Herwig, reiß dich zusammen. Das wird nur eine kurze Zeit der Abwesenheit. Deine KatastrophenPhantasie, würde sie sagen.

Sechzig Meter, achteraus. Sie sieht mir immer noch nach. Ich kann ihre GesichtsZüge immer schlechter sehen. Wenn jetzt einer von uns weint, dann könnte der andere das überhaupt nicht mehr erkennen. Ob sie weint? Tapfere Frau.

Hundert Meter. Bis daß der Tod euch scheidet, hat es geheißen. Von den GranitBeißern war bei der Zeremonie damals nicht die Rede, obwohl sie nur elf KiloMeter von uns entfernt waren - direkt unter unseren Füßen

"Irene! Wir sind die allergrößten! Wir sehen uns wieder, das verspreche ich dir!" schreie ich noch. Sie hört mich wohl nicht mehr.

Und nun dreht sich das Schiff, und das andere Schiff, auf dem wir die letzten Tage noch zusammen verbracht haben, verschwindet hinter den HeckAufbauten.


        20.8    SchiffsHexe


Als ich mich umdrehe, steht Charmion wieder da und beobachtet mich aus nächster Nähe.

"Verpfeiff dich, du blödes ArschLoch!" brülle ich sie an. Die Wörter habe ich auch schon gelernt. Endlich kann man sie mal anwenden.

Immerhin sieht Charmion jetzt einmal so aus, als ob sie sich wundert.

Als ich auf die andere Seite dieses Schiffes gehe, kann ich Irene nicht mehr sehen. Sie muß auf dem anderen Schiff wieder in das MastHaus zurückgekehrt sein. Eine ganze Weile sehe ich das andere Schiff, von dem wir uns immer weiter entfernen, an. Nun ist niemand mehr an Deck zu erkennen.

"Cherwig?" höre ich hinter meinem Rücken. Ich drehe mich um.

Vor mir steht eine alte Frau. Sie muß etwa sechzig sein, aber sie ist drahtig und zäh. Ihr Gesicht ist von Narben übersät, Spuren unzähliger Kämpfe, und der klinisch ungeübte Blick würde sie häßlich nennen. Ich aber sehe die Narben und das Alter. Wie sie mal ausgesehen haben mag, als sie jung war, kann ich so schnell nicht herausabstrahieren.

Charmion steht nehen ihr. Wahrscheinlich hat sie die Alte zu mir geführt.

"Ich bin Herwig," sage ich, "nicht Cherwig. Herwig." Wir wollen doch mal sehen, ob ich die korrekte AusSprache meines Namens wieder einführen kann. Vielleicht muß man nur häufig genug darauf bestehen.

Es ist der Alten unangenehm, einem Mann gegenüberzutreten, der eine für einen Mann in dieser Welt absolut unübliche Form der sozialen Stellung erreicht hat. Die Situation kennt sie noch nicht. Andererseits hat sie offenbar ihre Anweisungen, die sie zwingen, mit mir Kontakt aufzunehmen. Sie nimmt sich zusammen.

"Ich bin Chchyhchrxoichrsk."

Großer Gott, denke ich mir, der Name paßt zu ihr. Ob das schon die höchste Kunst der Unaussprechlichkeit ist?

"Das freut mich."

"Warum?"

Hat sie ja recht. Es freut mich überhaupt nicht. Es ist nur eine sinnlose RedeWendung, die ich jetzt mal in der Xonchen-Sprache ausprobiert habe. Das kann ich jetzt natürlich nicht so sagen.

"Das sagt man in unserer Welt so, wenn man sich das erste Mal begegnet."

Ihr WissensStand bezüglich meiner Herkunft scheint ihr von Charmion noch nicht restlos erläutert worden zu sein. Deshalb wechselt sie das Thema:

"Wir bringen ihre Gruppe zum GefängnisHafen."

"Ja. Das war von der Kommandantin so geplant worden."

"Von der Kommandantin Ihres Schiffes?"

"Ja."

"Was ihre Kommandantin plant ist völlig gleichgültig. In erster Linie entscheidet die FestungsKommandantin Chroc, was in und um die GefängnisInsel herum geschieht."

"Aha." KompetenzStreitigkeiten also. So fremd, wie diese Welt ist, das klingt vertraut. Wie ich überhaupt annehme, daß, wenn die Menschen einmal mit schnellsten RaumSchiffen das fernste Ende des Universums erreichen sollten, dann werden sie zwei vertraute Dinge dort antreffen: dieselben NaturGesetze wie hier, und, wenn sie auf intelligentes Leben stoßen sollten, auf Bürokratie.

Ich warte darauf, daß die Alte fortfährt. Da ich nichts sage, tut sie das dann auch.

"Da wir knapp an Leuten sind, schlage ich vor, daß Sie uns beim Entladen des Schiffes helfen. Dann können sie nach oben gehen und ihre Gefangenen holen!"

Die Änderung auf den GesichtsZügen von Charmion, als sie das hört, ist sehenswert. Als ob ihr jemand Scheiße zum Essen angeboten hätte. Dieser Vorschlag ist eine Beleidigung. Zum EntLaden des Schiffes verwendet man Männer, das war bis jetzt das unausgesprochene Gesetz in dieser Welt. Das war ja auch das erste, was wir begriffen hatten. Will diese Alte jetzt ihre Macht beweisen? Eine kleine, lokale ProvinzFürstin? Der Sport in dieser Welt? Sich gegenseitig bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu erniedrigen? Und da keine Männer zugegen sind, da greift man sich eben eine Gruppe von dem Schiff, das SaurierFleisch vorbeibringt.

Ich sehe, daß wir von verschiedenen Stellen des Schiffes beobachtet werden. Vielleicht ist die normale Entgegnung auf diese AufForderung das Ziehen des Schwertes. Ich bin sicher, ich und Charmion würden daraufhin sofort von Pfeilen durchbohrt werden, ehe wir der Alten ein Haar krümmen könnten, und den drei anderen, die irgendwo auf dem Schiff sind, würde ähnliches passieren.

Schnelle, gewaltsame Reaktion hilft hier gar nichts. Vielleicht ist es ganz gut, daß ich nicht jede Beleidigung sofort als solche erkenne und instinktiv oder reflektorisch reagiere.

"Gute Idee," sage ich, "aber damit warten wir natürlich, bis wir mit den Männern wieder im GefängnisHafen sind!"

"Nein. Das machen wir gleich nach dem Anlegen!" bestimmt Chchyhchrxoichrsk.

Charmion sieht hilflos zwischen mir und der Alten hin und her. Wir sind auf diesem Schiff in der MinderZahl. Wenn die uns triezen wollen, dann können wir sie kaum daran hindern. Und wenn wir das zulassen, dann bekommen wir vielleicht nicht einmal unsere Gefangenen.

"Okay," sage ich, "sie haben ja Recht. Die Leute auf Ihrem Schiff wissen ja auch gar nicht, wo das schlechte Fleisch geladen wurde."

"Das schlechte Fleisch?"

"Ja, sicher! Wir erlegten einen kranken Saurier. Um unsere Kapazität auszulasten, nahmen wir auch davon Fleisch an Bord, obwohl es wahrscheinlich nicht genießbar ist. Aber dann dachten wir an die Gefangenen auf dieser Insel, und daß man ihnen eventuell etwas davon mitbringen könnte. Sie verstehen: Es führt zu üblen Krämpfen!"

"Ach ja?" wundert sich Chchyhchrxoichrsk, "Seit wann wird denn den Gefangenen Fleisch mitgebracht?"

"Seit das in Grom so entschieden wurde." stelle ich fest.

"Vom Rat der SiegelBewahrerinnen selber?" fragt die Alte.

"Ja, natürlich!" Und nach einer Weile, während sich die Alte noch wundert, setze ich zum Wohle des ganzen hinzu: "Das ist doch mit hoher Dringlichkeit so beraten und beschlossen worden! Die Einführung neuer Folterungs- und HinrichtungsMethoden! Wissen Sie das denn nicht?"

"Doch, doch, das weiß ich." Die Alte ist jetzt in der Defensive. Sie hat nicht die geringste Ahnung, wovon ich spreche. Ich nebenbei auch nicht.

"Jedenfalls," fahre ich fort, "dürfen ihre Leute das Fleisch sowieso nicht anfassen. Wenn das gute mit dem schlechten Fleisch durcheinanderkommt, dann kann man alles wegwerfen oder gleich den Gefangenen vorwerfen. Am besten ist es, ich zeige ihnen, wie wir das Fleisch geordnet haben, einverstanden?"

"Ja." sagt Chchyhchrxoichrsk.

Nun müssen wir schnell handeln, bevor die Alte hinter den Bluff kommt. Das kann nicht sehr lange dauern, trotz ihres Respektes vor dem Rat der SiegelBewahrerinnen, welche Institution sich auch immer hinter dieser Bezeichnung verbergen mag.

Dieses Schiff ist kleiner als unser vorheriges Fahrzeug, und es verfügt kaum über DecksAufbauten. Deshalb wurde das Fleisch einfach so auf dem FloßBoden gestapelt, in teilweise drei Meter hohen Türmen aus flachen FleischFladen. Dazwischen sind schmale Gänge gelassen worden, in denen man sich hervoragend vor den neugierigen Blicken der übrigen SchiffsBesatzung verbergen kann. Und in denen man auch andere Dinge treiben kann, fällt mir jetzt wieder ein.

Ich werfe Charmion ein Blick zu. Ich hoffe, sie versteht. Wir beide gehen voran, die alte Kommandantin hinterher.

"Ist dein Schwert scharf?" murmele ich so laut, daß nur Charmion es hören kann. Sie läßt sich nichts anmerken.

Als wir zwischen den Stapeln stehen - der Geruch drückt mir schon wieder die Nase zu, obwohl das kein geschlossener Raum ist - frage ich:

"Sehen sie hier die rotbraune Verfärbung in diesem Stapel und die kleinen glitzernden Punkte?"

"Nein." sagt Chchyhchrxoichrsk. Kein Wunder. Ich sehe da auch nichts besonderes.

"Man kann es nur aus allernächster Nähe sehen!" ermutige ich sie und zeige auf eine Stelle auf dem Fleisch in BrustHöhe. Die Alte beugt sich näher. Wie um ihr Platz zu machen geht Charmion um sie herum, wobei sie sich etwas mühsam verrenkt, wegen der räumlichen Enge.

"Wenn man es genau ansieht, dann merkt man, daß die Punkte sich bewegen. Am besten, man drückt das Fleisch an einer Stelle ein. So. Sehen Sie?" zeige ich. Dabei nicke ich Charmion nach einem kurzen RundBlick zu.

Lautlos gleitet das Schwert von Charmion aus der Scheide. Mit einer fließenden Bewegung liegt es im AugenBlick vor der Kehle der alten Frau.

"Ein Ton, und sie schneidet Ihnen den Kopf ab!" sage ich leise, schnell und hart.

Man würde normalerweise erwarten, daß man mit einer scharfen Schneide vor der Kehle eine gewisse Bereitschaft zeigt, zu gehorchen. Diese Alte nicht. Ich nehme es kaum wahr, aber Charmions Reflexe sind schnell. Sie hat das rasche LuftEinziehen der Alten schon richtig interpretiert.

Wie ein GeigenBogen führt sie ihr Schwert an der Kehle der Alten entlang, wobei sich die Klinge bis zum NackenWirbel durchgräbt. Sogar die HalswirbelKnochen werden sauber durchtrennt. Durch die damit erfolgte DurchTrennung aller Nerven zum Körper ist sichergestellt, daß keine überflüssigen Krämpfe und Röcheleien nach außen verraten, was hier eben geschehen ist. Lautlos sackt der kopflose Rumpf zusammen, wobei aus dem Hals ein roter, pulsierender SpringBrunnen hervorkommt, der nach wenigen PulsSchlägen allmählich in sich zusammensinkt. Aber ich kann nicht verhindern, daß meine UnterSchenkel und meine Füße mit dem Blut beschmiert werden.

"Sie hätte geschriehen!" flüstert sie.

"Weiß ich," erwidere ich, "was machen wir jetzt? Die SchiffsBesatzung ist in der ÜberZahl! Sie merken das über kurz oder lang!"

"Hol den ersten Offizier hierher. Sie heißt Chwromch. Irgendeinen Vorwand!" schlägt Charmion vor.

"Besser du," entgegne ich, "ich kann nicht einmal den Namen dieser alten Hexe gescheit aussprechen! - Außerdem - sieh her!" Ich deute auf das Blut auf meinen Beinen.

"Gut." flüstert sie und ist schon weg. Sie bewegt sich, als ob sie alle Tage in solche Situationen gerät. Die ganze Zeit über schien sie mir kaum erregt. Solche Dinge kann man mit Charmion wohl gut zusammen machen, denke ich: Ich hätte das alleine nicht in die Wege geleitet.

Da stehe ich nun da, in dem beengten Raum zwischen dem stinkenden SaurierFleisch und die geköpfte Leiche der SchiffsKommandantin zu meinen Füßen. Meine Beine sind so schmutzig, als ob ich in knietiefem Blut gewatet hätte. Jeden Moment könnte, im Prinzip, eine oder einer von der Besatzung hier herumstrolchen und mich finden.

Ich sehe nach oben, in die Takelage. Glück gehabt, da ist niemand. Auch gegen die felsigen Überhänge von Casabones kann man das noch gut erkennen. Auf dieser kurzen RoutineFahrt ist nicht einmal ein Ausguck notwendig. Der hätte nur seinen Blick senken müssen, und schon hätte er oder sie alles genau mit angesehen.

Als ich mir die nun unscheinbare Leiche ansehe, denke ich daran, daß man in einem Roman diese Frau sicher auf ebensolche Weise hätte schnell umkommen lassen müssen, weil dieser komplizierte Name für einen normalen SchriftSteller einfach eine zu große Belastung ist als daß man diese Person durch große Strecken der Handlung mit durchschleppen könnte. Aber das Leben ist kein Roman, und wenn wir diese Situation nicht irgendwie meistern, dann könnte das übel für uns ausgehen. Der Name der Alten spielte keine Rolle. Ob wir da rauskommen, das spielt eine Rolle.

Wie gut, daß Irene nichts davon weiß. Sicher denkt sie, daß die ÜberFahrt, die paar KiloMeter zum GefängnisHafen, problemlos und routinemäßig abläuft und daß ich noch vollkommen sicher bin.

Nebenbei denke ich daran, daß ich an dieser Tötung nicht so unschuldig bin, auch wenn diese alte Frau mit den Feindseligkeiten angefangen hat, und auch wenn Charmion den Schnitt geführt hat und nicht ich. Ich habe doch, in dem Moment, als ich begriffen hatte, daß wir uns in einer neuen KonfrontationsSituation befinden, mich schon damit abgefunden und mich auch innerlich darauf vorbereitet, daß der AusWeg aus dieser Situation über irgendeine Form der Gewalt führen wird. Als wir mit der alten Kommandantin zwischen diese FleischStapel traten, da war doch eigentlich schon klar, daß irgendwie Blut fließen wird, und zwar reichlich. Darüber habe ich mir doch gar keine Gedanken gemacht. Was wichtig war, war doch nur, daß wir ohne Schaden aus der Situation herauskommen. Der Preis von anderen MenschenLeben schien und scheint mir auch jetzt dazu nicht zu hoch.

Vielleicht sollte man alles aufschreiben, denke ich. Falls wir jemals die Welt der GranitBeißer wieder verlassen sollten, dann sollte ich mich auf den Arsch setzen und ein Buch schreiben, einen ReiseBericht. Die Welt muß doch wissen, was hier vorgeht. Die Welt muß doch wissen, welche SpielArten der menschlichen Gesellschaft möglich sind.

Wir haben ja schon ein reichhaltiges Repertoire von möglichen menschlichen Gesellschaften, wie jeder weiß, der ein bißchen Geschichte studiert hat. Und doch sind diese FallBeispiele nicht erschöpfend. Die Möglichkeiten der menschlichen Rasse gehen weiter, im Guten wie im Bösen.

Falls wir hier rauskommen. Wenn nicht, auch gut. Schließlich hat die Geschichte schon so viel verschluckt. Habe ich nicht irgendwo einmal gelesen, daß die Geschichte Afrikas vor der Ankunft des weißen Mannes mindestens ebenso reichhaltig ist wie die europäische Geschichte? Ähnlich viele politische Strukturen in ähnlicher Vielfalt, ähnlich viele Kriege, ähnliche Reichhaltigkeit der Kultur. Der ZusammenStoß mit der europäischen Kultur war für die afrikanische Kultur von NachTeil. Deshalb ist so vieles nicht überliefert.

Wenn also keine Kunde aus der Welt der GranitBeißer nach oben kommt, dann ist das nichts besonderes. Dann bleibt diese Kultur im Vergessen, wie so viele andere auch.

Außerdem, ist es nicht nur ein gradueller Unterschied? Wenn eine Kultur von einer anderen weiß, dann bleibt das Wissen von dieser anderen Kultur nur etwas länger in der Welt. Für die Ewigkeit bleibt nichts. Die Entropie holt sich, über kurz oder lang, jede handfeste Information, und was bleibt ist nur der Wandel, der Gang der Evolution, solange der WärmeTod dieses Universum noch nicht vollständig geschluckt hat.

Jedenfalls nehme ich mir jetzt mal provisorisch vor, ein Buch über unsere Erlebnisse zu schreiben. Vielleicht bin ich, wenn ich die Gelegenheit habe, dann aber doch zu faul dazu.

"Also was sind das für Tierchen?" sagt eine mir unbekannte Frau, die sich gewandt zwischen die FleischStapel schiebt. Sie will noch etwas sagen, aber dann fällt ihr Blick auf die Leiche zu meinen Füßen. Gleichzeitig zieht Charmion, die sich direkt hinter ihr zwischen die FleischStapel gedrängt hat, wieder ihr Schwert, das in BruchTeilen einer Sekunde die bewährte Position vor der Kehle dieser Frau einnimmt.

Dieser Frau hat einen größeren Wunsch, zu leben. Sie erstarrt.

"Chwromch?" frage ich kurz. Sie nickt. Ich mache mir nicht die Mühe, mein Schwert zu ziehen. Den mechanischen Teil der ÜberzeugungsArbeit kann ich getrost Charmion überlassen.

"Chwromch, Sie sehen, was von ihrer Chefin übriggeblieben ist. Sie können jetzt mit uns zusammenarbeiten, oder sie können es sein lassen. Im wesentlichen wird es genau davon abhängen, ob sie jetzt einige sehr unangenehme Minuten erleben werden oder nicht. Diese Minuten könnten ihre letzten sein. Ich sage das nur der Vollständigkeit halber, denn Sie können es sich sicher denken. Ich möchte nur, daß wir uns restlos klar verstehen. Verstehen wir uns?"

Chwromch nickt. Charmion, die ihr Schwert immer noch unbeweglich unter ihre Kehle hält, strahlt über das ganze Gesicht. Vielleicht gefällt ihr meine Rhetorik, trotz meines Akzentes. Wahrscheinlich sogar, denn ihre Sache ist das Reden nicht.

"Wieviele Menschen sind an Bord?"

"Sieben. Nein, sechs ohne Chchyhchrxoichrsk."

"Und wieviel Männer?"

"Acht."

"Bloß sechs Frauen und acht Männer? Und dann wagt diese Frau, uns offen zu beleidigen? Uns zu körperlicher Arbeit aufzufordern? Was soll das?"

Es ist wirklich unüberlegt, bei einem KräfteVerhältnis von fast eins zu eins. Die Männer werden bei so einem KräfteVergleich ja nicht mitgezählt.

"Sie dachte wahrscheinlich, daß, wenn schon ein Mann der Anführer einer Gruppe ..."

"Aha. Sieht so aus, als gäbe es Vorurteile. Pflegen sie auch so viel zu denken, Chwromch?"

Sie schweigt. Dann fahre ich eben fort:

"Ich möchte, daß wir unser Vorhaben so abwickeln, wie es von Anfang an geplant war. Ich nehme an, daß das, was ihre alte Chefin vorgeschlagen hat, von ihr selbst ausgedacht und nicht von Ihnen mitgetragen wurde?"

Sie betritt die goldenen Brücke, die ich ihr gebaut habe:

"Jaja, ganz von ihr alleine, bestimmt. Ich weiß von nichts."

Ich sehe Chwromch in die Augen, ganz lange. Mal sehen, ob eine ertappte Lügnerin die Augen niederschlägt. Aber ich stelle fest, daß es diesen Reflex in dieser Welt nicht gibt. AugenNiederschlagen paßt auch nicht zu einer GranitBeißerin.

"Dann gehen sie jetzt heraus und verkünden dem Rest Ihrer Mannschaft, wie es weitergeht, verstanden?"

"Ja."

"Worauf warten Sie dann noch, Chwromch? Gib sie frei, Charmion!"

Charmion läßt ihr Schwert sinken. Geflissentlich eilt Chwromch von dannen. Wenig später ertönt ihr KommandoTon. So ungefähr kriegen wir mit, daß sie sich selbst als Kommandantin des Schiffes deklariert, weil Chchyhchrxoichrsk ein Unfall ereilt hat.

Wir treten zwischen den FleischStapel hervor. Kurz darauf werden die Reste der einstigen Kommandantin von zwei Männern zwischen den FleischStapeln hervorgeholt.

"Ins Wasser!" befehle ich. Die beiden zögern. Was hat der Fremde hier zu melden?

"Ins Wasser!" sagt Charmion und streichelt den Griff ihres Schwertes. In hohem Bogen fliegt erst der Kopf und dann der Körper der ehemaligen Kommandantin über Bord.

Das war wieder etwas für mein SelbstBewußtsein. Aber auch für das von Chwromch, die das beobachtet hat. Nicht sie, sondern wir haben über den Körper der alten Kommandantin verfügt. Sie läßt sich aber nichts anmerken.

Die FelsWand der GefängnisInsel ist schon recht nahe, und wir fahren parallel zu ihr. Wir müßten bald am Ziel sein. Hoffentlich hält die Disziplin, bis wir von diesem Schiff wieder runter sind. Die StammBesatzung tut ihre Arbeit, gelegentlich werden unsichere Blicke in unsere Richtung geworfen. Derweil informieren wir Chrwerjat, Chechmirch und Chmerm, die nicht alles mitgekriegt haben.

"Aufpassen," sage ich, "ich glaube zwar nicht, aber vielleicht versuchen sie doch noch einmal so etwas Dummes. Vielleicht langweilen die sich in diesem Fort, und dann kommen sie auf solche Ideen."

Es ist 21 Uhr, und bei der geringen Geschwindigkeit wird es wohl doch noch mindestens zwei Stunden dauern, bis wir den GefängnisHafen erreichen.


        ******** 021. Tag: Freitag 1995-09-08 ********



        21.1    Der Hafen am FelsLoch


Kurz vor MitterNacht unserer Zeit an der ErdOberfläche ist es dann so weit: Nur einen halben KiloMeter weiter in FahrtRichtung zeigt sich in der Wand der GefängnisInsel eine Höhle, direkt über der WasserLinie. Das Schiff steuert diese Höhe direkt an, wobei die FahrtRichtung nicht allzusehr von der Richtung des Windes abweicht. Allerdings weht der Wind in der Nähe der FelsWand immer tangential zu dieser, denn wohin oder woher sollten sich denn sonst die LuftMassen bewegen?

Die Besatzung arbeitet konzentriert, denn wenn das Schiff überschießt, dann kann es nicht zurück. Höhe am Wind gewinnen geht für diese FloßSchiffe ja nicht. Wenn einem so etwas passiert, dann heißt es rudern. Da besser gleich Konzentration.

Dabei fällt mir etwas ein:

"Was hat Cherkrochj eigentlich von der Idee mit der UnterwasserStabilisierung von SegelSchiffen gehalten?" frage ich Charmion.

"Ich habe ihr nichts gesagt."

"Hast du es ihr gesagt?" frage ich Chrwerjat.

"Nein. Ich hatte es vor. Aber ich bin nicht mehr dazu gekommen."

"Also weiß keiner an Bord UNSERES Schiffes, wie man es anstellt, um Höhe am Wind zu gewinnen?"

Kurzes NachDenken bei allen. "Deine Frau weiß es doch?" mutmaßt Charmion. Wie immer habe ich den Eindruck, daß ihr die Worte 'deine Frau' schwer über die Lippen gehen, weil das Konzept ihr so fremd ist. Ich muß ihr bei Gelegenheit mal nahelegen, daß sie auch 'Irene' sagen könnte, oder wenigstens 'Chirene', um den Namen an die Xonchen-Sprache zu adaptieren.

"Jaein." sage ich, "Sie hat es wahrscheinlich verstanden. Aber in technischen Dingen weiß sie nicht, was sie weiß. Da bin ich immer noch der Spezialist. Also, ohne äußeren Anlaß wird sie von sich aus das Thema nicht zur Sprache bringen. Vielleicht kommt sie in einer geeigneten Situation drauf. Ich weiß es nicht. Wirklich nicht."

Schweigen, während das Schiff weiter auf die Höhle in der FelsWand zudriftet. Charmion sieht mich etwas seltsam an, mustert mich von oben bis unten. Wenn ich es richtig interpretiere, hat sie schon wieder Lust. Aber vor Zeugen traut sie sich nicht. Wie soll das auf dieser Excursion noch weitergehen?

Nun zeigt sich allmählich, wie einfach dieser Hafen aufgebaut ist. Die Höhle ist ein etwa zehn Meter breites und fünf Meter hohes Loch, das sich für vielleicht fünfzehn Meter in den Fels hineinerstreckt. Der Boden ist flach und etwa fünfzig Zentimeter höher als der WasserSpiegel davor. In der Höhle liegt allerhand Gerümpel: Werkzeuge, Seile, Fässer, Balken und Planken. An dem Rand dieser Fläche, der zum Wasser abschließt, gibt es einige FelsNasen, die sich dazu eignen könnten, SeilSchlingen darüber zu werfen, um das Schiff festzulegen. Das Wort 'Poller' suggeriert dafür eine geometrische Form dieser FelsNasen, die einfach nicht vorliegt.

Wie es von dieser Höhle aus weitergeht, das kann ich im Moment noch nicht erkennen. Ich weiß, daß da ein KletterSteig sein soll, aber ich sehe ihn nicht. Deshalb beschränken wir uns darauf, das AnlegeManöver zu beobachten.

Es geht schnell und routiniert. Es ist nur noch ein Segel gesetzt, und auch das wird jetzt eingeholt. Wenige Meter WasserFläche trennen uns von der vorbeidriftenden FelsWand, und ich suche in dem Gestein wieder nach geologischen Auffälligkeiten, finde aber nichts. Als wir nur noch einige Dutzend Meter bis zu dem HafenLoch zurückzulegen haben, sehe ich einige KratzSpuren, Zeugen vergangener, ähnlicher AnlegeManöver.

Dann fliegt auch schon die erste SeilSchlinge, wie erwartet legt sie sich über eine der FelsNasen. Es dauert keine dreißig Sekunden, bis das Schiff vor dem Loch zur Ruhe kommt, HöhlenBoden und SchiffsDeck fast auf gleicher Höhe.

"Wir marschieren sofort los!" schlage ich vor, und keine der vier Frauen hat EinWände. Wir nehmen unsere MarschBündel auf und springen von Bord, ohne weiter auf die Besatzung des Schiffes zu achten. Bin neugierig, ob sie befehlsgemäß unsere RückKehr abwarten.

Charmion ist in der Tat ortskundig. Sie zeigt nach links. Im Schatten der seitlichen HöhlenWand sehe ich ein Loch, vielleicht einen Meter breit und fast zwei Meter hoch. Gehauene TreppenStufen verschwinden im Dunkeln. Ohne weitere Besprechungen betreten wir die Treppe, Charmion zuerst, dann ich, dann die drei anderen. Ich sehe mich noch einmal kurz um: Die meisten BesatzungsMitglieder auf dem Schiff stehen tatenlos an Deck und sehen uns nach. Auf die Idee, das Fleisch unverzüglich auszuladen sind sie noch nicht gekommen, obwohl doch genügend Männer an Bord sind.

Die Treppe muß etwa parallel zur AußenWand führen, aber es sind zunächst keine DurchBrüche da. Es wird immer dunkler.

"Kommt da noch Licht?" frage ich.

"Später." sagt Charmion. Okay. Also später.

Es wird vollkommen dunkel. Zwar geht der Gang mit gleichbleibender Richtung und Steigung der Treppe aufwärts, aber gewisse Unregelmäßigkeiten der GangFührung haben den direkten Blick auf den EinStieg bereits versperrt. Zu spät komme ich auf die Idee, die Stufen zu zählen. Meine DynamoLampe und der HöhenMesser gehen mir ab.

"Vorsicht!" warnt Charmion vor mir, "der Gang macht eine Biegung nach rechts. Am besten Hände auf die Wände legen!"

Hätte sie eigentlich früher sagen können. Links trifft meine Hand gleich den Fels, aber rechts greife ich einen Moment ins Leere. Dann fällt meine Hand auf nackte Haut, unter den FingerSpitzen spüre ich Haare, und mein HandRücken streift an der rauhen Innenseite des Leders von Charmions Rock vorbei. Ich begreife, daß der Gang eine 180-Grad Biegung macht, und daß ich Charmion, die etliche Stufen höher ist als ich, versehentlich unter den Rock gegriffen habe. Kann ja passieren.

Sie kommentiert das aber nicht, und ich auch nicht. Die gewinkelten Stufen sind in der Dunkelheit schwierig genug. Dann geht der Gang endlich wieder gerade aus.

Wir alle atmen recht heftig von dem raschen Anstieg und der gebückten Haltung. Es ist wahr, Irene würde nicht mitkommen. Es ist reiner Zufall, daß ich als Läufer die Kondition habe, um mitzuhalten, trotz der allgegenwärtigen feuchten Hitze. Ich könnte schon wieder etwas trinken.

Dieser Gang macht noch häufiger überraschende Biegungen, aber im Gegensatz zu den früheren Tunneln, die wir beim Abstieg in die WeltHöhle beschritten haben, gibt es keinen einzigen DurchBruch nach außen. Es bleibt also finster.


        21.2    SturzFalle


"Vorsicht jetzt," sagt Charmion plötzlich, laut hörbar für alle, "wir sind gleich an der SturzFalle."

"An der was?"

"An der SturzFalle."

Wir bleiben alle stehen. Die anderen hinter mir haben das wohl auch nicht gewußt.

"Was ist das denn?" frage ich.

"Eine der Fallen für ausbrechende Gefangene, die bis hierher kommen sollten. Die Treppe verläuft nicht mehr in einem Stollen, sondern auf einem Grat in einer größeren Höhle. Rechts und links geht es steil runter, außerdem hat die Treppe in diesem Abschnitt viele unerwartete Windungen."

"Wie tief geht es rechts und links herunter?" frage ich beunruhigt.

"Tief genug, für den beabsichtigten Zweck. Und unten, am Fuße dieser Abhänge, soll es recht abwechselungsreich sein: Steinharter FelsBoden wechselt mit Palisaden aus senkrecht stehenden SpeerSpitzen ab. Zwischen der Treppe und dem Fuß der Wand sind auch an einigen Stellen SchwertKlingen in der FelsWand befestigt, die in die wahrscheinliche Fall-Linie hineinragen. So sind manche, die abstürzen, schon tot und in mehrere Teile zerlegt, bevor sie unten ankommen."

"Verdammte Tat. Schon wieder so etwas." murmele ich, und lauter: "Und wie willst du im Dunkeln den Weg finden?"

"Es ist nicht so schwer. Es ist haupsächlich so, daß diese SturzFalle völlig unerwartet kommt, nachdem man von oben und von unten eine ganze Zeit lang dem gewöhnlichen Stollen gefolgt ist. Die Stufen der Treppe sind rechts und links abschüssig, um die Treppe noch gefährlicher zu machen. Aber genau an dieser Eigenschaft der Stufen kann man sich orientieren, um auf der MittelLinie der Treppe zu bleiben. Wenn man diese Einrichtung nicht kennt und nicht erwartet, dann stürzt man meistens ab."

"Da wäre mir Licht lieber!" sage ich, "Ich weiß nicht, ob ich das schaffe."

Ich kann im Dunkeln nicht sehen, ob Charmion mich spöttisch ansieht, weil ich diese Unsicherheit zugebe. Nach einigen Sekunden, in denen es vor mir in der Dunkelheit raschelt, sagt sie:

"Licht ist nicht nötig. Das braucht man nur, um Gefangene mit verbundenen Augen hier durchzuführen. Leg deine Hände um meine Hüften. Ich bin gerade vor dir."

Das tue ich. Genau da, wo ich ihrer Stimme nach ihre KörperMitte vermute, ist dieselbe auch. Allerdings bin ich überrascht:

"Wieso hast du deinen Rock ausgezogen?"

"Damit mein Schwert nicht dauernd beim Gehen in dein Gesicht pendelt."

"Ach so." Wie nett von ihr.

Ich fasse ihre HüftKnochen rechts und links an. Wieder bin ich über ihre hohe KörperTemperatur erstaunt. Dabei überlege ich, wieso es nicht ausreicht, wenn sie nur das Schwert ablegt, aber ich will das jetzt nicht ausdiskutieren.

"Sollen die hinter mir das genauso machen?" frage ich. Es wird verneint, Chmerm, Chrwerjat und Chechmirch können sich ganz gut auf der nachtdunklen Treppe zurechtfinden. Sagen sie.

"Kann es losgehen?" fragt Charmion.

"Ja." Und wieder ärgere ich mich, daß Charmion praktisch die Führung übernommen hat, obwohl Cherkrochj doch mich dazu auserkoren hat. Andererseits ist sie im Moment die, die sich am besten auskennt, und ich werde den Teufel tun, bloß aus Prinzip den Anführer zu markieren und uns dadurch alle in Gefahr zu bringen. Oder präziser: uns in noch mehr Gefahr zu bringen. Ich habe noch nie Kenntnisse und Fähigkeiten behauptet, die ich in Wirklichkeit gar nicht besitze. Das ist für mich ein Prinzip sowohl der wissenschaftlichen als auch der menschlichen Aufrichtigkeit. Ich werde in der Welt der GranitBeißer auch nicht damit anfangen. Also bleibt Charmion der faktische Boß, solange es sinnvoll ist.

Wir gehen langsamer als vorher, und ich weiß nicht, ab welchem ZeitPunkt die FelsWände rechts und links tatsächlich einem tiefen Abgrund Platz machen. Irgendwann spüre ich unter den Füßen, daß die Stufen tatsächlich konvex gerundet sind, und die Akustik ist anders, sogar, wenn wir nichts sagen. Das Echo des eigenen Atems kommt hohl von einer fernen Wand, nicht mehr aus greifbarer Nähe.

Die Hüfte von Charmion windet und wiegt sich in meinen Händen, unter ihrer Haut gleiten ihre Muskeln hin und her, und ich muß an unsere intensive Begegnung auf dem Schiff denken, die gerade etwas mehr als 20 Stunden her ist. Ich habe das Gefühl, daß sie jetzt auch daran denkt, aber jetzt ist es notwendig, konzentriert zu marschieren und sonst gar nichts. Irene, in Gedanken betrüge ich dich schon wieder, ich kann es nicht anders! Und wenn es nur das wäre - einen Moment Unkonzentriertheit, deshalb oder aus einem anderen Grunde, und ich habe dich von deinem Mann befreit - er würde in einem dunklen Abgrund auf Speeren aufgespießt verrecken, diese Frauen würden für ihn nicht mehr als ein AchselZucken übrig haben, vielleicht würde sich niemand die Mühe machen, dir zu erzählen, was aus mir geworden ist!

Nein, konzentrieren, symmetrisch gehen. Am Leben bleiben. Das kann ich noch für dich tun, Irene, auch, wenn der Ruf des Blutes mich mehr an die Frau zwischen meinen Händen denken läßt, und den Weg in ihren Körper. Diese Methode der Führung im Dunkeln ist nicht gut. Beim nächsten Mal müssen wir uns etwas anderes ausdenken, oder besser noch Licht mitnehmen.

Allmählich haben die Dunkelheit und die Anstrengung auch andere Folgen: Da entstehen tanzende LichtMuster, die neuronale Restaktivität des SehNervs, des OkzipitalLappens und der visuellen AssoziationsRinde, die aus nichtexistierenden Signalen noch etwas herauszuinterpretieren versuchen. Konturen in der Dunkelheit, sogar dicht vor mir, dort, wo ich den Körper von Charmion zwischen den Händen spüre und wo nichts anderes sein kann, scheinen wabernde, schlangenartige Muster hin und her zu fließen. Rechts und links, knapp außerhalb des GesichtsFeldes, ist es schlimmer: leuchtende Schichten über den Felsen, die ich objektiv ja gar nicht sehen kann, zudem bewegen sich die Felsen noch, scheinen GreifArme auszubilden, die mit langen, geschmeidigen Fingern nach dem eigenen Nacken greifen.

Ich weiß, daß es Halluzinationen sind, aber sie machen mir trotzdem zu schaffen. Auch das geringste bißchen Licht, eine Fackel oder unsere DynamoLampen, würden diesen Spuk beendigen. Ob Charmion und die drei anderen auch darunter leiden? Ich wage nicht, zu fragen. Aber die Konzentration wird mir immer schwerer. Die vagen, wesenlosen LichtErscheinungen machen Angst, und die Angst verstärkt diese Erscheinungen. Es ist nur das Echo der Tätigkeit der Millionen unterbeschäftigten Neuronen in deinem Kopf, sage ich mir. Aber das hilft wenig.

Und es gibt noch eine zweite störende Quelle von geisterhaften LichtErscheinungen: Wenn ich meine Augen heftiger bewege, dann kommen am Rande des GesichtsFeldes schon mal ein paar Blitze vor. Ich weiß wohl, woher das kommt, ich kenne das schon seit Jahren: Der GlasKörper der Augen schwingt bei jeder heftigen Bewegung hin und her und zerrt dabei an der NetzHaut. Das gibt solche LichtErscheinungen. Ich weiß, daß das ein frühes Symptom der NetzhautAblösung sein kann, aber diese Symptomatik kann auch über JahrZehnte unverändert bleiben.

Als mir das vor knapp zehn Jahren das erste Mal aufgefallen ist, hat es mich eine ganze Zeit lang deprimiert. Intensives Studium augenmedizinischer Literatur tat ein übriges, um meine Besorgnis zu erhöhen. Die befürchtete NetzhautAblösung trat aber nicht sogleich ein, und so habe ich mich an die Blitze gewöhnt. Ich vermeide nun gerne heftige Bewegungen des Kopfes und Dunkelheit. Ich schlafe zuhause normalerweise sogar im Licht einer gedämpften EnergiesparLampe. Dann kann ich diese Symptome gut ignorieren.

Im Moment habe ich allerdings wenig Einfluß darauf, ob ich solche Situationen vermeiden kann oder nicht. Es ist wie verhext: Im Laufe der Jahre hat man in einem 45-jährigen Leben zwar schon einige kleinere Schäden und Zipperlein und wie man solche Dinge eben nennt entwickelt, kann aber immer noch sein Leben so um diese körperlichen Defekte herumbauen, daß sie nicht wirklich stören. Auch wenn es sich nur um einen graduellen Unterschied handelt, ist man noch weit von jeder Gebrechlichkeit entfernt. Man kann sogar fast abenteuerliche Unternehmungen wie etwa eine ZugspitzBesteigung durch das HöllenTal unternehmen und sich, besonders wenn man AusdauerSport gewöhnt ist, fast jung und völlig gesund fühlen, jünger und gesünder als manche ZwanzigJährige, denen man immer wieder begegnet, deren LebensFührung schon eine körperliche und geistige Vergreisung bewirkt hat. Die Defekte sind zwar da, und man ist sich ihrer bewußt, aber sie bleiben im HinterGrund, Mahner gewissermaßen, Hinweise auf die Begrenztheit der eigenen körperlichen Ressourcen, Hinweise auf die Begrenztheit der Zeit, die man noch hat, frühe Vorboten des Alters. Man ist noch im VollBesitz der eigenen Kräfte, ja, die Kombination zwischen den Noch-Fähigkeiten, die man hat, und den Erfahrungen, die man schon angesammelt hat, bewirken eigentlich, daß man sich auf der Höhe der eigenen LeistungsFähigkeit befindet und daß man sich doch dessen bewußt ist, daß es nun langsam bergab geht. Man wird sich bewußt, daß man die Zeit gut nutzen müßte.

Wenn man aber das eigene Schicksal sowenig in der Hand hat wie das jetzt der Fall ist, wenn man nicht einmal zwischen den Pfaden, die man beschreiten kann und jenen, die man besser nicht beschreiten sollte, wählen kann, dann gerät man mit viel größerer Wahrscheinlichkeit in Situationen, in denen man sein Alter spürt.

Es dauert lange. Ich hoffe nicht auf ein baldiges Ende, weil wir ja die ausgedehnten Anstrengungen kennen, die die KletterEinrichtungen in dieser Welt verursachen. Dann aber, ganz plötzlich, ändert sich wieder die Atmosphäre, und das Echo des eigenen Atems ist wieder nah. Wahrscheinlich wird Charmion gleich sagen, daß die SturzFalle zu Ende ist.

Sie sagt nichts dergleichen. Selbst, als ich durch vorsichtiges Zur-Seite-Treten feststelle, daß die Stufen nicht mehr konkav sind, und als ich definitiv höre, daß die Frauen hinter mir wieder mit den Fingern über die FelsWand rechts und links fahren, und als ich bei jedem Versuch, aufrechter zu gehen, bereits die HöhlenDecke meine Haare streifen spüre, sagt Charmion nicht, daß wir wieder normal gehen können.

"Ist die SturzFalle denn schon zu Ende?" frage ich.

"Natürlich." sagt Charmion.

"Warum sagst du das denn nicht?"

"Warum soll man das offensichtliche sagen?"

Ich nehme meine Hände von ihren Hüften.

"Pause!" ruft Charmion kurz. Hinter mir Äußerungen der Zustimmung.


        21.3    ZungenSpiele


"Wollen wir nicht wenigstens weitergehen, bis wir wieder ans Licht kommen? Da können wir dann etwas essen!" schlage ich vor. Ich will endlich wieder etwas sehen.

"Wir halten nicht, um zu essen!" sagt Charmion bestimmt.

"Nein?"

"Nein."

Eigentlich, denke ich, bin ich es, der darüber zu befinden hat. Aber ich komme nicht dazu, weitere Einwendungen hervorzubringen.

Plötzlich faßt sie mich im Dunklen auf die Schultern, und ehe ich mich versehe, sitze ich auf der Treppe auf den Knien. Sie drückt meinen Kopf nach unten. Meine beiden Wangen berühren ihre Haut - es muß sich um die InnenSeite ihrer OberSchenkel handeln. Ehe ich etwas sagen kann, preßt sie mein Gesicht in die warme Feuchte der KörperRegion, wo sie am weiblichsten ist. Jedenfalls kann ich die Situation in der Dunkelheit nicht anders interpretieren.

Wehren kann ich mich auch nicht. Jetzt schiebt sie mein Gesicht über ihre SchamRegion auf und ab. Ihre rauhen SchamHaare geraten in meine Augen, und mein Gesicht wird überall naß. Sagen kann ich nichts, solange mein Mund abwechselnd durch ihre auf- und abgleitenden SchamLippen und durch ihren SchamhaarWald verschlossen wird, und hören kann ich jetzt auch nichts mehr, weil ihre OberSchenkel meine Ohren meistens abdichten. Sie wird immer naßer und rutschiger, und einige der Dinge, die über mein Gesicht auf- und abgleiten, schwellen immer mehr an.

Die Stellung ist sehr unbequem, jedenfalls für mich. Wahrscheinlich denkt sie aber nur an ihre eigene Lust, und das treibt sie noch eine ganze Weile so weiter. Wenigstens ab und zu komme ich dazu, Luft zu holen. Die GeräuschEntwicklung muß für die anderen drei Frauen eine Quelle ganz besonderer Unterhaltung sein. Aber ich kann nichts dagegen tun - irgendwie liegen meine Arme ganz unglücklich und nutzlos hinter meinem Rücken, ohne daß ich weiß, wie sie dahingekommen sind, und werden dort festgehalten.

Eine unwürdige Situation, ermöglicht durch die Dunkelheit, versteckt durch die Dunkelheit und trotzdem öffentlich, was unsere Zuhörerinnen betrifft. Ich kann nichts tun. Frauchen zeigt, wer hier der Boß ist, und was Cherkrochj irgendwann mal bezüglich meiner Stellung an Bord des SaurierFängers entschieden hat ist lange her und ohne Bedeutung.

Dann richtet Charmion mich mit kräftigem Griff wieder auf, hebt zielsicher in der Dunkelheit meinen LederstreifenRock hoch, und ich spüre ihre schlangengleichen Beine, die rechts und links an meinen Hüften vorbeihuschen und mich dann fest umschlingen. Mein Schwert wird zur Seite gedrückt und kratzt an der FelsWand.

"Dafür haben wir doch jetzt keine Zeit!" versuche ich, zu protestieren. Genaugenommen versuche ich, mich zu wehren. Ich greife aber ins Leere. Dafür fassen ihre Hände ganz plötzlich wie ein SchraubStock meine UnterArme an, und wieder kann ich überhaupt nichts mehr machen. Hinter mir kichert eine der drei anderen Frauen. Sie hören sich ganz genau an, was hier gespielt wird.

Charmion hebt meine UnterArme hoch über ihren Kopf und zieht mich dabei an und über ihren Körper. Durch leichtes Auf- und Absenken, das sicherlich viel Kraft kostet, bewirkt sie damit, daß sich mein Geschlecht auf dem naßen KampfPlatz des ihren reibt. Das vollbringt rasch, worauf sie im Moment am meisten Wert legt. Dann hebt sie mich mit einem Ruck in sich hinein. Immer noch sind meine Arme über ihrem Kopf hilflos gefangen. Meine FingerKnöchel stoßen heftig gegen die Decke des Stollens. Kratzer werde ich mir dabei also auch noch holen.

"Geht ganz schnell!" flüstert sie in mein Ohr, "Du darfst jetzt spritzen! Dann gehen wir weiter!"

Es geht auch ganz schnell. Ihr Körper holt in Wellen aus meinem heraus, was sich in den letzten vierundzwanzig Stunden angesammelt hat. Ich wühle in ihrem Körper herum wie ein kraftvoll gezogener Pflug in dampfender Erde, fülle ihren ganzen Bauch, als wollte ich wie eine FlutWelle bis an ihr Herz vordringen. Die Härte und die Eruption lösen sich kurz nacheinander, das Klatschen des Fleisches und der raschere Atem echot von den nahen Wänden wider, dann Erschlaffen und Ruhe. Viel zu schnell. Ich bekomme meine UnterArme wieder. Rasch reibe ich mein Gesicht von ihren scharf duftenden, salzigen Sekreten trocken.

"Gut," sagt Charmion, als sie sich von mir löst, "jetzt wir gehen weiter. Nehmt eure Sachen mit!"

Und wir gehen weiter, als ob nichts gewesen wäre, als ob wir eine ganz normale Pause eingelegt hätten. Das haben wir nach den hiesigen Maßstäben wohl auch. Madam hat sich befriedigen müssen. Das war alles. Der Bissen zwischendurch. Keine große Sache, nicht auf langen Genuß ausgelegt. Und ohne großen Widerstand - ein Mann funktioniert so gut, der macht so etwas nach kurzer Zeit schon mit. Das hat sie begriffen: Daß von mir nicht mit allzugroßem Widerstand zu rechnen ist. Wie oft wird sie das noch ausnützen?

Und wie oft werde ich es noch ausnützen? Denn was anderes ist es, sich willig ausnützen zu lassen? Wie lange wird es noch dauern, bis man die Erniedrigung und den Zwang nicht mehr wahrnimmt? Bis man dankbar die Verantwortung delegiert hat? Bis man die objektiv vorliegende Situation der Vergewaltigung nicht mehr als solche erkennt? Genausowenig, wie man sich durch den Zwang, ab und zu den eigenen Darm entleeren zu müssen, vergewaltigt vorkommt?

Die Freiheit der Gefangenen, denke ich, ist die, die Gitter nicht mehr zu sehen. Wenn man sich der Vergewaltigung nicht mehr entziehen kann, dann darf man das nicht mehr Vergewaltigung nennen. Den bloßen Begriff kennen sie hier nicht. Den gibt es in der Xonchen-Sprache gar nicht. Das ist genauso eine durch die Sprache festgeschriebene Lüge wie die 'innereheliche Vergewaltigung', von der viele Menschen in unserer Welt auch meinen, daß es sie per definitionem nicht gibt. Dabei ist sie der NormalFall bei diesen biederen Bürgern da oben. - Was hier der NormalFall ist, das habe ich eben erlebt.

Ob sie wohl jemals auf die Idee kommt, etwas mehr mit sich selbst und etwas mehr im Verborgenen zu spielen, wie das andere brave Mädchen auch tun?

Wir steigen weiter, lange Zeit. Einmal nur nehmen wir uns die Zeit, anzuhalten und zu trinken. Dabei reden wir kaum etwas. Danach geht es sofort im EilMarsch weiter.

Endlich Licht. Ein grauer Schimmer von ferne. Kurz darauf stehen wir am Ende des Ganges. Die Treppe hört übergangslos auf, hinter der letzten Stufe ist die äußere FelsWand. Ein weiter AusBlick empfängt uns: Das Meer, 1500 Meter unter uns, schräg unten die Kette der SchärenInseln, in weiterer Ferne zahllose Säulen, die aus Inseln aufsteigen und in der ewig gleich grau leuchtenden WolkenDecke verschwinden, hoch über uns die drohend überhängende FelsWand des Pilzberges, eine auf den Kopf gestellte Landschaft, die einen schwindeln macht.

Ich sehe die vier Frauen nacheinander an. Ich zwinge mich dazu. Gar nicht erst anfangen, die Blicke schamvoll niederzuschlagen. Eine davon hat mich vor kurzem vergewaltigt, die drei anderen waren mehr oder weniger interessierte Zeugen. Trotz der Dunkelheit dürfte ihnen kaum etwas entgangen sein. Gibt es Spuren von Spott oder Belustigung in ihren Augen?

Nichts dergleichen. Diesen alltäglichen Vorgang haben alle schon wieder vergessen. Alle außer Chrwerjat, die mich etwas seltsam ansieht. So hat sie mich noch nie angesehen, und ich begreife: sie hat auch Lust. Ihre passive akustische Beteiligung hat die Wirkung nicht verfehlt. Aber sie zeigt es nicht offen, da Charmion und theoretisch auch ich rangmäßig über ihr stehen. Ich sehe aber, daß ich sie jederzeit nehmen könnte, wenn ich es nur wollte. Das ist natürlich eine rein theoretische Überlegung, aber ich denke weiter: vielleicht ist es irgendwann einmal nützlich, zu wissen, wer was will.

Was ich nicht sehe ist, wie es hier weitergeht. Und was ich spüre ist eine ordentliche Müdigkeit in meinen Knochen.

"Fängt hier der KletterSteig an?" frage ich Charmion. Es sieht nämlich so aus, als ob rechts und links und unter uns und über uns nur die senkrechte, allmählich schon sich leicht nach außen neigende FelsWand sei. Genau kann man rundherum die FelsWand nur ansehen, wenn man sich auf den Bauch auf die letzte Stufe legt und sich weit hinauslehnt. Dazu habe ich aber überhaupt kein Nerv.

Hoffentlich fängt der KletterSteig nicht erst ein paar Meter entfernt von diesem Loch an, so daß irgendwelche akrobatischen Taten notwendig sind, um bis dahin zu gelangen. Es würde ins Bild passen - ein weiteres Hindernis für ausbrechende Gefangene.

"Hast du es nicht bemerkt?" fragt Charmion mich, eine Spur von Triumph in der Stimme.

"Nein. Was denn?"

Wir sind an der richtigen Abzweigung schon vorbei. Hat es jemand von euch bemerkt?"

Auch Chrwerjat, Chmerm und Chechmirch verneinen das. Charmion sonnt sich sichtlich im Lichte ihrer exklusiven OrtsKenntnis.

"Gehen wir zurück. Ich zeige es euch."


        21.4    Der SchwertGang


Höhe zu verlieren ist im Gebirge immer ärgerlich, bergab zu gehen schlecht für die Gelenke, und das ganze im Dunkeln sowieso lebensgefährlich. Wenn wir eine Abzweigung übersehen haben, dann hätte Charmion uns eigentlich früher darauf aufmerksam machen können. Hoffentlich müssen wir nicht bis zu der SturzFalle zurück.

Als der letzte LichtSchimmer hinter uns verschwunden ist und wir Stufe für Stufe erfühlen müssen, um nicht zu stürzen, ruft Charmion:

"Gleich haben wir es!"

Wir gehen zwar in umgekehrter ReihenFolge nach unten wie wir nach oben gekommen sind, also ich jetzt als vierter, aber trotzdem bin ich der erste, der etwas merkt: Obwohl ich rechts und links die FelsWand unter meinen Fingern entlanggleiten spüre, glaube ich plötzlich, einen seitlichen Zug zu spüren.

"Hier ist etwas!" rufe ich. Alle bleiben stehen. Tatsächlich: da ist ein Zug. Man spürt es besonders deutlich an den Beinen.

Ich gehe in die Knie. Links, oder, wenn man aufsteigt, rechts, ist die FelsWand vollkommen normal und geht in FußHöhe in die Treppe über. Gegenüber weicht sie jedoch zurück, und dicht über dem Boden fingere ich ins Leere.

"Hier geht es irgendwie rein!" sage ich. Dabei bemerke ich, daß ich immer noch so erregt bin, daß mir die DoppelBedeutung von 'hier geht es irgendwie rein' sofort auffällt. Dabei meine ich wirklich eine Öffnung im Felsen, und die anderen werden das auch genauso auffassen.

"Ganz richtig," stellt Charmion fest, "das ist ein DurchGang zu einem zweiten Stollen, der so aussieht wie dieser hier. Es ist etwas anstrengend, weil es sich um eine enge, schräge Spalte handelt. Man muß die ganze Zeit auf den Knien rumrutschen."

Schon wieder. Auch den letzten beiden Sätzen könnte man eine DoppelBedeutung unterstellen. Aber ich bezweifele, daß Charmion das beabsichtigt hat und daß sie es überhaupt bemerkt. Denn wie sollte man diesen SachVerhalt auch anders ausdrücken? Es ist Zufall.

"Wie weit?" frage ich.

"Fünf mal fünf mal fünf mal zwei MenschenLängen." sagt sie. Das sind ungefähr vierhundert Meter, rechne ich rasch aus. Wird ganz schön anstrengend. Es kommt aber noch schlimmer:

"Dieser Spalt geht zunächst nach unten und nach der Hälfte des Weges wieder aufwärts." fährt Charmion fort, "Und es gibt einen Mechanismus, ihn unter Wasser zu setzen. Dann ist er unpassierbar. Wie dieser Mechanismus in Gang gesetzt wird, und von wo er ausgelöst wird, und woher das Wasser kommt weiß ich nicht."

"Schöne Aussichten," murmele ich, "hoffentlich kommt jetzt niemand auf die Idee, das genau jetzt auszuprobieren!"

"Um die Schwierigkeiten zu erhöhen hat man in diesem Spalt eine ganze Reihe SchwertKlingen befestigt. Sie ragen von schräg unten und von schräg oben in den Spalt hinein. Dazwischen ist aber reichlich Platz. Man darf nur auf der Schräge nicht ausrutschen. Dann sitzt man drin."

Ich habe das Gefühl, Charmion macht die Beschreibung dieser Anlage Spaß. Sie redet weiter:

"In der Mitte des schrägen Bodens verläuft eine in den Fels gehauene Rille. Sie dient gleichzeitig zur Orientierung und zum FestHalten. Sie ist zu flach, um von Nutzem zu sein, wenn der Spalt unter Wasser ist, aber jetzt ist es ein KinderSpiel. Es gibt auch ein paar gewinkelte Rillen mit gleichem Profil. Unter Wasser würde man diese verwechseln und sich selbst mit großer Sicherheit mit einigen SchwimmStößen in die SchwertKlingen bohren."

"Und der Gang drüben," frage ich, "Wenn der so aussieht wie dieser hier, dann geht der doch auch sowohl nach oben als auch nach unten?"

"Richtig."

"Wohin kommt man denn da, wenn man da nach unten geht?"

"Das," sagt Charmion, "ist eine weitere Falle. Eine ganze Weile geht es so weiter nach unten wie in diesem Gang. Es kommt sogar eine Höhle mit einer SturzFalle, ganz von der Art, wie wir sie schon durchquert haben. Was man aber nicht sieht, wenn man von oben kommt, nicht einmal, wenn man Licht hat, ist, daß das letzte Stück der Treppe, das in die SturzFalle von oben hineinragt, aus einem lose aufliegenden, schlanken FelsBlock besteht. Dieser FelsBlock kommt bereits aus dem GleichGewicht, wenn nur ein Mensch sich weit genug auf dieser Treppe in die zweite SturzFalle hinunterwagt. Er kippt dann, oder er bricht, auf jeden Fall stürzt er in die Tiefe. Ein großer Teil des Stollens ist dann auch unbrauchbar, weil die Treppe dann verschwunden ist. Die Anlage ist groß genug, um Gruppen mit mehr als hundert fliehenden Gefangenen mit sich in die Tiefe zu reißen!"

"Ihr habt vielleicht eine Phantasie!" sage ich, "Was für ein immenser Aufwand, um ein paar Gefangene am Fliehen zu hindern! Wer hat sich das bloß ausgedacht? Würde nicht ein massives, bewachtes Tor ausreichen?"

"Diese Anlagen sind aus alter Zeit." entgegnet Charmion, "wir können so etwas heute gar nicht mehr bauen. Außerdem funktioniert diese Falle nur einmal, und sie ist bis jetzt ja noch nicht aktiviert worden. Bewachte Tore gibt es weiter oben auch noch. Noch nie sind fliehende Gefangene soweit gekommen."

"Wer hat es denn gebaut? Die Bewohner der Toten Städte?" frage ich.

"Ich weiß es nicht," sagt Charmion nach einigen Sekunden des Überlegens, "ich weiß es wirklich nicht. Es ist so lange her. Es gibt kaum Überlieferungen."

"Also auf jeden Fall müssen wir da durch. Oder gibt es noch einen anderen Weg?" will ich wissen.

"Nein." sagt Charmion kurz, "Es sei denn, du willst außen an der FelsWand entlangklettern. Da ist aber nichts, wo du dich festhalten könntest."

Wieder einen Moment Schweigen. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber da scheint irgendwo Wasser zu tropfen. Natürlich weiß ich jetzt von der Möglichkeit, die Spalte unter Wasser zu setzen, und wenn das stimmt, was Charmion erzählt, dann muß es irgendwo eine Art Wehr oder Dichtung oder sonst etwas geben, welches dieses Wasser jetzt noch zurückhält. Und das wird kaum hundertprozentig dicht sein, wenn es sich um eine so alte Anlage handelt.

"Gehen wir!" entscheide ich. Die einzige Entscheidung, die gemacht werden kann, weil das ja sowieso unser Auftrag ist. "Du voran, Charmion! Du kennst den Weg." Das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen, fällt mir gleichzeitig ein: Entweder, Charmion will sowieso vorangehen, dann tut sie es auch, oder sie will nicht. Dann habe ich einen lustigen Satz, der keine weiteren Folgen hat, ins Leere gesagt.

Sie will aber offenbar voran. Geschwind drängt sie sich an mir vorbei und bückt sich. Wenig später höre ich ihre gedämpfte Stimme, die uns zum HinterherKlettern auffordert. Ich steige als Zweiter ein, indem ich mich auf die Knie niederlasse und so von den Stufen nach links herunterrutsche. Natürlich stoße ich mir prompt den Schädel an der Decke des Spaltes. Er ist sechzig oder siebzig Zentimeter dick, genug, wenn man sich auf Händen und Knien weiterbewegt.

Charmion greift in der Dunkelheit meine Hand und legt sie auf die FührungsRille, bevor ich den Halt der TreppenStufen verliere. Ich mache dann dasselbe mit meiner NachFolgerin, und die mit ihrer, und so weiter.

Man kann sich gut festhalten. Die Rille hat etwa das Profil eines Trapezes mit drei ZentiMeter KantenLänge - das sind die aus dem Fels herausgehauenen Flächen - und vier ZentiMeter BasisLänge. Eine Art verkleinertes KanalProfil. Aber da ist das kitzelige Gefühl in der MagenGrube und im Schritt, das von dem BewußtSein herrührt, daß nicht allzuweit die schiefe Ebene des Spaltes abwärts scharfe Klingen auf einen zeigen. Diese TurnÜbung wäre in jeder TurnHalle, einige ZentiMeter über dem HallenBoden, trivial. Ich versuche, mir das klarzumachen - diese Überlegung hat mir beim AbStieg in die WeltHöhle vor fast drei Wochen an einigen Stellen ja auch geholfen. Ein bißchen wenigstens.

"Sind hier schon Menschen gescheitert?" frage ich Charmion.

"Ich weiß es nicht. Wenn wir Licht hätten, könnten wir nachsehen. Aber da wir keins haben, können wir uns genausogut auch auf das Klettern konzentrieren."

Sie hat ja recht, denke ich. Da liegen wahrscheinlich noch Knochen und TotenKöpfe um die Schwerter herum, nur wenige Meter von uns entfernt. Ich bin nicht so scharf darauf, das genau zu sehen.

Wenige Sekunden später spüre ich mit Knien und Händen eine zweite FührungsRille, die senkrecht zur ersten verläuft - auf der schrägen Ebene von unten nach oben. Klar, denke ich, unter Wasser, ohne genaue Vorstellung von unten und oben, und dann in absoluter Finsternis, da könnte man die Rillen gut verwechseln. Ein genialer Trick.

Im Laufe der Zeit passieren wir noch mehrere der TäuschungsRillen, die man immer deutlich betasten kann. Was man weniger deutlich fühlt ist, daß der Spalt zunächst etwas in die Tiefe und dann wieder aufwärts führt. Irgendwann warnt Charmion uns, daß er gleich zu Ende ist. Kurz darauf ändert sich ihr KletterGeräusch, und dann spüre ich auch das Ende der FührungsRille. Ich fingere weiter nach links und ergreife Stufen. Mit Hilfe von Charmion bin ich im AugenBlick auf einer Treppe. Nacheinander kommen die drei anderen nach.

"Gut gegangen." sage ich, "gehen wir gleich weiter, ja?"

Niemand protestiert. Der Stollen ist dem anderen, den wir vor über einer halben Stunde verlassen haben, völlig ähnlich. Bald sehen wir das Licht der StollenÖffnung, und als wir sie erreichen, haben wir den schon bekannten AusBlick auf die See und die fernen Säulen und die SchärenInseln.

Wo ist den das andere StollenLoch, wo wir eben waren?" frage ich, als ich mich ein wenig hinauslehne. Im GegenSatz zum anderen StollenLoch beginnt hier der KletterSteig. Massive StahlBügel von der Art, wie wir sie schon gesehen haben, beginnen an der linken StollenWand, zunächst parallel zu dieser in der StollenWand befestigt, dann, jeder gegen den darunter liegenden um fünfzehn Grad gedreht, sich langsam über den Abgrund ins Freie schiebend.


        21.5    Zwischen Himmel und Himmel


"Hinter der FelsKrümmung, nach rechts. Man kann es von hier aus nicht sehen. Wenn man weiß, wo man hinsehen muß, dann kann man die beiden Löcher von unten erkennen, von den Inseln aus." erklärt Charmion. Sie ergreift routinemäßig die StahlBügel und klettert los. Da kann ich mich nicht lumpen lassen, ich gehe sofort hinterher. Nach einigen SteigSchritten bin ich in der Wand, und 1500 Meter unter mir ist die WasserFläche. Dazwischen ist nichts. Herwig, denke ich mir, das hast du doch schon gemacht, auch, wenn es jetzt bald drei Wochen her sind. Greif fest zu, und es wird dir nichts passieren. Du hast sowieso keine andere Wahl.

Die SelbstSuggestion funktioniert. Allerdings steigen wir recht schnell, den Charmion ist ja auch gut durchtrainiert. Ich muß wie schon auf der Treppe heftig atmen. Hoffentlich gibt es keinen Blackout, kein orthostatisches Syndrom, wie ich es bei mir schon kenne. Das wäre jetzt fatal.

Da die Wand deutlich überhängt - das ist keine EinBildung - hat man dauernd den Eindruck, als wolle einem jemand die Füße von den SteigBügeln herunterziehen. Zusätzlich hängt ein wesentlich größerer Teil des eigenen Gewichtes an den SteigBügeln als das der Fall bei einer genau senkrechten Wand wäre. Es ist sehr anstrengend, und ich habe schon die Vision, daß mich vor dem Hängenden Weg, der in 3000 Metern Höhe um die GefängnisInsel herumführen soll, die Kräfte verlassen könnten. Zunächst versuche ich aber, mit kräftigen KlimmZügen mit Charmion Schritt zu halten.

Jedenfalls sehe ich rasch ein, daß mich diese KletterTour ganz anders fordert als der senkrechte KletterSteig, der bei unserem Abstieg in diese Welt die letzte schwierige Etappe war. Irene wäre hier nicht weitergekommen. Cherkrochj hatte recht. Ich bin ihr dankbar, daß Irene auf dem SaurierfangSchiff jetzt sicher ist.

Noch dankbarer wäre ich, wenn ich da jetzt auch wäre.


        21.6    HöhenKoller


Dreihundert SteigBügel - hundert Meter HöhenDifferenz. Die Arme schmerzen. Ich werden langsamer, deutlich langsamer. Der Abstand zu Charmion ist mindestens zwanzig Meter. Um das zu sehen muß ich aber den Kopf in den Nacken legen, und dann könnte mir schlecht werden. Wenn ich aber an meinen Füßen vorbeisehe, dann sehe ich Chechmirch, Chmerm und Chrwerjat dicht hinter mir, und dahinter die FelsWand, die sich zum Wasser herunterkrümmt. Wie eine gestickte Naht kann ich auch den bisherigen Teil des KletterSteiges verfolgen. Wenn ich das so sehen kann, dann heißt das nur eins: Die ÜberhangNeigung nimmt noch zu! Das ist keine Illusion, was dein GleichgewichtsSinn und deine schmerzenden Muskeln dir melden, Herwig! Erinnere dich an das Profil des PilzBerges: je höher, desto größer der ÜberhangWinkel! Nimm es zur Kenntnis: aus der FelsWand wird kontinuierlich eine FelsDecke! Oder nimm es besser nicht zur Kenntnis.

Ich habe den Eindruck, daß ich jeden Moment von den SteigBügeln runterrutschen muß. Wie weit noch bis zum Hängenden Weg? Das kann ich nicht aushalten! Das schaffe ich nicht.

Und doch versuche ich noch mein bestes. Wegen mir werden die anderen nicht umkehren. Dieser KletterSteig ist für die GranitBeißer eine RoutineAngelegenheit. Sie werden es nicht verstehen, daß ich hier Schwierigkeiten habe. Charmion wird es nicht verstehen. Und gerade ihr möchte ich es eigentlich zeigen, ihr, die so selbstverständlich über mich verfügt als wäre ich ein AusrüstungsGegenstand. Soll ich ihre VorUrteile bestätigen? Nein.

Der Gedanke, daß einer der SteigBügel locker sein könnte macht mir Angst. Nicht jetzt auch noch meine Reflexe trainieren - ich brauche den ganzen Willen, den ich habe, um mich überhaupt festzuhalten, die ganze Konzentration, um mit den Füßen nicht von den SteigBügeln runterzurutschen. Nicht auszudenken, was wäre, wenn das passiert: An den Armen hängend, mit den Füßen hin- und herpendelnd, versuchend, die Füße wieder auf die Bügel zu setzen, und das mit diesen erlahmenden Armen. Ich kann zwar ein paar KlimmZüge hintereinander machen. Im Prinzip. Aber der bisherige AufStieg hat meine Arme schon wachsweich gemacht.

Und dann nimmt der Wind zu. Wenig nur, aber die bloße Vorstellung, daß er noch mehr zunehmen könnte, um ein bißchen an uns herumzuzerren, reißt an dem letzten Rest meines SelbstVertrauens herum.

Wie lange fällt man 1700 Meter? Ein paar Sekunden mindestens. Rechne es aus, Herwig, teste deinen Verstand. Wenn das noch funktioniert, dann funktioniert auch vieles anderes noch. Es ist doch ganz einfach, die BeschleunigungsFormel: S ist a halbe mal t zum Quadrat, umgeformt ist das Zwei s durch a ist t zum Quadrat. Das habe ich nicht umgeformt, sondern ich erinnere mich noch an die Umformung. Die Formel habe ich doch schon oft gebraucht. Zwei s durch a ist 340, das ist t zum Qadrat, dann ist t, moment, 340 liegt zwischen den Quadratzahlen 256 = 16 * 16, 289 = 17 * 17, ist auch noch zu wenig, 18 * 18 =, ja, was ist es denn? Ich kann mich nicht konzentrieren. Festhalten, greifen, weitersteigen! 18 * 18 ist soviel wie 9 * 9 * 4, das geht doch viel einfacher, das ist 324. Ist auch noch kleiner als 340, aber 19 * 19 müßte schon drüber sein. Also ein 18 Sekunden langer Fall, etwas mehr, vielleicht noch ein paar Sekunden mehr wegen der LuftReibung.

Und steigen und greifen und steigen und greifen und steigen und greifen. Konzentrieren. Irene soll ihren Mann nicht verlieren. Und Charmion nicht ihren Feind. Ja, Feind ist wohl das richtige Wort. Sie würde amüsiert zusehen, wenn ich hilflos loslasse und in der Tiefe verschwinde.

18 Sekunden, ist denn das richtig? Mal ErdBeschleunigung heißt das, daß man mehr als die halbe SchallGeschwindigkeit erreicht. So schnell wird man aber nicht. Jeder FallschirmSpringer weiß das. Im freien Fall schafft man etwa zweihundert StundenKilometer. Hier ist Druck und Dichte der AtmoSphäre höher, unten, auf dem Niveau der See etwa das vierfache der entsprechenden Werte an der ErdOberfläche. Das heißt, wenn man sich mit ausgebreiteten Armen fallen läßt, dann kann man etwa mit hundert StundenKilometern rechnen. Bloß? Dann wäre der Fall wesentlich länger. Und: Kann man es überleben? Vom Zehn-Meter-Turm im SchwimmBad erreicht man schon die Hälfte. Vor dem EinTauchen ins Wasser, aber wirklich kurz vorher, Körper senkrecht ausrichten? Das müßte doch gehen?

Und wenn es nicht geht, dann zerplatzt dir beim AufSchlag die Lunge. Herwig, sieh es realistisch: Du bist einmal in deinem Leben von einem Fünf-Meter-Brett gesprungen, in deiner unnachahmlichen Art: Rechte Hand Nase zuhalten und mit den Füßen zuerst. Du hast keine Sprung-Erfahrung. Und wer sagt dir, daß da nicht eine weiter innen liegende SchärenInsel ganz plötzlich im Wege ist? Oder ein Riff, dicht unter Wasser? Auf nacktem Fels sind auch hundert KiloMeter pro Stunde zuviel.

Gib dich bloß keinen Illusionen hin, was das ÜberLeben beim Absturz aus dieser Wand betrifft. Halt dich fest! Halt dich bloß fest.

Und die Arme sind mir so lahm. Ich kann nicht mehr. Nur noch festhalten, nicht mehr steigen. Wenn ich es versuche, rutsche ich ab. Es ist so weit.

Ich klammere mich mit den Beinen in einen der SteigBügel hinein, und mit den Armen in den zweiten darüber. So hänge ich im Moment fest. Es geht nicht mehr weiter. Ein klassischer Anfall von HöhenSchwindel. Ich kann nichts dagegen machen. Wie ein Embryo klammere ich mich fest, weil die SchwerKraft mich vom Berg zu reißen versucht.

So schlimm wie diese Stelle war nichts, was wir während des Abstieges in diese Welt erlebt hatten.

"Charmion!" rufe ich, "Ich kann nicht mehr!"

Sie hält ein, ich höre es. Hinzusehen traue ich mich nicht, weil ich immer noch und schon wieder die irrationale Angst habe, daß die MetallBügel aus dem Fels rutschen könnten, wenn ich sie nicht dauernd ansehe. Außerdem sieht der Fels vertrauenerweckend normal aus, wenn man ihn aus wenigen DeziMetern Entfernung ansieht. So sieht nämlich auch ein Fels dicht über dem ErdBoden aus. Dem Fels ist es genaugenommen völlig egal, ob er 1600 oder 1700 Meter über dem Wasser schwebt, oder nur fünfzig Zentimeter.

Charmion turnt näher. Dann ist sie, von der FelsWand aus gesehen, über mir, also eigentlich mehr unter mir. Ich habe die entsetzliche Vorstellung, daß sie mir die Arme aus den MetallBügeln heraushebeln und mich so zum WeiterGehen bewegen will.

Aber sie muß wohl begriffen haben, daß da etwas anderes bei mir vorliegt als reine Schwäche. Bei einem SchwächeAnfall hätte ich ja einfach losgelassen und wäre schon runtergefallen. HöhenSchwindel ist den GranitBeißern unbekannt, deshalb kann sie überhaupt nicht wissen, was mit mir los ist.

Sie überlegt eine Weile. Die drei Frauen unter uns warten ab. Dann hat sie einen Entschluß gefaßt.

"Nehmt ihm den Beutel und das Schwert ab!" ruft sie Chechmirch zu, die genau hinter oder unter mir ist. Ich kooperiere wenig, als Chechmirch mir den Beutel entwindet. Sie muß dazu den TrageGurt aufknoten, weil ich nirgends loslasse. Mit dem Schwert macht sie es genauso. Dann steigt Charmion wieder tiefer.

"Stütz dich auf meinem Bauch ab und dreh dich um!" schägt sie vor.

"WAS! MICH UMDREHEN? BIST DU WAHNSINNIG?"

"Es kann dir nichts passieren! Ich halte dich!"

Ich glaube es nicht. Zwar hat sie ihre Füße irgendwie rechts und links unter mir so mit den SteigBügel verkeilt, daß sie mit ihrem Körper unter mir eine Art HängeBrücke bildet. Aber sie kann unmöglich mein Gewicht auch noch aushalten.

"Du mußt dich auf meinen Bauch setzen!" stellt sie fest.

"Nein!"

"Warum nicht? Es ist die einzige Möglichkeit!" sagt sie eindringlich, "Du mußt rittlings so auf meinem Bauch sitzen, daß dein Kopf neben meinem ist und deine Arme und Beine seitlich herunterhängen, damit sie mir beim Klettern nicht im Wege sind!"

Es ist unmöglich, was sie vorschlägt. Sie kann so nicht klettern, und ich kann nicht loslassen. Wir sitzen fest. Solange, bis mir sogar zum Festhalten die Kräfte ausgehen.

"Du könntest dich natürlich auch auf meinen Rücken setzen, aber du hältst dich ja doch nicht fest!" sagt Charmion. Mir schießen unzusammenhängende Gedanken durch den Kopf, Zeichen beginnender Desorientierung. Ich spüre ihre Hitze an meinem Rücken, denke: Wenn sie mich hier rausholt, dann kann sie von mir alles haben, dann würde ich mich sogar von Irene trennen wenn sie das will, nein, das kann sie nicht verlangen aber ich will nicht sterben bloß weg aus dieser Wand aber wie will sie das denn machen ich lasse dieses Eisen nie los da kann sie sagen was sie will!

"Wenn du nicht losläßt," droht Charmion, "dann hebele ich deine Hände ab!"

Sie wartet nicht ab sondern tut es. Alle Instinkte in mir sträuben sich, das Eisen loszulassen, aber ihr Griff ist stärker, und er tut weh. Irgendwann wird der Schmerz dann größer sein als die Angst vor dem Absturz, und mein erschöpfter Griff bietet ihren Bemühungen sowieso nicht viel Widerstand.

"Wenn du nicht losläßt, dann breche ich dir beide Arme!" droht sie und setzt auch schon an, es zu tun. Dabei kann sie nur eine Hand brauchen, weil sie sich mit der anderen ja festhalten muß. Zu einem anderen ZeitPunkt hätte ich diese Stärke bewundert.

"Halt dich doch an mir fest, was hindert dich daran!" ruft sie, fast ärgerlich.

Sie schafft es, mir nicht nur die Hände von den Bügeln des KletterSteiges zu reißen, sondern mir dann den gesamten OberKörper so zu verdrehen, daß ich mich auch mit den Beinen aus den Bügeln herauswinden muß, wenn ich nicht riskieren will, daß sie mir das Rückgrat bricht. Sowie ich den Halt am KletterSteig verloren habe, rutsche ich an ihrem Körper entlang, sitze auf ihrem OberSchenkel auf, kippe zu einer Seite ab. Ich bin völlig orientierungslos.

Sie hält mich mit einer Hand.

"Siehst du, es geht doch!" lacht sie.

Das finde ich gar nicht. Ich klammere mich an ihren OberSchenkel, aber ein harter Griff zwingt mich wieder höher. Sekunden später liege ich auf ihr, die Griffe des KletterSteiges unerreichbar hinter meinem Rücken.

"Halt dich gefälligst fest, hinten rum an meinen Schultern." befiehlt sie. Das geht, und es ist wahrscheinlich ein völlig sicherer und sogar bequemer Platz, wenn man davon ausgehen kann, daß sie selbst sich beliebig lange am KletterSteig festhalten kann. Da meine Arme unter ihren AchselHöhlen durchgreifen, um an ihre Schultern zu gelangen, kann sie problemlos über sich greifen und ist dort durch mich nicht behindert. Allerdings muß sie einen größeren Abstand zwischen ihrem Körper und den Bügeln des KletterSteiges halten, weil mein Körper dazwischen ist. An ihrem Kopf vorbei kann ich in die Tiefe sehen, das Wasser, die Insel des SchärenRinges.

"In Ordnung!" ruft sie nach unten, "Ich habe ihn. Wir können weiter!"


        21.7    Charmions Bauch und der nasse Schwamm


Und das macht sie sofort. Es ist eine wüste Schaukelei. Und mir ist elend. Nicht nur wegen dem Schwindel und der wahrscheinlich unnötigen Furcht, daß Charmion anstürzen könnte. Nein, das passiert ihr nicht, bei ihrer Kraft und Geschicklichkeit, auf die ich mich jetzt voll und ganz verlassen muß. Aber daß der Herwig sich einen Berg rauftragen läßt wie ein nasser Schwamm!

Wir sind nicht viel langsamer als vorher. Charmions Bewegungen sind kraftvoll und routiniert. Das macht es für mich schlimmer, denn es gibt keinen Teil ihres Körpers, der sich nicht bewegt, keine festen BezugsPunkt. Kein Schiff im Sturm bewegt sich so heftig. Das bin ich nicht gewöhnt.

Ich spüre das Spiel ihrer BauchMuskeln an meinem Bauch, unter meinen Händen arbeiten ihre SchulterMuskeln, immer wieder schiebt sie mich mit dem OberSchenkel des Beines, das sie gerade einen SteigBügel weiter nach oben setzt, an ihrem Körper entlang weiter nach oben, um meine Neigung, wieder nach unten zu rutschen, zu kompensieren. Ich versuche, mich so gut wie möglich an ihren Schultern hochzuziehen, um möglichst wenig Anlaß zu Kritik zu liefern.

Wieder einmal liegt mein Leben völlig in ihrer Hand, bin ich völlig abhängig von den Fähigkeiten und dem guten Willen eines anderen Menschen. Die unangenehmste Situation. Habe ich nicht mein ganzes Leben daran gearbeitet, daß diese Art von Situationen nicht so eintreten kann? Ausbildung, Beruf, ökonomische Selbstständigkeit - alles diente doch nur dem einen Ziel: Zu verhindern, daß man sich in direkte Abhängigkeit zu anderen Menschen begibt. Mein ganzes Leben ist eine Manifestation dieses Prinzips und dieser Strategie. Schon die Wahl des InteressenGebietes. Physik, die Technik, Informatik. Maschinen, deren prinzipiell erreichbare maximale Zuverlässigkeit, die NaturGesetze selber, der EichBegriff der Zuverlässigkeit, die Inkarnation der Zuverlässigkeit. Niemals hätte ich in meiner LebensPlanung auf das WohlWollen eines anderen Menschen gesetzt, nicht einmal temporär. Dieser BauStein ist nicht vorgesehen.

Jetzt aber muß ich auf das WohlWollen eines anderen Menschen setzen, ob ich will oder nicht. Wenn es Charmion gefällt, kann sie ihre Scherze mit mir treiben. 'Hätte ich dich nicht gehalten, wärst du runtergefallen!' Das alte Spiel vom SchulHof. Hier ist es Ernst. Was immer ihr einfällt, es droht ihr keine Vergeltung, von niemandem. Von mir schon gar nicht. Es braucht nicht einmal böser Wille zu sein - was ist, wenn ich ihr zu schwer werde?

Der Wind, der vorhin aufgesprungen ist, umflattert uns immer noch unruhig. Vielleicht irgendwelche lokalen WirbelErscheinungen an diesem PilzBerg, vielleicht aber auch VorBoten eines WetterUmschwunges. Ist Charmion beunruhigt?

Nein, sie klettert ruhig weiter, tief, aber gleichmäßig atmend. Die Wand neigt sich weiter über, und damit unser KletterWinkel. Es muß für sie immer schwerer werden, die Füße auf den SteigBügeln zu halten. Wie sie es wohl macht? Streckt sie den Fuß, so daß die FußSohle waagerecht steht oder sogar noch weiter geneigt ist? Ich vermeide es, hinzusehen. Ich will sie nicht durch eine unvorhergesehene KopfBewegung irritieren.

Ein paar WolkenFetzen ziehen unter uns vorbei, vielleicht siebenhundert bis tausend Meter über dem Meer. Einige der SchärenInseln verschwinden kurzzeitig, tauchen dann wieder auf. Größere Wolken treiben vorbei, fast kleine Berge. Einmal tauchen wir kurz in Nebel ein - ich überlege, ob das gut oder schlecht ist, aber ich komme zu keinem Ergebnis. Dann sind die Wolken wieder unter uns, immer noch vielfach durch Lücken das Meer zeigend. Die Säulen am Horizont scheinen zwischen WolkenSchichten zu schwimmen: Die permanent leuchtende WolkenSchicht oben, und die WolkenSchicht, die gerade dabei ist, sich zu bilden, etwa dreitausend Meter darunter.

Wir müssen schon über zweitausend Meter hoch sein. Brave Charmion - wie müht sie sich ab mit einem untüchtigen Sack wie mich! Ich wage allerdings nicht, etwas zu sagen, damit sie nicht auf die Idee kommt, ich könne wieder selbst klettern.

Ihr Körper windet sich in meiner haltenden Umarmung, nicht unähnlich den Bewegungen beim LiebesSpiel. Aber erotische Gedanken kommen mir jetzt nicht in den Sinn. Ihr hoffentlich auch nicht. Die Stellung wäre eine der ungewöhnlichsten, die man je beim GeschlechtsVerkehr ausprobiert hätte, fällt mir ein. Aber ist etwas, was für mich ungewöhnlich ist, für sie genauso ungewöhnlich? - Jedenfalls sind, da meine Beine sich über ihren Beinen um ihre Hüfte schlingen oder dieses jedenfalls sollen, unsere GeschlechtsOrgane hinreichend weit voneinander entfernt. Ich hoffe deshalb, daß sie nicht schon wieder auf dumme Gedanken kommt.

Das bringt mich auf andere Gedanken, und ich brauche andere Gedanken, weil ich mich ganz weit wegdenken möchte. Ich möchte mir ebenen, festen Boden vorstellen. Vielleicht merke ich dann gar nicht mehr, wo ich bin. Wollte ich nicht einmal an die Playboy-Redaktion schreiben, um fachkundigen Rat darüber einzuholen, auf welchen Fahrzeugen und VerkehrsMitteln schon nachweislich GeschlechtsVerkehr getrieben wurde und auf welchen sicher nicht? Ich habe es dann nicht getan, weil ich glaubte, mir die Antwort eigentlich schon selbst geben zu können: Auf RaumSchiffen - wahrscheinlich ja. Auf fahrenden FahrRädern - wahrscheinlich nein. Zu kompliziert. Komplizierter als das, was wir jetzt machen? GeschlechtsVerkehr auf einem, oder besser unter einem hängenden KletterSteig?

Vielleicht würde Charmion meine GedankenSprünge auch als abwegig betrachten, oder höchstens belustigt sein. Jetzt ist die Zeit des Kletterns und des Am-Leben-Bleibens. Genau das zeigt sie mir gerade: Wie man am Leben bleibt. Die Zeit des Spiels der Körper kommt schon noch. Ein andermal.

Kein Wort wird gesprochen. Jetzt nicht. Vielleicht später? Wenn ich nicht in HörWeite bin? Die Legende von dem Mann, den die Höhe krank machte und der sich den Berg raufschleppen ließ? Lege ich gerade die GrundLage für eine neue, mehr lustigere ÜberLieferung in der Welt der GranitBeißer? Ist schon entschieden, daß man hier noch in Generationen über mich lachen wird?

Jetzt ist die WolkenDecke unter uns dicht, und es gibt nur noch diese endlose, überhängende FelsWand, und Wolken, wohin man blickt. Nein, einige Säulen sind da ja noch zu sehen, in der Ferne, am Horizont. Aber die Orientierung, das AuseinanderHalten von oben und unten ist schwer. Nur die SchwerKraft ist noch ein sicherer Anzeiger.


        21.8    Das HufEisen


Als ich kurz aufblicke, sehe ich in einiger Entfernung, daß wir auf etwas zuklettern. Zunächst sieht es aus wie ein HufEisen, das überkopf in der Wand hängt, ein viele Meter großes HufEisen. Zunächst bin ich noch geneigt, an einen merkwürdigen FelsVorsprung zu glauben. Nur langsam kommen wir näher.

Was es ist, sehe ich erst, als wir es erreichen. Es ist eine hängende PlattForm, die tatsächlich die Form eines HufEisens hat. Das HufEisen öffnet sich zur FelsWand, und durch diese Öffnung laufen zwei KletterSteige ein, der, den wir gekommen sind, und ein zweiter, den ich erst im letzten Moment, bevor wir das Niveau des HufEisens erreichen, sehe. Überraschenderweise erreichen beide KletterSteige dieses HufEisen von unten.

Die Breite dieses Loches innerhalb des HufEisens ist etwa drei Meter, der AußenDurchmesser fünf Meter. Es handelt sich also um einen einen Meter breiten, stark gekrümmten Steg. Dieser ist aus massiven Planken gezimmert und durch viele Seile, die an seiner AußenKante befestigt sind, mit der schrägen FelsWand verbunden. Diese Seile, besonders die, die weiter von der FelsWand entfernt sind, sind teilweise recht lang - bis zu zwanzig Meter - bis sie in EisenBügeln enden. Wie bei der Hängenden Straße, die wir kurz vor unserer FestNahme beschritten haben, führen die TrageSeile nicht senkrecht nach oben, sondern sie sind um einen Winkel von etwa 25 Grad nach außen geneigt, einige mehr, einige weniger. Dadurch wird Schwankungen der PlattForm vorgebeugt.

Noch wichtiger ist für mich: Dieser Steg bildet eine waagerechte OberFläche. So gut ich das bei meinem geschädigten OrientierungsVermögen erkennen kann.

Als Charmion die Ebene des PlattForm überstiegen hat, bedeutet sie mir, nach rechts von ihrem Körper herrunter zu rutschen. Da ist der Steg. Genau unter ihr ist aber für 500 Meter nichts, dann die WolkenSchicht, dann sind es noch etwa 2000 Meter bis zum Meer darunter. Eine recht wackelige Angelegenheit, denn so lagestabil ist die PlattForm auch nicht.

Das mit etwas Schwung zu tun ist auch problematisch, denn an der anderen Seite des Steges, also der AußenSeite des HufEisens, gibt es nur die HalteSeile, zwischen denen man ohne weiteres durchtorkeln kann.

Eigentlich hätte der KletterSteig hier die Montage spezieller seitlicher EisenBügel benötigt, damit man gefahrlos von ihm heruntersteigen kann. Das ist aber nicht geschehen. Und so muß ich zunächst das rechte Bein weit vorstrecken, um es auf dem Steg aufzusetzen. Dabei weicht der Steg zwar trotz seiner stabilisierenden AufHängung unwesentlich, aber fühlbar aus, während ich Charmion gleichzeitig in die GegenRichtung drücke. Die Vision, daß ich zwischen ihr und dem Steg durchfallen könnte ist wieder überdeutlich gegenwärtig.

"Du kannst nicht herunterfallen - ich paß schon auf!" sagt sie. Das erste, was jemand nach langer Zeit spricht.

"Sehr beruhigend." ächze ich und verlagere, vielleicht mit übertriebener Vorsicht, einen immer größeren Teil meines Gewichtes auf mein Bein. Dann schiebe ich mich von ihrem Körper herunter.

Auf dem Steg angekommen lasse ich mich sofort auf die Knie nieder. Er ist mir zu schmal. Verglichen mit dem KletterSteig und verglichen mit dem Ritt auf Charmions Bauch bietet ein einen Meter breiter Steg zwar immens viel Platz. Aber mir ist nur zu bewußt, daß dies nur eine ZwischenStation sein kann. Die SchwindelTour wird über kurz oder lang weitergehen.

Es ist 6 Uhr. Wir waren mehr als zwei Stunden auf diesem KletterSteig. Mir kommt es kürzer und länger zugleich vor. Mein ZeitGefühl ist auch etwas aus den Fugen geraten.

Charmion springt wesentlich eleganter als ich auf den Steg, danach die drei anderen Frauen. Alle setzen sich, Charmion dicht neben mich. Sie sieht mir in die Augen, irgendwie verwundert.

"Besser?" fragt sie.

"Ja. Etwas."

"Was war denn los?"

Ich kenne das Xonchen-Wort für 'Schwindel' nicht. "Die Höhe." sage ich.

"Na und?"

"Große Höhe macht uns Schwierigkeiten. Wir haben Angst davor."

"Wer ist 'wir'?"

"Die meisten Leute aus der Welt, wo wir herkommen."

Charmion schüttelt verwundert den Kopf.

"Das muß eine merkwürdige Welt sein!" sagt sie, "Alles, was ihr darüber erzählt, klingt so unlaubhaft. Ihr habt Angst vor der Höhe. Ihr habt Angst vor dem Tod. Ihr verbergt euch beim Scheißen und beim Spielen. Männer haben mindestens die gleiche Stellung wie Frauen oder im allgemeinen noch eine höhere. Ihr seid enorm viele, nachdem, was ihr erzählt habt. Und doch seid ihr schwach. Ihr eßt kein Fleisch."

"Kein MenschenFleisch!" korrigiere ich, "Fleisch schon."

"Hattet ihr nicht gesagt ..."

"Ich persönlich vermeide es, Fleisch überhaupt zu essen, außer wenn es sein muß, um nicht zu verhungern. Aber MenschenFleisch - nein."

"Auf dem Schiff hast du aber MenschenFleisch gegessen!" stellt sie fest.

"Ja. Zuerst versehentlich. Ich habe nicht gewußt, was es war."

"Und? Hat es geschadet?"

"Nein."

"Wird es noch schaden? Ist es für euch Gift?"

"Nein."

"Warum also?"

Ich möchte wissen, warum sie ausgerechnet jetzt mit GrundsatzDiskussionen über den Kannibalismus anfängt. Sie gibt sich so ruhig, als wäre sie in einem HörSaal einer philosophischen Fakultät und nicht auf einem schwankenden Steg hoch über den Wolken über einem unterirdischen Meer. Allerdings, korrigiere ich mich selber, in einer philosophishen Fakultät kann ich mir Charmion auch nicht vorstellen.

Wie mache ich ihr meine Einwände gegen das Essen von MenschenFleisch klar?

"Es ist respektlos." versuche ich, "Menschen sind etwas besonderes. Das Erstaunlichste, was das Leben auf der Erde hervorgebracht hat."

"So?"

"Ja. Kein anderes Tier kann, was der Mensch kann, weil er einen Verstand hat, eine Seele." Hoffentlich habe ich die richtigen Xonchen-Worte getroffen.

"Und was hat das mit seinem Körper zu tun?" fragt Charmion, "Der ist so gebaut wie der Körper von anderen Tieren auch. Es gibt dieselben Organe. Nur die Formen sind unterschiedlich. Was ist also an MenschenFleisch besonderes?"

"Aber ihr tötet doch Menschen zum Zwecke der NahrungsBeschaffung!"

"Nein!" entgegnet sie, "Wir töten unsere Feinde, und wir töten zur Strafe, und wir töten Menschen, die nutzlos sind oder gar anderen zur Last fallen oder ihnen schaden. Warum soll man den Körper solcher Menschen nicht nutzen? Was würde denn passieren mit Menschen, die tot sind und die man nicht ißt? Das Fleisch würde schlecht. Es würde stinken und zerfallen. Ist das nicht viel übler als es rechtzeitig zu essen? Was macht ihr denn in eurer Welt mit den Toten?"

"Wir graben sie ein." sage ich.

"Ihr macht was?" Unglauben zeichnet sich auf ihrem Gesicht.

"Wir graben sie ein. Manchmal werden sie auch verbrannt."

"Warum das denn?" fragt sie ganz entgeistert.

"Damit niemand ihre Ruhe stört!"

"Aber sie sind doch tot! Die stört doch sowieso nichts mehr!"

"Trotzdem. Wir sehen das so. Wir graben unsere Toten ein, damit noch etwas übrig bleibt. Ein Ort wo man hingehen kann."

"Wo wer hingehen kann?"

"Die Angehörigen der Toten!"

"Und was machen die da? Graben sie ihn wieder aus?"

"Nein, natürlich nicht. Man nennt das ein Grab. Es ist eine Stätte der Erinnerung. Der Tote bleibt da. Die Lebenden gehen dahin, um sich zu erinnern."

"Aber warum? Was macht der Tote da, in dem Grab?"

"Nun - er zerfällt. Im Laufe der Zeit."

Charmion schüttelt den Kopf. "Ich verstehe das nicht. Du wirfst uns vor, daß wir Fleisch von Menschen essen. Und ihr laßt eure Toten nutzlos in der Erde verfaulen. Ein ganzes MenschenLeben laßt ihr zum Schluß verfaulen!"

"Aber ein MenschenLeben ist doch nicht nur der Körper, der übrigbleibt!" engegne ich, "Die Erinnerungen ..."

"Was soll das heißen? Können sich die Lebenden nicht an die Toten erinnern, ohne daß sie ein Grab, oder wie ihr das nennt, zu Hilfe nehmen müssen? Ist die Erinnerung nicht im Kopf? Sind eure Köpfe so schlecht?"

"Nein, das ist es nicht."

Mehr fällt mir nicht mehr ein. Charmion sitzt neben mir, sie sieht aus wie ein ungewaschenes Schulkind mit dem Körper einer Frau, ihre Anstrengung, mich den KletterSteig entlang zu tragen, sieht man ihr nicht mehr an, und sie will etwas über mich und über unsere Welt da oben wissen, in einem bis jetzt ungewohnten Anfall von Neugier oder Interesse. Und alles, was ich ihr sage, muß ihr wie WahnSinn erscheinen. Ihre Logik gegen unsere. Ach was, mit Logik hat das ganze ja sowieso nichts zu tun.

"Wir glauben, daß der Körper eines Menschen nach seinem Tode wieder in den KreisLauf der Natur zurückgegeben werden sollte," versuche ich ein letztes Mal, "er wird begraben, und Pflanzen können sich von ihm ernähren."

"Wieso nur Pflanzen? Was ist daran so anders, wenn andere Tiere oder andere Menschen von diesem Körper profitieren? Wieso dürfen Pflanzen, was Tiere oder Menschen nicht dürfen?"

Zwecklos. Dagegen komme ich nicht an. Charmion sieht, daß ich mich geschlagen gebe. Sie scheint aber noch nicht fertig zu sein:

"Was macht ihr denn mit Menschen, die ihr töten müßt?"

"Wir müssen niemanden töten!"

"Niemanden?"

"Niemanden. Ausgenommen solche Fälle, wo sich jemand gegen einen Verbrecher zur Wehr setzen muß. Wenn es dann nicht anders möglich ist, dann darf man auch töten. Das nennt man bei uns 'NotWehr'. Aber es wird danach sehr genau untersucht, ob diese Tötung gerechtfertigt war. Der normale Weg ist, daß ein Verbrecher eingesperrt wird."

"Nicht getötet?"

"Nein, nicht getötet. Eingesperrt."

"Für welche Verbrechen?"

"Für alle. Die Länge des EingesperrtSeins hängt vom Verbrechen ab."

"Und wenn das Verbrechen im Töten von Menschen bestand?"

"Das nennen wir, je nach Schwere der Tat und nach der Absicht, die dahinter stand, TotSchlag oder Mord. Im schlimmsten Falle heißt das, daß der Täter lebenslänglich eingesperrt wird."

"Aha. Wo hinein eingesperrt?"

"In ein festes Haus. Wir nennen das Gefängnis."

"Und da verhungert er?"

"Nein. Warum sollte er? Er wird ernährt bis an das Ende seiner Tage!"

"Von wem?"

"Von der Allgemeinheit."

"Das heißt, eure Verbrecher werden mit einer Art lebenslangem Unterhalt belohnt?"

Charmion findet auch immer wieder die Interpretation, gegen die am schwersten zu argumentieren ist. Ich muß zugeben, daß sie intelligenter ist als ich zunächst dachte. Oder ist das die direkte FrageMethode, die aus grenzenloser Naivität herrührt?

"Nein, das ist keine Belohnung," entgegne ich, "denn der Verbrecher ist nicht mehr frei. Er kann nicht mehr am Leben der Menschen teilnehmen. Er sitzt in einer Zelle."

"Und wenn er zufällig ein Mensch ist, dem diese Freiheit nichts bedeutet, dann ist er überhaupt nicht bestraft worden!" stellt Charmion fest.

"Das kann in EinzelFällen passieren. In seltenen EinzelFällen. Aber wir gehen davon aus, daß jeder Mensch frei sein möchte. Außerdem ist das EinSperren eine ziemlich gute Versicherung dagegen, daß der Verbrecher seine oder eine ähnliche Tat wiederholt."

"Das kann man mit dem Töten eines Verbrechers aber auch erreichen! Sogar noch viel besser!"

"Und," fahre ich fort, "einsperren ist nicht endgültig. Wenn sich später herausstellt, daß jemand anderes die Tat begangen hat, dann kann man den Verbrecher, der gar keiner ist und nie einer gewesen ist, wieder freilassen. Er bekommt dann sogar eine Entschädigung. Das wäre nicht möglich, wenn wir unsere Verbrecher hinrichteten!"

Charmion ist immer noch nicht überzeugt. Wie kann es überhaupt sein, daß jemand für ein Verbrechen haftbar gemacht wird, das er gar nicht begangen hat? Ich muß ihr etwas über die kriminalistische BeweisFührung erläutern, und über den Begriff 'IndizienBeweis', und die Möglichkeit falscher Geständnisse. Und immer wieder Unglauben. Immer wieder der HinWeis auf die viel direkteren Methoden der GranitBeißer. Das Entfernen von unerwünschten Personen durch Tötung scheint für sie die Ultima Ratio der SozialVerträglichkeit zu sein.

Dann wechselt sie das Thema. Sie fragt nach StammesKonflikten. Wenigstens fangen wir jetzt an, nebenbei etwas aus unserer MarschVerpflegung zu essen, und ich übe, mit vollem Mund in der Xonchen-Sprache zu reden. Das ist gar nicht so einfach, bei dieser Häufung von Konsonanten.

Ich erläutere ihr, daß wir in unserer Welt nicht in Stämme, sondern in wesentlich größeren Kollektive eingeteilt sind, die man 'Nation' nennt. Natürlich kommen wir dann ganz zwangsläufig zum Thema 'Krieg'.

"Warum werden Kriege geführt?" will sie wissen.

Berechtigte Frage. Ich erzähle einige Beispiele aus der Geschichte. Dabei versuche ich, die Analogien mit ihren StammesKonflikten herauszustellen. Das Dritte Reich und Hitler und die JudenVerfolgung erwähne ich allerdings nicht. Ich fürchte, es wäre zu kompliziert. Zuviel Stoff auf einmal. Verstehen doch auch viele Menschen in unserer Welt nicht die psychologischen und psychiatrischen Grundlagen einer Ideologie wie die des Nationalsozialismus.

"Also werden in Kriegen wesentlich mehr Menschen absichtlich getötet als sonst?" stellt sie fest.

"Genau so ist es."

"Und im Krieg ist das Töten also erlaubt?"

"Das Töten des Feindes, ja. Es ist sogar unbedingt befohlen. Wer sich dieser Pflicht entzieht, kann eingesperrt werden. - Im Nachherein bestimmt natürlich die SiegerNation, was recht war und was nicht."

Das scheint ihr wieder plausibel vorzukommen. Nur die Anzahl der Menschen ist eine deutlich unterschiedliche Größe. Charmion hat Schwierigkeiten, als ich versuche, in ihrem ZahlenSystem ihr die Anzahl der Menschen in einer typischen Nation zu verdeutlichen. Ich weiß nicht, ob sie mir das glaubt. Sie weiß schon, daß in unserer Welt viel mehr Menschen leben als in der Welt der GranitBeißer, aber wieviel mehr, das entzieht sich ihrem BegriffsVermögen. Sie geht nicht weiter darauf ein, und ich auch nicht.

Eine ganze Weile essen wir schweigend weiter. Die Fladen, die uns in der Küche des SaurierFängers eingepackt worden sind, scheinen eine Mischung zwischen Brot und Wurst zu sein. Ich habe keine Möglichkeit, festzustellen, ob bei der Herstellung dieser Wurst MenschenFleisch verwendet wurde. Es ist das beste, ich denke nicht darüber nach.

Auch Charmion schweigt. Sie läßt sich einiges durch den Kopf gehen. Ebenso Chrwerjat, die sich an unserem Gespräch nur passiv beteiligt hat, bis auf die Stellen, wo ich sprachliche Hilfe brauchte.

Chechmirch und Chmerm finden Gefallen aneinander, stelle ich nebenbei fest. Ich sehe es an ihren Blicken. Sie sind noch nicht in dem Stadium, Hand aneinander zu legen, aber es kann nicht mehr lange dauern. Letztlich ist es mir auch egal. Seit wir in der Gesellschaft der GranitBeißer sind, befinden wir uns in einer Kulisse ständiger mehr oder wenig beiläufiger homo- oder heterosexueller Handlungen. Solange man nicht beteiligt oder zwangsbeteiligt ist, nimmt man es schon gar nicht mehr zur Kenntnis, sieht darüber hinweg, so, als ob man Zeuge einer Kopulation von Tieren wird.

Nein, korrigiere ich mich, bei Tieren haben wir das schon interessierter verfolgt. Das war auf dem Lanzarote-Urlaub vor fünf Jahren, auf der belebtesten Kreuzung des Ortes Puerto-del-Carmen. Mitten auf dieser Kreuzung waren zwei Hündchen, die mehr Leidenschaft als Auswahl bewiesen, beim Rammeln. Das Männchen schaute derweil, von seiner aufgerichteten Position, interessiert und hoheitsvoll den Verkehr an, während es unten das Weibchen unermüdlich weiter bearbeitete. Der Verkehr, also die Fahrer der PKWs rundherum, schauten interessiert zurück, denn die Kreuzung war natürlich vollständig blockiert. Das wiederum gab den beiden Hündchen die Gelegenheit, mit ihrem Tun fortzufahren.

Da wurde so manchens SeitenFenster runtergekurbelt und so manche VerbalInjurie verschiedener Stärke flog den Hunden um die Ohren. Andere amüsierten sich königlich, trotz der ZwangsPause im VerkehrsFluß. Und die beiden Hunde sonnten sich im Lichte dieser ungewohnten Aufmerksamkeit, die ihnen von allen Seiten zuteil wurde. Vielleicht fühlten sie sich gerade deshalb ermutigt, ihre Semi-Akrobatik immer weiter zu treiben. Bis sie mit ihren kurzen, unwillkürlichen TrippelSchritten den GehSteig erreichten und plötzlich feststellen mußten, daß sich niemand mehr für sie interessierte.

"Wann wollen wir weitergehen?" frage ich. Eigentlich sollte ich das entscheiden, als formaler Leiter dieser Excursion. Aber diese Rolle habe ich mir schon längst abgeschminkt. Oder besser, Charmion hat sie mir abgeschminkt.

Es ist schon bald 8 Uhr, und zwei Stunden Pause sind genug. Ich möchte richtigen, festen Boden unter den Füßen haben, wenn die SchlafPeriode kommt. Hier zu schlafen stelle ich mir unangenehm vor - bis zu einem gewissen Level des HalbSchlafes kann man immer noch auf die eigene Lage aufpassen. Aber so müde wie ich bin werde ich in recht tiefen Schlaf versinken, und dann ist es möglich, daß man durch heftigere Bewegungen sich selbst von diesem Steg herunterschiebt.

"Wann wir wollen," antwortet Charmion, "von mir aus, sofort."

"Wo geht's überhaupt weiter?" frage ich, "Der andere KletterSteig dort geht wieder nach unten. Wir müssen doch rauf!"

"Dieses ist eine VerteidigungsStelle, die besetzt werden kann, wenn die Gefahr besteht, daß Gefangene ausbrechen sollten. Sie müßten dann ja hier vorbeikommen. Von diesem Steg aus kann sogar eine Einzelne jedes HinüberWechseln von einem KletterSteig zum anderen verhindern, selbst, wenn hunderte im Anmarsch sind. Man schlägt ihnen einfach der Reihe nach die Hände ab, so, wie sie den KletterSteig hoch kommen. Dann fallen sie runter. Ganz einfach."

"Ganz einfach." stimme ich zu. Ich versetze mich in die Lage eines Gefangenen, der diesen zweiten KletterSteig hoch kommt, vielleicht schon verunsichert, weil er meint, der Abstieg vom PilzBerg müßte die ganze Zeit nach unten führen. Und dann steht hier jemand, der ihn partout nicht vorbeilassen wird. Ewig lang kann er auch nicht im KletterSteig hängen - das habe ich ja erst vor kurzer Zeit anschaulich erlebt. Eine unangenehme Situation.

Nein, hier möchte ich kein Gefangener sein. Diesen Berg kann man auf diesem Wege, gegen den Widerstand einer entschlossenen Gruppe von Bewachern, nicht verlassen. Es sei denn, man könne fliegen.

"Dieser andere KletterSteig geht nicht allzuweit runter. Gleich hinter jener FelsWölbung, da hört er auf. Dann kommt wieder ein kurzes TunnelStück, und dann wieder ein KletterSteig nach oben. Der geht dann durch bis zum Hängenden RingWeg." erläutert Charmion weiter.

"Nicht schon wieder!" murmele ich. Charmion sieht mich amüsiert an:

"Es ist nur noch dieses Stück abwärts, Cherwig. Der KletterSteig rauf ist anders konstruiert. Soll ich dich wieder tragen?"

Stolz und Vorahnung des kommenden Schwindels kämpfen in mir. Runter klettern ist noch schwieriger. Ich stelle mir meinen tastenden Fuß vor, der den tieferen SteigBügel sucht und ihn nicht findet, dann rutscht der andere Fuß runter ohne daß ich das mindeste dagegen tun kann, dann der Ruck in den Armen, die das ganze Gewicht tragen müssen, das verzweifelte Pendeln, um mit den Füßen wieder einen SteigBügel zu erreichen, die panischen Blicke auf die WolkenDecke unter uns.

"Was ist los mit dir? Du zitterst ja!" ruft Charmion. Auch die drei anderen Frauen sehen mich sehr interessiert an.

"Es tut mir leid," verteidige ich mich, "aber ich kann nichts dafür. Die Höhe macht mich eben krank!"

"Gut," entscheidet Charmion, "machen wir es gleich richtig. Ich trage dich."

Sie steht auf und geht den Steg entlang, bis sie neben dem zweiten KletterSteig steht. Ein kurzer Sprung in die Öffnung des HufEisens hinein - ich halte den Atem an - und schon hängt sie völlig sicher an den Bügeln des zweiten KletterSteiges. Sie dreht sich um:

"Ihr nehmt wieder seinen Beutel und sein Schwert, ja!" ruft sie den anderen Frauen zu, "Komm her zu mir, Cherwig!"


        21.9    Tritt ins Leere


Es wird ernst. Mir ist unwohl, als ich auf dem Steg neben sie trete. Zwischen ihrem Bauch, auf den ich mich wieder wie ein FaulTier setzen soll, und dem Steg sind etliche DeziMeter Platz - genau wie auf dem anderen Schenkel des HufEisens bei dem anderen KletterSteig.

"Also, rechtes Bein!" kommandiert Charmion, "Komm schon! Genauso wie vorhin! Nur in der umgekehrten ReihenFolge!"

Es ist schwierig, aber es geht. Mit einem weiten SpreizSchritt kann ich meinen rechten Fuß über ihren Bauch schieben, wobei Charmion mir ihren rechten Arm zum FestHalten hinhält, weil ich ja mit dem Rücken zur Wand stehe und mich nirgends selbst festhalten kann. Gerade in diesem Moment werde ich mir besonders des ständigen, unregelmäßig flatternden Windes bewußt, und natürlich drücke ich auch den Steg wieder ein nur gerade eben fühlbares Stück von Charmion weg.

"Jetzt Gewicht verlagern!" sagt Charmion seelenruhig. Ich wäre nicht so ruhig, wenn ich, so wie sie jetzt, nur an einer Hand im KletterSteig hinge.

Ihr Bauch ist rutschig-klebrig. Wir haben alle geschwitzt. Aber eigentlich kann ich ja nicht abrutschen, da, weiter abwärts an ihrem Körper entlang ihre Beine in einem der Bügel verkeilt sind. Damit könnte sie sich vielleicht schon alleine festhalten.

Ich muß etwas Schwung nehmen, um symmetrisch auf ihrem Bauch aufsitzen zu können. Dabei könnte ich mir einen der SteigBügel in den Rücken rammen, stelle ich fest, denn zwischen ihrem Bauch und diesen EisenBügeln ist sehr wenig Platz, eben weil sie ihre UnterSchenkel hinter einem der tieferen Bügel verkeilt hat. Das ist wohl der Grund, daß mein Sprung zu verhalten ausfällt. Ich rutsche mit meinem rechten Bein von ihrem Bauch wieder herunter, während mein linkes Bein nutzlos zwischen Steg und KletterSteig zappelt.

Ich muß wohl schreien, aber alles geht zu schnell, und ich weiß nicht, was eigentlich passiert. Mein einziger Halt ist mein Griff mit meiner rechten Hand um ihren rechten UnterArm, und dieser Griff ist zu schwach. Außerdem spüre ich noch, wie sie mir mit Gewalt ihren UnterArm entwindet. Ich kann nichts dagegen tun, und als ich auf die Idee komme, etwas dagegen zu tun, ist es zu spät. Der Fall hat schon begonnen.

Ich weiß nicht, was und ob ich in diesen wenigen MilliSekunden denke. Charmion rutscht aus meinem BlickFeld, und ich kann schwören, daß ich den HufEisenförmigen Steg bereits aus einem flachen BlickWinkel von unten sehe. Die WolkenSchicht 500 Meter unter uns dränge ich aus meinem BewußtSein, da sind keine Überlegungen, wann ich sie durchstoßen und wann ich die See darunter erreichen werde. Keine Planung. Sogar die Panik erstarrt. In dieser Sekunde hält die Welt an.

Aber die Welt meldet sich wieder, mit Macht. Ein Schmerz schießt mir aus meinem rechten UnterArm entgegen, und es ist, als wolle mir jemand denselben jetzt noch aus dem Körper reißen. Fast gleichzeitig schlage ich, herumgerissen durch die Kraft auf meinen UnterArm, auf die FelsWand zwischen den beiden nach unten sich voneinander entfernenden KletterSteigen auf, schmerzhaft und böse, aus purem Zufall der dynamischen AnfangsBedingungen den Gesetzen der Mechanik folgend die harten EisenBügel vermeidend. Als mein linker Arm nach oben schleudert, was er tut, da er in kurzen MilliSekunden in sehr viele Richtungen schleudert, wird auch dieser schmerzhaft ergriffen. Dann werde ich wieder nach oben gerissen, mit solcher Wucht, daß ich das Niveau des Steges wieder übersteige. Im nächsten Moment lande ich auf Charmions Bauch, diesmal quer, und wie ein Blitz schießt eine ihrer Hände über meinen Rücken hin, um ihr selbst wieder Halt zu geben. Ich begreife: Sie hat ihren Halt mit den Händen kurzzeitig aufgegeben und sich nach hinten, das heißt also nach unten, gebeugt, um mich im Fall noch zu ergreifen. Das Manöver wäre ihr nicht möglich gewesen, wenn sie ihre Füße nur auf die SteigBügel aufgesetzt hätte. Dann hätte sie mindestens den Halt einer Hand gebraucht, und sie hätte mich fallen lassen müssen.

Mir tut alles am Körper weh, von dem AufPrall auf dem Fels eben gerade. Auch ist meine jetzige Lage sehr unbequem, sowohl für mich als auch für sie. Sie muß mich mit einer Hand im GleichGewicht halten, und so kann sie natürlich nicht klettern. Deshalb zwingt sie mich mit energischem Griff wieder in dieselbe Position zwischen ihrem Körper und dem KletterSteig, so daß ich mich an ihr in einer Pseudo-KopulationsHaltung festhalten kann. Damit kann ich ihr wieder in die Augen sehen.

Ihr Gesicht ist verzerrt von Anspannung. Es muß knapp gewesen sein. Begannen ihre UnterSchenkel, schon aus dem Halt in den EisenBügeln herauszurutschen? Ist sie verletzt? Einem normalen Menschen könnte bei diesem Manöver eine BandScheibe herausgedrillt werden. Ist sie eventuell in dieser halben Sekunde ein Wrack geworden, das nur zufällig noch am KletterSteig hängt?

"Kannst du dich nicht festhalten? Lernt man in eurer Welt nicht das Gehen?" brüllt sie mich mit heiserem, gepressten Atem an, "Hast du denn überhaupt nichts gelernt?"

Und zu den anderen: "Wir gehen sofort." Dann wieder zu mir, in hartem, bellenden TonFall: "Halt dich bloß fest. Sonst werfe ich dich ab!"

Ihr Abstieg ist hastig, ihre Bewegungen sind ansatzweise unkoordiniert. Ich habe Angst. Dabei ist dazu kein Grund: Für ein paar SekundenBruchteile war der Tod mir sicher. Jetzt ist er nur noch wahrscheinlich. Das ist eine ungeheure Verbesserung.

Der KletterSteig führt schräg nach unten rechts, was die Kletterei nicht gerade einfacher macht. Der KletterSteig, auf dem wir gekommen sind, ist schon bald nicht mehr zu sehen, und dann verschwindet auch das HufEisen hinter einer Wölbung der FelsWand. Es sind nur zweihundert Meter, bis wir eine TunnelÖffnung erreichen, die ganz derjenigen gleicht, aus der wir vor unendlicher langer Zeit auf diese KletterAnlage hinausgetreten sind. Charmion windet sich hinein, wirft mich ab und schmeißt sich zu Boden. Sie atmet immer noch schwer.


        21.10   Charmions Schmerzen


Nach wenigen Sekunden betreten auch die drei anderen Frauen den Stollen. Sie machen sich sofort daran, Charmion zu untersuchen.

Chrwerjat wirft mir einen Blick zu, den ich nicht vergessen werde. Kritik und Abneigung und Verachtung und SchuldZuweisung in einem. Es könnte einem fast die eigenen Schmerzen vergessen machen. Aber nur fast.

Während die drei sich mit Charmion beschäftigen, stelle ich fest, daß mir außer einigen subkutanen BlutErgüssen nichts passiert ist. Keine Sehne gerissen, kein Muskel wesentlich gequetscht, kein Gelenk disloziert, kein KnochenBruch, alle inneren Organe heil und keine Schäden an irgendwelchen SinnesOrganen. Eigentlich war bei einem Sturz über wenige Meter, der von einem anderen Menschen abgefangen wurde, auch nichts Schlimmeres zu erwarten, und ich kann mich unter diesen Umständen eigentlich glücklich schätzen.

Was mit Charmion ist, weiß ich nicht. Chrwerjat ist mit ihrer Untersuchung fertig. Sie dreht sich zu mir um.

"Es fehlt ihr nichts," sagt sie mit neutraler Stimme, "aber ich glaube, daß sie nah dran war. Nahe dran, abzustürzen. Das hat sie noch nicht erlebt."

Ich rutsche auf den Knien näher und beuge mich über Charmion, sehe ihr in die Augen. Sie liegt bewegungslos und sieht mich an. Was soll ich sagen? 'Also habt ihr doch auch Angst vor dem Tod!'? Nein. Sowas sagt man nicht seinem LebensRetter. Was sagt man denn dann, passenderweise? Ich denke schon an ein semi-heldenhaftes 'das nächste Mal laß mich bitte fallen!' Das geht aber auch nicht. Das würde ihre Bemühung um mein Leben entwerten. 'Könntest du mir das nicht vorher mitteilen?' wäre ihr logisch berechtigter Einwand.

"Wir rasten hier!" entscheide ich. Es liegt nahe, das zu tun, und niemand widerspricht. Ich nehme meinen Beutel, suche nach einem der Tücher, in dem die halben BrotFladen eingewickelt sind, und nach meinem TrinkwasserGefäß. Dann fange ich an, Charmions Gesicht von Schweiß und Dreck zu säubern, danach ihren Körper. Daß ich mich so fühle als habe ich mich mit einer Lokomotive geprügelt versuche ich zu ignorieren.

Während ich mich so um Charmion bemühe, sieht sie mich unverwandt an, ohne etwas zu sagen. Was mag hinter dieser Stirn jetzt vorgehen?

Ich ziehe sie völlig aus, um überall hinzukommen. Die anderen Frauen verfolgen, was ich tue, aber sie greifen nicht mehr ein. Als ich mit meinen SäuberungsArbeiten an ihren Beinen angekommen bin, sehe ich die DruckStellen, die die EisenBügel ihr beigebracht haben.

Ich hatte gedacht, daß sie die EisenBügel in ihren KnieKehlen hatte. Aber die DruckStellen sind viel tiefer, und tiefblau. Der Sturz muß passiert sein, als sie gerade dabei war, ihre Beine umzupositionieren. Der HebelArm war extrem ungünstig. Daß sie das geschafft hat, das Gewicht von zwei Menschen auf diese Weise zu halten!

Als ich wieder ihr Gesicht ansehe, ist sie eingeschlafen. Ungewöhnlich, so früh. Die SchlafPeriode sollte heute erst etwa um 11 Uhr beginnen.

"Gut. Schlafen wir jetzt. Oder könnte uns hier jemand stören?"

Keine der anderen Frauen hat EinWände, und so verteilen wir uns, so gut es geht, in dem engen Stollen. Ich lege mich neben Charmion. Irene möge mir verzeihen. Wie sieht es aus, mit den 'Rechten' auf persönliche Nähe, zwischen einer LebensRetterin und einer EheFrau? Ich weiß es nicht. Ich will jetzt auch nicht darüber nachdenken. Nur schlafen und nicht von endlosen Stürzen träumen.


        21.11   Tod und Zufall


Der Schlaf will jedoch nicht kommen. Ich bin zu aufgewühlt, und Charmion ist es auch. Kaum, daß sie einige Minuten mit geschlossenen Augen dagelegen hat, wird ihr Schlaf unruhig, und sie beginnt, sich hin und herzuwerfen. Ich weiß zwar nicht, wie sie normalerweise zu schlafen pflegt, weil ich bis jetzt ja kaum Gelegenheit hatte, sie dabei zu beobachten. Aber ich stelle mir vor, daß sie normalerweise so ruhig schläft wie sie sich im Wachen gibt.

Es ist so, daß sie soeben in eine vielleicht für sie völlig neue Situation geraten ist. Die Situation, dem Tod durch bloßen Zufall entgangen zu sein, und der Situation, daß sie die für sie gefährliche Situation selbst heraufbeschworen hat, indem sie, fast reflexartig, mir geholfen hat, obwohl sie dazu durch nichts gezwungen wurde.

Für sie ist bei dieser Excursion keine wirkliche Gefahr zu erwarten gewesen. Mit ihren Reflexen, mit ihrer Sicherheit der Bewegung in ausgesetztem Terrain, mit ihrer Ausdauer und ihrer Vertrautheit mit der Umwelt dieser WeltHöhle ist diese Excursion für sie ein besserer SpazierGang. Und in der Tradition ist sie schon aufgewachsen: Immer war sie bei den WettKämpfen ihrer Jugend die beste, bis zum heutigen Tage, nie ist ihr etwas mißlungen, was man mit körperlicher Kraft und Gewandtheit erreichen kann.

Auch ob ich die Excursion überlebe oder nicht ändert ihre Stellung und LebensErwartung in dieser Welt wenig, ja genaugenommen wäre es für sie ja eine Genugtuung, wenn sie von dieser Excursion zurückkehren und erzählen kann, daß der Fremde verunglückt ist, weil er sich nicht einmal richtig hat festhalten können. Implizit ist das auch eine gelungene Kritik an Cherkrochj, die mich mit der Leitung dieser Excursion beauftragt hat, und nicht sie.

Und dann greift sie einmal daneben und muß erkennen, daß es für sie ein bloßer Zufall gewesen ist, daß sie gerade noch davon gekommen ist.

Gewiß, auch für sie lauert der Tod überall. Jederzeit kann ein Teil der WeltHöhle einbrechen. Jederzeit kann sie in eine Konfrontation mit unbezwingbarer ÜberMacht auf der anderen Seite geraten. Jederzeit kann sie in einen Kampf mit einem der wilden UrweltUngeheuer verwickelt werden, ohne vorher die Möglichkeit zu haben, sich den KampfPlatz sorgfältig aussuchen zu können. Diesen negativen RandBedingungen des Schicksals, wenn dasselbe denn solche für einen bereithält, kann man nicht entweichen. Aber aus einer für sie völlig sicheren Situation heraus, aus eigener Veranlassung und ohne einen Grund, den sie bei klarer Überlegung als ausreichend betrachten würde, sich in LebensGefahr zu bringen, das muß für sie so sein wie für unsereinen, mit geschlossenen Augen bei Rot über eine StraßenKreuzung zu rennen, um auf der anderen StraßenSeite ein unwichtiges Plakat zu lesen.

Vielleicht ist sie jetzt erst erwachsen geworden. Ein Stück wenigstens. Das wird man eben, wenn man etwas Überaschendes über sich selber lernt. Ihre Jugend war bis jetzt zu leicht. Sie war immer Sieger, immer auf ihrer Kräfte vetrauend, nie auf einen Zufall hoffend. Jetzt lebt sie noch von Gnaden eines Zufalls. Eine sekundenlange Unüberlegtheit, und plötzlich hat man von sich selbst ein ganz anderes Bild.

Ich selbst sollte die Situation kennen. Sind wir nicht hier, weil wir irgendwann auf unserem Abstieg in diese Welt einmal nicht genau genug überlegt und den Moment verpaßt haben, wo wir noch zurückkonnten? Ich denke an die steile Stufe vor dem allerersten KletterSteig, wo wir gleich danach feststellen mußten, daß wir nicht mehr umkehren konnten. Danach war für uns nur noch der Weg nach unten offen, aufgrund dieser einen Unüberlegtheit, sich etwas zu weit vorzuwagen. Das ist zweifellos eine richtige Aussage, auch wenn die prinzipielle Möglichkeit besteht, daß das Wetter auf dem HöllentalPlatt so schlecht geworden wäre, so daß wir nicht die geringste Chance hatten, den Berg lebend wieder zu verlassen. Dann war natürlich die Entscheidung, in die Höhle einzusteigen, im Nachherein richtig gewesen. Dann hat es aber auch vorher irgendwann einen ZeitPunkt gegeben, an dem wir spätestens unbedingt hätten umkehren müssen. Vielleicht, damit kann ich mich etwas trösten, war zu diesem ZeitPunkt nicht der geringste Hinweis auf das kommende Unheil zu sehen. Die Gelegenheit zur Unüberlegtheit fand nicht statt, das DurchSchreiten des 'Tors ohne WiederKehr' war ein unbemerkter Vorgang. Wie oft im Leben mag man solche Tore durchschreiten, ohne es zu merken.

Charmions Gesicht ist von Schweiß bedeckt. Es hat immer noch keine Linien, keine Falten, die einem menschlichen Gesicht Charakter und Geschichte geben. Mit zweiundzwanzig Jahren nimmt die Haut diese Spuren noch sehr unwillig an. Sie werden aber kommen - Chrwerjat kann mit ganz ordentlichen KrähenFüßen aufwarten, Cherkrochj hat ein Gesicht wie aus Leder, und die Alte mit dem unaussprechlichen Namen, die wir da unten auf dem Schiff des Forts umbringen mußten, sah ja nun wirklich aus wie ein SchrumpfKopf in OriginalGröße.

Wenigstens ein sympathischer Zug in dieser Welt: Niemand versteckt seine Falten. Niemand versteckt das äußere Bild seines Ichs. Ich habe über den Kosmetik-Firlefanz, den die Frauen in unserer Welt treiben, hier noch nichts erzählt, und Irene wohl auch nicht. Ich denke, ich würde damit auch Überraschung und Unglauben auslösen. Wie kann man nur meinen, etwas von der eigenen Person durch Bemalen verstecken oder verändern zu wollen! Und doch ist das genau einer der beherrschenden CharakterZüge in unserer Welt: Vor dem eigenen Ich eine Fassade aufzubauen. Mit Kosmetik, mit Titeln, mit PseudoWissenschaft, mit unechtem Gehabe.

Ich wische Charmions Gesicht trocken. Dabei wacht sie auf, unvermittelt, von einem Moment zum anderen. Sie sieht mich an. Sie scheint vollkommen klar zu sein, nicht der paar Sekunden zu bedürfen, die unsereiner braucht, um sich nach dem AufWachen wieder in der Welt zurechtzufinden.

"Du schläfst unruhig." sage ich leise, um die anderen nicht zu wecken.

Sie sagt nichts. Sie kann die Fragen noch nicht ausdenken geschweige denn formulieren, die sie stellen wollte, an mich oder an irgend eine Instanz, die zur Antwort authorisiert ist.

"Du glaubst, du hast etwas falsch gemacht." stelle ich fest.

"Was weißt denn du!" erwidert sie, mit starrem Blick.

"Du glaubst es." wiederhole ich.

Der Wind fängt sich in der StollenÖffnung nach draußen, die nur wenige Meter von uns entfernt ist, wie immer ein warmer, schwüler Wind, der wenig Erfrischung bringt. Durch das helle Loch sehe ich in der Ferne einige Säulen die WolkenSchichten verbinden. Sogar die Schicht der leuchtenden Wolken ist wogenartig gewellt.

"Ich habe nichts falsch gemacht." sagt sie langsam.

"Du wärst besser dran, wenn wir nicht hier wären, wir aus der AußenWelt." vermute ich.

"Du verstehst nichts." sagt sie und schweigt dann wieder.

Die blauen DruckStellen an ihren UnterSchenkeln werden noch eine Zeit bleiben, denke ich mir. Da sie sich immer noch nichts angezogen hat, kann ich weiter begutachten, ob und wo noch mehr Verletzungen sind.

Aber da sind keine. Auch liegt sie nicht in einer irgendwie verkrampften Haltung da, die auf gerissene Sehnen, beschädigtes BindeGewebe, gequetschte innere Organe und gesplitterte Knochen schließen lassen. Körperliche Schmerzen sind es jedenfalls nicht, die ihr im Moment zu schaffen machen.

'Du verstehst nichts.' hat sie gesagt. Meint sie, erraten zu können, was ich glaube, über ihre Gedanken verstanden zu haben? Das alte Spiel über allzuviele Indirektionen: Ich denke, was du denkst, daß ich es denke, oder noch besser, ich denke, was du denkst, daß ich es denke, was du denkst. Und so weiter. Um so viele Ecken herum irrt man sich leicht. Weder die deutsche Sprache noch die Xonchen-Sprache noch unser Denken überhaupt sind für die Verfolgung solcher WinkelSchlüsse geeignet.

"Habt ihr vielleicht doch Angst vor dem Tod?" frage ich, und schon tut es mir leid, so direkt diese plumpe Frage zu stellen.

"Wenn er zu früh kommt, ja." sagt sie. Sie liegt da wie ein MehlSack. Manchmal denke ich mir, daß es unmöglich wird, unsere Erlebnisse zu verfilmen. Eine aufregend schöne Frau, die nackt ist, liegt nicht da wie ein MehlSack. Aber in dieser Welt tun sie es. In dieser Welt gibt es keine Erotik.

"Aber er wäre nicht zu früh gekommen." fährt sie fort.

"Finde ich doch. Ich will noch nicht sterben." bremse ich.

"Ich rede von mir."

"Und warum wäre er nicht zu früh gekommen?"

"Er wäre nicht umsonst gekommen."

"Das verstehe ich nicht." stelle ich fest.

"Das habe ich schon gesagt."

Sie schweigt. Sieht immer noch nicht aus, als ob sie mir erklären wollte, was ich nicht verstehe.

Sie dreht sich auf die Seite, den Rücken zu mir.

"Ich will schlafen." sagt sie, "deck mich zu!"

Ich greife nach ihren Klamotten, schon überlegend, wie man mit sowenig jemanden 'zudecken' soll, als sie das über ihre Schuler hinweg sieht:

"Nein, das nicht. Du. Komm her!"

Als ich nicht gleich reagiere, flüstert sie fast:

"Halt mich fest!"

Mir kommt ein schrecklicher Verdacht. Als ich, wie geheißen, mich an ihren Rücken lege, sie umarmend und die Wärme meiner körperlichen Berührung gewährend, die in dieser Welt wirklich niemand braucht, begreife ich. Ich begreife, daß ich jetzt erst in Gefahr laufe, die Irene wirklich zu betrügen.

Diese Welt ist ohne Erotik, das ja. Überall wird allgegenwärtig gefummelt, gerammelt, sich befriedigt, sich gegenseitig mißbraucht. Deshalb habe ich geschlossen, daß die sogenannten 'romantischen Gefühle' hier nicht bekannt sind.

Aber das ist nicht richtig. Weiß ich es nicht aus meiner früheren Jugend? VerliebtSein ist zwar mit Sexualität korreliert und deutlich durch sie gesteuert. Aber das ist es nicht nur. Wenn man es zum ersten Male erlebt, und das tut man eigentlich nur einmal, dann wird die ganze Welt eingefärbt. Eine Welle von Bedeutungen fließt durch alle Dinge, und alle Dinge stehen in neuen Relationen. Später können Worte nicht einmal einen müden Abklatsch davon erwecken, und es gibt auch keine Gelegenheit zur Wiederholung.

Die Welt schwingt in einer anderen Bedeutung, und es gibt einen AusgangsPunkt und einen Fokus dieser neuen Sicht, um den oder um die sich alles dreht. Ein 'du', dem man sich meistens noch nicht einmal zu nähern wagt. Sexualität liegt da noch ganz ferne. Wie ferne muß sie in dieser Welt erst liegen, in der gleichen Situation? Doch daraus zu schließen, daß es die Situation des VerliebtSeins nicht gibt, das ist wohl falsch.

Charmion, denke ich, bloß nicht! Wie kann ich das stoppen? Ich bin verheiratet. Ich liebe dich nicht. Du hast mich zweimal vergewaltigt. Du bist zwanzig Jahre jünger als ich, eher mehr. Du bist stärker. Du kennst nur diese Welt, und ich nur unsere. Du bist eine MenschenFresserin.

Was wir gemeinsam haben ist wenig. Den aufrechten Gang vielleicht. Was noch? Gibt es denn in eurer Welt keine jungen, ansehnlichen Männer, oder wenn es denn sein muß, so wie die Männer hier behandelt werden, eine andere attraktive Frau? Bist du in einen bei euch sehr unüblichen Zustand geraten? Ist Verliebtheit ein Atavismus bei euch? Und warum dann gerade ich?

Ich denke das nur, ich sage es nicht. Ich liege unbequem, denn der FelsBoden ist hart und uneben, Charmions KörperTemperatur ist hoch, und für mich ist es in dieser Welt sowieso immer zu heiß. Eigentlich bräuchte ich meine ganze KörperOberfläche, um Schweiß zu verdampfen. Statt dessen muß ich Charmion 'nahe sein'. Wie soll ich Irene das erklären?

Naja, vielleicht ist es ja ganz nützlich. Schließlich wollen wir wieder nach Hause. Vielleicht kann Charmion da etwas für uns tun.

Sie schläft jetzt ruhiger, aber ich nicht. Langsam löse ich mich wieder von ihr. Wie man das macht, ohne daß der Partner aufwacht, lernt man ja in vielen EheJahren.

Als ich mich umdrehe, sehe ich, daß Chrwerjat aufgewacht ist. Sie lehnt, halb aufgerichtet, mit dem Rücken an der StollenWand und gräbt sich mit den Fingern rhythmisch zwischen die Beine. Hat sie uns beobachtet und ist dabei so erregt geworden, daß sie sich befriedigen muß? Schön, mal wieder unromatische und handfeste HandArbeit zu sehen zu bekommen!

Sie läßt sich nicht dadurch stören, daß ich ihr dabei zusehe.

"Macht Spaß, ja?!" frage ich in Xonchen, während ich mich zum Schlafen zwischen den FelsHöckern umpositioniere.

"Ja." sagt sie ungerührt. Und macht weiter.

Ich schlafe ein, bevor sie fertig ist.


        21.12   Das unsichtbare Tor


Es ist 20 Uhr, als ich von Bewegungen in dem StollenEingang geweckt werde. Das entspräche der normalen WeckZeit. Also haben wir ordentlich lange geschlafen. Geistig erfrischt, aber mit einigen neuen DruckStellen, zusätzlich zu den gestern am HufEisen erworbenen, setze ich mich auf.

Schweigend erledigen wir die MorgenToilette. EssensReste und Scheiße fliegt mit einigen Tritten aus dem StollenEingang ins Freie. Dann ziehen wir uns vollständig an, gürten unsere Schwerter und unsere TrageBeutel um und brechen auf.

Charmion ist wieder ganz die alte. Arrogant und bissig. Als ich so sehe, wie sie die Klinge ihres Schwertes kost, während sie es in die Scheide gleiten läßt, würde ich ihr jede Fähigkeit zum Empfinden irgendwelcher romantischen Gefühle absprechen. Wahrscheinlich habe ich mich gestern mit meinen sowieso unkonkreten Vermutungen verrannt.

Den Stollen müssen wir wieder ohne Licht entlanggehen. Als wir losmarschieren, erklärt Charmion, was uns erwartet.

Zunächst macht der Stollen, etwa hundert Meter weit im Berg drinnen, eine RechtsBiegung. Danach ist der letzte Rest des TagesLichtes verschwunden, aber da der Stollen immer einen konstanten QuerSchnitt hat, können wir uns gut orientieren, indem wir wie schon früher die Finger über die FelsWände gleiten lassen. Charmion sagt, das bleibt auch den größten Teil des Weges so.

Trotzdem sind wir bereits, so sagt sie, in den ersten AbsperrEinrichtungen. Die Decke dieses Stollens besteht streckenweise in Wirklichkeit aus FelsQuadern, Dutzende bis Hunderte von Tonnen schwer, die gerade eben durch Verkeilungen gehalten werden. Wie man diese auslöst ist bekannt, wenn auch nicht ihr persönlich, aber es ist noch nie geschehen, weil dann der Stollen für immer unbrauchbar wird, und man müßte den Aufwand treiben, entweder einen neuen Stollen zu bauen oder draußen, an der FelsWand, eine weitere SteigAnlage, etwa ein Segment einer Hängenden Straße.

Natürlich, sagt Charmion, sind diese FelsBlockierungen von woanders so geschickt auslösbar, daß lange StollenAbschnitte beidseitig für immer abgesperrt werden können und auf diese Weise fliehende Gefangene im gewachsenen Fels eingesperrt werden können. Diesen Spaß, sagt Charmion, kann man sich nur einmal gönnen.

Das sind genau die Worte, die sie braucht: 'diesen Spaß'. Spaß heißt bei den GranitBeißern offenbar immer, daß jemand zu Schaden kommt.

Dann kommen wir an massive Tore, die im Fels verankert sind. Alle stehen offen. Sonst bräuchten wir Licht, um sie zu öffnen. Es handelt sich um Holz und sogar um EisenTore, die nur aus unserer Richtung kommend geöffnet werden können.

Das einzige, was wir von den Toren mitkriegen, sind Stellen, an denen unsere Hände nicht bis zur FelsWand reichen, und ein paar Mal stoßen wir gegen Balken und EisenTeile - Angeln oder Stützen oder dergleichen. Dann durchzuckt mich immer ein Schreck, weil ich daran denke, daß wir irgendeine Falle auslösen könnten. Aber nichts passiert - das Tor ist und bleibt im wesentlichen unsichtbar und es tut uns nichts.

Danach ist der Stollen wieder normal. Nach ein paar hundert Metern hallt das Echo unserer Schritte von weit oben zurück, als ob sich eine große Öffnung über unseren Köpfen befände. Ich frage Charmion, aber sie weiß nichts darüber.

Dann ist endlich ein grauer Schimmer voraus, und der Gang macht eine RechtsBiegung. Innerhalb einer weiteren Minute stehe wir wieder an einer StollenÖffnung. Der Ausblick gleicht immer noch dem schon bekannten Ausblick auf die SchärenInsel, die man durch gelegentliche WolkenLücken sieht, und auf die nahen und fernen treibenden Wolken. Wir sind auch immer noch in einer Höhe von etwa 2300 Meter über dem MeeresSpiegel und wahrscheinlich haben wir schon einen deutlichen Teil des Umfanges des PilzBerges in dieser Höhe zurückgelegt.

Die untere Kante des StollenLoches ist wesentlich dichter vor unseren Füßen als die seitlichen oder gar die obere Kante, Zeichen der starken ÜberhangNeigung des Berges. Es müßten 45 WinkelGrade sein. So ungefähr.

"Ist dieser Steig dir recht, Cherwig?" fragt Charmion. Da ist wieder der alte UnterTon des Spottes in ihrer Stimme, und sie bemüht sich nicht einmal, meinen Namen richtig auszusprechen.

Der Steig, auf den sie deutet, ist so abenteuerlich wie all die anderen. Er besteht wieder aus MetallBügeln, die aber wesentlich weiter sind als die Bügel der KletterSteige, die ich bis jetzt gesehen habe. Es handelt sich etwa um Quadrate von 60 ZentiMetern KantenLänge, die aus dem gebogenen Eisen mit dem quadratischen QuerSchnitt von etwa 3 ZentiMetern bestehen. Die Bügel haben den üblichen Abstand von 30 ZentiMeter voneinander.

"Hier kann man innerhalb der Bügel klettern." erklärt Charmion.

"Bleibt das auch so?" frage ich.

"Ja."

Der erste Bügel ist direkt über der unteren Kante des StollenLoches, vielleicht einige ZentiMeter dahinter, dann geht es Bügel für Bügel über die Tiefe hinaus. Nach einigen wenigen Bügeln verschwindet der Steig aus unserem BlickFeld, indem er sich um die obere Kante des StollenLoches windet.

"Muß ich dich wieder tragen?" fragt Charmion.

"Nein," entgegne ich, vielleicht etwas zu heftig, "ich habe mich an die Höhe schon etwas gewöhnt!"

"Ach ja? Hast du das?" Etwas in ihrer Stimme warnt mich. Aber es ist schon zu spät.


        21.13   Charmions Launen


Charmion greift mich an den Schultern. Ehe ich es mich versehe, sitze ich knapp auf dem unteren Rand des StollenLoches, mit dem Rücken nach draußen. Charmion zwingt meine Beine lang auf den Boden, in Richtung auf das StollenInnere. Ich muß mich mit den Händen auf der StollenKante, wo der Boden des Stollens abbricht, abstützen. Ich spüre die AbwärtsRundung der StollenKante im Hintern, und mein GleichGewicht ist sehr marginal. Keinesfalls darf ich mich weiter nach hinten hinaus lehnen.

Charmion steht über mir, Füße auch auf der StollenKante. Mit den Händen stützt sie sich am ersten Bügel der SteigAnlage ab. Um meine Hilflosigkeit perfekt zu machen, steigt sie mir mit ihren Füßen auf die Hände. Mit ihren bloßen Füßen richtet sie damit zwar keine Verletzungen an, aber meine Hände sind eingeklemmt, und zwar so, daß ich mit den Händen keinerlei Halt gegen das Drehmoment nach hinten habe. Wenn ich nach hinten kippe, dann komme ich aus dem GleichGewicht, ohne daß ich das mindeste dagegen tun kann. Meine Beine würden zwar, wenn ich sie im Knie nicht abwinkele, gegen ihren Hintern schlagen, dann hätte ich aber schon so eine SchrägLage nach hinten unten, daß ich abrutschen würde. Jedenfalls, wenn sie dann von meinen Händen heruntersteigt.

Weiter nach vorne kann ich mit dem OberKörper aber auch nicht, denn da ist Charmions Hüfte meinem Kopfe im Wege.

Mit einem flinken Griff entledigt sie sich einhändig ihres Rockes und ihres Schwertes. Beides fliegt nach hinten.

"Nun komm schon," sagt sie, "leck mich sauber. Ich brauche das." Und ihre Hüfte bewegt sich nach vorne. Um nicht das GleichGewicht zu verlieren, muß ich mein Gesicht in das dunkle Gebüsch ihrer SchamHaare versenken. Lippen berühren Lippen.

"Muß das sein?" frage ich, so gut es eben geht.

"Gestern habe ich etwas für dich getan," stellt sie fest, "nun tust du etwas für mich. Das kannst du doch, oder? Wenigstens das kannst du doch?"

Ich habe wenig WahlMöglichkeiten, das, was ich jetzt kann und was nicht, zu erläutern, und Charmion macht mir das in den nächsten Minuten genauestens klar. Die drei anderen Frauen stehen nur wenige Meter entfernt, und ich bin nicht einmal in der Lage, festzustellen, ob sie interessiert zuschauen oder gelangweilt von einem Fuß auf den anderen treten.

Nach einigen Minuten, als Charmion naß und erregt ist, reißt sie mich einige Meter mit sich in den Stollen hinein. Damit haben wir eine köstliche Entfernung zwischen uns und diesen Abgrund gebracht. Dafür bin ich ihr fast dankbar. Sie schmeißt mich jedoch einfach mit dem Rücken auf den Boden und setzt sich auf mich drauf. Dann müht sie sich ab, bei mir das zustande zu bringen, was das BewußtSein der Tiefe hinter meinem Rücken bis jetzt verhindert hat.

Endlich wächst ihr ihr SpielZeug entgegen und sie stopft es in sich hinein.

"Die einzige Gefahr ist, daß vielleicht einige Bügel lose sind und rausrutschen könnten!" erklärt sie, während sie auf- und niedergleitet. Dabei paßt sie sehr genau auf, daß ihr nichts rausrutscht. Ihre Brüste schwabbeln filmreif auf und ab.

"Warum bewegst du dich so wenig?" herrscht sie mich an.

"Du bewegst dich doch!" entgegne ich trotzig. Das erscheint mir eine ausreichende Erklärung. Der Grad der Trotzigkeit, den ich mir erlaube, ist aber nicht sehr groß, da ich nicht schon wieder an die StollenKante will.

"Ach was." Sie kommt richtig in Fahrt, "Wir müssen schnell machen. Wir müssen weiter. Mach endlich!"

Ich mache aber nicht. Das Bild von den rausrutschenden EisenBügeln steht zu deutlich vor meinem inneren Auge.

Charmion hopst noch ein paarmal auf- und ab, dann steht sie urplötzlich auf.

"Ich mag nicht mehr," sagt sie, und zu Chrwerjat, auf mich deutend: "Mach weiter!"

Das klang wie ein Befehl, und das war auch ein Befehl. Chrwerjat kommt rüber, zieht im Gehen Rock und Schwert aus und setzt sich ohne Umstände auf mich drauf. Sie ist noch trocken, aber ich bin es nicht - Charmions Sekrete ermöglichen ein rasches EinDringen.

Charmion setzt sich und lehnt sich gegen die StollenWand. Sie sieht gar nicht her.

"Er läßt los und läßt sich fallen. Was seid ihr für Leute! Und spielen kann er auch nicht. Schlafft ab. Einfach so."

Chrwerjat, die so überraschend zu unerwarteten sexuellen Freuden gekommen ist, nutzt die Gelegenheit. Sie ist weniger wild als Charmion. Eher die stille Genießerin. Sie zieht mich rein und schiebt mich raus, wohl wissend, daß Charmion von einer Sekunde zur anderen den Abmarsch befehlen könnte. - Was ich befehlen könnte zählt ja nicht.

"Ihr seid jedenfalls nicht die Nachfahren der Menschen aus den Toten Städten." stellt Charmion fest. Das hatte ich sowieso noch nie angenommen, aber ich will Charmion nicht bei ihren historischen Erwägungen stören.

"Die konnten steigen. Wahrlich, das konnten sie. Die waren aus einem anderen Holz geschnitzt. Ob du jemals die schwebenden Städte von Ganch betreten kannst?"

Diesen OrtsNamen habe ich noch nie gehört. Chrwerjat vielleicht auch nicht, aber ich kann sie nicht fragen, weil sie im Moment so mit sich selbst beschäftigt ist. Oder mit mir, wie man es eben sehen will.

"Wir können es ausprobieren!" schlage ich vor.

"Nee." wehrt Charmion ab, sagt aber nicht, warum. Ein Schauer läuft durch den drahtigen Körper von Chrwerjat, dann noch einer.

"Seid ihr bald fertig?" fragt Charmion.

"Sind wir bald fertig?" frage ich Chrwerjat. Sie knautscht sich inzwischen selbst ihre knabenhaften Brüste, vielleicht, weil ich keine Anstalten mache, das zu tun. Antworten tut sie nicht.

"Sie denkt darüber nach." sage ich zu Charmion. Ich habe das Gefühl, daß sie meine FestStellung ernst genommen hat. Sie wartet.

Ich auch. Chrwerjat bekommt die Zeit, die sie haben will.

Es geht eine ziemlich lange Zeit, aber schließlich geht es bei mir nicht mehr. Zuviel davon in letzter Zeit. Chrwerjat sieht das irgendwann ein und steigt mit einer Miene des Bedauerns von mir herunter.

"Tut mir leid, sie hat mich leer gemacht!" sage ich ihr und zeige auf Charmion. Chrwerjat zuckt mit den Schultern. Es ist unwichtig. Hier sind solche Dinge unwichtig. Was heute nicht funktioniert, funktioniert morgen. Oder es wird weggeworfen. So ist das.

Ohne weitere Diskussionen ziehen wir uns vollständig an, nehmen unsere Sachen und machen uns wieder abmarschbereit.

Dabei sehe ich auf meiner ArmbandUhr, daß gerade MitterNacht vorbei ist.


        ******** 022. Tag: Samstag 1995-09-09 ********



        22.1    Chrwerjat


Der erste Schritt, bis man im ersten Bügel kauert, ist schwierig, aber dann geht es. Eigentlich geht es sogar gut - es ist wie üblich nur eine NervenSache, die prinzipielle Möglichkeit, zwischen den Bügeln hindurchzurutschen, zu ignorieren.

Das Schwert schlägt dauernd irgendwo an - das ist lästig. Aber wir sind ja nicht gezwungen, uns leise fortzubewegen. Der Wind ist immer noch frisch und die Bewölkung unter uns so dicht, daß wir nur zeitweise einen Blick auf die SchärenInseln erhaschen können.

Charmion geht wieder als erste, dann ich, dann Chrwerjat, dann die anderen beiden. Beim EinStieg hatte ich den Eindruck, das Chrwerjat einen inneren Frieden ausstrahlte, aber ich kann mich auch irren. Herwig, sage ich mir, bilde dir nicht allzuviel ein!

Von dem StollenLoch sehen wir rasch nichts mehr, und nun verliere ich fast meine Courage, als rundherum nur noch die weite FelsWand oder FelsDecke zu sehen ist und unter uns ein dichtes WolkenMeer. Auch wenn der letzte KletterSteig am HufEisen das schlimmste war, was ich bis jetzt gesehen habe, darf man sich nicht verleiten lassen, sich zu sicher zu fühlen. Und da ist immer noch die Möglichkeit, daß einige dieser gut begehbaren Bügel nicht mehr fest sind - wenn Charmion keinen Scherz gemacht hat. Ist sie zu so subtilen Scherzen in der Lage? Ich denke darüber nach, aber ich finde keine definitive Antwort. Bei ihr kann ich mir vorstellen, daß sie eher aus Spaß einen Bügel absichtlich lockert, um jemanden anderes in Schwierigkeiten zu bringen.

Wie lange werden wir gehen müssen? Ich versuche, es zu überschlagen: Die hängende RingStraße soll 3000 Meter über dem Meer liegen, wir haben etwa bei 2300 Meter angefangen - das war die Höhe des letzten StollenLoches. Macht 700 Meter HöhenUnterschied. Bei einer ÜberhangNeigung von ungefähr 45 Grad bedeutet das eine Länge des KletterSteiges von 1000 Metern, und bei einem Abstand von 30 ZentiMetern sind das etwa 3300 EisenBügel. Immer wieder das gleiche Problem, ärgere ich mich: Man hätte schon beim ersten Bügel daran denken müssen, mitzuzählen.

So, ohne Orientierung, könnte man auf die Idee kommen, daß dieser KletterSteig von Unendlichkeit zu Unendlichkeit führt. Das ist natürlich BlödSinn, weil wir ja erst vor kurzem das StollenLoch verlassen haben.

Ein kurzer, metallender Klang hinter mir schreckt mich aus meinen Gedanken auf. Dann sehe ich Chrwerjat, die sich plötzlich unter mir in mein Blickfeld schiebt und sich immer rascher entfernt. Sie schreit nicht. Ein paarmal überschlägt sie sich. Ich habe den Eindruck, daß sie dazwischen immer noch zu uns zurücksieht. Aber gegen das SichÜberschlagen kann sie nichts machen, weil sie mitten in der Luft ihren DrehImpuls nicht abbauen kann. Es dauert Sekunden, bis ich vollständig begriffen habe, daß sie abgestürzt ist.

"Großer Gott." sage ich. Was soll ich sonst sagen? Sie ist tatsächlich abgestürzt. Einfach so. Und sie hat nicht einmal geschrien. Um uns nicht zu irritieren?

Immer kleiner wird die Figur unter uns. Wir folgen ihr mit unseren Blicken - das ist alles, was sie als sogenanntes 'letztes Geleit' je kriegen wird. Dann taucht sie in die Wolken ein und ist verschwunden.

Ich drehe mich um: "Was ist denn passiert?"

Chechmirch und Chmerm haben der fallenden Chrwerjat auch bewegungslos zugesehen. Chechmirch war direkt hinter ihr.

"Ich weiß nicht," sagt sie, "Sie hat losgelassen. Ganz plötzlich. Durchgerutscht. - Dieser Bügel ist jedenfalls fest, und der da auch."

Keine Vermutung, keine Spekulationen, keine Wertung, nicht die Spur einer Bestürzung.

Ich sehe nach vorne. Auch auf Charmions Gesicht dieselbe gleichgültige Ratlosigkeit.

Der Wind weht um uns herum. Er ist nicht stark. Er hätte den Schrei dieser Frau nicht verweht. Nicht aus wenigen Metern Abstand. Wir hätten ihn gehört. Also hat sie tatsächlich nicht geschrien. Und diesem Wind ist es so verdammt egal, ob jemand schreit oder nicht.

Nun muß Chrwerjat unten auf dem Wasser oder auf einer der FelsenInseln aufgeschlagen sein. Zerschmettert im AugenBlick.

Arme Chrwerjat. Gibt es jemanden, der viel über dich weiß? Jemanden, der über dich weinen würde? Du warst eine gute SprachLehrerein, da unten, auf dem SaurierFangschiff. Besser als viele, die sich bei uns oben mit einem Diplom schmücken. Talent und Begabung. Wie sonst hätten wir in so ungewöhnlich kurzer Zeit einen brauchbaren EinStieg in diese schwierige Sprache finden können? Was wärst du in unserer Welt geworden?

Und hier, auf unserer Excursion, hast du immer im beherrschenden Schatten von Charmion gestanden. Ich habe ja nichts über dich gewußt. Jetzt werde ich auch nichts mehr über dich erfahren. War das dein Wille? Und was hat diese zwangsweise - Begegnung - zwischen uns vor kurzer Zeit bedeutet? Hast du daran gedacht, als du eben fehlgegriffen hast? Aber warum nur? Gibt es da einen Zusammenhang? Es ist doch nicht so wichtig, in eurer Welt? Oder stimmt das nicht? Ist das immer nur die Behauptung der Charmions und der Cherkrochjs und all der starken Frauen? Weil die Schwachen sich nicht zu Wort melden und nicht widersprechen? - Was weiß ich schon über euch? Vielleicht hat Charmion recht, wenn sie sagt, daß ich überhaupt nichts begriffen habe. In dieser Welt gibt es den Löwen und das Lamm - und das Lamm ist noch unwichtiger als bei uns.

"Gehen wir weiter." sagt Charmion.

"Schon?" frage ich.

"Natürlich. Was willst du denn noch hier?"

Und so gehen wir denn weiter. Chechmirch schließt auf. Von keinem ein Wort des Bedauerns. Wir sehen Chrwerjat auch nicht mehr hinterher. Warum sollten wir auch? Da unten sind nur verwaschene, driftende WolkenFelder. Auch in einer WolkenLücke würde man nichts sehen. Im Meer nicht und auf den Inseln nicht. Es ist zu weit weg.

So, Herwig, denke ich mir, wäre es auch gewesen, wenn du es gewesen wärst, der am HufEisen oder hier abgestürzt wäre. Sie alle hätten mit gemessenem Interesse hinter mir hergeschaut, bis mein Körper in die Wolken eingetaucht wäre. Ein paar Bemerkungen - WeiterMarsch. Wie jetzt. Das wäre die Reaktion gewesen, die Charmion von sich selbst erwartet hätte. FallenLassen und sich selber festhalten.

Wieder zwinge ich mich zur Konzentration. Irene soll mich nicht durch eine Unachtsamkeit verlieren. Es muß möglich sein, auf dieser Excursion zu überleben. Habe ich doch schon länger gelebt als wenigstens ein anderes Mitglied dieser Excursion, das mit dieser Welt bestens vertraut war!

Im Laufe der Zeit sehe ich, daß wir mehr Abstand zu den Wolken unter uns gewinnen und daß die ÜberhangNeigung noch weiter zunimmt. Das macht das Klettern deutlich schwieriger, weil immer mehr KörperGewicht auf den Armen ruht und der Griff immer fester sein muß. Dieser KletterSteig ist auch kein KletterSteig zum AusRuhen wie etwa eine Hängende Straße oder ein Stollen. Man muß sich dauernd festhalten. Die RuhePause kommt erst, wenn wir oben sind.


        22.2    SeilTanz


Als wir um etwa 2 Uhr an der Hängenden Straße ankommen, sehe ich schon von weitem, daß das ein Irrtum ist: Es handelt sich um eine Folge kleinerer SeilBrücken von der Art, wie wir sie auf unserem Weg in diese Welt beschritten haben: Ein TretSeil, zwei HandSeile, gelegentliche QuerSeile zum Abstand halten, Aufhängung alle dreißig bis vierzig Meter. Ich hoffe noch, daß die Folge hängender Bögen, die man schon von hundert Metern Entfernung erkennen kann, sich noch als etwas anderes herausstellen. Aber diese Hoffnung wird entäuscht.

Die Seile sind aus einem hanfähnlichen Material. Wir haben die Wahl, rechtwinklig rechts oder links abzubiegen. Charmion entscheidet sich für links, so daß wir in derselben Richtung wie bisher um den PilzBerg herumgehen. Worauf sie ihre Entscheidung gründet, sagt sie nicht. Ich nehme an, sie weiß, was sie tut.

Die Seile sind leicht. Das TretSeil ist fünf Zentimeter stark, die beiden HandSeile etwa vier ZentiMeter. Das sollte ausreichen, mehrere Menschen zu tragen, solange das SeilMaterial in einem guten Zustand ist. Das TretSeil ist so von einem weiteren SeilGeflecht umwickelt, wie wir es auch schon kennen, allerdings habe ich den Verdacht, daß dieses SeilGeflecht gegenüber dem eigentlichen TretSeil leichter verruschten kann als bei einem massiven StahlSeil. Vielleicht hat man es dann mit bloßen Füßen leichter, oder mit dem bei den GranitBeißern üblichen SchuhWerk.

Kein Vergleich mit den schweren und deutlich dickeren StahlSeilen von jener Brücke, die von dem Gewicht eines Menschen kaum Kenntnis genommen haben. Ich vermute, daß sich das TretSeil unter meinen Füßen zur Seite schieben wird. Daß Charmion die erste SeilBrücke betritt und problemlos auf ihr entlangbalanciert, darf mich nicht täuschen. Ich weiß, wie behende sie sich in der Takelage des SaurierFängers bewegt hat. Wahrscheinlich könnte sie sogar freihändig gehen, wenn sie es darauf anlegte.

Und daß unter diesen SeilBrücken nur 3000 Meter FallStrecke sind, im GegenSatz zu den mehr als 8000 Metern, die ich hinuntergefallen wäre, wenn ich mich auf jener StahlseilBrücke nicht doch noch festgehalten hätte, ist auch nur ein begrenzt wirksamer Trost. Tatsächlich dürfte es so sein, daß der Widerstand der dichten Luft hier in beiden Fällen eine etwa gleich große EndGeschwindigkeit zugelassen hätte.

Es gibt nicht einmal eine kleine PlattForm am Ende des KletterSteiges. Vom letzten Bügel läßt man sich sofort auf das TretSeil herunter. Da hier gerade eine AufHängung der Brücke ist, ist das TretSeil noch relativ stabil.

Dann folge ich Charmion, wohl spürend, daß die beiden anderen Frauen dicht hinter mir sind. Das TretSeil zittert und schwankt, und darunter sind Wolken, sonst nichts. Ich habe Schwierigkeiten mit dem Focussieren: Sind die Wolken nun nahe oder fern? Ich kann es ausrechnen, aber nicht direkt sehen.

Sogar die HandSeile winden sich in meinen Händen, und je weiter ich mich vom AufhängePunkt entferne, desto deutlicher werden die Schwankungen zur Seite. Ich habe Angst.

Charmion ist inzwischen an der nächsten Aufhängung angekommen. Sie sieht sich um. Bis jetzt ist sie vielleicht noch gar nicht auf die Idee gekommen, daß ich Schwierigkeiten haben könnte.

Die habe ich aber. Meine Reflexe werden mit dem widerspenstigen TretSeil nicht fertig. Nur wenige Meter vom letzten AufhängePunkt entfernt weicht es bedenklich weit mal zur rechten, dann wieder zur linken Seite aus, kaum, daß ich mich mit den HandSeilen im GleichGewicht halten kann. Bei Charmion senkte sich das Seil unter ihrem Fuße nur etwas ab. Wie sie das wohl macht? Naja, KunstStück, wenn man die Kletterei mit der MutterMilch eingesogen hat.

Meine Füße sind mehrfach kurz nacheinander in Gefahr, einfach abzurutschen. Dazu wird mir der unstete Wind nur zu deutlich bewußt. Ich habe die Befürchtung, daß mir in einer momentanen SchrägLage ein harmloser WindStoß den Rest geben könnte.

"Es geht nicht!" sage ich. Ich will zurück, zum AufhängePunkt der Brücke. Allerdings sind Chechmirch und Chmerm direkt hinter mir, und rückwärts kann ich ohnehin noch schlechter gehen.

Charmion sieht mir eine ganze Weile so zu, wie ich auf dem TretSeil zappele.

"Wenn du glaubst, daß ich dich trage, dann kannst du lange warten!" sagt sie in einer Mischung zwischen Ärger und Spott.

"Wie lange geht es denn so weiter?" will ich wissen. Charmion meint, daß der größere Teil des Weges so konstruiert ist. Das heißt, daß es etliche KiloMeter sein müssen.

Diese SeilBrücken sind schlimmer als die große SeilBrücke vor drei Wochen. Den Beinah-Absturz damals hätte ich mit etwas mehr Aufmerksamkeit vermeiden können. Hier kann ich so etwas auf die Dauer nicht vermeiden.

"Das Seil ist zu wackelig. Ich müßte es erst lange üben!" verteidige ich mich. Dabei habe ich das unangenehme Gefühl im Kreuz, daß eine der beiden Frauen hinter mir damit beginnen könnten, mich zu drängeln.

"Üben muß er es." Charmion schüttelt den Kopf, "Soviel Zeit haben wir nicht." Sie kommt zurück, leichtfüßig und sicher. Vielleicht noch leichtfüßiger und sicherer als sonst, bloß, um es mir zu zeigen. Und bei ihr wackelt das TretSeil überhaupt nicht. Was noch an Bewegung im TretSeil ist, kommt von mir.

Dicht vor mir bleibt sie stehen, so dicht, daß ihre nackte Brüste meine Brust und ihr Bauch meinen Bauch berühren.

"Üben muß er." wiederholt sie. "Was muß er denn wohl üben?" Dabei fängt sie an, absichtlich hin- und herzuschwanken und dabei das TretSeil mitzubewegen. Mit sichtlichem Genuß reibt sie sich an mir. Hinter mir höre ich Kichern. Unter mir spüre ich drei KiloMeter Leere. In mir spüre ich ein kaltes Kribbeln. Ein eiskaltes Kribbeln. Charmion muß sich schließlich selbst festhalten, wenn ich jetzt bei diesem blöden Spielchen runterfalle, dann kann sie mir nicht helfen. - Und das TretSeil dreht und windet sich unter meinen Füßen.

"Wir haben doch erst vor zwei Stunden da unten ..." versuche ich zu argumentieren, aber Charmion läßt nicht locker. Ihre BrustWarzen stellen sich wie harte Knorpel auf. Wie kann ihr das jetzt, in dieser Situation, soviel Spaß machen? Und wieso sieht sie nicht, daß es mir überhaupt keinen Spaß macht? Und hat sie den Absturz von Chrwerjat schon wieder vergessen?

"Wir können richtig loslegen, sowie wir wieder festen Boden unter den Füßen haben!" schlage ich vor. Wenn man TodesAngst hat, dann wird man verhandlungsbereit.

Sie hält inne. "So richtig?" fragt sie.

"So richtig." Die ganze SeilBrücke schwankt noch nach.

"Ja dann," sagt sie und dreht sich um. Leichtfüßig macht sie sich wieder auf den Weg: "Das ist ein Wort."

Damit ist das Problem, wie ich diese SeilBrücke bewältige, noch lange nicht gelöst. Charmion bemerkt das und kommt wieder zu uns zurück. Sie spricht zu den zwei Frauen hinter mir:

"Ich gehe dicht vor ihm, ihr dicht hinter ihm. Dann wackelt das Seil nicht so. Das macht unserem Cherwig Angst! Wir müssen ihn sicher weiterbringen! Er macht es uns dann 'so richtig'!"

Sprachs und dreht sich um. Unsere seltsame Karawane setzt sich wieder in Bewegung.

Es funktioniert tatsächlich. Da diese GranitBeißerinnen, das SeileSteigen gewöhnt sind, ist das zwischen ihren Füßen gespannte Seil durch ihren GleichgewichtsSinn genug stabilisiert, so daß ich es nicht mehr durch meine Ungeschicklichkeit dazu bringen kann, zur Seite auszuweichen. Dabei muß ich mich vollständig auf ihren GleichgewichtsSinn verlassen. Wenn ich mir unsere Gruppe von außen gesehen vorstelle, dann sehe ich nicht, was uns daran hindern sollte, uns auf der Mitte einer Brücke als Ganzes um die LängsAchse zu drehen und dann alle zusammen zwischen Hand- und TretSeil hindurchzufallen.

Durch unser dichtes ZusammenGehen sind die SeilBrücken lokal sehr stark belastet, so daß wir am Anfang einer Brücke steil hinunter, am Ende der Brücke wieder steil hinauf gehen müssen. Unangenehm, aber nicht unüberwindlich.

Auf jeden Fall erfordert diese Brücke viel Konzentration. Deshalb gelingt es mir, den VorFall eben weitgehend zu verdrängen. Außerdem besteht sowieso begründete Hoffnung, daß Charmion es auch vergißt, bis wir wieder festen Boden erreicht haben.

Es ist schwer, gefühlsmäßig die Senkrechte zu erfassen. Die FelsWand, an der die SeilBrücken hängen, ist etwa 45 Grad übergeneigt, so daß man links dauernd den Fels sieht, der sich immer weiter entfernt, je mehr man den Blick nach unten richtet, bis er in der WolkenSchicht tausend Meter unter uns verschwindet. Nach rechts sieht man in horizontaler Richtung viele KiloMeter weit, aber da zwischen der hohen, leuchtenden WolkenSchicht und der unteren, aufgewühlten WolkenDecke nur gelegentlich einige fernere Säulen zu sehen sind, ist da die Orientierung der Waagerechten auch nicht so genau auszumachen.

Nach einigen hundert Metern Marsch denke ich, daß es so tatsächlich noch eine ganze Weile gut gehen könnte. Allerdings hat Charmion etwas neues gefunden, um mich zu ärgern: Sie legt einfach an Tempo zu. Um das SeilStück zwischen der Frau vor mir und den beiden Frauen hinter mir kurz zu halten, muß ich einfach folgen. Das ist der TrittSicherheit aber auch nicht förderlich.

Trotzdem sage ich nichts. Ich verlasse mich darauf, daß meine Reflexe sich kurzzeitig wenigstens etwas anpassen. Immer wieder sage ich mir, daß es sich um höchstens einige KiloMeter handeln kann. Auf ebenem Boden ist das ein Klacks. Aber hier scheint der Weg endlos.

Früher habe ich mal rumtheoretisiert, daß einem solche ExtremSituationen, die nicht vorbeigehen wollen, die also die subjektive ZeitEmpfindung strecken, eigentlich das Leben subjektiv verlängern. Aus dieser Überlegung jetzt irgendeine Art von Beruhigung gewinnen zu wollen scheint mir jetzt aber weit hergeholt. Ich will raus hier, so schnell wie möglich. Dafür würde ich ohne weiteres ein ordentliches ZeitStück meines ferneren zukünftigen Lebens eintauschen.

Weil es keine Möglichkeit gibt, irgendwie eine HimmelsRichtung auszumachen - mein Kompaß ist auf dem SaurierFangschiff - weiß ich nicht, wieweit wir um den PilzBerg herumgegangen sind, als endlich etwas zu sehen ist. Es ist eine PlattForm, die unter einem der AufhängePunkte quer zu den SeilBrücken hängt - ein kleiner Steg von acht mal zwei Metern. Eine Gruppe von mehr als nur ein paar Leuten würde darauf nur noch unbequem Platz finden. Auf der linken Seite müßte man schon gebückt stehen, weil man die FelsWand direkt über sich hat.

Wahrscheinlich ist der Zweck dieser auch an Seilen an der FelsWand aufgehängten Konstruktion nicht nur der eines RastPlatzes. Ein paar entschlossene Leute können von dort jeden DurchgangsVerkehr auf der Brücke unterbinden. Von dieser im Verhältnis zur SeilBrücke selbst etwas erniedrigten Position gestaltet sich das Bekämpfen von Menschen auf der Brücke sogar besonders effektiv, erleichtert auch durch die TatSache, daß letztere sich ja festhalten müssen und auf dem schwankenden Seil stehen. Bei diesen Überlegungen fällt mir auf, daß ich schon die Gedanken der GranitBeißer denke. Daß die GranitBeißer an einen RastPlatz gedacht haben, ist eher unwahrscheinlich.

"Will etwa jemand eine Pause machen?" fragt Charmion, als wir uns der PlattForm nähern. Zum selben ZeitPunkt fällt mir auf, daß auf der PlattForm Gegenstände liegen.

Als wir näherkommen, sehe ich, was es ist: Ein grauer TotenKopf, der von einem schweren Schwert durchbohrt worden ist. Die Klinge dringt in die linke AugenHöhle ein und kommt durch ein zersplittertes Loch im HinterKopf wieder heraus.

Andere Knochen sind nicht zu sehen. Wahrscheinlich hat der Wind sie schon längst von der PlattForm heruntergeweht. Es scheint, als ob in der Umgebung des PilzBerges öfter mal Menschen oder Leichen oder LeichenTeile vom Himmel regnen. Nur das Gewicht des Schwertes hat diesen TotenKopf schon wer weiß wie lange Zeit hier oben gehalten.

Ich will keine Pause machen. Nur rasch zum wirklichen Ende dieser SeilBrücke. Ich glaube nicht, daß ich mich vorher effektiv ausruhen kann. Außerdem besteht ja auch noch die Gefahr, daß Charmion sich noch an das 'es ihr mal richtig machen' erinnert. Darauf habe ich in der Nähe dieses TotenKopfes schon gleich überhaupt keine Lust.

Da überhaupt keiner auf Charmions Frage antwortet, gehen wir in stillschweigender ÜberEinkunft weiter.


        22.3    Charmions Spott


Das macht sich bezahlt. Schon vielleicht vierhundert Meter hinter der PlattForm ändert sich der AufBau des hängenden Weges. Plötzlich werden wieder Planken verwendet, die in üblicher Weise am Felsen aufgehängt sind. Diese Planke, die wir nun gehen, ist zwar schmal - 40 bis 50 Zentimeter im DurchSchnitt - aber übereinander verschränkt doppelt gelegt, und die HandSeile sind immer noch da, so daß man selbst, wenn eine solche Planke brechen sollte, nicht ganz ohne Chancen ist.

Ich warte jede Sekunde auf eine Bemerkung von Charmion, aber es kommt keine. Sie geht in Gedanken versunken weiter, und wir können uns jetzt auch beim Gehen einen etwas größeren Abstand leisten. Was man sich nicht leisten kann, nach wie vor, ist Unkonzentriertheit. Auf einem 40 Zentimeter breiten Pfad kann man durchaus schon einmal daneben treten, wenn man aus dem Gehen heraus längere Zeit die Aussicht bewundert. Auf die Idee, wegen der AusSicht mal anzuhalten, wird hier keiner kommen. Meine größere Sorge ist, daß uns wieder eine Strecke SeilBrücken bevorsteht.

Die Sorge verschärft sich, als wir in einigen hundert Metern Entfernung sehen, daß der Hängende Weg wieder endet. Allerdings endet er nicht in einer SeilBrücke, sondern er endet vollständig! Das kann doch nicht sein!

Es ist aber so. Als wir am Ende des Weges ankommen, haben wir Gewißheit. Und wir sehen auch, warum:

Hier ist aus dem überhängenden FelsHang ein gewaltiges Stück rausgebrochen. Es hat ein domartiges Loch von über zweihundert Metern DurchMesser hinterlassen, seine Höhe muß sogar noch größer sein, denn nach oben hin ist es undurchdringlich dunkel. Die innere Form entspricht einer unregelmäßigen, auf dem Kopf stehenden Schüssel.

Dieser FelsBruch muß schon vor langer Zeit geschehen sein. Charmion weiß nichts darüber, aber da man sie nicht gewarnt hat, muß es eine Möglichkeit geben, diesen Dom zu umgehen.

Es gibt auch eine. Als dieser FelsBruch den Hängenden Weg unterbrach, hat man darauf verzichtet, die Umgehung in ähnlicher BauWeise wiederaufzubauen. Vielleicht war es zu mühsam, das Material in der benötigten Menge heraufzuschaffen.

Statt dessen wurde am unteren Rand der DomKante ein Weg in den Fels gehauen. Wir können ihn fast vollständig rund um das halbe Loch herum verfolgen, bis er uns gegenüber, an der anderen Seite des Loches wieder ungefähr auf den Hängenden Weg stößt. Der allerdings fängt erst ein Stück hinter der Kante wieder an. Einzelheiten kann man von hier aus nicht sehen.

In die letzten TrageSeile rechts des Hängenden Weges an unserer Seite des Domes ist eine StrickLeiter eingearbeitet. Damit kann man bis zur FelsWand oder zur schrägen FelsDecke klettern. Dort ist dann wieder eine Folge massiver EisenBügel in den Fels eingelassen, der so gebildete KletterSteig windet sich nach wenigen Metern um die Kante des Loches und verschwindet aus unserem BlickFeld. Dort wird er wahrscheinlich den in den Felsen geschlagenen Weg, dessen Anfang wir von hier aus nicht sehen können, erreichen.

Das Stück KletterSteig über unseren Köpfen ist kritisch. Die KletterRichtung ist dort für einige Meter waagerecht, während die FelsDecke ja um 45 Grad geneigt ist. Das wird einen zur Seite wegziehen. Es wird viel Kraft kosten, sich da überhaupt festzuhalten. Da es die letzten Meter vor der Kante des Domes einen Hängenden Weg unter diesem KletterSteig nicht mehr gibt, gibt es nicht einmal die Illusion einer Sicherung.

Wahrscheinlich kann ich die kurze Strecke so bewältigen, indem ich meine UnterSchenkel um die EisenBügel hake. Jeden Moment erwarte ich eine Bemerkung von Charmion. Sie muß sich aber auch erst einmal mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen.

Daß sie damit fertig ist, erfahren wir durch die erwartete Bemerkung von Charmion:

"Nun, Cherwig? Wie fühlen wir uns?"

Dieser KrankenSchwester-Tonfall geht mir gerade noch ab. Versuchen wir es mal mit Logik:

"Das kann ich nicht sagen, wie wir uns fühlen, weil ich nicht weiß, wie du dich fühlst!"

Sie sieht sinnend nach oben, prüft die StrickLeiter, zieht dran. Sie hält.

"Wie ich mich fühle," denkt sie laut nach, "ja, wie denn? Lust hätte ich, auf ein bißchen Spielen. Willst du mir mal den Arm reinstecken? Bis zum EllenBogen? Es ist schön heiß bei mir drin! Vielleicht kannst du damit kräfiger stoßen als mit deinem ..."

Bei dieser so unschuldig aussehenden Charmion weiß man nie, was sie ernst meint, und womit sie nur provozieren will. Ich ergreife die StrickLeiter:

"Nein, ich will dir den Arm nicht reinstecken! Auf geht's!"

Alle drei Frauen lachen schallend auf, als ich mich die StrickLeiter emporhangele. Ich achte nicht allzusehr darauf, weil die StrickLeiter - wie alle StrickLeitern - sehr widerspenstig ist. Diese ist zwar durch das Gewicht des hängenden Weges und der drei Frauen auf ihm gespannt, aber doch nicht so sehr, als daß das Ausweichen der Stufen nicht doch noch möglich wäre. Erst, als ich die BefestigungsBügel der StrickLeiter und damit den ersten Bügel des KletterSteiges erreicht habe, fühle ich mich für einen Moment wohler.

"Du kannst dir deinen Arm selber reinstecken!" rufe ich hinunter. Ich brauche ein bißchen Wut. Das wird mir vielleicht über die nächsten Meter helfen. Das brauche ich dringend.


        22.4    Überkopf im FelsenDom


Kein Lachen von unten. Vielmehr sehen mir die drei Frauen mir interessiert zu. Wird der ungeschickte Fremde abstürzen?

Ich will es ihnen zeigen. Diese Bügel haben eine lichte Öffnung von 20 mal 30 Zentimeter. Das ist also definitiv zu wenig, um sich innerhalb der Bügel zu bewegen. Der Abstand der Bügel voneinander ist ebenfalls 30 Zentimeter, wie üblich. Es muß also möglich sein, sich mit KnieKehlen und HandGriffen daran vorzuarbeiten. Leider sind die von den Bügeln umschriebenen RechtEcke wegen der Neigung der FelsDecke auch geneigt. Das macht mir am meisten Schwierigkeiten, weil sowohl Hände als auch die in den Bügeln eingehängten KnieKehlen immer in eine Ecke des Bügels rutschen.

Trotzdem - es geht. Es tut zwar weh, und ich brauche alle Kraft, die ich habe. Aber es sollte ja nach wenigen Metern zu Ende sein. Das ist lang, den ich brauche für jeden Bügel mindestens zwanzig Sekunden.

Als ich an der Ecke ankomme, wo sich der KletterSteig in die dunkle Höhe des Domes hineinwindet, wird es einen Moment lang noch schwieriger, weil ich weit über meinen Kopf greifen muß, um zum nächsten Bügel zu gelangen. Erst, als mein Körper sich, dem KletterSteig folgend, allmählich aufrichtet, kann ich die Kraft meiner Beine zum Steigen mitverwenden. Dann, nach einer kleinen Ewigkeit, bin ich endlich auf dem senkrechten Stück, und ich kann die Füße normal auf die Bügel setzen.

Ich muß anhalten, weil ich fürchterlich ins Keuchen gekommen bin, außerdem trieft der Schweiß. Die gesamte Muskulatur meines OberKörpers und meiner Arme tut mir weh. Vom Hängenden Weg und von den drei Frauen kann ich jetzt nichts mehr sehen. Unter mir sind nur Wolken. Es ist, als ob ich alleine in einem SteinBruch bin, der kopfüber vom Himmel hängt.

Ich steige weiter. Nach nur drei weiteren Metern ist der KletterSteig zu Ende. Die letzten Bügel winden sich in eine schräge FelsScharte hinein, in der man offenbar weiterklettern soll. Die Tritte und Griffe sind nicht sehr vertrauenerweckend und alle etwas nach unten und nach außen geneigt. Der KletterSteig hatte sichereren Halt geboten. Aber es hilft nichts, ich muß hinübertreten. Ich zittere vor Anstrengung und vor Aufregung.

Dem Spalt muß ich einige Meter in die Höhe folgen, dann endet er in einem herausgehauenen Sims. Es hat eine Breite von vierzig ZentiMetern und bietet einen leidlich horizontalen Boden. Festhalten kann man sich nirgends, aber es ist möglich, sich an der FelsWand des Loches abzustützen.

Die Bügel des KletterSteiges kann ich von hier aus nicht mehr sehen, obwohl sie nur wenige Meter unter mir sind.

"Der nächste!" brülle ich nach unten. Hohl echot meine Stimme in dem Dom hin und her. Das müssen sie hören.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich das Knirschen unten in der Scharte höre. Charmions Kopf taucht auf. Mit wenigen Schritten steht sie dicht neben mir. Auch sie wirkt etwas angestrengt, und ihre DuftWolke könnte ein Pferd einschläfern, trotz des Windes.

"Das hätte ich nicht gedacht, daß du als erster reinkletterst!" sagt sie, "Für einen Mann hast du doch viel Mut!" War das eine Spur von Anerkennung? Oder eine besondere Kombination zwischen Anerkennung und Beleidigung?

"Du kannst natürlich in mich reinstecken, was und wann immer du willst!" erklärt sie. Anderen Menschen wird mit diesem TonFall eine Medaille überreicht. Jedenfalls war es dann tatsächlich Anerkennung, wenn sie mir so die Initiative für ihre Lust anbietet.

"Ich fühle mich geehrt!" versuche ich in der XonchenSprache zu formulieren, aber das geht wahrscheinlich vollständig daneben, so verständnislos, wie sie mich darauf ansieht. Ich sollte noch nicht versuchen, UnterTöne von Sarkasmus in dieser fremden Sprache zu vermitteln.

"Machen wir mal Platz für die anderen!" schlage ich dann vor und gehe einige Schritt weiter. Die Luft riecht da wieder sauerstoffhaltiger. Charmion tritt gleich wieder neben mich, um das zu ändern. Ich sehe, daß sich unter ihrer LederJacke ihre BrustWarzen schon wieder aufgestellt haben.

"Hier nicht!" sage ich bestimmt, und laut: "Der Nächste!"

Eine ZwangsPause von wenigen Minuten ist immer gefährlich, weil man nie weiß, auf welche Ideen Charmion kommt. Hoffentlich beeilen die anderen sich.

Charmion lehnt neben mir, sieht mich unverwandt an und greift sich unter ihren Rock zwischen die Beine. Während sie sich reibt und reibt, fährt sie fort, mich dabei anzusehen.

Mir ist das peinlich. Zwar waren wir schon öfter Zeuge intensiver MasturbationsTätigkeit. Aber jetzt sieht Charmion mich dabei so intensiv an, daß es keine Frage ist, was sie sich dabei denkt.

"Ich kann hier nicht! Es geht einfach nicht!" sage ich. Dabei habe ich mich für gar nichts zu entschuldigen.

Andererseits bin ich auf ihr WohlWollen angewiesen. Was kommen denn noch für abenteuerliche Stellen? Ich fürchte, ich muß sie bei Laune halten.

Ich strecke meine Hand aus, öffne ihr ihre Jacke etwas weiter und fange an, vorsichtig mit dem Finger um ihre BrustWarze herumzufahren, immer der Begrenzung des Hofes folgend, dann langsam nach innen kreisend.

Das wirkt. Sie werden noch roter und noch steifer, und Charmion schließt die Augen.

"Nicht weiter!" warne ich, "du fällst noch runter! Später!"

Sie öffnet die Augen wieder uns sieht mich an, mit einem Blick, als hätte ich ihr die Butter vom Brot gestohlen.

Wo bleiben die anderen? Wir müssen weiter. Ich höre auf, ihre BrustWarzen zu umkreisen. Ich möchte ja auch vermeiden, daß ich selber erregt werde.

Das mag sie gar nicht. Sie ergreift meine linke Hand und führt sie sich zwischen die Beine, wo ich weitermachen soll, was ihre Hand schon angefangen hat. Ich versuche, mich zu wehren, aber sie ist stärker. Für etliche Sekunden habe ich Gelegenheit, taktile AnatomieStudien der weiblichen primären GeschlechtsTeile zu treiben. Dann taucht endlich Chechmirchs Kopf in der Scharte unter uns auf, und ich bekomme meine Hand wieder. Zu spät: sie ist triefend naß. Bäh.

Zu dritt warten wir noch weitere Minuten. Charmion tut nichts mehr, aber sie sieht mich an, als ob sie mich jede Sekunde quer in sich hineinstecken könnte. Chechmirch, die am günstigsten steht, um die Scharte unter uns zu beobachten, dreht sich plötzlich zu uns um, schnüffelt kurz aber hörbar, sieht Charmion an und wendet sich wieder von uns ab. Charmion stört sich nicht daran.

Nun taucht Chmerm auf. Sie atmet schwer. Offenbar hat sie solche Klettereien noch nicht mitgemacht. Es beruhigt mich, daß sie auch zittert, aber das gibt sich schnell, bis sie neben uns steht.

"Gehen wir weiter?" frage ich. Ich muß ja anfangen, weil ich jetzt der erste bin, und ich mag mich nicht an den anderen vorbeidrängeln, um wieder einen Platz in der Mitte der Gruppe einzunehmen.

Dann greife ich noch einmal Charmion, die mich immer noch ansieht, verstohlen unter die Jacke, um ihren BrustWarzen ein 'Lebewohl' zu streicheln: "Später." sage ich, "Wirklich! Jetzt müssen wir weiter." Die anderen beiden sehen gleichgültig zu, und mir gelingt es, etwas von der Feuchte von meiner Hand abzustreifen, ohne daß Charmion diese Absicht bemerkt.

Außerdem kann ich ruhig diese weitgehenden Versprechungen geben - sie holt es sich ja doch.

Dann wende ich mich ab und marschiere los. Ich höre, daß die anderen mir sofort folgen.


        22.5    Chechmirch


Der Weg ist halbwegs einfach. Die Breite des Sims schwankt zwischen dreißig und fünfzig ZentiMetern, und besonders an den schmaleren Stellen muß man verdammt genau aufpassen, wo man hintritt. Der Weg ist so gelegt worden, daß möglichst wenig Felsen herausgeschlagen werden mußte. Deshalb gibt es Stellen, wo es steil aufwärts, und solche, wo es steil abwärts geht. Auf dem ersten Teil des Weges überwiegen die Abwärts-Stellen, drüben wird es umgekehrt sein. Man muß die Hände häufiger zu Hilfe nehmen. Dabei wird besonders meine linke Hand, die Charmion so schön naß gemacht hat, ordentlich dreckig. Die brauche ich leider häufiger, weil es die wandseitige Hand ist.

An einigen Stellen, wo es sehr steil abwärts geht, bin ich versucht, mich umzudrehen und wie auf einer Leiter herabzusteigen, Arsch voran. Aber hinter mir drängeln sie zu sehr. Und als ich diese WegStücke vorwärts hinuntersteige, habe ich die Vision, daß sich meine dabei stark eingeknickten Knie an einer Unregelmäßigkeit in der FelsWand stoßen könnten und ich mich so auf diese Weise ganz einfach vom Weg herunterhebele.

Weil wir uns alle so sehr auf den Weg konzentrieren müssen, reagieren wir etwas zu spät auf das Rauschen, das aus der dunklen Höhe auf uns niederfällt. Ich halte an, stelle fest, ob ich einen sicheren Stand habe, und sehe mich um.

"Es ist ein Rhchochchider!" schreit Chechmirch, "Es hat da oben ein Nest!"

Das muß eine FlugsaurierArt sein, wenn ich mich richtig an unseren SprachUnterricht erinnere. Das hat uns gerade noch gefehlt.

Wir alle haben unsere Schwerter draußen. Nutzlos, wir können kaum etwas erkennen. Es schießt aus der Dunkelheit über uns auf uns herab. Dann ist es da, und ich kann erst recht nichts erkennen. Rechts von mir höre ich das scharfe Rauschen von Charmions Schwert. Verglichen damit halte ich mein Schwert nur in die Gegend. Da sind mächtige Schwingen, und ein Körper, dessen Anatomie ich in dem Wirbel der Flügel kaum erfassen kann. Ich glaube kaum, daß ich etwas treffe.

Die drei Frauen verteidigen sich wesentlich heldenhafter. Der Saurier hat es auf eine von ihnen abgesehen, weil ich hier nur den Flügel zu sehen bekomme. Trotzdem besteht die Gefahr, daß mich ein FlügelSchlag von dem schmalen FelsWeg in die Tiefe reißt.

"Charmion, paß auf!" schreie ich. Blödsinnig, natürlich, so etwas muß ich ihr nicht sagen.

Da weicht das Tier nach hinten aus, flattert mitten über dem Abgrund. Eine Frau hängt ihm um den Hals. Es ist Chechmirch, und sie ist fürchterlich verletzt. Ihre ganze Seite ist aufgerissen, Blut und Gedärm fällt heraus, wie ich einen AugenBlick lang sehe. Trotzdem hält sie sich immer noch fest und drischt auf das Tier ein. Es scheint auch schon böse Schnitte in der KopfGegend und am Hals abgekriegt zu haben. Es flattert, als ob es wenigstens teilweise blind wäre.

"Wenn ich nur meinen Bogen hier hätte!" flucht Charmion neben mir. Ihr Schwert trieft von Blut. Meines ist beschämend sauber.

Das Tier schlägt seitlich an der DomWand an, versucht, zu steigen. Wir sehen die dunklen Spritzer, die nach allen Seiten von ihm abgeschleudert werden.

Es wird schwächer, so daß ich einen Moment seine Anatomie besser sehen kann, die weiten, ledrigen Flügel, den großen aber schmal gebauten Körper, den fast pfeilförmigen Kopf. Chechmirch hängt ihm immer noch am Hals, aber sie bewegt sich nicht mehr. Ihr Schwert fällt taumelnd in die Tiefe.

Dann sinkt das Tier ab, überschlägt sich, überschlägt sich wieder, ist schon mindestens hundert Meter tiefer. Chechmirch wird immer noch nicht abgeworfen, aber ich bezweifele, daß sie noch lebt. - Vielleicht ist es nur noch ein Reflex, der sie sich festhalten läßt. Ein urkindlicher KlammerReflex in einem sterbenden Körper.

Das Tier fällt nicht senkrecht, da es durch seine Flügel ständig in verschiedenen Richtungen abgelenkt wird. FlugSaurier sind auch nicht sehr schwer. Wir verfolgen seinen Fall, solange es noch über den Wolken sichtbar bleibt. Selbst dann, als der tanzende Fleck verschwunden ist, sehen wir noch eine ganze Weile hinterher.

"Arme Chechmirch." sage ich.

"Was geht dich das denn an!" faucht Chmerm mich an Charmion vorbei an. Auch ihr Schwert ist blutig, aber sie sieht aus, als ob sie Tränen in den Augen hätte. Oder verbissene, ohnmächtige Wut. Vielleicht irre ich mich auch.

"Lassen wir die Schwerter draußen," sagt Charmion und blickt nach oben, "Vielleicht ist da noch einer. Ist jemand verletzt?"

Das ist nicht der Fall. Deshalb können wir weitergehen. Wir drei. Noch drei: Charmion, Chmerm, und ich. Der WegeZoll für dieses Stück ist entrichtet.

Der weitere Weg um den Dom herum sieht so aus wie der bisherige Abschnitt, wenn man davon absieht, daß stellenweise dunkle, feuchte Flecken auf dem Fels liegen. Das Tier hat sein Blut weit verspritzt. Sein eigenes und das von Chechmirch.

Als wir den Dom vollständig umgangen haben, was wir an der zunehmenden Häufigkeit der Stellen, wo wir aufwärts klettern müssen, bemerken und auch daran, daß wir jetzt den Hängenden Weg, von dem wir gekommen sind, an der anderen Seite sehen, aber nicht mehr den, den wir erreichen wollen, endet unser FelsPfad ganz plötzlich in einer dunklen FelsNische.

"Wie es wohl weiter geht?" denke ich laut nach und schiebe das Schwert wieder in die Scheide. Ich rechne mit einer abwärts führenden Scharte, so wie drüben, und einem ähnlichen Stück KletterSteig. Wir sehen am Felsen unter unserem Weg nach unten, uns vorsichtig überlehnend.

Da kann man nichts Definitives erkennen. An einer Stelle sieht es so aus, als ob, gerade eben erreichbar, unter unserem Wege brauchbare Tritte und Griffe im Felsen sind. Aber genau weiß man das erst, wenn man versucht, abzusteigen. Und wenn KletterSteig und Straße nicht genau unter uns sein sollten, dann findet man sich plötzlich an dem zurückweichenden Teil der FelsDecke wieder, wo es keinerlei Halt mehr gibt. Vielleicht kann man dann nicht einmal mehr zurück.

Geht es also nicht weiter? War alles umsonst? Müssen wir zurück und die andere Richtung um den PilzBerg einschlagen? Ist Chechmirch ganz umsonst gestorben? Nur weil wir eine falsche Abzweigung genommen haben?

Charmion geht zum Ende des Weges und untersucht die dunkle Nische. Ein kurzer AusRuf verrät uns, daß sie etwas gefunden hat.

"Sieh mal!" sagt sie zu mir, als ich in der engen Nische neben ihr stehe, "Was hältst du davon?"

Die Nische hat einen dunklen Spalt verborgen. Er ist sehr eng, noch enger als die Nische, vielleicht 25 ZentiMeter. Aber das ermöglicht, daß sich ein menschlicher Körper gerade noch durchzwängen kann.

"Ich gehe zuerst," entscheidet Charmion, "weil man am anderen Ende wahrscheinlich klettern muß. Es sieht wirklich so aus, als ob da unten Licht ist."

Sie drückt sich gegen mich, weil die Nische das so erzwingt. Oder weil sie es so will und die Gelegenheit wahrnimmt.


        22.6    Charmions Brüste


"Es ist verdammt schmal," sage ich, "und vielleicht wird es noch schmaler. Schaffst du das? Du hast oben mehr Umfang als ich!" Dabei zeige ich kurz auf ihren Busen.

"Gefallen sie dir?" fragt sie. Das war nicht das, was ich gefragt hatte.

Ihr Blick ist seltsam weich. Vielleicht liegt das auch nur an dem HalbDunkel in dieser Nische, in die das Licht nur auf dem Umweg über diffuse Reflexion durch die Decke des FelsenDomes hineinkommt. Eigentlich ist es Charmion völlig egal, ob sie jemandem gefällt oder nicht. Wieder ein neuer Zug an ihr.

"Diese sind weich," erklärt sie, demonstrativ ihr Brüste knetend, "ich komme mindestens überall da durch, wo du auch durch kommst, ganz besonders, weil du so ungeschickt bist."

Wie man sich Freunde macht, denke ich, Auflage drei, Band zwei, Kapitel siebzehn: Die Direktheit und ihre offensive Anwendung zur Hebung der allgemeinen Stimmung. Ich sage aber nichts. Sie hat ja recht, sowohl, was ihre Anatomie betrifft als auch mit der AusSage über meine KletterKünste.

"Paß auf dich auf, vielleicht kann man sich in dem Spalt nicht überall halten!" sage ich ihr.

"In einem solchen Spalt kann man sich immer halten." erwidert sie und läst ihre eigenen Brüste los.

"Ich meine ja nur. Damit du keine Schrammen bekommst. - Die gefallen mir schon! - Du gefällst mir." verteidige ich mich. Experimenteller Vorstoß. Ich muß wissen, ob es da nicht doch noch Ähnlichkeiten mit der Psyche von Frauen gibt, wie ich sie aus unserer Welt kenne.

Ich weiß es einen AugenBlick später. Sie hängt sich an meinen Hals, 'wie eine ChristbaumKugel', wie Irene sich immer ausdrückt. Mit dieser Erinnerung ist das schlechte Gewissen auch gleich wieder da. Ich meine es ja gar nicht so, verteidige ich mich vor mir selbst. Das ist hier doch etwas ganz anderes. Inwieweit anders, darüber will ich jetzt keine detaillierten Aufstellungen machen. Charmion hat sich verändert, in den letzten Tagen oder Stunden. Ich hoffe, ich nicht.

Chmerm steht dabei, vor der Nische, sagt nichts und sieht mit unbewegtem Gesicht zu.

"Wir wollen nicht noch mehr Verluste haben, auf dieser Excursion," sage ich zu Charmion. Beim Reden kann man die ganze Zeit ausatmen, und das bringt definitive Vorteile. "Du nicht, und ich nicht, und Chmerm auch nicht."

"Warum Chmerm nicht?" flüstert sie mir ins Ohr, während sie meinen UnterKörper mit ihren Beinen einklammern will, "Das war doch aufregend, wie Chechmirch auf den Rhchochchider losgegangen ist!"

"Und dabei umgekommen ist!" entgegne ich.

"Ohne die Gefahr wäre es doch langweilig!"

"Egal. Ich möchte jetzt, daß wir alle am Leben bleiben! Alle drei!"

"Warum? Gefällt dir Chmerm so?"

Oh, diese weibliche Logik!

"Nein. Das ist es nicht. Wenn man eine solche Gruppe wie uns führt, dann ist nicht nur das Erreichen des Zieles notwendig, sondern auch das ÜberLeben aller GruppenMitglieder. Alles andere bedeutet eine FührungsSchwäche. Inkompetenz in der Vermeidung von Gefahren. Leichtfertiges Aufgeben von wertvollen PersonalRessourcen! Deshalb will ich, daß Chmerm auch am Leben bleibt! Wir brauchen sie noch."

Mit Humanität argumentiere ich gar nicht erst, außerdem vermeide ich rhetorisch alles, wo ich mich entscheiden müßte, ob nun Charmion die Gruppe führt und geführt hat, oder ich. Ob Charmion mir da folgen kann?

"Mit uns hat das nichts zu tun," setze ich hinzu, "ich will nur dich."

Dem kann sie folgen. Sie drückt mich oben und unten wie ein glühender SchraubStock. Die Nische könnte jetzt noch enger sein. Jedenfalls darf ich hoffen, daß Chmerm am Leben bleiben darf. Irene, wo du jetzt auch bist, sieh das gelassen, denke ich.

Wieder habe ich etwas gelernt. Die emotionale Variabilität von Frauen, die wir in unserer Welt kennen, die gibt es hier auch. Man braucht eben etwas länger, um das festzustellen. MenschenFresserinnen sind auch Menschen und sind auch Frauen.

Es gibt wohl andere Unterschiede. Charmion ist mit ihren 22 Jahren in gewisser Hinsicht viel reifer als Mädchen dieses Alters in unserer Welt. Sie schlägt ihre Zeit nicht so tot, wie ich das von manchen Frauen kenne, wo man sich wirklich fragen muß, ob sie zwischen Beauty-Shop und Disko noch etwas von der wirklichen Welt wissen. Die wirkliche Welt der GranitBeißer erlaubt nicht, daß man sie ignoriert. Die wirkliche Welt der GranitBeißer formt jeden ihrer Bewohner. Sie duldet keine Schwächlinge, Träumer, Gammler, Taugenichtse.

Ob das ein Plus oder ein Minus ist kann ich nicht so in Bausch und Bogen bewerten. Als human kann man diese Gesellschaft ja nun wirklich nicht bezeichnen, andererseits hat es Vergleichbares in unserer Geschichte ja genug gegeben.

Jedenfalls ein MißerfolgsErlebnis für unsere Feministinnen: Eine matriarchalische Gesellschaft ist nicht automatisch human. Das wird ihnen nicht schmecken. Wenn ich jemals Gelegenheit haben sollte, darüber zu berichten.

Charmion umarmt mich immer noch. Einen Moment habe ich eine andere Vision: Sie verbirgt ihr Gesicht an meiner Schulter, um die Gefahren um uns herum nicht zu sehen. Einen Moment lang ist das kleine, furchtsame Mädchen, das sie vielleicht in einem Alter von wenigen Jahren war, durchgebrochen. Das ist eine schlimme Vision, denn wenn sie von einem Moment zum anderen von Schwindel oder von Angst vorm Tod heimgesucht würde, dann hätte ich Schwierigkeiten, sie von hier wegzubringen. Gerade ich, der immer noch glaubt, in einem AlpTraum herumzulaufen, bloß, weil es ein paar ZentiMeter seitlich von unseren Füßen erst abschüssig wird und dann dreitausend Meter in die Tiefe geht, bloß, weil man gelegentlich das eigene Leben gegen die verschiedensten SaurierTypen verteidigen muß, und gelegentlich auch gegen die Bewohner dieser Welt. Ein AlpTraum, in dem ich sogar schon bei einer Tötung assistieren mußte. - Jedenfalls kann ich nicht die Rolle des Beschützers übernehmen. Hier nicht.

Die Befürchtung einer plötzlichen MotivationsKrise von Charmion ist unbegründet. Sie ist nach wie vor eine Kämpferin in dieser Welt. My Lady of the Sword. Nur hat sie mich emotionell vereinnahmt.

"Gehen wir weiter!" sage ich. Ihre in jeder Beziehung heiße Umarmung löst sich. Dann steigt sie in den Spalt ein.

Schon nach einigen Metern ist sie so tief, daß ich sie kaum noch sehe. Ich höre nur noch das Klirren ihres Schwertes und das Scharren über die engen FelsWände der Spalte.

"Da ist tatsächlich Licht!" kommt es dumpf herauf. Ich mache mich bereit, ebenfalls in den Spalt einzusteigen. Er ist schräg und deshalb von mir auch ohne eine Ausbildung in KaminKletterei zu bewältigen. Bald sehe ich auch das Licht von unten heraufscheinen. Schon fällt mein Blick zwischen den FelsWänden auf die WolkenSchicht unter uns.

Das Schwert ist beim Klettern sehr lästig, aber ich kann es nicht ändern. Es wird schon seinen Grund haben, warum unsere Alpinisten keine Schwerter in die Berge mitnehmen.


        22.7    SportStunde am RitzenWeg


Als ich mich etwas weitergeschoben habe, erkenne ich die Ränder des SpaltEndes. Was ich nicht sehe ist der Hängende Weg. Eigentlich dachte ich, daß wir über demselben herauskommen. Aber ich sehe nur das wesenlose Weiß der Wolken - von hier drinnen gesehen blended es, obwohl die Helligkeit absolut gesehen ja gar nicht so groß ist.

Über der unteren SpaltKante schwebt Charmions Gesicht. Ich sehe ihre Finger auf dem FelsRand.

"Worauf stehst du?" frage ich.

"Auf nichts. Der Spalt endet hier. Aber es gibt eine Ritze, in die man die Finger hineinstecken kann. Die Ritze geht bis zum Hängenden Weg, so, wie ich das von hier aus verfolgen kann."

Es dauert eine Weile, bis ich so ungefähr begriffen habe, wie es weitergeht.

"Du mußt es Chmerm beschreiben, damit sie vorbereitet ist!" fährt Charmion fort.

"Heißt das, wir müssen uns so gewissermaßen an der FelsDecke entlanghangeln?" frage ich entsetzt.

"Wenn du hierherkommst, wirst du es sehen. Der Abstieg ist das schwierigste. Sowie du erst einmal mit den Fingern in der Ritze hängst, ist es ganz einfach. Ich helfe dir."

"Wie denn?"

"Du steigst auf mich. Erst auf die Schultern, dann greifst du an meine HandGelenke und steigst weiter ab, bis du in die Ritze hineingreifen kannst."

"Das ist doch WahnSinn!"

"Wieso? Die Ritze hält. Ist bester Fels!"

Chmerm ist bereits dicht hinter mir. Ich muß weiter.

Wieder einmal bin ich auf Charmion angewiesen. Vielleicht ist es richtig, daß ich mich an der Ritze entlanghangeln kann. Aber aus diesem Spalt heraus ins Freie zu klettern, wobei man eine Zeitlang die besagte Ritze zu Füßen hat, wo sie einem nichts nutzt und wo man sie auch noch nicht sieht, das hätte ich nicht alleine geschafft. Ich habe auch keine Idee, wie Charmion es angestellt hat - sie hat ja überhaupt nicht gewußt, was auf uns zukommt. Wir werden wenigstens gewarnt.

Wir machen es so, wie Charmion vorgeschlagen hat. Sie ermutigt mich mehrfach, daß ich ruhig kräftig auf sie treten kann - ihr Griff ist fest. Nur abrutschen darf ich nicht. Sie kann mich hier nicht mehr halten.

Dann ist es soweit, und ich hänge auch im KlimmZug mit den Fingen in der Ritze, Gesicht nicht weit vom Fels entfernt. Die Ritze ist etwa zwei ZentiMeter breit und hinreichend tief. Sie sieht vertrauenerweckend aus. Wahrscheinlich eine natürliche Formation, die man hier ausgenutzt hat. Griff für Griff bewegen wir uns auf den Hängenden Weg zu, der vielleicht siebzig Meter entfernt ist. Das sind verdammt lange siebzig Meter. Von der anderen Seite des Loches sah es aus perspektivischen Gründen kürzer aus.

Und unter uns ist ein Meer von Wolken. Der Wind zerrt an uns, wenn auch schwach. Leider ist die Ritze horizontal: Man kann die Finger nicht hinter einen Griff hineinkrümmen. Für einen Untrainierten wäre diese Stelle völlig unüberwindbar.

Chmerm ist schon neben uns. Ich konnte ihr nicht so helfen wie Charmion mir geholfen hat. Ich habe auch nicht beobachtet, wie sie den ÜberGang vom Spalt zur Ritze geschaft hat.

Schweigend arbeiten wir uns vorwärts. Nur wenige ZentiMeter pro Sekunde sind möglich. Bei diesem Tempo wird es eine halbe Stunde dauern, bis wir den Hängenden Weg erreicht haben werden. Die ganze Zeit rechne ich damit, daß meine Arme irgendwann den Dienst versagen könnten.

Als wir auf halber Strecke sind, sagt Charmion aus heiterem Himmel:

"Ich bin ganz naß zwischen den Beinen."

"Wieso denn gerade jetzt?" frage ich.

"Ich weiß nicht. Es kommt so plötzlich. - Ich könnte den ganzen Tag spielen!"

Hoffentlich nicht gerade jetzt. "Wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben!" verspreche ich.

Eine ganze Weile hangeln wir uns schweigend weiter, ohne derartige niveauschwangere Diskussionen. Der rettende Hängende Weg kommt langsam, viel zu langsam, näher. Wenigstens ist es wieder die Ausführung mit Planken und nicht die SeilbrückenVersion.

Vielleicht war hier noch ein besserer Weg geplant, und diese Lösung mit der Ritze ist nur provisorisch. Es ist mir klar, daß Gefangene hier kaum fliehen können. Aber ebenso muß das GefängnisPersonal doch große Schwierigkeiten mit diesem Weg haben, besonders, wenn man schweres Gerät transportieren muß. Ich verstehe das nicht. Ist der Weg an der anderen Seite um den PilzBerg herum vielleicht einfacher? Hat Charmion aus purer Bosheit diesen Weg gewählt, weil sein 'UnterhaltungsWert' größer ist?

Noch sechs Meter bis zum Hängenden Weg. Ich erkenne schon die StrickLeiter, die uns von dieser Ritze auf die Planken runter bringen wird. Noch fünf Meter.

Plötzlich knackt es links neben mir. Ich sehe Chmerm an, die augenblicklich in ihren Bewegungen erstarrt ist.

Sie hat Angst. Das Geräusch kam genau aus dem RitzenSegment, an dem sie gerade hängt.

"Ruhig und langsam weiter!" sagt Charmion, die es auch gehört hat. Ist die Ritze an der Stelle, an der ich hänge, auch schon betroffen?

ZentiMeter um ZentiMeter schieben wir uns weiter. Dabei entferne ich mich von Chmerm, die weiter bewegungslos hängt.

"Warte noch einen Moment," schlägt Charmion vor, "damit wir das Stück der Ritze entlasten können!"

Guter Vorschlag. Auf diese Weise entfernen Charmion und ich uns von der Stelle, wo es geknackt hat. Sehr guter Vorschlag.

Und es knackt wieder. Charmion ist vielleicht noch einen Meter von der StrickLeiter entfernt, ich einen Meter dahinter, Chmerm ist vier Meter von uns entfernt. Lächerliche sechs Meter von dem rettenden Hängenden Weg!

"Ich weiß nicht, wie groß das betroffene Stück ist!" flüstert Charmion neben mir, "besser, wir steigen schon mal runter!"

Das ist mir nur recht, auch, wenn es mir wie Verrat an Chmerm vorkommt.

Charmion erreicht die StrickLeiter, prüft sie und turnt an ihr herunter. Sie steht einige Meter unter mir, als ich mit der rechten Hand nach der StrickLeiter greife. Dann lasse ich meine Füße etwas schwingen, um die Sprossen zu fassen.

"Vorsicht - erst die Leiter ganz greifen!" warnt Charmion von unten.

Die Finger meiner linken Hand rutschen erst aus der Ritze heraus, als ich mit einem Fuß und meiner rechten Hand einen guten Halt habe. Ich bin sicher. Meine OberarmMuskeln zittern, aber ich kann trotzdem schnell zum PlankenWeg absteigen.

Nun ist Chmerm dran. Charmion hält mich derweil überflüssigerweise fest, oder vielleicht doch nicht so überflüssigerweise, weil die nachlassende Anspannung durchaus dazu führen kann, daß man jetzt auf dem relativ sicheren Grund des Hängenden Weges zur Seite kippen oder fehltreten kann.

Chmerm hat schon drei Meter zurückgelegt. Noch drei Meter. Sie müßte aus dem Bereich der Ritze, die geknackt hat, schon heraus sein.

Noch zwei Meter. Noch einen. Weniger sogar. Die StrickLeiter ist in ihrer ReichWeite.

"Du schaffst es!" sage ich. In dem Moment bricht die Ritze auf einer Länge von fast zwei Metern aus. Chmerm fällt, zusammen mit einigen länglichen FelsStücken.

Nun geschieht alles sehr schnell. Im Fallen greift sie, auf unserer Höhe angekommen, eines der tragenden Seile. Ihr Griff muß stahlhart sein. Die Kraft der Verzweifelung.

Das Seil, so ruckartig belastet, reißt dicht unter dem HalteBügel an der FelsDecke. Chmerm fällt weiter, unter das Niveau des PlankenWeges. Sie hält das Seil immer noch.

Ein scharfer Ruck geht durch die Planken. Charmion und ich beginnen, uns entlang des Hängenden Weges zurückzuziehen. Oben reißen weitere TrageSeile. Der Weg, auf dem wir stehen, kippt zur Seite.

"Festhalten!" schreit Charmion. Wir greifen eines der HandSeile, dasjenige auf der Seite, wo die TrageSeile nicht gerissen sind. Die Planken fallen unter uns weg. Eine Strecke des Hängenden Weges von etwa fünf Metern Länge wird im AugenBlick unbrauchbar.

Ich sehe unter uns die Planken in die Tiefe trudeln. Einen Moment lang denke ich, daß Chmerm getroffen worden ist. Aber sie hängt immer noch einige Meter unter uns an einem der ehemaligen TrageSeile und sieht unverletzt aus. Das schwere Holz muß haarscharf an ihr vorbeigesaust sein.

Wir alle schaukeln wild hin und her. Unser HandSeil hält. Weitere TrageSeile reißen nicht. Noch nicht. Bei der Schaukelei werden sich die Knoten um die TrageBügel aufreiben.

"WeiterKlettern!" ruft Charmion. Ich ignoriere meine zitternden Muskeln und hangele mich wie Charmion an dem ehemaligen HandSeil entlang. Es hält immer noch. Es ist schwierig, zwischen oben und unten zu unterscheide, aber wenn man dem HandSeil folgt, dann müßte man eigentlich zum unbeschädigten Teil des Weges kommen.

Wir erreichen diesen auch relativ schnell. Bei Chmerm dauert es länger. Wir können sie jetzt erst wieder beobachten. Vielleicht sind ihr Muskeln oder Sehnen gerissen. Aber sie macht nicht den Eindruck, als wäre es so. Sie hat einfach mehr zu klettern.

Als sie auch den unbeschädigten Teil des Weges erreicht, marschieren wir sofort weiter, nachdem wir festgestellt haben, daß niemand verletzt ist. Gar nicht erst irgendwelchen Knien die Zeit geben, weich zu werden. Meine Uhr sagt, daß es 5 Uhr ist. Irgendwie eine völlig bedeutungslose Zahl.

"Wie soll man über diesen Weg irgend etwas nach oben transportieren?" frage ich Charmion. Ich denke an das SaurierFleisch, daß unten, an der AnlegeStelle, jetzt schon längst vollständig ausgeladen sein sollte.

"Andersrum," sagt Charmion, "ist es leichter."

Aha, denke ich. Und warum gehen wir hier herum?


        22.8    Das Hängende Fort


Die nächste halbe Stunde ereignet sich nichts von Bedeutung. Der Hängende Weg wird besser, und aus irgendeinem Grunde auch breiter. Mir erscheint das unlogisch, weil man bei einem Weg ja eigentlich zuerst die schlechtesten Stellen ausbauen müßte. Was nützt ein hervorragender Weg, der an einigen Stellen von unüberwindlichen Hindernissen unterbrochen worden ist?

Dann aber schiebt sich um die Wölbung der FelsDecke ein seltsames, geschachtelt kastenförmiges Gebilde in unser BlickFeld hinein. Es sieht wie ein HolzGebäude aus, das von der schiefen FelsDecke herunterhängt. Es befindet sich genau auf der Höhe des Hängenden Weges, und dieser führt genau dorthin.

Man muß sich eine Art BlockHaus vorstellen, das wie ein VogelHäuschen am Felsen klebt oder hängt, oder wie eine große SchubLade. Der Hängende Weg führt zum BasisStockwerk, von dort gibt es einen fast zwei Meter breiten Weg, der von einem massiven HolzGeländer gesichert ist, rund um dieses Gebäude herum.

Ein weiteres, kleineres StockWerk hängt unter dem HauptGeschoß, und außen, wo der GeländerWeg um das Gebäude herum aus unserer Sicht verschwindet, ist noch ein weiterer, balkonartig angebrachter Raum, der ebenfalls von einem GeländerWeg umgeben ist und der selbst keine Verbindung zur FelsDecke mehr hat.

Wir betreten den GeländerWeg und gehe zunächst um das Gebäude herum. An der anderen Seite führt, wie erwartet, der Hängende Weg weiter. Wenn dies der Einstieg zum weiteren Weg nach oben ist, dann hätten wir auch von dort kommen können. Vielleicht wäre Chechmirch dann noch am Leben.

Ich betrachte die massiven Balken des Gebäudes, die nach oben in die FelsDecke führen. Wie fest dieses Gebäude mit der FelsDecke verbunden ist, darüber kann ich im Moment noch keine AusSagen machen. Ich hoffe, die BauMeister haben ihr HandWerk verstanden. Andererseits ist unser KörperGewicht geringer als die Kräfte, die durch den StauDruck eines stärkeren Windes auf das ganze BauWerk entstehen können. Schon daraus kann man schließen, daß wir im Moment in keiner Gefahr sind.

"Ist denn niemand hier?" frage ich, während wir nach einem Eingang in das HauptStockwerk suchen. Charmion findet es unnötig, mir darauf zu antworten.

Es gibt FensterÖffnungen, die aber alle mit HolzBalken verrammelt sind, und gegenüber der ausladenden BalkonKammer gibt es, sowohl in dieser als auch im HauptGeschoß, so etwas, das wie eine große Tür aussieht, die ebenfalls geschlossen ist.

Ich gehe einmal um die BalkonKammer herum. Dabei entfernt man sich aber sehr weit von der FelsDecke, und man glaubt, den Boden schwanken zu fühlen. Man kann von hier aus jedenfalls einen großen Teil der umgebenden FelsDecke und des Hängenden Weges zu beiden Seiten überblicken, und wenn die Wolken unter uns nicht wären, dann hätte man wahrscheinlich auch auf die Inseln des SchärenRinges einen umfassenderen AusBlick.

Während ich mich auf das vertrauenerweckende Geländer lehne und mich umsehe, steht Charmion hinter plötzlich mir. Ich merke es zuerst daran, daß die frische Luft, die ich mir um die Nase wehen lasse, nicht mehr ganz so frisch ist.

"Chmerm hat herausgefunden, wie man die Tür aufmacht."

"Also ist es doch ganz gut, daß sie noch bei uns ist!" stelle ich fest.

"Wir hätten es über kurz oder lang auch herausgefunden."

Einen Moment ist Stille. Charmion lehnt sich an mich.


        22.9    Wollust


"Erinnerst du dich an das, was ich gesagt habe, als wir vorhin in der Ritze hingen?"

"Du hast sehr viel gesagt." meine ich. Das stimmt nicht. Die Dialoge, die wir in der Ritze geführt hatten, hielten sich in engen thematischen Grenzen. Ich weiß auch ganz genau, worauf sie hinauswill. Aber ich muß ihr ja die GesprächsFortführung nicht unbedingt leichter machen.

"Das ist mir bei einem Mann noch nie passiert!" sagt sie, offenbar unterstellend, daß ich schon weiß, wovon sie spricht.

"Bei einer Frau schon?" frage ich.

"Nein. Überhaupt nicht. - Ihr seid irgendwie anders. Ich bin schon wieder naß. Wollen wir?"

"Wir müssen weiter." verteidige ich mich.

"Wir haben immer noch Zeit genug. Chmerm sucht die Fackeln."

"Fackeln?"

"Ja, Fackeln. Ohne die kommen wir hier nicht mehr weiter. Es gibt hier immer einen Vorrat an Fackeln."

Sie dreht mich mit Gewalt zu ihr um und zwingt mich dann in die Knie. Im AugenBlick hat sie ihre Jacke ausgezogen und hinter sich geschmissen. Sie drückt mein Gesicht auf ihren Busen. Er ist glitschig von einer Mischung von altem und neuem Schweiß.

"Du hast doch gesagt, daß sie dir gefallen, ja?"

"Ja, aber ..."

"Dann zeig es ihnen doch. Faß mich an - hier." Und nach einer Pause, in der ich nicht das gewünschte Maß an Interesse zeige: "Seid ihr alle so stur?" Schon hat sie sich völlig ausgezogen und fummelt jetzt an mir herum.

"In unserer Welt ist es für einen Mann eine Ehre, wenn er mit einer Frau spielen muß." fährt sie fort. 'Muß' sagt sie, nicht 'darf'. Inzwischen liege ich mit dem Rücken auf dem Boden des GeländerWeges, ob ich will oder nicht. Sie setzt sich auf mich. Es ist noch keine sechs Stunden her, daß sie mich das letzte Mal so überfallen hat, am letzten MundLoch des Stollens. Davor waren die Perioden sexueller Inaktivität auch nicht übertrieben lang. Ich fürchte, es bringt nichts, jetzt mit diesem Argument zu protestieren.

Eigentlich will ich auch gar nicht protestieren. Von einem Moment zum anderen ist die Bereitschaft da. Zu rasch und zu bequem ist die Erregung und das Eindringen, zu lustvoll und zu entschieden ihre Stöße, zu verlangend die Hitze ihres Körpers. Ein WiderSpruch ist nicht vorgesehen. Die Vereinigung zweier UrweltTiere - ein altes und eine junge. Es ist so natürlich. Vielleicht bin ich ja gar nicht der wohlverheiratete Angestellte und brave EheMann aus der Welt da oben. Vielleicht war ich ja schon immer hier, Teil dieser Welt, und was wir machen ist richtig und natürlich. Aber woher dann die Erinnerungen an diese andere Welt?

Wie immer beim Bumsen denke ich an etwas ganz anderes. Das muß einen neurologischen Grund haben - die GroßhirnRinde wird elementar angeregt, und gelegentlich löst man Probleme, die eigentlich zu anderer Zeit anliegen. Machen andere das anders? Geben sich andere ganz dem AugenBlick hin? Dem AugenBlick wahrer und unmittelbarer Animalität und Emotionalität, wie er wahrer und unmittelbarer wohl nicht sein kann: Wie eine Sphinx hockt sie auf mir, ich wie ein besiegtes Wild unter ihr und baumstark und entschlossen in ihr, die einzige Stelle, wo ich Stärke zeigen kann und will, wie eine Brandung schaukeln ihr Brüste vor meinen Augen hin und her und auf und ab, perspektivisch vergrößert, ganz nahe und doch nicht greifbar, denn um wie jeder Eventualität einer GegenWehr von mir zuvorzukommen hat sie meine UnterArme ergriffen und nebem meinem Kopf fixiert. Die einzige Freiheit, die ich habe, ist zu stoßen und gestoßen zu werden und mir gelegentlich ihren Busen ins Gesicht klatschen zu lassen, wenn sie ihren Rücken weit genug durchbiegt.

Aus den AugenWinkeln sehe ich, daß Chmerm um die Ecke gekommen ist. Sie sieht uns, bleibt stehen und fährt fort, uns genau zu beobachten. Charmion stört das nicht. Warum soll es mich dann stören? Ich denke an die Hündchen auf der StraßenKreuzung in Lanzarote. So tun wirs, und wir tun es lang, und Charmion gibt nicht eher auf als bis ich nichts mehr auf der Welt, sondern nur noch ihren Körper sehe und fühle und diesen wie ein heißer Strom auffülle, so, wie das Gesetz es befielt, und dann ist es soweit, und schmerzhaft drücken unsere KörperTeile, wo wir am intensivsten vermischt sind, aneinander, es ist soweit, der Strom durchbricht aller Mauern, und jauchzet, frohlocket zum ersten, und es soll nur fortdauern, denn dafür würde ich alles tun, und ich greife mit meinen Lippen ihre BrustWarze wie um den AugenBlick zu halten, aber es dauert nicht fort und der AugenBlick läßt sich nicht halten, und die EntSpannung ist groß und die Leere dahinter weit.

Auch Charmion entspannt sich, richtet sich auf und sieht auf mich herab, die Augen voller Befriedigung.

"Es war schön." sage ich, noch außer Atem, unwürdig für einen AusdauerSportler, den ein paar periodische Bewegungen eigentlich nicht erschöpfen sollten.

"Ja, es war schön," stimmt sie zu, "aber wir müssen jetzt weiter. Hast du die Fackeln gefunden?"

Die Frage war an Chmerm gerichtet, die immer noch dabeisteht. Charmion steht auf und ich falle aus ihr heraus, immer noch sichtbar erregt. Von ihrer Erregung scheint nichts mehr übrig zu sein - so schnell ist sie fertig.


        22.10   Chmerm


Chmerm läßt sich neben mir auf die Knie fallen. Das SchauSpiel hat sie offenbar nicht unbeeindruckt gelassen. Sie zeigt eine für eine GranitBeißerin mir ungewohnte Verwirrtheit. Es ist bei ihr eine Mischung von Erregung und Verdrängung des Verlustes, den sie mit dem Tod von Chechmirch erlitten hat. Ich kann mich nicht in sie hineinversetzen, und so beobachte ich sie nur passiv. Sie greift nach meinem triefend naßen Glied wie ein Kind nach einem SpielZeug: "Ich möchte jetzt auch ..."

Wie ein WirbelWind hat Charmion sich gebückt und aus dem Haufen ihrer Ausrüstung und Kleidung ihr Schwert herausgezogen. Es dauert nur MilliSekunden, und ein feiner, transparenter, zischender metallender Bogen ist in der Luft zu sehen. Dann spüre ich einen scharfen Ruck an meinem Penis.

"Nein!!" tönt der urweltliche Schrei von Charmion, "Der gehört mir!"

Der unterhalb des EllenBogens sauber abgetrennte UnterArm Chmerms fliegt über das Geländer in die Tiefe, sich überschlagend und torkelnd wie ein falsch geworfener Bumerang. Mit einer Mischung zwischen Sprachlosigkeit und Entsetzen starrt Chmerm auf ihren ArmStumpf. Und nicht nur sie:

"Wie kannst du ihr nur den Arm abschlagen?" frage ich Charmion.

"Wieso denn nicht? Gefällt sie dir etwa?" Ihre SchwertSpitze zeigt auf meinen Bauch. Vermutlich nicht zufällig.

"Sie hat doch überhaupt nichts getan!"

"Sie hat dich angefaßt. Das darf nur ich. Nicht einmal 'deine Frau' darf das, von jetzt an!"

Chmerm sieht immer noch bewegungslos auf ihren ArmStumpf. Sie versucht nicht, den pulsierenden BlutStrom, der aus ihm quilt, zu stoppen. Mein ganzer UnterKörper ist bereits von der tiefroten, warmen Flüssigkeit besprenkelt.

"Wie soll sie denn jetzt klettern?"

"Das ist mir doch egal." zischt Charmion. Sie ist dabei, sich wieder anzuziehen. Ich sehe inzwischen aus, als ob ich bis zum Bauch in Blut gewatet habe.

Ich wage nicht einmal, Chmerm verbal den Vorschlag zu machen, die Wunde abzubinden, aus Angst, Charmion könnte heftig reagieren. Chmerm selber kommt nicht auf die Idee. Ob das Absicht ist? Vielleicht weiß sie, daß eine Einarmige in dieser Welt sowieso nicht lange lebt.

Langsam steht sie auf. Charmion beobachtet sie lauernd. Chmerm hat ihr Schwert griffbereit an der Seite, aber ich bezweifele, daß sie gegen Charmion eine Chance hätte, insbesondere, weil es ihre rechte Hand ist, die sie verloren hat. Charmion hat ihr Schwert zudem noch draußen.

Chmerm sagt nichts. Ich habe von ihr auf dieser Excursion nichts erfahren und tue es auch in dieser Sekunde nicht. Ein schweres Schicksal ist auf sie niedergefahren, und alles, was sie tut ist still zur Seite zu treten. Auf das Geländer zu.

"Zieh dich an!" sagt Charmion zu mir, "Jetzt sehen wir uns die inneren Räume an!"

Chmerms Blut klebt ekelhaft an meinem Körper, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als meinen Rock auch noch zu verschmutzen. So schmell werden wir kein Wasser zum Säubern finden, vermute ich.

Dann gehen wir über den GeländerWeg zum Haupteingang, den Chmerm geöffnet hat. Wir lassen Chmerm, die am Geländer steht und in die Tiefe sieht, zurück.

Das Innere des Gebäudes zeigt, daß es sich im wesentlichen um einen WerkzeugSchuppen handelt. Vielleicht könnte man das auch StraßenMeisterei nennen, wenn man diese Wege als 'Straßen' bezeichnen würde. Wahrscheinlich läßt sich auch hier eine VerteidigungsStellung gegen fliehende Gefangene einrichten.

Seile, Planken, EisenTeile, ein großer Vorrat an Fackeln, einige geschlossene Gefäße mit Flüssigkeiten, die beim Bewegen glucksen - vielleicht Farben, oder Öl zum Brennen.

Kerzen finde ich nicht, und weil ich das Xonchen-Wort dafür nicht kenne, kann ich auch nicht fragen. Vielleicht kennen die GranitBeißer auch keine Kerzen. - Eigentlich seltsam, fällt mir ein, denn Kerzen sollten bei dem hohen LuftDruck heller brennen als bei uns. Ideale LichtQuelle. Oder hält kein Docht das aus? Oder kennen die GranitBeißer keine geeigneten wachsähnlichen Stoffe?

Eine FallTür in den Raum unter uns. Aber ein kurzer Blick zeigt, daß dieser Raum leer zu sein scheint. Viel kann man in diesem HalbDunkel sowieso nicht erkennen.

Der hintere Teil dieses Raumes ist überraschend groß. Er ist wahrscheinlich in den Fels hineingehauen.

"Ich suche ein paar gute Fackeln aus." sagt Charmion, "geh du raus und hole Chmerm. Wir marschieren gleich weiter."

Ich tue wie befohlen. Aber als ich auf dem GeländerWeg um den äußeren Raum biege, finde ich Chmerm nicht. Auf den Planken des GeländerWeges ist ein obszön großer BlutFleck, und das Geländer ist an einer Stelle ebenso durchtränkt. Außer der Blutspur, die ich selber mit Chmerms Blut verursacht habe, gibt es jedoch keine weitere.

Neben der großen, schon antrocknenden BlutPfütze liegen Chmerms Schwert und ihr ProviantBeutel.

Ich beuge mich über das Geländer. Die WolkenDecke unter uns ist immer noch dicht. Natürlich ist nichts zu sehen.

Ich nehme Chmerms Sachen auf. Das zweite Schwert stecke ich zunächst nach SamuraiArt in meinen Gürtel, denn den TrageGurt für das Schwert hat sie mitgenommen. Dann kehre ich zurück.

Charmion hat inzwischen - ich weiß nicht wie - eine der Fackeln entzündet und ist dabei, eine zweite anzustecken. Diese Fackeln sind mit irgendeinem Öl oder Teer getränkt und brennen hell und rauchend.

"Sie ist gesprungen." sage ich.

"So?" murmelt Charmion. Es interessiert sie überhaupt nicht. Oder sie hat es erwartet.

Wie selbstverständlich wird dann der Inhalt von Chmerms ProviantSack zwischen uns aufgeteilt. Charmion sieht, daß ich Chmerms Schwert trage. Aber sie kommentiert das nicht weiter, auch als ich provisorisch den Teil der SchwertKlinge von Chmerms Schwert, der unter meinem Gürtel ist, umwickle, um nicht den Gürtel mit der Zeit zu durchschneiden.

Das Thema Chmerm wird auch nicht weiter verfolgt. Wir brechen sofort auf. Es ist 7:45 Uhr.


        22.11   WendelTreppe


Zunächst betreten wir, nachdem wir die EingangsTür des Forts wieder geschlossen haben, einen horizontalen Stollen, der noch weiter in den Berg hineinführt. Der ist aber höchstens hundert Meter lang, bis wir zum Boden eines kreisrunden, vier Meter durchmessenden Schachtes kommen. In diesem Schacht ist eine rechtsdrehende, hölzerne WendelTreppe eingebaut. Der horizontale Stollen geht zwar noch weiter in den Berg hinein, aber wir kümmern uns nicht mehr darum.

Als wir beginnen, die WendelTreppe zu besteigen, merke ich erst, wie sehr das getrocknete Blut von Chmerm zwischen meiner Haut und dem Rock reibt. Das wird SchürfStellen geben, wenn ich nichts dagegen unternehme. Ich wersuche, das getrocknete Blut mit einer Hand so gut es geht abzubröseln. Mit der anderen muß ich ja meine Fackel halten. Es geht nicht ganz leicht, weil das Blut noch an einigen Stellen klebrig ist. Jedenfalls habe ich zu tun.

Charmion geht vor mir. Sie redet nicht. Ich mag mit ihr auch nichts reden. Vielleicht hätte ich vor ihr gehen sollen, um der ohnehin stickigen Luft in diesem Schacht nicht auch noch ihren KörperGeruch hinzuzufügen. Jetzt ekelt es mich wieder an.

Die Wände des Schachtes sind roh aus dem Fels herausgehauen. Ab und zu gibt es Vertiefungen, in denen StützBalken der WendelTreppe eingelassen sind. Andernfalls müßte diese ganze WendelTreppe ja auf ihrem MittelPfeiler ruhen, und ich glaube nicht, daß das Holz das aushält - so allmählich haben wir ja schon einige weitere hundert HöhenMeter unter uns gelassen.

Jedenfalls ist mir diese Art des VorwärtsKommens noch angenehmer als diese KletterSteige außen am Berg. Ohne Chmerms Blut an mir wäre es fast ein Genuß. Naja, nicht nur: ohne die Hitze, ohne die stickige Luft, ohne den TrageBeutel und ohne die Schwerter. Ich hätte früher nie gedacht, wie lästig es ist, dauernd ein oder zwei Schwerter mit sich herumzuschleppen.

Man kann die Höhe, die wir erreicht haben, schwer schätzen, und natürlich habe ich wieder nicht rechtzeitig daran gedacht, mitzuzählen. Das ärgert mich jedesmal.

Charmion ist zur Zeit nicht ganz auf der Höhe - ich habe sie lange Treppen vor nicht allzu langer Zeit ja schon viel schneller und trotzdem ausdauernd hinaufrennen sehen. Im Moment machen wir jede Sekunde bloß eine Stufe - also in fünf Sekunden einen Meter. Vielleicht eine Idee schneller. Das kann ich noch lange aushalten. Hoffentlich bleibt es bis zum OberFort so. Und rechnen kann man damit:

Es ist jetzt 8:30 Uhr. Wir sind also etwa 2500 Sekunden lang gestiegen, dann sollten wir ungefähr 500 Meter Höhe über dem Hängenden Fort gewonnen haben. Das sind 3500 Meter über dem MeeresSpiegel draußen. Oder etwa 7000 Meter unter der ErdOberfläche. Die allerdings kommt in meinen Gedanken kaum noch vor.

Wir kommen an eine Stelle, an der Stollen nach zwei gegenüberliegenden Richtungen abzweigen. Da wir uns aber seit mehr als einer halben Stunde beständig im Kreise drehen, haben wir nicht die geringste Ahnung, welche Richtungen das sein könnten. Wir folgen dem Schacht mit der WendelTreppe weiter.

Wie ich dachte, brütet Charmion über irgend etwas. Plötzlich hält sie an, dreht sich um und fragt:

"Würde man mich in eurer Welt einsperren?"

"Wegen Chmerm?"

"Ja."

"Ich weiß nicht," sage ich, etwas überfordert durch die plötzliche Notwendigkeit einer juristischen Erörterung, "der Fall ist kompliziert. Auf jeden Fall wegen schwerer KörperVerletzung. Das würde schon einige fünf mal fünf mal fünf Tage Kerker bringen. Vielleicht sogar fünf mal fünf mal fünf mal fünf."

'Kerker' klingt in der Xonchen-Sprache direkter als 'Gefängnis'. Was das StrafMaß betrifft, habe ich nicht die Absicht, jetzt mit Charmion solche Fälle zu erläutern, wo unsere Justiz dem Täter mehr Verständnis entgegenbringt als dem Opfer.

"Gewußt zu haben, daß sie springen würde, würde man dir vorwerfen. Vielleicht. Aber es würde sich nicht mehr auf das StrafMaß auswirken. Nicht direkt."

"Aber Chmerm wollte dich!" verteidigt Charmion sich.

"Na und? Du doch auch!"

"Ich bin die bessere Kämpferin!"

"Ist das Grund genug?" frage ich.

"Ja, natürlich. Bei euch ist es doch auch so!"

"Nein," sage ich, "unsere RechtsSprechung ist gerade dazu da, daß nicht überall das Recht des Stärkeren gilt!"

"Aber die, die euer Recht durchsetzen, sind doch die Stärkeren, denn sonst könnten sie das nicht tun! Also ist euer Recht das Recht des Stärkeren, denn das Recht ist das Stärkere! Andernfalls könnte man das Recht bei euch ja nicht durchsetzen. Oder etwa nicht?"

Weil ich nicht gleich antworte, dreht sie sich um und steigt wieder weiter, während ich noch an einer leicht faßlichen Antwort herumformuliere. Aber sie macht nicht den Eindruck, als wollte sie die Antwort hören.

"Jedenfalls hat sie nichts getan, was eine schwere Strafe verdient!" rede ich gegen Charmions Rücken, "Nicht das geringste. Sie war verwirrt. Und dann hat sie uns da bumsen sehen. Das hat sie völlig durcheinandergebracht. Ich weiß nicht, warum, aber so war es."

"Geil ist sie geworden." knurrt Charmion vor mir. Die Bedeutung des Wortes 'geil' in der Xonchen-Sprache erschließe ich nur aus Kontext und Tonfall. Ich habe es vorher noch nie gehört.

"Na und? Und was bist denn du gewesen?"


        22.12   Charmions JähZorn


Wie ein WirbelWind hat Charmion sich umgedreht. Ehe ich weiß, was mit mir geschieht, liege ich auf den TreppenStufen. Meine Fackel poltert mir aus der Hand. Charmion ist über mir, eine Hand um meine Kehle, mit der anderen hält sie ihre Fackel unangenehm nahe an mein Gesicht. Mein eigenes Schwert bohrt sich mit dem Griff in meinen Rücken, und auch ohne das wäre meine Lage schon unbequem genug.

Charmions Gesicht ist tatsächlich wutverzerrt. Ein großer GegenSatz zu ihrer üblicherweise gezeigten Ausdruckslosigkeit. Sie schüttelt mich mit ihrem Griff um meine Kehle hin und her. Zeitweilig ist der Abstand zwischen meinem Gesicht und der Fackel nur noch wenige ZentiMeter. Ich spüre die Hitze im Gesicht. Jetzt braucht nur noch ein brennender Span abzuspringen, und ich habe es im Auge.

"Du, ich habe dir schon mal gesagt, wenn ich will, dann will ich! Ob Spielen oder totmachen, ich kriege, was ich will! Deine BesserWisserei sind hier nicht erwünscht! Deine Welt da oben interessiert hier nicht! Was bist du denn? Alles könnt ihr da angeblich besser! Aber du bist hier, und du bist ein Jämmerling! Du kannst dich nicht einmal festhalten, wenn man ein bißchen in den Bergen spazieren geht! Und wahrscheinlich gibt es deine Welt da oben auch gar nicht, und du versuchst nur, uns zu verwirren. - Lass mich haben, was ich haben will, und misch dich da nicht ein! Du bist bloß ein Mann, vergiß das nicht!"

Während der ganzen Zeit hat sie meinen HinterKopf rhythmisch auf die Stufen geschlagen.

"Du brennst mich!" stoße ich mühsam hervor. Keine Argumentation. Wenn eine Frau in dieser Stimmung ist, das weiß ich auch aus unserer Welt, dann ist Argumentation ohnehin nicht gefragt.

Sie sieht mir in die Augen. Langsam nimmt sie die Fackel gnädigerweise etwas weiter weg. - Wenn man mit ihr im Moment reden könnte, dann könnte man durchaus ihr letztes Argument einmal analysieren, denke ich mir. Ich soll mich nicht darin einmischen, wenn sie vergewaltigt, auch wenn es sich bei ihrem Opfer zufällig um meine eigene Person handelt!

Jedenfalls habe ich wieder etwas gelernt. Keine Belehrungen, nichts, was auch nur entfernt an Belehrungen erinnert. Das verträgt sie nicht.

Plötzlich sieht Charmion zur Seite:

"Feuer! Steh auf. Schnell!"

"Was?" frage ich. Mit ihrer Hilfe stehe ich rasch wieder auf den Beinen. Als ob ich nicht selber gehen könnte zwingt sie mich die nächsten Stufen der Treppe hinauf. Kaum kann ich einen Blick nach unten werfen.

Aber der genügt. Meine Fackel, die mir aus der Hand gefallen ist, ist zwei oder drei Windungen der WendelTreppe unter mir liegengeblieben. Der Licht- und RauchEntwicklung nach haben dort einige Stufen der WendelTreppe Feuer gefangen.


        22.13   Flucht


Vielleicht könnte man es noch löschen. Wenn man sehr entschlossen handelte und Tücher oder Wasser zum Löschen hätte. DraufPissen wäre auch eine Möglichkeit. Vielleicht. Vielleicht ist das Holz der WendelTreppe im Innern auch so feucht und modrig, daß sich das Feuer ohnehin nicht verbreiten wird. Vielleicht ist es aber auch trocken.

Aber Charmion hat sich bereits dafür entschieden, auf keine dieser Möglichkeiten zu setzen. Sie sieht nicht einmal nach, ob das Feuer noch löschbar ist. Wir rennen weiter nach oben, diesmal sehr schnell, zunächst immer zwei Stufen mit einem Schritt nehmend. Ich habe keine Zeit, eine ErsatzFackel für mich anzuzünden.

Noch ist schon nach wenigen Metern weder Rauch zu riechen noch ein Zug wahrzunehmen. Aber mir ist nur zu klar, und wahrscheinlich auch Charmion, daß wir uns in einem ganz hervorragendem SchornStein befinden. Wenn die WendelTreppe ernsthaft Feuer fängt, dann werden wir wie mit einem gigantischen BunsenBrenner behandelt. Wenn dieser Schacht nicht bald zu Ende ist, dann haben wir keine Chance.

Ich stolpere gelegentlich, weil nur Charmion eine Fackel hat und deshalb die Stufen vor meinen Füßen sich immer im flackernden HalbDunkel befinden. Jede DoppelStufe bringt weitere 40 ZentiMeter zwischen uns und dem BrandHerd. Das sind vielleicht nur MilliSekunden, wenn sich der SchachtBrand erst richtig entwickeln sollte.

Immer noch ist kein Anzeichen dafür wahrzunehmen. Die Luft riecht stickig und modrig, und sie steigt auf jeden Fall langsamer als wir selbst. Wegen des schnellen Steigens sind wir in Schweiß gebadet.

"Wie lange noch?" frage ich. Charmion sagt nichts darauf. Wenigstens fragt sie mich nicht, ob sie mich tragen soll. Aber ihre Geschwindigkeit vermindert sie nicht. Also noch lange. Wenn wir diesen Schacht schon demnächst verlassen könnten, dann könnten wir uns auch ein geringeres Tempo leisten.

Allmählich glaube ich, daß wir doch noch einmal davongekommen sind. Das feuchte Holz hat das Feuer nicht ausreichend genährt und spätestens mit Abbrennen der Fackel ist es vollständig erloschen. Andererseits - die Fackel von Charmion brennt ja auch noch. Dann ist es vielleicht etwas voreilig, sich in Sicherheit zu wähnen.

Wir hätten auch, fällt mir ein, rasch am BrandHerd vorbei nach unten steigen und dort abwarten können, ob das Feuer wirklich ausbricht. Das wäre sicherer gewesen. Ja, man hätte sogar versuchen können, das Feuer zu löschen. Die Option, im MißerfolgsFall doch noch nach unten zu flüchten hätte es dann auch noch gegeben. Daß man auch immer in der momentanen Panik nicht alle Optionen sauber durchdenkt!

Aber Charmion hat sich für das unbedingte FortFühren der Excursion entschieden, warum auch immer. Nach allem, was ich weiß, ist dieses der einzige Weg nach oben, und wenn man ihn schon benutzen muß, dann besser, bevor er abbrennt.

Wir müssen schon viele hundert Meter über dem BrandHerd sein. Eigentlich müßten wir schon wieder langsamer gehen können, denn wenn dieser Schacht bis zum OberFort durchgehen sollte, dann gibt es nur einen Umstand, der uns retten könnte: Daß nämlich die WendelTreppe kein Feuer gefangen hat.

Aber Charmion verrät ihre Gedanken nicht, und so hetzen wir weiter. Die Flüssigkeit in den LabyrinthGängen unseres GleichgewichtsSinnes muß jetzt schon präzise mit derselben Geschwindigkeit kreisen, mit der wir uns um die MittelSäule der WendelTreppe bewegen: Die Rotation wird kaum noch wahrgenommen, dafür ist die ganze Motorik irgendwie merkwürdig durcheinandergekommen, da die FliehKräfte ja immer noch wirksam sind. Wie lange muß man leben, ständig eine WendelTreppe aufwärts rennend, um sich daran zu gewöhnen? Ist eine Welt mit solch langen WendelTreppen denkbar?

Charmion hält plötzlich an. Ich natürlich auch. Augenblicklich muß ich mich an der Wand abstützen, weil sich alles dreht. Charmion offenbar nicht, sie bringt das KunstStück fertig, freihändig zu stehen. Ob ihr GleichgewichtsSinn auch anders funktioniert als meiner? Oder ob sie die Wirkungen ihrer rotierenden LabyrinthGänge wegabstrahieren kann?

"Psst!" haucht sie. Mit angehaltenem Atem - schwierig genug nach der Aufwärts-Rennerei, aber man ist ja ein bißchen trainiert - lauschen wir. Kommt ein Wind von unten? Ist etwas zu hören? Ich würde beide Fragen verneinen, aber Charmion ist anderer Ansicht:

"Es brennt!" sagt sie, "Weiter."

Und weiter rennen wir die WendelTreppe rauf.

Es gibt keine weiteren Pausen. Irgendwann bin ich auch der Meinung, daß das geringe Maß an GegenWind, das wir durch unser AufwärtsRennen uns mühsam genug verdienen, nicht mehr so stark ist wie es sein sollte. Dann scheint er plötzlich ganz zum Erliegen gekommen sein. Und wenig später haben wir definitiv RückenWind.

"Schneller!" ruft Charmion.

"Schaffen wir es noch?" frage ich keuchend.

"Sicher."

Das ist ein Wort. Wenn Charmion es sagt.

Eine Zeitlang ist der Wind, der uns überholt, nahezu erfrischend. Dann fängt es an, erwartungsgemäß nach HolzRauch zu riechen. Bald wird es auch wärmer, oder ich bilde mir das nur ein. Noch wird die Abluft des Feuers ja durch hunderte von Metern von WendelTreppenSchacht unter uns von Rauch und Hitze weitgehend befreit. Tausende von QuadraMetern Holz- und FelsOberfläche sollten ordentlich SchwebeTeilchen absorbieren.

Aber dann wird es doch wärmer, und der Wind nimmt weiter zu. Der RauchGeruch wird stärker, und bald stellt sich auch der erste HustenReiz ein. Daß auch Charmion husten muß macht sie wieder menschlich. Wenigstens funktionieren ihre Bronchien so ähnlich wie meine.

Natürlich habe ich jetzt meine Visionen: Wir, erschöpft, unfähig, im Rauch zu atmen, durch immer weiter steigende HitzeGrade und HustenKrämpfe gelähmt, zusammengesunken und bewegungsunfähig. Ob noch 50 Meter WendelTreppenSchacht über uns sind, oder 500 ist kein Unterschied mehr. Wir können nicht mehr weiter, und aus der Tiefe wird bereits rote Glut sichtbar. Irene wird niemals erfahren, was aus mir geworden ist. Es sei denn, sie bleibt in dieser Welt, erreicht eine gewisse Stellung und kümmert sich irgendwann einmal um die GefängnisInsel Casabones. Vielleicht findet man den verkohlten Schacht, vielleicht kann sie zwei und zwei zusammenzählen, vielleicht findet man sogar unsere Knochen. Meine werden nicht von den Knochen eines GranitBeißers zu unterscheiden sein, und ich führe ja nichts mehr mit mir, was auf unsere Zivilisation hinweist. Nein, das stimmt nicht ganz: Die ArmbandUhr. Das ist aber auch alles. Ob sie von meinen UnterarmKnochen runterrutschen wird? Und wie wird es sein, im TodesKampf in der FeuerWolke, die die WendelTreppe heraufstürmt, Charmion nicht weit von mir, aber genauso mit dem Krepieren beschäftigt wie ich selbst? Gibt es noch ein paar unschöne Szenen, bevor wir gegrillt werden? SchuldZuweisungen? Oder sollten wir uns umbringen, weil ein Schwert im Thorax noch angenehmer ist als verbrannt zu werden?

Aber so wird es nicht. Das schlimmste bleibt uns erspart. Noch lange, bevor wir von dem Feuer unter uns überhaupt etwas sehen können, weichen die Wände des Schachtes plötzlich zurück. Die WendelTreppe ist nun in einem turmähnlichen Gerüst und ragt so in eine nachtdunkle Höhle hinein. In dem schwachen Schein von Charmions Fackel kann ich allerdings so gerade eben die Abmessungen dieser Höhle erkennen: Die Wände sind in allen Richtungen acht bis zehn Meter von dem WendelTreppenTurm entfernt, dabei handelt es sich in drei Richtungen um natürlichen Fels, in der vierten Richtung sieht die Wand wie gemauert aus. Diese vielleicht 15 Meter breite aber sehr viel höhere Mauer scheint leicht gebogen. Das kann aber bei dem schwachen Licht auch eine Täuschung sein. Trotzdem kann ich aber auch erkennen, daß die Mauer sehr präzise gefügt ist, und daß die Steine genau behauen sind.

Die Krümmung der Mauer ist keine Täuschung. Der WendelTreppenturm endet, und wir betreten eine Art AussichtsPlattform ohne jede Aussicht. Von dieser PlattForm führt ein schmaler Steg zu der Mauer. Wie immer in dieser Welt ohne jedes Geländer, und ich bin mir der 30 oder 40 Meter FallStrecke unter mir wohl bewußt. Charmion, die jetzt nicht mehr so hetzt, scheint die dunkle Tiefe gar nicht zu interessieren.

Die Luft ist jetzt wieder besser, da sich der Rauch aus der Tiefe mit mehr 'frischer' Luft vermischen muß. Das ist gut, denn auf dem schmalen Steg möchte ich mir keine HustenAnfälle leisten. Der DrehSchwindel macht das Begehen dieses Steges schon schwierig genug.

Der Steg trifft die Mauer an ihrem oberen Ende. Dahinter ist Wasser, nach einer nur eineinhalb Meter breiten Krone. Jetzt begreife ich es: Es ist eine StauMauer! Eine Höhle unbekannter Größe öffnet sich über dem See hinter der StauMauer. Charmions Fackel kann diese nicht ausleuchten. Ob diese StauMauer auch eine Leistung der Erbauer der Toten Städte ist?

Dann stehen wir auf der Krone der StauMauer. Vor dem Feuer sind wir jetzt wohl sicher. Deshalb sehen wir in die Tiefe, zum Fuße des WendelTreppenTurmes, wo das Licht der Fackel nicht mehr hindringt.

"Wie lange das wohl noch dauert?" frage ich mehr mich als Charmion.

"Nicht mehr lange." sagt sie kurz. Ist sie schon wieder eingeschnappt? Sie hat doch gerade erst ihren WutAnfall gehabt! Das Feuer ist der sichtbare Beweis dafür. Oder der in Kürze sichtbar werdende Beweis.

Es dauert aber noch einige Minuten. In diesen Minuten wird der RauchGeruch stärker, und ein warmer Wind scheint uns aus der Tiefe vor der StauMauer entgegenzuwehen. Der Geruch schwelenden Holzes zieht durch die Höhle, als ob wir uns einem riesigen Ofen befänden, der gerade angeheizt wird.

Dann hören wir ein fernes, gedämpftes Knistern und Knacken, darüber ein Rauschen. Vor uns, in Dunklen, gibt der WendelTreppenTurm die Geräusche von arbeitendem Holz von sich: Es knackt und knirscht. Wahrscheinlich bewegt sich die MittelSäule der WendelTreppe. Balken bewegen sich gegeneinander, die das vielleicht schon seit JahrHunderten nicht mehr getan haben. Und immer noch steht dieser WendelTreppenTurm, als ob diese vergangenen JahrHunderte eine Garantie für weitere JahrHunderte wären. Jemand mit einem pan-animistischen WeltBild würde dem Turm jetzt Angst unterstellen.

Dann entwickelt sich in wenigen Sekunden ein schwacher roter Schein am Fuße des Turmes. Nach einigen weiteren Sekunden sehen wir die ersten Flammen, und dann ist auch schon die ganze Höhle schnell von ihrem Licht und ihrer Hitze erfüllt. Von einem AugenBlick zum anderen steht der WendelTreppenTurm in einem brausenden, rotgelbem FeuerMeer, das ihn von unten her auffrißt. Im Schacht wäre jetzt kein ÜberLeben mehr möglich. Hätten wir uns mehr Zeit gelassen, dann wären jetzt meine Visionen von vorhin Wirklichkeit geworden. Aber wir leben noch. Die Kunst des ÜberLebens, Kapitel WegLaufen, Abschnitt Rechtzeitig.

Ich sehe Charmion von der Seite an. Denkt sie daran, daß das die Fackel war, die sie mir im JähZorn aus der Hand geschlagen hat? Aber sie läßt sich nichts anmerken. Unbeweglich starrt sie ins Feuer, und auch, als der WendelTreppenTurm in einer Kaskade von sprühenden Funken mit Getöse zusammenbricht, zuckt sie mit keiner Miene. Polternd fällt der Steg in die Tiefe. Zeitweise ist die Hitze hier auf der MauerKrone unangenehm groß.

Das SchachtLoch stößt noch mehrfach FeuerFontänen aus, die große Mengen von Asche und brennenden HolzResten mit sich führen. Aber es fällt auch viel in das SchachtLoch zurück. Vielleicht gewinnen schwere Aschen, die den Schacht auf Hunderte von Metern erfüllen, die Oberhand über die aufsteigende Heißluft, wenn sie jetzt beginnen, in die Tiefe zu stürzen. Egal wie, dieser Schacht ist als Weg raus oder rein versperrt.

Hoffentlich ist das nicht der einzig mögliche Weg gewesen.

Nach einigen Minuten mit Eruptionen wechselnder Stärke sinkt das Feuer immer mehr in sich zusammen. Wir können daran gehen, uns um das nächstliegende zu kümmern: wie geht es weiter? Ich sehe auf der Uhr, daß es erst kurz nach 9 Uhr ist.


        22.14   Charmions Furcht


Wir zünden eine neue Fackel für mich an. Das dauert eine Minute, bis sie ordentlich brennt. Die ganze Zeit sieht Charmion die Fackeln an, um den Kontakt der Köpfe sicherzustellen - so, als ob sie diese RoutineAngelegenheit zum ersten Male macht. Mich sieht sie dabei nicht an. Interessant. Das leibhaftige schlechte Gewissen. Na warte, denke ich mir, dich lasse ich schmoren. So schnell bekommst du keine Absolution!

"Wie geht's jetzt weiter?" frage ich, etwas ungeduldig. Mir fällt ein, daß bei einem Feuer dieser GrößenOrdnung viel Holz mit zuwenig SauerStoff verbrannt sein muß, als in den späteren Phasen des Feuers schon WendelTreppenteile einstürzten und den DurchZug blockierten. Zuwenig SauerStoff heißt KohlenMonoxid. Ich weiß nicht, ob das Volumen der uns umgebenden Höhle groß genug ist, um eine gefährliche KohlenmonoxidKonzentration zu verhindern. Es riecht zwar nach Rauch, aber man kann noch gut atmen. Als ob der Rauch irgendwo abgesogen würde. Also nehme ich an, daß das Volumen dieser Höhle wirklich sehr groß ist.

"Einfach über den See rüber. Genauer hat man es mir auch nicht erzählt. Es sollen mal RaubSaurier im Wasser gewesen sein, um die Überquerung gefährlich zu machen, aber die konnten hier, in der Dunkelheit, nicht richtig leben. Das Füttern war zu aufwendig. Deshalb hat man es wieder gelassen, schon vor langer Zeit."

"Sicher?" frage ich.

"Sicher." Sie hält ihre Fackel hoch und leuchtet die MauerKrone ab und auf den See hinaus. Die MauerKrone schließt rechts und links direkt an die FelsWand an, die Öffnung zwischen dem See und dem Raum, in dem der WendelTreppenTurm gestanden hatte, hat die Form eines großen, geschwungenen Bogens über der MauerKrone. Die höchste Stelle dieses Bogens ist vielleicht acht Meter über uns.

"Ist dies vielleicht das WasserReservoir, aus dem dieser schräge Spalt, durch den wir geklettert sind, der mit der FührungsRille und den Schwertern, gefüllt werden kann?" frage ich.

"Weiß ich nicht." knurrt Charmion. Das hat sie auch nicht gerne: Dinge gefragt zu werden, die sie nicht weiß. Ist jedesmal eine kleine Niederlage. Niederlagen mag sie nicht. Da würde sie sich in einer IndustrieGesellschaft ganz gewaltig umstellen müssen.

Was sind das überhaupt für Überlegungen, denke ich mir. Charmion in unserer Welt da oben? Wie sollte sie denn dahin kommen? Wieso sollte sie das überhaupt wollen? In erster Linie wollen ich und Irene die Welt der GranitBeißer wieder verlassen. Ob wir da jemanden zum MitGehen bewegen wollen steht überhaupt nicht zur Debatte.

Ich lenke meine Aufmerksamkeit wieder auf den See. Die Höhle weitet sich über ihm aus, sowohl in der Höhe als auch in der Breite. Die Stelle, wo die Mauer gebaut worden ist, ist nur ein vergleichsweise schmaler Abschluß. Das sah man dem PilzBerg von außen überhaupt nicht an, was für interessante HöhlenSysteme er enthält!

"Es sollen Steine sein, auf die man treten kann!" erklärt Charmion, die beide Enden der Mauer absucht, "Aber ich kann nichts finden."

"Soll der weitere Weg denn am Ufer lang gehen, an der FelsWand entlang?" frage ich.

"Weiß ich nicht." antwortet sie gereizt.

"Ich frage nur, weil hier etwas ist!" Ich zeige in das Wasser direkt vor mir. Direkt vor der MauerMitte ist etwas im Wasser, aber es ist schwer zu sehen, weil das SpiegelBild der Fackel blendet, wenn man sie über das Wasser hält. Charmion kommt näher.

"Das muß es sein. Es sind TretSteine unter der WasserOberfläche, auf denen man entlanggehen kann."

"TretSteine? Das müssen ja Säulen vom Grunde des Sees sein! Oder ist der See so flach? Das kann doch nicht sein, so hoch wie die Mauer ist!"

"Weiß ich nicht!" schnaubt sie mich an. Dann ist sie sofort wieder still. Dreht sie mir durch? Aber warum denn? Sie ist doch mit dieser Welt vertraut, nicht ich. Und im Moment befinden wir uns ja nicht einmal in LebensGefahr.

Dann fällt mir ein, daß die Dunkelheit für sie vielleicht eine größere Belastung sein könnte als für mich - die GranitBeißer sind immerwährendes, wenn auch trübes TagesLicht gewöhnt. - Andererseits ist sie durch andere, nachtdunkle Stollen schon sehr zielsicher gestiegen. Wo ist der Unterschied? War, am Anfang dieser Excursion, die Welt für sie noch in Ordnung? Ich überlege mir, ob ich sie direkt fragen sollte, entscheide mich dann aber dagegen.

"Soll ich zuerst gehen?" schlage ich vor, "Es ist ja nicht gefährlich. Wir können schwimmen. Nur die Fackeln gehen aus, wenn wir ins Wasser fallen. Das sollten wir vielleicht vermeiden, daß uns beiden das zugleich passiert."

Charmion sieht mir ins Gesicht:

"Herwig, ich habe Angst!"

"Wovor denn?"

"Vor Chmerm!"

"Aber die ist doch tot!"

"Hast du sie springen sehen?"

"Nein. Glaubst du, sie hatte sich versteckt?"

Sie schüttelt den Kopf. Sie sieht sehr beunruhigt aus, fast fiebrig. Ist sie krank? Nebenbei, wie hoch steigt die KörperTemperatur bei einem GranitBeißer, der krank ist? Ob die überhaupt Fieber kriegen? Ich weiß die alltäglichsten Dinge nicht, trotz des umfassenden SprachUnterrichtes.

"Angenommen, sie ist nicht gesprungen," fahre ich fort, "dann muß sie den PilzBerg wieder verlassen, wenn sie nicht verhungern will. Wie soll sie das denn machen? Mit einer Hand? Auch, wenn sie den anderen Weg nimmt und die Ritze vermeidet - die KletterSteige, wie will sie die schaffen? Und hinter uns her ist sie auch nicht. Dann ist sie entweder in das Feuer geraten oder sie ist gar nicht erst da durchgekommen. Das ist jetzt ein langer Schacht voller glühender Asche. Und wir haben sie nicht herauskommen sehen, bevor das Feuer sichtbar wurde! Wir sind allein, glaub mir!"

"Wenn es nicht noch einen anderen Weg gibt."

"Dann ist es aber nicht sehr schön, daß man ihn uns nicht verraten hat. Und warum sollte gerade sie einen anderen Weg finden, behindert, wie sie ist?"

"Aber vielleicht kommt sie hinter uns her, weil sie tot ist!"

Ach du liebe Zeit. Das sieht nach metaphysischen Vorstellungen aus. Das erste Mal, daß ich bei den GranitBeißern etwas über solche Dinge höre.

"Glaubst du, daß jemand, der tot ist, noch herumläuft?"

Sie sieht mich nur an.

"Was glaubst du denn, was mit den Toten geschieht?" bohre ich nach.

"Eigentlich" sagt sie, "sollten sie verfaulen, wenn man sie nicht aufißt. Aber Sterben ist so wie weggehen. Die Körper sind noch da, aber es ist nicht mehr dasselbe. Es ist so, als ob die Toten irgendwohin gegangen sind."

Ich nehme sie in die Arme und sehe ihr in die Augen.

"Viele Menschen bei uns denken das auch. Sie wollen nicht akzeptieren, daß es ein absolutes Ende gibt. Es beleidigt ihren Stolz. Da läuft jemand ein ganzes Leben lang herum, handelt und spricht und verändert etwas an der Welt, und dann liegt er plötzlich nur noch da und verfault, und das ganze Gerede von der Überlegenheit des Menschen, von der Krone der Schöpfung ist nur noch stinkendes Fleisch wert. Die meisten Menschen können sich dieser Wahrheit nicht stellen. - Aber ich dachte, bei euch ist das anders! Ihr seid doch im Leben dem Tode viel näher - fast könnte man sagen, ihr seid die Gegenwart des Todes gewöhnt!"

Sie weiß nichts darauf zu sagen. Sie klammert sich an mich, und ich spüre, daß sie zittert. Was soll ich dummer VerstandesMensch denn da für Trost geben, wenn ich mich nicht einmal so in sie hineinversetzen kann, daß ich verstehen könnte, was sie bedrückt, und warum gerade jetzt?

"Man ist nur eine Zeitlang auf der Welt, und vorher und nachher sind unendliche ZeitRäume, in denen man noch nicht ist und nicht mehr ist. Die Welt findet ohne uns statt. Auch das wollen viele nicht wahrhaben. Sie glauben, das wäre eine Beleidigung dessen, was den Menschen zum Menschen macht. Die Beschränktheit in Zeit und Raum, die völlige Machtlosigkeit, bei all der Macht, die wir sonst haben. Als ob die Welt unser Dasein und Dabeisein nötig hätte!"

Sie versteht mich nicht. Ich rede irgendwie an ihr vorbei. Aber wie?

"Aber sie denken falsch. Hast du mir nicht selbst gesagt, wie natürlich der KreisLauf des Menschen und seines Körpers ist? Wir sind doch aus dem Stoff, aus dem all die andere belebte Natur gemacht ist! Wenn wir unseren Körper aufgeben, dann geben wir unsere BauSteine zurück. Zurück an den Rest der Welt, damit andere leben können: Saurier, Bäume, Tang, Schlangen, Menschen. Jeder hat seine Chance, ein Teil der Welt zu sein. Für eine gewisse Zeit."

Sie sieht sich um, nach hinten über den See, an mir vorbei nach unten, in die jetzt dunkle Höhle, wo der WendelTreppenTurm stand, als ob von dort Gefahr drohe.

"Und wir haben nur eine gewisse Zeit, so, wie wir auch nur einen gewissen Raum ausfüllen. Wir müssen uns damit abfinden. Die eine, unumstößliche Wahrheit im Leben. Wir sind hier und nicht dort, wir sind jetzt und nicht zu anderer Zeit, wir waren nicht, und wir werden nicht sein. Wenn wir mehr als das wollen, dann kann man nur hoffen, daß die, die nach uns kommen, etwas mehr erreichen - was immer es auch ist, das man erreichen kann. Vielleicht können wir ihnen eine bessere StartChance geben. Aber für uns fällt irgendwann der Vorhang, und dann haben wir unsere Rolle ausgespielt. Dann kommt nichts mehr. Kein RumGehen in der Welt, kein NachDenken, kein Erinnern, keine Gedanken, kein Abwägen, was war gut und was war schlecht, kein Bedauern, kein Stolz, keine Trauer, keine Freude. Es ist wirklich Schluß. So, wie es für Chmerm jetzt schon der Fall ist. Sie denkt nicht mehr an ihren Tod. Sie spürt nichts mehr. Sie bedauert nichts mehr. Sie haßt dich nicht mehr, wenn sie das jemals im Leben getan hat. Sie wird dich nicht - heimsuchen. Das grosse Vergessen vergibt alles, und die Zeit deckt alles zu. Sei froh, daß es so ist. Es wäre sonst noch zu viel von dem Schlechten, was Menschen getan haben, in der Welt, zuviel unbeglichene Rechnungen und GegenRechnungen."

Sie hat mir sprachlos zugehört. "Du kannst so seltsam schön reden," sagt sie jetzt, "das ist merkwürdig. Unsere Sprache kannst du immer noch nicht so richtig, aber du sagst Dinge, die ich nicht verstehe. Oder du redest über dieselben Dinge, aber du siehst sie ganz anders!"

"Vielleicht verstehe ich auch nicht alle Dinge!" sage ich ihr, "Das habe ich nie behauptet. Und ich behaupte auch nicht, daß meine Art, die Dinge zu sehen, die einzig richtige ist. Es ist nicht so, daß es falsch ist, Menschen zu essen, bloß weil sich in mir alles dagegen sträubt. Es ist nicht so, daß es unbedingt falsch sein muß, wenn in eurer Welt die Männer rechtlose Geschöpfe sind, obwohl ich leidenschaftlich dagegen kämpfen sollte. Vielleicht ist das alles für euch richtig. Ihr habt auf die Frage des Lebens und des Überlebens eine andere Antwort gefunden, die sich mit unseren Antworten nicht verträgt. So wenig verträgt, daß ich glaube, daß meine Leute und deine Leute besser niemals aufeinander treffen sollten. - Vielleicht wäre ich selbst besser nie hier herunter gekommen, zu euch."

Sie schüttelt unmerklich den Kopf.

"Weißt du, für mich ist das Leben ein ungeheures Rätsel." fahre ich fort, "Da sind wir in der Welt, und durch einen Zufall in der Entwicklung des Menschen haben wir genug Gehirn im Kopf, um zu begreifen, daß da eine gigantische Frage hinter allem ist. Die Frage nach dem Sinn, den Woher und dem Wohin und dem Warum, und warum so und nicht anders. Wir haben genug Hirn, um diese Frage zu ahnen, aber wir haben nicht genug Gehirn, um die Antwort zu finden. Ich finde, daß das eine Zumutung ist, aber es ist so. Niemand gibt uns eine Antwort. Man läßt uns völlig allein in dieser Welt. Wie Kinder, denen man vergessen hat, zu sagen, was wichtig und was richtig ist, und wo der Weg ist, und wie das Ziel heißt. Und deshalb sollten wir auch von selbst und aus uns selbst heraus erwachsen sein und nicht die Dinge wollen, die wir nicht und niemals bekommen können. Die eine, alles umfassende Antwort. Solange wir leben, bekommen wir sie nicht. Was dann kommt, das habe ich dir eben gesagt, was ich darüber glaube. Manche glauben, nach dem Tode erhielte man diese Antwort. Ich glaube das nicht. Es wird diese Antwort nicht geben. Für dich nicht und für mich nicht."

Sie legt den Kopf an meine Schulter, und es ist an mir, beide Fackeln so von uns weg zu halten, daß wir uns nicht brennen.

"Und weil ich das nicht glaube, ist für mich das Leben ungeheuer wertvoll. Es gibt nichts anderes. Mein Leben, das Leben meiner Frau, dein Leben. Auch Chmerms Leben, und das von Chechmirch und Chrwerjat. Aber es stand nicht in unserer Macht. 'Der Herr über Tod und Leben hat es genommen wie er es gegeben.'"

"Welcher Herr?" fragt sie.

"Vergiß es. Diesen Herren über Tod und Leben, das ist eine der Antworten, die meine Leute da oben sich ausgedacht haben. Aber die Antwort ist voreilig. Nimm es als ein Bild. - Wir sind noch auf dem Weg. Wie können wir behaupten, das Ziel zu kennen, wenn wir nicht einmal wissen, ob es ein Ziel gibt? - Es gibt keine Herren über Tod und Leben. Sei lieber froh, daß du lebst, und versuche, am Leben zu bleiben. Darüber hinaus kann man sich manchmal den Luxus leisten, auch anderen LebeWesen das Leben zu retten oder zu erleichtern. Wenn die Umstände es zulassen. Aber erst dann. - Und aus diesem Grunde hätte ich es lieber, wenn Chrwerjat, Chechmirch und Chmerm noch am Leben wären."

Eine Weile sagen wir gar nichts. Dann:

"Hast du noch Angst?" frage ich.

"Ich weiß nicht," sagt sie. "Es ist so seltsam mit dir. Es ist überhaupt alles so seltsam. Früher, als meine Mutter noch lebte, da war alles so sicher. Ich war geborgen, und ich wollte stark werden, damit ich Geborgenheit zurückgeben konnte. Ich lernte, mit Waffen umzugehen, und wie man die großen Saurier bezwingt. Ich lernte, schneller und gewandter als alle anderen zu sein. Ich lernte auch Technik und BauKunst. Aber dann ist meine Mutter bei einem WettKampf umgekommen, und ich war plötzlich allein. Und seitdem ist alles so in Bewegung. Nichts ist sicher. Sicher, ich bin stärker und klüger als die meisten, aber das kann mir nicht immer helfen. Das Leben nimmt immer neue, unerwartete Wendungen! Und es braucht doch nicht viel, daß alles zu Ende ist. Ein kurzes Stück Eisen zwischen die Rippen, ein ausbrechendes Stück Fels in einem SteilHang. Es ist alles so unsicher!"

"Aber das geht doch nicht nur dir so!" sage ich, während ich ihr über das verklebte Haar streiche, "Das ist bei uns genauso. Jeder Mensch, der heranwächst, erlebt das. Die Welt ist nicht nach unseren Wünschen gestaltet. Nicht einmal über unsere Wünsche haben wir Macht. Nicht einmal über uns selbst. Ein Dichter hat einmal gesagt, wir werden getrieben vom Strom des Lebens, das Leben ist in uns und es brennt in uns, es will heraus, es gibt keinem Rechenschaft, warum es ist und warum es will. Wir haben keine Macht. Nicht die Macht, um zu erzwingen, am Leben zu bleiben, und nicht die Macht, zu entscheiden, ob wir am Leben bleiben wollen oder nicht. - Wir haben nicht einmal die Macht, zu entscheiden, wen wir lieben wollen oder nicht, und wann die Liebe beginnt und wann sie aufhört."

Sie nickt, als ob sie mir folgen kann und zustimmt.

"Du bist nicht allein, Charmion! Unzählige vor dir haben das gefühlt. Legionen. Niemand, der denken und empfinden kann, trägt die Last des Lebens leicht. Da mußt du durch. Erst, wenn du weißt, was in deiner Macht liegt und was nicht, und was besser nie in deiner Macht liegen sollte, erst, wenn du das weißt, dann bist du innerlich so stark wie du es jetzt schon körperlich bist. Dann bist du sogar so stark, daß du im Alter gefaßt deinen verfallenden Kräften zusehen können wirst."

Ich gebe ihr einen Kuß auf die Stirn:

"Aber das ist für dich noch lange hin! Du bist noch jung und schön! - Gehen wir jetzt weiter?"

"Ja!" sagt sie. Auf das Kompliment reagiert sie, als ob ich es nicht gesagt hätte. Unweiblich, nach unseren Begriffen - es ist für sie nicht wichtig, ob jemand sie 'schön' findet und das auch sagt. Sie drückt mich fest: "Spielen wir nachher noch einmal miteinander? Ich meine, wenn wir oben sind?"

"Sicher!" sage ich. Was für ein FortSchritt: sie fragt und holt sich nicht einfach, was sie will. Und wie KnetGummi in ihren Händen will ich, was sie auch will. Schweig stille, mein Gewissen.

Manchmal, wenn man sehr persönliche Überlegungen anderen erläutert hat, dann hat man eine Art KatzenJammer. Da sind Gedanken unfertig und irgendwie doch nicht richtig und deshalb verdreht ausgedrückt worden, und darunter ist vielleicht auch einiges, was man besser nicht hätte sagen sollen. Diesmal empfinde ich das nicht so, aber vielleicht liegt das auch daran, daß Charmion nicht alles verstanden haben kann - da kann ich von manchen Schnitzer einfach annehmen, er sein nicht angekommen.

Wir sehen uns das Wasser vor der MauerMitte genau an, die Fackel so haltend, daß ihr SpiegelBild im Wasser nicht alles überstrahlt.

"Es sind TretSteine, etwa einen Fuß im Quadrat groß und einen Fuß unter Wasser. Aber ich kann nicht erkennen, worauf sie liegen." stelle ich fest.

"Es macht Sinn," sagt Charmion, jetzt wieder ganz sachlich, "denn wenn es früher mal geplant war, durch gefährliche Tiere im Wasser den DurchMarsch zu hindern, dann ist es besonders einfach, wenn man fliehende Gefangene zwingt, durch das Wasser zu waten. Das Geräusch würde sie anlocken!"

"Und wie kommen die Leute durch, die dazu berechtigt waren?" frage ich. Charmion weiß es auch nicht.

"Jedenfalls sind jetzt ja keine Saurier mehr da." stelle ich fest, "Also ich zuerst."

"Nein," sagt Charmion, "ich zuerst. Du bist nicht schnell genug, wenn etwas Unerwartetes passiert."

Sie hat ja recht. Ich sehe zu, wie sie in das Wasser steigt und mit weitem Schritt den ersten TretStein erreicht. Dann tritt sie auf den zweiten.


        22.15   Das TentakelMonster


"Glitschig." sagt sie, und noch einen Vergleich, wie glitschig es ist. Ich verstehe ihn nicht, aber es muß ein obszöner anatomischer Vergleich gewesen sein. UmgangsSprache. Naja. Ich bin dran.

Das Wasser ist urinwarm, wie alles in dieser Welt. Wenn ich mir von dem FußBad irgendeine Art von Erfrischung versprochen habe, dann wird diese Erwartung spätestens jetzt enttäuscht.

Wenn man vorsichtig ist, dann ist diese Art der FortBewegung relativ ungefährlich. Man hält die Fackel weit seitlich, damit ihr SpiegelBild nicht gerade genau auf dem TretStein liegt, den man als nächstes betreten will. Die TretSteine haben alle horizontale OberFlächen. 30 mal 30 ZentiMeter sind genug Platz. Wir gehen etwa zwei Meter voneinander entfernt hintereinander. Das Wasser ist sehr klar - auch wenn man mit Wasser dieser Temperatur wieder eher ein trübes Medium verbindet, aber meine eigenen Erfahrungen gehen in der Welt der GranitBeißer ja dauernd daneben.

Da ich die Information, daß hier im Wasser keine Tiere mehr zu finden sind, für absolut zuverlässig halte - wie sollten LebeWesen sich hier halten, ohne Licht oder Fütterung? - habe ich in dieser Richtung am allerwenigsten Befürchtungen. Deshalb bin ich auch mehr überrascht als erschrocken, als sich nach etlichen Minuten - längst sind die FelsWände, die den See begrenzen, nicht mehr in der ReichWeite unserer Fackeln - plötzlich zwischen uns aus einer Lücke zwischen den TretSteinen eine saugnapfbewehrte Tentakel erhebt und nach Charmion greift.

Noch bevor Charmion berührt wird ist meine SchreckSekunde vorbei. Herwig, tu jetzt mal was richtiges! Diese Erkenntnis rollt wie eine nichtverbale Welle durch meinen ganzen Körper. Mein Schwert ist draußen als ob ich mein ganzes Leben nichts anderes getan hätte. Wie gut, denke ich, oder denke ich auch nicht, daß ich die Fackel gerade in der linken Hand halte!

Ein Sausen in der Luft, und ich habe das Ding abgetrennt. Der Stumpf zieht sich zurück, während Charmion sich überrascht umdreht. Gerade noch sieht sie die abgetrennte Tentakel ins Wasser plumpsen. Von meinem Schwert tropft eine bleiche, zähe, jedenfalls nicht rote Flüssigkeit.

"Es ist doch etwas da!" sage ich, "Vielleicht lockt sie das Licht an!" Dabei ziehe ich die Klinke zischend durch das Wasser, um sie zu säubern.

"So." sagt Charmion. Ohne sonderlich beunruhigt zu sein hat sie ihr Schwert im AugenBlick ebenfalls draußen. Aber es passiert zunächst nichts mehr.

"Ich verstehe nicht, wie hier etwas leben kann," sage ich, mehr zu mir selbst. Einen Zufluß halte ich für unwahrscheinlich - wir müssen uns noch tausend Meter unter der OberFläche von Casabones befinden. Vielleicht Abwässer, die genügend NährStoffe hinunterbringen, so daß manche LebeWesen sich hier noch halten können. Wir können das jetzt nicht herausfinden. Aber wir müssen auf der Hut sein.

"Achte auch auf das Wasser hinter dir!" sagt Charmion. Das braucht sie mir nicht zu sagen. Für mich ist die Situation etwas ungünstiger als für sie, weil ich sie beim Marschieren dauernd vor mir sehe, sie aber nicht mich. Ich muß schon selber dauernd hinter mich schauen. Habe ich endlich einmal die Gelegenheit, von uns beiden den gefährlicheren Teil der Aufgabe zu übernehmen!

Aber so gefährlich ist die Sache nicht. Jetzt, wo wir gewarnt sind, stellen wir fest, daß sich diese Tiere nicht sehr schnell bewegen. Noch einige Male in den nächsten Minuten taucht so ein SaugnapfArm auf, meistens zwischen uns, zweimal hinter mir, einmal vor Charmion. In allen Fällen schlagen wir das Ding ab. Ich sogar einige mehr als Charmion! Wie das Tier in seiner Gesamtheit aussieht bekommen wir nicht zu sehen.

Da wir sowieso schon im Wasser stehen, benutze ich schließlich die Gelegenheit, mich vollständig von Chmerms Blut zu säubern. Ein weitergehendes Bad täte uns beiden gut, aber dafür sollten wir ein anderes Gewässer abwarten.

Es ist 10:50 Uhr, als sich vor uns ein FelsenUfer aus der Dunkelheit herausschält. Außerdem sehe ich in den letzten Minuten gelegentlich bis zum Grund des klaren Wassers - wir haben einen weniger tiefen Teil des HöhlenSees erreicht, und die Angriffe der SaugnapfTentakeln hören völlig auf. Andere LebensFormen - Algen auf dem Grund, kleine WasserTiere - sind nicht zu sehen. Keine Ahnung, wovon die SaugnapfArm-Tiere leben.

Immerhin ist die Anlage leicht zu begreifen: Wer immer sich hier fortbewegt, ist auf einer langen Strecke gezwungen, im Wasser zu waten und mit den dabei entstehenden platschenden Geräuschen wirklich gefährliche Tiere anzulocken, wenn welche da sein sollten. Ich glaube nicht, daß die Anwesenheit der Tentakel-bewehrten Tiere jemals geplant gewesen ist. Zu langsam, um einem vorgewarnten Menschen ernsthaft gefährlich zu werden. Die sind sicher später hier eingewandert.

Die GesamtHöhle verengt sich so weit, daß wenigstens die FelsWände rechts und links wieder in den Bereich unserer Fackeln kommen. Der See wird jedoch noch schmaler als die Höhle und läßt auf beiden Seiten ein zunehmend breiteres Ufer frei. Wir steigen aus dem Wasser und können nun viel bequemer weitergehen.

Der Rest des Sees hat sich bald zu einer Rinne von knapp einem Meter Breite und ebensolcher Tiefe verdünnt. Es sieht wie ein tiefer Bach mit stehendem Wasser aus. Man kann bequem hinüber und herüber springen. Ich kann nicht erkennen, ob dieser Bach auf natürliche Weise durch Erosion entstanden ist - dann müßte er ja zu Zeiten fließen - oder ob er künstlich ausgehoben wurde.

Wir kommen rasch vorwärts. In einigen Stunden ist es Zeit zum Schlafen, und wir möchten, daß wir bis dahin vielleicht sogar das OberFort erreichen. Dann haben wir wenigstens die Besteigung des PilzBerges hinter uns.

Außerdem möchte ich mit Charmion schlafen. Es ist schlimm: Wenn der SexualInstinkt sich erst ein Ziel ausgesucht hat, dann haben alle anderen Erwägungen praktischer oder 'moralischer' Natur SendePause. Überhaupt ist es so, daß ich mich seit knapp drei Wochen wie in einem Traum oder einem AbenteuerRoman fühle - jedenfalls so, als ob ich ein ganz fremdes Leben lebe. Gerade jetzt, wo Irene weit weg ist, wo überhaupt das Einzige, was an die Zivilisation erinnert, nämlich meine digitale ArmbandUhr, bei flüchtigem Hinsehen auch noch für ein SchmuckRing gehalten werden könnte, wo ich mich selbst in jeder anderen Hinsicht äußerlich nicht mehr von einem Bewohner dieser Welt unterscheide, wo ich auf viele Aspekte meiner Existenz nicht mehr den geringsten Einfluß habe, wo hingegen mehr mein früheres Leben eine traumartigere Qualität gewinnt als mein jetziges, gerade jetzt fühle ich mich allen Prinzipien, die früher mein Leben bestimmt haben, weit entrückt.

Es ist nicht mehr notwendig, jeden Tag diszipliniert zur Arbeit zu gehen, um eventuell sehr nutzlose Dinge ineffizient zu erledigen, sondern es ist, in variablen ZeitAbständen, notwendig, sich effizient seiner Haut zu wehren. Es ist nicht mehr vollkommen nebelhaft, ob das, was man tut, richtig ist, eine Erfahrung, die wohl jeder in einem GroßKonzern gelegentlich macht, sondern es wird unmittelbar klar, ob man das momentane KlassenZiel erreicht: überleben oder nicht. Es gibt hier keine langfristigen Strategien, die den Rhythmus des Lebens in unserer Welt da oben bestimmen: Keine VermögensBildung. Kein weiterer KompetenzAufbau in den Dingen, die man in der Branche so braucht. Kein RumÄrgern mit der EinkommenssteuerErklärung, kein BeiseiteLegen von Belegen, keine VersicherungsPlanung, keine RentenBerechnung. Nein, was jetzt zählt ist die unmittelbare Bewährung.

Wie in dieser Welt eine langfristige LebensPlanung aussehen soll ist mir unklar. Die meisten GranitBeißer leben ja nicht lang - die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering. Also wird so etwas wie eine langfristige LebensPlanung für einen GranitBeißer oder eine GranitBeißerin ein sehr seltsames Konzept sein.

Das alles beeinfußt alle Werte. Wie sehr die AußenWelt das BewußtSein formt! Bin ich überhaupt noch ich, bei diesen Änderungen des Ich? Was ist der kleinste gemeinsame Nenner? Etwa der, daß ich Irene wieder treu sein werde, sowie es uns gelungen sein wird, in unsere Welt zurückzukehren? Daß aber jetzt der AusnahmeZustand herrscht? Ist mein Ich jetzt ein anderes?

Ich habe mal eine Definition des Ichs von Popper gelesen, die auf eine nachvollziehbare Kontinuität des Erlebens und eine dadurch bedingte Kontinuität des Ichs hinausläuft. Es ist so, daß sich in jedem Moment Erinnerungen aus dem BewußtSein in das Vergessen hinein abseilen, aber immer noch, je nachdem, wie lange sie zurückliegen, wieder hervorgerufen werden können. Diese Anbindung an die eigene Vergangenheit bewahrt das Ich vor dem Zerfall in zeitlich getrennte Stücke. Diese Stetigkeit der Änderungen aller Umstände, das MitSchleppen der Erinnerungen an die Umstände, die mal waren. Deshalb gibt es eine stetige Verbindung zwischen all den Ichs, die ich mal war, bin und je sein werde. Deshalb bin ich noch der, der ich auch vor einer Minute war, oder vor einer Stunde, oder der, der ich in einer Stunde sein werde. Nur langsam und kontinuierlich verändert Lernen und Vergessen das BewußtSein.

Aber nicht alles wird vergessen. Bestimmte KindheitsErinnerungen oder auch traumatische Erlebnisse bleiben und machen ein bestimmtes BewußtSein so unverwechselbar und unterscheidbar von allen anderen. Gewissermaßen die BergRiesen am BewußtseinsHorizont, die man von überall sieht, und die der Landschaft ihr unverwechselbares Gepräge geben, auch, wenn sie sich dauernd weiter entfernen.

Wir aber sind vor drei Wochen leichtsinnig in einen HöhlenSpalt hineingegangen, und von da an war alles anders. Von da an sind alle Verbindungen zur eigenen Vergangenheit gebrochen, und im Moment sogar die bloße Möglichkeit, wieder dorthin zu gelangen. Es ist wie das Einfliegen eines RaumSchiffes in ein Schwarzes Loch: Die lokale RaumzeitStruktur ist die ganze Zeit immer noch die vertraute, aber nachdem man den EreignisHorizont hinter sich gelassen hat ist der RückWeg für immer versperrt. Unser EreignisHorizont war irgendwo auf dem Abstieg in die Welt der GranitBeißer. Unser EreignisHorizont, der auch die Schwelle für ein neues Ich erzwang. Denn unser altes Ich ist nicht für diese Welt gemacht. Und die unverwechselbar persönlichen Erinnerungen 'passen plötzlich nicht mehr'.

Bin ich eigentlich, jetzt, mit meinem neuen Ich, eifersüchtig, wenn ich mir jetzt vorstelle, daß auch Irene jetzt einen anderen SexualPartner hat? Ich glaube nicht. Ich darf es auch nicht, der Symmetrie wegen. Und ich darf es nicht, weil sie vielleicht auf diesem Wege ihre ÜberlebensChancen erhöht. Ja, so geht das Argument: ÜberlebensChancen erhöhen. Wir müssen uns gegenseitig GeneralAmnestie geben, solange wir hier unten sind. Solange wir jemand anders sind. Dann, wenn wir wieder oben sind, werden wir wieder die alten. Hoffentlich.

Jetzt aber möchte ich Charmion. Am liebsten gleich - etwas in mir ist auf den Geschmack gekommen.

Die HöhlenWände weichen wieder von uns zurück. Der stillstehende Bach geht quer durch diese HöhlenErweiterung hindurch. Er macht eine Biegung, um die Mitte dieses Raumes zu vermeiden. Dann verschwindet er in einem niedrigen Loch in der hinteren HöhlenWand. Rechts daneben ist das Loch eines dunklen Tunnels, der in die Richtung weiterführt, die wir bisher schon gegangen sind.

In der Mitte des Raumes ist eine drei Meter durchmessende Grube, die sich aber mit Wasser gefüllt hat, das genauso hoch steht wie der Bach außen. Wie tief diese Grube ist kann ich nicht erkennen.

Mitten in dieser Grube stehen zwei HolzBalken, dicht nebeneinander, in einem Abstand von vielleicht dreißig ZentiMeter. Ihre QuerSchnitte sind etwa 4 mal 10 ZentiMeter. Nach oben verschwinden diese HolzBalken aus dem LichtBereich unserer Fackeln. Die HöhlenDecke ist, wie bisher auch schon, nicht zu sehen.

Dann fällt mir noch etwas auf. Ich habe es nicht gleich gesehen, weil wir erst um die beiden Balken herumgehen: alle vier Meter gibt es ein keilförmiges Stück Holz, das an dem Balken befestigt ist.

"Ich weiß nicht, wie es weitergeht, ich weiß nur, daß es weitergeht." gibt Charmion zu, "Entweder wir folgen dem Bach noch weiter, oder wir müssen hier nach oben. Ich weiß nur nicht, wie."

Die HolzBalken erinnern mich an etwas. Ein uralter AngstTraum aus meiner Kindheit:

"Es ist eine FahrKunst!" rufe ich aus.

"Eine was?"

"Eine FahrKunst!" Aufgeregt erkläre ich Charmion, was das ist.


        22.16   FahrKunst!


Wahrscheinlich ist die Einrichtung einer FahrKunst in der Welt der GranitBeißer nicht sehr verbreitet. Die meisten Menschen bei uns oben kennen diese einfache technische Vorrichtung auch nicht mehr. Um so überraschender ist es, daß wir hier so etwas vorfinden!

Man hat diese Einrichtung in früheren Zeiten im OberHarzer BergBau verwendet, um BergLeuten zu ermöglichen, schnell in die Tiefe der Schächte und wieder zurück nach oben zu gelangen. Das war lange bevor der FörderKorb in den BergBau eingeführt wurde.

Es geht so: Wasser treibt ein WasserRad an. Damals hatte man noch keine andere Quelle mechanischer Energie in der benötigten Menge. Dieses WasserRad treibt über eine PleuelstangenKonstruktion eine hölzerne Wippe an - wie überhaupt das KonstruktionsMaterial der ganzen Einrichtung im wesentlichen Holz ist. Die Größe dieser Wippe ist so berechnet, daß die Enden um etwa zwei Meter auf und ab wippen. Das geschieht in einem einige Sekunden langen Turnus, wenn das WasserRad beschickt wird.

Diese HolzWippe befindet sich über einem Schacht. An beiden Seiten der Wippe ist jeweils ein langes HolzGestänge aufgehängt. Diese oft einige hundert Meter langen HolzGestänge werden über Gelenke nahe zusammengeführt, bevor sie parallel und nahe beieinander in den Schacht hinunterhängen. Wenn die Wippe in Betrieb ist, werden diese HolzGestänge im GegenTakt auf und ab bewegt, mit einer Amplitude von drei bis vier Metern gegeneinander.

Der Rest der Konstruktion sind HolzTritte, die in regelmäßigen Abständen an dem HolzGestänge angebracht worden sind. Dabei sind die Positionen dieser Tritte so bemessen, daß sich jeweils Tritte an beiden Stangen gegenüberstehen, wenn diese bei ihrem Auf und Ab die ExtremPositionen erreicht haben.

Die Benutzung dieser FahrKunst ist ganz einfach: Man tritt auf einen Tritt an der Stange, die sich im nächsten Zug abwärts bewegen wird. Damit legt man drei bis vier Meter zurück, bis die betreffende Stange in ihrer unteren ExtremPosition ist. Dann tritt man flink auf den gegenüberliegenden Tritt an der anderen Stange hinüber. Der ist nämlich gerade in seiner oberen ExtremPosition. Mit dem fährt man in den nächsten Sekunden die nächsten drei bis vier Meter in die Tiefe. Dann wechselt man wieder zurück, und so weiter. Wenn man mit einer FahrKunst nach oben will, geht es genauso.

Natürlich ist es nicht ganz ungefährlich, und es sind auch seinerzeit viele BergLeute verunglückt. Einen Moment der Unachtsamkeit, und schon ist es passiert. Eigentlich ist es kein Wunder, daß die FahrKunst in der Welt der GranitBeißer auch erfunden wurde - bei der Immunität gegenüber allen Situationen, die unsereinem HöhenSchwindel in seiner puresten Form verursachen.

Ich erinnere mich, daß ich als kleiner Junge die FahrKunst in einem Clausthaler BergwerksMuseum das erste Mal gesehen und begriffen hatte. Der Angestellte des Museums, der das Gerät an einem Modell in natürlicher Größe erklärte, muß mich damals fürchterlich erschrocken haben, weil er andeutete, wir müßten das Ding auch benutzen. Wegen meiner geringen KörperGröße konnte ich damals nicht sehen, daß das Loch im Boden gar nicht der Eingang zu einem echten Schacht war. Deshalb war meine Angst echt, und noch lange Zeit danach erschien mir die FahrKunst als eine ganz schreckliche Einrichtung.

Natürlich habe ich bis heute noch nie eine wirkliche FahrKunst benutzt, noch damit gerechnet, dies je tun zu müssen. Aber jetzt hier, an diesem Ort, diese Konstruktion wieder vorzufinden ist eine angenehme Überraschung - die FahrKunst ist etwas Vertrautes aus der Welt da oben.

Charmion findet nichts Schreckliches daran, als ich ihr den Mechanismus erkläre. Sie kennt ihn noch nicht, aber sie ist ganz begeistert von dieser Methode.

"Eine tolle Sache," sagt sie, "hat sich das etwa auch ein Mann ausgedacht?"

Diplomatisch bleiben. "Vielleicht war es in eurer Welt eine Frau. Bei uns war es sicher ein Mann."

So weit so gut. Eine FahrKunst, die sich nicht bewegt, nützt uns nichts. Entweder, es gibt hier irgendwo eine Steuerung, um die FahrKunst in Betrieb zu nehmen, oder dies ist nicht der Weg hinauf. Wir suchen die Höhle weiter ab. Es kann der Weg hinauf sein, es muß nicht. Schließlich waren die Mittel, auf den GefängnisBerg zu gelangen, bis jetzt sehr heterogen: Tunnel, KletterSteige der verschiedensten Art, Hängender Weg, RillenPfad im Fels, Stollen, WendelTreppenSchacht, WendelTreppenTurm, Pfad im See. Jetzt ist es eben eine FahrKunst. Nun gut.

In diesem Moment hören wir aus dem Stollen, der demjenigen, aus dem wir gekommen sind, gegenüberliegt, ein fernes Geräusch: Ein Kratzen oder Schleifen über den Fels. Dann ist es wieder still. Ich brauche Charmion nicht anzusehen - sie hat es auch gehört. Ich habe gar nicht gesehen, wie sie das Schwert zog, so schnell ging es.

"Was war das?" flüstere ich.

"Weiß nicht."

Wir sind beide im Lichte unserer eigenen Fackeln aus diesem Stollen gut zu sehen, während dieser für uns nur ein schwarzes Loch ist. Schon in den ersten Metern sehen wir kaum noch etwas.

Immerhin fallen mir erst jetzt genau neben diesem Stollen eine Anzahl von MetallRingen auf, die dort in den Fels eingelassen worden sind. Durch diese MetallRinge gehen zwei Seile locker nach oben. Die Enden dieser beiden Seile liegen auf dem Boden, und beide haben die Farbe des Felsens angenommen. Deshalb sehen wir sie erst jetzt.

"Das könnte die Steuerung für die FahrKunst sein!" flüstere ich zu Charmion, "wahrscheinlich kann man mit einem der beiden Seile oben irgendwo ein Wehr öffnen und mit dem anderen schließen. Wenn es noch funktioniert."

Charmion ist über meine langen Erklärungen nicht sehr erbaut. Das Geräusch hat sich wiederholt. Vielleicht ist es ein bißchen nähergekommen.

"Du links, ich rechts!" flüstert sie, "Ist dein Schwert kaputt?"

Rüge begriffen. Ich ziehe auch mein Schwert. Dann gehen wir auf die dunkle Öffnung des Stollens zu, ich an die Seite, wo die SeilBefestigungen sind.

Die Vermutung, daß man durch Ziehen an den Seilen die FahrKunst in Betrieb nehmen könnte, löst sich genauso schnell in Luft auf wie die Seile selbst: Das erste zerkrümmelt mir in der Hand, gleichzeitig reißt es irgendwo über mir. Ich springe zur Seite, und neben mir schlagen die BruchStücke des Seils auf den Boden. Es hätte mich nicht ernsthaft verletzen können, aber es staubt und riecht widerlich muffig.

Das zweite Seil ist von derselben Qualität. Als ich es auf dieselbe Weise zerstört habe, knirscht es im Tunnel wieder. Das Geräusch ist definitiv nähergekommen. Außerdem höre ich ein Schmatzen oder Gurgeln, das die scheußlichsten Assoziationen erweckt.

"Wie bringen wir jetzt die FahrKunst in Betrieb?" frage ich.

"Später." flüstert Charmion, "Wir haben jetzt andere Sorgen." Sie stellt sich bereit, um zuzuschlagen. Todesmutig ist dieses Mädchen, das muß man ihr lassen. Sie hat nicht die mindeste Ahnung, was da auf uns zukommt, aber wie selbstverständlich stellt sie sich zum Kampf.

Ich überlege, ob wir vielleicht zum See zurücklaufen sollten. Aber das kann ich unter den Augen von Charmion natürlich nicht tun. Also reiß dich zusammen.

Um einen sicheren Stand zu haben, halte ich mich mit der linken Hand an einem der EisenRinge in der FelsWand fest und hebe eines meiner Schwerter zum Schlag. Die Fackel habe ich so wie auch Charmion solange auf den Boden gelegt.

Der EisenRing bewegt sich unmerklich.


        22.17   InbetriebNahme


Im AugenBlick begreife ich: Wo immer in der Welt der GranitBeißer Eisen in eine Wand geschlagen worden war, da saß es felsenfest. Wenn dieses sich bewegt, dann ist das Absicht. Ich drehe und ziehe mit allen Kräften an dem EisenRing, zuerst mit einer, und dann, nachdem ich das Schwert auf den Boden gelegt habe, mit beiden Händen.

"Was machst du denn da?" fragt Charmion empört.

"Hilf mir lieber!" sage ich, aber es ist nicht mehr nötig. Der EisenRing kommt mir entgegen. Er ist an einer langen Stange mit quadratischem Querschnitt, die sich um etwa sechzig Zentimeter herausziehen läßt, im Fels befestigt. Dann gibt es wieder einen deutlichen Widerstand.

Wieder das Geräusch. Beunruhigt versucht Charmion, mit ihrem Blick das Dunkel des TunnelLoches zu durchdringen, während ich mich an dem zweiten der vier größten Ringe zu schaffen mache. Ich habe den Verdacht, daß nur die vier größten Ringe diese Manipulation erlauben.

Es gelingt mir rasch, tatsächlich einen EisenStab nach dem Anderen herauszuziehen. Als ich den letzten in seine äußere ExtremPosition gebracht habe, rasselt es gedämpf hinter der FelsWand, Sekunden später poltert es über unseren Köpfen, ohne daß jedoch etwas herunterfällt. Dann rasselt es in der Höhe, und wenig später poltert es aus noch größerer Höhe herab. Das wiederholt sich noch einige Male, dann ist wieder Stille. Auch das, was da im Tunnel ist, ist vorübergehend ruhig geworden.

Dann glaube ich, ein fernes Rauschen zu hören, aber ich kann mich auch irren.

Nein, ich irre mich nicht. Von weitem ist das Knarren und Quietschen und Schleifen von Holz auf Holz zu hören.

"Nimm die Fackel!" rufe ich und deute auf die FahrKunst, "ich glaube, wir haben es in Betrieb gesetzt!"

Charmion sieht mich ungläubig an, aber sie folgt mir.

Am Rand der Grube, in der Mitte der Höhle, stellt sich heraus, daß es einen weiten Schritt braucht, die Stangen zu erreichen - über einen Meter. Eine SteigHilfe ist nicht vorgesegen. Außerdem ist an einer der Stangen der TretKeil in einem Meter Höhe über dem Wasser, bei der anderen sind es drei. Immer noch beschleicht mich die Besorgnis, daß meine Interpretation der Geräusche weit über uns falsch sein könnte, und daß die FahrKunst sich nicht die Spur bewegen wird.

Aber dann bilden sich kaum sichtbare kreisförmige Wellen um die Stelle, an der die Stangen die WasserOberfläche durchstoßen. Kurz danach zittern die senkrechten Balken schon deutlich wahrnehmbar.

Charmion sieht es auch. "Rein!" befiehlt sie. Die Fackel über dem Kopf haltend lasse ich mich vom Rand der Grube in das brühwarme Wasser gleiten. Es gelingt mir, mich ohne die Fackel zu ertränken an den Balken heranzuschieben. Charmion steckt auch ihr Schwert in die Scheide und macht es mir nach.

An dem Balken, an dem sich der nächste TretKeil in drei Metern Höhe über dem Wasser befindet, finde ich etwa einen Meter unter Wasser einen weiteren Tretkeil. Wie stabil der ist weiß ich allerdings nicht - wer weiß, wie lange das Wasser schon in dieser Grube steht.

Drüben, im TunnelLoch bewegt sich etwas, aber wir werden von unseren eigenen Fackeln zu sehr geblendet.

Als die Stangen anfangen, sich knirschend zu bewegen, sehe ich allerdings, daß ich auf das falsche Pferd gesetzt habe: Meine Stange sinkt, die andere hebt sich. Ich muß vorübergehend wohl wieder schwimmen. Charmion auch.

Zwei Meter über den WasserSpiegel bewegen sich zwei TretKeile aufeinander zu, werden wieder langsamer, kommen in gleicher Höhe nebeneinander etliche Sekunden zur Ruhe. Dann kommt der eine wieder herunter, und der, auf dem ich vorübergehend schon gestanden habe, läßt sich wieder mit meinen Füßen ertasten. Ich stelle mich drauf, und langsam hebt er mich, bis ich mit meinen Füßen so gerade eben die WasserOberfläche durchstoße. Zu gleicher Zeit ist an der anderen Stange der TretKeil, der etwa einen Meter über der WasserOberfläche war, ebenfalls bis zur WasserOberfläche heruntergekommen, und ich kann hinübersteigen. Es geht ganz leicht.

Charmion schwimmt noch im Wasser. Sie steigt im nächsten Takt auf. Ich bin nun etwa vier Meter über ihr.

"Was habe ich gesagt!" rufe ich herunter, voller Euphorie, letztere besonders auch, weil wir das Viech, oder was immer da im Tunnel hockt, nun hinter uns lassen.

Eine Hand zum Festhalten, eine Hand für die Fackel. Es sollte vollkommen sicher sein - nach hiesigen MaßStäben. Wenn alle TretKeile sauber befestigt sind. - Wie alt diese HolzKonstruktionen wohl sind? Aus der Nähe sieht das Holz der FahrkunstStangen sehr alt, trocken und mürbe aus.

Die HolzStangen bewegen sich träge auf und ab. Zumindestens auf einer kurzen Treppe kann man wesentlich schneller aus eigener Kraft hinauflaufen. Aber sie bringen uns sicher in die Höhe, und als nach wenigen Takten der FahrKunst das Licht unserer Fackeln den Boden der Höhle nicht mehr erreicht, fühle ich mich schon übermütig sicher.

"Was es wohl war? Du kennst doch die Tiere hier! Oder waren es Menschen?" rufe ich hinunter.

"Ich weiß es nicht. Ich habe es nicht genau gesehen." antwortet Charmion. Aus dem UnterTon in ihrer Stimme bemerke ich, daß sie ihre Freude an dieser technischen Einrichtung hat. So ähnlich hat sie - und auch Chrwerjat - reagiert, als ich ihnen das Prinzip des SegelKiels erklärt habe. Diese Menschen haben noch viele Begabungen. Ob ihre Welt humaner werden würde, wenn man ihnen einige technische Dinge verriete?

Weit unten, vielleicht jetzt schon dreißig Meter unter uns oder mehr - ich habe schon wieder die Anzahl der Takte der FahrKunst nicht mitgezählt - scharrt etwas Schweres über den Boden der Höhle, dann platscht es in der WasserGrube am Fuße der FahrKunst. Ein harter Schlag läßt die Balken erzittern.

"Es kommt uns nach." stellt Charmion fest.

"Dann kriegen wir ja doch noch raus, wie es aussieht." sage ich, aber Charmion antwortet nicht darauf. Ich mache mir Gedanken darüber, wieviel Hände man braucht, um sich festzuhalten, eine Fackel zu halten und ein Schwert zu führen. Da sehe ich ein unlösbares Problem auf uns zukommen.

Das unlösbare Problem scheint tatsächlich hinter uns herzuklettern. Allerdings scheint es damit Schwierigkeiten zu haben - plötzlich hören wir einen unmenschlichen, tiefen, guturalen Schrei. Ein SchmerzSchrei. Wieder schwanken die Balken seitlich in vom Konstrukteur nicht vorgesehener Weise.

Wahrscheinlich kommt es mit der FahrKunst nicht klar und hat sich zwischen den sich auf- und abbewegenden Balken und TretKeilen eingeklemmt. Dann muß es wenigstens so groß sein wie ein Mensch. Wahrscheinlich größer, denn es bringt die ganze Konstruktion noch öfter heftig zum Schwanken.

"Es bleibt zurück." stelle ich fest. Rhythmisch und präzise wechseln wir die Balken. Hoffentlich wird die FahrKunst nicht nach einer gewissen Zeit abgestellt. Zum Klettern eignen sich diese Balken nicht. Und inzwischen dürften wir weit über hundert Meter Luft unter uns haben. Sehen tun wir das nicht. Gerade eben sichtbar ziehen FelsWände im Schein unserer Fackeln vorbei. Das ist auch alles.

Nach einigen weiteren Versuchen des für uns noch immer unsichtbaren Wesens unter uns, die Erschütterungen verursachen, die mich an einen RiesenAffen denken lassen - eine Art King-Kong - passiert ihm wohl ein Malheur. Plötzlich ist es völlig still. Sekunden vergehen. Ein Knurren, daß vielleicht Verwunderung ausdrücken könnte, aus weiter Entfernung unter uns. Dann ein dumpfer AufSchlag, gefolgt von schwachen, klatschenden Geräuschen. Kein Schrei. Das gedämpfte Echo verläuft sich. Es ist wieder Stille.

"Abgestürzt." sagt Charmion. Erleichterung in ihrer Stimme - da sie unter mir ist, wäre sie zuerst mit dem Viech konfrontiert worden.

Über uns kommt etwas näher, was rauscht und knarrt. Wahrscheinlich das obere Ende der FahrKunst. Der AntriebsMechanismus. Ewig lang kann sie ja nicht sein. Es dauert aber noch etwas, und als endlich ein in diesen senkrechten NaturSchacht eingebaute schwere HolzKonstruktion in Sicht kommt, stellen wir fest, daß es sich zwar um einen Antrieb und eine Aufhängung für die FahrKunst handelt, nicht aber um das Ende derselben.

Ohne das wir unseren SteigRhythmus ändern müssen, passieren wir einen DoppelBoden. Wir sehen eine Wippe, so, wie sie für eine FahrKunst benötigt wird, aber sie scheint nur einen Teil der BetriebsEnergie und der AufhängeStabilität beizusteuern. In einer NebenHöhle, so hört es sich jedenfalls an, arbeitet ein WasserRad. Aber bevor ich Einzelheiten der Konstruktion durchschauen kann, sind wir schon vorbei.

Das läßt auf eine ausgefeilte Anlage schließen. Offenbar habe ich durch die Ringe synchrone WasserRäder und Wippen ausgelöst. Das mit der hiesigen, rein mechanischen Technologie herzustellen erfordert schon einiges an ingenieurmäßigem ErfindungsReichtum. Sind das die GranitBeißer, die das gebaut haben und instandhalten? Oder ist es auch eine Hinterlassenschaft der Menschen aus den Toten Städten, über die wir nichts wissen?

"Bist du noch da?" frage ich überflüssigerweise. Es ist wirklich überflüssig. Wer sonst sollte da unter mir die Fackel halten? Charmion antwortet auch nicht.

Der HöhlenTeil, durch den uns die FahrKunst nun trägt, ist stellenweise eng und an einigen Stellen nachbearbeitet worden, um Platz für das Gestänge der FahrKunst zu schaffen. Manchmal ziehen die FelsWände in EllenbogenReichweite vorbei. Ich vermeide es aber, sie zu genau anzuschauen, weil wir uns konzentrieren müssen.

Nach ungefähr derselben Zeit, die wir gebraucht haben, um die erste Zwische