Ein Wintermärchen


Josella Simone Playton


Diesmal habe ich es gewagt. Die Schwimmaufsicht hat mich durchgewunken, und schon bin ich im Tunnel. Ich bin stolz: die Josella hat ihren inneren Schweinehund und Angsthasen überwunden. Sie wird jetzt auch einmal die Zugspitze herunter reiten! Ganz allein, ohne Hilfe.

Für einen Moment sehe ich nicht mehr die Felswände unter dem Glasboden des Schwimmbades, viele hundert Meter unter mir, nicht mehr das verschneite Garmisch und die weite Fernsicht. Ein Anblick, der viele ängstlichere Gemüter schon auf das Sturzflugschwimmerlebnis verzichten läßt, ja, manche sogar schon auf das einfache Bad im Zugspitzschwimmbad. Die Leitung der Gesellschaft, der Bayrischen Zugspitzbahnen AG, hat dann ein Einsehen: Man kann drunten in Garmisch die Flugschwimmarke wieder zurückgeben. Gegen den vollen Preis, versteht sich. Man ist kulant. Die Gäste sollen wiederkommen und es noch einmal versuchen.

Diesmal habe ich nicht gekniffen. Der dunkle Tunnelkanal, der das Schwimmbad verläßt, wird jetzt mit zusätzlichem heißen Wasser aufgefüllt. Im Winter erfolgt der Einlauf mit dreiunddreißig Grad, im Sommer ist es weniger. Ich passiere verschiedene Schranken, halte mich paddelnd und wassertretend über Wasser. Der Kanal selbst sorgt für mein Fortkommen - seine unwiderstehliche Strömung läßt mir auch keine andere Wahl. Irgendwo passen Rechner auf, daß die Fallstrecke nicht von mehreren Schwimmern gleichzeitig erreicht wird. Die Anlage ist völlig sicher. Es kann nichts passieren. Der größte Teil der Werbebroschüre hat ja erläutert, was alles nicht passieren kann.

Dicht über mir muß jetzt das Münchner Haus sein, oder die Bergstation der Eibseebahn. Der Kanal windet sich ein paarmal, ich verliere die Orientierung. Rechts und links von Kondenswasser triefend nasse Felswände. Alter Josef Naus, hättest du dir das träumen lassen, als du vor 200 Jahren das erste Mal diesen Berg bestiegen hast? Daß unter deinen Füßen dereinst fürwitzige Touristen sich anschicken, sich 1700 Meter in die Tiefe zu stürzen und dann dafür noch zu bezahlen? Daß, in dieser Umwelt von Eis, Schnee, blendenden UV-Licht und schneidender Kälte, in der Geborgenheit des gewachsenen Fels einst einfache Bürger sich in einer Sauna-Atmosphäre auf das Ereignis ihres Lebens zutreiben lassen?

Keine Zeit mehr für Philosophie. Dort vorne ist wieder das Sonnenlicht. Ein Rauschen kommt näher. Dann führt die drei Meter durchmessende Spezialglasröhre wieder waagerecht ins sonnige Freie. Die Schneefelder der benachbarten Berge blenden. Rechts erhasche ich einen kurzen Blick auf das Schwimmbad, das wie ein gewaltiger Glasbalkon die Spitze der Zugspitze nach Norden herüber zu ziehen scheint. Es sieht irgendwie ungleichgewichtig aus, aber das ist natürlich eine Täuschung: Einige hundert Tonnen Wasser können die Zugspitze nicht verbiegen. Es wird ernst, Josella, genieße deine letzten Millisekunden geruhsamen Treibens! Wenn es dich tröstet: in einer Minute ist schon alles vorbei.

Dann biegt meine Röhre bei den zischenden Luftansaugschlitzen nach unten ab und die Höllenabfahrt beginnt. Ich falle, und entsetzt werde ich mir bewußt, daß ich nichts, überhaupt nichts dagegen tun kann. Die Zeit der Entscheidung ist vorbei. Man kann sich nirgends festhalten. Könnte man es, dann würde man durch den Sturzbach zerrissen werden.

Einen Moment schlägt mir die eisige Außenluft wie ein Hammer ins Gesicht und in die Lungen. Dann vermischen sich Wasser und Luft. Wasser und Luft und Josella, alles ein Wirbel und ein Brausen und ein Fallen, und es hört nie wieder auf.

Ruhig atmen, hat es geheissen, oder garnicht atmen. Die Anlage ist so konstruiert, daß man sich nirgends verletzen kann, obwohl man sich schon nach kurzer Zeit mit der Geschwindigkeit eines startenden Jets nach unten bewegt. Ruhig atmen. Blöder Ratschlag. Erlebe ich denn den nächsten Atemzug noch? Draußen rasen die Felswände nach oben, ich falle mit dem gischtenden Wasserfall in die Tiefe. Ich muß wohl geschriehen haben. Niemand hört es. Niemand kann es hören, ich auch nicht. Wasser in Mund und Nase und Augen. Wasser überall, und weder Konzept noch Einfluß darauf, was man mit Armen und Beinen anfangen soll.

Ich kann nichts erkennen. Tausend Meter unter mir, oder jetzt noch achthundert Meter, ist das Mundloch des Tunnels der Zugspitzbahn, die Station Riffelriß. Aber wo ist unten?

Die Röhre biegt sich, schwingt sich in einen Looping. Momentan geht es wieder bergauf. Wasser, Wasserdampf, draußen fliegt ein Stück Kramerspitze vorbei, dann der Eibsee, dann die Sonne. Wieder geht es herunter, und immer schneller und schneller und schneller.

Dann legt sich die Röhre schief, und das Wasser formiert sich zu einem schießenden Wasserkanal. Dieses Wasser kann Eisenschienen verbiegen, wenn es auf ein Hindernis träfe. Wie kann man den menschlichen Körper solchen Gewalten aussetzen? Josella, wenn du hier rauskommst, dann machst du das nie wieder! Aber hier kommt man nicht raus. Niemand kommt hier raus. Es ist eine Falle, und sie lassen es sich bezahlen, harmlose Bürger in diesem Mahlstrom zu vernichten.

Ich gerate unter Wasser, schlucke einiges. Rechts und links huschen Schatten vorbei. Felsen. Mit dieser Geschwindigkeit würde ich an ihnen zu Muß zerklatschen. Welche Macht zwingt die Felsen, im letzten Moment immer noch auszuweichen und außerhalb der Fallröhre zu bleiben?

Dann geht es in den nächsten Looping, einen schrägen diesmal. Wieder vertauschen oben und unten ihre Rollen, und immer wieder. Der Looping wiederholt sich, krümmt sich enger, wird waagerecht (glaube ich), mündet in einen Wasserwirbel. Und wenn ihr mich totschlagt, ich weiß nicht, wo oben und unten ist. In der Mitte ein rotierendes Loch, wie in der Badewanne. Es zieht mich rein. Jeden würde es reinziehen.

Und dann bin ich in diesem senkrechten Wasserrohr, das durch die Fliehkraft gebildet und stabilisiert wird. Das sonnige Tal, die nahen Felsmauern der Zugspitze sausen rund herum, mehrmals in der Sekunde, ich sehe auf der Innenseite des rotierenden Wassertornados hastige Wellen hin- und herhuschen. In Richtung der Achse des Rohres aus rotierendem Wasser kann man auf den nackten Fels sehen - da ist kein Glas dazwischen. Die Fliehkraft hindert mich und das Wasser daran, dort hinauszufallen. Und wieder reißt es mich in eine Abzweigung herein, und die Zentrifuge ist vorbei.

Atmen, ruhig atmen. Ich habe mir doch schon vorher ausgerechnet, daß ich in weniger als einer Minute den steilen Teil der Anlage hinter mir lasse - stimmt die Rechnung? Solange kann man auf das Atmen verzichten. Warum es also versuchen. Draußen huschen Bäume vorbei. Schon? Dann muß ich schon lange am Riffelriß vorbei sein.

Mal bin ich über den Bäumen, dann wieder dicht am Waldboden. Der korkenzieherartige Dauerlooping läßt keine Orientierung aufkommen. Bäume stehen doch senkrecht - oder ist hier ein Windbruch? Ich kann es nicht unterscheiden. Es ist nur ein Wirrwarr von rotierenden Baumstämmen, dazwischen Schnee, Himmel, blitzende Sonne, alles durcheinander, und alles saust rundherum, und immer wieder.

Dann geht die Plasikröhre unter die Erde. Schwache künstliche Beleuchtung, Felswände fliegen hinter glattem Glas vorbei. Runter, rauf, runter, rauf, tief runter, rauf und Schwung - mit hohem, weitem Bogen geht es in eine riesige unterirdische Halle, in die mich die Röhre ausspuckt, ein Wasserauswurf wie der eines gewaltigen Wasserkraftwerkes. Irgendwie komme ich auf, tauche, versuche mich an die Oberfläche zu bewegen, wie ich es eigentlich immer mache, wenn ich ins Wasser springe. Ich bin richtig erleichtert, daß die Oberfläche tatsächlich da ist, wo ich sie vermute. Mit zu hastigen Stößen schwimme ich auf den Beckenrand zu, versuche, hoch im Wasser zu liegen, weil das Wasser recht wellig ist. Ich muß mich ausruhen. Gut, daß eine starke Strömung die Schwimmer rasch aus der Mitte treibt. Die Vision von dem nächsten Schwimmer, der mir in den Nacken springen könnte, ist mir wenig angenehm.

Station Zweibsee. Das heißt: Zweiter Eibsee. Die Bezeichnung ist so blöde, daß sie sich der Bevölkerung besser eingeprägt hat als der eigentliche Name, den die Baumeister diesem unterirdischen See hatten geben wollen und der doch in Vergessenheit geraten ist. Ich könnte hier aufhören. Aber jetzt kommt noch der geruhsame Teil, auf den ich nicht verzichten will. Nur erstmal ausruhen. Allmählich gesellt sich auch wieder Stolz zu der Erschöpfung und den vibrierenden Nerven: Josella, du hast es gewagt und zustande gebracht!

Am Beckenrand habe ich Gelegenheit, die Wurföffnung an der Hallendecke und den Gischt- und Wasserbogen genauer anzusehen. Alle zwanzig Sekunden fliegt ein Mensch mit heraus, so wie ich, vor wenigen Sekunden. Manche schreien, spucken, husten. Ich habe wohl keinen besseren Eindruck gemacht. Niemand kommt hier mit Eleganz an.

Es sind höchstens drei Menschen gleichzeitig auf der Strecke. Ich rechne nach: Eine Abfahrt kostet 250.-, das macht bei voller Nutzung der Kapazität 45000.- pro Stunde, oder rund eine drittel Million pro Tag. Im Sommer mehr, weil die Tage länger sind. Allerdings überlegt man auch schon, ob man die Anlage auch für die Stunden der Dunkelheit attraktiv machen kann. Die Bayrische Zugspitzbahnen AG muß sehen, wie sie diese teure Anlage unterhalten kann. Sie sind, habe ich gehört, nicht besonders glücklich mit den laufenden Kosten. Wehe, die Leute bleiben eines Tages weg, weil ihnen diese vierzig Sekunden Nervenkitzel das Geld nicht mehr wert ist!

Ich beobachte die anderen Personen, die sich an den Beckenrand klammern oder das Wasser verlassen. Manche sind noch verwirrt und müssen sich hinaushelfen lassen. Dauernd sind einige der Schwimmmeister im Wasser. Ich weiß, das die Gesellschaft auch einige Internisten beschäftigt, die ständig für Notfälle bereitstehen müssen. Wer offensichtlich gesundheitliche Probleme hat, der kann sowieso kein Abfahrtsticket erwerben. Der muß sich mit dem Gipfelschwimmbad zufrieden geben, oder mit dem Murnauer Kanal, den ich jetzt gleich noch beschwimmen werde.

Es gibt kaum jemanden, der dieses Erlebnis gleichgültig hinnimmt. Auch, wenn man es schon öfter gemacht hat, braucht man immer wieder einige Minuten, um sich an horizontale Wasserflächen und festen Boden zu gewöhnen. Bei vielen halten die Störungen stundenlang an. Auf der Rückseite des Tickets ist auf diese Gefahren deutlich hingewiesen. Aber so sind die Leute: je gefährlicher, desto lieber. Und die Gesellschaft schließt für jeden Schwimmer mit der Eintrittskarte umfassendste Versicherungen ab. Irgendwie kommen die 250.- ja zustande.

Es hat sogar schon geheißen, erinnere ich mich, daß das Sturzflugschwimmen eine ernstzunehmende Alternative bei der klinischen Behandlung der Depression sein könnte. Ein renomierter Psychiater hat das gesagt. Ich kann es mir vorstellen - man ist froh, wieder unter den Lebenden zu sein, und man ist stolz darauf.

Allmählich ticke ich wieder. Warum auch nicht. Es gibt keine wirklichen Gefahren. Es faseln immer wieder Leute davon, daß man sich bei dieser Mischung von heißem Wasser und der Außenluft, die im Winter auch schon mal dreißig Grad unter Null kalt sein kann, in Sekunden eine Lungenentzündung holen kann, oder wenigstens eine massive Erkältung. Es ist erstaunlich, daß sich 55 Jahre nach der ersten Mondlandung immer noch solche medizinisch unhaltbaren Märchen halten. Aber was soll man erwarten in einer Gesellschaft, in der sogar die Astrologie es verstanden hat, sich den Anstrich einer exakten Wissenschaft zu geben, bloß weil man den Hokus-Pokus heutzutage mit dem Computer betreibt? Für die meisten Menschen ist die Magie immer noch ununterscheidbar von der Naturwissenschaft.

Es gibt keine Gefahr. In den vierzig Sekunden kann ein Mensch nicht einmal ertrinken, wenn er es versucht. Auf den Kurs bei der Abfahrt hat er sowieso keinen Einfluß. Alles, was man wirklich machen kann ist, das Erlebnis so intensiv zu genießen wie es eben geht, auch wenn alle Instinkte sich dagegen aufbäumen, überhaupt etwas zu genießen.

Von hier an, vom Zweibsee, wird es sogar noch ungefährlicher. Die Genußstrecke. Langsames Treiben statt Schußfahrt. Ein Schwimmmeister winkt mich durch die Barriere, die den Kanal vom Zweibsee abtrennt. Die Elektronik weiß genau, wer für diesen Abschnitt bezahlt hat und wer nicht. Es kostet noch einmal achtzig Mark bis Murnau.


Ist dies die Stunde, wo es heißt, Farbe zu bekennen? Die Stunde, in der man sein Gehalt verdient? Die Stunde, wo sich zeigt, was man im Köpfchen hat, und ob überhaupt etwas? Die Stunde, die die Spezialisten, die die Situation beherrschen, von den Abziehbildern unseres Berufsstandes scheidet?

Ich sehe die Zahlenreihen vor mir, auf dem Bildschirm, und die Warnhinweise. Die Botschaft seh ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube. Denn wenn die Warnhinweise recht haben, dan heißt das, daß der Channel-Supervisor nicht in der Lage ist, alle Heißwasserkanäle zu verwalten.

Nicht genug Speicher. Es ist einfach, trivial und dumm, aber das ist die ganze Wahrheit. Das Programm, das in der Vorversion locker mit den vier Gigabyte Hauptspeicher ausgekommen ist, passt nicht mehr in den Speicher. Es kann nicht arbeiten. Die Heißwasserkanäle sind ungeregelt. Alle. Ihr Wasserzu- und ablauf ist ungesteuert, die Verteilung der Heizleistung zu den einzelnen Kanalabschnitten bleibt so, wie die alte Version des Programms sie hinterlassen hat. Und das ist eine Katastrophe.

Ich hänge mich ans Videophon. Es eilt: Da draußen ist eisiger Frost, und in den Kanälen sind Tausende von nichtsahnenden Menschen. Wenn da etwas schief geht, dann sind die alle in Lebensgefahr. Bei dieser Wetterlage läuft man nicht nackt und nass bis zur nächsten Unterkunft. Nicht, wenn auch noch metertiefer Schnee das Fortkommen behindert, und die nächsten festen Gebäude Kilometer entfernt sind.

Ich wünschte, ich könnte mit jemandem reden. Aber die Gesellschaft spart, wo sie nur kann. Normalerweise reicht ein Mann in der Leitwarte aus, insbesondere auch deshalb, weil der garnicht ausgelastet ist. Ein Störfall ist nicht vorgesehen. Aber ich muß mit jemandem reden, der weiß, worin sich die neue Version des Channel-Supervisor von dem alten unterscheidet. Ich weiß es nämlich nicht. Man ist ja doch nur der dumme Anwender, den die Damen und Herren aus den Softwarehäusern nie zu Gesicht bekommen. Verkauft wird an die Manager.

Wenn ich rauskriege, was sich da geändert hat, dann weiß ich nämlich auch, was ich unternehmen kann. Hoffe ich. Das Problem ist nämlich: Ich kann nicht einfach die alte Version laden und benutzen. Es wurde mir erklärt, daß das Installationsprogramm für den neuen Channel-Supervisor gewisse interne Daten auf neue Formate umsetzt. Was immer das heißen mag. Immerhin ist es auf diese Weise möglich, einen Versionssprung des Channel-Supervisors bei laufenden Betrieb zu machen. Vielleicht wäre es möglich gewesen, ein Installationsprogramm für die Gegenrichtung mitzuliefern, wenn man mit solchen Schwierigkeiten gerechnet hätte.

Es dauert ewig, bis ich mich zu einem der Programmierer durchfrage. Wer weiß, was da draußen jetzt passiert? Manche Kanäle können zu heiß werden, andere einfrieren. Gottseidank hat Wasser eine große Wärmekapazität. Man muß mehr als eine Kilowattstunde hinzufügen oder wegnehmen, um die Temperatur von einem Kubikmeter Wasser um nur ein Grad zu ändern. Wenn etwas schief geht, dann geht das nicht von einer Sekunde auf die andere.

Dieser Programmierer erklärt mir, was sich geändert hat. Er macht es sehr ausführlich, als ob er mit einem Idioten spricht. Oder sprechen die mit unseren Managern so? Ganz so blöd bin ich nicht, ich weiß, wie ein Computer funktioniert und was ein Programm ist. Man hat ja so seine Hobbies.

Er sagt, der Supervisor wäre in Ada programmiert worden. Als er erfährt, daß ich hobbymäßig programmiere und nur BASIC kann, ändert sich sein Tonfall noch weiter: Von da an behandelt er mich wie eine Krankenschwester auf einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Ich bin wirklich dankbar, daß er nicht didaktische Fragen stellt, etwa 'und was stellen wir uns denn unter eine Integer-Variablen vor? Haben wir denn in der Schule Mathematik gehabt?' Und so weiter.

Also, in Ada kann man eine Anweisung geben, die sich 'pragma PACK;' nennt. Die bewirkt, daß alle Datenobjekte möglichst platzsparend angelegt werden. Wenn man will, kann man diese Wirkung auch auf bestimmte Datentypen beschränken. Eine logische Variable braucht zum Beispiel wirklich nur ein Bit und nicht 8 oder ganze 32. Allerdings ist dann der Zugriff auf diese gepackten Daten etwas langsamer, wenn die zugrundeliegende Maschine Daten immer nur byteweise oder wortweise verarbeiten kann. Und genau das wäre bei der Vorversion des Channel-Supervisor das Problem gewesen: Das Programm hätte so viele Heißwasserkanäle zu verwalten gehabt, daß der Rechner seine Arbeit nicht mehr in der zur Verfügung stehenden Zeit geschafft habe. Schließlich hat jeder Heißwasserkanalkilometer Tausende von Thermosensoren, Heizelementen und Wasserzu- und abführungskapillaren, die alle koordiniert werden müssen. Da fällt für die einigen hundert Heißwasserkanäle in den bayrischen Alpen schon eine ganz schöne Datenmenge an. Dazu kommt der Anschluß und die vorausschauende Interpretation des digitalen Wettermeldenetzes.

Das alles erfordere erhebliche Rechenleistung. Deshalb habe man aus dem Quelltext des Channel-Supervisor alle 'pragma PACK;' entfernt, damit das Programm schneller arbeiten könne. Natürlich brauchen die Daten dann auch mehr Platz.

Dann wundert er sich noch, daß wir da tatsächlich an eine Grenze stoßen, und fragt nach, wieviele solche Kanäle wir in den Alpen den installiert haben. Das hilft mir wenig. Was kann ich denn noch tun, frage ich. Da draußen sind Menschen in Lebensgefahr!

Da begreift dieser Programmierer endlich. Fast ist es so, als ob es 'Klick' in der Leitung macht. Seine Gesichtszüge verraten Betroffenheit. Ein bißchen wenigstens. Man kann nicht erwarten, daß er so betroffen ist wie ich. Oder wie die Menschen da draußen.

Die alte Version zu verwenden ist unmöglich, belehrt er mich. Das weiß ich auch schon, sonst hätte ich ihn nicht angerufen. Die einzige Möglichkeit, sagt er, ist, ich muß einige der Kanäle abschalten. Der Speicherbedarf hängt von der Anzahl der tatsächlich verwalteten Kanäle ab. Dann verrät er mir noch, wie man das macht. Es steht tatsächlich in der Anleitung drin, aber sehr versteckt. Eigentlich soll das ja nur geschehen, wenn an einem bestimmten Kanal Wartungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

Ich hänge auf und überlege. So ungefähr weiß ich noch die Belegungssituation der einzelnen Kanäle. Wenn ich einen stilllege, dann muß es einer in der Nähe sein. Walchensee - Jachenau - Lengengries ist voll. Zu gut erreichbar durch öffentliche Verkehrsmittel. Der Benediktenwandhochkanal geht auch nicht. Die Leute sind wie verrückt darauf, direkt vor der Felswand vorbeizuschwimmen, genau über die Tutzinger Hütte. Bayrischzell - Schliersee? Geht auch nicht. Außerdem schon zu weit weg. Und sowohl die Kanäle in Ostbayern als auch westlich von Füssen kommen nicht in Frage - da habe ich zuwenig Überblick, und sie sind erst recht zuweit weg. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das Teilstück zwischen Zweibsee und Griesen wenig belegt. Zwischen Griesen und Murnau ist es an manchen Tagen wie ein reiner Völkerschwimmtag.

Nur das kurze Teilstück zwischen Zweibsee und Griesen? Ob das geht? Das Programm sagt nicht, wieviel Speicher es zuwenig hat. Vielleicht fehlt ihm nur ein Byte. Vielleicht aber auch ein Gigabyte. Ich kenne die inneren Datenstrukturen nicht.

Neustart, quälende Sekunden. Dann: ES GEHT! Erleichterung. Rasch checke ich alle Daten durch, lasse mir bestätigen, daß alle Regelkreise wieder algorithmisch perfekt funktionieren. Die Abweichungen sind noch nicht zu groß geworden. Wahrscheinlich haben die meisten Gäste garnicht gemerkt, daß ihr Kanal im Begriff war, heißer zu werden oder abzukühlen, oder aber daß die Wasserhöhe geschwankt hat.

Jetzt muß ich nur noch eins tun. Ich rufe meine Vertretung an und mache mich auf den Weg. Das Teilstück zwischen dem Zweibsee und Griesen kann von diesen beiden Stationen aus manuell gesteuert werden. Ich entschließe mich für Griesen, weil ich da alle Gäste, die da noch auf der Strecke sind, in Empfang nehmen kann. Vorher jedoch wird die Station Zweibsee noch informiert, daß keine weiteren Gäste in dieses Teilstück einschwimmen dürfen. Sie sagen, daß vor einer halben Stunde die letzte Schwimmerin durch ist. Das ist gut. Die dürfte dann schon weit in Richtung Griesen gekommen sein.


Der unterirdische Zweibsee liegt tiefer als der Eibsee - man hat die Landschaft durch die Sturzflugschwimmanlage nicht mehr als notwendig verändert. Aus dieser Not hat man eine Tugend gemacht. Der Kanal, ein etwa drei Meter durchmessendes Rohr, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist, führt als durchsichtige Spezialröhre über den Grund des Eibsees. Draußen zieht der Seegrund vorbei, der nicht erkennen läßt, welche großen Mengen Müll man aus dem See hat entfernen müssen, damit der Anblick erträglich wird. Die Bayrische Zugspitzbahnen AG versteht da keinen Spaß - wer nur einen Eisbecher in den See wirft, der landet vor dem Staatsanwalt. Auch wenn die Gesellschaft dabei mehr an die eigenen Geschäftsinteressen denkt - dem See bekommt das gut. Er war in den Neunziger Jahren schon im Begriff, eine der landschaftlich am schönsten gelegenen Müllkippen zu werden.

Solange die Röhre noch geschlossen ist, ist das Wasser zu warm. Das wird sich ändern, denn draußen ist schneidender Frost. Aber es dauert noch einige Minuten der Eibseeunterquerung und dann kommt noch ein weiterer Tunnel, bis die Röhre endlich ins Freie tritt. Von da an führt der Kanal als Halbröhre weiter, immer noch aus durchsichtigem Glas, auf Stelzen, wechselnd etwa fünf bis zwanzig Meter über den Waldboden. In der Mitte der Halbröhre ist das Wasser gerade ein Meter fünfzig tief, man kann sich auch am Rand festhalten und so länger an einer Stelle verbleiben. Allerdings ist es sehr schwer, sich gegen die Strömung zu bewegen. Aus der Sicht der Gesellschaft ist das verständlich: Die Gäste sollen zahlen, den Kanal ohne Aufenthalt entlangschwimmen und dann nach Hause gehen. Vom Zweibsee bis nach Murnau braucht man sowieso Stunden.

In vielen Windungen führt der Kanal lautlos an waldigen Berghängen entlang nach Griesen. Im Süden ist über den Baumwipfeln fast immer die Zugspitze zu sehen, und aus dieser Entfernung sieht die Abfahrtsröhre wie ein feiner Draht aus, den jemand achtlos zerkringelt und über den Berg geworfen hat. Man sieht nicht einmal Menschen in der Röhre. Kaum zu glauben, daß ich da noch vor wenigen Minuten selbst gewesen bin.

Über die gesamte Länge des Kanals steigt Dampf auf, und es kommt durchaus vor, daß man zeitweise garnichts sieht. Bei diesem strengen Frost bedeutet das auch, daß der Schnee überall am Kanal wesentlich dichter liegt als woanders. Ein ganz großer Teil der Energiekosten, die die Gesellschaft aufbringen muß, dient nur dazu, auf diesem langen Kanal Wasser zu verdampfen. Man kann eben nicht verhindern, daß eine fast körperwarme offene Wasserfläche bei diesen Außentemperaturen pro Quadratmeter fast ein Kilowatt verliert. Deshalb sind auf der gesammten Länge des Kanals, bis Murnau, überall Heizwiderstände in die Halbröhre eingearbeitet, und es wird auch an vielen Stellen neues Wasser hinzugegeben, um die Verdampfungsverluste auszugleichen. Wenn in den späten Neunziger Jahren nicht doch noch die Energieerschließung durch die Kalte Fusion in einem Clausthaler Physikinstitut gelungen wäre, dann wäre dieser Energieverlust bei einer Freizeitanlage nicht zu verantworten (Mögen Pons und Fleischmann in der Physikerhölle verrotten, weil sie nicht die Rolle der amorphen Kristalldefekte im Palladium erkannt haben. Sie sind haarscharf am Weltruhm vorbeigesegelt. Wir hätten die Kalte Fusion zehn Jahre früher haben können! Und diese Anlage.).

Schweigend und langsam gleitet der Winterwald vorbei. Es ist still. Niemand in Sicht. Ich achte darauf, daß ich sowenig wie möglich von meinem Körper der kalten Winterluft aussetze. Ein paar Quadratzentimeter mehr oder weniger machen da schon viel aus. Gerade jetzt, wo noch ein Wind aufkommt. Das fegt zwar die Dampfwolken weg, aber man muß erst recht unter Wasser bleiben, bis auf den Kopf natürlich.

Auch in nicht unmittelbarer Nähe des Kanals bilden sich jetzt feine, für diese Kältegrade und diese Wetterlage typische Nebelschichten. Für einen Spaziergänger wird es jetzt, am späten Nachmittag, im Freien ungemütlich. Nicht jedoch für einen Kanalschwimmer. Der Kontrast zwischen der Lebensfeindlichkeit außerhalb des Kanals und der Wärme des Kanalwassers ist es, was die Attraktion des Kanals ausmacht

Der Wald unten ist menschenleer. Das war eine der wichtigsten Argumente beim Bau dieser Freizeitanlage: Die Menschen werden davon abgehalten, die Bergwelt in Massen persönlich zu durchstöbern und auf diese Weise zu zerstören. Deshalb sind auch diese gläsernen Heißwasserkanäle an vielen Stellen in den Alpen erbaut worden. Im Sommer frisch, im Winter warm oder heiß, je nach Wetterlage und Außentemperatur. Gemütlich wie ein Fernsehabend zuhause in der Badewanne, im Programm ein Wintermärchen. Wer eine Stunde um die Berge schwimmt, hieß es, der macht in dieser Stunde keinen Abfahrtslauf oder trampelt nicht durch neue Anpflanzungen von Bergwald.

Die Rechnung scheint aufzugehen. Naja, warum auch nicht - da man mit den Heißwasserkanälen viel Geld verdienen kann, waren natürlich sofort etliche Unternehmer dabei, solche Anlagen zu bauen. In solchen Dingen kann man sich auf einen gesunden Kapitalismus verlassen. Und seit der Wirtschaftsboom, den die Kalte Fusion ausgelöst hat, die Arbeitszeit in den entwickelten Ländern auf 24 Stunden pro Woche verkürzt hat, gibt es Kundschaft genug.

Soweit ich sehe, ist immer noch niemand in Sichtweite. Das heißt zwar, daß der Ertrag des eingesetzten Kapitals der Bayrischen Zugspitzbahn AG hier im Moment nicht glänzend ist, aber mir soll es recht sein. Man kann sich treiben lassen, man versäumt nichts, und man bewegt sich von selbst immer weiter. Dazu das sichere Bewußtsein, daß meine Klamotten schon längst mit der Rohrpost vom Zugspitzschwimmbad nach Murnau gelangt sind.

Keine Sorgen. Etliche freie Tage vor mir, das weitere Leben eine endlose Kette von schönen Jahrzehnten. Soviele Probleme haben sich in der letzten Zeit in Luft aufgelöst. Vor knapp fünfunddreißig Jahren verschwand die Ost-West-Konfrontation fast über Nacht, so schnell, daß man nicht genau wußte, warum es je eine gegeben hatte. Die Kalte Fusion war dann das Mittel, fast alle ökonomischen Probleme zu lösen. Die Dritte Welt ist dabei, das Überbevölkerungsproblem zu lösen, wenn auch unfreiwillig. Aber AIDS hat immerhin den Hunger in der Welt besiegt und damit die elementaren Zusammenhänge zwischen Resourcen- und Bevölkerungsdichte jedem klargemacht, der sich diesen Erkenntnissen bis dahin immer noch verschlossen hatte. Von dort sind also auch keine Katastrophen zu erwarten. Ich gönne den Entwicklungsländern die Wohlstandswelle, die sie jetzt - endlich - überrollt. Manchmal denke ich, daß wir uns auf eine Zeit zubewegen, in der es viel zuwenig Probleme geben wird. Sollte man dagegen etwas unternehmen? Droht die Geschichte zu stagnieren, wenn uns die selbstgemachten Probleme ausgehen?

Der Wind wird stärker. Kein Grund zur Unruhe, die Wassertemperatur wird entsprechend angepasst. Die Heißwasserkanäle lassen sich bei dem schlimmsten Wetter benutzen, Gewitter ausgenommen. Und daran, habe ich gehört, wird auch gearbeitet.

Kommt es mir nur so vor, oder nimmt die Strömung ab? Ich schwimme hier nicht das erste Mal, deshalb habe ich einen Vergleich. Aber kaum, daß mir die Idee kommt und ich eine Weile genauer beobachte, stelle ich fest: es stimmt! Auch der Wasserspiegel, der eigentlich etwa zwei bis drei Zentimeter unter dem Rand der Halbröhre sein sollte, ist deutlich tiefer, vielleicht sieben Zentimeter.

Versucht der Zentralrechner, den Wasserspiegel abzusenken, um zu verhindern, daß der Wind nicht allzuviel Wasser herausbläßt? Von der Methode habe ich noch nicht gehört, aber es wäre ja im Prinzip möglich. Ich lasse mich weiter treiben. Schließlich habe ich ja dutzendfach gelesen, wie sorgfältig die Anlage gewartet wird. Es wird schon seine Richtigkeit haben. Ich verbringe die Zeit damit, einige Tiere Rotwild zu beobachten, die zwischen den Bäumen aufgetaucht sind. Sie beachten die dampfende, gläserne, wassergefüllte Halbröhre über ihren Köpfen nicht. Dann sind sie wieder verschwunden. Die dicken Schneelasten auf allen Zweigen dämpfen jeden Laut. Nicht einmal Verkehrslärm dringt aus der Ferne herüber. Es ist wirklich ein Wintermärchen, und die tapfere Josella mitten drin!

Nach weiteren zehn Minuten werde ich unruhig. Das Wasser steht jetzt zwölf Zentimeter unter dem Rand. Die höchsten Heizelemente sind nicht mehr vom Wasser bedeckt. Das ist nichts Schlimmes, weil sie sich selbst ausschalten, um Überhitzungsschäden zu vermeiden. Aber der Kanal braucht die Wärme doch! Oder genauer - ich brauche sie. Die Lufttemperatur ist vierzehn Grad unter Null!

Die nächste Station, wo ich den Kanal verlassen könnte, ist Griesen. Dort überquert der Kanal die Bahnlinie, um auf die andere Talseite zu gelangen. Von da geht es weiter, auf die Herrgottsschrofen zu, über dem Kramerplateauweg entlang, an der Werdenfelsener Burgruine vorbei, und dann immer im Wald am Talhang entlang bis ins Murnauer Moos. Meine Klamotten sind zwar in der Station in Murnau, aber ich könnte sie mir von da zurückschicken lassen. Das geht innerhalb zehn Minuten.

25 Zentimeter unter dem Rand. In der Mitte ist die Wassertiefe noch 1.25 Meter. Ich arbeite mich jetzt mit eigenen Kräften vorwärts, damit ich schneller nach Griesen komme. Das sind zwar nur noch zwei oder drei Kilometer, mit allen Windungen des Kanals, der ja ungefähr den Höhenlinien folgen muß, aber die aktive Bewegung hat den Nachteil, daß ich immer häufiger Teile meines Rückens aus dem Wasser hebe. Jedesmal schlägt mich die Kälte ins Kreuz. Ich werde mir bewußt, daß der ziehende, schneidende Wind nicht daran denkt, eine Pause zu machen.

Nun wird das Wasser definitiv kühler. Zu viele Heizelemente liegen bloß. Wenn der Rechner meint, daß etwas Ernsthaftes kaput ist, dann könnte er auf die Idee kommen, die gesammte Kanalheizung abzuschalten, um Schäden an der teuren Anlage zu vermeiden. Der Kanal hält ein Einfrieren des Wassers aus. Ich nicht.

Was da wohl passiert ist, denke ich, als ich mich weiter vorarbeite. Ist am Oberlauf, nicht weit vom Zweibsee, eine Stütze eingebrochen, sodaß von dort kein Wasser mehr nachgeliefert wird? Nein, daß kann nicht sein. Selbst dann wäre das System immer noch in der Lage, den gesamten Kanal aus anderen Quellen unter Wasser zu halten, bis auf wenige hundert Meter um die Unglücksstelle herum. Das hat man schon durchgespielt.

Ein Meter Wassertiefe in der Mitte. Das Wasser ist vielleicht noch fünfundzwanzig Grad warm. Ich friere. Der Badeanzug hilft überhaupt nichts. Fünfundzwanzig Grad sind genug, wenn die Lufttemperatur genauso hoch ist. Sie ist aber fast vierzig Grad darunter. Ich erinnere mich, daß der menschliche Körper seine ganze Wärme über den Kopf an die Umwelt abgeben kann. Und den muß ich wohl oder über über Wasser halten.

Wie weit noch bis Griesen? Das Wasser mag kühler sein, aber immer noch erzeugt es Nebel. Dazwischen scheint hohnlachend die Sonne. Sie wärmt aber nicht, in dieser Jahreszeit. Sie wird bald hinter den Bergen im Westen verschwinden. Immer wieder komme ich mit dem Rücken aus dem Wasser heraus.

Neunzig Zentimeter. Es hat keinen Zweck. Ich stehe auf und fange an, zu laufen. Dazu sind neunzig Zentimeter Wassertiefe aber wieder viel zu viel. Und die Kälte nimmt mir den Atem. Bloße, nasse Haut bei diesem Frost - ein Wahnsinn. Kann man in der Hocke gehen, damit mehr vom Körper unter Wasser ist? Man kann nicht, ich gleite aus, schlage hin. Die Kniescheibe tut weh, ich gerate mit dem Kopf unter Wasser. Das Wasser ist kühl. Angenehm kühl, würde man im Sommer sagen.

Ich stehe erneut auf, hinke. Läuft das Wasser eventuell auch über die Zuführungen ab? Himmel, habe ich die Richtung geändert, bei dem Sturz eben? Einen Moment bin ich unsicher. Der Nebel hat sich in jeder Richtung dicht zusammengezogen. Das Knie schmerzt höllisch. Wie hat es unter Wasser so hart aufschlagen können?

Ich entscheide mich für eine Richtung. Links war ungefähr Süden, die Zugspitze. Also weiter. Es geht nicht schnell. Eine Böe kommt auf, die Kälte fährt in die Knochen. Schon meldet sich das bekannte Kribbeln in den Fingerspitzen, und das Gefühl, als würde jemand an den Fingernägeln ziehen. Ich denke das erste Mal daran, daß ich sterben könnte. Nein, Josella, du nicht. Das passiert doch nur den anderen. Du bist doch noch nie gestorben, ist das kein Beweis? Es hat doch schon soviele gefährliche Situationen gegeben. Außerdem ist diese Anlage gut beaufsichtigt. Sie werden schon gemerkt haben, daß da etwas schief gelaufen ist.

Außerdem: heute stirbt niemand mehr vor seiner Zeit.


Es ist wie verhext. Eigentlich kann man das Stück vom Ortsmittelpunkt Garmisch bis Griesen recht schnell schaffen. Aber die Straßenräumdienste kämpfen schwer gegen den Neuschnee aus der Nacht zuvor an, und gegen die Eisschicht darunter. Seitdem der öffentliche Individualverkehr den PKW allmählich verdrängt, werden Straßen immer schlechter geräumt.

Oder das liegt vielleicht auch daran, daß der größere Teil der PKW nicht mehr mit einem Verbrennungsmotor, sondern mit einem Fleischmann-Pons-Reaktor ausgerüstet ist? Dann hat man genügend Energie an Bord zur Verfügung, eine spiegelnde Eisschicht auf der Straße eventuell auch mal durch die eingebauten Infrarotstrahler wegzuschmelzen oder sich durch eine Schneewehe zu fräsen. Mit einem altmodischen Benziner geht das nicht. Und natürlich sind unsere Dienstwagen PKWs der alten Bauart. Die Gesellschaft spart eben auch da. Logisch: Wenn man selten fährt, ist der Benziner immer noch die wirtschaftlichere Wahl. Aber nicht im Kampf gegen Schnee und Eis.

Da stehe ich nun, genau zwischen Garmisch und Griesen, kurz hinter der Abbiegung nach Grainau. Abgewürgt beim Wiederanfahren. Beim Anlassen kommen da sehr komische, furzende Geräusche. Irgendwie macht der Motor nicht den Eindruck, als ob er wiederanspringen möchte.

Ich erinnere mich, daß diese alten Benziner als Anlasshilfe einen Elektromotor und eine chemische Blei-Schwefelsäure Batterie verwendet haben. Nicht gerade das, was man unter 'wartungsfrei' versteht. In Garmisch, in der Garage, hat es noch funktioniert. Jetzt funktioniert es nicht mehr. Auch nach mehrfachen Versuchen nicht. Die Anlaßgeräusche werden bei jedem Versuch schwächer. Vielleicht mache ich irgendetwas falsch? Es hilft nichts - ich muß aussteigen und zu Fuß nach Griesen gehen. Vielleicht nimmt mich jemand mit. Auch wenn die Strecke zur Zeit wenig befahren ist.

Durch diesen tiefen, eisunterlegten Schnee zu waten ist anstrengend, wie ich schon nach einigen hundert Metern merke. Ich bin die kalte Luft in den Lungen nicht gewohnt. Einen Moment versetze ich mich in jemanden, der jetzt in dem kalt werdenden Kanals stehen könnte, in diesem scharfen Wind, praktisch unbekleidet. Jetzt erst, wo mich selber friert, schreckt mich der Gedanke. Aber dann denke ich auch, daß sicher schon alle Schwimmer bis Griesen durch sind. Warum sollte etwas passieren? Es ist ja noch nie etwas passiert. Das Design der ganzen Kanalanlage ist doch so, daß nichts passiert.

Der Anblick der Berge entschädigt mich wenig für das Frieren. Und schon garnicht dafür, daß ich vergessen habe, mir etwas zum Überziehen mitzunehmen - ich habe ja nicht damit gerechnet, mich länger im Freien aufhalten zu müssen.

Es geht nur sehr langsam. Ich rechne die Zeiten zusammen. Der Kanal zwischen Zweibsee und Griesen kann nicht mehr die richtige Wassertiefe und -Temperatur haben. Jetzt bestimmt nicht mehr. Andererseits müssten alle Gäste, die konsequent den Kanal in einer Richtung entlanggeschwommen sind, inzwischen in Griesen angekommen sein. Wahrscheinlich auch die letzte Schwimmerin, von der die Station Zweibsee gesprochen hat. Ich sage es mir immer wieder, um so häufiger, je langsamer ich vorankomme.

Ich kann von hier aus zur Rechten in einiger Entfernung die Dampfwolken zwischen den Bäumen sehen, wo der Kanal von Griesen weiter nach Murnau führt. So ungefähr kann ich auch in einigen Kilometern Entfernung im Südwesten die Stellen identifizieren, wo die Dampfwolken des Kanals zwischen Zweibsee und Griesen aufsteigen müssten. Da sind auch Nebelfetzen, aber die treten im Moment überall deutlicher hervor. Welche davon durch den Kanal erzeugt sein könnten und welche nicht kann ich von hier aus nicht sagen. Jedenfalls kein Vergleich zu den Dämpfen zu meiner Rechten.

Verbissen marschiere ich weiter auf Griesen zu. Die meiste Zeit sehe ich auf den Boden vor mir. Wenn einem die Kälte die Zehennägel aufklappt, dann kommt einem jedes Gefühl für die Landschaft abhanden.

Aber ich bin sicher, daß noch alle Gäste in dem Kanalabschnitt sich in Sicherheit haben bringen können. Wäre ich nicht sicher, dann müsste ich ja laufen und mich verausgaben. Wohlmöglich würde ich mir eine Lungenentzündung holen, oder was man sich sonst so von Überanstrengung holen kann. Ich bin nicht sportlich - eine der großen Fortschritte unserer Medizin ist es ja, daß man diese ganzen mühsamen Ausdauersportarten nicht mehr machen muß, um die Geschwindigkeit der Ateriosklerose und den allgemeinen Verfall des Körpers herunterzubremsen. Nur ganz wenige Verückte laufen heute noch durch den Wald, um sich 'fit' zu halten. Ich kann das nicht. Wenn ich auf die Idee käme, zu laufen, dann wäre ich nach wenigen hundert Metern restlos erschöpft und käme langsamer vorwärts als vorher. Also laufe ich nicht - Dann bin ich lieber sicher, daß alle es geschafft haben.

Und wenn doch nicht? Habe ich dann falsch gehandelt? Für das Versagen der neuen Version des Channel-Supervisor kann ich nichts. Aber hätte ich eventuell in der Kanalstation in Griesen nicht anrufen können und die manuelle Regelung der Kanal-Teilstücks delegieren? Das wäre schneller gegangen. Der Kanal hätte sich dann - vielleicht mit einigen Temperaturschwankungen um einige Grad - halten lassen können, bis man sicher wäre, daß kein Mensch mehr drin ist.

Ich marschiere schneller. Aber, wenn ich ehrlich bin, dann nicht mehr, um eventuell Menschen zu retten, sondern um in Griesen zu erfahren, daß alles noch einmal gut gegangen ist.

Und um ins Warme zu kommen, selbstverständlich.


Ich komme kaum vorwärts. Wieder zieht Nebel auf, echter Nebel, nicht der durch den Kanal verursachte. Ich gerate wieder in Panik über die Richtung, laufe zurück. Dann taucht die Zugspitze und die Sonne wieder an der falschen Seite auf. Ich schimpfe mit mir selbst und ändere wieder die Richtung. Wie oft habe ich das schon gemacht? Das Wasser ist jetzt fünfundachtzig Zentimeter tief und nur noch fünfzehn Grad warm. Es ist wirklich erstaunlich, wie rasch es abkühlt. Ich setze mich einen Moment hin, sodaß ich bis zum Halse wieder mit Wasser bedeckt bin. Die Illusion von Wärme ist nur kurz. Dann friere ich wieder. Im Wasser, außerhalb des Wassers. Kälte, überall. Ich stehe wieder auf, hinke weiter. Die Kälte nimmt mir den Atem. Ich versuche, mit der Armmuskulatur isotonische Übungen zu machen, um zusätzliche Wärme zu erzeugen. Ich weiß aber auch, wie schlecht isotonische Übungen dazu geeignet sind. Andererseits will ich keine Übungen mit Bewegungen machen, um den zusätzlichen Kontakt Haut-Luft zu vermeiden. Und außerdem - soviel Ausdauer habe ich auch nicht, um stundenlang energiezehrende Bewegungsübungen zu machen.

Da muß noch eine Bergflanke umrundet werden. Jetzt geht es auch noch gegen den Wind. Der ist mächtig kalt. Als ob er nur darauf gewartet hat, weht er jetzt heftiger und stetiger von vorne. Muß der denn überhaupt keine Pause machen?

Ich stelle mir die kalte Luftsäule vor, die mir jeden Moment entgegengedrückt wird. Diese Luftsäule ist lang und wird von einem Hoch über Russland getrieben. Dieser Wind wird so schnell nicht aufhören. Setz dich jetzt nicht hin, sage ich mir. Du stehst nicht wieder auf.

Altes Mädchen, reiß dich zusammen. Du bist sportlich zwar nicht gerade Spitze, aber Lunge, Herz, Leber, Bewegungsapparat, alles funktioniert doch. Organe, tut eure Pflicht. Ich tue es auch.

Wenn ich schneller laufe, dann spritzt es mehr. Jeder Tropfen, der mich dann erreicht, ist schon dabei, zu Eis zu erstarren. Laufe ich langsamer, dann dauert es länger bis Griesen. Setze ich mich noch mal ins Wasser, dann bin ich wieder nasser als jetzt, kann vielleicht die Auskühlung verlangsam. Aber dann dauert es auch wieder länger bis Griesen, und an der Luft ist die Auskühlung wieder stärker. Was soll ich tun? Was ist die beste Strategie?

Es ist nicht mehr weit bis Griesen, denke ich. Nicht mehr weit bis Griesen. Nicht mehr weit bis Griesen. Nicht mehr weit bis Griesen. Sechs mal. Ist das ein Hexameter? Nicht mehr weit bis Griesen. Weiß ich nicht. Weiß ich nicht in Griesen. Die Bergflanke kommt näher. Dahinter muß man Griesen sehen. Griesen im Tal. Nein, es ist doch ein Pass. Oder? Liegt Lermoos in Österreich höher oder tiefer? Jedenfalls sehe ich dann auch andere Berge und kann mich orientieren. Ich sehe dann den anderen Berg. Nein, so: Ich seh den andren Berg. Ich seh den andren Berg. Ich seh den anderen Berg. Das ist ein Hexameter!

Welchen anderen Berg? Ich blicke auf und dann an mir herunter. Etwas hat mein gesundes Knie berührt. Eine Eisscheibe. Eine ganz dünne Eisscheibe, zart und zerbrechlich wie gehauchtes Glas. Ich gehe weiter, Arme über der Brust gekreuzt, um wenigstens an einer Körperstelle die Illusion von Wärme zu haben. Sinnloses Unterfangen: Was nützt zusätzliche Isolation, wenn die Kälte auf allen anderen Wegen schon das Körperinnere erreicht hat? Das muß die letzte Bergflanke sein. Dann werde ich Griesen sehen. Wenn nur der Nebel nicht wäre.

Schritt und Schritt. Schritt und Schritt. Immer asymmetrisch. Das kapute Knie. Kann da ernsthaft etwas kaput sein? Kinder fallen dauern hin, schlagen sich dauernd das Knie auf. Es heilt immer wieder aus.

Allmählich wird die Eisschicht lästig. Wenn ich in Gegenrichtung ginge, dann bräuchte ich das Eis nicht noch einmal zu brechen. Zurück zum Zweibsee. Laß das, Josella, sage ich mir. Du bist doch gleich in Griesen. Doch das Knie tut so weh. Wenn das Knie nur nicht so weh täte! Ich kann Schmerzen nicht aushalten. Normalerweise gehe ich immer sofort zum Doktor, und der hat immer etwas.

Ich werde mich setzen und das Knie massieren. Das Blut in Bewegung bringen. Es ist bestimmt nichts Ernsthaftes am Knie, nur in der Kombination mit der Kälte fühlt es sich so an. Setzen und Kneten. Und für einen Moment ganz klein machen, dem Wind weniger Stirnfläche bieten, sich ducken. Das wärmt mich vielleicht wieder auf. Vielleicht übersieht mich der Wind ein Weilchen. Nur erstmal setzen.

Was wohl kaput gegangen ist. Ich werde sie verklagen. Alle. Die ganze Bayrische Zugspitzbahn AG. Sie haben geschlampert mit ihren Heißwasserkanälen, geschlampert, sage ich. Und wenn die Halbröhre unzerbrechlich ist, so wie es im Prospekt steht, dann war es eben etwas anderes. Vielleicht irgendeine Kleinigkeit, und die zentrale Rechnersteuerung war darauf nicht vorbereitet. Programme werden ja immer so geschrieben, daß sie im Normalbetrieb funktionieren. Der Ausnahmefall ist nicht Vertragsgegenstand - die Vertragspartner haben sowieso nicht genug Phantasie, ihn sich vorzustellen. Dann zahlt der Kunde seine Rechnung. Habe ich jedenfalls gehört, daß es so ist. Es ist auch eigentlich egal - jetzt erstmal das Knie kneten. Ich möchte hier raus. Ich möchte nach Hause. Ich werde nie wieder hierherkommen. Nie wieder Kanalschwimmen.

Oder ist meine Zeit abgelaufen? Habe ich diese Option schon nicht mehr? Ist es mir schon bestimmt, in diesem eisigen Wind und diesem kaltem Wasser zu erfrieren? Und wie erfriert man denn? Ich weiß darüber nichts. Friert man immer mehr? Nehmen die Schmerzen in den Gliedmaßen zu? Springen die Zehennägel irgendwann wirklich ab? Oder ist man irgendwann zu müde zum Frieren? Wird man noch sehen, wenn Arme und Beine hartfrieren und zerbrechlich wie Glas werden? Oder verliert man vorher schon das Bewußtsein? Und wenn man das Bewußtsein verliert, ist es wie Einschlafen, oder zerreißen die Schmerzen alle Gedanken?

Nein, man braucht nichts über das Erfrieren zu wissen, nichts über das Sterben. Es geschieht einem sowieso. Das ist die große, klare, ganze Wahrheit. Das ganze Leben hat sie auf dich gewartet, und du auf sie, auf diese Wahrheit, Josella, und du hast sie vor die versteckt, tief irgendwo dahinten in deinem Hinterkopf, den der Frost nun auch bald spalten wird. Nun begegnest du deiner Wahrheit, hier, auf diesem Heißwasserkanal, und es ist deine ganz persönliche Wahrheit, deine ganz persönliche Stunde. Niemand kann dir diese Stunde nehmen. Niemand wird sie dir nehmen. Für jeden hält das Leben nur eine Wahrheit und diese eine Stunde bereit. Es ist deine Wahrheit, und es ist deine Stunde, und du hättest gut daran getan, dich rechtzeitig zu rüsten. - Nein, Josella, denke das nicht. Du wirst nach Hause kommen. Du bist noch immer nach Hause gekommen. Wenn du es willst, dann schaffst du es. Ein kurzer Gang noch.

Es sind vielleicht noch siebzig Zentimeter Wasser in der Kanalmitte. Staunend sehe ich die Eisscheiben vorbeiziehen. In die falsche Richtung, strömungsaufwärts. Werden sie vom Wind getrieben? Oder geht die Strömung tatsächlich in die andere Richtung? Oder habe ich Halluzinationen? Dann bin ich ja die ganze Zeit von Griesen weggelaufen. Unter dem Eis das Wasser, darunter das Plexiglas, darunter Luft, darunter der von tiefem Schnee bedeckte Waldboden. Sich jetzt über die Kante fallen lassen hieße, im weichen Schnee aufschlagen, sich eingraben. Es kann nichts passieren, so tief, wie er ist, es ist nur wärmer dort. Nach einer Pause könnte man dann weiter gehen. - Denk nicht so ein Blödsinn, Josella! Da unten wärst du verloren. In dem tiefen Schnee kämest du noch schlechter vorwärts als in dem Kanal, und verirren könntest du dich auch noch. Der Kanal ist dein Weg. Der Kanal ist dein Leben. Ich blicke auf.

Nebel. Nebel überall. Einige Bäume beidseitig des Kanals. Gleichgültig. Die Zweige hängen tief, voll schwerem Schnee. Warum sie wohl nicht brechen? Mehr sieht man nicht. Welche Richtung? Zwei zur Auswahl. Das ist eine zuviel.

Ich beneide die Bäume. Sie können im Frost leben. Sie frieren nicht.

Reiß dich zusammen, Josella. Du bist die Zugspitze heruntergetobt, in einer Wolke von heißem Wasser und Dampf. Wie ein Rachegott, der aus den Bergen herniederfährt. Du stehst jetzt auf und gehst brav nach Griesen. Von dem warmen Wasser muß doch noch etwas übrig sein. Aber das ist doch im Zweibsee. Soll ich vielleicht doch dahin zurück? Minimaxrechnung. Weniger oder mehr warmes Wasser, in Griesen oder in ... es wird immer mehr Eis. Steh auf, Josella! Steh auf und geh weiter! STEH AUF UND GEH WEITER!

Und dann stehe ich eben auf und gehe. Es geht ja noch. Schritt und Schritt. Schritt und Schritt. Sie haben warmes Wasser in Griesen. Warum heißt Griesen Griesen? Hat das was mit Griesbrei zu tun? Dann müssen sie doch warmes Wasser haben. Braucht man nicht warmes Wasser für Griesbrei?

Steh auf und geh nach Griesen. Steh auf und geh nach Griesen. Steh auf und geh nach Griesen. Steh auf und geh nach Griesen. Steh auf und geh nach Griesen. Auch ein Hexameter. Ist es der von vorhin? Ich kann mich nicht erinnern. Egal, wenn man nur danach marschieren kann.

Die Schienbeine durchbrechen das Eis. Immer wieder. Es tut weh. Das Knie tut immer noch weh. Hat das Kneten nicht geholfen? Dafür tun die Ohren nicht mehr weh. Sind sie schon erfroren? Meine klassisch geformten Ohren? Sind sie am Ende schon abgebrochen? - Egal, geh weiter. Wer braucht schon Ohren. Steh auf und geh nach Griesen.

Der Nebel wird immer dichter. Eigentlich müßte es einfacher werden, durch das Wasser zu marschieren - es wird ja auch immer weniger. Ich schwanke. Schwindel, oder Wind? Natürlich Wind, ich höre ihn doch heulen. Was ich den Kollegen erzählen werde, in der nächsten Woche! Josella und Arktiserfahrung! Josella, die sich als allererste bei dem leisesten Zug im Büro beschwert, in der Eishölle! Wie seinerzeit Messner auf dem Marsch über den Südpol! Nicht stehenbleiben! NICHT STEHENBLEIBEN!

Und doch stehe ich. Ist es nicht so: Die Differenzgeschwindigkeit zwischen dem Wind und mir ist geringer, wenn ich stehe. Also kühle ich dann weniger aus. Vielleicht, wenn ich lange genug stehe - aber der Wind schüttelt so. Schüttelt der Josella die Nadeln von den Ästen. Vielleicht findet der Liebe Gott sie am Jüngsten Tag, wenn er Heidelbeeren sammeln geht im Weltenwald. Was steht denn die Josella hier, wird er sagen, so lange schon und fällt nicht? Das ist mir der bravsten Bäume einer. So sei es: Sie soll weiterstehen, für alle Zeit.

Nein, so war es nicht. Sie kam ja nicht bis Griesen. Das war es nämlich: Sie kam ja nicht bis Griesen. Ein Stück noch. Schlaf nicht ein, Josella. Geh. Ein bißchen. Sie warten doch auf dich. Irgendwo. Vielleicht warten sie in Griesen. Versuch dich zu erinnern: Irgendwo muß doch jemand auf dich warten. Sonst hat es keinen Zweck, weiterzugehen.

Einen Fuß heben. Mehr bedarf es nicht. Niemand verlangt mehr. Ist das eine zu große Tat für die Josella? Dann runter und den anderen. Nein, erst muß man auf dem einen stehen. Fest stehen. Gewichtsverlagerung. So. Josella, du bist ein intelligentes Mädchen. Das kannst du mit geschlossenen Augen tun. Du brauchst nicht aufzuwachen. Schritt und Schritt. Schritt und Schritt. Du kannst es. Träume, du gehst, dann gehst du wirklich. Der Gedanke der Bewegung macht, daß man sich bewegt. Einen Fuß heben. Nur zu. Du kannst es.

Schritt und Schritt. Denk ich 'Schritt' und tat ihn nicht? Die Stirn beißt. Der Frost. Oder bin ich gefallen? Mach die Augen auf, sonst kannst du es nicht herausfinden. Du mußt die Augen aufmachen, und wenn es das letzte ist im Leben, was du siehst, dann darfst du es erst recht nicht verpassen: MACH DIE AUGEN AUF.

Schritt und Schritt. Schritt und Schritt. Schritt und Schritt. Auch jene, die nur stehen und warten, Seine Diener sind. Wieviele Schritte noch bis Griesen. Und was dann.

Schritt. Und. Schritt. Und. Schritt. Und. Schritt.

Ich gehe nicht mehr. Dabei stehe ich noch. Warum. Wie weit noch. Bis. Griesen. - Stehe immer noch.

Dann. Bin. Ich. Auch. Noch. Nicht. Tot. - Dann. Kann. Ich. Noch. Weiter. So. Stehen.

Nein. - Ich. - Falle. - Nicht.


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Der Abdruck dieser Geschichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages. Copyright © 1999 und alle Rechte verbleiben beim Heise-Verlag. Abweichungen zur ursprünglich abgedruckten Fassung sind möglich, aber nicht beabsichtigt und alleine meiner Unkonzentriertheit zuzuschreiben.


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