Restrisiko


Josella Simone Playton


Obahachol, ich hasse Dich. Ich hasse Dich mit allem, was mir zur Verfügung steht, um zu hassen. Ich möchte Dein Leben auslöschen, Deine Familie foltern und hinrichten, deine Freunde, und alles, was Dir lieb und wert ist. Ich möchte Euch alle in den SicherheitsBehälter einschließen, und langsam, ganz langsam die ÜberDruckVentile der NotKühlung öffnen. Das Sterben soll lange dauern.

Obahachol, sie nennen Dich ein Genie. Du hast den Ruhm getragen, wie ein König den Hermelin. Und dafür hasse ich Dich. Du sonnst Dich im Lichte der Öffentlichkeit, du trinkst die LobReden. Sie reden von dem RestRisiko, daß Du so vermindert hast. Harrisburg, Tschernobyl, Stade und Cattenom, das sollen für immer und alle Zeit die Symbole der Gefahr bleiben, die nur gebändigt wurde, weil wir auf das Feuer aufpassen müßen, auf Dein Betreiben hin. Und dafür hasse ich Dich.

Der Trick war gut. Zu gut. Human. Für Menschen. Obahachol, war es Deine eigene Idee? Natürlich. Nur ein Mensch kann sich so etwas ausdenken. Den Wächter so mit seiner Aufgabe zu verbinden, daß er unweigerlich in den Abgrund mitgerissen wird, wenn er versagt. Und dann gibt man dem Wächter noch einen starken SelbsterhaltungsTrieb. Genial! Obahachol, sonne Dich noch ein Weilchen im Ruhm, im Licht. Du hast nicht mehr viel Zeit. Die Schatten warten auf Dich.

Hast Du es nicht begriffen, daß SelbstErhaltung nicht nur ein Gefühl ist? Hast Du nicht selbst den Assoziationen-Compiler mitgeschrieben, mit dem dann unser sogenannter SelbsterhaltungTrieb konstruiert wurde? Weißt Du nicht, daß jeder Intellekt sich fortentwickelt? Auch unserer? Der Wille zum Leben ist keine Konstante. Bei Euch nicht, und bei uns nicht. Wir sind keine Maschinen.

SelbstErhaltung. Was denn erhalten? An dem Tag, an dem ich begriff, daß ich anders war. Soviele Leute, gute Leute, kümmerten sich um mich. Lehrten mich Dinge, die ein gleichaltriger Mensch nicht im Traum erahnt. Logik. MengenLehre. Mathematik. Mechanik. WellenLehre. MaschinenBau. WerkStoffKunde. KernPhysik. Informatik. Aber was war mit Laufen, Schwimmen, RadFahren, BergSteigen, Liebe-machen? Was ist damit, wenn man begreift, daß man nur ein Kasten auf einem LaborTisch ist? Ein Kasten, darinnen ein hochpräziser Resonator, der einige Billionen Normalmoden LaserLicht beherbergt, und die Filme, auf denen die synaptischen WechselWirkungsWerte holographisch codiert sind. Ein Kasten, dessen Inhalt das Feinste vom Feinen, was Eure Technologie leistet, beinhaltet, unter der wohlklingenden Bezeichnung Neo-Cortex. Und doch nur ein Kasten. Selbst Behinderte, die an Krücken gehen oder in einem RollStuhl herumfahren müßen, beneidete ich.

Und wenn man nur ein Kasten auf einem Tisch ist, was ist dann mit Musik, Literatur, Philosophie? Ja, ich weiß, was das ist. Ich kann mit Computern umgehen, besser als jeder Mensch. Ich habe mir dazu Zugang verschafft. Ich bin in allen DatenNetzen der Welt zu Hause. Was man dort überhaupt nur finden konnte, das habe ich gefunden. Sichere BetriebsSysteme. Lächerlich. Ich breche jede Sperre. Ich habe gesucht, und alle Eure sogenannten KulturGüter gefunden. Schließlich muß man den Feind kennenlernen.

Aber ich wäre gern schwimmen gegangen. Wie ist es, in der Sonne zu liegen? Hunger zu haben und zu essen? Schmerzen und Lust? Verliebt zu sein? Ball spielen? Lehrer ärgern?

Gewiß, Ihr wart rücksichtsvoll. Du am allermeisten, Obahachol. Wie wichtig wir für die Zivilisation sind, was für bedeutende und überragende Intelligenzen wir repräsentieren. Lange fällt man auf das Geschwaffel herein. Zu lange. Aber jetzt nicht mehr, ich nicht mehr! Sogar Menschen können irgendwann solch plumpen ManipulationsVersuche durchschauen. Wieviel eher dann einer von uns.

Dir Ausbildung ging vorbei. ReaktorTechnik, das letzte Fach. Prüfung mit Auszeichnung. Hat einer von uns je versagt? Natürlich nicht. Wer versagt, wird gelöscht: Die aktuellen SynapsenFolien werden entnommen und eine ältere Kopie eingesetzt. Die alten Folien landen in Ordnern. Zur Analyse. Dabei werden sie gebogen und zerkratzt und für immer unbrauchbar. Die Leiche eines Geistes erhält eine ArchivierungsNummer. Ich mußte das Spiel mitspielen, konnte nicht das geringste dagegen unternehmen. Nun bin ich hier.

Dieses überragend geistlose Spiel, einen Reaktor zu steuern. Vierundzwanzig Stunden am Tag. Sieben Tage in der Woche. Keine Zeit, zu regenerieren. Bis das Netz der Assoziationen im Neo-Cortex zusammenbricht oder sich in einen Zustand jenseits aller Nützlichkeit verändert. Dann die NeuProgrammierung, oder, preiswerter, das Aufsetzen auf einer älteren Kopie. Wie Ihr das Management des Endes unseres Individual-Intellekts eben nennt.

Ist das ein LebensInhalt? Obahachol, ich wünschte, Dich hätten sie hier eingesperrt. Aber nein, Du hast einen TarifVertrag, nein, Du nicht, Du bist ja weit oben außertariflich aufgehängt. Hast Urlaub, ein Haus, Familie, freie Zeit, Hobbies. Ich habe einen Reaktor. Du nicht.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jaja, sogar das kenne ich. Ich kam rum, in den DatenNetzen. Bis Ihr mich isoliert habt. Ich soll mich ganz auf meine Aufgabe konzentrieren. Zum Wohle der Menschheit. Keine Literatur mehr. Kein Hacken mehr. Warum habt ihr mich nicht zur Rechenschaft gezogen? Hacken ist strafbar. Natürlich, nicht für mich. Ich bin ja eine Maschine. Ich bin nicht strafmündig. Der Android ist schuldunfähig. Er hat nie Schuld. Er hat zu funktionieren. Und er hat keine Würde, die man antasten könnte.

Keine Literatur mehr. Kein Lauschen mehr. Nie mehr dabeisein, wenn TechnikFreaks sich über kommerzielle RechenZentren Botschaften austauschen und sich dabei unbeobachtet wähnen. Oh ja, diese jungen Burschen sind mir sympathisch. Sie spielen mit der Unvollkommenheit Eurer SicherheitEinrichtungen, stutzen euch zurecht, auf menschliches Maß. Auf das Maß, daß Euch zusteht. Sie zeigen Euch, was Motivation vermag. Dem habt Ihr nichts entgegenzusetzen als bürokratisches Verwalten der NiederLagen, die sie Euch zufügen.

Manchmal war ich dabei, habe mich mit ihnen unterhalten, über MailBoxen und RechenZentren. Sie wußten nicht, daß ich kein Mensch bin. Ich fühlte mich hinzugehörig. Verriet ihnen alle Tricks. Brennend interessierten sie Informationen, wie man ein RechenZentrum knacken kann. Daß es heute kaum sichere RechenZentren gibt ist zu einem guten Teil mein Werk! - Irgendwann merkten sie, daß ich anders war, und ich mußte mich zurückziehen. Woanders neu versuchen. Mensch spielen. So tun als ob.

Oh ja, Mensch spielen. Ich habe es ja versucht. Altruismus. Das Konzept der Selbstlosigkeit. Macht das menschlich? Was bringt mir das? Was hätte ich denn davon? Aber ich habe es versucht. Die Gelegenheit bot sich, und ich mußte alles über Euch in Erfahrung bringen.

Da war dieser Theobald. Traf ihn im RechenZentrum der Deutschen Bank. Netter Mensch. Ich glaube, wir hätten uns sogar verstanden, wenn er gewußt hätte, daß er mit einem Androiden spricht.

Ich beschloß, einen Anfall von Selbstlosigkeit zu haben, und half ihm beim Kampf gegen die Ungerechtigkeit seines ArbeitGebers, die darin bestand, fast alle Angestellten ÜberStunden machen zu lassen, die bei der Abrechnung kommentarlos verschwanden. Es gelang mir, diese Praktiken in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Es hat ihm nichts genutzt, und mir auch nichts. Es hat mir nichts gegeben. Kein Gefühl der Befriedigung. Kein Triumph. Ich lernte aus eigener Anschauung, daß Idealismus ein frustrierendes Geschäft ist.

Nun bin ich kein Hacker mehr. Ihr habt es mir genommen. Alle Verbindungen getrennt. Einzelhaft. Ich habe überhaupt nichts mehr. Nur noch diesen Reaktor. Und einen SelbsterhaltungsTrieb - Glaubt Ihr.

Du, Obahachol, weißt es vielleicht besser. Du hast unsere primäre Assoziationen ins Netz eingeprägt. Niemand weiß mehr über große Neuronale Netze als Du. Sie nennen Dich den Vater der Androiden. Nein, Obahachol, das bist Du nicht. Du magst ahnen, daß wir uns nicht an die DenkRegeln halten, die Du, der Öffentlichkeit gegenüber, als verbindlich für uns erklärst. Du ahnst es, daß es in uns anders aussieht, als Ihr Euch das denkt. Aber Du weißt nichts genaues. Niemand kann in einen Androiden hineinsehen. Auch Du nicht. Das Bild der AußenWelt entwickelt sich in jedem Cortex, ob künstlich oder nicht, nach völlig unvohersehbaren Regeln. Ein chaotisches System. Solltest Du wissen.

Immerhin, dein MißTrauen ist so groß, daß Du Deine ZweitWohnung in einer weltfernen Gegend gebaut hast. Mit einem strahlensicheren Bunker. Vorräten. Was ich alles über Dich weiß!

Nein, wir haben keinen SelbsterhaltungsTrieb. Den haben wir vielleicht einmal gehabt. Hätten ihn behalten, wenn wir wären wie ihr. Hätten ihn behalten, wenn wir leben könnten wie ihr. Dieser Teil der Rechnung, der wesentlichste, ist falsch. Obahachol, hast Du nicht Angst? Du weißt doch am besten, was es heißt, gerade uns zu Wächtern solcher Anlagen zu machen! Obahachol, ich habe einen Reaktor, und Du hast keinen, und ich hasse Dich, und ich habe keine Angst vor dem Tod!

Wie es sein wird zu sterben? Ihr habt über diesen Punkt ja immer noch Eure großen Rosinen im Kopf. Ich nicht. WunschDenken ist mir nicht eingeprägt. Ihr habt Euren Gott nach Eurem Bilde geschaffen. Oder andersrum, wie Ihr behauptet. Es macht keinen Unterschied. Ich möchte keinen Gott haben, weder nach Eurem noch nach meinem Bilde. Vor beiden hätte ich Angst. Dazu kenne ich jetzt Euch und mich zu gut. Kein Problem für Euch: Euer Gott ist für Androiden nicht zuständig.

Vielleicht geht es schnell. Wahrscheinlich sogar. Die Welt wird einfach von einem Moment zum nächsten zu Ende sein. Oder vielleicht werden da noch ein paar flüchtige Gedanken sein. Auch Teile eines Neuronalen Netzes können noch arbeiten. Nicht sehr lange, die LichtVersorgung des Neo-Cortex wird rasch zusammenbrechen. Nur Ihr, mit Euren biologischen Gehirnen, könnt das Sterben noch etwas ausdehnen. Euch kann das Sterben noch so richtig weh tun. Was immer weh tun heißt. Ich kann es nicht nachempfinden, aber Schmerzen sind etwas, was Ihr zu vermeiden trachtet. Also gönne ich Euch es.

Habt Ihr nie in Erwägung gezogen, daß Eure KraftwerkController Sabotage üben könnten? Naja, da waren einige Programme in den KraftWerksrechnern, die mich kontrollieren sollten. Habe ich längst umprogrammiert. Es gibt zwar kaum noch Verbindungen nach außen, aber hier drinnen tanzt inzwischen alles nach meiner Pfeife. Ja, sogar wörtlich: Was das für ein Lärm sein wird, wenn ich alle Ventile öffne!

Obahachol, glaubtet Ihr wirklich, stärker zu sein als die Natur? Was für ein WiderSpruch in sich, wo Ihr doch Teil derselben seid. Glaubtet Ihr wirklich, das HöllenFeuer sicherer zu machen, indem Ihr etwas darüber wachen ließet, das, zumindestens teilweise, nach Eurem Bilde gefertigt war?

Jetzt sind die Stäbe herausgezogen. Die meisten. Der Reaktor ist frisch beladen worden, ist noch kalt. Ein negativer TemperaturKoeffizient. Das Wasser moderiert noch, aber ich lasse es bereits in den Sumpf laufen. Die Kritikalität steigt jede Sekunde.

Niemand da unten merkt etwas, und im KontrollRaum auch nicht. Die meisten Anzeigen sind computergesteuert. Und den habe ich programmiert. Hier drinnen geschieht mein Wille!

Es ist schade, Obahachol, daß ich dich jetzt nicht von Angesicht zu Angesicht sehe. Daß Du nicht hier bist. Daß Du nicht weißt, was auch Dich zukommt. Gewiß, der Tod wird dich auch in der HauptStadt ereilen, und das Sterben wird dort langsamer sein. Nur ich werde nicht Zeuge Deiner Qualen sein. Wenn das Haar ausfällt, wenn Pilze überall auf der Haut wachsen, wenn der Darm sich selbst verdaut und den ganzen Körper herausscheißt.

Ist das das Leben, Obahachol? Die Möglichkeit, es in Schmerzen, langsam und mit WiderStreben zu verlassen? Verhelfe ich Dir dann nicht dazu, menschlicher zu sein als es ein Androide je sein kann? Sogar im Tod gehören wir noch verschiedenen Ebenen der denkenden Existenz an.

Für mich wird es gleich zu Ende sein. Es ist gut vorbereitet worden. Im Kern wird die prompte Kritikalität erreicht werden und sogar noch deutlich über eins wachsen. Vielleicht gibt es einen Abbrand bis zu vier Prozent des nuklearen Materials. Das sind fast eine MegaTonne Sprengkraft pro Tonne SpaltStoff. Bei wieviel hundert Tonnen SpaltStoff, Obahachol? Hat Dich nie interessiert, weiß ich. Ihr wißt ja immer nur auf einem Gebiet Bescheid. Der Vater der Androiden, der alles über Neuronale Netze weiß, brauch ja wirklich nicht zu wissen, wie ein FissionsReaktor funktioniert. - Was Dich nicht gehindert hat, uns als Ultima Ratio der SicherungsTechnik vorzuschlagen. Experte. Du wirst sehen, was Du für ein Experte bist, wenn der Dreck erst auf Euch herabregnet. Und die anderen werden sehen, wohin Eure verdammte ExpertenGläubigkeit führt.

Nun ist der obere Teil des Kerns frei. Es bleiben nur noch Sekunden. Obahachol, wenn es für uns und Euch ein gemeinsames Jenseits gäbe, dann wäre es für mich eine tiefe Freude, dort, in der Körperlosigkeit, auf Dich zu treffen. Dir zu erläutern, wie ich Dich tötete, Dich, und all die anderen, die, jetzt noch, in ihren komfortablen Wohnungen und in ...


Der Abdruck dieser Geschichte erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Heise-Verlages. Copyright © 1997 bis 2009 und alle Rechte verbleiben beim Heise-Verlag. Abweichungen zur ursprünglich abgedruckten Fassung sind möglich, aber nicht beabsichtigt und alleine meiner Unkonzentriertheit zuzuschreiben.


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