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12. Kapitel



        12.     Nordkurve

Seit Freitag Morgen vier Uhr sind nun 68 Stunden vergangen. Es ist Mitternacht, und der Tiefgang der Stadt hat auf 30.45 Meter zugenommen. Die Stadt hält sich an ihren Fahrplan. Zwar ist die Stadtkante überall dort, wo sie senkrecht aus dem Wasser ragt, mit 9.55 Meter immer noch beeindruckend hoch. Doch die durch den Orkan aufgepeitschten Wogen sind manchmal noch höher und werfen eine Menge Wasser auf den Stadtrand, das dann wieder träge durch die Speigatten abläuft. Unsere schöne Vegetationsbedeckung, auf die wir so stolz sind, unsere 125 Quadratkilometer Stadtwald ist an den Rändern der Stadt ganz schön demoliert. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches - die Stadtgärtner haben immer viel zu tun, wenn die Stadt aus den höheren Breiten wieder nach Süden fährt. Die Vegetationsschäden werden aber noch schlimmer werden, bei zunehmendem Tiefgang der Stadt.

Wir hätten diesen geographischen Ort, am 77. Breitengrad, fast auf der Breite von Spitzbergen, im Prinzip schneller erreichen können. Aber Paul hat mir geraten, einen Schlängelkurs zu fahren, und Cammaroto hat zugestimmt. Der Grund ist, daß das Befahren einer Kurve mit der Stadt ganz ordentliche Anforderungen an die Steuerung der einzelnen Vortriebsmaschinen stellt. Zwar funktioniert der Lastausgleich der Vortriebsmaschinen, soweit die Lastwechsel durch Meeresströmungen, die unter verschiedenen Teilen der Stadt verschieden stark durchgreifen, verursacht sind, hundertprozentig. Die Meßwertaufnehmer für die Verformung der Stadt hätten längst etwas anderes gemeldet, wenn da einer ungünstigen Tendenz nicht sogleich gegengesteuert worden wäre. Aber eine Rotation der Stadt um eine vertikale Achse - und nichts anderes ist das Befahren einer Kurve - bedeuteten noch wesentlich größere Unterschiede in der Relativgeschwindigkeit der Stadt gegenüber dem Wasser. Paul meint, man solle die Sache vorsichtig angehen und frühzeitig testen, auch wenn dieser Teil der Steuerung bisher keinerlei Probleme macht.

Die Kurvenfahrten auf dem bisherigen Weg waren problemlos. Jetzt jedoch, wo die Nordsee genau südlich von uns liegt, muß ich eine recht scharfe Kurve fahren. Scharfe Kurve heißt in Falle der Stadt ein Kurvenradius von vielen Dutzend Kilometern. Mit den bloßen Sinnen ist da überhaupt nichts zu merken, geschweige denn etwas von der Zentrifugalkraft. Die Auswirkungen auf die Stadt werden eben so sein, daß der vordere Teil der Stadt sehr stark nach rechts zur Fahrtrichtung driftet, und der hintere nach links. Nur die Instrumente können das nachweisen - Kreiselkompaß, magnetischer Kompaß und Trägheitsnavigation. Und nur der Computer kann uns die Position auf die Bildschirme bringen.

Diese verdammte Abhängigkeit vom Rechner. Ich habe schon überlegt, ob ich mich mal wieder in die Kunst der Navigation einarbeiten sollte. Da sind noch schwache Erinnerungen an die Ausbildungszeit. Der Umgang mit dem Sextanten und der Logarithmentafel - naja, letzteres muß ja wirklich nicht sein: Ein Taschenrechner wird sich immer auftreiben lassen, und Taschenrechner pflegen auch immer Navigationssoftware im Festspeicher zu haben, weil sonst die Hersteller nicht wüßten, womit sie diese vielen Gigabyte Festwertspeicher füllen sollten. Aber die Sache mit dem Sextanten ist schon schwieriger - hier im Turm habe ich jedenfalls keinen. Und wenn ich einen hätte, dann könnte ich bei diesem Wetter auch wenig damit anfangen. Den Horizont hat wohl kein Stadtbewohner in den letzten Wochen gesehen, und Sonne und Sterne auch nicht.

Vor einigen Minuten - kurz nach Mitternacht - habe ich mich an die Kontrollkonsole gesetzt und die Kurve eingeleitet. Dann bin ich aufgestanden und gehe seither ruhelos durch den Kontrollraum auf und ab. Ich muß mich wach halten.

Bis auf die mattleuchtenden Bildschirme und Instrumente habe ich alle Beleuchtungen abgeschaltet. In der Nacht von Freitag auf Samstag und in der darauffolgenden Nacht waren hier immer mehrere Leute. Jetzt bin ich allein, als ob sich die Aufregung gelegt hätte. Dabei rückt der Zeitpunkt der Entscheidung doch immer näher.

Ich habe wenig Schlaf bekommen. Ob es daran liegt, daß mir noch nichts definitives zur Rettung der Stadt eingefallen ist? Aber sonst ist auch niemandem etwas eingefallen. Die Fachleute machen ihre Arbeit, und mir scheint es, als ob der Zeitraum von knapp unter zwei Wochen für diese konzentrierte Arbeit gerade am motivierendsten ist. Die Gefahr ist nahe genug, um zur Eile anzuspornen, aber es ist auch Zeit genug, einige Dinge wirklich genau zu durchdenken und auszuprobieren. Nichtsdestoweniger - es gibt keine Ideen.

Draußen wird keinerlei Beleuchtungsaufwand getrieben - wir sind ja die einzigen auf allen Ozeanen dieser Welt und die einzigen Menschen auf diesem Planeten überhaupt. Wozu also die Umwelt mit Licht verseuchen? Der Stadtwald, der Ozean, alles liegt im Dunkel. Außer dem entferntesten Widerhall des Regens, des Windes und der anbrandenden Wogen höre ich nichts. Manchmal glaube ich, da draußen das Wasser fluoreszieren zu sehen. Aber um das definitiv festzustellen, läßt sogar die schwache Restbeleuchtung dieses Raumes keine genügende Dunkeladaption des Auges zu.

Irgendwie ist die ganze Sache immer noch unwirklich. Die starken Wände der Stadt halten das Wüten des Sturmes immer noch auf Distanz. Noch ganze zehn Tage werden sie das tun. Noch ganze zehn Tage lang wird es einen Riesenunterschied geben zwischen unserer Situation und etwa der Lage von jemandem, der bei diesem Wetter in das kalte Wasser da draußen gefallen ist. Er wäre so gut wie aus der Welt. Aber für uns ist das Toben der Elemente immer noch nicht bedrohlich genug. Abstrakt. Hängt von dem Grad der persönlichen Phantasie ab. Solange eine herannahende Katastrophe nicht ihre deutlicher sprechenden Botschafter vorausschickt - Hunger, Kälte, Erschöpfung, Verwundungen - solange ist sie noch zu unwirklich. So wie ein faszinierendes Gesellschaftsspiel. Es braucht nur eine geringe Bescheidenheit des Geistes, um solche herannahenden Katastrophen nicht mehr wahrzunehmen. Solche Leute findet man öfter - ich bin sicher, daß auch jetzt noch eine ganze Menge Stadtbewohner sich nicht die geringsten Sorgen machen. Manchmal ist Phantasie- und Intelligenzlosigkeit ein Segen. Ein Segen für das subjektive Wohlbefinden und die seelische Ausgeglichenheit. Dummheit und Ignoranz erzeugen Paradiese und das Gefühl der Geborgenheit. In dieser Welt gibt es aber keine wirkliche Geborgenheit.

Wahrscheinlich war das auch gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts so. Es gab damals genug Menschen, die schon völlig klar die Ökokriege vorausgesehen haben. Es gab Menschen, die die kommende Katastrophe realistisch ausmalen und begründen konnten. Einfache Überschlagsrechnungen konnten die Abfolge der Ereignisse jedem plausibel machen, der bereit war, seine Großhirnrinde in Betrieb zu nehmen und den Gedankengängen wenigstens probeweise einmal zu folgen.

So Anfang der Neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts lebten auf der ganzen Welt noch hunderte Millionen Menschen in Luxus. Und es gab Warner, die darauf hinwiesen, daß nur zwanzig Jahre später kein einziger den Lebensstandard mehr haben würde, den man in den Industrienationen gewöhnt war. Genauso kam es. Aber nirgends wurde etwas Konkretes getan. Ein paar Pfennig mehr Steuern auf fossile Kraftstoffe hier, ein bißchen Katalysator da und dort eine Entschwefelungsanlage. Rücknahmepflicht von Verpackungen für Einzelhändler. Grüner Punkt, Duales System und Entsorgungsentgelte. Das, meinte man, reiche aus. Um Wahlen zu gewinnen reichte es tatsächlich aus. Aber der Kampf um den Wohnraum Erde ging verloren.

Ich merke, daß ich zu sehr in Gedanken verfalle. Die Müdigkeit. Der Kopf stellt nur noch die notwendigsten Assoziationen her, oder produziert die Gedanken, die man ohnehin schon zu oft gedacht hat. Etwas Originelles kommt nicht und niemals aus einem übermüdeten Kopf. - Wenn ich da draußen gegen die Wogen kämpfen müßte, und um jede Sekunde Luftholens, dann würde mir meine Müdigkeit nicht so auffallen.

Joycelyn, sei still, sage ich mir. Sei froh, daß du diesen Luxus und diese relative Ruhe noch hast. Der Kontakt mit der Wirklichkeit weckt die Lebensgeister - aber das Wetter da draußen hieße, diesen Kontakt zu übertreiben. Es ist nicht deine Schuld, daß mit den vorbeifließenden Lebensjahren die Intensität des Erlebens abnimmt. Das ist der normale Vorgang des Alterns. Die immer umfangreichere Innenwelt steht der Außenwelt gegenüber, deren elementare Bedrohungen zu umgehen man immer besser gelernt hat. Dazu kommt noch die Alterung des limbischen Systems, so daß emotionelle Assoziationen zu Gedankeninhalten immer schwächer werden. Man ist nicht mehr zu Tode erschrocken, sondern nur noch beunruhigt. Man lacht nicht mehr laut heraus, sondern man ist amüsiert. Man läßt sich nicht mehr vom Schmerz über einen persönlichen Verlust überwältigen, sondern man ist betrübt und lediglich niedergeschlagen. Der Höhepunkt beim Liebesspiel ist nicht mehr das explosive Jubeln der Sinne, sondern nur noch angenehm. Alles wird flacher. - Nimm es so hin, Joycelyn, als Stärke: Heißt diese emotionale Distanziertheit nicht, daß man unbeeinflußter die notwendigen Überlegungen anstellen kann? Wärst du nicht, vor zwanzig Jahren, in derselben Situation ein aufgescheuchtes, verängstigtes Hühnchen gewesen?

Und die Extrapolation dieser Entwicklung? Würden dir, eines fernen Tages, in derselben Situation dein Leben und die Leben der 1.25 Millionen Stadtbewohner völlig egal sein? Das kann doch auch nicht erstrebenswert sein: Die Fähigkeit, völlig nüchtern über Wege der Rettung nachzudenken, aber das Fehlen jeglicher Motivation dazu. - Keine Angst. Eine gesunde Greisin, der alles am Leben egal war, hast du noch nicht gesehen. So weit muß es nicht kommen. Und soweit kann es eigentlich auch nicht kommen, weil die im Alter zunehmenden gesundheitlichen Störungen wieder immer deutlicher werdenden Botschafter unserer begrenzten körperlichen Möglichkeiten sind. Niemand entgeht dem.

Noch willst du leben, Joycelyn. Noch bist du hier, auf dieser Welt, und noch willst du dich bemerkbar machen. Du brauchst noch lange keine Angst zu haben, daß es dir egal wäre, wenn sich der Boden unter deinen Füßen plötzlich auftäte. Noch sind die Primärtriebe da. Noch wird das erzeugt, was Schopenhauer unter dem Willen verstanden hat.

Ich starre auf die Dialogbox, die mir die momentane Fahrtrichtung zeigt. Kurs 87.29 exakt. Während ich hinsehe springt die Anzeige auf 87.30. Als ich die Kurve einleitete, waren es 84.60 Grad.

Da schreit ein Klaxon auf. Alarm! Weitere Bildschirme leuchten auf, einer sagt 'Structural Overload', ein anderer zeigt endlose Tabellen. Unüberlegt: noch bevor man überhaupt feststellen kann, was die Zahlen bedeuten, sind sie schon wieder vom Bildschirm verschwunden. So stelle ich mir hilfreiche Software wirklich vor! Ich ärgere mich. Aber die Müdigkeit ist weg.

Die Visiophonverbindung zur Leitwarte steht sofort. Jemand, ein junger Mann, den ich nicht kenne, schaut mich verschlafen und entsetzt zugleich an:

"Was is'n los?"

"Weiß ich nicht," antworte ich, "Geben Sie mir sofort die Schichtleiterin ..."

Scheiße, denke ich. Das bin ich ja selber. Der junge Mann sieht mich an, als könne von mir Erleuchtung und Erklärung kommen. Ich haste zum Schalter, der das Alarmhorn wieder abstellt. Die warnenden Bildschirme bleiben. Der junge Mann auf dem Bildschirm blickt auf Anzeigen, die ich nicht erkennen kann.

"Da geht etwas kaputt ... Wassereinbruch?" Dann springt er auf: "Wassereinbruch, tatsächlich!"



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