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37. Kapitel



        37.     Wem die Stunde schlägt

Rodrigo hatte recht. Nach einer Nacht, die ich im wesentlichen mit ruhelosen Gängen verbracht habe, und mit einigen Nickerchen in irgendwelchen Ecken, zeigt sich der Morgen mit einer vielversprechenden Röte im Osten. Über Nacht hat der Wind die Wolken weggeweht, und etwas besseres als der steife Wind, der übrig geblieben ist, kann man sich nicht wünschen. Dieser Wind wäre immerhin noch stark genug, unangenehmen Wellengang zu erzeugen, die ein Übersetzen mit Booten oder Flugzeugen deutlich behindern würde.

Aber vor der Stadt gibt es keinen Wellengang mehr. Über Nacht sind solche Holzmengen beidseitig an der Stadt vorbeigeschoben worden, daß das Wasser vor der Stadt völlig ruhig ist - jedenfalls dort, wo es noch durch das Treibgut hindurch zu sehen ist.

Die Schwemmholzfläche dehnt sich kilometerweit vor uns aus. Erst in einigen Kilometern Entfernung kann man den Bewuchs des Festlandes erkennen. Nachdem das Wasser der Sturmflut abgelaufen ist, sind die Sandbänke auch unter einem Verhau von Holz verborgen. Kein Gedanke, daß da in nächster Zeit so etwas wie ein Flugzeug landen oder starten könnte.

Schon, als sich die Sonne über den Horizont hebt, setzt der Exodus ein. Es ist keine Panik, die die Leute treibt, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen - für ein panisches Aufunddavon ist auf dem fünf Kilometer breiten Weg an Land eigentlich genug Platz. Aber seewärts ist doch schon zu erkennen, daß große Teile der Stadt bereits von Wasser bedeckt sind. Die Kontrolltürme stehen alle im Wasser wie antike Leuchttürme in der Brandung. Nur wenige Kilometer westlich von der vorderen Stadtkante ist die Brandung damit beschäftigt, die Reste des Stadtwaldes weiter von der Oberfläche der Stadt abzuräumen. Der Treibholzstau an der Küste wird wohl noch einige Zeit zunehmen.

Ich versuche, andere Kollegen des technischen Stadtdienstes zu finden. Es gelingt kaum - die sind irgendwo in dem Gewühl und kaum aufzufinden. Einer, den ich finde, ist damit beschäftigt, mit ein paar tatkräftigen Helfern den Transport von Krankentragen über die Stämme an Land zu organisieren. Die Evakuierung irgendeines Hospitals. Ich lasse ihn natürlich in Ruhe. Man muß über jeden Mitarbeiter, der mitdenkt und nicht erst auf Anweisungen wartet, froh sein. Außerdem gibt es noch einen anderen Grund, sich nicht in die Evakuierung der Patienten eines Krankenhauses einzumischen: Ich habe absolut keine Lust, der Straub zu begegnen.

Aber es gelingt mir, einige Leute zu finden, denen es nicht so eilig ist, an Land zu gelangen. Wir treiben sogar weitere Lampen auf. So ausgerüstet können wir einige Expeditionen weiter in die verlassene Stadt hinein unternehmen, um herauszukriegen, ob da irgendwo noch jemand ist, der nicht mitgekommen ist, weil er nicht kann oder nicht will oder nicht einsieht, daß es notwendig ist. Der Pizzeriabesitzer geht mir nicht aus dem Kopf. Er kann kein Einzelfall sein.

Wir finden tatsächlich zurückgebliebene Menschen. In einer Hotelzimmerflucht etwa zweieinhalb Kilometer hinter der vorderen Stadtkante - überall dort tropft Salzwasser von der Decke herunter, die Wände sind naß und der Boden glitschig - treffen wir auf einen alten, leicht verwirrten Mann. Wir finden ihn nur, weil er selbst laut rufend orrientierungslos durch die Gänge irrt. Zunächst halten wir ihn für einen Alzheimer-Kranken, oder einen im Diabetes-Koma befindlichen oder etwas ähnliches, weil er sehr unklar daherredet. Allerdings muß man bedenken, daß er eine ganze Nacht durch die finsteren Gänge geirrt sein muß. Wenn man nicht weiß, warum plötzlich die gewohnte Umgebung sich so stark verändert, dann kann auch ein normaldenkender Mensch ziemlich leicht die Übersicht verlieren.

Er ist tatsächlich etwas schwerhörig, aber wir kriegen heraus, daß er hier in der Stadt allein und zurückgezogen gelebt hat. Tatsächlich hat er alle Aufforderungen zur Evakuierung überhört und die Fernsehübertragungen nicht gesehen. Der allgemeine Stromausfall gestern nachmittag kam für ihn wie aus heiterem Himmel. Da er ein völlig zurückgezogenes Rentnerdasein führte, hat auch niemand daran gedacht, ihn zum Mitgehen aufzufordern.

Der Fall gibt schon zu denken. Während einer von uns den Mann nach vorne bringt, überlege ich, wieviele derartig gelagerte Fälle es noch geben mag. Oder gegeben hat - der größte Teil der Stadt ist ja schon weggetaucht. Da sind noch Dutzende von Quadratkilometern der Stadtfläche, wo immer noch Luftblasen sind, wo wir aber nicht mehr hingelangen können. Und auch hier, 2500 Meter von der vorderen Stadtkante entfernt, sind meistens nur noch die beiden oberen Etagen zugänglich.

Wir finden auch Leichen - mehr als lebende Menschen. Gerade dort, wo man in Treppenhäusern auf den langsam steigenden Wasserspiegel sieht, schwimmen gelegentlich Ertrunkene. Wir durchsuchen einige Wohnungen und Hotelzimmer. In einem Raum finden wir eine junge Frau, die unter einem umgestürzten Regal begraben liegt und offenbar von schweren Keramikvasen erschlagen wurde - wahrscheinlich hat sie das Regal in der Dunkelheit selbst umgerissen. Warum sie der Aufforderung zur Evakuierung nicht gefolgt ist, können wir nicht mehr feststellen.

In einer anderen Wohnung finden wir eine sehr alte Frau im Bett, tot, und in einem Zustand starker Verwesung. Sie umklammert eine Puppe. Am Boden, neben dem Bett, liegen Briefe, teilweise in den Umschlägen, teilweise liegen einige im Bett. Dokumente und Relikte aus einem sehr langen Leben. Dinge, die für sie bedeutungsvoll waren, und für niemanden sonst.

Wir lesen diese Briefe nicht und durchsuchen auch die Wohnung nicht weiter. Der Geruch ist unerträglich. Keine Klimaanlage kämpft mehr dagegen an. Diese Frau muß aber schon seit langem tot sein - länger als die Zeit, die vergangen ist, seit ich den Wassereinlauf in die Auftriebszellen einschaltete. An diesem Schicksal ist die Stadt nicht schuld - jedenfalls nicht durch die jüngsten Ereignisse.

Während wir weitersuchen, denke ich über das Leben nach. Wie jeder Mensch in seiner eigenen Welt wohnt, geformt durch seine genetischen Voraussetzungen und die Zufälligkeiten seines Aufwachsens und seines Lebens. Da bildet sich in seinem Kortex ein einmaliges, auf sein Ich bezogenes Bild der Welt - sein Bewußtsein. Eine ganz spezielle, einmalige Interpretation der Welt. Eine subjektive Interpretation. Vielleicht ist auch nur so eine subjektive Interpretation wirklich eine Interpretation. Die objektive Welt bedarf keiner Interpretation. Sie existiert einfach. Erst ein Ich in der Welt gibt den Dingen in der Welt ihre Bedeutung.

Und diese einmalige Interpretation der Welt, in die niemand hineinsehen kann, muß irgendwann vergehen. Eine logische Folge der Subjektivitaet. Ohne Sterblichkeit ist vielleicht gar kein Ich, gar kein Bewußtsein möglich. Der Tod ist die Vorraussetzung von allem - vom Leben, von der Liebe, von der Angst, von der Einsamkeit. Und was für eine Massenproduktion von verschiedenartigen Interpretationen der Welt sind schon entstanden. Schließlich hat es, seit Entstehen des Menschen, schon über hundert Milliarden Menschen gegeben. Hundert Milliarden Leben. Hundert Milliarden man die Frage, warum ist mein Leben so und nicht anders? Warum muß ich, gerade ich leiden? Was ist der Sinn hinter dem allen?

Hundert Milliarden mal der Versuch, diesen Sinn zu finden. Ist denn nicht einer dieser hundert Milliarden der Antwort nahegekommen?

Vielleicht sind diese Fragen sinnlos. Genauso ist vielleicht die Frage sinnlos, warum es überhaupt notwendig ist, daß, durch den Menschen in seiner Subjektivität, die Welt so vielfach, und immer wieder, und immer anders interpretiert wird. Ein immenser, philosophischer Aufwand. Und doch, das wissen wir doch alle, ist das Bewußtsein eine notwendige Entwicklung der Evolution, die dem Menschen als Überlebenswerkzeug mitgegeben wurde. Die Evolution entwickelt nichts Nutzloses. Aber der Nutzen heißt nicht Philosophie und nicht Interpretation. Er heißt Überleben. Alles andere ist zufälliges Nebenergebnis. Unser Gehirn ist nicht für Philosophie gemacht, und nicht für Sinnfindung.

Vielleicht ist das der tiefere Grund, daß all die Ergebnisse dieser vielfachen Interpretationen irgendwann, wenn einem die Stunde schlägt, einfach weggeworfen werden. Schon hundert Milliarden mal.

Wir lassen alle Toten, die wir finden, ruhen. Schließlich müssen wir auch darauf achten, daß das steigende Wasser uns selbst nicht einschließt. Gerade, daß wir uns um die wenigen Lebenden kümmern können.

In einer anderen Wohnung, die zwar abgeschlossen war, aber von innen, und deren Tür durch eine Verwerfung der Stadt an dieser Stelle aufgesprungen war, finden wir einen deutlich übergewichtigen Mann in mittleren Jahren am Boden liegend, in verdreckter Unterwäsche und einem See von Scheiße, blau im Gesicht und nach Luft schnappend. Als wir ihn schütteln, faßt er sich nur an die Herzgegend. Er kann nicht klar reden. Koronarinfarkt? Gefäßkrampf vor Schreck, als die Dunkelheit kam? Wie dem auch sei, wir haben nicht die Mittel, einen so schweren Mann zu schleppen, selbst, wenn er es überleben würde. Es entspannt sich ein kurzer Streit unter meinen Helfern - ihnen geht die Atmosphäre der gestorbenen Stadt auch auf die Nerven. Ich versuche mehrfach, den Mann anzusprechen, aber er bringt immer noch keine kohärenten Worte hervor, auch wenn es den Eindruck macht, daß er etwas sagen will.

Wir verlassen den Raum, nachdem ich dem Mann noch einmal gesagt habe, daß wir mit einer Trage wiederkommen, und nachdem wir ihn in das Bett im Nebenzimmer gelegt und zugedeckt haben. Dann lassen wir ihn in der Finsternis zurück.

Das eine Ende dieses Flurs ist naß. Der Wasserspiegel hat diese Ebene erreicht. Wir müssen uns weiter zurückziehen. Ob der Mann gemerkt hat, daß wir ihn anlügen? Daß das Wasser ihn eher erreichen wird als wir mit einer Trage? Ich wünsche mir, daß er stirbt. Noch mehr wünsche ich mir, daß uns nicht noch mehr Fälle dieser Art begegnen.

An anderer Stelle dringt das ferne, schwache aber verzweifelte Pochen von Eingeschlossenen zu uns. Kein Gedanke, festzustellen, wo es genau herkommt. Nicht einmal die Richtung ist klar. Ich sehe die anderen an: Alle hören es, denn alle lauschen, und alle möchten es nicht hören.

Wieviele haben denn noch gemeint, aus welchen Gründen auch immer, die Evakuierungsaufforderung zu ignorieren? Was haben wir falsch gemacht, daß es so viele werden konnten? Wieviele Interpretationen der Welt erfahren jetzt ihre letzte, schreckliche Vollendung, bevor sie für immer verschwinden?

Am Nachmittag geben wir die Expeditionen in das Innere der Stadt auf. Es gibt auch andere Gruppen, die dasselbe tun, und einige, höre ich, arbeiten noch weiter. Wir müssen aber sehen, daß wir uns an Land einrichten. Und da ist ja auch noch das Problem mit diesen Raketenschützen.



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