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24. Kapitel



        24.     Zweiter Versuch

14 Uhr, 26 Stunden und 936 Kilometer bis St. Peter.

Die ersten Meßergebnisse über die Untiefen vor der Sandbank vor St. Peter kommen herein, und wir können schon ungefähr bestimmen, wie der endgültige Anlauf auf den Strand aussehen wird.

Die Übertragung aus der Maschine von Limbert, Mayoma und Ugawe ist aber interessanter. Limbert ist Pilot. Pamela Ugawe kenne ich vom Sehen - die rassigste Afrikanerin, die ich je gesehen habe. Sie muß Männer verrückt machen - oder auch nicht. Schönheit in dieser Vollendung nimmt einem, unabhängig von der eigenen Geschlechtszugehörigkeit, den Atem. Es ist keine sexuelle Attraktion, sondern ein Erschlagenwerden von Ästhetik. Man kann sich kaum vorstellen, daß diese Frau auf demselben Boden schreitet, auf dem andere pinkeln und Kronkorken wegschmeißen. Wenn man der Floskel 'so schön, daß es weh tut', einen konkreten Sinn unterstellen möchte - hier hätte man ihn. Vielleicht, weil soviel Perfektion letzten Endes doch sinnlos oder unwirklich ist, oder vielleicht sogar nicht von dieser Welt. Heißt es nicht 'Beautiness is only in the eye of the beholder'? Dann wäre jedes Wort, daß man darüber verlieren kann, doch nur eine Aussage über sich selbst und damit banal.

Und doch sind sich alle einig über Pamela Ugawe. Ich möchte nicht, daß ihr etwas passiert. Aber die Maschine war schon in der Luft, als ich die Namen der Besatzungsmitglieder erfuhr. Wenn ich genauer hingesehen hätte, dann wäre Pamela mir aber auch schon auf den Übertragungen von der Sandbank aufgefallen. Letzten Endes ist es auch egal. Sie tut ihre Arbeit wie jeder andere Stadttechniker auch, und ich darf niemanden aus irgendwelchen unsachlichen und vielleicht oberflächlichen Gründen bevorzugen oder benachteiligen, sondern ich habe Gerechtigkeit gegenüber jedermann zu üben. So ähnlich steht es in dem Diensteid des Stadtkommandanten, den abzulegen die Ereignisse mir noch nicht die Zeit gelassen haben.

Ich frage Paul, ob er Pamela Ugawe kennt. Er kann den Namen nicht zuordnen, aber er weiß sofort, von wem die Rede ist, als ich sie beschreibe. Er hatte mit ihr noch nie direkt zu tun. Sie arbeitet hauptsächlich als Touristenführerin, wenn Touristengruppen das afrikanische Festland besuchen wollen. Paul äußert sich aber nicht darüber, wie sie auf ihn wirkt, und ich vermute, daß er es auch dann nicht tun wird, wenn ich ihn frage. Männer sind in diesem Punkt manchmal komisch.

Das Flugzeug nähert sich der Stelle, wo Schöttkes Sendung aufhörte. Im ersten Durchgang sind sie auf siebenhundert Meter angestiegen. Mayoma und Ugawe bedienen jeder eine Kamera, und jeder der drei soll unabhängig kommentieren, was er oder sie sieht.

Wir beobachten die beiden Bildschirme. Unten, in der Leitwarte, tun sie das gleiche, soweit sie nichts anderes zu tun haben, und das Bild wird auch immer noch stadtweit in das TV-Netz eingespeist. Mir wird bewußt, daß so ziemlich alles, was das Stadtfernsehen überträgt, auch zu den Außenwelten gesendet wird. Ob das richtig ist? Ich weiß es nicht. Wir haben nichts zu verheimlichen.

Krüppelwälder, versumpfte Seen. Wie beim ersten Male. Es sieht sehr unwegsam aus. Wenn die Stadt erst vor der Küste von St. Peter auf Grund liegt, dann wird wohl jeder Quadratmeter über kurz oder lang von Menschen betreten werden. Jemand oder etwas, das sich da verbergen wollte, hätte kaum Chancen, dieses bei dieser Invasion von über einer Million Augenpaaren zu tun.

Aber Unsinn. Was sollte sich da verbergen. Es muß eine natürliche Erklärung für Schöttkes Absturz geben. Wir werden sie finden. Erst werden wir das Wrack des Flugzeuges auf den Luftaufnahmen analysieren, später werden wir es uns unten direkt ansehen.

Wir finden das Wrack nicht. Weitere Funkanrufe bleiben unbeantwortet. Und das sukzessiv tiefere Überfliegen des fraglichen Geländes bringt auch nichts. Wir müssen auch an den Treibstoffvorrat des Flugzeuges denken.

Ich frage Paul, was er davon hält, weitere Flugzeuge von der Stadt aus in Richtung St. Peter zu schicken.

"Verstärkung, was?" Er schüttelt den Kopf. "Nur soweit wir sonst etwas da zu tun haben. Wenn du an eine Bedrohung denkst, dann sind mehr Flugzeuge kein Schutz. Schließlich haben wir keine Waffen."

"Moment mal," sage ich, "mir fällt etwas ein. Die Führer der Landexkusionen, die ein Gebiet betreten, das stark von Raubtieren bewohnt ist, müssen sich und die ihnen anvertrauten Touristen doch irgendwie schützen?"

"Eigentlich schon. Aber das werden höchstens Schußwaffen sein, vielleicht Betäubungsspritzen oder etwas ähnliches."

"Die Ugawe müßte es wissen. Die macht ja sowas."

Sofort hänge ich mich an die Funkstation und frage nach. Ich erfahre, daß die Exkursionsleiter zwar die Möglichkeit haben, sich Waffen zu besorgen. Meistens jedoch wird durch sorgfältige Vorexploration des Geländes sichergestellt, daß zur Zeit der Touristenführungen keine Raubtiere in der Gegend sind. Wenn das nicht geht, werden spezielle Psychodrogen verwendet, die aber für jede Tierart speziell zugeschnitten sind - Produkte unserer genetischen Industrie. Sie gibt mir noch die Namen und die Adressen von Leuten, die ich näher befragen kann. Außerdem fragt sie mich, warum ich mich in Sachen Schußwaffen nicht an unsere Polizei wende. Gute Idee. Um sie nicht zu beleidigen, behalte ich meine Zweifel für mich: Wer Lasergeschütze verwendet, den kann man vielleicht mit Gummiknüppeln oder Polizeipistolen nicht besonders beeindrucken.

Zwischendurch fällt mir ein, daß die Erde ja eigentlich dauernd von zahllosen Satelliten inspiziert wird. Ich trage der Leitwarte auf, herauszukriegen, wer diese Satelliten in technischer und betrieblicher Obhut hat und deren Daten normalerweise auswertet - wahrscheinlich irgendeine Abteilung der WBK. Die Leitwarte soll sich mit denen in Verbindung setzen und herauskriegen, ob aus der Umlaufbahn irgendetwas zum Zeitpunkt des Verschwindens von Schöttkes Flugzeug beobachtet wurde. Und ob dort, in der Gegend, schon vorher irgendwelche Auffälligkeiten zu sehen waren.

Irgendwie habe ich aber das Gefühl, daß wir von daher keine weiteren Informationen bekommen werden. Sonst hätte man uns doch sicher schon mit diesen versorgt. - Oder die WBK enthält uns etwas vor. Aber das ist doch zu weit hergeholt.

Jedenfalls ist es wohl besser, sich auf das zu verlassen, was uns die Flugzeuge an Informationen liefern.

Die ganze Zeit, während wir uns unterhalten, überstreifen Mayoma und Ugawe mit ihren Kameras den Boden in immer weiteren Kreisen. Sie finden nichts. Und hier, in der Stadt, fällt niemandem etwas außergewöhnliches auf. Ich bin sicher, daß hier in der Stadt und draußen in den Außenwelten unsere Sendungen millionenfach aufgezeichnet werden, und Zehntausende von Hobbydetektiven jedes gesendete Einzelbild durchsehen werden. Wenn es irgendetwas gibt, dann findet diese Information ihren Weg schon zu uns.

"Ein Kaffee wäre jetzt recht," sagt Paul, "die beiden sollten wohl zurückkommen. Sie finden nichts mehr."

Und wenn Schöttke nicht abgestürzt ist, überlege ich? Wenn er auch zu denen gehörte, die sich eine Existenz in der Wildnis aufbauen wollen? Ein getürkter Senderausfall, und während wir hier noch diskutieren, fliegt er schon längst Hunderte von Kilometern landeinwärts, auf der Suche nach einem Platz, um sich dort niederzulassen.

Aber nein, das kann nicht sein. Die Überwachung des Ökoparks Erde von Orbitalstationen und Satelliten würde das sofort entdecken - das wäre nämlich nicht weiter schwierig. Sie hätten schon nachgefragt, wenn sie ein Flugzeug verfolgen, von dem wir in unseren Übertragungen behaupten, es sei verschütt gegangen. Außerdem glaube ich nicht, daß Schöttke so einen Zirkus versucht hat. Er weiß doch, wie genau die Erde überwacht wird. Jeder weiß das.

Also: Die Maschine ist runtergekommen, irgendwie. Aber vielleicht hat sie vor dem Absturz eine größere Strecke zurückgelegt als wir denken - die ganze Eiderstädter Halbinsel kommt ja in Frage. Und das Hinterland. Man müßte intensiver suchen - aber den Aufwand kann ich nicht verantworten.

"Hat es nicht Überlegungen gegeben, Vorzeittiere genetisch zu klonen und auf der Erde wieder heimisch zu machen?" frage ich, "Weißt du, ob das gelungen ist?"

"Es ist gelungen." sagt Paul, "Aber die wirst du auf der Erde nicht finden - nur draußen, in den Zoos. Man hat sich dahingehend geeinigt, auf der Erde nur die zeitgenössischen oder höchstens die in historischer Zeit ausgestorbenen Tiere wieder heimisch zu machen. Alles andere würde die Ökosphäre und das Artengleichgewicht zu sehr durcheinander bringen."

"Und was ist 'in historischer Zeit ausgestorben?'"

"Wisente. Auerochs. Büffel in den ehemaligen USA. Mammut nicht mehr. Kein Säbelzahntiger. Und kein Tyrannosaurus-Rex!"

"Naja," sage ich, "wenigstens keine Komplikationen von daher!"

"Kreuzottern, Sandvipern, Bären und Wölfe gibt es in Mitteleuropa aber schon!" weist Paul mich auf die Fakten hin. Er und Michelson schenken sich Kaffee ein. "Mit oder ohne Milch?" fragt Paul mich.

"Besser überhaupt keinen. Ich möchte heute Nacht noch einmal ein paar Stunden schlafen." sage ich.

"Meinst du, du wirst Schlaf finden?" fragt Paul.

"Das werde ich. Allmählich gewöhnt man sich an den Zustand, dauernd unlösbare Probleme ..."

Ein dreistimmiger, gellender Schrei kommt aus der Richtung der Bildschirmzeile. Als wir hinsehen, bemerken wir, daß die zwei Bilder, die aus Limberts Maschine übertragen werden, wild rotieren. Es ist überhaupt nichts zu erkennen, außer vielleicht, daß in kurzer Folge Himmel und Wald durch das Bild schießen.

Der mehrstimmige Schrei wird von einem Prasseln begleitet, und das Motorgeräusch hört sich unrund an. Dann sind da intensive Lichtblitze auf beiden Schirmen. Und dann ist Stille. Beide Bildschirme sind von einem Moment zum anderen dunkel, bis auf die Rechnermeldung über das fehlende Signal.

"Also doch." sage ich. Paul sagt gar nichts. Wenige Sekunden darauf meldet sich der Pilot des anderen Landflugzeuges, das noch auf der Sandbank steht. Diesmal haben sie zwei intensive Lichtblitze wahrgenommen, kurz nacheinander, aus der Richtung, wo Limberts Flugzeug zu vermuten war.

Dagobert Limbert, Micha Mayoma und Pamela Ugawe. Ohne weitere Informationen zu haben bin ich sofort sicher, daß sie jetzt tot sind. Sie könnten noch leben, wenn ich nicht so neugierig gewesen wäre. Oder wenn ich geschickter vorgegangen wäre.



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